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Repression während der argentinischen Militärdiktatur 1976-1983

Kampf gegen die Subversion

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Repression unter der Militärjunta

3 ‚Bedrohungsgrad’ vor der Diktatur
3.1 Die Zeit von 1973 bis 1976: 3 Phasen
3.2 Arbeiterunruhen
3.3 Brüche innerhalb des Peronismus
3.4 Guerillabewegungen
3.5 Paramilitärs
3.6 Prätorianismus

4 Guillermo O’Donnell: Ein Erklärungsversuch

5 weitere Gründe der Repression
5.1 Ideologie
5.2 Wirtschaft
5.3 psychologische Ursachen

6 Fazit

7 Bibliographie:

8 Internetquellen:

1 Einleitung

Die argentinische Militärdiktatur von 1976-1983, die durch den Putsch unter General Jorge Videla am 24. März 1976 eingeleitet wurde, gilt als die blutigste Phase in der argentinischen Geschichte. Brutale Repression, Entführungen, Folter und Morde waren an der Tagesordnung. Diese Arbeit wird der Frage nachgehen, wie es zu dieser neuen Qualität der Repression kommen konnte und worin die Gründe des unglaublichen Ausmaßes an Terror und Gewalt seitens des Staates liegen.

Zu dieser Frage liefert Guillermo O’Donnell[1] in Zusammenhang mit seinem Konzept des „bürokratisch-autoritären Staat“ einen interessanten und wichtigen Erklärungsansatz. Er geht davon aus, dass der Grad an Repression in Militärdiktaturen vom Grad an Chaos und Subversion vor dem Putsch abhängt. Seiner Ansicht nach bringt ein höherer ‚Bedrohungsgrad’ (O’Donnell 1978, 7) eine erhöhte Bereitschaft, systematische Repression anzuwenden, mit sich (O’Donnell 1978, 7). Es ist allerdings fraglich, ob allein das große Ausmaß an Guerillaaktivitäten, Arbeiterunruhen oder Gegenmaßnahmen paramilitärischer Einheiten, die vor 1976 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten, die brutale Repression während der Diktatur erklären kann. Die wichtigsten Guerillagruppen, die Montoneros und das Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP)[2], waren schon etwa Mitte 1977 nicht mehr handlungsfähig – die Repression jedoch dauerte an und erstreckte sich auf einen erstaunlich weiten Personenkreis.

Um prüfen zu können, inwiefern O’Donnells These, dass ein höherer Bedrohungsgrad vor dem Putsch die Bereitschaft zu systematischer Repression erhöht, das Ausmaß der Repression im Fall Argentinien 1976-1983 hinreichend erklären kann, werden in einem ersten Schritt die Struktur der bürokratisch-autoritären Militärdiktatur beschrieben und Beispiele für den Grad und die Natur der Repression gegeben, um eine Basis für die weitere Diskussion zu schaffen. Eine genaue Beschreibung der Zustände vor dem Militärputsch wird folgen, um den Bedrohungsgrad vor der Diktatur im Detail darzustellen. Im Anschluss wird erörtert, welche Aspekte des repressiven Systems mit O’Donnells These erklärt werden können und welche neuen Ansätze ergänzt werden müssen, um das gesamte Ausmaß des Staatsterrors erklären zu können Hierbei soll vor allem auf die ideologischen Grundlagen der Repression und das wirtschaftliche Programm der Militärdiktatur eingegangen werden. Das abschließende Fazit soll alle Aspekte, die zur schrecklichsten Phase der Repression der argentinischen Geschichte beitrugen, zusammenfassen und bewerten.

2 Repression unter der Militärjunta

Die im März 1976 eingerichtete Militärjunta unter Führung von General Videla ordnete kurz nach ihrer Machtergreifung die Acta für den nationalen Reorganisierungsprozess an, die sowohl die unmittelbaren Maßnahmen als auch Grundziele des sogenannten proceso de reorganización nacional enthielt. So wurden unter anderem der Nationale Kongress aufgelöst, die Mitglieder des Obersten Gerichtshofs ihres Amts enthoben sowie sämtliche Parteien und Gewerkschaften verboten (García Méndez 1985, 135). Als Grundziele der neuen Ordnung wurden vor allem die Herstellung der nationalen Sicherheit durch Ausrottung der Subversion und die wirtschaftliche Entwicklung genannt. Die neue Militärordnung war auch religiöser und nationalistischer Prägung, da sie „den Werten der christlichen Moral, der nationalen Tradition und der Würde, Argentinier zu sein...“ (García Méndez 1985, 136) Geltung verschaffen wollte. In diesen ersten offiziellen Äußerungen der Militärjunta war das Ausmaß der Repression der folgenden Jahre nur zu erahnen.

Allerdings gab es auch schon zu Beginn der Diktatur Stimmen wie die von General Luciano Benjamín Menéndez, der sagte: „Wir werden 50 000 Menschen töten müssen: 25 000 Subversive, 20 000 Sympathisanten, und wir werden 5 000 Fehler machen“ (Lewis 2002, 147). Die Schätzungen, wie viele Menschen unter den Militärs umgekommen sind, rangieren heute von 6000 (Organization of American States Human Rights Commission) bis 20 000 (Amnesty International). CONADEP, die argentinische Wahrheitskommission, spricht von 8 961 permanent Verschwundenen, schätzt aber, dass die wahre Zahl um Einiges höher liegen dürfte. Dass eher die höheren Zahlen der Wahrheit am nächsten liegen dürften zeigt das Geständnis des frühen Polizeichefs der Provinz Buenos Aires, General Ramón Camps. Er gibt zu, er selbst habe 5000 Menschen „verschwinden lassen“ (Lewis 2002, 147). Menschenrechtsgruppen glauben, dass die Mehrheit der Opfer unschuldig war, beziehungsweise dass ihr einziges Verbrechen darin bestand, fortschrittliche Gedanken zu äußern oder an einem Protest, der soziale Reformen forderte, teilzunehmen. Und wirklich ging die Militärjunta nicht nur gegen linksradikale Guerillas vor, sondern gegen alle Gruppen, in denen zu fortschrittliches Gedankengut vermutet werden konnte, wie zum Beispiel Studenten, Arbeiter, Journalisten und Professoren. Videla selbst sagte: „Un terrorista no es sólo el portador de una boma o una pistola, sino también el que difunde ideas contrarias a la civilización occidental y cristiana.“ (zitiert in Lynch et al. 2001, 288). Alle, die nicht die Werte, die das Regime christlich und westlich nannte, vertraten, wurden also als Terroristen betrachtet. So mussten zum Beispiel Schüler immer Ausweise bei sich tragen und Uniform tragen, sonst wurden sie von der Schule verwiesen. Lehrer mit linkem Gedankengut wurden entlassen, die Namen von Schülern oder Lehrern, die sich nicht konform genug verhielten, wurden der Polizei übermittelt (Lewis 2002, 148). Laut Zahlen des CONADEP-Reports waren die beiden größten Opfergruppen die Arbeiter mit 30,2% der Verschwundenen und die Studenten mit 21%. Immerhin 3.8% der Entführten waren Hausfrauen, 17,9% waren einfache Angestellte.[3] Dies zeigt, dass die repressiven Maßnahmen sich auf alle Gesellschaftsteile, Berufsgruppen und Geschlechter auswirkten und recht bald nach dem Militärputsch nicht mehr nur diejenigen, die mit gewaltsamen und revolutionären Mitteln die Staatsordnung umstoßen wollten, sondern alle Bürger des linken Spektrums zum Ziel des Terrors wurden. Sowohl Sozialisten und Kommunisten als auch linke Peronisten wurden gejagt, ob sie in terroristische Aktivitäten verwickelt waren oder nicht. Dies trug zu einem wichtigen Charakterzug der Repression zu dieser Zeit bei: ihre Willkürlichkeit. Anders als in Chile, wo sich der Terror auf bestimmte Gruppen beschränkte, die sich selbst in Gefahr wussten, musste in Argentinien praktisch jeder die repressiven Maßnahmen fürchten (Erro 1993, 121-122). Selbst die Verantwortlichen selbst sprachen von einem „schmutzigen Krieg“, den sie gegen die Subversion zu führen hätten.

Die Militärs ließen ihre politischen Gegner oder „Staatsfeinde“ verschwinden und brachten sie nicht offiziell um, um keine Rechenschaft für ihr Handeln ablegen zu müssen (Peralta-Ramos 1992, 70). Dies geschah in meist nächtlichen Entführungen durch sogenannte grupos de tarea. Diese Einsatztrupps bestanden aus zwischen sechs und 20 schwer bewaffneten Männern, die sehr unabhängig handeln konnten und niemandem gegenüber verantwortlich waren. Ihre Mitglieder waren zum Teil frühere Kämpfer der paramilitärischen AAA (Alianza Anticomunista Argentina) oder Kriminelle, die im Tausch gegen Nachsicht seitens des Staates mit den Sicherheitskräften zusammenarbeiteten. Armeeoffiziere ordneten zwar die Taktik des Verschwindenlassens an, machten sich aber nicht selbst die Hände schmutzig (Lewis 2002, 150). Die Tatsache, dass die einzelnen Zellen allein für das Finden, Entführen und Verschwindenlassen der Opfer verantwortlich waren und nicht einmal Listen über ihre Aktivitäten führen mussten, zeigt, wie skeptisch und ängstlich die Führung ihren sogenannten Feinden gegenüber war. Sie vertraute nicht einmal ihren eigenen Kräften und fürchtete deren Infiltrierung durch die Guerillas (Erro 1993, 121). Außerdem konnte durch diese dezentrale Organisation die Regierung jegliche Verantwortung für die Verletzung der Menschenrechte auf die kleineren Einheiten abwälzen (Lynch et al. 2001, 289).

Nachdem die Opfer und teilweise auch anwesende Freunde oder Familienmitglieder entführt worden waren, wurden sie in eines der geheimen Gefängnisse gebracht, auch pozos genannt. Nach Schätzungen von CONADEP gab es ungefähr 340 dieser Zentren, in denen die Entführten befragt und gefoltert wurden (Lewis 2002, 151). Zu den Foltermethoden gehörten Schläge mit Fäusten, Stiefeln oder sogar Metallstäben, Verbrennungen mit Zigaretten und das sogenannte „U-Boot“, bei dem das Opfer kopfüber ins Wasser getaucht wurde, bis es beinahe ertrank. Frauen wurden fast in jedem Fall vergewaltigt. Die gängigste Methode jedoch waren Elektroschocks an den empfindlichsten Körperteilen wie den Genitalien, den Brustwarzen und den Zähnen. Diese Technik wurde noch dadurch ergänzt, dass der Körper des Opfers angefeuchtet wurde oder die Gefolterten gezwungen wurden, eine Kette aus Elektroden zu schlucken. Dadurch wurde der Effekt drastisch verstärkt (siehe Lewis 2002, 152-153). Die Folter war so grausam, dass sie ein effektives Repressionsmittel war. Zum einen schaffte sie es, die Moral der Guerillamitglieder und ihrer Unterstützer zu brechen. Jeder Argentinier hatte Angst davor, auch nur entfernt mit „den Staatsfeinden“ in Verbindung gebracht zu werden. Außerdem wurden durch die Folter wertvolle Informationen über weitere Subversive gewonnen. So erzählte zum Beispiel Juan Carlos Scarpati, ein Mitglied der Montoneros, seinem Freund Juan Gasparini, der mit ihm inhaftiert war und überlebte, dass ungefähr 95% der Guerilleros alle Informationen preisgaben, die sie hatten (Lewis 2002, 155).

Die Gefangenen, die aus diesen Folterzentren nicht mehr entlassen wurden, wurden „verlegt“, d.h. getötet. Meist wurden die Gefolterten getötet, wenn die Folterer der Meinung waren, dass keine Informationen mehr aus ihnen herauszupressen seien. Durch die Ermordung der Gefangenen wurde internationaler Druck verhindert, denn die Gefolterten bekamen keine Chance, der Presse oder anderen Institutionen zu erzählen, was mit ihnen geschehen war (Lewis 2002, 157). Es gab verschiedene Arten, die Opfer zu töten. Anfangs wurden sie vor einem Massengrab erschossen, in das sie dann sofort fielen. In diesem Fall wurden sie als „auf der Flucht erschossen“ geführt. Als später immer mehr Gefangene getötet werden sollten, griffen die Militärs zur drastischsten Tötungsmethode: Die Inhaftierten wurden aus Flugzeugen über dem Atlantischen Ozean geworfen. Der frühere Marinekommandant Adolfo Francisco Scilingo schätzte 1995, dass zwischen 1500 und 2000 Menschen auf diese Weise umgebracht wurden (Lewis 2002, 158).

Um im Folgenden die Frage beantworten zu könne, ob dieses Ausmaß der Repression nur eine Antwort auf die starke Bedrohung durch subversive Kräfte war oder andere Faktoren im Spiel waren, muss der ‚Erfolg’ der Maßnahmen in der Bekämpfung der Guerillabewegungen untersucht werden. Die beiden wichtigsten Gruppen, die Montoneros und ERP hatten nach dem Fall Peróns 1955 schon Erfahrung mit dem Überleben in repressiven Phasen gemacht und sahen 1976 eine ähnliche Zeit auf sie zukommen. Gegen die neue und schreckliche Qualität des Terrors hatten sie aber auf lange Sicht keine Chance. Schon Ende 1976 hatten die Montoneros ungefähr 80% ihrer Kämpfer verloren, und obwohl sie angaben, 1977 mehr als 600 ‚Aktionen’ durchgeführt zu haben, waren nur fünf davon größere Aktionen und nur 35 Menschen wurden getötet. Ab Mitte 1977 gab es auch die Zeitschrift Evita Montonera nicht mehr. Viele wichtige Mitglieder der Organisation, wie Dardo Cabo oder Norma Arrostito, wurden ermordet, andere, wie Rodolfo Galimberti, flohen ins Exil (Lewis 2002, 159). Auch ERP musste schon früh schwere Verluste hinnehmen. Schon am 28. März 1976 stürmten bewaffnete Soldaten ein Treffen des Zentralkomitees der Organisation und töteten zwölf Guerilleros. Ungefähr Mitte 1977 war ERP nicht mehr handlungsfähig (Lewis 2002, 160). Nach diesen militärischen Erfolgen des Regimes konnte davon ausgegangen werden, dass die terroristischen Gruppen keine Gefahr mehr für die Souveränität des Staates darstellten und ihre Aktionen mehr als „desperate publicity stunts“ (Erro 1985, 122) verstanden werden mussten. Trotz dieses scheinbaren ‚Sieges’ hörten die repressiven Maßnahmen nicht auf. David G. Erro schreibt sogar, dass sie mit voller Kraft weitergingen und 1980 ein besonders blutiges Jahr war (Erro 1985, 122). Diese Auffassung wird nicht allgemein geteilt, aber auch im Fahrenheit-Report, der mehr als 2000 Verschwundene und das Datum ihres Verschwindens auflistet, finden sich viele Fälle in den Jahren 1978 und 1979 und vereinzelte Fälle im Jahr 1980.[4] Warum der Terror anhielt, obwohl die unmittelbare Gefahr allem Anschein nach beseitigt war, wird im Verlauf dieser Arbeit noch zu beantworten sein.

3 ‚Bedrohungsgrad’ vor der Diktatur

3.1 Die Zeit von 1973 bis 1976: 3 Phasen

Die drei Jahre, die der Militärdiktatur vorangingen, waren auch diejenigen, in denen sich die wirtschaftliche und soziale Situation und das Gefühl der Angst und Bedrohung innerhalb der Bevölkerung so zuspitzte, dass es 1976 zu einem derart repressiven System kommen konnte. Es lassen sich in diesem Zeitraum drei recht unterschiedliche Phasen unterscheiden: die nur vier Monate andauernde Präsidentschaft von Héctor J. Cámpora von den Wahlen am 11.3.1973 bis zum 13.7. 1973, die erneute Präsidentschaft von Juan C. Perón bis zu seinem Tod im Juli 1974 und schließlich die Präsidentschaft seiner Witwe Isabel Perón, die mit dem Putsch im März 1976 endete (vgl. García Méndez 1985, 125 ff.).

Die erste Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass es den radikalsten politischen Organisationen, v.a. Arbeitern und der peronistischen Jugend, gelang, wichtige Positionen in der Verwaltung zu übernehmen und großen Einfluss auf die Politik der neuen Regierung zu nehmen.[5] Unter Cámpora erfolgte eine Mobilisierung der Volksmassen, von den vorigen Regierungen erlassene repressive Gesetze wurden aufgehoben und viele lange aufgestaute soziale Forderungen wurden nun offen geäußert. Fast täglich kam es zu Aufständen der Arbeiter gegen ihre Gewerkschaftsführer und Brigaden der peronistischen Jugend besetzten öffentliche Gebäude (Lynch et al. 2001, 277). Dies beunruhigte natürlich die Spitzen der Gewerkschaften und Unternehmen, die um ihre Positionen innerhalb der peronistischen Bewegung fürchteten. Perón kehrte aus dem Exil zurück, um diesen Zuständen ein Ende zu bereiten und wurde mit 62% und den Stimmen vieler ehemaligen Gegner erneut zum Präsidenten gewählt.

Diese zweite Phase war bestimmt durch Peróns Versuch, ein ‚soziales Bündnis’ zwischen der CGE (Confederación General Económica) und der CGT (Confederación General del Trabajo), also zwischen den Vertretern von Kapital und Arbeitnehmern, zu schaffen. Um diesen Kompromiss schließen zu können, mussten die Gewerkschaften die politisch radikalisierten gewerkschaftlichen Kreise völlig verdrängen (García Méndez 1985, 127).

Da die gesellschaftlichen Grundlagen nicht mit den Unterzeichnern des sozialen Bündnisses übereinstimmten, war es keine Überraschung, dass es schließlich zusammenbrach. Am Anfang der dritten Phase, nach dem Tode Peróns, entfernte sich die CGE von den Wirtschaftsführern. Unter starkem Einfluss von José López Rega, dem Minister für Sozialwohlfahrt und neuen starken Mann des Regimes, schlug Isabel Perón einen Weg ein, der die Regierung zum Repräsentanten der Interessen der grundbesitzenden Oligarchie und des transnationalen Kapitals machte (García Méndez 1985, 130). Die Regierungspolitik hatte sich also in nur drei Jahren quasi um 180 Grad gewendet und die sozial schwachen Bevölkerungsschichten mussten mit ansehen, wie die Regierung, die sie gewählt hatten, nichts für sie tat und schließlich im Chaos unterging.

3.2 Arbeiterunruhen

Zwar hatte es schon unter Cámpora Streiks und Proteste der Arbeiter gegeben, doch die Situation verschlimmerte sich unter Perón. Nach der Unterzeichnung des „Pacto Social“ zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeber, spitzten sich die Konflikte in den Unternehmen zu. Es gab immer mehr Streit um Arbeitsbedingungen, Entlassungen usw.; die Arbeiter befanden sich in einem andauernden Zustand der Rebellion. Die durch zunehmende linke Strömungen beeinflusste Arbeiterbewegung empfand das soziale Bündnis als Verrat, da es nur den Unternehmern nütze (Lynch et al. 2001, 281). Die durch die Ölkrise, die auch Argentinien Ende 1973 traf, immer beunruhigender werdende Inflationsrate war der Regierung im Kampf gegen die unzufriedenen Arbeiter keine Hilfe. So lag die Inflation im Mai 1974 bei 74%, im Juni 1975 bei 100% und im März 1976 hatte sie unglaubliche 900% erreicht (Lewis 2002, 100). In den Monaten vor Peróns Tod erreichte der Arbeitskampf seinen Höhepunkt. So wurden zwischen März und Juni 1974 die meisten Streiks der gesamten Phase von 1973 bis 1976 registriert (Lynche et al. 2001, 281). Die Arbeiter rebellierten offen gegen die im Sozialpakt festgeschriebenen Lohnabkommen; sie forderten mehr und bekamen auch oft mehr. Die Wut der Arbeiter richtete sich auch gegen José Ber Gelbard, den Wirtschaftsminister. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, eine seiner eigenen Firmen für den Bau der staatlichen Aluminiumfabrik Aluar eingesetzt zu haben und auch bei Außenhandelsbeziehungen seine eigenen Firmen zu bevorzugen. Nach Peróns Tod war er nicht nur den Attacken durch die Arbeiter sondern auch Angriffen von Isabel Perón und López Rega ausgesetzt. Er trat im Oktober 1974 zurück. Mit ihm verlor das Wirtschaftsministerium an Bedeutung; in den folgenden 16 Monaten gab es fünf verschiedene Wirtschaftsminister (Lewis 2002, 101).

Die Monate nach Peróns Tod brachten eine weitere Verschlechterung der Lohnsituation. Im Dezember 1974 waren die Löhne aller Arbeiter geringer als im Mai 1972, also vor den Wahlen (Peralta-Ramos, 64). Folglich wurde unter Isabel Perón die Frustration der Arbeiter über unerfüllte Wahlversprechen immer größer und die Streiks begannen immer gewalttätiger zu werden. Es kam zur Besetzung von Fabriken, zeitlich unbegrenzten Streiks und sogar zu Geiselnahmen. Freie Wahlen innerhalb den Gewerkschaften wurden gefordert und der Konflikt mit der Führung der Gewerkschaften verschärfte sich. Diese hatte mittlerweile jegliche Kontrolle über die Handlungen der Arbeiter verloren. Die Proteste konzentrierten sich auf den Industriegürtel um Buenos Aires und die wichtigsten und mächtigsten Gewerkschaften, vor allem die Metall- und Automobilgewerkschaften. Somit spielten sich die Unruhen sozusagen direkt vor der Haustür der Gewerkschaftsführung ab (Peralta-Ramos 1992, 64). Am 24. Juni 1975 trat die Präsidentin vor eine Menge von hoffnungsvollen Arbeitern, die erwarteten, dass sie ihnen die Lohnerhöhungen, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitnehmern ausgehandelt worden waren, verkünden würde. Als sie diese stattdessen für nichtig erklärte und sagte, das Land erlebe eine wirtschaftliche ‚Stunde Null’, in der drastische Maßnahmen ergriffen werden müssen, hatte das einen sofortigen Stillstand jeglicher Arbeit in vielen Teilen des Landes zur Folge. Die Gewerkschaften mussten zwischen der Regierung, die auch sie enttäuscht hatte, und den Arbeitern entscheiden. Schließlich beugten sie sich den Tatsachen des Streiks und riefen für den 7. Juli einen 48-stündigen Generalstreik aus (Lynch et al. 2001, 285). An diesem 7. Juli fand auch eine Demonstration statt, bei die Arbeiter erfolgreich das bewachte Wirtschaftsministerium stürmten (Lewis 2002, 116). Nach diesem Schock gewann die Regierung in den verbleibenden acht Monaten bis zur Machtübernahme durch die Militärs ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr zurück. Eine ähnliche Streikwelle gab es erneut im März 1976, mit dem Unterschied, dass in diesem Fall die Militärs eingriffen und die Macht übernahmen (Lynch et al. 2001, 287).

[...]


[1] Guillermo gilt als der wichtigste argentinische Politikwissenschaftler. Nachdem er ursprünglich in Buenos Aires Jura studiert hatte und Rechtsanwalt war, ging er an die Yale University und erlangte dort den PhD in Political Science. Es folgte eine lange wissenschaftliche Karriere, die ihn unter anderem ans Helen Kellogg Institute for International Studies, nach São Paulo, Rio de Janeiro, Buenos Aires, Berkeley und Princeton führte. Von 1988 bis 1991 war er Präsident der ‚International Political Science Assosiation’ und im März 2003 verlieh im die ‚Latin American Studies Association’ den hochrangigen ‚Kalman Silvert Award’. O’Donnells zahlreiche Publikationen befassen sich hauptsächlich mit Authoritarismus und Demokratisierung in seinem Heimatland Argentinien und im gesamten lateinamerkanischen Raum.

[2] Details zu diesen Gruppen werden unter Punkt 3.3 gegeben.

[3] <http://www.nuncamas.org/investig/investig.htm>

[4] Die Liste, die viele von CONADEP ermittelte Fälle und zusätzlich recherchierte Fälle enthält, ist einzusehen unter:

<http://www.desaparecidos.org/GrupoF/des/noliberados.html>

[5] Diese Radikalisierung einiger Teile der Bevölkerung, besonders der Arbeiterklasse, war durch den offiziellen Antiperonismus der Jahre 1955 bis 1973 entstanden. Die Entperonisierungskampagne dieser Zeit ging mit äußerst undemokratischen und teilweise repressiven Mitteln vor, was soziale Spannungen hervor ruf und Ende der 60er Jahre zur Radikalisierung der Arbeiterklasse führte (Grewe, Mols 1994: S. 54.)

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638201223
ISBN (Buch)
9783638643658
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14816
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Repression Militärdiktatur

Autor

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Titel: Repression während der argentinischen Militärdiktatur 1976-1983