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Die Konstruktion jüdischer Identität von russischsprachigen Migranten in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 29 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretischer Rahmen
1.1 Identität
1.2 Ethnizität
1.3 „Jüdisch-Sein“ in den verschiedenen jüdischen Strömungen

2. Chronologie
2.1 Jüdische Strömungen in der UDSSR
2.2 Geschichtlicher Abriss: russischsprachige Juden in Deutschland

3. Analyse - Jüdische Identität in Deutschland
3.1. Kategorienbildung
3.2 Integrationsschwierigkeiten
3.3 Alteingesessene Juden und sowjetische Migranten
3.4 Übertragung des Theoretischen Rahmens auf das Beispiel
3.5 Umgedrehter Rassismus

4. Neuste Diskussionen
4.1 Muslime im Fokus
4.2 Historisierung der Schoah
4.3 Zuzugsbeschränkungen

5. Weiterführende und diskussionswürdige Thesen
These 1: Umso höher die Schuldgefühle, desto höher die Erwartungen
These 2: „Jüdisch-Sein“, eine Rolle in Deutschland
These 3: „Jude“, ein bedeutungsüberladener Begriff
Identitätsstiftende Einflussfaktoren

Zentrale Aspekte und Ausblick

Bibliographie

Einleitung

„Ich sag dir was, wir sind nicht Juden! Wir sind alles Sowjetmenschen. Dass ich Jüdin bin, hab ich doch erst hier gemerkt wirklich!“ (Hegner 2008: 177)

Sowjetische Juden, die nach der Wende nach Deutschland kamen, veränderten ihre Identität. Obwohl viele von ihnen keine praktizierenden Anhänger ihrer Religion mehr waren, sollten sie in der BRD Mitwirkende an einer neuen jüdischen Infrastruktur werden.

Auffällig ist, und darauf deutet auch Franziska Becker in ihrer Forschungsarbeit hin, dass dieses Thema bisher noch nicht wirklich relevant für die empirische Sozialforschung, Ethnologie oder Religionswissenschaft geworden ist. (2001: 16/17) Becker ist eine der ersten, die gründliche biographische Interviews mit russischsprachigen Juden in Deutschland geführt und Fragen zu ihrer Identität formuliert hat.

Ich werde in dem folgenden Artikel die Faktoren für diese Identitätszuschreibungen offen legen. Die zentrale Frage wird sein: Wie wird die Identität russischsprachiger Juden in Deutschland durch bestimmte Erwartungen an sie geprägt?

Zwar sind viele Arbeiten über das Thema „russischsprachige Juden in Deutschland“ veröffentlich worden, und eine gute Vorlage bietet Kruses und Lerners „Jüdische Emigration aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland“ als auch Beckers „Ankommen in Deutschland – Einwanderungspolitik als biographische Erfahrung im Migrationsprozeß russischer Juden“, ich möchte allerdings den Fokus auf das „Vorkonstruieren der jüdischen Identität in Deutschland“ lenken. Es wird also, wie schon oben erwähnt, darum gehen zu entschlüsseln wie bestimmte Erwartungen an jüdische Einwanderer dazu führen, dass diese Teile ihres Alltages danach ausrichten.

Die Arbeit wird sich grob in fünf Teile gliedern.

Ich hab mich entschieden in den theoretischen Rahmen die Begriffe „Identität“ und „Ethnizität“ mit einfließen zu lassen. Da der Begriff „Identität“ in diesem Zusammenhang zentral ist, scheint es mir nötig diesen kurz wissenschaftlich abzuhandeln, denn der Begriff ist ein häufig benutzter und mit sehr vielen Bedeutungen belegter.

Weiterhin werde ich kurz zusammenfassen wie die verschiedenen jüdischen Richtungen das „Jüdisch-Sein“ definieren.

Der 2. Teil, eine Art Chronologie, wird die wichtigsten politischen Daten zusammenfassen – vor allem die Ereignisse die für die jüdische Geschichte in der UDSSR eine Rolle spielen und natürlich die Geschichte der russischsprachigen Juden in Deutschland und der DDR.

Im dritten Teil werde ich schließlich zeigen, welches die Faktoren sind die zur Steuerung der jüdischen Identität in Deutschland beitragen.

Im vierten Teil wird es um aktuelle Debatten gehen, die die Identität der im deutschsprachigen Raum lebenden Juden bestimmen oder bewerten.

Im letzten Teil werde ich diskussionswürdige Thesen aufstellen und erklären.

1. Theoretischer Rahmen

1.1 Identität

Krappmann beschreibt, dass „die eigene Identität zu präsentieren und gewinnen“ ein kreativer Akt eines jeden Menschen ist, welcher in jeder Situation angesichts bestimmter Erwartungen neu entwickelt wird. (Krappmann 2000: 11) Jeder Mensch interpretiert seine Identität im Hinblick auf eine bestimmte, aktuelle Situation, meist unter der Berücksichtigung des Erwartungshorizontes seines Gesprächspartners, zum Beispiel. Identität ist kein starres Selbstbild, welches Menschen für sich entwerfen, „…vielmehr stellt sie eine immer wieder neue Verknüpfung früherer und anderer Interaktionsbeteiligungen des Individuums mit den Erwartungen und Bedürfnissen, die in der aktuellen Situation auftreten, dar“. (Krappmann 2000: 9)

Abels betont, dass das Individuum nun mal in einer Gesellschaft lebt, in der es ihren Erwartungen nicht entgehen kann. (Abels 2006: 252) Er unterscheidet zwischen dem ascribed status und dem achieved status. Der erst genannte ergibt sich aus den Zuschreibungen anderer; also aus dem was Menschen mit dem/r jeweiligen Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen usw. einer Person verbinden, und die Person dementsprechend behandeln. Der achieved status ist die Rolle die eine Person „freiwillig“ einnimmt; z.B. fällt in vielen Fällen der Beruf eines Menschen unter dieses Status. Alle Äußerungen die für andere nach außen sichtbar sind, und von einer Person freiwillig produziert werden fallen in den achieved status. (Abels 2006: 349)

Abels spricht von einer immer neuen Selbstverortung, indem jeder Mensch bestimmte Masken aufsetzt mit denen er seine personelle Identität andeutet. (Abels 2006: 251) Zu Identität gehört auch das Bewusstsein eines jeden Individuums über die individuelle Lebensgeschichte und eine gewisse Konsequenz in seinen Handlungen zu zeigen. Daraus ergibt sich die Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen. (Abels 2006: 254)

Lebensgeschichten von Individuen verändern sich, und auch der Interaktionsprozess mit Menschen ist immer anders. So ist die Identität kein fester Besitz eines Menschen sondern wird immer neu geformt. Identität ist Teil des Interaktionsprozesses selber, und bekommt je nach Erwartungen und Situation eine andere Gestalt. (Abels 2006: 439)

Es sind vor allem die Erwartungen die für diese Arbeit eine wichtige Rolle spielen. Juden die in der deutschen Gesellschaft leben, sind diesen ausgesetzt – haben Rollen zu erfüllen.

Oder wie Krappmann sagt: „Jedes Individuum entwirft seine Identität, indem es auf Erwartungen der anderen, der Menschen in engeren und weiteren Bezugskreisen antwortet.“ (Krappmann 2000: 437)

Er fragt sich auch, wieso Menschen das tun. Sie tun es natürlich um aus sozialen Erwartungen nicht herauszufallen, aber auch um den eigenen Wünschen Anerkennung zu verschaffen. Der Mensch hat in gewisser Weise einen großen Spielraum eine Rolle von sich zu etablieren bzw. in jeder Situation neu auszuhandeln. (Krappmann 2000: 437)

Schönborn, die sich ebenfalls mit der Konstruktion jüdischer Identität in Deutschland befasst, beschreibt „Identität“ als ein Gebilde welches sich in dialogischen Selbsterfahrungen in verschiedenen Lebenswelten immer wieder neu etabliert und deshalb immer nur ein vorläufiges Resultat ergibt. Sie betont den „Diskurs“ als identitätsstiftend:

„Insofern wird von einer dialogischen Beziehung zwischen Diskurs und Identität ausgegangen, in der Diskurse Identitäten aktualisieren und Diskurse durch die Identitäten der sich an ihr Beteiligenden bestimmt werden.“ (Schönborn 2009: 381)

1.2 Ethnizität

Becker ist die einzige Autorin, die „Ethniztät“ mit der Einwanderung russischsprachiger Juden nach Deutschland in Zusammenhang bringt. Ethnizität ist ein Prozess der aus Eigen- und Fremdzuschreibung besteht. So sind Grenzen zwischen Gruppen nicht fix, sondern Resultate sozialer Praxis und Produkte von unabgeschlossenen Konstruktionsprozessen. (Barth 1969: 41)

Becker bezeichnet die jüdische Identität als ethnischen Code, der in Migrationssituationen aufgegriffen wird und damit soziale Räume konstituiert. Häufig entstehen zwei gegenläufige Tendenzen. Einerseits werden die Identitäten der russischsprachigen Migranten ethnisiert, indem sie sich mit dem formalen Nachweis ihrer ethnischen Zugehörigkeit beschäftigen, andererseits gestaltet sich die Integration in die jüdischen Gemeinden in Deutschland schwierig – starke Segregationen erfolgen durch die Parteienbildung innerhalb dieser. (Becker 2001: 19)

Sonja Margolina betont, dass sich der Begriff „Jude“ gar nicht mehr verwenden lässt. Sie erklärt, dass heute die meisten der europäischen Juden nicht gläubig sind; ein gemeinsames Nationalbewusstsein gibt es schon längst nicht mehr. Viel mehr gibt es Menschen die im Sinne der Abstammung Juden sind, aber auf jeden Versuch diese in künstliche Kategorien zu pressen, „allergisch“ reagieren. (Margolina 1992: 95)

Es wird deutlich, dass die Begriffe „Judentum“, „jüdisch“, „Jude“ etc. viel implizieren und gleichzeitig vieles ausschließen. Die Begriffe sind mit sehr vielen, eigentlich zu vielen, Bedeutungen belegt – lassen sich in vielen Zusammenhängen nicht mehr wertfrei verwenden.

Da das „Jüdisch-Sein“ in vielen „Köpfen“ die ethnische Kategorie impliziert, werden dadurch Grenzen im Barthschen Sinne gezogen. Es sind Grenzen die der Realität nicht entsprechen und ebenfalls bestimmte Erwartungen produzieren.

Das Ausmaß der ethnischen Grenzziehung und der Identitätszuschreibung wird in den folgenden Kapiteln aufgeschlüsselt.

1.3 „Jüdisch-Sein“ in den verschiedenen jüdischen Strömungen

Die Union progressiver[1] Juden erklärt, dass in „biblischer Zeit“ das Konvertieren eine einfache Sache war; jeder der sich dem Judentum verbunden fühlte, schloss sich einer Gemeinde an. In heutiger Zeit kritisieren die liberalen Juden die negative Einstellung der orthodoxen Juden gegenüber jenen Personen die konvertieren möchten, und fast immer von ihnen abgelehnt werden.

„Das progressive Judentum kehrte zu der offenen Haltung des Talmud zurück: Im Einklang mit der jüdischen Tradition wird das Recht von Nichtjuden anerkannt, die ihre Eignung nachweisen können, in der jüdischen Gemeinde akzeptiert zu werden. Progressive Gemeinden sind bestrebt, den Kandidaten dabei liebevoll zu helfen, soweit es in ihren Möglichkeiten liegt. Das Judentum soll keinen missionarischen Charakter haben, aber man unterstützt all diejenigen, die aus eigenem Antrieb danach streben, jüdisch zu sein.“

(Union progressiver Juden in Deutschland 2010)

Heute gibt es verschiedene Strömungen innerhalb des religiösen Judentums. Es werden orthodoxe und nicht-orthodoxe jüdische Strömungen unterschieden. Weiterhin können die nicht-orthodoxen Strömungen auch als progressiv, reformiert oder liberal bezeichnet werden. Eine Mittelstellung zwischen Orthodoxie und dem liberalen Judentum nimmt das im 19. Jahrhundert sich formierende konservative Judentum ein.

Das Orthodoxe Judentum lässt sich ebenfalls in mehrere Richtungen aufteilen. Der Begriff „orthodox“ wurde von den reformierten Juden seid dem 19. Jahrhundert auf die „rechtgläubigen“ Juden angewendet. Dieser sollte diejenigen Juden beschreiben, welche ihren Glauben und ihre Bräuche trotz gesellschaftlicher Veränderungen beibehielten.

Alle genannten jüdischen Strömungen lassen sich in weitere Strömungen aufteilen. Dazu kommt, dass natürlich gerade das Judentum, als eine Religion die lange keinen festen Ort auf der Welt hatte, sehr von jeweiligen Gesellschaften beeinflusst ist. (Galley 2006: 179)

Im Staat Israel wird das orthodoxe Judentum als einzige Richtung des Judentums anerkannt. Es sind die Rabbiner und Gesetztesgelehrte welche bestimmen wer Jude ist und wer nicht, was für die Einwanderungsbestimmungen relevant ist. (Wagner 2006)

[...]


[1] Die Union entstand 1977 aus einem Zusammenschluss von konservativen und liberalen Gemeinden. Dadurch sollte die religiöse Gemeinschaft der Juden nach außen vertreten und die grundlegenden Lehren des Judentums in Einklang mit der Moderne gefördert werden. http://www.liberale-juden.de/

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640596423
ISBN (Buch)
9783640595976
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149165
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophische/Theologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Konstruktion Identität Migranten Deutschland

Autor

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