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Die Darstellung der Lechfeldschlacht 955 bei Widukind von Corvey

Eine Analyse der Kapitel 30 und 44 bis 49 im Liber III der Rerum Gestarum Saxonicarum

Seminararbeit 2009 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Geschichtsschreibung der Rerum gestarum Saxonicarum Widukinds von Corvey

3. Die Konfrontation mit den Ungarn auf dem ‚Lechfeld‘ 955
3.1. Zum Ablauf in der Darstellung Widukinds
3.1.1. Kapitel 30 und die Vorgeschichte
3.1.2. Kapitel 44 bis 48 – Der Vorabend und die Schlachthandlungen
3.2. Widukinds Charakteristik der Ungarn
3.3. Die Verheißungen des Sieges
3.4. Kapitel 49 – Ottos Ernennung zum Kaiser

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis
Quellen
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Etwas mehr als tausend Jahre liegt es zurück, als das damals befremdliche ungarische Volk[1] seinen Weg in die Geschichte des entstehenden Europas[2] fand. Was sie vorfanden, war ein krisengeschwächtes Spätkarolingerreich, in dem erst in der Zeit der Ottonen ein Weg aus der Ohnmacht gelang. Gerade diese desolaten Zustände nutzten die östlichen Steppenreiter als taktische Vorteile aus und gelangten schnell zu einem Ruf „der besonderen militärischen Überlegenheit“[3]. Dass dieses nomadische Volk nicht unbesiegbar war, zeigt neben temporären Erfolgen besonders eine kriegerische Konfrontation, die als ‚Lechfeldschlacht‘ von 955 Eingang in die Geschichte fand. Im Unterschied zu den vorherigen Auseinandersetzungen mit den Ungarn hat gerade dieser Sieg eine Wende[4] herbeigeführt.

Der spärlichen Quellenlage zu dieser Zeit ist es zuzuschreiben, dass sich die Gründe dafür nicht einfach finden lassen. Ein hierfür bedeutendes Dokument liegt mit der Sachsengeschichte[5] des Mönchs Widukind von Corvey vor, einem Zeugnis für die erste Hälfte der ottonischen Herrschaft. Anliegen dieser Arbeit ist es nun, die darin dargestellte ‚Lechfeldschlacht‘ in den Kapiteln 30 und 44 bis 49 des Dritten Buches näher zu untersuchen. Zwei Fragen sollen hierbei von Interesse sein. Für eine Bedeutung der Schlacht in den Augen Widukinds erfolgt im Vorfeld eine kritische Betrachtung seiner Historiografie und gesondert die Ernennung Ottos zum Kaiser auf dem Schlachtfeld und Zeichen seines Sieges. Für die Beantwortung der Frage nach der Nachhaltigkeit des Sieges soll der geschilderte Ablauf analysiert und auffällige Elemente eigens beleuchtet werden. Dies betrifft die ‚göttlichen‘ Rahmenbedingungen und das illustrierte Bild der Ungarn.

2. Zur Geschichtsschreibung der Rerum gestarum Saxonicarum Widukinds von Corvey

Anders als es die zeitgenössische Geschichtsschreibung vermag, bietet die mittelalterliche Geschichte nur einen begrenzten historiografischen Fundus. Darüber hinaus ergeben sich spezifische geschichtswissenschaftliche Fragestellungen, die einen enormen Einfluss auf die Deutung und Bewertung einer mittelalterlichen Quelle ausüben. Wie Helmut Beumann trefflich konstatiert, stellt ein jedes historiografische Dokument „ein Stück Geschichte [dar] und will wie diese verstanden werden“[6].

Widukind von Corveys Geschichtsschreibung im chronistischen Stil reicht weit in die Vergangenheit[7] zurück und bedient sich dabei des Mittels der Kompilation[8] von Teilen anderer Werke. Unter dieser Maßgabe sind andererseits auch bei geschilderten zeitgenössischen Ereignissen die Grenzen zur Augenzeugenschaft nicht mehr zu erkennen. Dieser Tatbestand spielt besonders eine Rolle angesichts der wenigen umfassenden Quellen zur frühen Ottonenzeit.[9]

Mit den inhaltlichen Elementen ist zudem auch die entscheidende Frage nach der Datierung tangiert, die bemessen am Umfang einem nicht unproblematischen Entstehungsprozess unterworfen ist. Nachdem in der älteren Forschung frühe Datierungen auf Ende der 950er Jahre angenommen wurden, wird hierbei heute von einer Entstehung um 967/68 ausgegangen.[10] Für eine Deutung darf der retrospektive Blickwinkel Widukinds nicht aus den Augen verloren werden.

Von der Datierung gleichfalls nicht unabhängig ist die Schreibmotivation zu sehen. Im Prolog der Sachsengeschichte gibt der Mönch selbst Informationen dazu. Explizit widmet er es der jungen Mathilde, Äbtissin von Quedlinburg und Tochter Ottos des Großen. Hinzu kommt, dass sie aufgrund der Abwesenheit des Kaiserpaares und des jungen Ottos II., dem späteren Thronnachfolger, die einzige Angehörige des Ottonenhauses nördlich der Alpen war. So betrachtet war sie auf deutschem Boden die ottonische Herrschaftsrepräsentantin. Damit handelt es sich mit der Sachsengeschichte primär um ein informatives Werk. Auf unterhaltende Weise soll es der Äbtissin die stolze sächsische Mentalität und die ruhmreichen Taten des Vaters und des Großvaters Heinrichs I. nahelegen.[11] Sowohl das deutliche Rühmen der königlichen Ahnen, als auch die damit verbundene Aufarbeitung der sächsischen Geschichte nach der Schmach der Sachsenkriege[12] stellen causae scribendi dar.

Zusammenfassend muss dem sächsischen Geschichtsschreiber Widukind ein Gesamtkonzept vorgelegen haben, an dem er seine Darstellung orientiert hat.[13]

Alle diese Voraussetzungen erschweren eine historische Hermeneutik, da die geschilderten Ereignisse durch die Retrospektive keinesfalls positivistisch betrachtet werden dürfen. Zu dieser Problemstellung ist in der heutigen Widukind-Forschung eine weitreichende Kontroverse entbrannt. Ansetzend an Widukinds Bericht der Königswahl Ottos I. 936 stehen sich bezüglich der Glaubwürdigkeit die Positionen von Johannes Fried und Gerd Althoff gegenüber. In Abgrenzung zu Fried schreibt Althoff, „daß die Geschichten [Widukinds] Verformungen realen Geschehens“[14] und damit nicht „Bereich der Fiktion“[15] seien.

Gemäß seiner Schreibintention vermochte der sächsische Geschichtsschreiber in den RGS[16] wichtige Aspekte zu akzentuieren oder nach eigenem Ermessen auch Begebenheiten wegzulassen. Ein Beispiel dafür gibt die nicht erwähnte Kaiserkrönung Ottos I., was an späterer Stelle von Interesse sein wird. Gerade diese individuelle Gewichtung bezeugt Widukinds gebundenen historiografischen Stil. So tradiert er vorherrschende Sichtweisen, gibt implizit Einblicke in seine politischen Auffassungen und kann diskret Kritik äußern.[17]

[...]


[1] Anlässlich der langjährigen gemeinsamen Geschichte fand 2001 in Bayern eine Landesausstellung statt, die mit zahlreichen Beiträgen eine geschichtliche Aufarbeitung der Beziehungen Bayerns mit Ungarn anvisiert hatte. Einige Aufsätze aus selbigem Tagungsband sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.

[2] Mit der Vertreibung aus ihrer östlichen Heimat setzt um 895 die ungarische „Landnahme“ ein, das heißt ihre Wanderung nach Westen. Vgl. Maximilian G. Kellner: Die Ungarneinfälle im Bild der Quellen bis 1150. Von der „Gens detestanda“ zur „Gens ad fidem Christi conversa“. München 1997. S. 85.

[3] Matthias Springer: 955 als Zeitenwende – Otto I. und die Lechfeldschlacht. In: Otto der Grosse, Magdeburg und Europa. Bd. 1: Essays. Mainz 2001. S. 200.

[4] In diesem Punkt ist sich die heutige Geschichtsforschung weitestgehend einig. Vgl. M. Springer: 955 als Zeitenwende. S. 199f.

[5] Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres. Ed. v. P. Hirsch u. H.-E- Lohmann u.a. In: MGH SS rer. Germ. in us. schol. 60. Hannover 1935. Im Folgenden auch als RGS abgekürzt. Diese Edition liegt allen Zitaten aus den RGS in dieser Arbeit zugrunde.

[6] Helmut Beumann: Historiographische Konzeption und politische Ziele Widukinds von Corvey. In: La storiografia altomedievale. 10-16 aprile 1969. Bd. 2. Spoleto 1970. S. 857.

[7] Im ersten der drei Bücher der Sachsengeschichte gibt Widukind Einblicke in die Frühgeschichte des sächsischen Volkes bis hin zur frühen Ottonenzeit.

[8] Aufgrund dessen darf eine bekannte Autorschaft wie in diesem Fall nicht mit dem modernen und anachronistischen Verständnis von Urheberschaft verwechselt werden.

[9] Zu dieser Problematik ausführlicher Gerd Althoff: Widukind von Corvey - Kronzeuge und Herausforderung. In: FMSt 27. Berlin 1993. S. 253-272.

[10] Vgl. H. Beumann: Historiographische Konzeption. Spoleto 1970. S. 859-862.

[11] Vgl. Markus Brömel: Widukind von Corvey – Kronzeuge und Herausforderung. In: Auf den Spuren der Ottonen III. Protokoll des Kolloquiums am 22. Juni 2001 in Walbeck/Hettstedt. Halle 2002. S. 17.

[12] Unter Karl dem Großen kam es zu einem über 30 Jahre andauernden kriegerischen Eingliederungsprozess Sachsens in das Fränkische Reich (verbunden mit der Zwangsmissionierung), der erst 804 einen Abschluss fand.

[13] Dabei handelt es sich aufgrund der geformten Traditionslinie jedoch nicht um den Niederschlag einer ottonischen Hausüberlieferung. Vgl. H. Beumann: Historiographische Konzeption. Spoleto 1970. S. 865-868.

[14] Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. Stuttgart 2000. S. 32.

[15] Ebd. S. 33.

[16] Siehe Anm. 2.

[17] Vgl. M. Brömel: Kronzeuge und Herausforderung. Halle 2002. S. 18.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640590230
ISBN (Buch)
9783640590063
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148288
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Ottonen Otto I. Otto der Große 955 Ungarn Lechfeld Widukind Corvey Sachsengeschichte Res Gestae Saxonicae

Autor

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