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Aigina - Eine Untersuchung über die Stasis im 5. Jahrhundert v. Chr.

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Strukturen Aiginas vor der Stasis
2.1 Die Ausbildung zur Handelsmacht
2.2 Außenpolitik
2.3 Politische und gesellschaftliche Ordnung

3. Der Ablauf der Stasis

4. Analyse der Stasis
4.1. Pachees und demos
4.2 Die Rolle des Nikodromos
4.3 Die Rolle der Außenpolitik

5. Ein Vergleich mit anderen Fällen von Staseis

6. Schluss

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„So wüteten die Aigineten gegen sich selbst.“[1] Mit dieser kurzen und prägnanten Feststellung beschreibt Herodot in seinen „Historien“ einen bürgerkriegsähnlichen Vorgang in der Stadt Aigina, der für die Poleis im gesamten antiken Griechenland charakteristisch gewesen zu sein scheint - Stasis.

Ziel dieser Hausarbeit soll die Beschreibung und Analyse eines bestimmten Falls von Stasis sein, nämlich der Vorgängen von Jahres 487 v. Chr.[2] auf der Insel Aigina, ohne dabei die Strukturen von aiginetischer Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu vernachlässigen. Die außenpolitischen Beziehungen zum Nachbarn Athen dürfen ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden.[3] Der eigentliche Ablauf der Stasis dagegen soll lediglich kurz geschildert werden. Dies ergibt sich bereits aus der nur dünnen Quellenlage. Viele Angaben über Aigina lassen sich nur aus Quellen über Auseinandersetzungen zwischen der Insel und Athen herausfinden. Lediglich Herodot beschreibt unmittelbar die Stasis auf Aigina, wobei sein Werk „Historien“ jedoch erst deutlich nach den Vorfällen auf Aigina verfasst wurde. Herodot war keineswegs Augenzeuge, sondern hat vielmehr eine Generation später mündliche Überlieferungen festgehalten. Nicht ganz unerheblich ist dabei die Terminologie des Herodot, der die Stasis auf Aigina den ideologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit (Oligarchie vs. Demokratie) entsprechend verfasst zu haben scheint.[4]

Weit umfangreicher ist hingegen die Sekundärliteratur zum Thema Aigina. Ältere Werke erschöpfen sich in Quellenkritik an Herodot und widmen sich vor allem der exakten zeitlichen Einordnung und Datierung der von ihm beschriebenen Ereignisse. Sie sind jedoch nicht darauf ausgelegt, soziale oder gesellschaftliche Strukturen und Probleme zu untersuchen. Jüngere Werke wie die von Figueira und Gehrke sind deshalb erheblich aussagekräftiger zur Erklärung und Analyse von Stasis. Zum Spezialfall Aigina ist besonders Figueira mit seiner „investigation of Aegina’s social institutions“[5] nach wie vor grundlegend, während beim übergeordneten Thema „Stasis“ ausdrücklich auf Gehrke hingewiesen sei, der mit seiner systematischen Auswertung nahezu aller Fälle von Stasis in Griechenland das Wissen der Alten Geschichte erheblich erweitert hat.

2. Die Strukturen Aiginas vor der Stasis

2.1 Die Ausbildung zur Handelsmacht

Um die Ursachen und Auslöser der Stasis auf Aigina besser zu verstehen, ist zunächst ein Blick auf die historische Entwicklung der Polis sowie der daraus hervorgegangenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen notwendig.[6] Aigina, benannt nach der Tochter des griechischen Flussgottes Asophos, ist eine kleine Insel von 85 km2 Ausdehnung in der Mitte des Saronischen Golfes mit der gleichnamigen Hauptstadt an der Westküste der Insel.

Die heutige Bevölkerungsanzahl von rund 8900 Einwohnern (1961)[7] dürfte im Altertum mit 6000 bis 7000 Bewohnern[8] nur wenig geringer gewesen sein, obwohl durchaus andere Zahlen genannt werden. Die Angaben von Kalczk[9] (13.000 - 20.000) und Figueira[10] (30.000 - 40.000), der sich auf die Anzahl der aiginetischen Kriegsschiffe im 5. Jahrhundert beruft, sind eher unwahrscheinlich. Die These von Escher-Bürkli (500.000) ist jedoch nicht haltbar, da sie sich ausschließlich auf Aristoteles stützt.[11] Der steinige und wasserarme Boden (nur ein Drittel der Insel ist landwirtschaftlich nutzbar) lässt eine Versorgung derart großer Menschenmengen geradezu unmöglich erscheinen. Aigina war auch deshalb schon früh auf Getreideimporte angewiesen, da die Insel selbst nur wenige tausend Menschen ernähren konnte.

Erste Besiedlungsspuren lassen sich auf ca. 3000 v. Chr. datieren. Die Bewohner Aiginas wandten sich früh dem Meer zu und trieben Seeräuberei, wozu die Lage der Insel einen günstigen Ausgangspunkt lieferte.[12] Aus dem Weiterverkauf des Beuteguts entwickelte sich nach und nach ein reger Handel, so dass die Raubfahrten der Aigineten zu Handelsfahrten wurden, die sich bis nach Ägypten, Spanien und an das Schwarze Meer erstreckten. Bald galten sie in ganz Griechenland als ausgesprochene Experten der Seefahrt. Die aigineteischen Händler waren jedoch, im Gegensatz zu anderen griechischen Handelsstädten, aufgrund der geringen Ausdehnung ihrer Polis reine Kaufleute, die fast keine Handelsgüter selbst produzierten. Ihr Zwischenhandel erfolgte mit Metall, Keramik, Getreide, Sklaven und insbesondere Kleinwaren und Trödel. Gleichzeitig verbreitete sich das Münz- und Gewichtswesen Aiginas mit den charakteristischen Schildkrötenkopf-Münzen über ganz Griechenland.[13] Aigina wurde, obwohl ohne reiches Hinterland ausgestattet, gegen Ende des 6. Jahrhunderts zur See- und Handelsmacht, deren kulturelle Leistungen (Bronzeguss, Bildhauerei und Tonwaren) den wirtschaftlichen nur wenig nachstanden. Der daraus resultierende Wohlstand war allgemein, da fast die gesamte Bevölkerung unmittelbar vom Handel lebte. Der Aphaia-Tempel zeugt heute noch vom damaligen Reichtum der Insel.

Aigina ist also ein Beispiel für eine ausgeprägte Spezialisierung einer Polis durch Handel. Allein diese Spezialisierung erlaubte die Ernährung einer umfangreichen Bevölkerung, die über der agrarischen Tragweite der Insel lag.[14]

2.2 Außenpolitik

Aufgrund der bereits genannten geringen agrarischen Ressourcen der Insel und eines anhaltenden Bevölkerungswachstums war Aigina auf Getreideimporte angewiesen und benötigte deshalb neben der Handelsflotte auch eine starke Kriegsflotte, die Figueira auf maximal 70 Schiffe schätzt.[15] Auf jeden Fall muss sie derart stark gewesen sein, dass die Athener während der Stasis keinen Angriff mit 50 Schiffen wagten und Verstärkung aus Korinth anfordern mussten.[16]

Um seine Versorgungslage nicht zu gefährden, betrieb Aigina eine Politik der

Selbstständigkeit und gehörte keinem der griechischen Machtblöcke an, nahm aber erfolgreich an der Seeschlacht von Salamis auf Seiten der Griechen teil. Argos stand

Aigina freundschaftlich nahe und unterstützte es im Kampf gegen Athen. Angesichts der geographischen Nähe zu Athen schien es nur eine Frage der Zeit bis es hier zu einem offenen Konflikt kommen würde. So unternahmen die Athener schließlich zwischen 580 und 550 v. Chr. erste erfolglose Versuche zur Eroberung Aiginas. Seit Beginn des 5. Jahrhunderts lagen beide Städte fast ununterbrochen miteinander im Krieg.[17] Das Verbot des Getreideexports aus Attika in den Solonischen Gesetzen hatte unter anderem die Getreideimporte Aiginas zum Ziel und ist nur eines von vielen Zeichen der wachsenden Rivalität zwischen den beiden Städten. So war auch der aiginetische Überfall auf die Athener, der am Anfang der aiginetischen Stasis stand, nichts anderes als eine Racheaktion für frühere Übergriffe der Athener auf Aigina.[18]

2.3 Politische und gesellschaftliche Ordnung

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts gab es auf Aigina eine oligarchische Verfassung, die Aristokratie der pachees („die Fetten“).[19] Vieles deutet darauf hin, dass es sich hierbei um eine Oligarchie der reichsten Kaufmannsfamilien handelte, die sich vielleicht auf den früheren dorischen Adel zurückführen lässt. Kirsten hält an einer reinen Adelsoligarchie ohne jeden Geldadel fest und spricht von einer Handelsaristokratie mit Betonung der Aristokratie.[20] Jüngere Werke dagegen tendieren zur Vernachlässigung des Adelsgedankens. Figueira denkt dabei an eine Oligarchie aristokratischer Familien, die durch Reichtum und Herkunft herausragen. Gleichzeitig lehnt er jedoch die Vorstellung einer geschlossenen Kaste alten dorischen Adels ab.[21] Gehrke hält die pachees für die Gruppe derjenigen, die von ihrem angelegten Geld leben konnten, ohne selbst arbeiten zu müssen, und die sich durch große innere Solidarität nach außen hin abgrenzten.[22] Dafür spricht auch die Deutung des Terminus „pachees“, der als Bezug auf den unmittelbaren sozialen Kontext gesehen werden kann und auf den Rang, die Herkunft, und insbesondere die ökonomische Potenz der bezeichneten Gruppe hinweist.[23]

Hingegen ist uns die Rolle des demos weitgehend unbekannt. So wissen wir nicht, ob ihnen das Vollbürgerrecht zustand oder wie es um seine Zusammensetzung bestellt war. Schließlich stellt sich die Frage nach Unterscheidungsmerkmalen zwischen pachees einerseits und dem demos andererseits. Vermutlich gehörten dem demos viele Kleinhändler und wenige Kleinbauern an,[24] die pachees dagegen waren wohl Fernhändler, die größere Einnahmen erzielten. In diesem Falle würden die politischen den ökonomischen Verhältnisse der Insel entsprechen und auf eine Oligarchie der reichen Kaufmannsfamilien hindeuten.

3. Der Ablauf der Stasis

Alle fünf Jahre feierten die Athener ein religiöses Fest bei Sunion (Spitze der Halbinsel Attika). Im Jahr 487 v. Chr. kaperten die Aigineten vermutlich aus Rache ein Prozessionsschiff und nahmen viele adlige Athener gefangen. Daraufhin trafen die Athener Vorbereitungen zum Gegenschlag und boten „alles [auf] was sie nur konnten.“[26] In dieser für Aigina bedrohlichen Situation sah Nikodromos, ein Angehöriger der aiginetischen Aristokratie[27], die Chance gekommen, um Rache an seinen Standesgenossen für seine Verbannung zu nehmen, aus der er kurz vor 487 v. Chr. zurückgekommen sein muss. Nikodromos vereinbarte die Zusammenarbeit zwischen Teilen der Bevölkerung (von Herodot als „demos“ bezeichnet) und den Athenern gegen die pachees.[25]

[...]


[1] Vgl. Herodot VI 92.

[2] Die Datierung auf 487 v. Chr. ist fraglich. Andrewes tendiert etwa dazu, die Quelle Herodots als Angabe für zwei Kriege 493 und 487 v. Chr. zu sehen. Für die Aufgabenstellung dieser Hausarbeit sind solche Diskussionen jedoch unerheblich. Vgl. zu diesem Thema Andrewes, A., Athens and Aegina, 510 - 480 B.C., in: BSA 37, 1936/37, S. 1 - 7.

[3] Herodot wurde zwischen 490 und 480 v. Chr. geboren und starb 425 v.Chr. Seine „Historien“ sind vermutlich in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts niedergeschrieben worden.

[4] Vgl. Figueira, Thomas J., Aegina. Society and politics, Salem 1981, S. 308f.

[5] Vgl. ebda., S. V.

[6] Vgl. dazu besonders Escher-Bürkli, Jakob, Artikel „Aigina“, in: RE I 1 (1893), Sp. 320 - 323.

[7] Vgl. Kirsten, Ernst, Artikel „Aigina“, in: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike, Bd. 1, Stuttgart 1964, Sp. 160.

[8] Vgl. Gehrke, Hans-Joachim, Stasis. Untersuchungen zu den inneren Kriegen in den griechischen Staaten des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. (Vestigia. Beiträge zur Alten Geschichte Bd. 35), München 1985, S. 236.

[9] Vgl. Kalcyk, Hansjörg, Artikel „Aigina“, in: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 1, Stuttgart 1996, Sp. 320.

[10] Vgl. Figueira, Aegina, S. 38.

[11] Aristoteles erwähnt 470.000 Sklaven auf der Insel. Diese hohe Anzahl ist jedoch durch den großen Sklavenhandel auf Aigina zu erklären, d.h. eine Ableitung der Gesamtbevölkerung daraus erscheint wenig sinnvoll. Vgl. dazu auch Figueira, Aegina, S. 211f.

[12] Vgl. die Rezensionen von Kirsten, Ernst über Welter, Gabriel, Aigina, Berlin 1938 und Winterscheidt, Hans, Aigina. Eine Untersuchung über seine Gesellschaft und Wirtschaft, Diss. Köln 1938, in: Gnomon 18 (1942), S. 294f.

[13] Aiginetische Münzen wurden in ganz Griechenland gefunden. Das zur Münzprägung benötigte Silber wurde aus Spanien beschafft. Vgl. dazu Escher-Bürkli, RE, Sp. 160.

[14] Vgl. Gehrke, Hans-Joachim, Jenseits von Athen und Sparta. Das Dritte Griechenland und seine Staatenwelt, München 1986, S. 163.

[15] Vgl. Figueira, Aegina, S.30f.

[16] Vgl. Herodot VI 89. Zum Thema „Flotte“ auch Macan, der diese Zahlen als zu niedrig ansieht und diese als willkürlichen Schätzungen Herodots betrachtet. Vgl. dazu Herodotus, The fourth, fifth and sixth book. With introduction, notes, appendices, indices, maps, Vols. I and II, Hrsg. von Reginald Walter Macan, New York 1973, S. 348.

[17] Vgl. Escher-Bürkli, RE, Sp. 966f.

[18] Vgl. Herodot VI 87.

[19] Figueira nimmt an, das dieser Begriff von Herodot aus den ideologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit heraus in Anlehnung an oligoi vs. demos benutzt wurde. Vgl. dazu Figueira, Aegina, S. 299.

[20] Vgl. Kirsten, Rezension Welter / Winterscheidt, S. 300.

[21] Vgl. Figueria, Aegina, S. 299ff.

[22] Freilich mit Ausnahme des Kollaborateurs Nikodromos. Vgl. Gehrke, Jenseits, S. 173.

[23] Vgl. Gehrke, Stasis, S. 311. Sowie Gschnitzer, Fritz, Griechische Sozialgeschichte. Von der mykenischen bis zum Ausgang der klassischen Zeit, Wiesbaden 1981, S. 125.

[24] Großgrundbesitz kann auf Aigina angesichts der agrarischen Struktur ausgeschlossen werden. Vgl. dazu Kirsten, Rezension Welter / Winterscheidt, S. 300.

[25] Zum gesamten Ablauf der Stasis vgl. Herodot VI, 87 - 93.

[26] Vgl. Herodot VI 88.

[27] Herodot beschreibt ihn als „angesehenen Menschen“ (aner dokimos). Vgl. Herodot VI 88.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640595679
ISBN (Buch)
9783640595785
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149123
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Alte Geschichte
Note
2,3
Schlagworte
Aigina Athen Antike Griechenland Alte Geschichte Griechen Hellenen Stasis Bürgerkrieg Herodot Gesellschaftsgeschichte Politische Geschichte Geschichte Oligarchie Demokratie Politik Korinth Attika Aristokratie Konflikt Nikodromos Krieg Auseinandersetzung Verschwörung Oberschicht Unterschicht Sozialgeschichte

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Titel: Aigina - Eine Untersuchung über die Stasis im 5. Jahrhundert v. Chr.