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Politische Sprache als Fachsprache

Öffentlicher Sprachgebrauch in der DDR am Beispiel Erich Honecker und Walter Ulbricht

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Fachsprachen
2.2 Fachwortschatz

3. Redeanalyse Walter Ulbricht

4. Redeanalyse Erich Honecker

5. Exkurs: Politolinguistik

6. Forschungsrückblick und Diskussion

7. Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der politischen Sprache in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Dabei steht jedoch nicht die parteiinterne Kommunikation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), sondern der öffentliche Sprachgebrauch der Politiker im Fokus. Dieser Bereich der Sprache soll unter dem Aspekt der Fachsprachlichkeit untersucht werden, wobei die Frage, ob es sich beim öffentlichen Sprachgebrauch der DDR-Politiker um fachsprachliche Äußerungen handelte, zentral ist.

Somit lässt sich das Thema einerseits in der Varietätenlinguistik verorten, da eine Fachsprache als Varietät zur Alltagssprache gesehen werden kann. Andererseits fällt der Untersuchungsgegenstand in den Bereich der Politolinguistik, die sich speziell mit der Sprache der Politik beschäftigt. Eine soziolinguistische Annäherung an die Thematik dürfte sich nicht als gewinnbringend herausstellen, weshalb von einer solchen Betrachtung abgesehen wird.

Zunächst soll jedoch die Politolinguistik ausgeklammert werden, sodass es die Aufgabe des theoretischen Teils ist, den Komplex Fachsprachen greifbar zu machen und die generellen Merkmale eines fachsprachlichen Wortschatzes herauszuarbeiten. Anhand dessen sollen daraufhin zwei Reden exemplarisch analysiert werden, da der Umfang der Arbeit keine quantitative Untersuchung mit einer repräsentativen Stichprobe zulässt. Es sollen die verwendeten Wörter in der Fernsehansprache Walter Ulbrichts zum Bau der Mauer und der Rede Erich Honeckers zum 40. Jahrestag der DDR betrachtet werden. Beiden ist gemeinsam, dass sich die Politiker mit ihren Äußerungen nicht nur an Parteigenossen, sondern auch an das Volk der DDR wendeten, weshalb sich die beiden Texte für die Untersuchung eignen. Daraufhin wird geprüft, ob die Konzepte der Politolinguistik zur Beantwortung der zentralen Frage nach einer politischen Fachsprache beitragen können. Mithilfe des daran anschließenden Forschungsrückblicks und den bereits gewonnen Ergebnissen, wird in einer abschließenden Diskussion versucht, die Frage nach der Fachsprachlichkeit der Politikersprache zu beantworten.

Neben der Entscheidung, ob es sich um eine Fachsprache handelte oder nicht, schließen sich auch andere Fragen daran an. So muss auch diskutiert werden in welcher Beziehung die Begriffe Ideologiesprache und Fachsprache stehen und ob die politische Fachsprache – sofern es eine gibt – sich von anderen Fachsprachen unterscheidet oder es sich vielmehr um ein Konglomerat an Fachsprachen handelt.

2. Theorie

2.1 Fachsprachen

Das Hauptproblem, das sich bei der Definition von Fachsprache ergibt, ist die Abgrenzbarkeit von den Begriffen Alltagssprache oder Gemeinsprache, die wiederum nicht klar festgelegt sind. Zwar soll mit den Begriffen ein Gegensatzpaar gebildet werden, aber aufgrund der häufigen Überschneidungen stellt sich das als unmöglich heraus. Auch kann wegen der unterschiedlichen Merkmale einzelner Fachsprachen nicht von einer Fachsprache, sondern lediglich von Fachsprachen die Rede sein.[1]

Trotz aller Probleme versucht das Lexikon der Sprachwissenschaft den Begriff Fachsprache wie folgt zu bestimmen: „Sprachliche Varietät mit der Funktion einer präzisen, effektiven Kommunikation über meist berufsspezifische Sachbereiche und Tätigkeitsfelder. Wichtigstes Merkmal ist der differenziert ausgebaute, z.T. terminologisch normierte Fachwortschatz […], dessen Wortbedeutungen frei sind von alltagssprachlichen Konnotationen und dessen Umfang in einzelnen Fachsprachen den der Standardsprache […] übersteigt. […]“[2]

Hieran werden bereits drei Merkmale deutlich, die für die Perspektive dieser Arbeit wichtig sind: 1. Fachsprache hat die Funktion eine präzise und effektive Kommunikation – hier zwischen Politkern und Volk - zu ermöglichen. 2. Fachsprache wird notwendig, wenn über spezifische Sachbereiche und Tätigkeitsfelder gesprochen wird. 3. Der Fachwortschatz ist das wichtigste Merkmal, das eine Abgrenzung zur Alltagssprache und zu anderen Fachsprachen möglich macht.

Wesentlich differenzierter macht Roelcke den Versuch Fachsprache zu definieren. Um der Komplexität der Thematik gerecht zu werden, betrachtet er die Fachsprache aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Der pragmalinguistische Ansatz analysiert die Fachsprache vor allem im Hinblick auf die „Äußerungen von Texten im Rahmen einer fachlichen Kommunikation“[3] und schließt dabei auch die Kotexte von Produzenten und Rezipienten ein. Eine weitere Herangehensweise stellt das kognitionslinguistische Funktionsmodell dar. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der psychologischen Komponente fachsprachlicher Kommunikation.[4] Den ältesten Zweig der Fachsprachenforschung stellt die systemlinguistische Perspektive dar, die im Folgenden die meiste Berücksichtigung finden soll. Dieser varietätenlinguistische Ansatz, den Roelcke als „systemlinguistisches Inventarmodell“[5] bezeichnet, versteht „Fachsprachen als Varietäten einer Einzelsprache“[6]. Im Fokus stehen dabei der Wortschatz und die Grammatik sowie die Funktion der sprachlichen Varietät. Zwar spielen auch regionale, soziale und historische Aspekte eine Rolle, diese sind der Funktionalität jedoch untergeordnet.[7]

Aus diesem Ansatz ist auch das Verständnis erwachsen, dass es sich bei Fachsprachen um die Subsprache einer Einzelsprache handelt. Dabei wird von vorneherein ausgeklammert, dass Fachsprachen nationalsprachlich-übergreifende Merkmale besitzen.[8]

Als Definition schlägt Lothar Hoffmann dem systemlinguistischen Ansatz entsprechend Folgendes vor: „Fachsprache – das ist die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, die in einem fachlich begrenzbaren Kommunikationsbereich verwendet werden, um die Verständigung zwischen den in diesem Bereich tätigen Menschen zu gewährleisten.“[9] Diese Bestimmung von Fachsprache stammt aus den 1970er Jahren und wurde umfangreich kritisiert. Als Hauptkritikpunkt wurde angeführt, dass die Definition nicht spezifisch genug sei, da Fach lediglich durch das Wort fachlich und Sprache nur durch die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel charakterisiert wurde.[10]

Doch gerade hierin ist der Vorteil der Definition für die vorliegende Arbeit zu sehen. Dadurch, dass Fach nicht mit Beruf, Technik oder Wissenschaft gleichgesetzt wird, entfällt nicht im Vorhinein die Untersuchung der Politik. Außerdem beinhaltet die Definition einen kommunikationstheoretischen Aspekt, wenn von der Verständigung zwischen Personen die Rede, was für den politischen Bereich besonders wichtig erscheint, da es darum geht, Herrschaft gegenüber dem Volk transparent zu machen und zu legitimieren.

Somit soll von folgenden Merkmalen von Fachsprache ausgegangen werden: 1. Fachsprachen sind Varietäten einer Einzelsprache, 2. Ihre Funktion ist die effektive und präzise Kommunikation, 3.Fachsprache ist die Sprache in und über einen fachlich begrenzten, also spezifischen Sachbereich, 4. Fachsprache umfasst die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, wobei der (Fach)wortschatz das wichtigste Merkmal darstellt, 5. Fachsprache soll die Verständigung zwischen den Akteuren eines Sachbereichs ermöglichen.

2.2 Fachwortschatz

Nachdem erläutert wurde, was unter Fachsprache verstanden werden soll, muss nun geklärt werden, welche Eigenschaften der Fachwortschatz besitzt. Auf diese Merkmale sollen die in den Reden verwendeten Wörter überprüft werden, um zu beurteilen, ob sich aus dem Inventar eines Fachwortschatzes bedient wurde.

Zunächst sei zur Bestimmung des Fachwortschatzes Roelckes systematisch-pragmatische Definition des Fachwortes angeführt: „Ein Fachwort ist […] die kleinste bedeutungstragende und zugleich frei verwendbare sprachliche Einheit eines fachlichen Sprachsystems, die innerhalb der Kommunikation eines bestimmten menschlichen Tätigkeitsbereichs im Rahmen geäußerter Texte gebraucht wird.“[11] Wobei der Fachwortschatz nichts anderes als die Menge der Fachworte ist.

Diese Definition beinhaltet wiederum verschiedene Merkmale, die auch für die Fachsprache gelten sollen. So finden sich hier der kommunikative Aspekt und die räumliche Begrenzung wieder. Allerdings ist damit das Fachwort für die Redeanalyse nicht hinreichend operationalisiert.

Um die „Fachbesonderheiten“[12] herauszufiltern muss festgestellt werden, inwiefern sich Fachwörter von Nichtfachwörtern unterscheiden. Nach Fluck sind Fachworte „präziser“[13] und „kontextautonomer“[14] als Nichtfachwörter. Außerdem kann das Signifikans in der Fachsprache ein anderes Signifikat als in der Alltagssprache haben. So wird beispielsweise sozial gemeinhin mit solidarisch gleichgesetzt, wohingegen es in der Soziologie lediglich darauf hinweist, dass eine Interaktion zwischen Individuen vorliegt. In solchen Fällen kann es sich bei einem Fachwort um einen Terminus handeln, der semantisch konkret festgelegt und in der Verwendung innerhalb eines Faches an bestimmte Konventionen gebunden ist.[15] In der Terminologie zeigt sich somit das erworbene Wissen eines Fachs.[16] Als Folge der konkreten Zuordnung eines Begriffs zu einem Sachverhalt müsste die Verwendung von Synonymen aus stilistischen Gründen wegfallen.[17]

Im Zusammenhang mit der Terminologisierung und der strengen definitorischen Festlegung der Begriffe, ist auch Icklers Merkmal der „Aspektualisierung“[18] der Fachwörter zu sehen. Beispielsweise denkt der Laie bei dem Wort Tee zunächst an Tee, der in Teebeuteln erhältlich ist, während Fachleute dafür die Begriffe Fannings oder Dust benutzen und mit Tee eher verarbeitete Blätter der Camelia sinensis in höheren Blattgraden verbinden. Die unterschiedliche Konnotation beim Experten und Laien resultiert aus der genaueren Festlegung von Begriffen, die – wie im Beispiel gezeigt – daraus resultieren, dass allgemeinsprachliche Wörter oftmals zu weit gefasst sind.

Eine weitere Eigenschaft, die ein Fachwort haben kann, bezeichnet Ickler als „Neutralisation“[19]. Gemeint ist damit, dass ein Wort, das in der Alltagssprache eine positive oder negative Konnotation besitzt, in der Fachsprache neutral verwendet werden kann. Das negativ konnotierte Wort Sanktion, wird beispielsweise in der Soziologie zunächst wertfrei verwendet. So kann es sich entweder um eine positive Sanktion im Sinne einer Belohnung oder um eine negative Sanktion in Form einer Bestrafung handeln.

Hoffmann liefert mit Bezug auf Wilhelm Schmidt eine Liste von Merkmalen fachsprachlicher Begriffe, die sich überwiegend mit den bereits aufgeführten Charakteristiken deckt, sie aber begrifflich besser fasst[20]: 1. Fachbezogenheit: Der Terminus ist Teil eines fachsprachlichen Systems und erfüllt eine bestimmte Funktion, 2. Begrifflichkeit: Betrachtung des Terminus als sprachliches Zeichen „für ein Grundelement rationalen Denkens“[21], einer Idee, eines Gegenstandes oder anderem, 3. Exaktheit: Klare definitorische Festlegung des Begriffes, 4. Eindeutigkeit: Der Terminus bezeichnet einen Begriff, 5. Eineindeutigkeit: Ein Signifikat besitzt genau ein Signifikans und das Signifikat kann nur durch dieses Signifikans bezeichnet werden, 6. Selbstdeutigkeit: Der Terminus kann für sich selbst, also ohne Kontext stehen, 7. Knappheit: Der Terminus ermöglicht Kommunikation ohne zusätzliche Ausführungen seines Inhalts, 8. Neutralität: Wertfreie Benutzung von Termini.

Nach dieser Sammlung verschiedener Merkmale eines Fachwortes, stellt sich auch die Frage, wie Fachwörter gebildet werden. Bei der Entstehung von Fachwörtern greifen unterschiedliche Mechanismen, wie Neuschöpfung, Terminologisierung, Wortzusammensetzung, Wortableitung, Konversion, Entlehnung oder Kürzung.[22] Dies ist jedoch für die vorliegende Arbeit irrelevant, da hier kein wechselseitiger Zusammenhang besteht. So muss es sich bei einem Neologismus nicht zwangsläufig und ein Fachwort handeln.

[...]


[1] Fluck, Hans-Rüdiger, Fachsprachen. Einführung und Bibliographie, Tübingen 1996, S. 11 f.

[2] Lauffer, Hartmut, s.v. Fachsprache, Lexikon der Sprachwissenschaft 2002, S. 211.

[3] Roelcke, Thorsten, Fachsprachen, Berlin 2005, S. 21.

[4] Ebd. S. 26.

[5] Ebd., S. 17.

[6] Ebd., S. 18.

[7] Vgl. Ebd. S. 17 ff. Vgl. auch Möhn, Dieter, Roland Pelka, Fachsprachen. Eine Einführung, Tübingen 1984, S.

26.

[8] Roelcke, Fachsprachen, S. 20.

[9] Zit. nach ebd., S. 17. Vgl. auch Hoffmann, Lothar, Kommunikationsmittel Fachsprache. Eine Einführung,

Berlin 1976, S. 193.

[10] Zur Kritik an der Definition von Hoffmann vgl. Roelcke, Fachsprachen, S. 17 f.

[11] Ebd., S. 51 f.

[12] Ebd. S. 53.

[13] Fluck, Fachsprachen, S. 47. Vgl. auch Roelcke, Fachsprachen, S. 61 f., der es als Exaktheit bezeichnet. Vgl.

auch Ickler, Theodor, Die Disziplinierung der Sprache. Fachsprachen in unserer Zeit, Tübingen 1997, S. 37,

der feststellt, dass Fachwörter nicht abstrakt sind.

[14] Fluck, Fachsprachen, S. 47. Vgl. Auch Roelcke, Fachsprachen, S. 67.

[15] Fluck, S. 47 ff. Vgl. Auch Roelcke, S. 63 ff. Hier auch Kritik: Roelcke macht auf die systematische Mehr-

mehrdeutigkeit aufmerksam, die aber trotzdem eine kontextuelle Eineindeutigkeit nach sich zieht. Da hier nur

eine Fachsprache betrachtet wird, genügt es von der kontextuellen Eineindeutigkeit auszugehen.

[16] Ammon, Ulrich, s.v. Fachsprache, in: Metzler Lexikon Sprache (2005), S. 187.

[17] Ickler, Disziplinierung, S. 63.

[18] Ebd., S. 38.

[19] Ebd.

[20] Hoffmann, Kommunikationsmittel, S. 308.

[21] Ebd.

[22] Fluck, S. 49 ff. Vgl. auch Ickler, Disziplinierung, S. 95 ff. oder Glück, Helmut, s.v. Terminologie, Metzler

Lexikon Sprache (2005), S. 679.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640594405
ISBN (Buch)
9783640594412
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149056
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Ulbricht Honecker DDR Fachsprache politische Sprache Politolinguistik öffentlicher Sprachgebrauch Terminologie Politik Fachwortschatz Ideologiesprache

Autor

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