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Bildzeitung und Agenda-Setting

Die Titelseite der BILD als Beispiel für mediale Thematisierungsmacht

Seminararbeit 2007 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Medienwirkungsforschung
2.1 Agenda-Setting-Theorie

3 Thematisierungsmacht
3.1 Die Bildzeitung
3.2 Thematisierungsmacht am Beispiel der Titelseite der Bildzeitung
3.2.1 Die Titelseite der BILD
3.2.2 „Helmut Kohl (78) heiratet!“
3.3 Abgrenzung zu Titelseiten von weiteren Tageszeitungen
3.3.1 Süddeutsche Zeitung
3.3.2 Die Welt
3.3.3 Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)
3.3.4 Heiratet Helmut Kohl?
3.4 BILD und mediale Machtstrukturen

4 Fazit

5 Literatur

6 Internetverweise

1 Einleitung

Der erste Satz des fünften Artikels aus dem Grundgesetz besagt, dass „jeder […] das Recht [hat], seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“[1] Die Presse- und Meinungsfreiheit umfasst alle deutschen Medien, so auch die Bildzeitung (BILD). Doch welche Freiheiten nimmt sich insbesondere BILD, ihre Meinung an den Leser zu bringen? Obliegt es nach gängiger journalistischer Praxis nicht im Ermessen des Rezipienten zu entscheiden, ob dieser ein Thema aushandelt, dem zu- oder widerspricht?

In den 1960er Jahren entstanden die „Cultural Studies“, ein interdisziplinäres Feld der Sozial- und Kulturwissenschaften, das den Rezipienten als Bedeutungsproduzenten einordnet. Texte werden demnach dadurch definiert, dass sie sozial konstruierte Bedeutung tragen, die nicht endgültig fixiert ist, sondern je nach Konsumart des Rezipienten unterschiedlich aufgefasst wird, wobei die „Macht der Massenmedien“ eine wichtige Rolle in dieser Bedeutungsproduktion spielt.[2] Im Einklang mit dieser Annahme entstand im Rahmen der Medienwirkungsforschung die „Agenda-Setting-Theorie“, die Anfang der 1970er Jahre veröffentlicht wurde und aufzeigt, wie Massenmedien die Bedeutungsproduktion von Rezipienten beeinflussen. Anhand der vorliegenden Untersuchung zur Wirkung von Massenmedien aus dem Jahr 1968 fragen wir uns, welche Macht (Massen-) Medien heute, insbesondere BILD, haben, um den öffentlichen Diskurs zu bestimmen.

Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, Merkmale der Agenda-Setting-Theorie vorzustellen und anhand einer konkreten Ausgabe der Bildzeitung in Abgleich mit weiteren Tageszeitungen der Frage nachzugehen, wie inhaltliche und äußere Merkmale der Titelseite der BILD „mediale Thematisierungsmacht“ widerspiegeln und welchen Stellenwert diese Macht im öffentlichen Diskurs einnehmen kann.

2 Medienwirkungsforschung

Die Medienwirkungsforschung befasst sich mit der Wirkung von Inhalten medialer Kommunikation, beispielsweise von Massenmedien, auf Rezipienten.[3]

Im Rahmen der Propagandaforschung zum zweiten Weltkrieg ging man von einer extrem starken Medienwirkung aus. Ein ebenso populäres Beispiel für eine „starke Medienwirkung“ ist die Rezeption des adaptierten Hörspiels „Krieg der Welten“ von Orson Welles über eine fiktive Reportage eines Angriffs von Außerirdischen, das am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 vom amerikanischen Radiosender CBS ausgestrahlt wurde. Das Hörspiel sorgte in den Medien für Aufsehen, da viele Zuschauer im Anschluss nicht zwischen Realität sowie Fiktion unterscheiden konnten und es zu einer Massenpanik gekommen sei.[4]

Bis zu den 1960er Jahren prägte Paul Lazarsfeld mit seiner Annahme der „geringen Medienwirkung“ die Forschung. Demnach würden Informationen von Massenmedien selektiv genutzt und sich Informationen über ein „two-step-flow-modell“ (Zwei-Stufen-Fluss) verbreiten.[5] Nach dem ursprünglichen Modell informieren Massenmedien im ersten Schritt „opinion leaders“ (Meinungsführer), die die selektierten Informationen durch direkte Kommunikation in einem zweiten Schritt an die Rezipienten weitergeben. Interpersonelle Kommunikation hat demzufolge eine stärkere Wirkung auf den Rezipienten als Massenmedien direkt.[6]

Im Verlauf der 1960er Jahre setzte sich dagegen erneut die Ansicht durch, dass Massenmedien eine starke Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung haben.[7] Zur Anwendung in der Wissenschaft kommt seitdem jedoch nicht nur das einfache Stimulus-Response-Modell[8], sondern die Unterstellung wird hinzugezogen, dass der Rezipienten aktiv mit den (Massen-) Medien umgeht.

Eine Richtung der Medienwirkungsforschung ist die Agenda-Setting-Theorie, die die „mediale Thematisierungsmacht“, d. h. die Macht, Themen innerhalb des öffentlichen Diskurses zu platzieren und zu poliferieren, untersucht. Die Theorie unterstellt, dass eine Selektion und Ordnung von Informationen stattfindet, d. h. bestimmte Themen werden weiter oben auf die mediale Tagesordnung gesetzt, andere weiter unten oder gar nicht. Dies führt auf die Bedingtheit zurück, dass eine Totalität der gesellschaftlichen Ereignisse nicht exakt abgebildet werden kann, also die Sicht auf die weltlichen Ereignisse durch Selektion reduziert werden muss.

Die Medienwirkungsforschung in allen Perspektiven zu beschreiben, würde den Rahmen der vorliegenden Hausarbeit sprengen. Weiterführende Literatur zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Modellen der Medienwirkungsforschungen findet in der Fußnote Erwähnung.[9] Bevor wir uns spezifisch mit dem Format und den Charakteristika der Bildzeitung auseinandersetzen, werden die Grundannahmen der Agenda-Setting-Theorie anhand einer konkreten Untersuchung aus dem Jahr 1968 vorgestellt.

2.1 Agenda-Setting-Theorie

Chefredakteure, Mitarbeiter einer Redaktion und Rundfunksprecher der Massenmedien haben einen Anteil daran, Realität zu formen. Der Begriff Agenda-Setting benennt die Eigenschaft der Massenmedien, durch das Festlegen bestimmter Themenschwerpunkte und Meinungen die öffentliche Agenda zu bestimmen. Maxwell E. McCombs und Donald L. Shaw haben diese Theorie anhand einer Inhaltsanalyse in Form einer Querschnittstudie im Jahr 1968 versucht zu verdeutlichen. Im Folgenden bezieht sich die Auswertung der Studie ausschließlich auf die Printmedien.

Leser von Tageszeitungen erfahren täglich nicht nur neue Fakten, sondern auch, welche Bedeutung sie diesen Fakten beimessen sollen. Insbesondere im Feld der Politik wird der Schnittpunkt mit Inhalten meist nur durch Informationen erzeugt, die durch (Massen-) Medien verbreitet werden. Bestimmte Lesergruppen suchen sich ihre Information gezielt aus verschiedenen Medienformen und -formaten aus, der Großteil jedoch schnappt überall etwas auf: „On any single subject many ‚hear’ but few ‚listen.’“[10] Die Agenda-Setting-Theorie soll aufzeigen, dass Massenmedien den Leser in bestimmte (Meinungs-) Richtungen lenken und ihm vorführen, worüber er nachdenken und was er wissen sollte.[11] Nicht das Denken an sich wird beeinflusst, aber das, worüber man nachdenkt.

McCombs’ und Shaw’s Studie überprüfte die Agenda-Setting Kapazität in Bezug auf die Präsidentschaftswahlen in den USA im Jahr 1968. In einem Zeitraum von knapp drei Wochen wurden 100 Leute befragt, was ihrer Meinung nach die Anliegen der Präsidentschaftskandidaten wären. Zeitgleich wurden „major news“ verschiedener Medienformen gesammelt und ausgewertet. „Major news“ werden die Artikel genannt, die auf der Titelseite erscheinen oder über eine Länge von mindestens drei Spalten verfügen. Die Länge einzelner Spalten wurde in der Studie jedoch nicht definiert.[12]

Die Ergebnisse der Studie waren, dass Medien die Meinung der Leser stark zu beeinflussen schienen. Die Bedeutungsproduktion des Rezipienten wurde durch die Inhalte der Medien gelenkt. Die Befragten fixierten sich gemäß der Studie nicht auf die Äußerungen ihrer Favoriten, sondern spiegelten eher die Meinung der Massenmedien wider. Dabei war zu beobachten, dass selektive Leser nicht in diese Gruppe fielen, was die Agenda-Setting Funktion bestätigt. Da verschiedene Medienformen verschiedene thematische Schwerpunkte setzen, ließ sich anhand der Studie beweisen, dass die Befragten die Meinung aller Medienformen zusammen teilten, d. h., die verschiedenen Themenschwerpunkte der Medien ergaben ein politisches Gesamtbild, das mit dem Bild der Befragten übereinstimmte. Dies unterstützt wiederum die Theorie der Agenda-Setting Funktion.[13]

[...]


[1] Grundgesetz (GG) für die Bundesrepublik Deutschland: Artikel 5 Absatz 1.

[2] Näheres hierzu: Hepp, Andreas: Kultur – Medien – Macht: Cultural Studies und Medienanalyse. Wiesbaden 32006.

[3] Vgl. Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen 32007. S. 25 f.

[4] Näheres hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_der_Welten (21.04.2008).

[5] Näheres hierzu: Lazarsfeld, Paul F. u. a.: The People’s Choice. How the Voter Makes up his Mind in a Presidential Campaign. New York 1944.

[6] Vgl. auch Schenk S. 350 ff.

[7] Näheres hierzu: Noelle-Neumann, Elisabeth: Return to the concept of powerful mass media. In: Studies of Broadcasting. Jg. 9 (1973) S. 67-112.

[8] Das Stimulus-Response- (S-R-) oder Reiz-Reaktions-Modell ist ein aus der Psychologie entlehntes Modell, das Reiz und Reaktion durch Konditionierung verknüpft. Im Speziellen besagt das Modell in Bezug auf Medienwirkung, dass Medieninhalte von allen Rezipienten gleich wahrgenommen werden und in der Folge nahezu identische Reaktionen auslösen. Hierbei wird der Kommunikationsinhalt mit der Effektrichtung gleichgesetzt. Es handelt sich um eines der frühesten Modelle zur Medienwirkung, das in der Folge vielfach widerlegt worden ist (siehe z. B.These von der selektiven Zuwendung) und als überholt gelten kann. Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Reiz-Reaktions-Modell (28.04.2008)

[9] Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung 1. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Konstanz 32004.

[10] McCombs, Maxwell E., Shaw, Donald L.: The Agenda-Setting Functions of Mass Media. In: The public opinion quarterly (POY) Jg. 36 (1972) H. 2. S. 177.

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 178.

[13] Ebd. S. 184.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640598342
ISBN (Buch)
9783640598182
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148938
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Schlagworte
Bild Bildzeitung Agenda Setting

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