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Der Konstruktivismus und seine Bedeutung für die Beratung

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstruktivismus: Was ist das?
2.1. Kernthese des Konstruktivismus

3. Lerntheorie
3.1. Lernen in einer konstruktivistischen Pädagogik
3.2. Konstruktivistisches Lernen

4. Bezug zur Erwachsenenbildung und Beratung
4.1. Merkmale der konstruktivistischen Sichtweise
4.1.1. Sozialkonstruktivismus und sozial-kognitive Perspektive
4.1.2. Explizit konstruktivistische Perspektive

5. Zusammenfassung

6. Quellenangabe

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Wirklichkeit? „Des Kaisers neue Kleider“ ist eines der bekanntesten Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Es handelt von zwei Betrügern, die behaupten, dem Kaiser ein Kleid weben zu können, welches für ungebildete und unfähige Menschen unsichtbar bleibt. Von Grund auf begeistert, gibt der Herrscher das Kleidungsstück in Auftrag und hofft somit, untaugliche Staatsdiener erkennen zu können. Die wundersame Kraft des Kleides spricht sich herum und so wagt niemand – auch der Kaiser nicht – zuzugeben, dass sie alle nichts von der sonderbaren Kleidung sehen. Vielmehr bewundern die Leute den Kaiser mit dem kostbaren Gewand. Lediglich ein kleines Kind ruft plötzlich: “Aber er hat ja gar nichts an!“

Das Märchen regt in seiner phantasievollen Gestaltung zu mannigfaltigen Interpretationen an und lässt verschiedenste Deutungen zu. Es symbolisiert die Unbekümmertheit von Kindern, die Wahrheit auszusprechen, während sich Erwachsene keine Blöße geben wollen. „Des Kaisers neue Kleider“ stellt die Frage nach Sein und Schein, nach Wahrheit und Täuschung und nach Wirklichkeit und Illusion. Was sehen wir, wenn wir etwas sehen? – Dies ist nicht nur in Anbetracht des Märchens ein interessanter Aspekt, sondern stellt zudem einen zentralen Gegenstand im Konstruktivismus dar (vgl. Siebert 2005, S. 7).

Im Kontext der Präsentation im Seminar „Beratung als Arbeitsfeld in der Erwachsenen- und Weiterbildung“ wurde die Seminargruppe an dieser Stelle aktiv in die Thematik mit einbezogen. Das Plenum hatte die Aufgabe, die vorliegenden Abbildungen 1 und 2 zu interpretieren bzw. erste Eindrücke zu nennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Optische Täuschung

Abb. 2 Wahrnehmungsübung „Jesus“

Bild 1 stellt eine optische Täuschung dar, bei der nicht bestimmt werden kann, ob es sich bei der Ansicht auf die Plattform um eine Vogel- oder Froschperspektive handelt. Dies wurde bei der Übung von allen Teilnehmern bestätigt. Der Unterschied in der Betrachtungsweise lag lediglich in der Reihenfolge der wahrgenommenen Perspektiven. Für einen wirkungsvollen Effekt des zweiten Bildes bedarf es mehr Aufwand. Hierzu wurde die Seminargruppe angeleitet, den Blick für etwa 30 Sekunden auf die vier Punkte in der Mitte des Objektes zu lenken. Im Anschluss daran sollten die Augen fest geschlossen werden und im optimalen Fall war das Gesicht von Jesus mit einer weißen Umrandung zu sehen. Dies funktionierte nicht bei allen Teilnehmern und kann verschiedene Gründe haben. Diese zwei Übungen zeigen, wie selektiv unsere Wahrnehmung arbeitet und dass wir uns das konstruieren, was wir erwarten. Man spricht an dieser Stelle von einem so genannten Filter der Wahrnehmung. Die Verarbeitung der durch die Sinne aufgenommenen Informationen basiert auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen und des individuellen Weltwissens. Die Sinneswahrnehmung des Menschen bildet die Wirklichkeit folglich nicht ontologisch-objektiv ab, wie sie ist, sondern jedes Individuum konstruiert seine Wirklichkeit rein subjektiv.

2. Konstruktivismus - was ist das?

Mit dem Begriff Konstruktivismus wird seit ungefähr 1980 eine Denkrichtung bezeichnet, deren Grundlagen aus verschiedenen Fachgebieten zusammengetragen sind. Die folgende Abbildung 3 veranschaulicht Disziplinen, die konstruktivistische Merkmale aufweisen bzw. die zur Prägung des Terminus beigetragen haben und soll lediglich einen informativen Zweck erfüllen. bzw. erste Eindrücke zu nennen.

Abb. 3 Disziplinen

Wie aus der Abbildung 3 hervorgehen soll, werde ich mich in der vorliegenden Arbeit auf den Konstruktivismus im Kontext der Erziehungswissenschaft beziehen. Da es jedoch unumgänglich ist, in diesem Zusammenhang auch auf weitere Disziplinen zu sprechen zu kommen, werde ich zudem Bezüge zu anderen Fachbereichen herstellen.

Bei dem Begriff Konstruktivismus handelt es sich um eine Erkenntnistheorie mit einer langen erkenntniskritischen Tradition. Bereits der italienische Philosoph Giovanni Battista Vico (1668-1744), aber auch Immanuel Kant (1724-1804), Arthur Schopenhauer (1788-1860), Jean Piaget (1896-1980) und Weitere stießen bei dem Thema Erkenntnis auf das Problem des Verhältnisses zwischen den Objekten und dem erkennenden Subjekt. In der philosophischen Tradition bedeutete Erkennen und Wissen nichts anderes, als dass etwas wahr war, weil es objektiv war. Vico erklärte jedoch, Menschen könnten nur das wissen, was sie selbst gemacht hätten und beschrieb es mit den Worten: „Verum ipsum factum“ – das Wahre ist das Gemachte. Zudem bezweifelt auch der Erkenntnistheoretiker Jean Piaget ontologische (seiende) Wahrheiten und eine absolute Wirklichkeit; zumindest könne über diese Wirklichkeit nichts Verbindliches ausgesagt werden (vgl. Meier-Gantenbein/Späth 2006, S. 255f.). Dieser Aspekt kann mit Erkenntnissen in der Wissenschaft begründet werden. Sie werden ständig erneuert und spiegeln lediglich den momentanen Stand der menschlichen Entwicklung wider, müssen und können jedoch nicht einer endgültigen Angabe entsprechen.

Der Konstruktivismus brachte viele Befürworter hervor. Dies führte u.a. zur Weiterentwicklung des Terminus zum radikalen Konstruktivismus. Diese Verschärfung der Sichtweise „bezog sich vor allem auf die Frage, wie Wissen entsteht und in welcher Beziehung es zur Welt steht“ (Gerstenmaier 2004, S. 677). Die Anwendung von Wissen ist nicht mehr Hauptgegenstand der Untersuchung, sondern vielmehr bildet das Verhältnis von Wissen und Erkenntnis zu Wahrheit und Objektivität den Mittelpunkt der Betrachtung.

Zu den Begründern und Hauptvertretern des radikalen Konstruktivismus zählt neben Heinz von Foerster auch Ernst von Glasersfeld. Letzterer behauptet in seinem Buch „Radikaler Konstruktivismus“ (1996), dass wir die Wirklichkeit niemals als das erkennen können, was sie sei. Wir können nur erkennen, was sie nicht sei. „Was ist Radikaler Konstruktivismus? Einfach ausgedrückt handelt es sich da um eine unkonventionelle Weise die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten. Der Radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben.“ (Glasersfeld 1996, S. 22). Beim radikalen Konstruktivismus der Gegenwart geht es um die Grundfragen der Erkenntnistheorie: Was können wir wissen, bzw. wie können wir wissen? Die prinzipielle Antwort lautet: es gibt keine Möglichkeit, die Welt an sich zu erkennen, denn das erkennende Wesen kann die Übereinstimmung zwischen Abbild und Wirklichkeit nie überprüfen (vgl. Meier-Gantenbein/Späth 2006, S. 256).

Der radikale Konstruktivismus beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen erkennendem Subjekt und den erkannten Objekten. Erkennen ist kein objektiver Prozess. Konstruktivistisch betrachtet, begreift der Mensch das, was er aufgrund seiner derzeitigen Verfassung sehen möchte. Wer die Küche mit Hunger im Bauch betritt, sieht Nahrungsmittel schneller, als das Küchenradio. Wer angstvoll in einem dunklen Wald unterwegs ist, hört andere Geräusche und weist ihnen eine andere Bedeutung zu, als jemand, der ihn furchtlos durchschreitet (vgl. Meier-Gantenbein/Späth 2006, S. 258).

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Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640581641
ISBN (Buch)
9783640581023
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148161
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Konstruktivismus Bedeutung Beratung

Autor

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Titel: Der Konstruktivismus und seine Bedeutung für die Beratung