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Der Einfluss Chinas auf die europäische Staatslehre im 18. Jh. am Beispiel von Albrecht von Hallers Staatsroman „Usong“

Bachelorarbeit 2008 44 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die chinesische Gesellschaft der Neuzeit
2.1 China als Mittelpunkt der Welt
2.2 Die Rolle des Kaisers
2.3 Die Religion
2.4 Das Prüfungswesen
2.5 Die drei grossen Kaiser der Qing-Dynastie

3. Die Wahrnehmung Chinas durch die Europäer
3.1 Geschichte des Kulturkontakts zwischen China und Europa bis zur Jesuitenmission
3.2 Die Mission der Jesuiten
3.3 China und die Aufklärer
3.4 Der Wandel des europäischen Chinabildes
3.5 Fazit

4. „ Usong“
4.1 Albrecht von Hallers Staatsdenken
4.2 Hallers Staatsromane
4.3 Inhalt des „Usong“
4.4 Bedeutung Chinas im „Usong“
4.5 Usongs Staatsführung im Detail
4.6 Wu-Wei
4.7 Umsetzung Wu-Weis auf die Schweiz

5. Einordnung Hallers in die Chinarezeption und Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

China übte im 17. und 18. Jahrhundert eine grosse Faszination auf die europäischen Denker aus. Das Kaiserreich galt als eine der europäischen ebenbürtige Hochkultur. Zwei Dinge beeindruckten die europäischen Aufklärer besonders: Das Fehlen einer Kirche und das Fehlen eines parasitären, die Wirtschaft belastenden Adels, da die chinesischen Beamten ihre nichtvererbbare Stellung durch das Ablegen zahlreicher Prüfungen verdienen mussten. Zu den chinafreundlichsten Autoren zählten Leibniz, Du Halde[1], Quesnay und Voltaire. Letzterer sah in China die Utopie des platonischen Philosophenstaates verwirklicht. Doch nicht alle Philosophen teilten diese Meinung. Für Montesquieu stellte das Reich der Mitte eine auf Furcht basierende Despotie dar und auch Rousseau zählte zu den Kritikern Chinas. Doch erst nach Beginn der britischen Expansion nach Asien um 1800 änderte sich das europäische Bild Chinas generell zum Schlechten. Vermehrt machten Berichte über die angebliche Korruption und Ineffizienz der chinesischen Beamtenschaft die Runde. Die Europäer begannen eine ethnozentrische Sichtweise und eine abwertende Haltung gegenüber allen nichteuropäischen Kulturen zu entwickeln. Über die Gründe für diesen Meinungsumschwung wurde bereits an anderer Stelle viel geschrieben. Besonders Jürgen Osterhammel[2] und Edward Said[3] haben sich damit befasst. In dieser Bachelorarbeit geht es vielmehr um die Sichtweise Europas auf China in der frühen Neuzeit und den allfälligen Einfluss des chinesischen Staatswesens auf Politik und Gesellschaft Europas, insbesondere der Schweiz. Während im Bereich des Staatswesens Europa trotz aller Sinophilie kaum Aspekte des chinesischen Staatswesens übernahm, war der Einfluss des Kaiserreichs in wirtschaftlichen Belangen gross, zumindest wenn man dem Aufsatz von Christian Gerlach[4] „Wu- Wei in Europe“ Glauben schenkt. Gerlach ist der Ansicht, dass die chinesische Wirtschaftspraxis des Wu-Wei (weniger tun) einen massgeblichen Einfluss auf die physiokratische[5] Schule Quesnays hatte und damit in geringerem Ausmass auch auf die heute noch gebräuchliche Lehre Adam Smiths. Gemäss der daoistischen[6] Lehre des Wu-Wei soll die Wirtschaft möglichst frei von menschlichen Eingriffen der natürlichen Ordnung folgen. Quesnay entnahm aus China vor allem die starke Betonung auf agrarische Aspekte. Gerlach weist darauf hin, dass die physiokratische Lehre in Frankreich nie in grösserem Ausmass in die Praxis umgesetzt worden war.[7] Er stellt jedoch die These auf, dass eine modifizierte Form von Wu-Wei, dessen Fokus nicht auf der Landwirtschaft, sondern vielmehr auf dem Gewerbe lag, in der Schweiz nach 1848 umgesetzt wurde. Laut Gerlach ist Albrecht von Haller einer der Wegbereiter dieser Entwicklung. In seinem Staatsroman „Usong“ schilderte Haller wie der Protagonist in seinem Reich Wu-Wei in einer nicht-agrarischen Form umsetzte. Dieses Werk Hallers wird in der Forschung kaum beachtet. Die wenigen Texte über „Usong“ stammen mehrheitlich von Germanisten, die weder Chinaexperten sind, noch die wirtschaftlichen Aspekte des Romans betrachten. So wird beispielsweise Wu-Wei mit Ausnahme von Gerlach, in keinem Werk erwähnt.

Diese Arbeit wird sich auf wirtschaftliche und staatsphilosophische Aspekte konzentrieren. Die sogenannte Chinoiserie, d.h. die Faszination Europas für chinesische handwerkliche Erzeugnisse wie Mode, Möbel oder Porzellan, wird in dieser Bachelorarbeit nicht thematisiert. Die Chinoiserie, die das Verlangen der Europäer nach Exotischem und Fremdem stillte, hielt auch an, als das Interesse der Philosophen am chinesischen Staatswesen bereits am Abklingen war. China habe ich als Thema dieser Arbeit gewählt, weil dieses Land auf der Weltbühne zunehmend an Bedeutung gewinnt. Damit steigt in der Öffentlichkeit das Bewusstsein über die grossen zivilisatorischen Errungenschaften des Reiches in der Vergangenheit. Trotzdem sind die meisten Universitäten der europäischen Welt weiterhin in einem eurozentrischen Weltbild verfangen.

Der Aufbau dieser Arbeit wird folgendermassen aussehen: Zuerst werde ich kurz die chinesische Gesellschaft schildern und beschreiben wie sie von europäischen Besuchern interpretiert bzw. fehlinterpretiert wurde. Dieser erste Teil, der die Kapitel 2 und 3 umfasst, endet mit einem Fazit wo noch einmal zusammengefasst wird, was die Europäer an China besonders interessierte und festgestellt wird, wie weit das europäische Bild Chinas überhaupt den Tatsachen entsprach. In einem zweiten Teil werde ich mich Haller und seinem Roman „Usong“ widmen und schildern wie Usong in seinem Reich die chinesischen Staats- und Wirtschaftslehren umsetzte. Zudem werde ich Gerlachs These, die quasi eine direkte Linie vom alten China hin zur modernen Schweiz postuliert, diskutieren. Auch dieser Teil wird mit einem Fazit enden, das Haher m die Chinarezeption einordnet.

2. Einführung in die chinesische Gesellschaft der Neuzeit

2.1 China als Mittelpunkt der Welt

Die Chinesen hielten ihr Reich für die Quelle sämtlicher Kultur und Zivilisation und für den Mittelpunkt der Welt. Daher konnte es auch keine gleichwertigen Beziehungen zu anderen Völkern geben. Andere Länder mussten die Oberhoheit des chinesischen Kaisers anerkennen und Tribute zahlen. Dafür erhielten sie Gegengeschenke und den begehrten Zugang zum chinesischen Markt. Der Sinozentrismus Chinas war durchaus verständlich, denn zu Beginn der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) war das Land auf allen Seiten von kulturell unterlegenen Berg- oder Steppenvölkern umgeben. Im Süden und im Westen passten sich die Menschen mit der Zeit den überlegenen Gebräuchen der Chinesen an und wurden selbst mit der Zeit zu Chinesen. Anders verhielt es sich mit den militärisch überlegenen Nomadenvölkern im Norden. Sie griffen China unzählige Male an, zweimal gelang es ihnen das ganze Reich zu erobern.[8] Doch zum Regieren waren die Eroberer auf die chinesische Bürokratie mit ihren Ressourcen und Institutionen angewiesen. Daher wurden weder die Kultur, die Religion noch der Staatsaufbau Chinas durch die Eroberer massgeblich verändert. Die fremden Herrscher wurden mit der Zeit selber zu Chinesen. Erst im 19. Jahrhundert gelang es den europäischen Mächten, durch die gewaltsam erzwungene Marktöffnung, Chinas Staatswesen massgeblich zu verändern. Ich werde in den folgenden Unterkapiteln die wichtigsten Merkmale dieser beispiellos widerstandsfähigen chinesischen Kultur erläutern.

2.2 Die Rolle des Kaisers

An der Spitze des chinesischen Staatswesens war der durch den Himmel legitimierte Kaiser. Er stand in sämtlichen wichtigen philosophischen Denkschulen über dem Gesetz. Sowohl bei den Konfuzianern als auch bei den Daoisten und den Legalisten war dieses lediglich ein Hilfsmittel, nicht etwas das ausserhalb des Herrschers existierte. Die Chinesen glaubten, dass die Menschheit ähnlich wie die Sterne am Himmel organisiert wäre.[9] Genau so wie der Polarstern in der Mitte fixiert scheint, so war auf der Erde der Kaiser der zentrale Herrscher, der Sohn des Himmels, der Pol um den sich die Menschheit bewegte und die direkte Verbindung zwischen Himmel und Erde. Gemäss der konfuzianischen Lehre hatte der Kaiser vor allem eine repräsentative Rolle. Er sollte sich darauf beschränken, die fähigsten Beamten auszuwählen.[10] Zudem mussten ihm Gesetzesvorlagen zur Billigung vorgelegt werden. Der Kaiser konnte jedoch nicht selbst Initiative ergreifen. In der Ming-Dynastie (1368-1644) versuchten die Kaiser, teils erfolgreich, ihre Stellung auszubauen. Taizu[11] (1328-1398) verlangte widerspruchslose Ehrerbietung von seinen Untergebenen. Er zögerte nicht, Körperstrafen gegen sie anzuwenden und erliess strenge Gesetze. Zugleich befreite er aber auch das Volk von einem Grossteil der Steuern und reduzierte massiv die Staatsausgaben. Unter anderem sorgte der von den daoistischen Prinzipien der Nichteinmischung geleitete Herrscher dafür, dass sich die Armee fortan selbst unterhalten musste. Eine Folge seiner Herrschaft war, dass die Korruption stark zunahm. Das Einkommen der Beamten und der Soldaten war so gering, dass sie auf Bestechungsgelder angewiesen waren. [12] Die Reformen Taizus legten den Grundstein für die Korruption, an der China in späteren Jahrhunderten zugrunde gehen würde.

2.3 Die Religion

In China gab es keine organisierte und institutionalisierte Staatsreligion. Weit verbreitet waren der Ahnenkult und der Schamanimus. In jedem Haus stand ein Altar, an dem die Vorfahren durch Opfergaben geehrt und böse Geister besänftigt wurden. Der Kaiser selbst galt als der Sohn des Himmels. Alljährlich opferte er vor dem Altar des Himmels und führte das Ritual der ersten Feldbestellung durch. Trotzdem fehlte in den chinesischen Religionen der Glaube an einen persönlichen Gott. Die drei religiösen Hauptströmungen Chinas, der Konfuzianismus, der Daoismus und der Buddhismus waren eher Philosophien, die sich mit der Einstellung der Menschen zu praktischen und alltäglichen Dingen beschäftigten. Insbesondere die Praktiken des Konfuzianismus und des Daoismus schlossen sich nicht gegenseitig aus. Sie waren mit den Ahnen- oder Naturkulten und sogar mit dem Christentum vereinbar. In Europa war im 18. Jahrhundert die Meinung, dass die Chinesen Deisten seien, weit verbreitet.

Der Konfuzianismus[13] war die unter Gelehrten verbreitetste Lehre. Ihr Namensgeber Konfuzius (551-479 v. Chr.) war ein Beamter des Staates Lu (der heutigen Provinz Shandong) gewesen. Das

Ziel seiner Lehre war es, einen tugendhaften Menschen hervorzubringen und der Gesellschaft Harmonie und Frieden zu bringen. In einer Zeit, in der China in zahlreiche zerstrittene Kleinstaaten zerteilt war und nur das Recht des Stärksten galt, predigte er Gesetz, Ordnung, Frieden und Achtung vor dem Individuum. Er vertrat die Ansicht, dass das Ziel einer jeden Regierung das Wohl des ganzen Volkes sein müsse. Dies sollte jedoch nicht durch strenge und willkürliche Gesetze geschehen, sondern durch allgemein als gut erachtete und im Naturrecht verankerte Gebräuche. Konfuzius trat für eine allgemeine Bildung ein und warb dafür, dass politische Ämter an die Bestqualifizierten vererbt wurden. Er glaubte, dass jedermann dazu erzogen werden könne, das Wahre zu erkennen. Grundlage des Konfuzianismus waren die vier hierarchischen Beziehungen Vater/Sohn, Ehemann/Ehefrau, älterer Bruder/jüngerer Bruder und Herrscher/Volk.[14] Die Beziehungen waren keineswegs so einseitig wie sie auf den ersten Blick scheinen. Nach der Vorstellung des Konfuzius sollte der Übergeordnete seinen Willen nicht gewaltsam durchsetzen, sondern als moralisches Vorbild dienen. Zu Lebzeiten seines Gründers hatte der Konfuzianismus nur wenig Erfolg. Keiner der Staaten entschloss sich seinen Lehren zu folgen und Konfuzius starb verbittert. Erst in den Jahrhunderten nach seinem Tod gewann die Lehre an Bedeutung. Ab der Han-Zeit[15] war der Konfuzianismus die Lehre der Gelehrtenbeamten.

Die zweite wichtige chinesische Philosophie war der Daoismus.[16] [17] Er war vor allem beim einfachen Volk weit verbreitet. Im Gegensatz zum Konfuzianismus kann man den Daoismus als echte Religion bezeichnen. Er enthielt nicht nur soziale Lehren, sondern auch metaphysische Elemente. Den Begriff Dao lässt sich übersetzen mit „Weg des Universums“ oder „Ordnung der Natur“. Ziel des Daoismus war ein Gleichgewicht zwischen den beiden gegensätzlichen Urkräften, dem schöpferischen, aktiven und gebenden Yang, und dem passiven, empfangenden und bewahrenden Yin. Der Daoismus interessierte sich nicht für Politik und Gesellschaft, sondern für das Wohl des einzelnen Individuums. Die Menschen sollten sich nicht von ihren Begierden und Lüsten leiten lassen, sondern dem Weg der Natur folgen und so Glück und Harmonie finden. Die Daoisten wollten, dass die Menschen und vor allem die Politik so wenig wie möglich in die natürliche Ordnung eingreifen. Dieses Nichteingreifen wurde zum Leitbild der chinesischen Wirtschaft. Wie wir im Kapitel 4.6 sehen werden, trug der Daoismus auch zur Entstehung der Freihandelslehre von Adam Smith bei. Obwohl der Daoismus den Konfuzianismus als autoritär und unnatürlich kritisierte, waren viele Aspekte der beiden Religionen vereinbar.

Die dritte bedeutende Lehre, der Buddhismus, war die einzige, die nicht aus China stammte. Die Grundlagen der Lehre sind allgemein bekannt. Ich werde sie daher nicht erläutern. Der Buddhismus war vor allem in den ärmeren Schichten der Bevölkerung verbreitet, blieb aber ohne Einfluss auf das Staatswesen Chinas.

Die letzte wichtige Denkschule war der Legalismus. Er war in vielen Belangen fast das Gegenteil des Konfuzianismus. Von einem negativen Menschenbild ausgehend glaubten die Legalisten, man könne den Menschen nicht durch Erziehung zum Guten bekehren, sondern lediglich durch strenge Gesetze vom Bösen abhalten. Der Legalismus war eine autoritäre Schule in der das Wohl des Volkes nichts galt. Seine grösste Verbreitung hatte er in der Qin-Dynastie im 3. Jahrhundert vor Christus. Später verschwand er weitgehend, doch einige seiner Ideen lebten im Konfuzianismus weiter. Beispielesweise propagierten beide Lehren einen meritokratischen Bildungsadel.

2.4 Das Prüfungswesen

Zwischen der Tang (618-917) und der Song-Dynastie (960-1279) kam es zu einer Zentralisierung der kaiserlichen Macht und, durch ein ausgeklügeltes Prüfungssystem, zur Transformation des Adels in eine Bildungselite[18]. Es entstand ein meritokratischer Bildungsadel mit nichtvererbbaren Ämtern. Während der Ming-Zeit sahen die Prüfungen folgendermassen aus:[19] Es wurden vor allem die vier Bücher „Gespräche des Konfuzius“, „Mengzi“, „Lehre der Mitte (Zhongyong)“ und „Grosse Lehre (Daxue)“ in der Interpretation des Zhu Xi (1130-1200) geprüft. Durch diese Beschränkung auf die alten Texte in der Interpretation eines einzelnen Gelehrten wuchs die Kluft zwischen den Beamten und den literarischen Strömungen ihrer Zeit. Seit der Ming-Zeit umfasste das Examensystem drei Stufen, die letzte Prüfung fand vor dem Kaiser statt. In Theorie durfte jeder an den Prüfungen teilnehmen, obwohl nur reiche Familien das jahrelange Studium finanzieren konnten. Gelegentlich kam es auch vor, dass bei einem begabten Schüler aus armen Verhältnissen sein Dorf oder ein reicher Gönner die Kosten übernahmen. Somit war die soziale Mobilität wesentlich höher als im europäischen Adel oder im indischen Kastensystem. Denn ohne einen begabten Sohn stieg sogar die mächtigste Familie ab.

Verlässliche Angaben über die Zahl der Absolventen gibt es nur aus der späten Qing-Zeit (1644­1911). Dort gab es bei einer Bevölkerung von 400 Millionen nach Schätzungen nur 20'000 bis 40'000[20] Beamte. An jedem Prüfungstermin beteiligten sich auf der untersten Stufe rund 2 Millionen Kandidaten. Nur 30'000, also 1.5%, bestanden die erste Prüfung.[21] Von diesen erreichten nur 1 '500 den nächsten Grad und nur 300 bestanden die höchste Prüfung. Selbst nach bestandener Prüfung hatte man noch kein Amt am Kaiserhof auf sicher. Die Kandidaten, welche die mittlere Stufe bestanden hatten, wurden oft in niedrigen Verwaltungspositionen eingesetzt.

Zu diesem Bildungsadel zählten auch die Familienangehörigen der Beamten, so dass ihre Zahl schliesslich aus einigen Hunderttausend bestand. Die Mitglieder des Adels erhielten Steuervergünstigungen und waren von Körperstrafen befreit.

Obwohl dieses Prüfungssystem im Vergleich zum europäischen Erbadel vorbildlich war, hatte es auch Schattenseiten. Gegen Ende des Kaiserreiches nahm der Machtmissbrauch zu. Korruption breitete sich aus und die Ämter wurden käuflich.

2.5 Die drei grossen Kaiser der Qing-Dynastie

Massgeblich geprägt wurde das europäische Chinabild von drei guten Kaisern, die im 17. und 18. Jahrhundert nacheinander während über 130 Jahren regierten. Die drei gehörten zum Volk der Mandschu, das China im 17. Jahrhundert erobert und die Qing-Dynastie errichtet hatte. Es handelte sich um Kangxi (reg. 1662-1722), Yongzheng (reg. 1722-1736) und Qianlong (reg. 1736-1796). Diese drei Kaiser verstanden es, ihre eigene absolute Macht nicht willkürlich zu gebrauchen. Sie waren keine Marionetten des Beamtenapparates, sondern regierten im Einklang mit diesem und waren fähig, ihr Umfeld von ihren Ideen zu überzeugen. Diese Kaiser herrschten bereits, als die Jesuiten um Matteo Ricci nach Peking kamen (siehe Kapitel 3.2) und herrschten immer noch, als Albrecht von Haller seinen „Usong“ schrieb.

Die Mandschu-Herrschaft war bereits fest etabliert, als Kangxi im Alter von 15 Jahren die Herrschaft übernahm. Der junge Kaiser war ein besonderer Förderer von Literatur und Wissenschaft. Er pflegte gute Verhältnisse zu den jesuitischen Missionaren, insbesondere zu deren damaligem Führer Adam Schall. Vor allem in seinen jungen Jahren war Kangxi sehr aktiv. Unermüdlich bereiste er alle Provinzen seines Reiches und führte zahlreiche Kriegszüge.

Sein Sohn und Nachfolger Yongzheng regierte weitaus weniger lange, da er erst mit 45 Jahren an die Macht kam. Obwohl er diese durch eine Intrige an sich gerissen hatte, und mehrere seiner Brüder inhaftieren liess, erwies er sich als fähiger Herrscher. Viele Reformen sind auf Yongzheng zurückzuführen, unter anderem eine Reform des Steuerwesens.[22]

Unter seinem Sohn Qianlong erreichte China die grösste territoriale Ausdehnung seiner Geschichte.[23] Drei Jahre vor seinem Tod trat der Kaiser zurück, weil er die Regierungszeit seines legendären Grossvaters nicht überschreiten wollte. Die Herrschaft Qianlongs hatte aber auch ihre Schattenseiten. Am Ende seines Regimes verfiel der Kaiser dem Wahnsinn und liess Tausende vermeintliche Gegner hinrichten.

Diese drei Kaiser trugen zu einer Konsolidierung der Staatsfinanzen bei. Unter ihnen erlebte China eine unvergleichliche Wirtschaftsblüte. Sein Wohlstand beruhte vor allem auf der Landwirtschaft.[24] Der wirtschaftliche Aufschwung hatte bereits im 10. Jahrhundert, der Song­Dynastie, eingesetzt. Ausschlaggebend waren der durch neue Bewässerungstechniken begünstigte Nassreisanbau, die Verdrängung und Ersetzung des Adels durch dem Gemeinwesen verpflichtete Beamte, sowie der Umstand, dass die Bauern nicht mehr länger an ihre Scholle gebunden waren.

In vielen Bereichen war die Qing-Dynastie jedoch eine Zeit der Stagnation. Literatur und Theater wurden streng zensuriert. Es wurden vermehrt konfuzianische Frühwerke gelehrt, da strenge Konfuzianer die Späteren für durch buddhistische und daoistische Ideen verunreinigt hielten. Dennoch konnte in dieser Zeit das wohl grösste Werk der chinesischen Literatur erscheinen, „Der Traum der Roten Kammer“ von Cao Xueqin.[25]

Die drei Kaiser wurden von den europäischen Besuchern idealisiert. Sie galten als weise Philosophenkaiser, die ihre Herrschaft nicht missbrauchten. Dieses Bild entsprach nur bedingt den Tatsachen. Obwohl die drei, gemessen am Standard der Ming-Kaiser, ausgezeichnete Herrscher waren, waren sie kaum besser als viele europäische Könige. Am Ende von Quianlongs Amtszeit begann sich der Verfall Chinas abzuzeichnen.

[...]


[1] Jean-Baptiste Du Halde (1674-1743). Seine vierbändige „Description geographique, historique, chronologique, politique et physique de l'empire de la Chine et de la Tartarie chinoise“ war das wichtigste Handbuch über China seiner Zeit. Fast alle anderen Autoren bezogen den Grossteil ihrer Informationen über China aus diesem Werk.

[2] Jürgen Osterhammel (1952-) ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für neuere und neuste Geschichte an der Universität Konstanz. Zu seinen Schwerpunkten zählen die europäisch-asiatischen Beziehungen seit 1800.

[3] Edward Said (1935-2003) war ein amerikanisch-palästinensischer Literaturtheoretiker. Er prägte den Begriff des Orientalismus.

[4] Gerlach war 2005 Assistent an der London School of Economics. Er ist nicht mit dem gleichnamigen Professor für Zeitgeschichte in Bern identisch.

[5] Griechischer Begriff der „Herrschaft der Natur“ bedeutet.

[6] Siehe Kapitel 2.3.

[7] Appleton, William W, A Cycle of Cathay. The Chinese Vogue in England during the Seventeenth and Eighteenth Centuries, New York 1951, S. 63.

[8] Die Mongolen 1279 und die Mandschu 1644.

[9] Franke, Wolfgang, China and the West, New York 1967, S. 22.

[10] Seitz, Konrad, China. Eine Weltmacht kehrt zurück, München 20032, S. 56.

[11] Auch bekannt unter dem Namen Hongwu. Nicht zu verwechseln mit Song Taizu, dem Begründer der Song­Dynastie.

[12] Ebrey, Patricia Buckley, China. Eine illustrierte Geschichte, Frankfurt 1996, S. 194.

[13] Needham, Joseph, Wissenschaft und Zivilisation in China. Band 1 der von Colin A. Roman bearbeiteten Ausgabe, Frankfurt am Main 1984, S. 104-112.

[14] Seitz, China, S. 44.

[15] 2. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.

[16] Ebrey, China, S. 48-51.

[17] Needham, Wissenschaft in China, S. 115.

[18] Ebrey, China, S. 6.

[19] Ebd. S. 199-202.

[20] Seitz, China, S. 57.

[21] Ebd. S. 59

[22] Roberts, J.A.G, A History of China. Volume 1. Prehistory to c. 1800, London 1996, S. 216.

[23] Ebd. S. 220.

[24] Osterhammel, Jürgen, China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit, München 1989, S. 50.

[25] Ebrey, China, S. 232.

Details

Seiten
44
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640593200
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148505
Institution / Hochschule
Universität Bern
Note
2,5
Schlagworte
Einfluss Chinas Staatslehre Beispiel Albrecht Hallers Staatsroman

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Titel: Der Einfluss Chinas auf die europäische Staatslehre im 18. Jh. am Beispiel von Albrecht von Hallers Staatsroman „Usong“