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Die Suche nach dem Autor des "Lazarillo de Tormes"

Autorenforschung in der Hispanistik

Hausarbeit 2006 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung; La novela picaresca

2 Die Suche nach dem Autor des Lazarillo de Tormes
2.1 Einführung in die Autorenforschung
2.2 Die frühe Autorendiskussion und erste Kandidaten der Autorschaft
2.3 Die neuere Autorendiskussion

3 Problematik der Autorenforschung anhand von Textbeispielen

4 Schlussteil

5 Quellenverzeichnis

Literatur

Internetquellen

1 Einleitung; La novela picaresca

Im Jahre 1554 erschien in Spanien ein Roman mit dem Titel: „La vida de Lazarillo de Tormes y sus fortunas y adversidades“. Es war die Geschichte eines Marktschreiers von Toledo, welche in der Literaturwissenschaft, und zwar nicht nur in Spanien, bis zum heutigen Tage zu einem viel diskutierten und untersuchten Werk geworden ist. Die Besonderheit des Lazarillo de Tormes bestand zum einen in seiner autobiographischen Form, seinem bis dahin untypischen Protagonisten, und vor allem in der Anonymität des Autors, welcher diesen ersten Schelmenroman der Weltliteratur verfasste. Diese Arbeit soll zunächst eine kurze Einführung in den pikaresken Roman Lazarillo de Tormes geben, um dann im Hauptteil einen Überblick über die bisherige Autorenforschung und Autorendiskussion in der Literaturwissenschaft zu ermöglichen. Es sollen nicht nur mögliche Kandidaten der Autorschaft, die bisher diskutiert worden sind genannt werden, sondern auch Verfahrensweisen und Ansätze der Autorensuche, sowie Diskussionen und Argumentationen innerhalb der Literaturwissenschaft aufgezeigt werden.

Bis zum Erscheinen des Lazarillo de Tormes im Jahre 1554, wurden von der spanischen Leserschaft vor allem die Ritterromane breit rezipiert. Der Ritterroman gehört, wie auch der Schäferroman, wie beispielsweise Los siete libros de la Diana von Jorge de Montemayor, zu den bedeutendsten Romangattungen der europäischen Literaturgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Im Unterschied zu den vorangegangenen Romangattungen zeichnet der Schelmenroman, der auch als Gassen- und Gossenroman bezeichnet wird, ein realistisches, wenn auch satirisch-überspitztes Bild der unteren Gesellschaftsschichten. Wo der Ritterroman noch einen heroischen Protagonisten hatte, der seine Abenteuer mit Schwert und Lanze bestritt, besteht das Abenteuer des pícaro allein darin sich das tägliche Brot und Überleben zu sichern. Der pícaro, welcher in der Literatur auch gerne als der „Antiheld par excellence“[1] bezeichnet wird, ist bei seinem täglichen Überlebenskampf vor allem auf sein eigenes Geschick und seine Gerissenheit angewiesen. Der pícaro verdingt sich als Diener vieler Herren, welches ein konstitutives Merkmal dieser Romangattung darstellt, und wodurch auch die Episodenhaftigkeit des Romans ihren Ausdruck findet. Die einzelnen Episoden, in die sich der pikareske Roman aufteilen lässt, orientieren sich an den jeweiligen Dienstherren, „[…] wobei er [der pícaro] reichlich Gelegenheit hat, seinen jeweiligen Arbeitgeber und dessen Stand ironisch oder satirisch bloßzustellen.“[2] Obwohl der pikareske Roman, durch seine „Perspektive von Unten“ die Missstände der spanischen Gesellschaft jener Zeit, durch das Exempel seiner Dienstherren zu veranschaulichen, und auf komische Art und Weise zu kritisieren vermag, lässt er sich noch nicht mit den sozialkritischen Werken des 19.Jahrhunderts vergleichen, denn das Unrecht, welches der pícaro erfährt, wird nicht als solches zur Schau gestellt, sondern vom Protagonisten selbst als gottgegeben hingenommen. So ist es auch nicht nur seine eigene Geschicklichkeit, die den pícaro schließlich auf der Karriereleiter steigen lässt, sondern das Schicksal, welches dem Protagonisten widerfährt. Ein weiteres Element der novela picaresca besteht darin, dass diese Romane stets in der Ich-Form geschrieben worden sind, wobei es eine Dualität der Ich-Form gibt, welche sich in Erlebendes- und Erzählendes- Ich aufteilen lässt. Die autobiographische Form des Romans lässt die Geschichte realistischer erscheinen und bietet der Figur des pícaro auch die Möglichkeit eine Rechtfertigung für ihr Handeln abzugeben, so wie es beim Lazarillo de Tormes der Fall ist. Es lassen sich zwar keine Eindeutigen Ursprünge der novela picaresca feststellen, jedoch werden in der gängigen Literatur die Vorbilder der novela picaresca in den satirischen Schriften der Antike vermutet, wie z.B. in den Satiren des Lukian (150/160 v. Chr.). Die Satire ist eine Spottdichtung, welche auf komische Art und Weise versucht die Missstände der Gesellschaft aufzuzeigen. An diesem Punkt lässt sich eine eindeutige Verbindung zum Schelmenroman ziehen. Neben den Satiren des Lukian, wird auch immer wieder die Geschichte des „Goldenen Esels“ von Lucius Apuleius (125 – 180 n. Chr.) genannt, „[…] wo es immerhin die Ich-Form und das Schema des Dieners vieler Herren gab; […]“[3] Sowohl bei der novela picaresca, als auch bei den antiken Satiren, ging es darum ein übertriebenes Bild der Wirklichkeit zu erschaffen, und dieses als Ausgangspunkt zu verwenden, um dann mit Hilfe komischer Elemente, die Wirklichkeit oder auch die dogmatischen Ansätze diverser Persönlichkeiten oder Meinungsbilder in ihrer Falschheit und Heuchelei zu entlarven. Was den genannten und häufig diskutierten Vorläufern des pikaresken Romans jedoch fehlt, ist der „[…] Charakter der moralischen Selbstrechtfertigung […]“[4]. Die Entwicklung der novela picaresca, welche möglicherweise in den antiken Satiren ihren Anfang nahm, lässt sich durch die verschiedenen Epochen hindurch, bis in die europäische Gegenwart verfolgen. Nachfahren und Weiterentwicklungen der novela picaresca in der Moderne, sind beispielsweise „Die Blechtrommel“ von Günther Grass, oder „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann.

2 Die Suche nach dem Autor des Lazarillo de Tormes

2.1 Einführung in die Autorenforschung

Der Roman Lazarillo de Tormes war, in seiner ganzen Form und Art, eine völlig neue Erscheinung innerhalb der europäischen Literatur. Bis zu seinem Erscheinen im Jahre 1554 hat es keine vergleichbaren Werke gegeben. Der Lazarillo war, anders als beispielsweise die Ritterromane jener Zeit, nicht als ein fiktionaler Text im eigentlichen Sinne zu lesen, da er sich als Autobiographie des Protagonisten präsentiert. Aus diesem Grund besaßen die ersten Leser des Lazarillo noch nicht die mentale Gewohnheit, um den Text als einen fiktionalen Text zu rezipieren. Der Autor präsentiert den Roman insofern nicht als Fiktion, als dass er den Lazarillo wie den Autor erscheinen lässt:

„[…] si en principio el Lazarillo no era de recibo como ficción, sí cabía presentarlo como verdad, acentuarle las apariencias de historia y, por ejemplo, no dar en ninguna parte otro nombre que el del protagonista y supuesto autor, callando el del auténtico.“[5]

Die ersten Leser des Lazarillo mussten jedoch bald feststellen, dass das erzählende Ich nicht das des Autors sein konnte, und dass es somit keinen Lazarillo de Tormes als Autor gab. Dennoch wurde der Frage nach der Autorschaft des Lazarillo in den ersten Jahren nach dessen Erscheinen keine große Aufmerksamkeit entgegengebracht. Der Lazarillo, sowie andere Werke Kastiliens, die anonym erschienen waren (z.B. La Celestina), wurden nach ihrer Untersuchung von Don Eugene Asensio, einem Verteidiger der Inquisition, in dem Catálogo de libros de 1559 unter der Rubrik der Ritterromane oder Romanzen eingeordnet, ohne das der Anonymität des Autors eine besondere Bedeutung oder Aufmerksamkeit zuteil wurde: „La comunicación literaria se realiza como cualqiuer otra comunicación.“[6]

Nachdem der Frage nach der Autorschaft in den ersten Jahren kaum bis gar keine Beachtung entgegen gebracht worden ist, gewann sie in den späteren Jahren an Bedeutung und ist bis in die heutige Zeit eine viel diskutierte Frage der Literaturwissenschaft. Für die Literaturwissenschaft und auch für die Leserschaft im Allgemeinen ist das Wissen, oder zumindest die Vorstellung von einem Autor, von großer Bedeutung für die Rezeption und die Analyse eines literarischen Werkes. Die gesamte Bedeutung und Wirksamkeit des Werkes lässt sich erst mit dem Wissen um den Autor erfassen. Wie würde man beispielsweise den Lazarillo lesen und untersuchen, wenn man wüsste, dass der Autor ein Mann von hohem Stand oder gar Adel gewesen ist oder ein überzeugter Erasmist oder gar ein Grammatiker oder Professor? Ohne Autor lässt sich ein Buch nicht lesen, da das Wissen (oder der Glauben) um den Autor immer ein bestimmtes Licht auf die Rezeption des Werkes wirft. Daher ist die Autorenfrage, besonders bei dem Lazarillo de Tormes, als erstem pikaresken Roman der Weltliteratur, von großer Bedeutung für die Literaturwissenschaft. Obwohl die Suche nach dem Autor des Lazarillo de Tormes bisher ohne ein endgültiges Ergebnis verlief, da sich keiner der bisher vermuteten Autoren letztendlich in überzeugender Weise mit dem Text in Verbindung bringen ließ, kann man nicht von einer ergebnislosen Suche sprechen. Denn nicht nur Namen wurden aufgeworfen, sondern auch interessante Verbindungen und Vorgehensweisen. Bevor nun im Folgenden ein Überblick über den bisherigen Verlauf der Diskussion um die Autorschaft des Lazarillo, sowie einige der möglichen Kandidaten für die Autorschaft vorgestellt werden, sollen noch einmal die wesentlichen Faktoren einer Autorenforschung Erwähnung finden, welche für die Suche nach dem Autor eines literarischen Textes von Bedeutung sein können. Ein wichtiger Faktor, welcher in einigen vergangenen Untersuchungen immer wieder berücksichtigt worden ist, ist eine räumliche und zeitliche Verbindung zwischen Text und Autor. In diesen Fällen wurde der Ort der Handlung des Romans als Anhaltspunkt für den möglichen Aufenthaltsort bzw. Wohnort des Autors in betracht gezogen. Im Falle des Lazarillo betrifft das die Gebiete um Toledo, Salamanca und den Fluss Tormes. Bei älteren Werken, so auch beim Lazarillo, erscheint es durchaus plausibel, das der Autor die Gegend, welche er in seinem Werk beschrieben hat, gekannt haben muss, da die Reisemöglichkeiten zu dieser Zeit noch sehr beschränkt waren. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um eine zwingende Vorraussetzung. Auch historische Umstände die in einem Text Erwähnung finden, wurden als Indizien für die Zeit und den Ort des Autors verwendet. Eine weitere Vorgehensweise bei der Autorensuche ist der Vergleich von Texten und Schreibstilen bekannter Autoren, mit dem Werk eines anonymen Autors. Es wurden Texte zeitgenössischer Autoren gelesen und untersucht, um sie mit dem Schreibstil des Autors des Lazarillo de Tormes zu vergleichen, und um zu prüfen, ob der Autor dieses Werkes noch andere bekannte Werke verfasst haben könnte. Einer der häufigsten Wege, der bei der Suche nach dem Autor des Lazarillo de Tormes eingeschlagen worden ist, war die Frage, ob sich aus dem Verlauf der Handlung des Romans, den Charaktereigenschaften und Äußerungen des Protagonisten, Rückschlüsse auf den Autor ziehen lassen. In Falle des Lazarillo gab vor allem die Kritik gegen den Klerus immer wieder Anlass zu Spekulationen über den Autor des Werkes.

[...]


[1] Neuschäfer, Hans-Jörg (Hrsg.), „Spanische Literaturgeschichte“, Verlag J.B.Metzler, 2.erweiterte Auflage, Stuttgart/Weimar, 2001, S. 133

[2] Ebd. S. 134

[3] Neuschäfer, Hans-Jörg (Hrsg.), „Spanische Literaturgeschichte“, Verlag J.B.Metzler, 2.erweiterte Auflage, Stuttgart/Weimar 2001, S. 134

[4] Ebd. S. 135

[5] Rico, Francisco:„ Sobre el autor“, in „Lazarillo de Tormes“, Catedra, Madrid 2005, S. 31

[6] Ebd. S. 33

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640594375
ISBN (Buch)
9783640593965
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148757
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
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