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Der Amerikanische Bürgerkrieg 1861 - 1865

Das neue Kriegsbild

von Stefan Erminger (Autor)

Skript 2010 8 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Der Amerikanische Bürgerkrieg 1861 – 1865[1]

Die Südstaaten waren von der amerikanischen Union schon getrennt, als sie im April 1861 die Feindseligkeiten gegen den Norden am 13. April 1861 mit der Eroberung des Forts Sumter im Hafen von Charleston eröffneten. Damit begann ein Kampf, der sich zum ersten modernen Krieg der Weltgeschichte im Sinne totaler Anwendung allen bisher gegebenen Gewaltmittels steigerte. Es handelte sich um das schwerste, längste und blutigste Ringen des 19. Jahrhunderts, man kann sagen um den Vorläufer des ersten Weltkrieges. Die Militärs in Europa verfolgten die Geschehnisse mit Interesse. Der Charakter eines irrationalen Bürgerkrieges verwirrte allerdings ihr Denken und ließ sie daran zweifeln „was man aus ihm und ob man für die europäischen Verhältnisse überhaupt etwas aus ihm lernen könne“[2]. Nicht so in England, wo der Einsatz der amerikanischen Marine zu effektiver Blockadevor langer Küste und auf weiten Flussstrecken naturgemäß viel stärkere Beachtung fand.

Die Kriegsursachen waren mit den Auswirkungen der industriellen Revolution aufs engste verknüpft, ebenso mit den unterschiedlichen kulturellen, ökonomisch-sozialen Bedingungen in Nord und Süd. Das Teilproblem der Sklavenhaltung in der Baumwollplantagen-Besitzer-Gesellschaft rückte schnell in den politischen Brennpunkt der Streitigkeiten. Dahinter stand die grundsätzliche Frage nach der „wahren“ amerikanischen Lebensform. Auch musste sich entscheiden, ob föderative Eigenstaatlichkeiten gelten, ob die Vielheit vor der Einheit rangieren konnte.

Nord-Union und Süd-Konföderation waren keineswegs ebenbürtig. Einem Bevölkerungsanteil von 20 Millionen fast ausschließlich weißer Einwohner standen 10,5 Millionen einschließlich vier Millionen Schwarzen gegenüber. Das Zahlenverhältnis ändert sich, wenn es in Bezug zu den wehrfähigen Bürgern im Alter von 18 bis 45 Jahren gebracht wird. Im Jahr 1861 folgten 640000 Männer der Nordstaaten freiwillig dem Ruf ihrer Bundesregierung zur Armee (26%), in den Südstaaten 337500 (49%). Die Union besaß die weit größeren materiellen Machtmittel, die Konföderierten die höhere militärische Qualität. Letzteres lag daran, dass in den Südstaaten, die militärisch erfahrenere und geübtere, zum Kampf zwischen Sieg oder Untergang fest entschlossene Landbevölkerung angesiedelt war und die Offiziere fähiger waren. Vom kleinen stehenden Heer (1861 noch rund 16000 Mann) trat ein großer Teil der Offiziere (286), darunter viele der besten Absolventen aus West Point, in den Dienst der Rebellen. Dieser Vorteil schlug trotz mangelnder Zentralgewalt zu Buche. Beiden Seiten mussten jedoch ihre Streitkräfte während des Krieges erst aufbauen. Es war eine Um- und Neubildung aus Teilen des kleinen stehenden Heeres und der nur auf dem Papier stehenden Miliz. Der Süden hatte gleich zu Beginn die stärkere Kampfmoral auf seiner Seite. Bei den vielen, dem Militärdienst zugeneigten Gutsbesitzern[3], der größeren Zahl aktiver Soldaten und der kriegerischen Jungmannschaft rekrutierte es sich unter günstigeren Voraussetzungen. Im Mai führte der Süden 1862 die allgemeine Wehrpflicht für alle Weißen ein. Der Norden litt anfangs weit mehr unter dem Übel frühzeitig ins Feld geschickter, noch schlagfertiger Truppen. Die erste blamable Schlappe in der Schlacht am Bull Run (21. Juli 1861) veranlasste Präsident Lincoln zu gewaltigen Rüstungsanstrengungen. Die Union ergänzte die Freiwilligkeit durch Zwangsaushebung. Ihre maximale Heeresstärke betrug eine Million, die Gesamtzahl ihrer im Verlauf des Krieges eingezogenen Leute 2900000 Mann. Bei den Konföderierten lag die erste Summe bei 600000, die zweite zwischen 1,2 und 1,4 Millionen[4].

Der wirtschaftliche Reichtum der Südstaaten bestand überwiegend in der Baumwollausfuhr gegenüber viel geringerem Anbau von Brotgetreide. Die industriellen Erzeugnisse fielen nicht schwer ins Gewicht, nur die Eisenwerke in der Hauptstadt Richmond stellten in beschränktem Umfang Geschütze her. Die empfindliche Abhängigkeit vom Auslandshandel bildete einen krassen Gegensatz zur Lage des Nordens. Seine Ackerbau- und Viehwirtschaft versorgte die Bevölkerung in überreichem Maße, seine aufblühende Maschinenindustrie produzierte massenweise Waffen und Bekleidung, die Geldmittel flossen unerschöpflich, die Kriegs- und Handelsflotte beherrschte das Meer wie die Binnengewässer.

Auf diesen ökonomischen Prämissen beruhten die strategischen Konzepte der Kontrahenten. Die Konföderierten bauten auf die Verbindungen mit Europa, insbesondere auf die für England lebenswichtigen Baumwollexporte. Sie hofften vergebens darauf, dass sich die Westmächte offen auf ihre Seite schlagen würden. Zwar bedrängte Kaiser Napoleon die Londoner Regierung, doch sie dachte weiter als die Fabrikanten, nämlich an die indische Baumwolle wie an Ägypten, das sich ebenfalls auf deren Herstellung verstand. In der Hauptsache musste sich der Süden auf seine kampftüchtigere Armee verlassen. Im Rahmen taktisch-offensiver Ermattungsstrategie sollte sie den Gegner zum Nachgeben zwingen. Ab 1862 führte der genial veranlagte General Robert E. Lee den Oberbefehl, der die humanste und kultivierteste Führungspersönlichkeit im Bürgerkrieg war.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

General Robert Eward Lee, Photographie von Julian Vannerson, The Library od Congress Prints & Photographs Online Catalog

Die Union konnte im Landkrieg mit der Methode direkter Schläge keine entscheidenden Siege erringen. Aber im Besitz aller dem Heer nützlichen Ressourcen, und dazu gehörte die gesamte amerikanische Flotte mit 61 brauchbaren Schiffen, setzte sie auf die Wirtschaftsblockade, d.h. auf die Anakonda-Politik. „So wie der Leib dieser Schlange das Opfer erst leicht, dann immer umschlingt, bis es zu Tode zerquetscht ist, erwartete man … eine allmähliche Aushungerung der Konföderation[6].“ Für die Flotte eine Riesenaufgabe: die blockierte Küste von der Chesapeake Bay über die Südspitze Floridas bis zur Mündung des Rio Grande an der mexikanischen Grenze hatte ein Länge von 4400 km; hinzu kam der Lauf des Mississippi vom Golf bis Kairo mit rund 1100 km, der oberhalb von Booten der Flottille befahren werden konnte, auch noch eine Strecke des Ohio einschließlich seiner Nebenflüsse Tennessee und Cumberland. Der grenzenlose Marinebaubetrieb ermöglichte eine enorme Steigerung der Wehrkraft zu See. Im Dezember 1862 war die Zahl der Fahrzeuge schon auf 427 angestiegen, bis Ende 1864 auf 671, darunter 71 neue Panzerschiffe mit ersten drehbaren Geschütztürmen. Der Südbund konnte nur angekaufte, zu Kriegszwecken armierte Küstenschlepp- und Mississippi-Flussdampfer, sowie wenige Neubauten aus improvisierten Werften dagegenstellen. Doch der Süden verstärkte überall die Küstenbefestigungen, legte neue Werke an, bestückte sie mit erbeuteten Schiffgeschützen und sperrte die Flussläufe unter umfangreicher Verwendung von Seeminen[7]. Nach dem »Anakonda-Plan«[8] musste die Flotte an beiden Seefronten zunächst allein operieren, bis Landungstruppen zur Verfügung standen, um die wichtigsten Küstenplätze zu erobern. An der Nordgrenze, wo schiffbare Flüsse fehlten, kämpfte nur die Armee. Im Nordosten standen sich die Hauptheere einander gegenüber; die Kriegführung der Union aber war von vornherein im Vorteil durch den Besitz der Seeherrschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karikatur auf General Scotts Plan von 1861. Urheber: J.B. Elliot, Quelle: The Library of Congress/American Memory (Digital ID: g3701s cw0011000)

[...]


[1] Literatur: H.Fhr. v. Freytag-Loringhoven: Studien über Kriegführung auf Grundlage des Nordamerikanischen

Sezessionskrieges, 2. Bde., Berlin 1901/03; G. Franz-Willing: Der weltgeschichtliche Aufstieg der Vereinigten

Staaten von Amerika durch Entscheidung des Bürgerkrieges von 1861-1865 (Studien zur Militärgeschichte,

Militärwissenschaft und Konfliktforschung, Bd. 229, Osnabrück 1979; Seemacht, eine Kriegsgeschichte von

der Antike bis zur Gegenwart, S. 191-226; P.J. Parish: The American Civil War, New York 1975; J.F.C. Fuller:

Grant and Lee a study in personality and generalship, London 1933; B.H. Liddell Hart: Sherman soldier realist

and American, New York, 1929; E.M. Thomas: Bold Dragoon. The Life of J.E.b. Stuart, New York 1986. Stenzel:

Die Flotte der Nordstaaten im Sezessionskriege, u.v. Gosler: Die Schlacht bei Gettysburg am 2. und 3. Juli

1863, in: BMWBl (1894), S. 83ff. und (1913) S. 197ff.; Deutelmoser, Das amerikanische Landheer im

Sezessionskrieg, Zimmermann: Die Freiwilligen-Armeen im nordamerikansischen Sezessionskriege, in:

Vierteljahreshefte für Truppenführung und Heereskunde (1908), S. 484ff., (1909), S. 512ff. und (1913), S. 86ff.

[2] V. Regling: Grundsätze der Landkriegführung zur Zeit des Absolutismus und im 19. Jahrhundert, S. 369.

[3] Deren Söhne hatten meistens die Militärakademie in West Point besucht, vgl.: Stephen E. Ambrose, Duty, Honor, Country – A History of West Point, Baltimore 1999.

[4] Nach J.F.C. Fuller: Die entartete Kunst Krieg zu führen, Köln 1964, S. 112.

[5] Vgl. Thomas L. Connelly: The Marble Man. Robert E. Lee and his Image in American History, New York 1977.

[6] Seemacht, S. 192.

[7] Stenzel: Die Flotte der Nordstaaten im Sezessionskriege, in: BMWBl (1984), S. 88f. und 108. Viele Seeoffiziere der Bundesflotte waren in konföderierte Dienste getreten, doch kein einziges Schiff.

[8] The War of the Rebellion, Serie I, Band LI, Teil I, S. 369f, Washington 1897. Der »Anakonda-Plan« wurde von Generalleutnant Winfield Scott als strategischer Ansatz, den Bürgerkrieg zu beenden, 1861 vorgeschlagen. Dazu: Charles Winslow Elliott, Winfield Scott: The Soldier and the Man, Macmillan, 1937.

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640602773
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149385
Note
Schlagworte
Ulysses S. Grant Robert E. Lee Tecumseh Sherman Abraham Lincoln Gettysburg Fort Sumter Amerikanischer Bürgerkrieg 1861-1865 Südstaaten Nordstaaten Konföderierte Unionstruppen Sklavenbefreiung Sezessionskrieg

Autor

  • Stefan Erminger (Autor)

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