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Zuverlässigkeit von Schizophrenie-Diagnosen - eine soziologische Sichtweise

Streit um Verhalten: Soziologische Thematisierungen „psychischer Störungen“

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Leseprobe

1. Einleitung

„Geisteskrankheit, jenes Krankheitsmodell, das aus dem umfassenderen mechanistischen Paradigma abgeleitet wurde, war seit dem Untergang des Glaubens an Geister und Dämonen der anerkannte Modus der Darstellung abweichendem, unerwünschten Verhaltens.“[1] Krankheit ist eine Art Abweichung von bestimmten Normen, welche Gesundheit oder Normalität repräsentieren. Sobald ein Individuum von der Norm der Gesundheit oder Normalität abweicht, so hat es Folgen. Die Diagnose und die Behandlung sind soziale Vorgänge. Die Krankheit kann eine biologische Erkrankung sein, der Gedanke der Krankheit ist es nicht, genauso wie die Art und Weise in der der Mensch darauf reagiert. Demnach wird die Krankheit sozial definiert und ist von sozialen Vorgängen, die sie bedingen, umgeben.[2]

Die Medizin kann eine enorme heterogene Sammlung von Krankheiten aufzeigen, angefangen von konkreten Anzeichen und Beschwerden, die mit einem infektiösen Mikroorganismus verbunden sind. Aber sie enthält auch vage Bezeichnungen, wie beispielsweise die Beschreibung der geistig-seelischen Erkrankung. „Tatsächlich befindet sich die Medizin offenbar in einem ziemlich verwirrten Übergangsstadium, in dem die alten, „festen“ Variablen immer unzureichender zu sein scheinen und subjektive, vom sozialen Leben geschaffene Faktoren selbst zu „Ursachen“ werden.“[3] Eine Sammlung von Variablen an denen Schizophrenie erkannt werden kann, liefert die ICD-10. Die Diagnose der Schizophrenie beinhaltet die Theorie, dass die Symptome dieser Krankheit zuverlässig bestimmt werden können. In der medizinischen Wissenschaft wird eine theoretische Feststellung durch Labor- oder klinische Verfahren überprüft. Dadurch soll die Ursache der Krankheit identifiziert werden. Je mehr unterstützende Daten es gibt, desto glaubwürdiger wird die medizinische Diagnose. Doch betrachtet man die psychiatrischen Diagnosen, so sind sie „weniger „sicher“ als Diagnosen anderer medizinischer Disziplinen.“[4] Psychiatrische Diagnosen sind soziale Konstrukte, d.h., sie orientieren sich am Verhalten und an den Äußerungen des Patienten. Die Psychiatrie bezieht sich also auf die Kommunikation der Patienten über sich selbst und ihrer Umwelt. Hierbei kommt es auf die subjektive Wahrnehmung des Psychiaters an. Dieser Punkt soll in der vorliegenden Arbeit noch deutlicher aufgezeigt werden.

Gestützt an die Klassifikationen der ICD-10 wird im ersten Teil der Hausarbeit versucht, nach der Begriffsklärung Schizophrenie, aufzuzeigen, dass diese Klassifikationen zu vage sind, um Schizophrenie daran fest zu machen. Desweiteren wird aufgeführt- wie bereits erwähnt, dass die subjektiven Kriterien des Diagnostikers die Grundlage seiner Arbeit bilden.

Im zweiten Teil der Ausarbeitung dient das Rosenhan- Experiment als Basis. Mit dieser soll beschrieben werden, dass Diagnostiker nicht immer in der Lage sind Gesunde von Kranken unterscheiden zu können und dass, wie im ersten Teil aufgeführt wird, die subjektiven Kriterien des Diagnostikers bedeutend für die Diagnose sind.

Der darauf folgende Teil soll die These Fehldiagnose Schizophrenie durch die Arbeiten von Manusco und Sarbin (1982), Rosenhan (1973) und Braginsky (1974) unterstützt werden. Das Fazit bildet den letzten Teil dieser Ausarbeitung, indem die wichtigsten Komponenten noch einmal zusammenfassend aufgezeigt werden sollen.

2. Schizophrenie

Unter diesem Punkt wird versucht oberflächlich Schizophrenie darzustellen. Ein ausführlicher Erklärungsversuch mit all seinen Schizophrenieformen würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, zudem kommt hinzu, dass die verschiedenen Formen der Schizophrenie für diese Ausarbeitung nicht wesentlich sind.

Die Krankheit, die heutzutage als Schizophrenie bezeichnet wird, wurde 1896 durch Emil Kraepelin als Dementia praecox beschrieben. 1906 führte der Psychiater Eugen Bleuler den Begriff der Schizophrenie ein, der den Zwiespalt seiner Patienten bezüglich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln beschreiben wollte. Das Wort Schizophrenie stammt aus dem Griechischen, wobei schizo Spaltung bedeutet und phren den Verstand bezeichnet. Schizophrenie ist eine Spaltung der eigenen Gefühle in Bezug auf ihr Handeln, Wahrnehmen und Erleben. Dies wird nun etwas detailierter mit der Definition von Heinz Häfner[5] aufgeführt. Dieser beschreibt das Auftreten der Schizophrenie in unregelmäßig auftretenden psychotischen Abständen. Wenn die Krankheit nach der ersten Episode nicht geheilt werden kann, so bleiben chronische Erkrankungen vorhanden, wie beispielsweise der kognitiven Funktionen. Während einer psychotischen Episode ist der Erkrankte nicht in der Lage klar zu denken, gesunde Entscheidungen zu treffen und angemessen mit Menschen umzugehen. Der Schizophrene glaubt, seine Gedanken und Gefühle würden die Menschen in seinem Umfeld bereits kennen, ohne dass sie diesen wirklich mitgeteilt wurde. Desweiteren leben sie in dem Glauben, dass Fremde oder Feinde ihre Gedanken, Handlungen, Gefühle und Empfindungen auf übernatürlicher Weise bestimmen könnten. Der sprachliche Ausdruck und seine Handlungen sind in dieser Spanne oft eigenartig und schwer verständlich. Der Schizophrene glaubt der Mittelpunkt vieler Ereignisse zu sein und bezieht daher vieles auf seine eigene Person. Auch das Stimmenhören ist vorhanden, die das Denken und die Handlungen des Kranken kommentieren. Das Denken ist zwar formal intakt, doch bei subjektiven Denkstörungen erschwert es ihnen sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Das hat zur Folge, dass das Denken oft vage wirkt. Unterbrechungen des Gedankenablaufes sind häufig. Hierbei glaubt der Schizophrene, dass ihm seine Gedanken durch fremden Einfluss entzogen werden würde. Die Stimmung ist zur Depression oder zur Erregung hin verändert, mal ist die Gefühlsintensität gestärkt oder abgeschwächt. Das ist bestimmt von einem dauernden Wechsel an Zugänglichkeit und Ablehnung, Passivität oder Gleichgültigkeit oder auch durch Negativität geprägt. „Eine schizophrene Erkrankung kann heute in aller Welt von gut ausgebildeten Psychiatern und sogar von trainierten Laien mit geeigneten standardisierten Interviewtechniken – nicht aber mit biologischen Messwerten – mit hoher Zuverlässigkeit diagnostiziert werden.“[6] Diese Argumentation soll in dieser Ausarbeitung widerlegt werden, anhand zweier kurz dargestellten Studien von Rosenhan (1973) und Braginsky (1974). Beide anerkannten Studien beweisen, dass die Schizophrenie nicht zuverlässig diagnostiziert werden kann und teilweise durch subjektive Belange des Psychiaters beeinflusst wird. Daher folgt nun zuerst ein Erklärungsversuch wie die Diagnose in einer psychiatrischen Anstalt erfolgt. Dies ist bedeutsam um anschließend klären zu können, inwieweit die Schizophrenie Diagnose in Frage gestellt werden kann.

[...]


[1] Manusco, J.C., Sarbin, T.R. (1982): Schizophrenie- Medizinische Diagnose oder moralisches Urteil?, S.92.

[2] Vgl. Freidson, E. (1979): Der Ärztestand, S.175.

[3] Vgl. ebd, S.175.

[4] Richter, D. (2003): Psychisches System und soziale Umwelt. S.65.

[5] Vgl.: Häfner, H. (2000): Das Rätsel Schizophrenie- Eine Krankheit wird entschlüsselt. S.20

[6] Häfner, H. (2000): Das Rätsel Schizophrenie- Eine Krankheit wird entschlüsselt. S.20

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640594399
ISBN (Buch)
9783640594436
DOI
10.3239/9783640594399
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Erscheinungsdatum
2010 (April)
Note
1,7
Schlagworte
Schizophrenie Rosenhan Rosenhan- Experiment Diagnose psychische Störungen Fragwürdigkeit Schizophrenie in der Soziologie Manusco Sarbin Szazs Schizophren

Autor

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