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Körperscham und Ekel. Wesentlich menschliche Gefühle und ihre Schutzfunktion

Doktorarbeit / Dissertation 2003 287 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

INHALT

Entschuldigungen (statt Vorwort)
Über Schwierigkeiten in der Rede und Analyse von Gefühlen
Über Schwierigkeiten im Wortgebrauch
Über Schwierigkeiten mit dem Mittelalter
Warum Sigmund Freud und Jean-Paul Sartre nebensächlich sind
Was mich an Freud freut: seine Verdrängung

Überblick

Körperscham und Ekel
Zwei Seiten einer Medaille
Distanzschaffende Manöver

SCHAM UND EKEL
1. Phänomenologische Betrachtungen
1.1 Wofür wir uns schämen
1.2 Was ist Scham?
Scham und der notwendige Blick des anderen
Scham - ohne den Blick des anderen
Innenperspektive und Außenperspektive
1.3 Peinlichkeit, Scham und Verlegenheit
Das Empfinden von Scham und Peinlichkeit als ein Gefühl
Das Empfinden von Peinlichkeitsgefühlen ohne Schamgefühle
Sich für jemanden schämen
Verlegenheit
2. Zur Entwicklung der Scham
2.1 Scham und Ich-Identität
2.2 Scham, Gewissen und Selbstreflexion
2.3 Entwicklung der Körperscham und des Ekels
Wovor sich Säuglinge und Kleinkinder ekeln
Wie Ekel und Scham erlernt werden
Innenleben und Außenleben
Scham und Identitätsfindung in der Pubertät
Scham im Alter, Ekel vor dem Alter, vor Krankheit und Verstümmelung.. 65 Kranke Körper
3. Gibt es Schamlosigkeit?
3.1 Ist Scham angeboren?
3.2 Die Kyniker, die Hunde! Und die Nudisten
3.3 Die Duerr-Elias-Debatte über den Zivilisationsprozess
Das Genital der alten Griechen
Badhäuser und Bettkisten
Heimlichkeiten und Hosenlätze
Postman, die Zivilisierung durch Gutenberg; und Daguerre
Die Kackstühle des Königs
Scheiß Schlösser! Beschissenes Bolivien!
Notizen zu Jean-Claude Bologne
3.4 Elias' Irrtum
3.5 Körperwahrnehmungen
3.6 Psychische Hosen
4. Unbeschämbarkeit
4.1 Schamlosigkeit, fehlender Ekel und Krankheit
Phineas P. Gage
4.2 Schamabwehr
Anti-Schamtraining
Schamentwöhnung durch Gewöhnung
5. Scham als wesentlich menschliches Gefühl

EKEL UND SCHAM
1. Kann man Ekelgefühle verlernen?
1.1 Die Nase ist angeboren
1.2 Philosophie und Nase
1.3 Ekelcodes
Warum wir Spinnen nicht verspeisen
Mumie als Medizin; und Menschenfresser
Parfum gegen Pestilenz
Moral, Müll und Muttersprache
WC, Wiederverwertung, Waschzwang und Wohlgeruch
2. Phänomenologische Betrachtungen
2.1 Wovor wir uns ekeln
2.2 Ekel auslösende Merkmale
Übersättigung
Körpereigene oder fremde Ekelstimuli
Riech-Weite
Die Art der Substanz, ihre Konsistenz und Farbe
Das Alter der Substanz oder der Grad der Verwesung
Der Anschein der Gesundheit oder Normalität der Substanz
Der Ort, an dem sich die Substanz befindet
Geräusche
Wahrnehmbarkeit
Konstruktion des theoretisch ekelerregendsten Stimulus
3. Totes, Sex und Leben
3.1 Leiche und Verwesung
3.2 Verwesung am lebendigen Leib
3.3 Mutterliebe, Intimität, Sexualität
Trotz Spucke und Rotz
Die Begegnung zweier Speichel
4. Ekel und Medizin
4.1 Sex und Medizin
4.2 Menschen abwehren - Distanzierungsmethoden des Mediziners
Gefühlsarbeit
Schutz vor direktem Körperkontakt
Flucht und Verleugnung
Vergegenständlichung des Patienten und Bürokratie
Standardisierung und Wiederholung
Hierarchien
Sprachen
Scherze, Schwarzer Humor
4.3 Sisyphusarbeit Sauberkeit
5. Gemischte Gefühle
5.1 Ekel und Gewalt
5.2 Ekel und Lust
Frust mit Freud
Lust auf Ekel?
ist interesse Lust?
6. FÜHLEN; UND GESUND PFLEGEN
6.1 Scham- und Ekelmanagement
6.2 Übungen für die Übelkeit. Stoizismus auf Station

DANK

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Entschuldigungen (statt Vorwort)

Über Schwierigkeiten in der Rede und Analyse von Gefühlen

Jede Studie über Ekel läuft nämlich Gefahr, ebenso viel über den Autor wie über seinen Gegenstand zu offenbaren.5

Jeder kennt wahrscheinlich Situationen, in denen er über Gefühle sprechen wollend an der Sprache scheitert und sich deshalb auch über seine Gefühle nicht klar werden kann. Spätestens dann merkt man, dass Wittgenstein, wenn er Sprache mit einem Käfig vergleicht, nicht so Unrecht hat. Das Sprechen über Gefühle überlässt man dann gerne den Dichtern. Man hat aber auch immer den Philosophen im Hinterkopf, der gesagt hat, dass Poeten Lügner sind. Auch wenn man - weil man modern denkt - nicht gerade sagen will, dass Poeten lügen, muss man dennoch zugeben, dass die Sprache der Dichter nicht unbedingt präzise ist und man oft höchstens erahnt, um was es geht - vor allem wenn Gedichte „gefühlvoll“ werden. Manchmal aber kann Dichtung Klarheit schaffen, wie es die Sprache der Wissenschaft nicht vermag und man sitzt dann gefangen im Käfig eines wissenschaftlichen Sprachspiels und muss Regeln brechen, um sich Klarheit durch Dichtung zu verschaffen. Kurz: Es ist sehr schwierig, über Gefühle nachzudenken und zu schreiben, weil sie - wie man sehen wird - nicht genau voneinander abgrenzbar sind, weil sie dadurch schwer beschreibbar werden, weil sie unter Umständen, wenn sie zusammen auftreten, als ein Gefühl wahrgenommen werden und weil man eben nur sich selbst als Beispiel hat und bei anderen nur vom Verhalten auf das Erleben schließen oder aber auf deren introspektive Berichte vertrauen kann, welche schon wieder die Sprache als Mittlerin brauchen.

Wissenschaft ist hier nur ein armseliges Kondensat, das den vollen Inhalt des Erlebens in dünne Begriffe überführt und dabei weder die Genauigkeit der inneren Pein von Scham trifft noch die metaphysische Unabgeschlossenheit, die diesem Gefühl des augenblicklichen Wertverlusts eigen ist.6

Und was das Gefühl des Ekels angeht, so ist es eng an Gerüche gebunden, für die wir ohnehin keine eigenen Begriffe haben. Wenn wir über Gerüche sprechen wollen, müssen wir Begriffe aus der Welt der anderen Sinne entlehnen, um erstere auch nur annähernd beschreiben zu können.

Für Gefühle gelten die üblichen Gesetze nicht: Hat man mehrere Gefühle gleichzeitig, können sie unter Umständen als ein Gefühl wahrgenommen werden oder aber als diffuses Gefühlsgemisch, was die Analyse sehr schwierig macht. Die Sprache - auch wenn man möglichst klar und eindeutig sein will - kommt oft ohne Metaphern nicht aus. Der sprachphilosophischen Forderung, ohne diese Metaphern auszukommen, kann man nicht ganz gerecht werden. Es mag schon sein, dass man über gewisse Dinge nicht sprechen kann, es lohnt sich aber auch nicht, über diese Dinge zu schweigen, vor allem dann nicht, wenn sie den größten Teil unseres Lebens ausmachen - nämlich das Erleben, welches unser Verhalten steuert. Und mir geht es ganz und gar so wie Ronald de Sousa, wenn er bemerkt:

Wenn ich also mit dem Schreiben dieses Buches gewartet hätte, bis ich mir sicher gewesen wäre, auch nur einige Teile des Themas gründlich zu verstehen, so hätte ich es überhaupt nie geschrieben.7

Über Schwierigkeiten im Wortgebrauch

Wenn man über Körperscham und Ekel schreibt, gesellt sich zur Unschärfe der Sprache und der Gefühle selbst noch die Tatsache, dass man über Dinge schreibt, die in der Öffentlichkeit sehr stark tabuisiert werden. Das Verfassen einer Dissertation ist etwas Öffentliches und man sollte die Grenzen, welche Tabus setzen, eigentlich wahren, da Grenzen nicht nur Verbote sein sollten, sondern auch Schutzfunktion haben (Scham- und Ekelgrenzen sind solche Schutzfunktionen).

Um über Tabus dennoch sprechen zu können, haben wir eine Reihe von Euphemismen entwickelt, die das Gesagte verschönern, verschleiern und verunschärfen, um sie für die Öffentlichkeit erträglich zu machen. Leider klingen manche Euphemismen äußerst unglücklich. Wenn man ein- oder zweimal von „Blähungen“ und „Winden“ spricht, ist das kein Problem. Wenn man aber eine ganze Arbeit über derartige Dinge schreibt und ein Euphemismus den nächsten jagt, dann klingt der Text äußerst verklemmt und der Leser wird sich die Frage stellen, warum jemand, der über tabuisierte Dinge eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, die Dinge nicht beim Namen nennen darf.

Um der Wissenschaftlichkeit Genüge zu tun, habe ich mich bemüht sprachliche Grenzen zu wahren. Der Lesbarkeit halber habe ich aber oft Grenzen überschritten und den Furz beim Namen genannt. Man kann jetzt darüber die Nase rümpfen, aber um es mit Roland Barthes zu sagen: „geschrieben stinkt Scheiße nicht“8.

Über Schwierigkeiten mit dem Mittelalter

Es hat eben jeder seine eigene (meist verdorbene) Idee vom Mittelalter. Nur wir Mönche von damals wissen die Wahrheit, doch wer sie sagt, kommt bisweilen dafür auf den Scheiterhaufen.9

Es mag der Vorwurf gerechtfertigt sein, dass ich die historischen Teile der Arbeit sehr auf das Mittelalter konzentriere und die Antike sowie die Zeiten danach, objektiv gesehen, vernachlässige. Das stimmt, wenn man es genau betrachtet, und hat Gründe. Ich habe einerseits eine gewisse Vorliebe für diese Epoche, die ganz und gar persönlicher Natur ist, daraus ergibt sich ein natürliches Interesse für diese Zeit, was mich häufig frühere oder spätere Epochen vernachlässigen lässt. Andererseits kommt dieser - mir sympathischen und für die Geschichte des Abendlandes und der Entwicklung der europäischen Kultur, meines Erachtens - wichtigen Epoche zuwenig Anerkennung zu: Das Mittelalter - dieses von mir selbst oft genug verwendete Etikett für rund 1000 Jahre unserer Vergangenheit - wird von vielen als dunkel, wild, unzivilisiert, ja ekel- und schamlos beschrieben, während die Antike vorher als goldenes Zeitalter glänzt und alles, was nach dem Mittelalter kommt, als ein Fortschritt gegenüber einem dunklen Loch beschrieben wird. Ich bestreite nicht, dass wir seither große Fortschritte gemacht haben, aber dass eine Epoche, aus der Städte wie Paris, Nürnberg und Köln, kleinere wie Innsbruck und Dinan (in der Normandie), Bauwerke wie der Mont St. Michel und Dome verschiedener Städte hervorgegangen sind, als unzivilisiert beschrieben wird, ist einfach falsch. Die moderne Rechtssprechung basiert nicht nur auf der antiken, sondern zu einem wesentlichen Teil auf der mittelalterlichen; auch unsere Universitäten wurden im Mittelalter erfunden und mittelalterliche Autoritäten werden heute noch gerne zitiert.

In Elias’, Aries’ und Postmans Abhandlungen werden die mittelalterlichen Gesellschaften als scham-, ekellos und affektgesteuert bezeichnet. In Corbins Auseinandersetzung mit der Geschichte von Ekel und Geruchs­empfindung sind die Jahrhunderte vor dem 19. Jahrhundert, und natürlich auch das Mittelalter, voller Gestank und die Menschen empfanden - laut Corbin - Zuneigung zu diesem Gestank. Ich möchte zeigen, dass das nicht stimmt. So sehr sich der Mensch der Neuzeit und Moderne auch vom mittelalterlichen unterscheiden mag, gerade in den grundsätzlichen Gefühlen des Ekels und der Scham gibt es wesentliche Übereinstimmungen, eben weil Scham und Ekel wesentlich menschliche Gefühle sind. Das heißt nicht, dass Schamgrenzen - gerade bezogen auf den Körper - gleich geblieben sind und gleich bleiben. Das heißt auch nicht, dass sich Ekelcodes grundsätzlich nicht verändern können. Grundsätzlich und wesentlich bleibt die Scham aber für Nacktheit, besonders für die Nacktheit des Genitalbereiches und der Ausscheidungsorgane, für Schwäche; und grundsätzlich bleibt auch der Ekel vor Substanzen, welche übel riechen. Ausscheidungen und Sekrete riechen übel und ihre Entleerung erfolgt aus den Ausscheidungsorganen - sie sind daher besonders mit Ekel- und Schamgefühlen besetzt, und zwar seit jeher.

Warum Sigmund Freud und Jean-Paul Sartre nebensächlich sind

Der Mangel solcher Positionen besteht nicht darin, dass sie zuwenig erklären, sondern - wie jede Psychoanalyse - zuviel.10

Der Titel „Körperscham und Ekel“ lässt wahrscheinlich manchen Leser auf psychoanalytische und existenzialistische Zugänge zu diesem Thema hoffen. Manchen mag es gar als ein Sakrileg erscheinen, wenn man Sigmund Freud und Jean Paul Sartre kaum zu Wort kommen lässt, da beide zu diesem Thema einiges zu sagen wussten. Ich versuche hier weitgehend ohne Freud und die Psychoanalyse und fast ohne Sartre und den Existenzialismus auszukommen, eben weil schon zu viel über sie gesagt worden ist, als dass man es noch einmal wiederholen müsste.

Das Stichwort „Ekel“ lässt natürlich sofort an Sartres „La Nausee“, zu deutsch „Der Ekel“ denken. Dieser Roman wird hier nicht behandelt. Mir geht es um die Analyse des Ekelgefühls in Zusammenhang mit der Körperscham, wobei ich Ekel fast ausschließlich im Hinblick auf den Ekel vor dem Körper und seinen Ausscheidungen und Sekreten beziehungsweise seiner Verwesung untersuche. Sartres Ekel ist ein existenzieller, es ist ein Ekel vor dem Leben, vor allem aber vor der Kontingenz alles Existierenden:

Doch kein notwendiges Sein kann die Existenz erklären: die Kontingenz ist kein Trug, kein Schein, den man vertreiben kann; sie ist das Absolute, folglich die vollkommene Grundlosigkeit. Alles ist grundlos, dieser Park, diese Stadt und ich selbst. Wenn es geschieht, daß man sich dessen bewußt wird, dreht es einem den Magen um, und alles beginnt zu schwimmen ...: das ist der Ekel.11

Ich verwende den Begriff „Ekel“ viel eingeschränkter als Sartre. Für mich ist Ekel ein stark körperliches Gefühl, das Distanzierung, den Wunsch das Ekelobjekt zu beseitigen, Übelkeit bis hin zum Würgen und Erbrechen auslösen kann. Viele Ekelcodes haben wir durch Erlernen erworben, sei es kulturell oder individuell, einige Ekelstimuli scheinen aber universell Ekelgefühle auszulösen und diese haben meist mit Schamzonen am Körper, deren Ausscheidungen und Sekretionen und mit Tod und Verwesung zu tun. Ich glaube, es ist leicht nachvollziehbar, dass Sartres Existenzekel in dieser Arbeit keinen Platz hat. Ich vermute auch, dass Sartre den Begriff des Ekels hier lediglich metaphorisch verwendet, als Analogon sozusagen, um ein negatives Gefühl gegenüber der Kontingenz des Lebens deutlich zu machen. Sartres Überlegungen zur Scham habe ich - weil sie von großer Bedeutung für die Schamthematik und vor allem für meine Sichtweise sind - in diese Arbeit einfließen lassen.

In den vergangenen zehn Jahren ist sehr viel zur früher vernachlässigten Schamforschung veröffentlicht worden - das meiste davon haben wir den Psychoanalytikern zu verdanken, wobei ich Leon Wurmsers sehr detaillierte Arbeit mit dem Titel „Die Maske der Scham“ positiv hervorheben möchte. Es wäre also bloße Wiederholung der Wiederholung, wenn ich hier nochmals die psychoanalytische Perspektive beschreiben würde.

Dass ich die Psychoanalyse hier vernachlässige, ist aber nicht die einzige Gemeinheit dieser Arbeit, denn manchmal lasse ich Freud und seine Jünger schlecht wegkommen: An der Scham, aber auch am Ekel vernachlässigen psychoanalytische Autoren deren positive Funktion und beschreiben vielmehr die negativen Seiten, nämlich das Krankmachende übertriebener Scham oder Scham-Angst. Scham, verdrängte Scham und daraus entstehende Neurosen werden auch meistens ausschließlich mit kindlichen Traumata und Erziehungsfehlern der Bezugspersonen in Zusammenhang gebracht. Auch das Phänomen der Körperscham wird viel zu sehr als Ergebnis von Erziehung und Lernen gesehen. Ähnlich ergeht es dem Ekel:

Das Urteil des Ekels gehört, wie das Verneinungsurteil, in den Begriffen der Freudschen Pathologie allein ins Feld der Neurose. Und es ist auch nur im Zusammenhang mit neurotischer Verdrängung und mit einem Kulturprozess [sic!], der selbst in seiner >normalen< Form tendenziell neurotisierend ist, daß Freud den Begriff >Ekel< verwendet.12

Mein Anliegen ist es vielmehr, die positive Schutzfunktion der Scham und des Ekels für das Individuum herauszuarbeiten und ich sehe Scham gerade weniger als Ergebnis einer Erziehung zur Schamhaftigkeit in bezug auf den Körper, sondern als universelles, wesentliches Gefühl, das sich notwendig in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit anderen Menschen ergibt. Psychoanalytische Ansätze sind für mich daher weniger wichtig, einfach weil sie das Gewicht auf eine andere Thematik verlegen.

Ein weiterer Grund für die Vernachlässigung der psychoanalytischen Literatur ist aber auch ein gewisser Grad an Verärgerung: Wie kann es sein, dass moderne psychoanalytische Literatur immer noch voll von abgeschnittenen Penissen und Ödipussen ist? Der Penisneid, die Kastrationsangst, der Ödipuskonflikt und ähnliche Mythen werden nicht immer, aber auffallend häufig eins zu eins von Freud übernommen, ohne auch nur den leisesten Zweifel daran anzudeuten. Für mich waren derartige Theorien immer nette, ein bisschen gr(a)uslige Geschichten, die man symbolhaft verstehen, aber nicht allzu ernst nehmen sollte. Irrtum! - Viele Analytiker nehmen sie ernst und für bare Münze. An diesem Punkt konnte ich allerdings die Analytiker und auch die Psychoanalyse nicht mehr ernst nehmen.

Freud hat über den Ekel einiges zu sagen gewusst, allerdings kann man seine Überlegungen zum Ekel nur annehmen, wenn man die Theorie der Psycho­analyse zu einem Großteil voraussetzt, und davon bin ich - bei allem Respekt vor Sigmund Freud und der Psychoanalyse als Therapieform - weit entfernt. Für Freud entwickeln sich Scham und Ekel beim Menschen durch den aufrechten Gang. Genitalscham entsteht, um die durch den aufrechten Gang exponierten Geschlechtsorgane zu schützen.13 Was die Entstehung der Genitalscham betrifft, stimme ich - ähnlich anderen Autoren - mit Freud überein. Wenig plausibel erscheint mir allerdings seine Theorie zur Entstehung des Ekelgefühls: Durch den aufrechten Gang distanzieren wir uns laut Freud vom Tierischen. Der Geruchssinn und die Anal- und Oralerotik, das Beschnüffeln und Belecken der Genitalen und des Afters sowie der Exkremente werden zugunsten des Gesichtssinnes entwertet und verekelt. Ekel ist nach Freud die Verekelung von Libido, von einer tierischen Libido zu After, Genital und Exkrementen. Verekelung ist hier als Verdrängung zu verstehen und so bleibt die Lust am Ekelerregenden zwar tief versteckt in unserem Unbewussten, aber sie bleibt.14 Wo die konventionellen Ekel­schranken unserer Kultur überschritten oder durchbrochen werden, findet Perversion statt. Wo Perversion, das Triebhafte und Tierische in uns zu sehr verdrängt wird, entstehen Neurosen. Menschliche Sexualität ist eine Grad­wanderung zwischen diesen zwei Extremen. Beim Kleinkind sind Scham noch nicht und Ekel wenig entwickelt, so dass sich die phylogenetische Verdrängung der Lust beim einzelnen Menschen ontogenetisch wiederholt: Auch das Kind muss aufrecht gehen, sich schämen und ekeln lernen, wobei die Erziehung hier einen großen Einfluss auf die Anerziehung von Scham und Ekel hat. Perverse Erwachsene sind einer frühkindlichen Stufe verhaftet und/oder ihre Libido zu Ekelerregendem kann den Ekel überwinden; insofern ist Perversion auch als gewaltige Leistung der Libido zu verstehen.15

Dass der aufrechte Gang orale und anale Sexualität verekelt, ist durchaus möglich, erscheint mir aber sehr spekulativ. Da ich Scham- und Ekelgefühle aber selbst als zusammengehörig beschreibe, indem Schamzonen beim einen Menschen Scham und gleichzeitig beim anderen Ekel hervorrufen, möchte ich Freuds These hier nicht als unbedingt falsch abstempeln. Ekelgefühle ausschließlich als Verdrängung von Libido und animalischer Triebhaftigkeit zu sehen, fällt mir jedoch einigermaßen schwer: Ich kann in mir beim besten Willen keine Lustgefühle in Konfrontation mit Ekelobjekten wie Verwe­sendem oder Erbrochenem entdecken. Die Ausschließlichkeit, mit der die Psychoanalyse bei Ekel als verdrängter Lust bleibt, ist mir daher suspekt und erscheint mir zu reduktionistisch.

Der These, dass Ekel verdrängte Lust ist und so auch immer Lust im Ekel ist, habe ich daher, weil sie oft zitiert und so gut wie nie näher besprochen wird, ein Kapitel gewidmet, in dem ich auch andere Erklärungen für die Ambi­valenz und die häufig beobachtete Gleichzeitigkeit dieser Gefühle zu finden versuche.

Über Scham und Ekel in der Psychoanalyse zu schreiben, sehe ich aber als eine eigenständige Arbeit. Da andere sie bereits getan haben, ist es Ziel dieser Arbeit, nicht-psychoanalytische Erklärungen zu bieten. Die Psychoanalyse soll hier nicht verdammt, aber absichtlich vernachlässigt werden, wobei es unmöglich ist, sie ganz beiseite zu lassen: Sie ist inzwischen aus unserer Kultur nicht wegzudenken. Wir verdanken ihr und Freud wertvolle Thesen, die die Psychologie, die Sexualtheorie, die Psychopathologie, ach was, unser gesamtes Denken, auch die Philosophie revolutionierten. Das psycho­analytische Modell nimmt aber in manchen Köpfen derart viel Raum ein, dass kein Platz mehr für alternative Theorien zu sein scheint, oder anders formuliert: Manche Psychoanalytiker sind so sehr im Gemäuer der Psycho­analyse gefangen, dass ihnen ein Blick aus dem Fenster nicht mehr gelingt. Diese Arbeit ist der Versuch nicht nur aus dem Fenster zu sehen, sondern auch einen Schritt vor die Tür zu wagen, wobei ich natürlich das Gemäuer nicht völlig hinter mir lassen kann.

Was mich an Freud freut: seine Verdrängung

Trotz meiner Kritik an der Psychoanalyse verwende ich die Begriffe der „Verdrängung“ und der „Abwehr“, um das Entstehen von Aggression und Krankheit zu erklären, und zwar auch im durchaus psychoanalytischen Sinn. Wie oben schon bemerkt, bedeutet meine Kritik an Freud und der Psycho­analyse nicht, dass ich die psychoanalytischen Erklärungen für gänzlich falsch halte. Ich glaube nur, einiges ist tatsächlich absurd und vieles ist ana­chronistisch und reduktionistisch. Anderes ist aber durchaus zutreffend. So bin ich fest davon überzeugt, dass es Abwehr und Verdrängung gibt. In dieser Arbeit verwende ich die Begriffe Verdrängung und Abwehr aber in einem weiteren Sinn, als Freud sie verwendet. Für Freud kann verdrängtes Material nicht so einfach wieder hervorkommen. Es äußert sich in Form von Neurosen und kann durch bestimmte psychoanalytische Techniken bewusst gemacht werden. Ich verwende Verdrängung und Abwehr hier aber nicht nur in diesem engen Sinn, sondern etwas salopper: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man etwas nur scheinbar vergessen kann, dass es aber Jahre später in schmerzhafter, manchmal auch in durchaus belustigender Form wieder bewusst werden kann, indem man sich wieder daran erinnert. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass Bedürfnisse, die längere Zeit abgewehrt, verdrängt oder ignoriert werden, aggressiv und/oder krank machen können. Wohin nun dieses verdrängte Material verschoben wird und ob es ein Unbe­wusstes oder Es im Freudschen Sinne tatsächlich gibt, ist eine andere Frage, die ich nicht beantworten kann. Die Dreiteilung der psychischen Funktionen in Es, Ich und Über-Ich finde ich psychologisch grundsätzlich sehr brauchbar.

Was mich an Freud freut, ist also, dass er die Verdrängung und damit eine plausible Erklärung für eine Reihe sonst schwer erklärbarer Phänomene entdeckt hat: das Wiederauftauchen von Erinnerungen, die Bewältigung belastender Situationen, das Entstehen von Aggression und Krankheit. Dennoch versuche ich Verdrängung dort zu finden, wo sie tatsächlich statt­findet, und sie nicht - wie dies die Psychoanalyse tut - überall und generell als Erklärung heranzuziehen. Ekel z.B. ist - wie ich zeigen werde - nicht unbedingt verdrängte Lust, auch wenn Freud und die Psychoanalyse das seit über hundert Jahren lehren.

Überblick

Diese Arbeit ist aus einem Seminar entstanden, in dem es um Scham- und Ekelgefühle von Patientinnen, Pflegerinnen und Ärztinnen ging. Aus diesem Grund sind in diese Arbeit immer wieder Erfahrungen aus dem medizinischen Bereich eingeflossen. In der Vorbereitung zu diesem Seminar bin ich auf die Debatte zwischen Hans Peter Duerr und Norbert Elias gestoßen, in der es unter anderem um die Frage geht, ob Scham und Ekel wesentlich menschliche Gefühle sind oder nicht. Hans Peter Duerr zeigt anhand einer Fülle von Material, dass sowohl Scham als auch Ekel universelle Gefühle sind. Das heißt, dass es keine bekannte Kultur gibt und auch keine bekannte Kultur je gegeben hat, in der diese Gefühle gefehlt haben. Damit widerlegt er Norbert Elias’ Behauptung, dass Scham und Ekel sich durch die „Zivilisation“ entwickelten (was immer auch „Zivilisation“ sein mag). Aus der Universalität dieser Gefühle schließt Duerr, dass Scham und Ekel wesentliche Gefühle des Menschen sind, ohne dass er näher darauf eingeht, was genau darunter zu verstehen ist. Diese Arbeit ist der Versuch den Gedanken, dass Scham und Ekel dem Menschen wesentlich sind, aufzunehmen, weiterzudenken und zu begründen.

Dabei geht es nicht darum, zu zeigen, dass diese Emotionen angeboren sind. Ob eine bestimmte Emotion angeboren ist oder erlernt, ist überhaupt falsch gefragt. Nichts in der Entwicklung des Menschen verläuft so simpel, dass man es entweder allein der Anlage oder allein der Umwelt zuschreiben könnte. Wichtiger und daher richtiger ist die Frage, welche Anteile eines Gefühls angelegt und welche erlernt sind; und ob das Gefühl prinzipiell verlernbar ist. Wenn ein Gefühl nicht verlernbar ist, kann das allerdings ein Hinweis darauf sein, dass es nicht nur einfach durch Sozialisation erworben, sondern eben auch angelegt ist.

Dass ein Gefühl wesentlich ist, heißt, dass es zwar genetisch fixiert sein kann, dass es aber nicht genetisch fixiert sein muss. Auch wenn die Ursache eines Gefühls zu einem Großteil in der Auseinandersetzung mit der Umwelt zu finden ist, wie dies beim Schamgefühl der Fall ist, kann das Gefühl wesentlich sein. „Wesentlich“ bedeutet nicht „angeboren“, sondern „notwendig“ (oder „substanziell“), und notwendig kann auch etwas sein, das erlernt wird. Das fällt dann auf, wenn es plötzlich fehlt. Wenn Scham oder Ekel einem Menschen gänzlich fehlen, dann fehlt etwas wesentlich Menschliches, wie ich zeigen werde.

Diese Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Nachdem ich einleitend im Kapitel Körperscham und Ekel die Wechselwirkung beschreibe, in der die beiden Gefühle zueinander stehen, wird im ersten Teil „Scham und Ekel“ das Hauptaugenmerk vor allem auf das Gefühl der Scham gelegt, wobei der Ekel als die andere Seite der Medaille nicht ganz beiseite gelassen werden kann. Die PHÄNOMENOLOGISCHEN BETRACHTUNGEN sind sicher der trockenste und theoretischste Teil der Arbeit, in dem es darum geht, das Gefühl der Scham von verwandten Gefühlen abzugrenzen und zu zeigen, dass für das Empfinden der Scham der Blick anderer Personen Voraussetzung ist. Wer Sartres Analyse des Schamgefühls in „Das Sein und das Nichts“ kennt, braucht dieses erste Kapitel nicht notwendigerweise als Voraussetzung zum Verständnis der folgenden.

Zur Entwicklung der Scham ist eine entwicklungspsychologische Be­standsaufnahme, in der ich versuche das Wenige, das entwicklungspsycho­logisch zum Thema Scham gesagt wurde, zusammenzufassen. Dieses Kapitel wirkt vielleicht wie ein Puzzle, und ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelungen ist, aus den Puzzleteilen auch ein deutliches Bild zu fabrizieren. Im Wesentlichen geht es mir darum, zu zeigen, dass Scham ein gewisses Maß an Ich-Bewusstsein und Selbstreflexion voraussetzt. Scham ist deshalb beim Säugling und Kleinkind noch nicht entwickelt, weil die kognitiven Voraus­setzungen für die Selbstreflexion noch fehlen. Die Bildung des Ich- Bewusstseins setzt mit dem Beginn des Lebens ein und es gibt in der Entwicklung des Kindes Stationen, welche Höhepunkte in dieser Bildung der Ich-Identität sind. Zugleich sind diese Höhepunkte auch wichtige Voraus­setzungen für die Entwicklung der Selbstreflexion und des Schamgefühls. Wenn dieses Kapitel vielleicht auch sehr trocken ist, so betrachte ich es doch als Voraussetzung für das Verständnis dafür, was ich darunter verstehe, wenn ich von der Scham als einem wesentlichen Gefühl spreche.

Mit der Frage GIBT ES SCHAMLOSIGKEIT? beginnt der unterhaltsamere Teil der Arbeit. Das liegt in der Natur der Sache: Die Kyniker und die Nudisten sind allemal unterhaltsamer als trockene Phänomenologie oder Entwicklungs­psychologie und in der Duerr-Elias-Debatte über den Zivilisationsprozess erfährt man doch einige delikate Details verschiedener Epochen und Kulturen, über die sonst eher geschwiegen wird.

Im Kapitel UNBESCHÄMBARKEIT zeige ich, dass es neurologische Voraus­setzungen für das Empfinden von Schamgefühlen gibt. Mit anderen Worten: Defekte in einem bestimmten Bereich des Neocortex machen Schamgefühle unmöglich. Wenn aber einem Menschen Schamgefühle gänzlich fehlen, so beginnt er auch unvernünftig zu handeln. Dieses Kapitel ist sicher eines der spannendsten, zumal hier gezeigt wird, dass gerade Emotionen wichtig für das vernünftige Handeln sind. Da aber gerade die Vernunft es ist, die für das Menschsein wesentlich ist, muss auch das Schamgefühl eine wesentliche Rolle dabei spielen.

In Schamabwehr geht es darum, ob und inwieweit Schamgefühle verlernbar sind. Das Kapitel ist keine Voraussetzung für das Verständnis der übrigen Arbeit und kann übersprungen werden. Es sei denn, es ist von Interesse.

Nicht übersprungen werden darf SCHAM ALS WESENTLICH MENSCHLICHES GEFÜHL. Hier wird auf den Punkt gebracht, warum aus den vorhergehenden Überlegungen der Schluss gezogen werden kann, dass Scham dem Menschen wesentlich ist, auch wenn man nicht davon sprechen kann, dass eine genetische Fixierung vorliegt.

Der zweite Teil „Ekel und Scham“ beginnt mit der Frage KANN MAN EKEL­GEFÜHLE VERLERNEN? und zeigt, vor welchen Substanzen Ekel verlernt werden kann, vor welchen nicht und warum das so ist. Weiters wird in Philo­sophie und Nase ein kurzer Überblick darüber gegeben, welchen Stellenwert Geschmacks- und Geruchssinn in der Geschichte der Philosophie haben. Dass die beiden Sinne eher schlecht wegkommen, kann an dieser Stelle schon verraten werden. Der Abschnitt Ekelcodes beschäftigt sich zum einen mit der Frage, welche Ekelcodes kulturell erworben sind und ob der Ekel gegenüber menschlichen Leichen universell ist. Zum anderen geht es um die Rolle von Abfällen und Ausscheidungen in der Geschichte: Dass die Menschen früherer Epochen keinen Ekel gegenüber Abfällen und Ausscheidungen empfunden hätten, ist ein weit verbreiteter Irrtum, der hier ausgeräumt werden soll.

In den PHÄNOMENOLOGISCHEN BETRACHTUNGEN zum Ekel werden die typischen Merkmale beschrieben, welche Objekte besitzen müssen, um für den Menschen Ekel erregend zu wirken. Diese Überlegungen sind wichtig für die Unterscheidung zwischen universellen Ekelstimuli, welche durch Geruchs- und Geschmackssinn angeboren sind, und erlernten Ekelstimuli, welche individuell oder kulturell erworben werden. Die Beschreibung Ekel auslösender Merkmale bringt auch System in das Chaos von Ekelobjekten. Totes, Sex und leben: ende, Anfang und was dazwischen liegt beschäftigt sich mit der Assoziation von Tot, Sex, Zeugung, Geburt und dem Säugling als Produzenten von Spucke, Rotz und vollen Windeln. In Leiche und Verwesung wird vom Toten als „totem Menschen“ abgesehen und von der Leiche als Ekel erregender, weil verwesender Substanz gesprochen. Diese Überlegungen sind vielleicht abstoßend, da aber verwesende Leichen der Inbegriff des Ekelerregenden sind, dürfen sie in dieser Arbeit nicht fehlen. Auch Sex und das mögliche Produkt - der Säugling - werden in Mutterliebe, Intimität, Sexualität einmal anders betrachtet, nämlich als etwas Ekliges. Natürlich wird auch gesagt werden, dass es etwas gibt, das uns beim Sex und beim Säugling den Ekel überwinden lässt, damit es überhaupt zu Sex und Säuglingen kommen kann.

Ich habe bereits angedeutet, dass immer wieder Einflüsse aus dem medizinischen und pflegerischen Bereich zu spüren sind. Das hat zum einen damit zu tun, dass der Anstoß zu dieser Arbeit ein Seminar war, das ich im Rahmen einer Pflegefachausbildung hielt. Da Pflegerinnen und Ärztinnen aber unentwegt mit Körpern und Ausscheidungen zu tun haben, müssen sie Thema dieser Arbeit sein. Es würde etwas Wichtiges fehlen, wenn man jene Berufe außer Acht lassen würde, die tagtäglich mit diesen Gefühlen konfrontiert sind. In EKEL UND MEDIZIN geht es daher um den Ekel von Pflegerinnen und Ärztinnen vor ihren Patientinnen und um die Scham der Patientinnen in Untersuchungs- und Pflegesituationen. Besonders interessant ist aber die Frage, welche Methoden der Distanzierung für Pflegerinnen und Ärztinnen den Umgang mit Scham, Peinlichkeit, Ekel und anderen negativen Gefühlen möglich machen.

Gemischte Gefühle beschreibt, wie aus Ekel Gewalt erwachsen kann und was es mit der immer wieder beschriebenen Ekellust auf sich hat. Angeblich liegt ja im Ekel immer auch eine gewisse Lust. Das bestreite ich, einfach weil ich nicht die geringste Lust gegenüber Kotze, Kot und Faulem verspüre. in diesem Kapitel lege ich mich mit der Psychoanalyse an und versuche Ekel nicht als verdrängte Lust zu erklären, was ziemlich einfach ist.

Der Anhang: Fühlen; und Gesund Pflegen beschreibt, warum ein gutes Scham- und Ekelmanagement gerade für den medizinischen Bereich wichtig ist: Es ist wichtig für das Wohlbefinden der Patientinnen und für das Wohl­befinden, die Gesundheit und das Durchhaltevermögen der Pflegerinnen, Ärztinnen und Therapeutinnen. überlegungen dazu, welche Übungen für die Übelkeit einen gesunden Umgang mit dem Ekel in der Pflege ermöglichen und so ein wenig Stoizismus auf Station bringen können, bilden den praktisch­philosophischen Abschluss dieser Arbeit und zeigen, dass auch Pflege und Medizin nicht nur Psychologie, sondern auch Philosophie ganz gut brauchen können.

Körperscham und Ekel

Zwei Seiten einer Medaille

Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Gläubigen der „modernen Ideen“, vielleicht Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird;16

Die SchamhaftIgkeit ist ein Geheimnis der Natur sowohl einer Neigung Schranken zu setzen, die sehr unbändig ist und, indem sie den Ruf der Natur für sich hat, sich immer mit guten, sittlichen Eigenschaften zu vertragen scheint [...]. Sie dient aber auch zugleich, um einen geheimnisvollen Vorhang selbst vor die geziemendsten und nöthigsten Zwecke der Natur zu ziehen, damit die gar zu gemeine Bekanntschaft mit denselben nicht Ekel oder zum mindesten Gleichgültigkeit veranlasse [...].17

Wir verwenden Toilettepapier, um mit unserem Stuhlgang möglichst nicht in Berührung zu kommen. Das Anfassen von eigenem Urin fällt normalerweise weniger schwer. Es gibt sogar den volksgebräuchlichen „Urinwickel“, eine Art der umstrittenen Eigenurintherapie. Die Vorstellung, Urin - auch wenn es sich um den eigenen handelt - zu trinken, lässt uns aber schaudern. In der Eigenurintherapie gibt es auch diese Methode, von diversen abnormen Sexualpraktiken ganz zu schweigen. Zwar ekelt uns im Normalfall unser eigener Anal- und Urogenitalbereich nicht, dennoch sind diese Bereiche, weil sie Öffnungen für Ausscheidungen sind, jene Körperzonen, die wir als „schmutzig“ empfinden und deshalb auch tunlichst verbergen.

Eigenes Sputum und Nasensekret ekeln uns nicht, wir haben es selbst in Mund, Nase und Rachen. Sobald Sputum oder Nasensekret aber außerhalb des Körpers gelangen, ekeln wir uns davor und zwar umso mehr, je länger sich diese Sekrete außerhalb unserer selbst befinden. Wenn wir in ein Glas spucken und unsere eigene Spucke wieder austrinken sollen, ekeln wir uns davor - und zwar sehr. Bei Kleinkindern ist das nicht so, es macht ihnen Spaß, Saft im Mund mit Spucke zu vermischen, wiederholte Male wieder ins Glas zu spucken, um das lauwarm-schaumige Gebräu schließlich zu trinken - aber nur bis zu einem gewissen Alter. Kinder essen auch sehr gerne Nasenpopel. Erwachsene tun das meist auch, sie geben es aber nicht zu. Macht man Kindern aber den Vorschlag ihre Nasenpopel in einer kleinen Schachtel zu sammeln - sozusagen einen Vorrat anzulegen, damit sie später verzehrt werden können -, reagieren Kinder mit Ekel darauf.

Wer isst gerne Ohrenschmalz? In der Regel ekelt einen der Geschmack von Ohrenschmalz - auch wenn es das eigene ist.

Zonen am eigenen Körper, welche mit Ausscheidung und Sekretion zu tun haben, nämlich Analbereich, Urogenitalbereich, Mund, Nase und Ohren ekeln uns also im Normalfall nicht, während die Ausscheidungen und Sekrete selbst uns schon eher Probleme bereiten, wenngleich auch nicht alle in gleichem Maße: Erbrochenes ist ekelerregender als Ohrenschmalz. Und die Substanzen, die wir ausscheiden, ekeln uns vor allem von dem Zeitpunkt an, an dem sie ausgeschieden sind. Je „älter“ eine ausgeschiedene Substanz ist, desto ekel­erregender ist sie für uns.

Je fremder uns eine Person ist, desto mehr ekeln uns aber deren Ausschei­dungsorgane, von den Ausscheidungen selbst ganz zu schweigen. Man braucht nicht damit in Berührung zu kommen, schon die Vorstellung, etwas mit dem Stuhlgang seines Nachbarn zu tun zu haben, graust uns.

Interessant ist, dass diese Körperstellen auch gleichzeitig unsere Intimzonen sind und dass auch das Ausscheiden der jeweiligen Ausscheidungsprodukte ein sehr intimer Vorgang ist. Intimzonen, Ausscheidung und Ausscheidungs­produkte sind aber auch äußerst schambesetzt. Insofern kann man sagen, dass Ekel und Körperscham zwei Affekte sind, die eng miteinander verknüpft sind,18 ja man könnte sagen, es handelt sich um die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Defäktieren und Urinieren, das Wechseln von Tampons und Binden sind Vor­gänge und Tätigkeiten, die an einem geheimen Ort, an einem „Ab-Ort“ fern von der Öffentlichkeit stattfinden, dort, wo man allein ist mit sich selbst. Liegt man beispielsweise im Spital mit noch einem Zimmergenossen und ist gezwungen in Schüssel oder Urinflasche zu urinieren, bedeutet das für viele schon eine große Überwindung. Stuhlgang in ein Steckbecken zu verrichten, ist für die meisten äußerst peinlich. Es ist beschämend, wenn jemand im Zimmer ist und weiß, dass man auf der Schüssel sitzt; eventuelle Blähungen in dieser Situation sind daher sehr unangenehm. Nicht selten führt diese Scham zu Obstipationen.19

Es ist uns auch sehr unangenehm, wenn wir in der Öffentlichkeit erbrechen müssen. Man bohrt auch nicht vor anderen in Ohren und Nasenlöchern herum und wenn wir uns selbst einmal erwischen, wie wir im Autobus gedanken­verloren Nase bohren, ist uns das peinlich.

Ohren, Nase und Mund sind zwar nicht in gleicher Weise schambesetzt wie After und Genitalbereich, wir bekleiden und verstecken sie auch nicht. Wenn uns ein Fremder aber in eine dieser Öffnungen greift, ist uns das sehr unan­genehm.

In medizinischen Untersuchungssituationen sind wir es mittlerweile gewohnt, unsere Schamgefühle zu einem größeren Teil zu unterdrücken oder abzuwehren, wenn auch nicht ganz. Unser „lockerer“ Umgang mit Schamgefühlen bei Arztbesuchen ist historisch gesehen aber sehr jung.

In meinen Seminaren zum Thema „Scham- und Ekelmanagement“ für Kranken-pflegeschülerInnen haben die SchülerInnen in Selbsterfahrungs­übungen immer wieder bestätigt, dass das Hineingreifen Fremder in den Mund-, Nasen- und Rachenraum sehr schamintensiv ist. Für das Pflege­personal sind umgekehrt Situationen, in denen sie mit der Reinigung und Pflege von Mund-, Nasen- und Rachenraum zu tun haben, äußerst ekelbesetzt und natürlich peinlich. Das Reinigen dieser Körperöffnungen, vor allem in Zusammenhang mit Zahnprothesen, wird von vielen als weit ekelerregender beschrieben als der pflegerische Umgang mit dem Anal- und Genitalbereich. Da der After und der Genitalbereich allerdings weit mehr als schambesetzt gelten, weil sie durch Kleidung verhüllt werden, wird die Schamproblematik in Bezug auf den HNO-Bereich - auch vom Pflegepersonal - häufig übersehen oder vergessen. Die auch in diesen Situationen benutzten Einmal­handschuhe schützen daher den Pfleger oder Arzt nicht nur vor Infektionen, sie geben dem Pfleger oder Arzt, aber auch dem Patienten ein schützendes Gefühl der Distanz während der Untersuchung.

Distanzschaffende Manöver

Shit is the borderline between life and death, self and other.20

Wenn wir uns vor etwas stark ekeln, z.B. wenn wir mit Erbrochenem in Berührung kommen, beginnen wir automatisch zu würgen: Auf Erbrochenes reagieren wir also unsererseits mit Brechreiz oder Würgen. Dieser physiologische und damit absolut gesunde Reflex wird im verlängerten Rückenmark, der Medulla oblongata, durch das Brechzentrum verursacht21 und wird von der Zusammenziehung der Gaumen- und Rachenmuskulatur, von einer leicht erhöhten Kopfdurchblutung, von einer erhöhten Speichel- Sekretion und oft der Wahrnehmung eines schlechten Geschmacks begleitet. Auch funktionelle Herzfrequenzveränderungen (Tachykardien) konnten gemessen werden.22 Das verlängerte Rückenmark als Teil des vegetativen Nervensystems entzieht sich weitgehend der Beeinflussung durch die Vernunft. Das erklärt, warum wir in Situationen, in denen starke Ekelgefühle Würge- und Brechreiz auslösen, diese kaum unterdrücken können, dass wir unmittelbar in Distanz gehen, so dass keine Zeit zur Reflexion bleibt. Der Brechreflex hat die physiologische Aufgabe „Gift- und Schadstoffe wieder aus dem Magen zu eliminieren, bevor größere Mengen dieser toxischen Substanzen im Dünndarm resorbiert werden.“23 Starker Ekel, welcher Würge- und Brechreiz verursacht, ist zwar lästig und unangenehm, dient uns aber als Selbstschutz. Wir distanzieren uns dadurch von infektiösen und giftigen Substanzen und versuchen so mit den gefährlichen Substanzen gar nicht erst in Berührung zu kommen. Gebunden an den Geschmacks- und Geruchssinn, ist uns die Fähigkeit zum Ekel als Schutzfaktor angeboren. „Darüber hinaus sind Ekelgefühle erlernte soziale Mechanismen, mit denen man sich diese Reflexe zunutze macht, um die eigene Identität vor schwierigen Erfahrungen zu schützen.“24

Die Ekelschranken sind natürlich nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt: Nicht jeder ekelt sich vor den unterschiedlichen Ekel erregenden Substanzen in gleicher Weise - Ekelschranken sind vor allem bei Kleinkindern noch geringer entwickelt, auch haben sich die kulturellen Ekelcodes im Laufe der Jahrhunderte verändert. Dennoch gibt es eine „starke kulturelle Übereinkunft im Verhältnis zum Ekligen“: Das Schleimige, das Verwesende und das Hinfällige erfüllen uns mit Abscheu.25

Eine Untersuchung an Pflegepersonal hat gezeigt, welche Situationen im Umgang mit Menschen am meisten Ekelgefühle auslösen.26 Interessant ist diese Untersuchung auch deshalb, weil sie zeigt, dass selbst langjähriges Pflegepersonal Ekelgefühle nicht überwinden oder verlernen, sondern höchstens abschwächen und überspielen kann:

Man hört in diesem Zusammenhang oft das Argument, daß man sich an die Ekelgefühle gewöhnen könnte. Dies stimmt jedoch nur zum Teil. Zu Beginn der Berufstätigkeit sind die Ekelgefühle sehr stark. Sie schwächen sich ab, können dann aber wieder so stark werden, daß man sich überlegt, den Beruf aufzugeben.27

Eine Kollegin, die lange Zeit als Krankenschwester arbeitete, jetzt aber in der Ausbildung von Pflegefachkräften tätig ist, erzählte mir, dass sie trotz lang­jähriger räumlicher Distanz zu ihrem früheren Beruf kaum einen Fuß in Krankenhäuser setzen kann, da dieser typische Geruch bei ihr starken Ekel und Übelkeit auslöst. Eine Reizgeneralisierung, die bei Pflegepersonal nicht selten ist.

Wenn wir Ekel nicht verlernen können, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass er ein uns angeborener Affekt ist und einen bestimmten Zweck erfüllt - nämlich Distanz zu schaffen zwischen dem Ich und etwas Anderem, etwas Bedrohlichem.

Alle Substanzen, die einmal zum Körper des „Ich“ gehörten, die abgestorben, abgetrennt, abgefallen oder aus dem Körper herausgetreten sind und dabei die Körperöffnungen, die körpereigenen Grenzen passiert haben, werden in unserer Gesellschaft als schmutzig, ekelhaft, unanständig etc. betrachtet. Die „Materialien am falschen Platz“ passieren die Grenze zur Außenwelt, zum Nicht-Ich [...]. All diese „Abfälle“, die Öffnungen und Pforten gelten als schmutzig und somit tabu [...]. Dieser Schmutz umfaßt z.B. Fäkalien, Schweiß, Furzen, Gerüche, Tränen, Schleim, Schuppen, Nägel, Haare, Körperflüssigkeiten, Sekrete, Spucke ...28

Vor all diesen Substanzen ekeln wir uns und gleichzeitig sind es jene Sub­stanzen und Körperzonen, für die wir uns besonders schämen.

Auch wenn Scham und Ekel äußerst unangenehme Gefühle sind - sie haben eine wichtige Funktion: sie zeigen uns Grenzbereiche an, die nicht über­schritten werden dürfen. Günther Seidler spricht in Bezug auf die Scham von einem „Schnittstellenphänomen“: Scham zeigt die Schnittstelle zwischen „Vertraut“ und „Nicht-Vertraut“ zwischen „Ich“ und „Fremd“.29 Auch Ekel kann als Schnittstellenphänomen betrachtet werden: Substanzen, die sich in meinem Körper befinden, also zum Ich gehören, sind nicht Ekel erregend. Sobald sie den Körper verlassen haben, empfinden wir Ekel, weil sie nun zum „Anderen“ gehören. Ekel und Scham wirken auf uns wie Stopp-Schilder oder Wächter: Ekel schützt vor infektiösem Material, hindert uns aber auch daran, Intimzonen anderer Menschen zu berühren; damit werden die Grenzbereiche anderer Menschen geschützt. Scham hingegen schützt uns davor, unsere eigenen Intimbereiche zur Schau zu stellen, schützt uns vor Übergriffen und unsere Umwelt vor dem Ekel. Weil Scham und Ekel sehr unangenehme Gefühle sind, ist in der Literatur meist das Negative an ihnen betrachtet und beschrieben worden. Vor allem in der psychoanalytischen Literatur gibt es die Tendenz, Schamphänomene primär als krankhaft zu werten, die positiven Schutzfunktionen werden dabei häufig übersehen. Diese Arbeit will besonders das Positive an den Emotionen Scham und Ekel hervorheben.

Scham und Ekel

Schon längst sind unser aller Augen „aufgegangen“, und es gehört zum Wesen des Menschen, sich seiner Nacktheit zu schämen, wie immer diese Nacktheit auch historisch definiert sein mag; vom Baume des Lebens sind die Mitglieder aller Gesellschaften entfernt:30

1. Phänomenologische Betrachtungen

1.1 Wofür wir uns schämen

Nicht allein dem Bösen in uns gilt die menschliche Scham, sondern auch dem Schwachen, dem Häßlichen und dem Defizitären.31

Wenn wir uns überlegen, wofür man sich schämen kann, so kann man wohl sagen, dass das Gefühl der Scham für „alles Mögliche“ auftreten kann, wenn die betreffende Person einen Mangel an sich feststellt, der sowohl eine soziale Verfehlung als auch ein körperlicher „Defekt“ sein kann. SighardNeckel und Hilge Landweer bringen Schamgefühle außerdem mit dem Statusverlust von Personen gegenüber anderen in Zusammenhang.32 Für die Beschäftigung mit dem Thema Körperscham erscheint mir allerdings Leon Wurmsers Beob­achtung, dass „Schwäche, Defekt und Schmutzigkeit“ eine Art „fundamentale Trias“ bilden,33 besonders wichtig.

Man könnte hier entgegnen, dass körperliche Nacktheit nicht unbedingt mit „Schwäche, Defekt und Schmutzigkeit“ zu tun haben muss und der Nackte dennoch Schamgefühle entwickelt. Allerdings ist zu bedenken, dass die Scham infolge von Nacktheit sehr wohl dadurch entsteht, dass der Nackte sich dem Angezogenen gegenüber „schwächer“ fühlt, weil seine Intimsphäre verletzt wird (Verletzungen führen zu Schwächezuständen) und weil er dem Blick des anderen ausgesetzt ist. Nacktheit steht in engem Zusammenhang mit „Schmutzigkeit“, weil die besonders schambesetzten Zonen Ausscheidungs­und Fortpflanzungsorgane sind; Ausscheidungen und Sekrete sind nun einmal Substanzen, vor denen wir uns ekeln. Auch wenn der Körper eines Nackten keinen offensichtlichen Defekt aufweist, ist der Nackte gegenüber dem Ange­zogenen in einer defizitären Situation - weil er schwächer ist und weil er „schmutzige“ und deshalb „eklige“ Körperteile entblößt hat. Der Nackte ist - und da kommt Neckels Ansatz wieder zum Tragen - dem Angezogenen gegenüber von geringerem Status. Man kennt den Rat, sich furchterregende Prüfer oder Vorgesetzte nackt vorzustellen, um die Angst zu verringern. Sich den Vorgesetzten nackt vorzustellen, hebt ihn vom Sockel, er verliert dadurch an Status. Allgemein wird betont, dass die Rolle der Scham-Zeugen für das Auftreten von Scham eine große Rolle spielt. Wir schämen uns aber vor allem vor statushöheren Personen, vor Personen, vor denen wir Achtung haben, und vor Personen, die wir als kompetent für die Beurteilung der Situation erach­ten.34

Wenn sich beispielsweise eine sehr dicke Person beim Sonnenbaden auf einer öffentlichen Wiese für ihre Körperlichkeit [...] schämt, so sicherlich eher vor einem Wohlgestalten als vor einem anderen Übergewichtigen [...]. Wenn der Scham-Zeuge dagegen selbst als gegen die Norm verstoßend wahrgenommen wird, kann man sich allenfalls vor sich selbst oder auch vor anderen, nicht aber vor ihm schämen.35

In einer gesunden intimen Beziehung löst Nacktheit im Normalfall keine Schamgefühle aus, weil intime Beziehungen voraussetzen, dass Scham­grenzen wie auch gewisse Ekelgrenzen überschritten werden. Auch kennen sich die Partner beide nackt, und in einer intakten Beziehung ist keine Zurückweisung und Verspottung zu erwarten - also nichts was „zu Macht­losigkeit und Schwäche, sogar zum Bild der Makelhaftigkeit und Schmutzig­keit führen würde“36.

Wurmser betont auch, dass Scham auf den Aspekt des Zeigens gewisser Körperteile gerichtet ist und nicht auf das Körperteil selbst: Wir schämen uns (im Normalfall) nicht, Geschlechtsorgane zu haben, wir schämen uns aber sehr wohl sie zu zeigen.37

1.2 Was ist Scham?

Centrum. - Jenes Gefühl: „ich bin der Mittelpunct der Welt!“ tritt sehr stark auf, wenn man plötzlich von der Schande überfallen wird; man steht dann da wie betäubt inmitten einer Brandung und fühlt sich geblendet wie von Einem grossen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns blickt.38

Dieses Kapitel wird sich noch recht allgemein mit der Definition von Scham, mit der Beschreibung von Schamgefühlen und der Abgrenzung des „Scham­gefühls“ vom „Peinlichkeits“- und „Verlegenheitsgefühl“ beschäftigen, wobei bevorzugt Beispiele aus dem Bereich der Körperscham gegeben werden. Der eigentliche Übergang zum Thema Körperscham erfolgt dann in den Kapiteln Zur Entwicklung der Scham und Entwicklung der Körperscham und des Ekels.

Scham wird - wie der Ekel - zu den Affekten gezählt. Affekte werden häufig als sehr starke und eher kurzfristige Emotionen beschrieben, die den lang­fristigen Stimmungen gegenüberstehen.39 Da die Zuordnung eines Gefühls durch Länge und Intensität sehr vage und die Abgrenzung der Begriffe vonei­nander unklar ist, werde ich die Begriffe „Affekt“ und „Emotion“, Hilge Landweer folgend, synonym verwenden.40

Scham zeichnet sich - wie der Ekel - durch Kürze und Heftigkeit aus. „Zwar kann Scham durch Erinnerung an eine beschämende Situation jederzeit aktualisiert werden, aber auch dann hat das Gefühl selbst (und nicht etwa die Auseinandersetzung mit ihm) eine kurze Verlaufsgestalt.“41

Ein Mensch, der ständig unter Scham-Angst42 leidet, hat ein dauerndes psychisches Problem. Scham-Angst ist aber von der „Scham“ insofern zu unterscheiden, als man unter Scham-Angst die Angst vor Scham auslösenden bzw. beschämenden Situationen versteht, welche „aber schon beinahe der Übergang zu einer Gefühls- und Verhaltensdisposition [ist], die gerade auf die Vermeidung weiterer Schamsituationen abzielt [...]“.43

Scham und der notwendige Blick des anderen

In der Literatur wird Scham als ein Gefühl beschrieben, das sich auf den ganzen Menschen bezieht, das sein ganzes psychisches und physisches Dasein betrifft. Wenn wir uns schämen, wollen wir als Ganzes „im Boden ver­sinken“,44 während z.B. Schuldgefühle sich dadurch auszeichnen, dass sie sich auf einen Teil unserer Person beziehen - meist auf eine Handlung.

„Typisch für Scham ist das Gefühl, eine verwerfliche Person zu sein, typisch für Schuld, das Gefühl eine verwerfliche Handlung begangen zu haben.“45

Dass Schamgefühle eng mit körperlichen Vorgängen verbunden sind, die für dieses Schamempfinden spezifisch sind, hat zum einen mit diesem „Allum­fassenden“ des Gefühls zu tun, zum anderen auch damit, dass Scham nur im Zusammenhang mit dem Blick des Anderen auftritt:

Wenn sich Menschen schämen, schämen sie sich in der Regel für etwas und vor anderen Menschen. Dies sei anhand einer Situation illustriert, die für die meisten Menschen noch heute als schambesetzt gelten dürfte: Eine öffentliche Toilettenkabine ist nicht verriegelbar, so daß die Tür von einer anderen Person jederzeit geöffnet werden kann. Die Peinlichkeit der Situation besteht nun darin, daß ein Außenstehender ungewollt Zeuge einer Körperfunktion wird (oder werden könnte). Der Körpervorgang, geschieht er in der Abgeschlossenheit, ist natürlich nicht schambesetzt, hierzu kommt es erst durch die - wenn auch begrenzte - Öffentlichkeit.46

Wir schämen uns nur, wenn wir von jemand anderem gesehen werden oder wenn wir uns vorstellen, dass uns jemand sehen könnte.47 Ohne den Blick des anderen ist Scham nicht denkbar: „ich schäme mich meiner, wie ich Anderen erscheine. Und eben durch das Erscheinen Anderer werde ich in die Lage versetzt, über mich selbst ein Urteil wie über ein Objekt zu fällen, denn als Objekt erscheine ich Anderen.“48 Als Objekt sieht der Beobachter aber zunächst oder vor allem den Körper. Ich als Objekt, als Körper, stehe als Auslöser im Mittelpunkt einer peinlichen Situation. Auf meinen Körper vor allem sind die Blicke der anderen gerichtet, und deshalb reagiert man in beschämenden Situationen vor allem auch körperlich: mit Erröten, mit Erblassen, mit weichen Knien, mit Zittern, mit Fluchtwünschen etc.

Leon Wurmser unterscheidet drei Aspekte der Scham: Die Schamangst als Furcht vor der Bloßstellung,49 der eigentliche Schamaffekt, der sich als Gefühl des „Verschwindenwollens“ ausdrückt, und die Schamhaftigkeit als Re­aktionsbildung - als „vorbeugendes Sichverbergen“, als „Ehrgefühl“.50

Schamangst unterscheidet sich vom Schamaffekt insofern, als es sich - wie schon oben erwähnt - um die Angst vor der Scham, der beschämenden Situation handelt. Aus der Schamangst heraus entwickelt sich, meiner Meinung nach, die Schamhaftigkeit als vorbeugende Haltung beschämenden Situationen gegenüber. Schamhaftigkeit und Schamangst sind also eng miteinander verknüpft und werden wahrscheinlich als ein Gefühl oder als sehr ähnliche Gefühle wahrgenommen.

Der Schamaffekt unterscheidet sich von der Schamhaftigkeit und der Schamangst: Er kann ohne sie auftreten, „aus heiterem Himmel“ durch die Plötzlichkeit einer peinlichen Situation, und zeichnet sich, wie gesagt, durch das Gefühl aus, dass man im Boden versinken will, weil man als Auslöser einer peinlichen Situation im Zentrum des Interesses steht und die Blicke der anderen auf sich zieht. Das Gefühl der Scham kann natürlich in der Folge Schamangst und Schamhaftigkeit auslösen. Es kann sogar so weit gehen, dass man sich seiner Schamhaftigkeit wegen schämt. Scham kann also einen zirkulären Prozess auslösen, einen „unendlichen Regress der Scham infolge der Scham“. 51

Scham - ohne den Blick des anderen

Hans-Peter Duerr schreibt, dass man zu Beginn der Neuzeit den unter Blähungen leidenden Damen riet, „stets ein kleines Hündchen bei sich zu haben, auf das sie ihre Fürze schieben konnten, falls sie gehört oder gerochen wurden.“52 Die Frage ist: Schämt man sich auch dann, wenn man den Verdacht von sich ablenken kann, wenn man den Blick des anderen also von sich auf eine andere Person lenkt?

Ob man sich weiter schämt, hängt davon ab, wie sehr man den Blick des anderen verinnerlicht hat. Es gibt Menschen, die, haben sie den Verdacht von sich abgelenkt, lediglich die Situation peinlich finden, sich aber nicht mehr für den Furz schämen. Wenn jemand aber den Blick des anderen verinnerlicht hat - Leon Wurmser spricht vom „inneren Auge“ oder vom „beobachtenden Auge des eigenen Gewissens“,53 die Tiefenpsychologie allgemein vom Über-

Ich -, so schämt er sich, obwohl der Verdacht von ihm abgelenkt ist. Er fühlt sich trotzdem ertappt.

Es gibt auch die Möglichkeit, den Blick derart verinnerlicht zu haben, dass schon der Gedanke an die Möglichkeit, dass jemand anderer etwas sehen, riechen oder hören könnte, Schamgefühle auslöst. Das weiter oben genannte Beispiel, in dem sich eine Toilettentür nicht verriegeln lässt, beschreibt genau diese Situation.

Vergleichbar ist diese Situation mit dem Gefühl, das manche gottgläubige Menschen haben, nämlich dass Gott immer alles sieht. Hier ist der andere durch Gott immer präsent. Durch die Omnipräsenz Gottes wird es unmöglich, irgendeine intime Handlung ohne den Blick des anderen zu vollziehen, und insofern ist es in extremen Fällen auch nicht möglich, z.B. bei der Intimpflege oder sexuellen Handlungen, ohne Schamgefühle zu sein.54 Mir ist der Fall einer alten Dame bekannt, die sehr religiös und gottgläubig war und sich beim Baden immer einen Badeanzug anzog, weil sie durch die Gegenwart Gottes nie alleine war.

Wie sehr aber der Blick des anderen verinnerlicht sein kann, zeigt, dass man

im Biedermeier der schicklichen Frau [empfahl], vor dem Baden Sägespäne in die Wanne zu schütten, um sich den Anblick der entblößten Brüste und des Schamhaares zu ersparen - was im übrigen noch die Mädchenkalender um die Jahrhundertwende tun [...]55.

Innenperspektive und Außenperspektive

Der Mensch selber aber heißt dem Erkennenden: das Tier, das rote Backen hat. Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schämen müssen? Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das ist die Geschichte des Menschen.56

Auf eine beschämende Situation reagiert derjenige, der sich schämt, nicht nur psychisch. Er reagiert auch körperlich. Die körperlichen Reaktionen sind wiederum für den anderen sichtbar, was zu einer Verschärfung des Scham­gefühls führen kann. Dadurch, dass man rot wird, zeigt man, dass man sich schämt, was wiederum beschämend ist, weil man dadurch das Unangenehme und seine eigene Unterlegenheit betont, „weil man sich durch den roten Kopf zusätzlich exponiert fühlt. Wie ein Leuchtsignal demonstriert er das Gefühl der Beschämung und gibt Anlaß zu weiteren schamintensivierenden Blicken, wenn nicht gar zu Kommentaren.“57 Man kann außerdem „Rotwerden“ nicht kontrollieren. Die Scham für den eigenen Kontrollverlust kommt dazu.

Die Tendenz, in beschämenden Situationen zu erröten, ist nicht bei jedem gleich ausgeprägt. Wer nie errötet oder selten, kann sich glücklich schätzen. Nichts unterstreicht eine Scham-Situation so sehr wie das Erröten. Für Schamsituationen beschreibt Izard aber noch weitere typische Phänomene: Neben unruhigen Augenbewegungen, Blinzeln und Senken oder Wegdrehen des Kopfes können dadurch, dass man sich selbst im Zentrum des Interesses weiß, kognitive Hemmungen den Verlust der Geistesgegenwart verursachen, was Sprechschwierigkeiten wie z.B. Stottern auslösen kann.58 Weiters können Pulsbeschleunigung und Änderungen in der Atmung durch die Erregung des Sympathikus auftreten.59 Besonders typisch für Schamsituationen sind aber Fluchtwünsche:

Typisch für die Art Passivität, die das Schamgefühl ausmacht, sind undurchführbare oder sich gegenseitig blockierende Bewegungsimpulse. Wer sich schämt, will sich am liebsten vor sich selbst verstecken, vor sich fortlaufen, in Staub und Nichts oder im Boden versinken. Statt- dessen findet man sich an seinem Ort in der Situation festgebannt, Flucht ist allenfalls aus der Situation möglich, nicht aber aus dem Gefühl.60

Die Fluchtreaktion, die meistens instinktiv in den ersten Momenten einer beschämenden Situation erfolgt, ist die Flucht vor dem Blick des anderen durch Zu-Boden-Schauen, Dem-Blick-Ausweichen.61 Das wiederum ist aus der Außenperspektive sichtbar und verstärkt das Beschämende an der gesamten Situation wie beim Erröten. In Körperschamsituationen tritt nicht nur der Wunsch flüchten zu wollen auf, sondern auch instinktiv der Wunsch, jene Körperteile mit Händen oder Gegenständen zu bedecken, welche für die betreffende Person besonders schambesetzt sind: Hauptsächlich sind das die Genitalien und bei Frauen die Brust, aber auch das Einziehen des Bauchs am Strand ist eine Art des Verbergens und ein Zeichen der Scham.

Landweer beschreibt das Schamgefühl als Gefühl des Vernichtetseins, der Passivität, der Enge mit Bewegungsimpulsen „der extremen Zusammen­ziehung, des Sichduckens, Schrumpfens und Versinkens“.62 Die Flucht aus der Situation wird dann möglich, wenn man die für eine Schamsituation typischen Verhaltensweisen kontrollieren kann, z.B. indem man dem anderen fest in die Augen schaut, sich aufrichtet. Durch derartige Verhaltenskontrolle wird allerdings lediglich die Situation verbessert, die Flucht aus dem Gefühl ist nicht möglich, wenngleich durch die Verhaltenskontrolle keine Ver­schärfung der Beschämung eintritt. Deshalb, so Landweer, ist es wichtig, bei der Untersuchung von Gefühlen zwischen der Außen- und Innenperspektive zu unterscheiden,63 was in der Folge auch für die Unter-scheidung zwischen Scham und Peinlichkeit wichtig sein wird.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Lehrer steht vor der Klasse und lässt versehentlich einen fahren, was lautstark zu hören ist. Der Furz hängt in der Luft, die Schüler lachen, die Situation ist extrem peinlich. Der Lehrer - nicht der Typ, welcher schnell errötet - möchte im Boden versinken. Er schämt sich. Handlungsmöglichkeiten, um die Situation möglichst wenig peinlich zu gestalten: Mit dem Unterricht fortfahren, als ob nichts geschehen wäre, oder noch besser: einen Scherz über den eigenen Furz machen. Letztere Reaktion würde auf die Schüler wahrscheinlich enorm selbstsicher wirken und die Situation wahrscheinlich tatsächlich retten.64 Das Gefühl der Scham würde dem Lehrer trotzdem bleiben.

Ein anderes Beispiel: Eine 14-Jährige sollte zu ihrem ersten Frauenarztbesuch. Da sie informiert war, dass der Arzt Genitalien und Brust untersuchen würde, war sie fälschlicherweise der Meinung, dass sie sich ganz nackt ausziehen muss. Als der Arzt meinte, sie solle sich frei machen, zog sie sich also ganz nackt aus und nahm am Untersuchungsstuhl Platz. Der Arzt reagierte peinlich berührt und ermahnte die junge Patientin, dass sie sich nur unten freimachen hätte sollen. Die Patientin wurde sich ihres Lapsus bewusst und schämte sich sehr. Um aber ihre Scham nicht zu zeigen, blieb sie nackt auf dem Sessel liegen und fragte noch, wann der Arzt die Brust untersuchen werde.

1.3 Peinlichkeit, Scham und Verlegenheit

Im Beispiel vom furzenden Lehrer wird der Begriff der Peinlichkeit im Zusammenhang mit Scham verwendet. Dieser Zusammenhang soll hier näher erklärt werden. Hilge Landweer unterscheidet Peinlichkeit und Scham. Sie beschreibt Peinlichkeit als wesentlich schwächeres leibliches Gefühl und nennt dann die Verlegenheit als noch schwächeres Gefühl.65 Wurmser trennt Scham, Verlegenheit und Peinlichkeit überhaupt nicht voneinander, sondern sieht Gefühle wie Schüchternheit, Betretenheit und Verlegenheit als schwächere Formen des Schamgefühles an.66

Neckel sieht in Scham, Peinlichkeit und Verlegenheit Gefühle, die sich zwar unterscheiden, die aber ineinander übergehen können, worin ich mit ihm übereinstimme. Dass es sich um unterschiedliche Gefühle handeln muss, ergibt sich für ihn vor allem aus den sprachgeschichtlichen Bedeutungen dieser drei Begriffe, die er dem deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm entnimmt: „Peinlich“ wird hier von der „peinlichen Strafe“ mittelalterlicher Inquisitionspraktiken hergeleitet, die qualvoll, schmerzhaft und öffentlich waren, so dass zu den Schmerzen der Folter die Demütigung der Öffen­tlichkeit kam. Seit Luther wird „peinlich“ auch für ein Gefühl „innerer Be­drängnis“ bei öffentlicher Bloßstellung verwendet. Verlegenheit bedeutet „unentschlossen [...] im Handeln“, „Zustand, da man nicht weiß, wie man sich benehmen soll“67, „wobei der Verlegenheit der eindeutig negative Bedeu­tungsgehalt, der mit dem ,Peinlichen’ verbunden ist, nicht generell zu­kommt.“68 Scham wird als „Schimpf, Schmach und Schande“ im Zusammen­hang mit „Herabsetzung der sittlichen Wertschätzung“ und der „Verurteilung durch andere“ angeführt.69

Neckel sieht die Begriffe Scham, Peinlichkeit und Verlegenheit als historisch ursprünglich sehr unterschiedliche Begriffe, die sich relativ spät erst einander angenähert haben.70 Ich sehe in dieser interessanten historischen Analyse eher die Gemeinsamkeiten in der Bedeutung der drei Begriffe: Alle Begriffe bezeichnen Zustände, die etwas Quälendes und Schmerzhaftes sowie die Schande und Scham durch die Öffentlichkeit, durch das Gesehenwerden gemeinsam haben. Da sich die Bedeutungen aber offensichtlich verändert und, wie Neckel selbst sagt, sich die Begriffe einander angenähert haben, bringt uns diese historische Analyse nicht viel. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Gefühle von Scham, Peinlichkeit und Verlegenheit, wie sie heute empfunden werden, zu analysieren. Dass sich die Bedeutung verändert hat, zeigt meines Erachtens gerade der Begriff der Scham, der nicht mehr - so wie zu Zeiten der Brüder Grimm - notwendigerweise moralisch Verwerf­liches als Auslöser haben muss. Scham kann empfunden werden für alles Mögliche.71

[...]


5 Menninghaus: Ekel. S. 33.

6 Fühlen; und gesund pflegen 261

7 Menninghaus: Ekel. S. 33.

8 Neckel: Achtungsverlust und Scham. S. 244.

9 De Sousa, R.: Die Rationalität des Gefühls. S. 16.

10 Barthes: Sade, Fourier, Loyola. S. 156.

11 Eco: Nachschrift zum „Namen der Rose“. S. 89.

12 Barley: Tanz ums Grab. S. 12.

13 Sartre: Der Ekel. S. 149. Auch Kierkegaard beschreibt den Ekel vor dem Dasein, dem zufälligen In-der-Welt-Sein. Vgl. Kierkegaard: Die Wiederholung. S. 70f.

14 Menninghaus: Ebd. S. 521.

15 Vgl. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. S. 65.

16 Vgl. Freud: Ebd. Vgl. ders.: Briefe an Wilhelm Fließ. Brief vom 14. 11. 1897. S. 199f. Vgl. ders.: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. GW V., S. 208.

17 Vgl. Freud: Bruchstücke einer Hysterie-Analyse. GW VI., S. 125. Vgl. ders.: Drei Abhand­lungen zur Sexualtheorie. GW V., S. 71. Eine sehr ausführliche Analyse der Ekelthematik in Freuds Schriften gibt Menninghaus in: Psychoanalyse des Stinkens: Libido, Ekel und Kultur­entwicklung bei Freud. Vgl. ders.: Ebd. S. 275-332.

13 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. § 263, S. 228.

14 Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen. In: Vorkritische Schriften 1757-1777. S. 234.

15 Vgl. auch: Scheler: Über Scham und Schamgefühl. In: Schriften aus dem Nachlaß. Bd. 1. S. 83ff.

16 Van der Bruggen: Defäkation. S. 21ff.

17 Sabbath/Hall: End-Product. The first taboo.

18 Vgl. Huchzermeyer: Erbrechen. Ein interdisziplinäres Problem. S. 1. Vgl. Hawthorn: Übelkeit und Erbrechen. S. 19ff.

Vgl. Hawthorn: Ebd. S. 7. u. 22f. Vgl. Ringel: Ekel in der Pflege. S. 15.

Huchzermeyer: Ebd. S. VII.

Sowinski: Grenzsituationen in der Pflege. S. 10.

Vgl. Bovenschen: Über-Empfindlichkeit. S. 33.

Vgl. Sowinski: Ebd. S. 11.

Ebd.

25 Balle: Tabus in der Sprache. S. 165. Vgl. auch: Douglas: Reinheit und Gefährdung. S. 160.

26 Vgl. Seidler: Der Blick des Anderen. S. 51.

Duerr: Nacktheit und Scham. S. 12.

28 Neckel: Achtungsverlust und Scham. S. 249.

29 Vgl. ebd. S. 254ff. Vgl. Landweer: Scham und Macht. S. 92ff.

30 Vgl. Wurmser: Die Maske der Scham. S. 60.

31 Vgl. Landweer: Ebd. S. 92ff.

32 Ebd. S. 97f

33 Wurmser: Ebd. S. 60.

34 Ebd. S. 136.

35 Nietzsche: Morgenröte. § 352. S. 241.

36 Zur Unterscheidung von Schamaffekt und Stimmung vgl. Wurmser: Ebd. S. 59.

37 Vgl. Landweer: Ebd. S. 7. Vgl. auch: Blankenburg: Zur Differenzierung zwischen Scham und Schuld. S. 51f.

38 Landweer: Ebd. S. 42.

39 Vgl. Jacoby: Scham-Angst und Selbstwertgefühl; und seinen gleichnamigen Artikel in: Kühn u. a. (Hrsg.): Scham - ein menschliches Gefühl. S. 159-168.

40 Landweer: Ebd. S. 42.

41 Vgl. Schultheiss: Scham und Normen. S. 98. Vgl. auch Blankenburg: Zur Differenzierung zwischen Scham und Schuld. S. 50. Vgl. auch Landweer: Scham und Macht. S. 40.

42 Schultheiss: Scham und Normen. S. 98. Zur Unterscheidung zwischen Scham und Schuld finden sich weitere Beiträge in: Landweer: Ebd. Kap. II. 4. Blankenburg: Ebd. Lewis: Scham. S.41f.

Wurmser sieht den Unterschied zwischen Scham und Schuld vor allem in ihrer sozialen Funktion: „Das Schuldgefühl hält uns davon ab, mit unserer Machtausdehnung die Sphäre eines anderen verletzen zu lassen, während unser Schamgefühl den anderen davon abhält, unsere innere Grenze zu verletzen. - Das Schuldgefühl setzt der Stärke Schranken; Scham verdeckt und verhüllt Schwächet“ (Ebd. S. 56.) Natürlich können Schuld- und Schamgefühle auch gleichzeitig auftreten.

43 Raub: Scham - ein obsoletes Gefühl? S. 29f.

44 Letzteres ist ein Phänomen der Scham-Angst.

45 Sartre: Das Sein und das Nichts. S. 406. Vgl. dazu Raub: Ebd. S. 30f und Landweer: Ebd. S. 39.

46 Diese Unterscheidung zwischen Schamangst und Schamaffekt trifft auch Jacoby, in: Scham­angst und Selbstwertgefühl. S. 20f.

47 Vgl. Wurmser: Ebd. S. 73f.

48 Vgl. ebd. S. 82.

49 Duerr: Nacktheit und Scham. S. 235.

50 Vgl. Wurmser: Ebd. S. 59.

51 Häufig kommen hier zu Schamgefühlen noch Schuldgefühle hinzu, was zwangsläufig zu psychischen Störungen führt.

52 Duerr: Ebd. S. 103.

53 Nietzsche: Also sprach Zarathustra. S. 109.

54 Landweer: Ebd. S. 41.

55 Vgl. auch Darwin: Der Ausdruck der Gefühle bei Mensch und Tier. S. 215.

56 Vgl. Izard: Die Emotionen des Menschen. S. 432ff. u. S. 465. Cicero hat bereits darauf hingewiesen, dass der Mensch das einzige Wesen ist, welches zu Schamgefühlen fähig ist. (Vgl. ders.: Fünf Bücher über das höchste Gut und Übel. 4. Buch, Kap. 7, § 18. S. 218.) Als erster genauer untersucht hat das Schamgefühl als menschliches Spezifikum aber erst viel später Darwin. (Vgl. ders.: Ebd. S. 205ff.)

57 Landweer: Ebd. S. 41.

58 Vgl. Darwin: Ebd. S. 213f.

59 Vgl. Landweer: Ebd. S. 40.

60 Vgl. ebd. S. 40f.

61 Wenn man in Schamsituationen Scham nicht zeigen will, kann man den „anti-shame-look“ aufsetzen, durch das Zeigen von Verachtungsmimik und -gestik oder durch ein „eingefrorenes Gesicht“, bei dem Gesichtsmuskeln durch extreme Anspannung kontrolliert werden. (Vgl. Tomkins: Affect, imagery, consciousness. S. 120.)

62 Vgl. Landweer: Ebd. S. 43.

63 Vgl. Wurmser: Ebd. S. 76.

64 Vgl. Neckel: Status und Scham. S. 110ff.

65 Ebd. S. 112.

66 Vgl. ebd.

67 Vgl. ebd.

68 Wobei natürlich ungewiss bleibt, ob die Brüder Grimm sich die Zeit und die Sorgfalt nahmen, um den Schambegriff in seiner Bedeutung genau zu bestimmen. Wörterbücher sind für eine gründliche Analyse von Begriffen und ihrer Bedeutungen zu wenig. Historische Wörterbücher sagen etwas aus über die damaligen etymologisch-wissenschaftlichen Standards und die persönlichen Interpretationen der damaligen Autoren. Und nicht mehr.

69 Mit „Leiblichkeit“ ist hier der körperliche Ausdruck eines Gefühls gemeint.

70 Seidler, G.H.: Der Blick des Anderen. S. 60.

71 Wobei natürlich ungewiss bleibt, ob die Brüder Grimm sich die Zeit und die Sorgfalt nahmen, um den Schambegriff in seiner Bedeutung genau zu bestimmen. Wörterbücher sind für eine gründliche Analyse von Begriffen und ihrer Bedeutungen zu wenig. Historische Wörterbücher sagen etwas aus über die damaligen etymologisch-wissenschaftlichen Standards und die persönlichen Interpretationen der damaligen Autoren. Und nicht mehr.

Details

Seiten
287
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640675807
ISBN (Buch)
9783640675869
Dateigröße
5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148284
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Philosophie
Note
1,00
Schlagworte
Körperscham Ekel Gefühle Scham Belastungen

Autor

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Titel: Körperscham und Ekel. Wesentlich menschliche Gefühle und ihre Schutzfunktion