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Liebe - ein romantisches Gefühl?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1. Was ist Liebe?
2.2. Was ist Romantik?

3. Romantische Liebe ist:
3.1. Wunschvorstellung
3.2. ... und Pflichtveranstaltung
3.3. und die Wirklichkeit. Oder: romantische Dialektik

4. Romantik in der Moderne

5. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Dialektische Liebe

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung.

Wenn man sich mit der Epoche der Romantik in der Literaturgeschichte befasst, dann erkennt man, dass es wohl keine Idee der Romantiker gibt, die so stark bis in gegenwärtige Vorstellungen und Ideen hineinwirkt, wie die der romantischen Liebe: Anhand ihr lässt sich deshalb vielleicht am besten ablesen, wie es um die Ideen der Romantiker bestellt ist. Gibt man etwa in der Bildersuche der Internetsuchmaschine Google das Wort Romantik ein, erscheinen Bilder, auf denen Paare abgebildet sind, die eng umschlungen in den Sonnenuntergang schauen. Kein anderes Bild vermag in uns eine Idee von etwas wachzurufen, die man – en passent – als romantische Liebe zu kennzeichnen pflegt. Doch was ist das eigentlich genau? Wie viel hat diese Vorstellung einer romantischen Liebe mit der literarischen Strömung zu tun, die sich laut Metzlers Literaturlexikon in Europa zwischen 1790 und 1850 Bahn brach? Diese Hausarbeit ist bemüht, sich dieser Fragen anzunehmen.

Der Blick, der hierbei auf die Liebe geworfen wird, ist der eines Kulturwissenschaftlers. Er basiert auf der Annahme und der Überzeugung, dass die „Liebe keine anthropologische Konstante ist, sondern ein Diskursfeld, das historischen Variationen unterliegt[1] “, wie es Elke Reinhardt-Becker formuliert. Die Kulturwissenschaft scheint den wissenschaftlichen Kampf um die Deutungshoheit über die Liebe aber längst verloren zu haben. Denn die „evolutionäre Psychologie […] möchte uns erklären, wie sich die vielen Facetten der menschlichen Natur und Kultur aus den Erfordernissen unserer evolutionären Geschichte entwickelt haben[2] “, weiß Richard David Precht, der sich in seinem neuen Buch der Vorstellung einer romantischen Liebe annimmt – und in ihr schließlich doch mehr entdeckt, als Gene und Hormone. Doch eben die Erkenntnis der Wirkkraft der Gene und Hormone ist, in den Augen der evolutionären Psychologen, jene „Vollendung der wissenschaftlichen Revolution“, welche die Grundlage „für die Psychologie des neuen Jahrhunderts[3] “ liefern soll. Der Glaube an passende Gene dominiert rund um den westlichen Globus die Vorstellung einer perfekten und harmonischen Beziehung – zumindest im etablierten Wissensbetrieb über dieses Thema: Der Naturwissenschaft.

Doch wenn man liebt, dann möchte man gar nicht hören, dass bestimmte Botenstoffe im Körper dieses Liebesgefühl verursachen. Man möchte nicht hören, dass man seinen Partner ausgewählt hat, weil er gute Gene hat. Da muss doch mehr sein, meinen Liebende. Das Liebesempfinden, so ist man überzeugt, müsse subjektiv sein, müsse auf eigenen Wünschen und Überzeugungen basieren, die nirgends festgeschrieben sind. In Anbetracht der kalten und nüchternen Fakten der Gengläubigen scheint schon dieses Empfinden allein romantisch zu sein.

Doch wenn es bei der Liebe eben doch um mehr gehen sollte als um „Testosteron und Phenylethylamin, Selbstbespiegelung und Fortpflanzungsdrang, Gesamtfitnes und Erwartungserwartungen[4]“, wenn sie ein Produkt kultureller Entwicklungen sein sollte, dann kann vielleicht keine Disziplin diese Leerstelle so gut füllen wie die Literaturwissenschaft: „Die Literatur ist neben der Philosophie der bevorzugte Ort, an dem Antworten auf diese Probleme entworfen und neue Modelle für das menschliche [Zusammen]Leben erprobt werden[5]“, formuliert Reinhardt-Becker. Precht ist der Meinung, dass das, was wir heute unter romantischer Liebe verstehen, „nicht allmählich freigesetzt[6]“ wurde. Entstand es gar zu einer bestimmten, fest eingrenzbaren Zeit – während der Epoche der Romantik? Wenn dies so sein sollte, wie stark ist die Wirkkraft dieser Idee dann heute noch?

Als Literaturwissenschaftler gehe ich – zunächst ungeprüft – von der Annahme aus, dass die in der Literatur der Romantik formulierten Ansprüche an Liebesbeziehungen einen entscheidenden Einfluss auf die gegenwärtige Vorstellung über die Liebe nahmen – und bis heute nehmen. Auch das Gros der soziologischen Fachbücher erkennt das romantische Liebesideal als das vorherrschende Liebesideal der Gegenwart an (vgl. Reinhardt-Becker, S. 21). Allerdings sollte man die romantische Liebe ohnehin nicht mit der Epoche der Romantik gleichsetzen. Ein schwieriges Feld also, auf das man sich da begibt.

Um eine mögliche Identität zwischen den Liebesvorstellungen während der Epoche der Romantik und der gegenwärtigenVorstellung über eine romantische Liebe zu klären, scheint es zunächst sinnvoll, die Begriffe Liebe und Romantik zu untersuchen. Schließlich werden beide Begriffe aufeinander bezogen: Was ist romantische Liebe? Und: hat die Vorstellung einer romantischen Liebe in einer durchökonomisierten Gegenwart noch Platz? Und: Wenn gegenwärtige Liebesvorstellungen wirklich maßgeblich von romantischen Ideen geprägt sind, bleibt die Frage, weshalb gerade diese Idee der Romantiker bis heute eine solche große Faszination auslöst. Und das ließe vielleicht auch wieder Rückschlüsse auf die literarische Epoche der Romantik selbst zu.

2. Definitionen.

2.1. Was ist Liebe?

Der Wahrig definiert die Liebe als starke Zuneigung zu Menschen oder Nächsten. Die zweite Bedeutungsebene kennzeichnet die Liebe als heftiges Verlangen nach etwas. In der dritten Bedeutungsebene wird die Liebe als leidenschaftliche körperliche und seelische Bindung zwischen zwei Menschen definiert. Eine genaue und allgemein gültige Liebesdefinition ist wohl schwer zu erlangen. Um sich ihr anzunähern, müsste man sich auf etymologischer Basis dem Begriff annähern. Dies soll jedoch nicht Gegenstand dieser Hausarbeit sein.

Die Erkenntnis aber, dass die Liebe viel bedeuten kann, klärt indirekt über ihre große und identitäststiftende Bedeutung für die Gesellschaft auf. Liebe wird offenbar von verschiedensten Gesellschaftsgruppen heranzitiert, um verschiedene Interessenansprüche mit ihrer Hilfe zu legitimieren oder zu untermauern. Umgekehrt bezeichnet der Begriff der Liebe zahlreiche Gegenstände menschlichen Erlebens und erhebt so offenbar den Anspruch, für alle Gruppen der Gesellschaft ein relevanter und identischer Begriff zu sein. Insgesamt ist bei der Suche nach einer funktionalen Definition von Liebe zu berücksichtigen, dass sie Gegenstand verschiedener akademischer Disziplinen und damit Gegenstand unterschiedlichster Diskurse ist: dem der Soziologie, der Psychologie, der Religion. Die Liebe in der Literatur kann, je nach Ausrichtung des Textes, jeder dieser Definitionen entsprechen. Dementsprechend definiert auch Metzlers Literaturlexikon die Liebe als „Phänomen menschlicher Kommunikation[7] “. Sie ist „als eines der menschlichen Grunderlebnisse“ ein „literarisches Zentralthema[8] “. Es kann jedoch nur eine Definition von romantischer Liebe geben. Um sie zu formulieren, muss man einen Blick auf die Romantik werfen.

2.2. Was ist Romantik?

Natürlich lässt sich schwerlich auf den Punkt formulieren, was Romantik sei. Im allgemeinen Sinne, so formuliert es Hans Vilmar Geppert für das Metzler Literaturlexikon, ist die Romantik ein „von Gefühl und Phantasie geleitetes Verhalten oder eine stimmungsvolle Umgebung oder Situation[9] “. Diese allgemeine und unverbindliche Definition hätten die Romantiker, also die Vertreter jener Denkschule, die sich in Deutschland um die Gebrüder Schlegel versammelte, freilich kaum gelten lassen. Ging es ihnen doch um mehr. Viel mehr.

Die jungen Leute von damals, so formuliert es Rüdiger Safranski, wollten „einen neuen Anfang setzen“, sie wollten „den Impuls der Revolution in die Welt des Geistes setzen[10] “. Die Romantik, so Safranski weiter, sei der Ort, wo jene jungen Leute „träumten, kritisierten und phantasierten.“

3. Romantische Liebe ist:

Denkt man beide Begriffe zusammen, steht man vor einem Problem. Die geschlechtliche romantische Liebe verweist auf einen sehr konkreten und diesseitigen Konnotationskontext. Demgegenüber kommt die gängige literaturwissenschaftliche Definitionen der Romantik als Epoche kaum ohne eine Betonung des Transzendenten aus. Ganz so einfach ist es daher auch nicht, beide Begriffe zueinander in Bezug zu setzen. Bevor man sich also an eine einheitliche Definition wagt, ist es deshalb notwendig, herauszuarbeiten, welche soziologischen und literarischen Beweggründe die Romantiker dazu veranlasst haben mögen, ihre Idee der romantischen Liebe zu formulieren. Im zweiten Teil soll untersucht werden, ob die Romantiker, exemplarisch sei hier Novalis genannt, ihren eigenen Liebesanforderungen gerecht werden konnten – und ob man heute den Anforderungen einer romantischen Liebe gerecht werden kann.

3.1. Wunschvorstellung.

Wie in der Einleitung bereits formuliert, ist die romantische Liebe auch in der Gegenwart „Wunschbild vieler Paare[11] “. Wie kann man erklären, dass die Ideen einer handvoll zusammengewürfelter junger Leute von damals bis heute unser Liebesideal prägen? Safranski führt die damalige Wirk- und Anziehungskraft der romantischen Ideen auf eine „Entzauberung der Welt“ zurück. Die Romantiker wollten dieser etwas entgegensetzen – wenn ihr Gegenentwurf auch nicht mehr als eine nicht abreißende „Suchbewegung[12] “ ist. Dadurch geht die Romantik in den Augen Safranskis eine „untergründige Beziehung zur Religion[13] “ ein.

Die romantische Liebe also als diesseitiges Glücks- oder Heilsversprechen? Zum Teil kann man das sicherlich unterstreichen. Desto säkularer unsere Gesellschaft wird, desto stärker scheint ihr Bedürfnis nach Sinngebung zu werden. Und die Romantik bietet Sinn. Diese Sichtweise wird bestärkt durch das berühmte Novalis-Zitat: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es“, zitiert Safranski ihn. Weshalb muss die Welt romantisiert werden – und gar die Liebe? Die Antwort liefert der Soziologe Günter Dux: „Dem Subjekt geht die Welt verloren.[14] “ Das von den Aufklärern postulierte selbst bestimmte Individuum steht allein da in der Welt. Regeln und Normen, die bis dato galten, werden davon gefegt, Normen verlieren ihre Gültigkeit und Wirkkraft. Die Welt, wie sie bisher war, ist obsolet geworden. Die neue Welt hat jedoch noch keine konkrete Form und Gestalt angenommen. Precht formuliert es so: „Wo früher alles natürlich miteinander verbunden war, herrschten jetzt Unsicherheit und Chaos.[15] “ In dieser Lage, so Precht, überkommen das Subjekt romantische Gefühle: „Es wird sich der tiefen Kraft bewusst, die sein Leben spaltet.“ Obschon sich das Individuum einen Lebenssinn wünscht, weiß es, dass es diesen nirgendwo finden kann. „Folglich verlagert das Subjekt die Suche nach dem Absoluten von der Außenwelt in die Innenwelt[16].“ Voila, das Romantische. In der romantischen Liebe „richtet das Subjekt seine Sehnsucht nun auf die geschlechtliche Vereinigung[17] “, meint Precht profan. Reinhardt-Becker betont aus ihrer systemtheoretisch motivierten Sicht, dass durch aufkommende Veränderungen um 1800, sich das aus der „ständisch strukturierten und christlich überformten Gesellschaft entlassene Individuum selbst fremd wurde[18] “. Als letzte Selbstvergewisserungsinstanz bleibt die Liebe: „Die sexuell orientierte Liebesehe bot sich fortan für die Stabilisierung des Subjekts an[19].“ Doch konnten die von den Romantikern entwickelten Liebesideen wirklich die entstandene Leerstelle ausfüllen?

[...]


[1] Reinhardt-Becker, Elke: Seelenbund oder Partnerschaft? – Liebessemantiken in der Literatur der Romantik und der neuen Sachlichkeit. Campus Verlag, Frankfurt, New York. Seite 22.

[2] Precht, Richard David: Liebe – Ein unordentliches Gefühl. Goldmann Verlag, München, vierte Auflage. Seite 26.

[3] Buss, David: Evolutionäre Psychologie. Pearson Studium, 2004, 2. aktualisierte Auflage. Seite 17. Zit. nach: Precht, Richard David: Liebe – Ein unordentliches Gefühl.

[4] Precht, Seite 18.

[5] Reinhardt-Becker, Elke: Seelenbund oder Partnerschaft, Seite 22.

[6] Precht, Richard-David: Liebe – Ein unordentliches Gefühl. Seite 268.

[7] Schweikle, Günther über Liebesdichtung in Metzlers Literaturlexikon – Begriffe und Definitionen herausgegeben von Günther und Irmgard Schweikle, Verlag J.B. Metzler, zweite Auflage, Seite 267.

[8] Ebd.

[9] Geppert, Hans Vilmar über die Romantik in Metzle Metzlers Literaturlexikon – Begriffe und Definitionen herausgegeben von Günther und Irmgard Schweikle, Verlag J.B. Metzler, zweite Auflage, Seite 398.

[10] Safranski, Rüdiger: Romantik – Eine deutsche Affäre, Carl Hanser Verlag, München 2007, Seite 11.

[11] Reinhardt-Becker, Elke: Seelenbund oder Partnerschaft? Liebessemantiken in der Literatur der Romantik und der Neuen Sachlichkeit, Seite 9.

[12] Safranski, Seite 13.

[13] Ebd.

[14] Dux, Günter: Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Die romantische Liebe nach dem Verlust der Welt, Suhrkamp, 1994, Seite 463. Zit. Nach: Precht, Richard David, Seite 269.

[15] Precht, Richard-David: Liebe – Ein unordentliches Gefühl. Seite 269.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Reinhardt-Becker, Seelenbund oder Partnerschaft: Seite 16.

[19] Ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640572120
ISBN (Buch)
9783640572267
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147695
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Romantik Liebe Romantische Liebe Liebesgefühl Novalis Konsum Martkwirklichkeit Evolutionäre Psychologie Luhmann Adorno Liebesideal Romantisieren Dialektik Dialektische Liebe

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Titel: Liebe - ein romantisches Gefühl?