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Russland und die sozialistische Vergangenheit: Vergangenheitsbewältigung im Geschichtsunterricht?

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Überblick: Vom sowjetischen zum postsowjetischen Geschichtsunterricht
II.1. Geschichtsunterricht in der Sowjetunion
II.2. Die Auswirkungen der Perestroika auf den Geschichtsunterricht
II.3. Post- sowjetischer Geschichtsunterrichtsunterricht

III. Ausgewählte Beispiele zur Charakterisierung des postsowjetischen Geschichtsunterrichts in Russland und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
III.1. Schulbücher
III.2. Wer lehrt?
III.3. Die Frage nach Opfern und Tätern
III.4. Aktuelle Bildungspolitik in Russland

IIII. Schluss

Literatur

I. Einleitung

Historische Bildung schult die Fähigkeit zur Analyse nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart. Daher ist es wichtig, das negative Erbe der letzten Jahre in diesem Bereich zu überwinden.1

Referring to the Soviet-era schoolbooks, a famous Russian historian professed, "I can give you my assurance that there is not a single page without a falsification. It is immoral for young people to take exams on such textbooks.2

Diese beiden Zitate verdeutlichen die Problematik, mit der sich diese Hausarbeit beschäftigt. Die Aufarbeitung und die Bewältigung der Vergangenheit stellen einen langen und vielschichtigen Prozess dar. Ich bin überzeugt, dass der Geschichtsunterricht eine wichtige Rolle in diesem einnimmt: Denn er fragt nicht nur nach der Vergangenheit, sondern in Verbindung mit dieser auch nach gegenwärtiger Identität, nach der Legitimation der neuen Ordnung3, und dies in einer Generation, die künftig die Gesellschaft prägt.

Wie wird mit der sowjetischen Vergangenheit Russlands im Geschichtsunterricht umgegangen? Mit welchen Mitteln wird gelehrt? Wer lehrt überhaupt? Wurde aus dem Verzicht auf die ideologische Färbung des Unterrichts eine objektive, wahrheitsgetreue Betrachtung des Geschehenen? Welche Ziele strebt der Geschichtsunterricht in Russland an? Während meiner Beschäftigung mit dieser Thematik warfen sich viele Fragen auf, diese sind nur ein Bruchteil. Und je intensiver sich die Fragen stellten, desto schwieriger erschien es mir passende Antworten zu finden.

Im Folgenden möchte ich versuchen, einen Überblick über die mir am bedeutendsten erscheinenden Reformen und Zielsetzungen in der historischen Bildung in Russland zu geben. Diese möchte ich im Hinblick auf die Fragestellung des Seminars untersuchen: Inwiefern wird ein Bruch mit der Vergangenheit im Schulunterricht deutlich? Und welche Probleme verhindern diesen Bruch womöglich? Ist der Geschichtsunterricht Ort der aktiven Vergangenheitsbewältigung?

II. Überblick: Vom sowjetischen zum postsowjetischen Geschichtsunterricht

II.1. Geschichtsunterricht in der Sowjetunion

Zur Zeit der Sowjetunion bekam der Geschichtsunterricht in Russland eine bedeutende ideologische Rolle zugewiesen. Die „einzig richtige“4 Interpretation der Vergangenheit wurde garantiert durch den Gebrauch von Einheitsschulbüchern für „vaterländische“ und für allgemeine Geschichte5 und einem streng festgelegten Lehrplan. Isabel de Keghel spricht in ihrer Dissertation von synchronen, fast identischen, auf dem gleichen Lehrmaterial basierenden Unterrichtsstunden vom Brest bis Vladivostok.6

Die Grundlage des Unterrichts bildete die marxistisch- leninistische Ideologie, auf dem „Sozialismus“- Begriff basierte die historische Erzählung.7

II.2. Die Auswirkungen der Perestroika auf den Geschichtsunterricht

Die Notwendigkeit der Reform der historischen Schulbildung wurde erstmals in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, der Zeit der Perestroika, verfochten.8 Der Kontrast zwischen dem Inhalt der Schulbücher, aktuellen Diskussionen und abweichenden Interpretationen der Vergangenheit in den Medien, führten zu einer „explosiven [n] Situation“9 an Schulen und Universitäten. Welche Interpretation der Geschichte war nun die Richtige? Lehrende wurden kritisiert, wenn enttabuisierte Themen nach wie vor im Unterricht verschwiegen wurden.10 Im Mai 1988 wurden Geschichtsprüfungen ausgesetzt. Die Unklarheit über den Wahrheitsgehalt der historischen Bildung war zu groß. „Einlagen“ ersetzten bestimmte Kapitel in den gängigen Schulbüchern, vor allem hinsichtlich der Stalin- Herrschaft. Ein offener Wettbewerb für neue Lehrbücher wurde vom Staatskomitee für Bildung Juli 1988 ausgeschrieben. Auch wurde es ab Juli 1988 Prüflingen erlaubt abweichende Meinungen auf tragenden Argumenten basierend zu vertreten- Doch nach wie vor war das „marxistisch- leninistische Geschichtsbild“11 Grundvoraussetzung und somit nicht vollständig zu hinterfragen. Insofern wird dieser Zeitraum in der Forschung als Basis für die folgenden Entwicklungen im Bereich der historischen Bildung gesehen, die mit dem Untergang der Sowjetunion radikaler reformiert wurde.

II.3. Post - sowjetischer Geschichtsunterricht

Die radikaleren Veränderungen kamen mit dem Untergang der Sowjetunion und der angestrebten De- Ideologisierung des gesamten Bildungssektors. Dneprov, der erste post- kommunistische Bildungsminister radikal- liberaler Gesinnung setzte sich für die Auflösung des sowjetischen Bildungsparadigmas ein.12 Das Ziel der historischen Bildung sollten die demokratische Gesellschaft und ihre Werte sein. Doch der Fortschritt, der bisher erreicht wurde, ist umstritten. Dass nach wie vor noch sowjetische Geschichtsbücher Verwendung finden13 (da Schulen und Eltern oft nicht über genügend finanzielle Mittel für die Anschaffung neuer Lehrmaterialien verfügen), konservative (überalterte) Lehrer an Schulen prägend wirken und 2001 Premierminister Kas’ianov über mangelnden Patriotismus in Schulbüchern klagt und daraufhin ein Wettbewerb des Bildungsministeriums für das beste Geschichtslehrbuch ausgerufen wird14, regt zum Nachdenken an.

Einige verschiedene Problematiken möchte ich nun an ausgewählten Beispielen verdeutlichen.

[...]


1 Alexander Gobulev: Das Bild der sowjetischen Vergangenheit in den rußländischen Schulbüchern der letzten Jahre.- In: Auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Hg. V. Isabelle de Keghel und Robert Maier.Hannover 1999 (Studien zur internationalen Schulbuchforschung Band 97). S. 103.

2 Teaching History in Russia After the Collapse of the USSR Tatyana Volodina

3 Lutz- Dieter Behrendt: Mittel und Methoden der Vergangenheitsbewältigung.- In: In: Auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Hg. V. Isabelle de Keghel und Robert Maier.- Hannover 1999 (Studien zur internationalen Schulbuchforschung Band 97). S.27.

4 Andrej Sokolov: Der Recke am Scheideweg. Oder: Nachdenken über den heutigen Zustand der historischen Schulbildung in Russland.- In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 52 (2001). S. 521.

5 Diss de keghel Kap. 2.2.3 S.1.

6 Diss de keghel

7 Vera Kaplan: Die Überwindung der sozialistischen Vergangenheit in den rußländischen Schulbüchern der 90er Jahre: der „Sozialismus“ -Begriff im Wandel. In: Auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Hg. v. Isabelle de Keghel und Robert Maier.- Hannover 1999 (Studien zur internationalen Schulbuchforschung Band 97). S.115

8 Andrej Sokolov: Der Recke am Scheideweg. S. 521.

9 Diss keghel

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Robert Maier: Kräfte der Demokratisierung in Russland am Beispiel von Geschichtsunterricht und Schulbuchschreibung.- In: Russland und Deutschland auf dem Weg zum antitotalitären Konsens. Hg. von Ludger Kühnhardt und Alexandr Tschubarjan. Baden- Baden 1999 (Schriften des Zentrums für Europäische Integrationsforschung Band 7). S.171.

13 Ben Eklof: Introduction. Russian Education: the past and the present.- In: Educational Reform in Post- Soviet Russia. Legacies and prospects. Hg. von Ben Eklof, Larry Holmes und Vera Kaplan.- New York 2005. S.9.

14 Ebd 10

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640589555
ISBN (Buch)
9783640589739
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148725
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Schlagworte
Russland Vergangenheit Vergangenheitsbewältigung Geschichtsunterricht

Autor

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