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Totalitarismus, Tyrannei, Diktatur. Eine Einordnung des Dritten Reichs und der Sowjetunion nach den Begriffen von Hannah Arendt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Totalitarismus, Tyrannei, Diktatur? Grundzuge von Hannah Arendts Begrifflichkeiten

II. Anspruch und Wirklichkeit - Totale Herrschaft in Nazi-Deutschland und SU?

III. Realisierung der totalen Herrschaft? - Die Lager

IV. Ein Fazit

Bibliographie

Einleitung

Im Jahre 1951 veroffentlichte Hannah Arendt ihr Werk „The Origins of Totalitarianism441, das 1955 in erweiterter Version unter dem Titel „Elemente und Ursprunge totaler Herrschaft44 auch in deutscher Ubersetzung erschien. Arendt, die sich selbst eher als politische Theoretikerin, denn als Philosophin betrachtete[1], beleuchtet hier mit grofier historischer Detailtreue die Entwicklung einer neuen Herrschaftsform, die sie „totale Herrschaft“ nennt. Dieser liegen einige Charakteristiken zu Grunde, welche sie fundamental von der bis dato gekannten Diktatur oder Tyrannis unterscheidet. Darum soll es im Folgenden zunachst um diese neuen und ungekannten Elemente gehen. Was macht sie aus und wie wirken sie? Die zentralen Rollen in Arendts Betrachtungen nehmen der Nationalsozialismus und der Kommunismus ein. Sind aber hier schon die vollendeten Verwirklichungen der totalen Herrschaft zu linden oder kommen sie nur einer[2] „Idealform“ ziemlich nahe? Letzteres scheint schon allein auf Grund der Tatsache, dass 1945 das Hitler-Regime unterging und sich wenige Jahre spater die Sowjetunion vom „Stalinismus“ abkehrte, plausibel. In welchen Bereichen findet sich nun aber keine totale Beherrschung und fur welchen Zeitraum konnen wir die ausgepragteste Form konstatieren? Entscheidendes Mittel zur sogenannten Herstellung des Menschen und Beherrschung der Masse ist neben Propaganda, Organisation und Ideologie vor allem der Terror, dessen grofite Perversion in den Lagern sichtbar wird. Deshalb sollen auch Funktionsweise und Umsetzung des Terrors untersucht werden.

Alle Bestrebungen im totalen System laufen letztendlich darauf hinaus, die Menschen ihrer Handlungsmoglichkeiten zu berauben. Ein Blick in Arendts Werke „Vita Activa“[3] und „Macht und Gewalt“[4] sind zur Erfassung der Begrifflichkeiten und zum Verstandnis der Wichtigkeit von Kreativitat, Schopferkraft und „Natalitat“ hilfreich. Auch die wirtschaftsgeschichtliche Abhandlung „Von Kriegswirtschaft zu Kriegswirtschaft“[5] von G. Ambrosius und S. Buttners in Thesenform verarbeiteter „roter Faden“ von „Elemente und Ursprunge totaler Herrschaft44 waren mir bei der Erstellung dieser Arbeit eine grofie Hilfe. Dabei wurde klar,[6] dass diese uber den Anspruch einer einfuhrenden Darstellung von Hannah Arendts Gedankengut und die Vorstellung einiger sich daraus ableitender Problemstellungen dieser umfassenden, komplexen und auch emotionalen Thematik nicht herauskommen kann.

I. Totalitarismus, Tyrannei, Diktatur? Grundzuee von Hannah Arendts Beerifflichkeiten

Seit vielen Jahrhunderten gibt es machthungrige Konige, unbandige Regenten und hemmungslose Despoten. Ihr klassisches Verhalten beschreiben schon Platon und Aristoteles. Hannah Arendts Herrscher durchbrechen aber die Charakteristiken von Tyrannei und Diktatur.

Eine Eigenschaft, die wir Tyrannen zuschreiben, ist die willkurliche Verletzung jeglicher Gesetze. Dies scheint wahrend der totalen Herrschaft ebenfalls zu geschehen, weil sich nicht an zuvor bestehendes oder selbst beschlossenes Recht gehalten wird. Der Unterschied liegt aber darin, dass der totalitare Herrscher nicht willkurlich vorgeht, sondern sein Vorgehen durch „Gesetze der Geschichte“ und „Naturrecht“ legitimiert. Er ist also nur im Bezug auf die Verletzung des bestehenden positiven Rechts gesetzlos, beruft sich auf eine hohere Instanz, die ihm zufolge selbst Ursprung und Legitimation jeglichen positiven Rechts darstellt und so quasi ohne Umwege die Vorsehung erfullt.[7] So legen die Nazis keinen Wert darauf, die Weimarer Gesetzgebung abzuschaffen und stillen mit dem Erlass der „Nurnberger Rassegesetze“ auch ihre eigenes Regelungsverlangen. Der Grundsatz Recht gleich Moral - womit die nationalsozialistische Weltanschauung gemeint ist - gilt.[8] Was daraus folgt, ist eine Negierung jeglicher Formen von Schuld und Unschuld, die an ein positives Recht geknupft sind.

Das Hilfsmittel Ideologie erklart pseudowissenschaftlich was ist und was wird. Diese totale Welterklarung impliziert ein hoheres Ziel, dessen Verwirklichung notwendig ist, weshalb „Bewegungsgesetze“ nur noch Art und Weise des Erreichens dieses Endstadiums betreffen und beschleunigen konnen. Im Nationalsozialismus ist es die Rasse- oder Volksgemeinschaft, in der Sowjetunion die klassenlose Gesellschaft.[9] Arendts These, dass die totale Herrschaft keine radikalisierte Weiterentwicklung bestehender despotischer Praktiken darstellt, beinhaltet auch die Problematik, ihre Entstehung nicht aus historischem Ruckbezug erklaren zu konnen. Indem die kausale Kontinuitat der Geschichtsentwicklung verneint wird, entfallt auch jegliche Erfahrung der Eigenheiten des Systems.[10] Zu diesen gehort z.B. eine absolute, also losgeloste Moral, die sich in volliger Ablehnung der alten Systeme manifestiert und ihre Grenzen des „Was-darf-ich-tun“ verwirft.

Die ganze Angelegenheit funktioniert in dem Sinne verkehrt herum, dass die propagierte Ideologie erst im Nachhinein hergestellt wird. Herstellen heifit im Arendt'schen Sinne die Erschaffung einer widernaturlichen, kunstlichen Welt, die sich nicht nur der existierenden Naturwelt hinzugesellt, sondern sich dieser in der Form entgegenstellt, dass sie diese uberdauern kann. In dieser Welt sei das menschliche Leben zuhause, das „von Natur aus in der Natur heimatlos ist.“[11] So werden die „objektiv Schuldigen“, so z.B. Juden, solange maltratiert und diskriminiert, bis ihre Erscheinung dem Ressentiment eines Parasiten im Volkskorper zu entsprechen scheint.

Eine weitere notwendige Stutze des Totalitarismus ist die Massenpartei. Stalin oder Hitler hatten sich ohne „quasilegale“ Machtubernahme und Unterstutzung der Bevolkerung nie so lange halten konnen.[12] An dieser Stelle sind die Begriffe „Bewegung“ und „Organisation“ zu erganzen. Auch wenn mit NSDAP und KPdSU Parteien an die Macht kamen, so ist es laut Hannah Arendt doch angebrachter, von totalitaren Bewegungen zu sprechen. Das ist schon mit dessen charakteristischem Merkmal zu begrunden, dass ihr grofiter Feind die „Kontinuitat“ ist. Es gelten ja gerade die Bewegungsgesetze, die solange nicht in Frage gestellt werden, wie die Bewegung durch einen organisatorischen Rahmen zusammengehalten wird. Der fanatische Glaube an die Ideologie lasst zu, dass Mitglieder der Bewegung willig, aber schuldlos sterben, ja sogar, wenn der Fuhrer es verlangt, gegen sich selbst ermitteln, ohne zu hinterfragen.[13] Zweifelsohne werden aber Propaganda und Organisation dann wirkungsloser, wenn die Bewegung an die Macht gelangt ist, sich also nicht mehr an allen typischen Feindbildern, wie z.B. einer unfahigen Regierung, abarbeiten kann.

Ab diesem Punkt wird der Konjunktiv „es konnte so sein“ und das futuristische „es wird“ durch harte Fakten uberlagert, die niemals nach aufien dringen sollen, damit die erdachte Welt bestehen bleibt.[14] Hier muss jeglicher Halt und jegliche Orientierung verloren gehen. Zu dieser „Strukturlosigkeit“ soll auch eine Abschaffung jeglicher Instanzen und Hierarchien beitragen.[15] Somit kann sich der Fuhrerwille direkt und ohne Zwischeninstanzen uberall verkorpern. Hier bezieht Arendt auch klar Stellung gegen die „Polykratiethese“, die von vielen Fuhrungszirkeln und Machthabern neben Hitler ausgeht. Die Bezeichnung „Unterfuhrer“ hebe lediglich das gesellschaftliche Ansehen, letztlich seien jedoch alle Fuhrer im Reich direkt von Hitler abhangig.[16] Auch die Rolle von Weggefahrten im Kampf um die Macht sollte nicht uberbewertet werden. Die „Atomisierung“ strebt Vollstandigkeit an und macht auch keine Ausnahme fur Beziehungen innerhalb der Bewegung. Dieses Problem lost Stalin mit seinem altbewahrten Mittel der Liquidierung, wahrend Hitler in haufiger Abfolge die Machtverhaltnisse verschiebt und seine Vertrauten wechselt. Der Fuhrer selbst sieht sich schon deshalb als unersetzlich an, weil die Ernennung eines Nachfolgers zur „Cliquenbildung“ fuhren wurde, die ja unbedingt vermieden werden soll.[17] Zur Strukturlosigkeit tragt auch bei, dass ein grofier Teil des Weimarer Beamtenapparates nach der Machtubernahme der Nazis auf seinem Posten belassen wurde. Dass dazu jedoch parallele Amter - naturlich besetzt von Parteimitgliedern - eingefuhrt werden, zeigt der Bevolkerung nur die Handlungsunfahigkeit des alten Systems und tragt zur weiteren Verwirrung bei.[18] Als Hitler 1936 Franco im spanischen Burgerkrieg mit seiner „Legion Condor“ hilft, ubergeht er z.B. das Auswartige Amt.

Da Macht zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen gehore und „menschlichen Gemeinschaften immer schon inharent sei“, muss eben dieses Gemeinwesen zerstort werden oder handlungsunfahig gemacht werden, um seine Macht einzudammen. Die Macht, die aus den gemeinsamen Handlungen entsteht, legitimiert sich aus der Berufung auf die Vergangenheit und nicht durch Ziele und Zwecke.[19] Auf dem Wiener Kongress betonte und restaurierte man die Legitimitat der dynastisch gewachsenen Monarchien. Hitler hingegen legitimiert sein Vorgehen durch die Vorsehung, lehnt jedoch die alten Systeme ab.

Die Vereinzelung wird als Atomisierung begriffen, aus der eine Handlungsunfahigkeit folgen soll. Die Grundbedingung der Handlung ist die Natalitat, das dem Menschen bei seiner Geburt schon innewohnende Vermogen, sich zur Geltung zu bringen und spontan neues zu erschaffen. Hannah Arendt beschreibt Handeln als die direkte Tatigkeit zwischen Menschen, die sich ohne Vermittlung durch Materie abspielt. Dazu ist eine Pluralitat der Menschen notwendig.[20] Die Lehre von Menschenrassen oder Gobineau'scher Degeneration eines Urmodells „Mensch“ negiert somit schon implizit jegliche Handlungsmoglichkeiten im Arendt'schen Sinne und stellt das Gegenstuck zur Natalitat dar.

[...]


[1] Arendt, H.: Elemente und Ursprunge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Munchen 102005.

[2] Gunter Gaus im Gesprach mit Hannah Arendt, ZDF, 28.10.1964, URL:

http://www.youtube.com/user/Ehrengrund#p/a/D5C42DB3070DCCC8/0/coAVzw4IPf8. zugegriffen am 02.03.2010.

[3] Arendt, H.: Vita activa. oder Vom tatigen Leben, Munchen 81994.

[4] Arendt, H.: Macht und Gewalt. Munchen 182008.

[5] Ambrosius, G.: Von Kriegswirtschaft zu Kriegswirtschaft (1914 - 1945). In: North, M. (Hrsg.): Deutsche

Wirtschaftsgeschichte. Munchen 2000.

[7] Vgl. EU. S. 947f.

[8] Vgl. Ebd. S. 826.

[9] Vgl. Ebd. S. 948.

[10] Vgl. Ebd. S. 946f.

[11] Vgl. VA. S. 14.

[12] Vgl. EU. S. 658.

[13] Vgl. Ebd. S. 661f.

[14] Vgl. Ebd. S. 748f.

[15] Vgl. Ebd. S. 694.

[16] Vgl. Ebd. S. 843f.

[17] Vgl. EU. S. 848.

[18] Vgl. Ebd. S. 826f.

[19] Vgl. MuG. S. 52.

[20] Vgl. VA. S. 15f.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640598540
ISBN (Buch)
9783640598649
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149352
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Hannah Arendts Begriffe Herrschaft“ Diktatur“ Berücksichtigung Zusammenhänge Terror Natalität Verlassenheit Ansätze Einordnung Dritten Reiches Sowjetunion Stalin

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Titel: Totalitarismus, Tyrannei, Diktatur. Eine Einordnung des Dritten Reichs und der Sowjetunion nach den Begriffen von Hannah Arendt