Lade Inhalt...

Massenpsychologie

Das Ich und die Massen. Elemente einer politischen Psychologie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 35 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Le Bon

3 Freud

4 Reich

5 Adorno

6 Hofstätter

7 Mitscherlich

8 Nachtrag

9 Literatur

1 Einleitung

Die Massenpsychologie ist ein breites Thema der Psychologie. In dieser Arbeit wird ein Überblick der wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung sowie insbe- sondere des Anwendungsbereichs der Massenpsychologie auf den Faschismus gegeben. Die Arbeit beansprucht keine Vollständigkeit für sich. Vielmehr werden markante Stationen und herausragende Autoren kompilatorisch Wie- dergegeben und so die Entwicklung von der deskriptiven Massenpsychologie über die Psychoanalyse hin zum Anwendungsbereich nachvollzogen.

Dem Thema liegen drei Begriffe unter, Ich, Masse und politische Psycho- logie. Das Ich ist eine Kategorie aus Freuds Psychoanalyse. ”DasIchistvor allem ein köperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst eine Projektion einer Oberfläche“1 Das Ich sitzt dem Es oberflächlich auf, es ist vom Es nicht scharf getrennt, sondern fließt mit ihm zusammen. Es ist vom Verdrängten scharf geschieden, mit ihm kann es nur über das Es kommunizieren. ”Das Ich repräsentiert,wasmanVernunftundBesonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält.“2

Der Begriff Masse ist ein Phänomen, welches vor allem in großstädtischen, modernen Zusammenhang gedacht und mit der Atomisierung des Einzelnen in Zusammenhang gebracht wird. Im Gegensatz zum Gruppenbegriff beinhal- tet Masse etwas amorphes und irrationales. ” Überallaber,woman es mit dem spezifischen Verhalten von Massen zu tun hat, stößt man auf ein irrationa- les Moment, von der Panik im Theater angefangen bis zu jenen angeblichen Volkserhebungen, in denen die Gefolgsleute begeistert Interesse vertreten, die ihrer eigenen Vernunft und Selbsterhaltung oftmals kraß entgegengesetzt sind.“3 Die Vorstellung von Masse verschiebt sich dabei von Autor zu Au- tor. Während bei Le Bon noch vor allem die spontanen Massenaufläufe und das Zusammentreffen von Menschen als Masse beschrieben werden, sind es bei Freud die künstlichen Massen von Heer und Kirche. Von Masse muß da gesprochen werden, wo Menschen sich aggregieren. Stets wird mit Masse die große Zahl assoziiert. Masse wird oftmals gleich gesetz mit einfachen Leuten oder Arbeitern, ihr haftet das Bild des ungebildeten Volkes an. Als Gegen- begriff wird ihm das Individuum beigelegt.

Der Begriff politische Psychologie wurde 1860 von Adolf Bastian ein- geführt. Politische Psychologie untersucht die Zusammenhänge zwischen Macht und Herrschaft einerseits und der Subjektivität von Gefühlen, Mei- nungen und Verhalten in Politik und Gesellschaft andererseits. Massenpsy- chologie wird da zur politischen Psychologie, wo es die Verhältnisse zwischen der Masse und den Einzelnen untersucht und in Zusammenhang mit der Ge- sellschaft bringt. ”WiesichEinergegenwärtigverhält,dasistanUrahnfrau’s Neigung nicht mehr abzulesen, obgleich in einer streng statischen Gesellschaft früherer Epochen mit ihrem langsameren Gang der Industrie es wohl so scheinen mochte. ,Original‘, wie manche Romantiker ihn haben wollten, ist der einzelne trotzdem nicht. ,Tradition‘ und ,Charakter‘ sind Produkte der Sozialisation.“4 Streng genommen kann bei Le Bon und Freud noch nicht von einer politischen Psychologie gesprochen werden, da ihnen der Bezug zur politischen Sphäre fehlt, erst mit Reich und seiner Übertragung der Psychologie auf gesellschaftliche und politische Zustände entwickelt sich die Massenpsychologie zur politischen Psychologie.

Im Einzelnen gliedert sich die Arbeit entlang der historischen Entwick- lung der Massenpsychologie. Bei Le Bon werden die verschiedenen deskri- piven Phänomene der Massen untersucht. Im Abschnitt über Freud kommt die Psychoanalyse zur Anwendung, anhand der Begriffe Identifikation und Hypnose werden die Einflüsse und Bedingungen der Massenentstehung beim Einzelnen in Augenschein genommen. Reich und Adorno werden hinsicht- lich der Zusammenhänge zwischen Massen und Faschismus zu Rate gezogen. Während bei Reich insbesondere der Zusammenhang von Psychologie und Marxismus in Form der Ideologie Beachtung findet, verbleibt Adorno streng an der Freudschen Theorie bei der Betrachtung des Faschismus und ihrer Agitation. Hofstätter wird kurz eingeflochten, wegen seiner Kritik der Mas- senpsychologie. Mitcherlich betrachtet unter dem Blickwinkel der Massen- psychologie die moderne Gesellschaft.

2 Le Bon

Gustave Le Bons (*1841 Nogent-le-Retrou - 1931 Paris) Massenpsychologie ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich wurde die Massenpsycholo- gie allerdings schon vor Le Bon aus den Reihen der Polizei heraus entwickelt; dort ging es um die Erforschung des Phänomens von Massenaufläufen und sogenannten verbrecherischen Massen. Trotzdem gilt Le Bon als Begründer der Massenpsychologie. Le Bon war von Beruf her Arzt und hatte zudem eine Passion in der Anthropologe gehabt. 1870 war er Chefarzt in einer Feldlaza- rettabteilung der französischen Armee, die Paris gegen die Deutschen vertei- digte. Le Bons Denken orientiert sich in seinen Schriften an Auguste Comte. Zweifelslos begründet sich Le Bons Werk ”PsychologiederMassen“(Original: ”PsychologiedesFoules“)aufComtesEnzyklopädischenGesetzundversteht sich als Ausführung in der sozialen Physik. Der Begriff ist dabei insofern irreführend, da in der deutschen ”Masse“alsSynonymfür ”Massenpsychologie“ Übersetzung der Begriff ”Menge“ benutzt wird.5

Die Massenpsychologie Le Bons setzt zwei Begriffe gegenüber: Masse und Rasse. Unter Masse im psychologischen Sinne versteht Le Bon eine Menschen- menge die unter gewissen Reizen besondere Wesensarten einnimmt, die dem Einzelnen nicht innewohnten. Allgemeine Eigenschaften der Masse sind ihre Triebhaftigkeit, Beweglichkeit und Erregbarkeit. Sie besitzt folgende Cha- raktereigentümlichkeiten, die durch drei Ursachen herrüht: 1. Gefühl der unüberwindlichen Macht beim Einzelnen, durch die er sich zur Auslebung von Trieben hinreißen läßt, die er alleine nicht ausleben würde. 2. Menta- le Ansteckung (hier übersetzt als der Hypnose erklärt wird: ”geistige Übertragung“), die als eine Art ”InderMasseistjedesGefühl,jedeHandlung übertragbar, und zwar in so hohem Grade, daß der einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert.“6 3. Als wichtigste Ursache nennt Le Bon die Beeinflußbarkeit. ”DiebewußtePersönlichkeitist völlig ausgelöscht, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind in die Sinne verlegt [ . . . ]“7 Diese Suggestion ist in der Masse noch stärker als bei einem Hypnotiseur, da sich hier die einzelnen Mit- glieder der Masse gegenseitig in ihrer Suggestion bestärken. Lediglich starke Persönlichkeiten können ihr widerstehen und sie durch Eingabe gewisser Bil- der von ihren Taten ablenken. ”DieHauptmerkmaledeseinzelneninder Masse sind also: Schwinden der bewußten Persöhnlichkeit, Vorherrschaft des unbewußten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflus- sung und Übertragung in die gleiche Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen.“8 Der Einzelne wird in der Masse zum Triebwesen. Intellektuell ist die Masse dem unabhängigen Einzelnen stets un- tergeordnet, aber von den Gefühlen ausgehend kann die Masse zwischen einer verbrecherischen Masse und einer heroischen Masse schwanken, je nachdem welchen Einflüssen sie ausgesetzt ist. Die Masse selbst wird dabei vom Unbe- wußten geleitet: ”Physiologischläßtessichsoerklären,daßderalleinstehende einzelne die Fähigkeit zur Beherrschung seiner Empfindungen hat, die Mas- se aber nicht dazu imstande ist.“9 Die Mannigfaltigkeit ihrer Triebe sind so geschaffen, daß der Selbsterhaltungstrieb davor zurücktritt. ”DieMassewird leicht zum Henker, ebenso leicht aber auch zum Märtyrer“10 Sie ist Wegbe- reiter jeden Glaubens. Eine Vorüberlegung ist bei der Masse nicht gegeben, sie durchläuft eine ganze Folge von Gefühlen aufgrund von Augenblickreizen. In ihrer Überzahl entsteht bei ihr das Gefühl von unwiderstehlicher Macht: ”Für den einzelnen in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen.[ ... ] Als Glied einer Masse aber übernimmt er das Machtbewußtsein, das ihm die Menge verleiht, und wird der ersten Anregung zu Mord und Plünderung augenblicklich nachgeben.“11 Für Le Bon sind die Massen weibisch12 in ihrer Reizbarkeit und Tribhaftigkeit.

Die erste klare Beeinflussung wird durch Übertragung auf alle anderen Gehirne augenblicklich mitgeteilt, sie gibt die Gefühlsrichtung der Masse an. ”SomußdieMasse,diestetsandenGrenzendesUnbewußtenumherirrt,al- len Einflüssen unterworfen ist, von der Heftigkeit ihrer Gefühle erregt wird, welche allen Wesen eigen ist, die sich nicht auf die Vernunft berufen können, alles kritischen Geistes bar, von einer übermäßigen Leichtgläubigkeit sein.“13

Dazu kommen noch die Entstellungen, die zur Entstehung von Legenden führen. Die Masse denkt in Bildern. Diese haben nur eine entfernte Ähn- lichkeit mit der beobachteten Tatsache. ”Infolgeder Übertragung sind die Entstellungen durch die einzelnen einer Gemeinschaft alle von der gleichen Art und Weise.“14 Sie vollziehen sich als Kollektivhalluzination in folgen- der Weise, die Masse ist im Zustand gespannter Aufmerksamkeit, es erfolgt eine Suggestion durch einen einzelnen, nun wird durch Übertragung diese Suggestion von allen Anwesenden aufgenommen. Le Bon schlussfolgert: ”Die Ereignisse, die von der größten Anzahl von Personen beobachtet wurden, sind sicher die zweifelhaftesten.“15

”AlleGefühle,guteundschlechte,dieeineMasseäußert,habenzwei Eigentümlichkeiten; sie sind sehr einfach und sehr überschwenglich.“16 Dies bewahrt die Masse vor Zweifel und Ungewißheit. Verdächtigungen werden so gleich zu unumstößlichen Gewißheiten, Abneigung und Mißbiligung zu wilden Haß. Der Überschwang der Gefühle ruft in den Massen Reste der Urinstinkte herauf, die der einzelne bei Furcht vor Strafe zügeln würde. Ein Redner, der vor Massen spricht, muß beachten, daß die Masse nur durch übermäßige Empfindungen erregt wird. Daher benutzen solche Redner insbesondere die rhetorischen Mittel des Schreiens, Beteuerns und Wiederholens und unter- lassen den Versuch von Beweisen ihrer Aussagen. Andererseits kann sich ein Redner keinen Widerspruch leisten, da die Masse in das, was sie für Wahr- heit oder Irrtum hält, keine Zweifel hat und in Bewußtsein ihrer Macht daher eigenmächtig und unduldsam ist. Sie erkennt nur die Macht an: ”Niemalsgal- ten ihre Sympathien den gütigen Herren, sondern den Tyrannen, von denen sie kraftvoll beherrscht wurden“17 Und: ”DasUrbilddesMassenheldenwird stets Cäsarencharakter zeigen.“18 19 Die Masse beugt sich daher knechtisch einer starken Herrschaft, wie sie ebenso gegen eine schwache rebelliert. Man mißversteht nach Le Bon die Psychologie der Masse, wenn man in ihr eine Vorherrschaft von revolutionären Trieben sehen würde. Ausbrüche von Empörung sind stets nur von kurzer Dauer, instiktiv steuert die Masse sich selbst überlassen ihrer eigenen Knechtschaft zu. ”InWahrheithabensienicht weiter erklärbare Beharrungsinstinkte, und wie alle Primitiven eine fetischi- stische Ehrfurcht vor den Überlieferungen, einen unbewußten Abscheu vor allen Neuerungen, die ihre realen Lebensbedingungen ändern könnten.“20

Als letzte Eigenschaft nennt Le Bon noch die Sittlichkeit, die den Massen zu eigen ist. Diese steht im Kontrast zu den Trieben zerstörerischer Wild- heit. ”WennnundieMasseimstandeist,Mordtaten,Brandstiftungenund Verbrechen aller Art zu begehen, so ist sie ebenso zu Taten der Hingabe, Aufopferung und Uneigennützigkeit fähig, sogar in höherem Maße als der einzelne.“21

Der Masse gegenüber gestellt ist die Rasse, die sogleich den seelischen Kern der Masse bildet. ”DieMassenseelewirdzumbösenWidersacherder kulturerzeugenden Rassenseele, die doch selbst zugleich den unbewußten Kern der Massenseele bilde, ohne daß Le Bon um den Widerspruch sich kümmerte.“22 Der Begriff der Rasse ist für das heutige Verständnis irreführ- end. Le Bon versteht darunter die geistige Rasse, die von der aristokrati- schen Familienvererbung ausgehend den Charakter des Volkes ausmacht. Im 19. Jhd. war der Begriffe der Rasse noch nicht eindeutig biologisch gefärbt. Für eine nähere Betrachtung des Rassebegriffs im 19. Jhd. vgl. Utz Anhalt, ”DarwinistUnschuldig“23.

Nach Le Bon stellen die Unterschiede der verschiedenen Rassen ein Haupthindernisgrund dar, wenn Vertreter verschiedener Völker eine Masse bilden. Diese zerfällt rasch in Zwietracht. Der Grund liegt in der verschiedenen ererbten geistigen Konstitution. Die Gegenüberstellung von Rasse und Masse wird von Le Bon folgendermaßen konstatiert, Rasse ist kulturerzeugend während Masse einen Rückfall in die Barbarei darstellt: ” D ieniederenEigenschaften der Masse sind um so weniger betont, je stärker die Rassenseele ist.24 Vor der Barbarei schützt sich die Rasse durch Erwerb einer festgefügten Seele.

Mit dem Wechselspiel von Masse und Rasse kommt Le Bon zu folgen-dem geschichtsphilosophischen Ergebnis, welches den Kreislauf von Aufstieg, Blüte und Niedergang der Völker und ihrer Kulturen betrachtet. Das Er-wachen der Kulturen beginnt mit einem zusammengewehten Haufen von Menschen verschiedenster Abstammung, verschiedendestem Blute, verschie-denster Sprache und verschiedenster Anschauung. Diese werden durch das Band eines Gesetzes unter einem Häuptling zusammengehalten. ”Inihrem verworrenen Haufen finden sich die psychologischen Merkmale der Masse im höchsten Maße. [ . . . ] Sie sind Barbaren.“25 Mit dem Zusammenschmelzen dieses Haufens beginnt sich eine Rasse zu bilden, die sich durch Vererbung immer mehr verfestigt, aus der Masse wird ein Volk. Um aus der Barbarei sich zu erheben muß es durch wiederholte Kämpfe und unzählige Ansätze ein Ideal errringen. Mit diesem Ideal entsteht Kultur. ”IstdieKulturaufeiner gewissen Höhe der Macht und Mannigfaltigkeit angelangt, so hört sie auf zu wachsen, und sobald sie zu wachsen aufhört, ist sie zu raschem Nieder- gang bestimmt.“26 Durch das fortschreitende Schwinden des Ideals verliert die Rasse ihren Zusammenhalt, ihre Einheit und ihre Seele. Zuletzt wird das Volk nur noch durch Überlieferung und Einrichtungen künstlich zusam- mengehalten und bildet ansonsten wieder einen zusammenhanglosen Haufen. ”MitdemendgültigenVerlustdesfrüherenIdealsverliertdieRassezuletzt auch ihre Seele, sie ist dann nur noch eine Menge alleinstehender Einzelner und wird wieder, was sie am Ausgangspunkt war, eine Masse.“27

Für Sigmund Freud ist das, was Le Bon über die Führer von Massen sagt, wenig erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige nicht so deutlich erscheinen. Le Bon geht davon aus, daß ab einer gewissen Anzahl von lebenden We- sen, die zusammenkommen, ein Oberhaupt oder Führer die Herrschaft über die Gruppe übernimmt. ”MeistenssinddieFührerkeineDenker,sondern Männer der Tat. [ . . . ] Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reiz- baren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden.“28 Ihre suggestive Macht entspringt ihrem Glauben, sie verfügen über einen starken Willen und streben oft das Martyrium für sich an. Es lassen sich zwei Klassen von Führern unterteilen: ”ZudereinenArtgehöhrendieenergischen,willens- starken, aber nicht ausdauernden Menschen; zur anderen, viel selteneren, die Menschen mit einem starken, ausdauernden Willen.“29 Die zweite Klasse ist zwar nicht so Glanzvoll, übt aber einen bedeutenderen Einfluß in Kultur und Geschichte aus. Nachdem Le Bon die drei Mittel zur Beeinflussung der Mas- se, Behauptung, Wiederholung und Übertragung, ausführt, kommt er auf den Nimbus (Heiligenschein, Ruhmesglanz, Ansehen, Geltung) zu sprechen: ”DerNimbusistinWahrheiteineArtZauber,deneinePersönlichkeit,ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt.“30 Es können zwei Grundformen des Nimbus unterschieden werden, der erworbene und der persönliche Nimbus. Der erworbene Nimbus entsteht durch Name, Reichtum oder Ansehen, auch eine Uniform oder Robe drückt einen gewissen Nimbus aus. Der persönliche Nimbus beruht auf etwas individuellen. Er kann durch persönliches Anse- hen, militärischen Ruhm oder religiöser Angst entstehen, aber auch andere persönliche Leistungen zugerechnet werden. Er beruht im wesentlichen auf dem Erfolg. ”Der Nimbus verschwindet immer im Augenblick des Mißerfolgs. [ . . . ] Je größer der Nimbus, um so heftiger der Rückschlag“31

3 Freud

Sigmund Freud (*1856 Freiberg/Mähren - 1939 London) wendet die von ihm entwickelte Psychoanalyse auf die Massenpsychologie an. ”BiszuFreuds ,Massenpsychologie und Ich-Analyse’ wurde die ,Masse’ als ein rätselhaft tückisches, vielgliedriges Wesen beschrieben. [. . . ] Freud erkannte den entscheidenen Mechanismus; es ist die Einsetzung eines Führers als Ich-Ideal eines jeden Massengliedes.“32

Freud findet bei der Betrachtung der bisherigen Literatur zur Massen- psychologie zwei Grundtatsachen vor: Affektsteigerung und Denkhemmung. Zurückgeführt werden diese Grundtatsachen auf die Suggestion, die eine Mas- se bewirkt. ”Bei LeBon wurdeallesBefremdendedersozialenErscheinungen auf zwei Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzel- nen und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert sich wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervorzurufen.“33 Das Wesen der Suggestion selbst wird von den Autoren nicht untersucht. Freud geht diesem Geheim- nis mit dem Begriff der Libido an. ”LibidoisteinBegriffausderAffekti- vitätslehre“34 Er meint eine quantifizierte Größe all der Triebe unter dem der Begriff Liebe subsumiert ist. Dies ist primär die Geschlechtsliebe, aber auch die Begriffe Selbstliebe, Eltern- und Kindsliebe, Freundschaft, allge- meine Menschenliebe sowie Hingabe an konkrete Gegenstände und abstrakte Ideen werden mit dem Begriff Libido zusammengefaßt. ”DieseLiebestriebe werden nun von der Psychoanalyse a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen.“35 Freud postuliert, daß diese Liebesbeziehungen das Wesen der Massenseele ausmachen, während frühere Autoren diesen Zusam- menhang gleich einer Spanischen Wand hinter dem Begriff Suggestion ver- borgen hielten. Begründet wird dies durch zweierlei: Erstens wird die Masse durch irgendeine Macht zusammengehalten, dies kann aber nur der Eros sein, zweitens ”[ ... ]daßmandenEindruckempfängt,wennderEinzelneinder Masse seine Eigenart aufgibt und sich von den Anderen suggerieren läßt, er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Einvernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also vielleicht doch ,ihnen zuliebe‘.“36

Massen lassen sich in flüchtige und dauerhafte, homogene und nicht homo- gene, natürliche und künstliche, primitive und hoch organisierte, führerlose und solche mit Führern einteilen. Freud betrachtet für seine Libido-These zwei künstliche Massen, nämlich Kirche und Heer. Beiden ist gemeinsam, daß ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet wird, um sie beisammen zu halten und daß ein Oberhaupt da ist, der vorspiegelt, allen Einzelnen der Masse die gleiche Liebe zuteil werden zu lassen. Christus bzw. der Feldherr ist in diesen Massen ein Vaterersatz: ”[ ... ]derFeldherristderVaterderalle Soldaten gleich liebt, und darum sind sie Kameraden untereinander.“37 In gleicher Weise entstehen Kriegsneurosen durch die lieblose Behandlung der Soldaten durch ihren Vorgesetzten. Die libidonöse Bindung besteht zwischen den Führer (Feldherr, Christus) der Massen einerseits und andererseits ih- rer Mitglieder untereinander. Das zersetzen der Masse ruft Panik hervor. In der Masse haben die affektiven Bindungen aufgehört zu bestehen und die libidonöse Struktur weicht der panischen Angst. ”DieAngstdesIndividu- ums wird hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr oder durch das Auflassen von Gefühlsbindungen (Libidobesetzung); der letzte Fall ist der der neurotischen Angst. Ebenso entsteht die Panik durch die Steigerung der alle betreffenden Gefahr oder durch das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall ist der neurotischen Angst analog.“38 Mit dem Verlust des Führers schwindet auch die Gefühlsbindung der Massenmitglieder untereinander.

Neben der libidonösen Bidung zu anderen gibt es auch den Narzißmus, der zu einer Ablehnung oder Feindseligkeit zur geliebten Person führt. Innerhalb der Massen findet der Narzißmus dagegen keinen Eingang und es entsteht kein Gefühl der Ablehnung. ”EinesolcheEinschränkungdesNarzißmuskannnach unseren theoretischen Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden, durch libidonöse Bindung an andere Personen.“39 In der Fremdliebe findet die Selbstliebe ihre Schranken. Diese Beeinträchtigung des Ichs führt Freud auf die Verliebtheit zurück, welche von den ursprünglichen Zielen des Liebestriebs ablenkt. In der weiteren Betrachtung beschäftigt sich Freud daher zuerst mit dem Begriff der Identifizierung, um dann mit den Begriffen Verliebtheit und Hypnose ein erstes Ergebnis zum Problem der Massen zu finden.

Die Identifizierung ist eine frühe Form der Gefühlsbindung zu einer an- deren Person und beginnt schon in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes. Der Junge nimmt seinen Vater zum Ideal, während er bei seiner Mutter eine sexuelle Objektbesetzung vornimmt. ”GleichzeitigmitdieserIdentifizie- rung mit dem Vater, vielleicht sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine richtige Objektbesetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus vorzuneh- men.“40 Mit der Vereinheitlichung des Seelenlebens stoßen beide Phänomene aufeinander und es entsteht der normale Ödipuskomplex. Zwischen Vateri- dentifizierung und Vaterobjektwahl ist der Unterschied zwischen dem was man sein und dem was man haben möchte, also zwischen der Bindung am Subjekt und am Objekt. Bei der Identifizierung liegt das Streben darin, das Ich so zu gestalten wie das andere zum Vorbild genommene. Bei der neu- rotischen Symptombildung wie sie bei kleinen Mädchen zu beobachten ist, verläuft die Identifizierung entweder als feindseliges Ersetzenwollen und das Symptom drückt die Objektliebe aus, oder das Symptom ist dasselbe wie bei der geliebten Person, ” d ieIdentifizierungseiandieStellederObjektwahl getreten, die Objektwahl sei zur Identifizierung regrediert.41

Ein dritter Fall tritt dann auf, wenn die Identifizierung vom Objekt- verhältnis der kopierten Person ganz absieht und sie auf dem Wege der psychischen Infektion zustande kommt. ”DaseineIchhatamanderenei- ne bedeutsame Analogie in einem Punkte wahrgenommen, [ . . . ] es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen Situation verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom, welches das eine Ich produziert hat.“42

Freud gibt zwei Fälle von Identifizierung an, die für die weiteren Betrach- tungen erhellend sind. Im ersten Fall betrachtet er die männliche Homose- xualität: Hier kehrt sich der junge Mann nicht von seiner Mutter ab, um ein neues Objekt zu suchen, sondern identifiziert sich mit ihr und wird zu sie, so daß er jetzt nach Objekten sucht, die sein Ich ersetzen können. ”Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bishe- rigen Objekts um.“43 Der andere Fall ist die Melancholie. Hier ist das Ich geteilt und ein Teil wütet gegen das andere. ”EsschließtdasGewissenein, eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in normalen Zeiten dem Ich kri- tisch gegenüebergestellt hat, nur niemals so unerbittlich und so ungerecht.“44 Diese Instanz, die sich vom anderen Ich absondert und in Konflikt mit ihm gerät, wird das Ichideal genannt. Ursprünglich genügt das kindliche Ich sich selbst, mit den Einflüssen und Ansprüchen der Umgebung kann das Ich den narzißtischen Anforderungen nicht mehr nachkommen und der Mensch sucht Befriedigung im vom Ich differenzierten Ichideal.

Im Zuge seiner Untersuchung kommt Freud auf die Verliebtheit zu spre- chen. Hier Interessiert vor allem die Idealisierung des Liebesobjekts: ”Bei manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst augenfällig, daß das Ob- jekt dazu dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen.“45 In der schwämerischen Liebe wird das Ich geschwächt, während das Objekt erhöht wird, der Narzißmus wird auf das Objekt abgelenkt. Gleich der Verliebtheit zur Person ist auch die sublimierte Hingabe zur abstrakten Idee zu betrach- ten. In Konsequenz versagt das Ichideal und es ist keine Kritik am Objekt mehr möglich: ” D as Objekt hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt.46

Freud gibt drei Stufen der Unterscheidung zwischen Identifizierung und Verliebtheit an. Bei der Identifizierung introjiziert das Ich die Eigenschaften des Objekts, während bei der Verliebtheit das Ich verarmt und dem Objekt hingibt. Freud schränkt ein, daß bei extremer Verliebtheit auch hier das Ich sich dem Objekt introjiziert. Sodann bei der Identifizierung ging das Objekt verloren und wird im Ich wieder aufgerichtet, das Ich kopiert partiell das Objekt, während bei der Verliebtheit das Objekt erhalten geblieben ist und auf Kosten des Ichs überbesetzt wird. Freud stellt dagegen: ”Stehtesdenn fest, daß die Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt, kann es nicht Identfizierung bei erhaltenem Objekt geben?“47 Zuletzt stellt er folgende Einteilung auf. Bei der Identifizierung wird das Objekt an die stelle des Ichs gesetzt, während es bei der Verliebtheit die Stelle des Ichideals einnimmt.

Mit dem Vorangegangenen läßt sich nun auch der Vorgang der Hypno- se erhellen. Bei der Hypnose setzt sich der Hypnotiseur an die Stelle des Ichideals, er wird zum einzigen Objekt. ”DiehypnotischeBeziehungistei- ne uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexueller Befriedigung [ . . . ]“48 Freud faßt kurz, die Hypnose ist eine Massenbildung zu zweit. Sie erklärt die Beziehung zwischen Massenindividuum und ihrem Führer, die simultan ist bei größerer Anzahl der Beteiligten.

Diese Ausführungen lassen nun eine Formelaufstellung für die libidonöse Konstitution von Massen zu, Freud faßt zusammen: ” E inesolcheprimäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben.49 Diese Formel verschiebt allerdings nur die Erklärung der libidonöse Bindung der Massen auf das Rätsel der Hypnose, zudem fehlt die Erklärung der Suggestion der Massenmitglieder untereinander. Um die Regression der gemeinen Masse auf frühere Stufen zu erklären, wendet sich Freud über dem Umweg des Herdentriebs der Betrachtung der Horde zu.

Laut Freud bildet nach Darwin die Urhorde die Urform der menschlichen Gemeinschaft. Die Mitglieder der Horde werden von einem starken Männchen beherrscht. In Totem und Tabu legt Freud dar, daß diese Urgemeinschaft in der menschlichen Erbgeschichte Spuren hinterlassen hat. Dort wird der Ur- sprung des Totemismus durch die Tötung des Oberhaupts und Umwandlung in die Brudergemeinde dargelegt, dies sei der Anfang von Religion, Sittlich- keit und soziale Gliederung gewesen. Diese Form der Urhorde findet ihr Ana- logon in der Masse, wo auch ein Einzelner die Herrschaft über gleichberech- tigte Mitglieder ausübt, ”soweit die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den Fortbestand der Urhorde in ihr.“50

Die Betrachtung der Urhorde veranlasst Freud von zwei genauso alten Psychologien auszugehen, der Massenpsychologie der Massenindividuen und der Individualpsychologie des Oberhaupts, Vaters, Führers. Diese Vaterge- stalt war frei und daher wenig libidinös gebunden in seinem Ich, ihm stand die Selbstliebe zu. ”NochheutebedürfendieMassenindividuenderVorspie- gelung, daß sie in gleicher und gerechter Weise vom Führer geliebt werden, aber der Führer selbst braucht niemand anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher und selbständig.“51 Das Motiv der Urhorde laßt sich als idealistische Umarbeitung auf die vorher betrachteten künstlichen Massen Kirche und Heer anwenden.

Freud benutzt den Begriff der Urhorde um den Begriffen Hypnose und Suggestion ihr Geheimnis bei der Massenbildung abzuringen. So wird die Hypnose eingeleitet mit der Aufforderung des Hypnotiseurs ihm in die Augen zu sehen, dem liegt die Bedeutung zugrunde, daß der Hypnotiseur behautet oder es von ihm geglaubt wird, er besäße eine geheimnisvolle Macht, die dem Subjekt seinen Willen aufzwingt. In Urvölkern ist dies gleichbedeutend mit dem Mana, der den Anblick von Häuptlingen unerträglich macht. ” F erenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der Hypnotiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die Stelle der El- tern setzt.“52 Gegen diese übermächtige Macht kann der Hypnotisierte sich nur in eine passiv-masochistische Einstellung flüchten. Auch die Suggesti- onserscheinungen lassen sich auf die Urhorde zurückführen: Der Führer ist der gefürchtete Urvater, während die Masse beherrscht werden will und auto- ritätssüchtig ist: ”Der Urvater ist das Massenideal,das an Stelle des Ichideals das Ich beherrscht“53

4 Reich

Wilhelm Reich (*1897 Dubzau/Galizien - 1957 Lewisburg/USA) ist der Entdecker der Orgonenergie und Forscher in der sozialen Sexualökonomie. Zudem war er kritischer Sozialist und Begründer des Freudomarxismus. Sein Buch Massenpsychologie des Faschismus, welches zwischen 1930 und 1933 entstand, wurde von zwei Seiten heftig angegriffen. 1935 wurde es zusammen mit der gesamten Literatur zur politischen Psychologie in Nazideutschland verboten. Aber auch von kommunistischer Seite wurde das Buch als konter- revolutionär abgetan, was mit dem Ausschluß Reichs aus der KPD endete. Reich schreibt im Vorwort dazu: ”JegrößerdiesozialeWirkungendermas- senpsychologischen Arbeit waren, desto schärfer wurden die Gegenmaßnahmen der Parteipolitiker.“54

Reich geht von drei Charakterschichten der biophysischen Struktur des Menschen aus. In der oberflächlichen Schicht ist der Mensch verhalten, höf- lich, mitleidig, plichtbewußt und gewissenhaft. In der mittleren Schicht, die das Freudsche Verdrängte oder Unbewußte darstellt, ist er durchweg grau- sam, sadistisch, sexuell lüstern, raubgierig und neidisch. Und in der drit- ten und tiefsten Schicht, die Reich den biologischen Kern nennt, ”istder Mensch ein unter günstigen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational hassendes Tier.“55 Diese menschli- che Struktur überträgt Reich nun auf das Soziale und Politische. ” N achdem soziale Umstände und Veränderungen die ursprünglichen biologischen An- sprüche des Menschen zur Charakterstruktur geformt haben, reproduziert die Charakterstruktur in Form von Ideologien die soziale Struktur der Gesell- schaft.56 So sprechen die ethischen und sozialen Ideale des Liberalismus die oberflächliche Schicht an und halten die zweite Schicht, daß Freund- sche Unbewußte, unten. ”DienatürlicheSozialität[ ... ]istdemLiberalen fremd“57 Diese ist dem Revolutionären zu eigen. Bei dem Faschismus wird allerdings die zweite Schicht angesprochen: ist ,Faschismus ’ die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung.58 Diese schafft die faschistische Partei.

Der Faschismus ist eine durch Menschenmassen getragene und vertretene politische Richtung und stellt nach Reich ein Amalgan ”zwischen rebelli- schen Emotionen und reaktionären sozialen Ideen“59 dar. Er ist ”inseiner reinen Form die Summe aller irrationalen Reaktionen des durchschnittlichen menschlichen Charakters.“60 Als solcher ist er Schöpfung des Rassenhasses und nicht umgekehrt und tritt in jedem Volk als sein politischer Ausdruck auf. Er ist ein extremer Ausdruck des religiösen Mystizismus und kann nach Reich als sadistische Religion aufgefaßt werden. Die Mentalität entspricht der des ”kleinen Mannes“ in seiner unterjochten ,autoritätssüchtigen und rebel- lischen Form: ”In der Rebellion der Masse der mißhandelten Menschentiere gegen die nichtssagenden Höflichkeiten des falschen Liberalismus [ . . . ] kam die charakterliche Schichte der sekundären Triebe zum Vorschein.“61

Reich betrachtet den Faschismus aus der Sicht des Marxismus. Eine er- ste Frage ist dabei, wie der Faschismus gegenüber der deutschen Arbeiter- bewegung siegen konnte. Entweder, schlußfolgert Reich, war die Marxsche Grundauffassung unrichtig oder sie war richtig und es bedarf einer gründli- chen Untersuchung des Scheiterns der Arbeiterbewegung, sowie der Klärung der neuartigen Massenbewegung des Faschismus. Für Reich war der Mangel in der Richtung der marxistischen Erfassung der Wirklichkeit angelegt; ”[ ... ] die marxistische Politik hatte [ . . . ] die charakterliche Struktur der Massen und die soziale Wirkung des Mystizismus in ihre politische Praxis nicht ein- bezogen.62 Sie hatte sich auf objektive Prozesse der Wirtschaft beschränkt und die Ideologie der Massen vernachlässigt. Die Marxsche revolutionäre Tat war die Erfassung der industriellen Produktivkräfte als vorwärtsdrängende Kraft in der Geschichte. Nach Marx degenerierte der Marxismus allerdings: ”Lebendige Methodenwurdenzu Formeln,wissenschaftlicheTatsachenfor- schung zu starren Schemata“63 Es entstand der Vulgärmarxismus, der sich auf reinen Ökonomismus beschränkte. Nach diesem würde in der wirtschaftlichen Krise notwendigerweise eine ideologische Linksentwicklung eintreten, in der Wirklichkeit jedoch kam es zu einer extremen Rechtsentwicklung. ”Eser- gab sich eine Schere zwischen der Entwicklung in der ökonomischen Basis, die nach links drängte, und der Entwicklung der Ideologie breiter Schichten nach rechts.“64 Die Ursachen lagen einerseits im Bürgertum, welches verschiedene Vorbeugungsversuche, wie etwa den Roosevelt-Plan, unternahm, um einer Entwicklung wie im revolutionären Rußland entgegenzutreten und im Faschismus, welcher in seiner Entwicklung zur Massenbewegung sich zunächst gegen die Großbourgeoisie richtete.

Um 1933 trafen die ökonomischen Bedingungen für eine soziale Revolu- tion in Deutschland entsprechend der Marxschen Theorie zu: Auf der einen Seite Kapitalkonzentration und Anarchie des Marktes, auf der anderen Seite Verelendung der Bevölkerung und 50 Millionen Arbeitslose in Europa. Doch es gab innerhalb der Arbeiterschaft keine Empörung, sondern eine Schere zwischen der sozialen Lage und dem Bewußtsein. Es fand eine Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis statt. Reich unterteilt hierzu die Wählermasse in eine Klassengliederung und eine ideologische Schichtung am Beispiel der Bevölkerungszählung von 1925: Demnach ergibt sich sozialöko- nomisch ein Anteil von Arbeitern von 21,789 Mill. und der Mittelschicht von 12,755 Mill. Erwerbstätigen. Die ideologische Struktur aber ergibt ein Bild von 14,433 Mill. Arbeitern und 20,111 Mill. Angehörigen des kleinbürger- lichen Mittelstands (also ökonomischen ”Proletariern“).Dieseideologische Schichtung fällt mit den Wahlstimmen von 1932 zusammen, die Kommuni- sten und Sozialdemokraten erhielten 12 bis 13 Millionen Stimmen und die NS- DAP und Deutschnationalisten zusammen 19 bis 20 Millionen Stimmen. ”Die Entscheidung in der marxistischen Alternative: ,Untergang in der Barbarei’ oder ,Aufstieg zum Sozialismus’, lag, nach allem, was die Überlegung bisher ergab, daran, ob sich die ideologische Struktur der beherrschten Schichten nach ihrer ökonomischen Lage ausrichtet oder ob sie auseinanderfallen“65.

Die Fragestellung ist also, was das Auseinanderklaffen von ökonomischer Lage und psychischer Massenstruktur bewirkt: ”EskommtalsoaufdieEr- fassung des Wesens der massenpsychologischen Struktur und ihrer Beziehung zur ökonomischen Basis, der sie entspringt, an.“66 Die politische Psychologie erforscht demnach die charakterliche Struktur der Menschen einer Epoche und die ideologische Struktur der Gesellschaft. Nach Marx setzt sich das Materielle, das Sein, in Ideelles, in Bewußtsein, um, es muß daher untersucht werden, wie das Bewußtsein auf den ökonomischen Prozeß zurückwirkt. Die Aufgabe der politischen Psychologie ist es daher zu untersuchen, wie die Menschen einer Epoche charakterlich strukturiert sind, wie sie denken und handeln und wie die Widersprüche ihres Daseins sich in ihnen auswirken und sie damit umgehen. Ferner kommt es darauf an neben den wirtschaftlichen Verhältnissen auch die sexualökonomischen in das gesellschaftliche Denkgebäude einzubauen.

Mit der Rückwirkung der Ideologie auf den wirtschaftlichen Prozeß wird sie selber zur materiellen Kraft: ”DieIdeologiejedergesellschaftlichenFor- mation hat nicht nur die Funktion, den ökonomischen Prozeß dieser Gesell- schaft zu spiegeln, sondern vielmehr auch die, ihn in den psychischen Struk- turen der Menschen dieser Gesellschaft zu verankern67 Damit reproduziert sie sich nicht nur in der psychische Struktur der Menschen, sondern sie wird in Gestalt des veränderten und widerspruchsvoll handelnden Menschen zur materiellen Gewalt.

Mit dem Auseinanderfallen von sozialer Lage und sozialen Bewußtsein muß die Gesellschaft in zwei Richtungen untersucht werden: sozialökono- misch und bio-psychologisch. Dabei erklärt die Sozialökonomie gesellschaft- liche Tatbestände dann, wenn sie vom Handeln und Denken her rational- zweckmäßig sind, sie versagt da, wo das Denken und Handeln der ökonom- mischen Situation widerspricht und somit irrational ist. Dort wo die sozi- alökonomische Erklärung versagt setzt die Massenpsychologie an. Sie steht damit nicht im Gegensatz zur Sozialökonomie: ”Denndasirrationale,al- so der unmittelbaren sozialökonomischen Situation widersprechende Denken und Handeln der Massen ist selbst die Folge einer früheren, ä lteren sozi- alökonomischen Situation.“68 Jede Gesellschaftsordnung erzeugt in den Mas- sen diejenige Struktur, die sie für ihre Ziele braucht, also: ”DieGedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“69 Damit sind die Wider- sprüche der ökonomischen Struktur in der massenpsychologischen Struktur der Unterdrückten verankert. So mangelte es der freiheitlichen Bewegungen im vorfaschistischen Deutschland bei der Erfassung des irrationalen Handelns und dem Auseinandergehen von Ökonomie und Ideologie. Hier muß die Ana- lyse der Mystik ansetzen. ”UmaberdieseAufgabezuleisten,müssendie Beziehungen zwischen sozialer Lage und Strukturbildung, im besonderen die nicht unmittelbar sozialökonomisch erklärbaren, irrationalen Ideen, soweit die Erkenntnismittel reichen, erfaßt werden.“70

Um die irrationalen massenpsychologischen Erscheinungen zu erklären, nimmt Reich die Sexualökonomie zu Hilfe. ”Die Sexualökonomie isteineFor- schungsrichtung, die sich seit vielen Jahren an der Soziologie des mensch- lichen Geschlechtslebens durch Anwendung des Funktionalismus auf diesem Gebiet formiert“71. Hierzu geht sie von folgenden Voraussetzungen aus: Marx erforschte den ökonomischen Prozeß der Gesellschaft, Hauptmittel der Un- terdrückung ist die ideologische Macht, dabei bleibt die Frage, weshalb die Menschen sich Ausbeutung und moralische Erniedrigung gefallen lassen un- beantwortet. In Freuds Psychoanalyse wiederum sind vier Kernpunkte ent- halten: erstens ist das Bewußtsein nur ein kleiner Teil des Seelischen, ”eswird selbst dirigiert von seelischen Prozessen, die unbewußt ablaufen und deshalb der Kontrolle des Bewußtseins nicht zugänglich sind“72. Zweitens endeckte Freud die Sexualität bei kleinen Kindern und widerlegte damit die Gleichset- zung von Sexualität und Fortpflanzung. Die Libido ist in der Psychoanalyse der zentrale Motor des Seelenlebens. Drittens wird die Verdrängung der kind- lichen Sexualität nachgewiesen. ”DieVerdrängungderkindlichenSexualität entzieht sie also der Herrschaft des Bewußtseins“73, sie wird damit aber zu- gleich erhöht und äußert sich in Form krankhafter Störungen. Und viertens sind die moralischen Instanzen im Menschen Folge der Erziehungsmaßnah- men der Eltern in frühester Kindheit. Der Konflikt zwischen den Wünschen des Kindes und der Verbote der Eltern setzt sich als Konflikt zwischen Trieb und Moral in der Persönlichkeit eines Menschen fort. Bei der Sexualökono- mie geht es nicht um die Ergänzung von Marx durch Freud oder umgekehrt: ”Esergibtsichdarausvonselbst,daßdieWissenschaftdersozialenSexu- alökonomie, die sich auf dem soziologischen Fundament von Marx und dem psychologischen von Freud aufbaut, eine im wesentlichen massenpsychologische und sexualsoziologische zugleich ist.“74

D ieVerknüpfungdersozialökonomischenunddersexuellenStrukturder Gesellschaft und die strukturelle Reproduktion der Gesellschaft erfolgen in den ersten vier bis fünf Lebensjahren und in der autoritären Familie75 Die autoritäre Familie ist die Struktur- und Ideologiefabrik der Gesellschaft. Die moralische Hemmung der natürlichen Sexualität des Kindes erfolgt mit dem Ziel sie ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig und gehorsam zu machen. Das se- xuelle Denkverbot führt zur allgemeinen Denkhemmung und Kritikunfähig- keit mit dem Ziel der Herstellung eines autoritätsunterwürfigen Untertans. Die Sexualverdrängung führt zu Ersatzbefriedigungen, so unter anderem zu brutalen Sadismus. Für die Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis läßt sich folgendes schließen: ” D ieSexualhemmungverändertdenwirt- schaftlich unterdrückten Menschen strukturell derart, daßer gegen sein ma- terielles Interesse handelt, fühlt und denkt.76

Bei der Betrachtung der massenpsychologischen Wirkung Hitlers ist zu konstatieren, daß seine persönlichen Anschauungen, seine Ideologie oder sein Programm bei der breiten Schicht von Massenindividuen Wirkung hat. Hier- bei ist die Deckung der kleinbürgerliche Herkunft seiner Ideen mit der Auf- nahmewilligkeit der Massen besonders zu beachten: ”Hitlerstütztesichwie jede reaktionäre Bewegung auf die verschiedenen Schichten des Kleinbürger- tums“77 Von seiner sozialen Basis aus gesehen war der Nationalsozialismus eine kleinbürgerliche Bewegung. Die soziale Macht des Mittelstandes lag in seiner charakterlichen Struktur, die das alte Patriachat konserviert und mit seinen Widersprüchen lebendig hielt. ”DiesozialeStellungdesMittelstandes ist bestimmt: a) durch seine Stellung im kapitalistischen Produktionsprozeß, b) durch seine Stellung im autoritären Staatsapperat, c) durch seine beson- dere familiäre Situation78 Der Kleinbürger identifiziert sich mit dem Staat bzw. seinem Unternehmen. ”DieseIdentifizierung[ ... ]isteinesderbesten Beispiele für eine zur materiellen Kraft gewordene Ideologie“79

Grundpfeiler der politischen Ideologie des deutschen Faschismus ist die Rassentheorie. Die Rassentheorie geht von dem Grundsatz aus, daß in der Natur sich nur Tiere gleicher Art miteinander paaren und die höhrere Rasse sich durch Auslese im Überlebungskampf ausbildet, dies entspricht der Dar- winschen Hypothese der natürlichen Zuchtwahl. Diese Naturgesetze ließen sich auf die Völker übertragen. Demnach wäre bei einer Rassenvermischung von einem Niedergang der Kultur auszugehen. Die Menschen ließen sich nach Hitler in drei Arten unterteilen: Den kulturerzeugenden Rassen, dies sind die Arier, den kulturtragenden Rassen, dies sind die asiatischen Völker und zu- letzt den kulturzerstörenden Rassen, dies sind die Juden. Die Rassentheorie ist eine Verschleierung des imperialistischen Anspruchs, sie beinhaltet zwei irrationale Funktionen: Einmal eine imperialistische Tendenz und zum an- deren die Funktion ”bestimmte affektive,unbewußte StrömungenimFühlen des nationalistischen Menschen auszudrücken und bestimmte psychische Ten- denzen zu verschleiern.“80 Mit dem Glauben an das ”Herrenmenschentum“ wird es dem Massenmitglied ermöglicht sich in ein höriges Untertanentum einzureihen und zudem sich intensiv mit dem Führer zu identifizieren. ”Jeder Nationalsozialist fühlte sich trotz seiner Abhängigkeit als ,kleiner Hitler‘“81

5 Adorno

Theodor W. Adorno (*1903 Frankfurt a. M. - 1969 Visp) wendet die Mas- senpsychologie von Le Bon und Freud auf die Agitation des Faschismus an. Dabei geht er von den faschistischen Agitatoren der USA aus. Er stellt zwei Hauptzüge der Agitation heraus: Erstens sind die Reden der Agitatoren ad hominem gerichtet. ”DerallgemeineZweckdieserAgitatorenist,dasmetho- disch zu instigieren, was man seit Gustave Le Bons berühmten Buch als die ,Psychologie der Massen‘ bezeichnet.“82 Zum zweiten betrifft es ”dasWesen von Inhalt und Form der Propaganda selbst.“83 Es geht insbesondere um die Analyse des psychologischen Systems, welches die verschiedenen Bestandteile der faschistischen Propaganda erfaßt und sie produziert. Dieses Bezugssystem wird von Freud selbst geliefert: ”Wenneszutrifft,daßinderAnalysedasUn- bewußte des Analytikers das Unbewußte des Patienten wahrnimmt, darf man auch annehmen, daß seine theoretische Intuitionen auf rationaler Ebene noch latente Tendenzen antizipieren können, die sich aber auf einer tieferen Ebene schon manifestieren.“84 In der individualistisch-liberalen Konkurrenzgesell- schaft kann dabei ein Vergleich moderner Massenbildung mit biologischen Phänomenen kaum aufrechterhalten werden. Es muß deshalb untersucht wer- den, wie in der modernen Zivilisation rational aufgeklärte Menschen auf ein vorindividuelles archaisches Niveau zurückfallen, welches im krassen Wider- spruch zur Modernen steht.

Das bei Freud charakteristische Bindemittel der Massen, die Libido, wird durch die faschistische Demagogie künstlich geschaffen: ”WenndieseMetho- de der Demagogen realistisch ist, woran ihr Erfolg keinen Zweifel läßt, läßt sich die Hypothese aufstellen, daß das, was der Demagoge synthetisch zu erzeugen versucht, eben dies Bindemittel ist, und daß es das vereinigende Prinzip hinter seinen verschiedenen Propagandatechniken ist.“85 Wenn Hit- ler den Versammlungsteilnehmern weibliche Züge von Passivität zuspricht, so ist er sich des libidonösen Ursprungs der Massenbildung bewußt gewesen.

Die archaischen Züge im Faschismus beruhen auf dem Destruktionstrieb. Der Faschismus ist kein Wiederaufleben des Archaischen, ”sonderndessen Wiedererzeugung in der Zivilisation durch die Zivilisation selbst.“86 Bei den künstlich erzeugten Massen des Faschismus ist die Erwähnung von Liebe gänzlich ausgeschlossen, Hitler hatte nicht die Rolle des liebenden Vaters sondern der negativen, drohenden Autorität inne. ”EsisteinGrundprinzip des faschistischen Führertums, die primäre Libido-Energie auf der unbewußten Ebene festzuhalten, um ihre Manifestationen in einer für die politischen Zwecke geeigneten Weise ablenken zu können.“87 Dabei wird die libidonöse Struktur des Faschismus und die gesamte Technik ihrer Demagogen autoritär bestimmt. Dabei stimmen sie mit der Technik des Hypnotiseurs überein, der im Individuum Regressionsprozesse hervorruft.

Nach Freud ist der Führer der Masse der Urvater, der als Masseideal an die Stelle des Ichideals das Ich beherrscht. Deshalb steht im Zentrum der fa- schistischen Agitation immer die Vorstellung des Führers, ”weilnurdiespsy- chologische Bild die Idee des allmächtigen und drohenden Urvaters wiedererwecken kann.“88 Mit der Vergrößerung der Vaterfigur zum Massen-Ich kann die bei den faschistischen Gefolgsleuten eingeforderte passiv-masochistische Einstellung proklamiert werden, umsomehr da das geforderte politische Verhalten mit den individuellen oder auch mit den von Masse oder Klasse eingeforderten rationalen Interessen unvereinbar ist.

Mit dem Mechanismus der Identifizierung wird die Libido Bindemittel zwischen Führer und Masse. Adorno vermutet, die preödipale Komponen- te der Identifizierung würde die Vorstellung des Führers als allmächtigen Urvater etablieren. Der moderne Führer ist weniger Vaterbild als eine ”Ver- größerung der eigenen Persönlichkeit, eine kollektive Selbstprojektion“89. In der Idealisierung erscheint der Führer wie eine Vergrößerung des Subjekts: ”IndemerdenFührerzuseinemIdealmacht,liebtderMenscheigentlich sich selbst, nur unter Beseitigung der Mißerfolgs- und Unzufriedenheitsmale, die sein Bild vom eigenen, empirischen Selbst entstellen.“90 Die faschistische ”Volksgemeinschaft“entsprichtgenauderFreudschenDefinitionderMasse, ein und dasselbe Objekt wird an die Stelle des Ichideals gesetzt.

Die narzißtischen Identifizierung ermöglicht das Fehlen eines positiven Programms und das Vorherrschen von Drohungen und Versagungen: ”Der Führer kann nur geliebt werden, wenn er selbst nicht liebt“91 Er muß gleich- zeitig als Übermensch und als Durchschnittsmensch erscheinen. ”Einerder Hauptkunstgriffe der personalisierenden faschistischen Propaganda ist darum der Topos des ,großen keinen Mannes‘“92

Aus psychotechnischen Gründen ist auch die Durchhierarchisierung bis zum kleinsten Führer Bestandteil des Faschismus: ”Bishinabzumletzten Winkeldemagogen betonen die Faschisten beständig rituelle Zeremonien und Rangunterschiede.“93 Diese hierachischen Strukturen befriedigen den sadomasochistischen Chrarakter mit seiner Tendenz, nach unten zu treten und einen Haß auf außenstehende Gruppen zu haben.

In Ersetzung der Religion wird für die Erwählung oder Verdammung ein pseudo-naturhaftes Kriterium gesetzt: Die Rasse. Die Rassenideologie ver- bindet ähnlich der Bruderhorde zwei Eigenschaften miteinander, sie erzeugt eine ”natürliche,blutsmäßigeBindung“undsieistdesexualisiert.Dader mildernde Einfluß der religiösen Lehre fehlt, wird dieses Kriterium noch un- erbittlicher gebraucht, als im Mittelalter der Begriff der Ketzerei. ”Dadiepo- sitive Libido ganz in das Urvaterbild investiert ist und positive Inhalte kaum verfügbar sind, muß ein negativer gefunden werden.“94 Die faschistische Pro- paganda verschafft einen narzißtischen Gewinn, indem sie ihre Anhänger als höherstehend und reiner als die ausgeschlossenen erklärt. Kritik und Selbst- erkenntnis werden dagegen als ”zersetzend“empfundenundmitäußerster Wut begegnet. Dies erklärt auch die Feindschaft gegen Introspektion bei vor- urteilsvollen Menschen. ”DieKonzentrationderFeindseligkeitaufdieFremd- gruppe beseitigt zugleich die Intoleranz innerhalb der eigenen Masse“95.

Der ”Einheitstrick“derfaschistischenAgitatorenbestehtinderBetonung der Verschiedenheit der Außenstehenden und damit der Abschwächung der Verschiedenheit der in der Gruppe stehenden. Es findet ein repressiver Ega- litarismus statt. ”EineKomponentederfaschistischenPropagandaunddes Faschismus überhaupt ist der Unterstrom des hämischen Egalitarismus, der Brüderlichkeit allumfassender Erniedrigung, der im von Hitler befohlenen Eintopfgericht sein Symbol fand.“96

Die massenpsychologischen Techniken der Faschisten sind nicht in ihrer psychologischen Bildung zu entdecken. Ihre Fähigkeiten kommen vielmehr durch die Ähnlichkeit zwischen Führern und Geführten zustande, die den Aspekt der Identifizierung anspricht. ”DerFührerkanndieseelischenBedürf- nisse und Wünsche der für seine Propaganda Anfälligen erraten, weil er ihnen seelisch ähnlich ist“97. Bei den faschistischen Führern funktioniert die Spra- che magisch und durch unaufhörliches Reden und Beschwatzen. Sie sind orale Chraktertypen. ”UmdieunbewußtenDispositionenseinesPublikumsrichtig zu treffen, kehrt der Agitator gewissermaßen einfach sein eigenes Unbewuß- tes nach außen.“98 Ohne es zu wissen, kann er gemäß der psychologischen Theorie reden und gebärden, einfach weil die psychologische Theorie wahr ist. Seine eigene Psychologie setzt er geschickt ein, um die Psychologie des Publikums zu bewegen.

Die angewandte Massenpsychologie ist dem Faschismus eigentümlich. Dies begründet Adorno mit dem objektiven Zweck des Faschismus, der irra- tional ist, da die materiellen Interessen seiner Anhänger ihm wiedersprechen: ”DieimWesendesFaschismusliegendeständigeKriegsgefahrbedeutetZer- störung, und die Massen erkennen das wenigstens vorbewußt.“99 Das Irra- tionale wird ideologisch rationalisiert. Irrationale, unbewußte und regressive Prozesse werden mobilisiert, was auch dadurch erleichtert ist, da die seelische Verfassung der erreichbaren Gesellschaftsschichten unter sinnlosen Versagun- gen leiden und vermutlich daher eine verkümmerte, irrationale Mentalität entwickelt haben. ”DiefaschistischePropagandabrauchtnurdiebestehende Seelenverfassung für ihre Zwecke zu reproduzieren100.

”DiesogenanntePsychologiedesFaschismuswirdweitgehendmanipu- lativ erzeugt.“101 Es werden rational berechnete Techniken verwendet. Zwar existiert eine potentielle Anfälligkeit für den Faschismus bei den Massen, doch die Manipulation des Unbewußten, die Suggestion, ist dabei unentbehrlich. Der faschistische Agitator tritt als Agent mächtiger wirtschaftlicher und po- litischer Interessen auf. Im Grunde genommen ist das psychologische Gebiet, in dem sich der Faschismus bewegt, von ganz unpsychologischen Interessen geprägt. ”WennMassenvonderfaschistischenPropagandaergriffenwerden, so ist dies kein spontan-ursprünglicher Ausdruck von Trieben und Instink- ten, sondern eine quasi wissenschaftliche Wiederbelebung ihrer Psychologie - die künstliche Regression, die Freud in seiner Erörterung der organisierten Massen beschreibt.“102 Die Psychologie der Massen wird in ein Mittel ihrer Beherrschung verwandelt. Die Ersetzung des individuellen Narzißmus durch Identifizierung mit dem Führerimages weist auf die Aneignung der Massenpsychologie durch die Unterdrücker hin. ”DieTheorievonderpsy- chologischen ,Verarmung‘ des Subjekts, das ,sich dem Objekt hingegeben‘ und dieses ,an die Stelle seines wichtigsten Bestandteiles gesetzt‘ hat, des Über-Ichs, antizipiert in fast hellsichtig anmutender Weise die nachpsycho- logischen, entindividualisierten sozialen Atome der faschistischen Massen.“103 Die Menschen identifizieren sich nicht mit dem Führer, sondern agieren die Identifizierung und nehmen an seiner Vorführung teil. Würden sie um der Vernunft willen inne halten, würde die Inszinierung zusammenbrechen und Panik an ihre Stelle treten.

6 Hofstätter

Peter R. Hofstätter (*1913 Wien - 1994 Buxtehude) kritisiert in seinem Buch Gruppendynamik die Massenpsychologie von rechts. In Quintessenz wird bezweifelt, daß es überhaupt so etwas wie Masse gibt, bzw. sie wenn doch immer nur flüchtiger Natur sei. Als rechts muß Hofstätters Denken deshalb angesehen werden, da seine Kritik der Massenpsychologie gleichzeitig den psychologischen Ansatz zum Verstehen des Faschismus abschneidet und der Faschismus daher nur noch als Betriebsunfall der Geschichte angesehen werden kann.

Für Le Bon ist der Masse alle nur erdenklichen üblen Eigenschaften und Neigungen zuzuschreiben. Hofstätter sieht daher als erste Aufgabe das Aus- findigmachen, ”warumdieVerleumdungderMenscheninderGruppesoviel Anklang findet.“104 Die massenpsychologische Literatur muß als kultursozio- logisches Phänomen betrachtet werden. Die Masse muß in der Weise verächt- lich gemacht werden, daß es dem Leser eine bequeme Distanzierung erlaubt und er nicht sich als Teil der Masse sehen muß. Dazu muß ein bedrohli- ches Zerrbild geschaffen werden. ”BeidenBedingungenwirdameinfachsten dadurch Genüge getan, daß man 1. ein durchaus inadäquates und daher leicht abzuhebendes Menschenbild 2. unpräzise formuliert“105. Le Bons Be- schreibung der Masse genügt diesen Anspruch, denn Masse kann überall und nirgends sein. Le Bon exemplifiziert Masse an Beispielen, wie es sie in der Wirklichkeit selten gibt. ”Ebendarin,daßdieLeBonscheMasseihrBildvon seltenen Ausnahmezuständen empfangen hat, liegt das Tröstliche, ja Erhabene des Gesprächs über die Masse.“106 Es ist stets so, daß nur der Andere Masse sein kann.

Le Bons demagogisches Kunststück liegt in der säkularisierten Absoluti- on: ”IchbinnichtMasse,weilichdieMassenhaftigkeitderanderendurch- schaue“107 Le Bons Massenpsychologie ist nach Hofstätter die Schaffung einer innerweltlichen Religion: ”DerIndividualismusalsKultmußtewohlfrüher oder später zur massenpsychologischen Ideologie führen; d. h. aber zur Nega- tion der Gruppe“108 ”Vermassung“istdieeinstellendeSituaitonzurindivi- dualistischen Vereinsamung. Wenn das Ich mit dem Anspruch seiner Einma- ligkeit aus der Gruppe heraustritt, wird das Bild von der Gruppe zur Masse. In der Massenpsychologie klingt daher die wehmütige Erinnerung an die ”gu- te alte Zeit“ an, in der der Einzelne den Gang der Welt lenkte. Hofstätter attestiert der Massenpsychologie daher keine Psychologie oder Soziologie zu sein, sondern selbsttäuschende Kulturkritik zu betreiben. Die Massenpsychologie versichert, daß die Massen die Genialität bezwingen.

”LeBons,Psychologiedesfoules‘bestehtausVariationenüberdenVor- stellungsinhalt des Wortes ,foules‘ - und sonst nichts“109 Dabei bezeichnet ”foules“etwasUngeformtesdurchäußerenDruckgestaltetes.DieMassen- psychologie legt den Menschen in der Gruppe daher nahe, sich nicht selbst gestalten zu können. ”DiedumpfeMaterie,dieselbstnichtzurFormfin- det, die aber jede Form sich aufprägen läßt, weist in die aristotelische Me- taphysik einerseits und in die Schöpfungsgeschichte der Bibel andererseits zurück.“110 Indem Masse sich von Persönlichkeit abhebt, zerlegt sich die Ein- heit des Menschen in Materie und Geist. Anhand einer siebenstufigen Skala läßt Hofstätter 100 Versuchspersonen die Begriffe Persönlichkeit und Masse zwischen krank und gesund einordnen, dabei rangiert Persönlichkeit weit im Bereich gesund und Masse im Mittelfeld zwischen gesund und krank. In einer Affinitäts-Analyse wiederum wird bei einer Reihe von Polaritäten der Masse die Attribute ”verschwommen“, ”passiv“, ”zerfahren“, ”egoistisch“, ”laut“, ”redselig“, ”aggressiv“, ”wild“und ”müde“zugeordnet: ”,Persönlichkeit‘ist nahezu identisch mit ,Vater‘ (Q =0.96); sie ist - so könnte man sagen - auch im biologischen Sinn schöpferisch (bzw. zeugungsfähig), während die ,Masse‘ als ein amorphes Substrat verstanden wird“111.

Weiterhin bricht Hofstätter mit dem Ansatz, die Masse sei ursprüngliche Sozietät des Menschen gewesen: ”WelchebizarreLaunedesSchicksalssoll- te - nota bene: unter primitiven Lebensbedingungen - Menschen gänzlich verschiedener Abstammung und Sprache zu einem Haufen zusammengeballt haben?“112 Der menschliche Primitivverband ist im Gegensatz zu Le Bon die Großfamilie. Während Freud in der Masse das Wiederaufleben der Urhorde sieht und nach ihm der Urmensch in jedem virtuell enthalten ist, sieht Le Bon am Anfang den Urhaufen von höchster Massenhaftigkeit. Beiden liegt die falsche Vorstellung zugrunde, aus Unordnung würde Ordnung entstehen. Nach Hofstätter leitet sich aber Ordnung immer aus Ordnung her: ”Diese Feststellung ist darum wichtig, weil sowohl Freud als auch Le Bon dazu nei- gen, den Ordnungsverlust als eine Rückkehr zu früheren Zuständlichkeiten aufzufassen, als ob Degeneration und Regression notwendig gleichbedeutend wären“113 Um den Eigenarten menschlichen Zusammenseins gerecht zu wer- den, muß nicht die dramatische Verwirrung und das Scheitern der Gemein- schaftsbemühungen zum Ausgangspunkt genommen werden, sondern die ru- higen Situationen des produktiven Zusammenarbeitens. Le Bon bezieht sich aber fast immer auf Desorganisation von Gruppenstrukturen und ihrem Ver- sagen. Ebenfalls sieht Freud die inzestuöse Entartung der Familie im Vor- dergrund zur eigentlichen Dynamik des familiären Zusammenhalts. So muß Freud und Le Bon auch nebeneinander gesehen werden. Bei Freud wird die menschliche Sozialordnung durch das blinde Lustverlangen mißdeutet, bei Le Bon ist es die blinde Triebhaftigkeit. ”InbeidenFällenundsoauchinvie- len anderen Äußerungen zu diesem Thema findet sich die Behauptung eines es-haften, von Natur aus a-sozialen Kerns im Menschenwesen.“114 Hofstätter wirft Le Bon vor, anstelle einer echten Prüfung seiner Thesen lediglich Agita- tion für eine Ideologie getrieben zu haben: ”DieMassealsbequemerSünden- bock für die Masse - so lautet letztlich das Realergebnis der Le Bonschen Rhetorik.“115

7 Mitscherlich

Alexander Mitscherlich (*1908 München - 1982 Frankfurt a. M. ) wendet die Massenpsychologie auf die moderne Gesellschaft an.

Der Einzelne findet Kollektive als Gesellschaftsformen vor, die auf Mas- sen zugeschnitten sind. Die Vermehrung der Menschen stellt nicht nur ein quantitatives Wachstum dar, sondern zugleich findet ein Prozeß der Her- auslösung aus Rollen, Ritualen und Gewissensentscheidungen statt. ”Gleich- zeitig mit der Etablierung der Massen im historischen Raum hat sich ein Verfall der tradierten Autoritäten entwickelt.“116 Massen unterscheiden sich in ihrer Herkunft, Eigenart, Bewußtseinslage und Affektivität. Sie erzeugen ein Konformitätsdruck, dem sich der Einzelne nur schwer entziehen kann und dessen Verweigerung höchst gefährlich ist. ”FürErlebnisseinMassen- erregungen gilt, was für einen schweren Rausch zutrifft: man hat hinter- her eine Erinnerungslücke, die durch Konfabulationen notdürftig verdeckt wird.“117 Die wissenschaftliche Massenkunde entdeckt eine Legierung von äußeren Reizsituationen mit innerer Reaktionsbereitschaft. Der Massenzu- stand wird durch charakterisiert. ”Affektsteigerung“und ”Denkhemmung“amstärksten ”VondennormalenGruppenunterscheidensichdieMassen durch die große Zahl.“118

Der Mensch ist von Natur aus mit ”Instinktfragmenten“ausgerüstet,erst mit der Geburt beginnt die Primärsozialisierung. Diese beruht auf dem Erler- nen der Affektlenkung durch Überlegung. In jeder Gesellschaft wird dem Af- fekt und seiner Repräsentation, den Triebansprüchen, äußere Grenzen entge- gengestellt. Die äußerlichen Verbote werden im Gewissen verinnerlicht. ”Das Gewissen arbeitet dabei in ausgedehntem Maße mit Vorurteilen.“119 Im Sozi- alverhalten enthaltende Bildungselemente bleiben ich-fremd. Das Verdrängte ist vom bewußten Ich her gesehen dieses ich-fremde. In der Sozialisierung sind die Triebneigungen zwar gehemmt, aber nicht völlig ausgelöscht, so daß sich im Menschen gezwungendermaßen die Primärsozialisierung weiterentwickelt. Diese Gedankengänge, die dem bürgerlichen Individualismus entgegengestellt sind, können in fünf Punkten zusammengefaßt werden, die Mitscherlich von Hofstätter übernimmt: 1. Das Individuum neigt zu gruppenspezifischen Ver- halten. 2. ”DasIndividuumisthicetnunceinesozialeInstitution“120 Es ist Träger einer sozialen Rolle. 3. Die Weltsicht der Einzelpersonen, werden durch ihre Zugehörigkeit zur Gruppe bestimmt.4. Der Charakter wird durch das Milieu geformt und ist sozialer Natur.5. Innerhalb des Gesellschaftssy- stems sind Veranwortlichkeit und deren Inhalt und Umfang definiert.

Die Gesellschaftsformation hat sich verschoben, in der Zeit ständischer Lebensform gehörte der Einzelne intimen Kleingruppen an, die in einer vertikel gegliederten Gesamtgesellschaft aufging. In der modernen Zeit sind es dagegen verzahnte und verschränkte Konglomerate sozialer Kreise, in dem der Einzelne nicht ganz und unwiderruflich eingebunden ist: ”Die,gesell- schaftlichen Großgebilde‘ - gleichgültig ob große Produktionsstätten, Versi- cherungen, Parteien, Gewerkschaften - sind nach Geiger ,auf ihre sachlich begrenzten Funktionen spezialisiert‘“121 Der Einzelne lebt in der Konkur- renzgeselschaft als freibewegliches Molekül, der Begriff der Leistung hat sich grundlegend verwandelt. Gegen die moderne Industriearbeit, welches auch auf die Vermassung beruht, spricht, daß sie auf Monotonisierung der Arbeit an der Maschine beruht. ”BeiallerverwendetenEnergiewirdineinemauto- matisierten, maschinell geleiteten Produktionsvorgang die Gestaltungsfähig- keit des Arbeiters beschränkt bleiben.“122 In der Arbeit ist die Selbstabbil- dung des Individuums vereitelt. Da die spezialisierten und rational organiser- ten Lebens- und Arbeitsformen ein unumkehrbares geschichtliches Ereignis ist, liegt die Forderung nach Leistungen, in der Selbstabbildung möglich ist, nicht in der romantischen Rückkehr zum Handwerkertum, sie zielt auf Lösun- gen in der Zivilisation zu der keine historischen Vorbilder verfügbar sind. Im technisch-industriellen Fertigungsbetrieb und noch mehr in der Verwaltung sind die Menschen von der Form der Arbeit enttäuscht. Da die Produkte der Arbeit keine Identifikation erlauben, kommt Befriedigung durch den Barlohn und daneben durch die rein quantitative Steigerung der Arbeitsintensität zustande. Der Lohn verwandelt sich dabei zunehmend in eine Ersatzbefrie- digung, welche für weitere Ersatzbefriedigungen Freiheiten schafft.

Mitscherlich findet zwei Voraussetzungen der sozialen Wirklichkeit, die für den Vorgang der Identitätsbildung notwendig sind: Innerhalb der Ge- sellschaft muß die für den primären Triebverzicht zu leistende befriedigende Kompensation zugänglich sein und sozial hoch bewertet werden, zum an- deren ”dürftendiezurVerdrängunggezwungenenTriebbedürfnissenichtso umfangreich sein, daß die Verdrängung als solche mißlingen muß und zum Kurzschluß in Triebhandlungen führt.“123 Die äußeren Lebensbedingungen sind leicht zu verändern, zum Beispiel durch Revolutionierung der Produkti- onsvorgänge, die eine industrielle Durchdringung der Massengesellschaft mit sich brachte. Doch wenn sich die Menschen dem auch funktionell leicht an- passen können, gelingt dies emotionell weit schwerer. ”DieAnpassungan einen Arbeitsvorgang, der Selbstabbildung nicht mehr erlaubt, dafür aber artistische Leistungsbefriedigung anbietet, vollzieht sich offenbar keineswegs so rasch wie die faktische Übernahme der einen statt der alten anderen Ar- beitsform.“124

Psychologie und Metapsychologie des Komforts lassen sich nach Mitscher- lich unterteilen. Der Komfort wird psychologisch immer dann notwendiger, wenn die eigentlich erwartete Befriedigung ausbleibt. In der Metapsychologie sieht man die Verschmelzung der Güter mit Gefühlen, wenn sie in der Wirt- schaft vom Produzenten zum Konsumenten gehen. Die Güter dienen dazu Unbehagen zu vertreiben, entsprechend bietet die Konsumgüterindustrie ih- re Artikel nicht nur zur Befriedigung echter Bedürfnisse an, sondern auch andere Artikel, für die erst simultan ein Bedürfnis geweckt werden muß. ”Im Verbraucher soll das Gefühl entstehen, daß die Befriedigung dieses neuen Bedürfnisses das Wunder des Wohlbehagens vollbringen wird.“125

Als echtes Massenphänomen ist die Mode zu nennen, die diktiert wird: ”Sie ist standardisiertes Massenprodukt, das derKonsumentabnehmen muß.“126 Die Mode ist auf zahllose Gebrauchsgegenstände übergegangen. Um die Produktion aufrechtzuerhalten ist die Mode einem ständigen Wechsel unterzogen, die ständig neue Konsumentenbedürfnisse weckt. Das modische Diktat löst den Verschleiß ab. Die Besitzfreude erlöscht über kurz oder lang bei vielen Gegenständen, d. h. die Objektlibido mit der die Gegenstände besetzt waren, kehrt zum Besitzer zurück.

Das technische Konsumgut hat einen völlig neuen Objekthabitus, an dem der Anpassungsvorgang noch nicht geleistet ist. Den Besetzungsvorgängen sind andauernde Besitzveränderungen, Besitzentwertungen und Neuerwer- bungen gegenübergestellt, welche die Ich-Identität des Besitzers selber ge- fährden. So kann auf dem Computer keine Libido entsendet werden, sie wird durch das archaische Weltbild der Ominipotenzträume der frühkindlichen Entwicklung ersetzt. Metapsychologisch würde ein Maschinenprotest wie aus der Frühzeit der Industrialisierung aber der Menschheit Selbstschaden zufü- gen.

8 Nachtrag

Eine Überblicksarbeit der Massenpsychologie wie diese kann notwendiger- weise nur unvollkommen sein. So sind zahlreiche Autoren nicht erwähnt und andere nur ansatzweise behandelt wurden. Es fehlt bei Hofstätter eine Zusam- menfassung der Gruppe und des Gruppenexperiments und auch Mitscherlich ist nur kurz erwähnt. Zahllose weitere Bestimmungen der Masse, wie sie bei Le Bon aufgeführt werden, fehlen. Und auch der Arbeitsdemokratie bei Reich wird hier keine weitere Beachtung geschenkt. Trotz dieser Einschränkungen liefert diese Arbeit aber einen Überblick sowohl der Entstehungsgeschichte der Massenpsychologie als auch ihrer Inhalte. Ein weiterer Bereich der Mas- senmedien wurde ebenfalls keine Beachtung geschenkt, hätte sich aber sicher- lich als fruchtbar erwiesen. Insbesondere die Postmoderne bringt ihre eigenen Phänomene der Masse hervor, dem der Einzelne hilflos gegenübersteht. So erlaubt die heutige Zeit in Form von Medienkampagnen den den Terror“ und den ”Krieggegen ”KampfgegenKinderpornographie“alsAbstraktum zu führen, welches scheinbar keinen Einfluß auf das Alltagsleben der Menschen hat, aber dennoch als Bedrohung der gegenwärtigen Lebenssituation aufgenommen wird. Auch hier sind Massenphänomene im Spiel.

9 Literatur

Le Bon Psychologie der Massen 1957 Alfred Kröner Verlag

Sigmund Freud Massenpsychologie und Ich-Analyse 1967 S. Fischer Ver- lag

Sigmund Freud Das Ich und das Es 1978 S. Fischer Verlag

Wilhelm Reich Massenpsychologie des Faschismus 2003 Kiepenhauer & Witsch Verlag

Theodor W. Adorno Soziologische Schriften I 1972 Suhrkamp Verlag

Peter R. Hofstätter Gruppendynamik 1957 Rowohlt Taschenbuch Verlag

Alexander Mitscherlich Massenpsychologie ohne Ressentiment 1972 Suhrkamp Verlag

Institut für Sozialforschung Soziologische Exkurse 1956 Europäische Verlagsanstalt

Peter Brückner Die Transformation der Demokratie 1968 Europäische Verlagsanstalt

Wilhelm Macke Mechanik der Teilchen 1967 Akademische Verlagsgesell- schaft

[...]


1 Sigmund Freud, Das Ich und das Es, Fischer Verlag 1960, S. 182

2 op. cit. S. 181

3 Institut für Sozialforschung, Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt 1956, S. 71

4 Peter Brückner, Die Transformation der Demokratie, Europäische Verlagsanstalt 1968

5 Der Originaltitel des Werks beinhaltet allerdings den Begriff setzt für Menschenmengen steht. Insofern ist bei der ”Foules“,welcherüber- Übersetzung unklar, inwieweit sich Masse auf Menge oder auf den physikalischen Begriff Masse beziehen kann. Letzteres ist ein interessanter Punkt, immerhin steht Masse im physikalischen Sinne für eine Eigenschaft der Materie, also m ≡ μϑ mit μ als für die Substanz charakteristischen Zahl (Dichte) und ϑ als Volumen der Materiemenge Weltbild des 19. Jahrhunderts korrespondieren.

6 Le Bon, Psychologie der Massen, Kröner Verlag 1957, S. 17

7 op. cit. S. 18

8 loc. cit.

9 op. cit. S. 22

10 loc. cit.

11 op. cit. S. 23

12 Wobei mir diese Zuschreibung in den Begrifflichkeiten des 19. Jhd. nicht geläufig ist. Was hieße damgegenüber dann männlich?

13 op. cit. S. 25

14 op. cit. S. 26

15 op. cit. S. 33

16 op. cit. S. 35

17 op. cit. S. 39

18 loc. cit.

19 Man beachte, daß Mussolini sich stets in Form eines modernen Cäsaren zeigte und besonders auf die eigene Macht bei seiner Zurschaustellung angewiesen war, was bei den italienischen Massen zur Begeisterung führte.

20 op. cit. S. 40

21 op. cit. S. 42

22 Institut für Sozialforschung, Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt 1956

23 in: Die unerschöpfte Theorie - Evolution und Kreationismus in Wissenschaft und Gesellschaft (Hrsg. Christoph Lammers u.a.) im Alibri Verlag

24 Le Bon, Psychologie . . ., S. 136, Hervorh. i. Orig.

25 op. cit. S. 180

26 op. cit. S. 181

27 op. cit. S. 182

28 op. cit. S. 98

29 op. cit. S. 101

30 op. cit. S. 109

31 op. cit. S. 119

32 Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Fischer Verlag 1967, S. 8

33 op. cit. S. 27

34 op. cit. S. 29

35 op. cit. S. 30

36 op. cit. S. 31

37 op. cit. S. 33

38 op. cit. S. 36

39 op. cit. S. 41

40 op. cit. S. 44

41 op. cit. S. 45 Hervorh. i. Orig.

42 op. cit. S. 46

43 op. cit. S. 47

44 loc. cit.

45 op. cit. S. 51

46 op. cit. S. 52 Hervorh. i. Orig.

47 op. cit. S. 53

48 loc. cit.

49 op. cit. S. 55 Hervorh. i. Orig.

50 op. cit. S. 63

51 loc. cit.

52 op. cit. S. 66, Hervorh. i. Orig.

53 op. cit. S. 67 ”IndiesemcharakterlichenSinne

54 Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2003, S. 19

55 op. cit. S. 11

56 op. cit. S. 12, Hervorh. i. Orig.

57 loc. cit.

58 op. cit. S. 13, Hervorh. i. Orig.

59 op. cit. S. 14, Hervorh. i. Orig.

60 loc. cit. , Hervorh. i. Orig.

61 op. cit. S. 15, Hervorh. i. Orig.

62 op. cit. S. 29, Hervorh. i. Orig.

63 op. cit. S. 30

64 op. cit. S. 31

65 op. cit. S. 35

66 loc. cit.

67 op. cit. S. 39, Hervorh. i. Orig.

68 op. cit. S. 41, Hervorh. i. Orig.

69 op. cit. 43, Fn 5

70 op. cit. S. 44, Hervorh. i. Orig.

71 op. cit. S. 45, Hervorh. i. Orig.

72 loc. cit.

73 op. cit. S. 46

74 op. cit. S. 47

75 op. cit. S. 48, Hervorh. i. Orig.

76 op. cit. S. 51

77 op. cit. S. 54

78 op. cit. S. 60

79 op. cit. S. 63

80 op. cit. S. 88

81 op. cit. S. 89

82 Theodor W. Adorno, Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda 1951 in Übersetzung von Rainer Koehne (Original in: Soziologische Schriften I), S. 35

83 loc. cit.

84 op. cit. S. 37

85 op. cit. S. 39

86 op. cit. S. 42

87 op. cit. S. 43

88 op. cit. S. 45

89 op. cit. S. 47

90 op. cit. S. 48

91 op. cit. S. 49

92 op. cit. S. 50

93 op. cit. S. 51

94 op. cit. S. 54

95 op. cit. S. 55

96 op. cit. S. 56

97 op. cit. S. 58

98 op. cit. S. 59

99 op. cit. S. 61

100 op. cit. S. 61, Hervorh. i. Orig.

101 op. cit. S. 62

102 op. cit. S. 63

103 op. cit. S. 64

104 Peter R. Hofstätter, Gruppendynamik, Rowohlt Taschenbuch Verlag 1957, S. 7

105 op. cit. S. 8

106 op. cit. S. 9

107 op. cit. S. 10

108 loc. cit.

109 op. cit. S. 13

110 loc. cit.

111 op. cit. S. 16

112 op. cit. S. 17

113 op. cit. S. 18

114 op. cit. S. 19

115 op. cit. S. 20

116 Alexander Mitscherlich, Massenpsychologie ohne Ressentiment, Suhrkamp Verlag 1972, S. 7

117 op. cit. S. 10

118 op. cit. S. 11

119 op. cit. S. 13

120 op. cit. S. 15

121 op. cit. S. 18

122 op. cit. S. 21

123 op. cit. S. 26

124 op. cit. S. 27

125 op. cit. S. 28

126 op. cit. S. 29

Details

Seiten
35
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640614486
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149103
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
Schlagworte
Massenpsychologie politische Psychologie Le Bon Freud Reich Adorno Hofstätter Mitscherlich Sozialpsychologie Psychoanalyse Faschismus Nationalsozialismus Franfurter Schule Gesellschaft Massengesellschaft psychologische Theorie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Massenpsychologie