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Die Beziehung zwischen den altägyptischen Priesterschaften und den ersten Ptolemäern

Die Entwicklung nach der Regierungsübernahme Ptolemaios II. Philadelphos 283/2 bis zum Ende des großen Aufstandes in der Thebais 186 unter Ptolemaios V. Epiphanes

Seminararbeit 2009 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Zusammenarbeit von Regierung und Priesterschaften
1. Legitimierung der Priesterschaft und des Pharaonentums
2. Kultische Funktionen
3. Priesterliche Privilegien
4. Finanzielle Zuwendungen an die Priester und Tempel
5. Verleihung des Asylrechts
6. Regelmäßige Priestersynoden und geistige Unabhängigkeit
7. Religionspolitik und Propaganda
8. Rückführung von Götterstatuen
9. Staatliche Überwachung

III. Oppositionen der Priesterschaften und Tempel
1. "Priester des Königs"
2. Königsnamenschreibung
3. Inschriften
4. Die Demotische Chronik und die Lamm-Prophezeiung
5. Die Aufstände als Höhepunkte des Widerstandes

IV. Ausblick und Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Einführung

Die Menschen bewohnen nicht nur verschiedene Länder, sondern auch verschiedene Sinnwelten, und diese symbolischen Universen gewinnen sichtbare, dauerhafte und verpflichtende Form sowohl in den Institutionen der politischen Herrschaft als auch in denen der religiösen Ordnung. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto schwerer wird es, zwischen religiösen und politischen Institutionen zu unterscheiden.[1]

Dies gilt augenscheinlich auch für das hellenistische Ägypten. In den klassischen Dynastien des alten, mittleren und neuen Reiches in Ägypten waren Staat und Religion untrennbar miteinander verbunden. Mächtige Priesterschaften nahmen offenkundig großen Einfluss auf die Pharaonen und prägten über sehr lange Zeit Ägyptens politisches Gebaren.

Als die Perser Ägypten eroberten und sich Untertan machten, wendete sich jedoch das Blatt. Die Obrigkeit hatte nun keinen Respekt mehr vor der uralten Kultur und fast mystisch anmutenden Religion. Tempel wurden enteignet, Götterstatuen entwendet und die Priester unterdrückt und ausgebeutet. Es ist daher nicht erstaunlich, dass ganz Ägypten wie befreit jubelte und den neuen Herren Tür und Tor öffnete, als Alexander, der Große, 332[2] das Land von den Persern befreite und deutlich machte, „daß er [Alexander] ihre Religion und ihre Kultur zu achten gedachte.“[3] Doch Alexanders Ägyptenexpedition dauerte trotz seiner Krönung zum Pharao, der Befragung des Orakels in Siwa und der Gründung Alexandrias 332/31 nicht länger als ein Jahr. Erst 323 veränderte sich Ägyptens Situation erneut mit Alexanders Tod. Ptolemäos erhielt die Satrapie Ägypten. Es folgten Diadochenkriege, in deren Verlauf sich Ptolemaios als Herr Ägyptens durchsetzte und seine Machtposition behaupten konnte.

Doch erst im Herbst des Jahres 306 nahm Ptolemaios den Basileus-Titel an. Wiederum fast zwei Jahre später am 12. Januar 304 wurde Ptolemäos dann auch endlich nach altägyptischer Tradition zum Pharao[4] gekrönt. Ägypten hatte also nicht nur wieder einen Herrscher, der sich einen nicht-ägyptischen Königstitel gab, sondern auch wieder einen legitimen Pharao, der Bräuche und religiöse Eigenheiten des Landes achtete. Noch im selben Jahr erging ein erster Erlass zum Schutz der ägyptischen Heiligtümer. Die alten Priesterschaften bekamen also ihren Status als religiöse Machthaber Ägyptens zurück. Offensichtlich hatte das neue, junge ägyptische Regime aus den fatalen Fehlern der persischen Besetzung gelernt. Man wollte sich die Priesterschaften zu Nutze machen, aber das setzte voraus, dass diese den Pharao akzeptierten und wirklich unterstützten.

In welchem Maße den Priesterschaften aus diesem Grund zusätzliche Rechte und Privilegien gewährt wurden, soll in dieser Arbeit genauso zum Thema gemacht werden, wie die Reaktion der Priesterschaften, die teils sehr gut mit der Regierung zusammenarbeiteten und teils auch den nationalen Widerstand unterstützten. Der zu untersuchende Zeitraum erstreckt sich von der Regierungsübernahme Ptolemaios II. Philadelphos 283/2 bis zum Ende des großen Aufstandes in der Thebais 186 unter Ptolemaios V. Epiphanes. Hierbei wird speziell auf die Rolle der Priesterschaften und ihre Beziehungen zu den ptolemäischen Regierung im ptolemäischen Reich eingegangen, beginnend mit der Zusammenarbeit zwischen Staat und Religion über die Maßnahmen, die Priesterschaften gegen die Ptolemäer ergriffen haben und endend mit den Aufständen der einheimischen Ägypter, an denen auch Priester beteiligt waren.

II. Zusammenarbeit von Regierung und Priesterschaften

1. Legitimierung der Priesterschaft und des Pharaonentums

Um verstehen zu können, warum in Ägypten die einheimischen Priesterschaften zum größten Teil so erpicht darauf waren, ein gutes Verhältnis zu den neuen Herrscher aufzubauen, lässt sich durch die Tatsache erklären, dass seit jeher in dem geschichtsträchtigen Nilstromland auf Ordnung und geregelte Traditionen Wert gelegt wurde. Seit Jahrtausenden definierten sich die ägyptischen Priesterschaften schon als abgeleitetes Priestertum und offensichtlich dachte auch niemand daran, diese Säule der ägyptischen Gesellschaft zu unterwandern. Die Priester erhielten ihre Legitimation durch den Pharao, der gleichzeitig auch das Amt des „Hohenpriesters“ erfüllte.[5]

Die ptolemäische Herrschaft leitete aus dieser Sitte eine ungeheuere Macht ab. Der König hatte das Recht alle Priester zu bestimmen. Da die Ptolemäer nun aber keine Ägypter im eigentlichen Sinne waren und dank ihrer hellenischen Abstammung auch an griechische Götter glaubten, versuchten sie einige dieser Götter mit den althergebrachten ägyptischen Göttern zu vermischen. So entstand beispielsweise der Gott Zeus-Ammon, der Serapis und spezielle der Isis-Kult, der später sogar Einfluss auf das römische Reich nehmen sollte. Zudem wurde etwa 290 Alexander zum Gott erhoben und die Stelle eines Alexanderpriesters wurde geschaffen. Durch diese Vermehrung des Götter-Pantheon wurden auch immer mehr Priester nötig und der König zögerte nicht, diese neuen Priesterstellen mit ihm treu ergebenen ägyptischen und auch griechischen Priestern zu besetzen.

Bei diesem Vorhaben spielte aber weniger der religiöse Eifer der Könige eine Rolle, als vielmehr das Wissen um die Ergebenheit des einfachen Volkes den Priestern gegenüber. Konnte man also die Mehrheit der Priesterschaften milde stimmen und vielleicht sogar dazu bringen zu kooperieren, war die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten gesichert.

Dass diese Politik Früchte trug, kann man noch heute auf Tempelinschriften und Reliefdarstellungen in den Tempeln sehen. In der althergebrachten Tradition wurden die Ptolemäer in und an die alten ägyptischen Pharaonendynastien eingebunden[6]. So wurde die Kontinuität bis hin zu den Ptolemäern unterstrichen. Ihre Legitimität als Pharaonen wurde dadurch bewiesen, dass sie, genau wie ihre ägyptischen Vorgänger vor ihnen, die „die welterhaltende Funktion des Königs“[7] erfüllten. Da die Priester innerhalb der Tempelmauern selbst für die Darstellungen verantwortlich waren, kann man ihnen eine gewisse Loyalität zu den neuen Königen nicht absprechen.

2. Kultische Funktionen

Mit der Erhebung der ägyptischen Religion zur offiziellen Staatsreligion, erklärte sich der König bereit, sich der traditionellen, ägyptischen Krönungszeremonie zu unterziehen, um wirklich rechtmäßiger Pharao in den Augen der Ägypter zu werden.

Nach altägyptischen Glauben konnte nur ein legitimer Pharao das Chaos zurückhalten, das zwischen Nektanebos, dem letzten ägyptischen Herrscher, und Alexander dem Großen geherrscht hatte. Nur ein wirklicher Pharao konnte die Weltordnung, die Ma´at, herstellen und aufrechterhalten.[8] „Ein legitimer Pharao ist somit einer, der von den Göttern als solcher anerkannt oder in der Rolle des Sohnes seines verstorbenen, ebenfalls legitimen Vorgängers die Riten der Herrschaftsübernahme ordnungsgemäß durchgeführt hat.“[9]

Wie ernst die Ptolemäer diesen Glauben tatsächlich nahmen, kann an einigen Beispielen gezeigt werden. So vollzog schon Ptolemaios II. die ägyptischen Riten, Ptolemaios IV. befragte vor der Schlacht von Raphia ein ägyptisches Orakel und Ptolemaios der VI. inthronisierte einen Buchis-Stier[10]. Zu diesen außergewöhnlichen Anlässen kamen natürlich noch die Besuche in Tempelanlagen und die dortige Übernahme von kultischen Funktionen zur Demonstration der Einheit zwischen Religion und Staat.

Die Ptolemäer wussten, dass der König ohne die Hilfe und Rückenstärkung der Priester keine reale Macht ausüben konnte, da die Priester die ideologische Macht besaßen, das Königtum vor den Göttern und den Menschen als rechtmäßig zu erklären.

3. Priesterliche Privilegien

Um die Priesterschaften noch mehr an sich zu binden und sich ihrer Loyalität wirklich sicher zu sein, entschloss man sich, sie mit besonderen Privilegien auszustatten. Privilegien, die sie einerseits von dem normalen Volk abhoben und sie gleichzeitig mehr an die ptolemäische Regierung band.

Doch auch innerhalb der Priesterschaften gab es Unterschiede, die beachtet werden wollten. Die hierarchische Struktur der einzelnen Priesterschaften wurde bei jeder Gelegenheit unterstrichen. So galten beispielsweise die Priester höherer Ränge gleichzeitig als Staatsbeamte, während niederen Priestern dieses Privileg versagt wurde. Wollte man jedoch in die höhere Priesterlaufbahn eintreten, so war man erneut auf die Zustimmung des Königs oder aber zumindest seiner Vertreter angewiesen.[11] Ein sicheres System den Zugang zum Priestertum zu überwachen und sich so der Loyalität der Priester gewiss zu sein.

Um Neid und Streitigkeiten zwischen den Priesterschaften und Glaubensrichtungen, hier vor allem den ägyptischen und den griechischen, die von vornherein wenig voneinander hielten, vorzubeugen, wurden von Anfang an alle Priester gleich behandelt. Es gab keinen Unterschied, zwischen griechischen und ägyptischen Gottesdienern. Dieses Privileg beinhaltete aber auch, dass Priester nicht von ihresgleichen gerichtet werden durften. Alle Delikte, ob nun privater, politischer oder sakraler Natur wurden ohne Unterschied von weltlichen Beamten verfolgt und gerichtet. Da nun durchaus Belege existieren, die bestätigen, dass ägyptische oder griechische Gottesdiener gleichzeitig auch Staats- und Gemeindeämter übernahmen[12], ist nicht bekannt, ob die Verfolgung von priesterlichen Verbrechen eher dieser Art von Staatsbeamten übertragen wurde.

Darüber hinaus blieben Diener der Götter auch vom Kriegsdienst befreit und wurden von Einquartierungen von Beamten, Soldaten oder ähnlichem weitgehend verschont[13].

Sie hatten zwar Fronarbeit zu leisten[14], wurden aber nicht zwingend zu solcher herangezogen, wie ein Beispiel eines Dokumentes zeigt, in dem 58 Choachyten[15] auch unbekannten Gründen nicht zu Dammarbeiten hinzugezogen wurden[16]. Hier kann man von der Vermutung ausgehen, dass die Priesterkasten wohl aufgrund des ungebrochenen Respekts und der Verehrung der Bevölkerung von einigen Tätigkeiten, zu denen sie eigentlich verpflichtet gewesen wären, ausgenommen wurden.

[...]


[1] J. Assmann, Politische Theologie, S. 23.

[2] Diese sowie alle folgenden Daten und Jahreszahlen beziehen sich ausschließlich auf den Zeitraum vor Christi Geburt.

[3] H. Heinen, Geschichte des Hellenismus, S. 23.

[4] Ich schließe mich bei dieser Datierung Hölbl (1994) an und nicht Koenen (1977), der als Krönungstag den 6. Januar anberaumt. Zudem teile ich die Meinung einiger Wissenschaftler nicht, die den ersten vier Ptolemäern eine altägyptische Pharaonenkrönung entweder ganz absprechen oder diese zumindest bezweifeln.

[5] Vgl. W. Huss, Der makedonische König, S. 54.

[6] Vgl. W. Huss, Der makedonische König, S. 70.

[7] W. Huss, Der makedonische König, S. 71.

[8] Vgl. W. Huss, Der makedonische König, S. 51.

[9] G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreichs, S. 69.

[10] Vgl. W. Huss, Der makedonische König, S. 53.

[11] Vgl. W. Otto, Priester und Tempel II, S. 243.

[12] Vgl. W. Otto, Priester und Tempel II, S. 245, 250.

[13] Vgl. W. Huss, Der makedonische König, S. 42 (65) und S. 18.

[14] Huss (Der makedonische König, S. 42) ist allerdings der Meinung, dass Priester komplett von jeglicher Fronarbeit befreit gewesen wären. Ich schließe mich jedoch Ottos Meinung zu diesem Thema an.

[15] Niedere Priester, wie zum Beispiel Einbalsamierer.

[16] Vgl. W. Otto, Priester und Tempel II, S. 252.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640597819
ISBN (Buch)
9783640597970
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149297
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Ägypten Ptolemaios Priester Hellenismus Antike antike Religion Altägypten

Autor

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