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Demokratie und Entwicklung

Analyse und Kritik der wichtigsten Texte der klassischen Modernisierungstheorien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 39 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modernisierungstheorien
2.1 Seymour Martin Lipset: Soziologie der Demokratie
2.2 Richard Löwenthal: Staatsfunktion und Staatsform in Entwicklungsländern
2.3 Walt Rostow: Stadien des wirtschaftlichen Wachstums
2.4 David Apter: The Politics of Modernization
2.5 Samuel P.Huntington: Politische Entwicklung und politischer Verfall

3. Dependenztheorien Fernando H. Cardoso und Enzo Faletto: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika

4. Bürokratischer Autoritarismus Guillermo O’Donnell: Modernization and Bureaucratic Authoritarianism,

5. Strukturalismus Dietrich Rueschemeyer, Evelyne Huber Stephens und John Stephens: Capitalist Development and Democracy

6. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit sollen verschiedene Strömungen der Entwicklungstheorie anhand der Darstellung acht entwicklungspolitischer Studien untersucht werden. Dabei soll das Augenmerk vor allem auf die Frage nach der Konzeption von Demokratie und Entwicklung gelegt werden. Wie definieren die Entwicklungstheoretiker Entwicklung, wie Demokratie? Welchen Zusammenhang sehen die Autoren zwischen Demokratie und Entwicklung? Ist der Zusammenhang positiv oder negativ und welche ist die abhängige, welche die unabhängige Variable?

Grob kategorisiert werden können die untersuchten Arbeiten einerseits anhand ihres theoretischen Ansatzes (Modernisierungs-, Dependenz-, strukturalistische Theorie) andererseits aber auch aufgrund des von ihnen formulierten Zusammenhangs von Demokratie und Entwicklung. Auf der einen Seite stehen die optimistischen Entwicklungstheoretiker, die einen positiven Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratie sehen, auf der anderen Seite die pessimistischen Entwicklungstheoretiker, die keine Konvergenz zwischen Entwicklung und Demokratie vermuten oder sogar einen negativen Zusammenhang befürworten. Die untersuchten entwicklungstheoretischen Arbeiten reichen dabei von Vertretern der optimistischen Modernisierungstheorie wie Seymour Martin Lipset, über pessimistische Modernisierungstheoretiker wie Samuel Huntington und der lateinamerikanischen Dependenztheorie von Fernando Cardoso und Enzo Faletto, dem bürokratischen Autoritarismus, der von Guillermo O’Donnell vertreten wird, bis hin zu einem strukturalistischen Ansatz z.B. von Rueschemeyer, Stephens und Stephens.

2. Modernisierungstheorien

2. 1 Seymour Martin Lipset: Wirtschaftliche Entwicklung und Demokratie

Seymour Martin Lipset versucht in seiner Studie aus dem Jahre 1960 der Frage nachzugehen, welche sozialen Faktoren die Entwicklung eines demokratischen Systems begünstigen (vgl. Lipset 1962, S. 35). Dabei geht er von einer schon von Max Weber angenommenen Korrelation zwischen wirtschaftlicher Entwicklung bzw. Industrialisierung und der Entwicklung der Demokratie aus (vgl. Lipset 1962, S.34). Jedoch kann niemals eine absolute Korrelation zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratie angenommen werden, weil die Demokratie als „politische Form auch unter solchen Bedingungen weiter existieren kann, die für ihre Entstehung normalerweise ungünstig sind“ (Lipset 1962, S. 34). Lipset will sich also auf die notwendigen Vorraussetzungen für die Entwicklung einer Demokratie konzentrieren, nicht auf deren Erhaltung. Seine Haupthese ist „Je wohlhabender ein Volk, desto größer die Aussicht, dass es eine Demokratie entfalten wird “ (Lipset 1962, S.42). Er kann damit eindeutig den optimistischen Modernisierungstheoretikern zugeordnet werden.

Methodisch wählt Lipset eine vergleichende empirische Studie, in der er mit Hilfe der multivariten Datenanalyse die Abhängigkeit der Demokratieentwicklung von verschiedenen Faktoren messen kann. Sein Ziel ist es also nicht, einen Grund für die Entwicklung eines demokratischen Systems ausmachen zu können, sondern die Entwicklung der Demokratie in einem multikausalen Zusammenhang zu beschreiben (vgl. Lipset 1962, S.68f).

Lipset definiert Demokratie vor allem durch „regelmäßige verfassungsrechtliche Möglichkeiten für den Wechsel der Regierenden“ der es „dem größtmöglichen Teil der Bevölkerung gestattet, durch die Wahl zwischen mehreren Bewerbern für ein politisches Amt auf wichtigere Entscheidungen Einfluss zu nehmen“ ( Lipset 1962, S.33). Diese Definition geht jedoch von drei Vorraussetzungen aus; erstens muss in einer demokratischen Gesellschaft zunächst einmal ein gemeinsames politisches Wertesystem bestehen, welches festlegt was als legitim und was als illegitim angeshen wird. Dazu kommen muss zweitens eine „Gruppe politischer Führer an der Regierung“ (Lipset 1962, S.33) sowie drittens eine oder mehrere oppositionelle Gruppen, die versuchen ebenfalls Regierungsmacht zu erlangen.

Untersucht wurden von Lipset europäische und englischsprachige sowie lateinamerikanische Länder. Lipset teilt die Länder nach dem Grad ihrer Demokratisierung in vier Kategorien ein, wobei er jedoch grundsätzlich zwischen den lateinamerikanischen und den anderen untersuchten Ländern unterscheidet. Als Kategorien wählt er für die europäischen und englischsprachigen Länder; „Stabile Demokratien“ und „Labile Demokratien und Diktaturen“. Für die europäischen und englischsprachigen Länder operationalisiert Lipset seine Demokratiedefinition indem er der Kategorie „stabile Demokratien“ nur Länder zuteilt, die seit dem ersten Weltkrieg eine demokratische Ordnung (siehe Def.) aufweisen können und in denen es keine demokratiefeindliche totalitäre Bewegung geschafft hat, bei Wahlen in den letzten 25 Jahren mehr als 20% der Stimmen zu erhalten (Lipset 1962, vgl. S. 37).

Für die lateinamerikanischen Länder hingegen führt Lipset die Kategorien „Demokratien und labile Diktaturen“ sowie „stabile Diktaturen“ ein, wobei erstere allein durch die ununterbrochene Ausführung freier Wahlen seit dem ersten Weltkrieg definiert wird (vgl. Lipset 1962, S. 37f).

Im Folgenden stellt Lipset Thesen auf, die er daraufhin versucht empirisch zu belegen. Er geht davon aus – was schon von Aristoteles angeführt wurde – dass die Demokratisierung eines Landes mit dem Grad der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängt. Der Wohlstand des Volkes ist demnach zwingende Vorraussetzung für dessen politische Beteiligung. Wenn jedoch „neben einer großen Masse verarmter und verelendeter Menschen nur eine kleine, begünstigte Elite besteht, so führt dies entweder zur Oligarchie […] oder zur Tyrannis […]“ (Lipset 1962, S.42).

Um diese Hypothese zu testen, hat Lipset Kategorien formuliert, die seiner Meinung nach als Vorraussetzungen für die Entwicklung eines demokratischen Systems dienen können. Diese sind: 1. Merkmale der Wohlstandes, also Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes, darunter fallen: Das pro-Kopf- Einkommen, sowie die Arzt-, Auto-, Telefon-, Radio- und Zeitungsdichte. 2. Merkmale der Industrialisierung, für die die Indikatoren Energieverbrauch pro Kopf und der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Männer ausgewählt wurden. 3. Bildungsmerkmale sind die Alphabetisierungsrate, und die Dichte der Volks-, Mittel- und Hochschüler. 4. Verstädterung, die anhand von Bevölkerungsanteilen gemessen wird, die in Klein-, mittelgroßen, oder Großstädten leben (vgl. Lipset 1962, S. 38f).

Aus den verschiedenen Indikatoren wurde dann der Durchschnittswert errechnet, und es zeigte sich, dass alle gewählten Faktoren auf die angenommene Weise mit der Demokratisierungsstufe eines Landes korrelieren. „Die Durchschnittswerte für Wohlstand, Industrialisierung und Verstädterung, sowie der Bildungsstand [sind] in mehr demokratischen Ländern wesentlich höher als in den weniger demokratischen Ländern“ (Lipset 1962, S.42).

In den folgenden Ausführungen legt Lipset jedoch größeren Wert auf den Faktor der Bildung als auf den des Wohlstands, wobei natürlich auch der Bildungsfaktor als Indikator für wirtschaftliche Entwicklung in allgemeinen betrachtet werden kann. Ein hoher Bildungsstand kann zwar antidemokratische Strömungen nicht verhindern (Bsp. Nazi-Deutschland), er stellt sich jedoch laut Lipset als eine notwendige Bedingung für die Entstehung einer Demokratie heraus (vgl. Lipset 1962, S.46).

Lipset beschäftigt sich darüber hinaus in seiner Studie vor allem mit dem Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung eines Landes und marxistisch-kommunistischen Tendenzen innerhalb der Arbeiterklasse dieses Landes. Er stellt die These auf, dass ein demokratisches Bewusstsein nur von Menschen entwickelt werden kann, die dank wirtschaftlicher Entwicklung ein angemessenes Einkommen erhalten sowie eine breitere Schulbildung genießen. Soll heißen; in wirtschaftlich entwickelten Ländern können sich marxistisch-kommunistische – und damit laut Lipset antidemokratische – Bewegungen nicht etablieren (vgl. Lipset 1962, S.51). Der hauptsächliche Grund für politische Radikalisierung liegt jedoch nicht in einer stetigen, absoluten Armut, sondern eher in einer größeren sozialen Ungleichheit zwischen den Ober- und Unterschichten eines Landes. Revolutionäre Dynamik entsteht also „in der Erkenntnis eines möglichen höheren Lebensstandards“ (Lipset 1962, S.54), welche durch die Ausbreitung von Massenmedien vereinfacht wird. Wirtschaftlicher Wohlstand mindert die Ungleichverteilung der Güter innerhalb einer Gesellschaft und determiniert so die Möglichkeiten für extreme Unzufriedenheit und daraus resultierende antidemokratische Strömungen. Wirtschaftliche Entwicklung und dadurch errungener Wohlstand führt schließlich zu besserer Schulbildung, der Entwicklung eines starken Mittelstandes, den Rückgang der Vetternwirtschaft und der Ausbildung von unabhängigen Organisationen, die die Machtfülle der Regierung begrenzen (vgl. Lipset 1962, S.56ff).

Den daraus oft gezogene Schluss, kommunistische Tendenzen lassen sich eingrenzen, indem unterentwickelte Länder rein wirtschaftlich unterstützt werden, kritisiert Lipset jedoch, da er festgestellt hat, dass sich „der auf untere Volksschichten gestützte Extremismus, insbesondere der Kommunismus, nicht nur in Ländern mit niedrigem Einkommensniveau, sondern auch in Ländern, in denen der Industrialisierungsprozeß im Gange ist“ manifestiert (Lipset 1962, S.60). Am Beispiel der skandinavischen Länder und Russland macht er deutlich, dass sich marxistisch-kommunistische Strömungen häufig unter der Arbeiterklasse sich rasch industrialisierender Länder ausbreiten, jedoch wieder abflauen, sobald die Übergangsphase der Industrialisierung vorbei ist und sich eine Industriegesellschaft mit einer dementsprechenden Arbeiterklasse konsolidiert hat (vgl. Lipset 1962, S.61ff). Diese Beobachtung bestätigt Lipsets These der positiven Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Demokratisierung der Gesellschaft, bzw. die Verminderung radikaler politischer Bewegungen durch wachsenden Wohlstand.

Lipset kommt nach seinen Ausführungen zu dem Schluss, dass die Entwicklung zur Demokratie nicht auf einen alleinigen Faktor zurückgeführt werden kann, vielmehr muss man verschiedene Aspekte in Betracht ziehen. Wie schon Max Weber erkannt hatte, handelt es sich hierbei um ein zusammenhängendes Bündel, bestehend aus „wirtschaftliche[r] Entwicklung, Protestantismus, Monarchie, schrittweise politische Reform, Legitimität, Demokratie“ (Lipset 1962, S.64) was zur Bildung der politischen sowie wirtschaftlichen Ordnung der westlichen Gesellschaften führte.

2. 2 Richard Löwenthal: Staatsfunktion und Staatsform in Entwicklungsländern

Richard Löwenthal versucht in seinem Beitrag den wirtschaftlichen sowie politischen Entwicklungsprozess möglichst wertfrei zu betrachten und löst sich dabei von der dogmatischen Vorstellung, eine Demokratie sei unter jeglicher Bedingung die beste aller Staatsformen. Er weist dabei vor allem auf die Probleme der Stabilität und Stagnation hin (vgl. Löwenthal 1963, S.192). Löwenthals Fragestellung liegt vielmehr darin, welche Staatsform sich am besten dazu eignet, die spezifischen Aufgaben und Probleme eines in der wirtschaftlichen Entwicklung befindlichen Landes zu bewältigen (vgl. Löwenthal 1963, S. 180). Methodisch geht er dabei historisch-deskriptiv vor, indem er beispielhaft die Staatsformen von verschiedenen Entwicklungsländern aufzeigt.

Löwenthals Grundthese ist, dass die demokratische Staatsform eines Landes nicht etwa Vorraussetzung für eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist, sondern die Ausbildung des politischen Systems der Demokratie vom Stand der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes abhängt und somit der wirtschaftliche Entwicklungsprozess Chancen für die demokratische Entwicklung des politischen Systems bereithält. Wobei es sich allerdings keinesfalls um einen linearen Prozess handeln muss, wie er am Beispiel der totalitären Herrschaft der Nationalsozialisten in einem wirtschaftlich bereits weit entwickelten Deutschland deutlich macht (vgl. Löwenthal 1963, S.164).

Löwenthals Fragestellung bezieht sich allerdings weniger auf den Zusammenhang zwischen Demokratie und Entwicklung, als vielmehr auf die Frage, welche Probleme und Aufgaben die Staatssysteme von Entwicklungsländern zu bewältigen haben und welche Staatsform die zu diesem Zweck am besten geeignete darstellt. Dabei wendet sich Löwenthal von der Denkweise W.W. Rostows ab, der den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess als einheitlichen, linearen Prozess beschreibt, auf dem die verschiedenen Länder sozusagen nur unterschiedliche Stufen innehaben (vgl. Löwenthal 1963, S.166). Löwenthal hingegen betont den Unterschied zwischen den traditionalen Gesellschaftsstrukturen der heutigen Entwicklungsländer im Gegensatz zu der Gesellschaftsordnung, aus der sich die westlichen Industrienationen entwickeln konnten. Die traditionellen Gesellschaften Asiens und Afrikas begannen den Entwicklungsprozess also laut Löwenthal von einem völlig anderen Ausgangspunkt (vgl. Löwenthal 1963, S.167).

Als Hauptunterschied zwischen den Gesellschaftsmodellen sieht Löwenthal die von den westlichen Gesellschaften hervorgebrachte Entwicklungsdynamik, die der Gesellschaftsstruktur der Entwicklungsländer fehlt (vgl. Löwenthal 1963, S.167).

Die Frage nach den Vorraussetzungen für ebendiese Entwicklungsdynamik stellte sich auch Soziologe Max Weber. Dieser sah die Einmaligkeit der westlichen Gesellschaften in Folgenden fünf Punkten begründet: 1. Rationalisierung des Denkens. 2. Eine durch die christliche Religion als übergeordnete Gemeinschaft begünstigte Loslösung von der Bindung an den Stamm oder die Sippe. 3. Die Entwicklung des städtischen Bürgertums als nicht blutsgebundene Gemeinschaft, die zur Trägerschicht des Kapitalismus wurde. 4. Der moderne Rechtsstaat. 5. Eine ökonomische Gesinnung, durch die andere Werte unter den Wert der Arbeit und des ökonomischen Erfolgs untergeordnet werden (vgl. Löwenthal 1963, S. 168f). Löwenthal sieht einige dieser Faktoren zugleich als Vorraussetzung zur Bildung einer Demokratie an (vgl. Löwenthal 1963, S.170).

Aufgrund dieser Vorüberlegungen kommt Löwenthal zu der Definition eines Entwicklungslandes als „ein Land mit traditionell nicht dynamischer Gesellschaftsordnung, in dem durch den Zusammenstoß mit der Außenwelt dynamische Aspirationen geweckt worden sind“ (Löwenthal 1963, S. 170). Das heißt also, Entwicklungsdynamik ist den traditionalen Gesellschaften zwar nicht inhärent, wird aber durch die Begegnung mit der entwickelten westlichen Welt – also von außen – hervorgerufen. Dies geschieht vornehmlich durch den Kolonialismus; wirtschaftlich überlegene Nationen dringen in die traditionellen Gesellschaften ein um sich deren Ressourcen zu Nutze zu machen. Durch die damit einhergehende Einführung von Markt- und Geldwirtschaft werden die traditionellen Gesellschaften weitestgehend zerstört, es kommt je nach Entwicklungsgrad zur „Detribalisierung“ sowie „Verstädterung und Proletarisierung“ (Löwenthal 1963, S.172). Durch den Verlust der traditionellen Existenzsicherheit der Bevölkerung treten „Zweifel an den grundlegenden Werten der eigenen Kultur auf“ (Löwenthal 1963, S.173). Diese Weltanschauungskrise macht sich vor allem unter der städtischen Oberschicht – der Intelligenz – bemerkbar. Diese Bevölkerungsgruppe wird sich am deutlichsten der Unterschiede zwischen dem entwickelten Westen und ihrer eigenen Situation gewahr, wodurch eine heftige Ambivalenz gegenüber dem Westen entwickelt wird; man wünscht sich „gleichzeitig den Westen einzuholen und die eigene kulturelle Eigenart zu bewahren“ (Löwenthal 1963, S.175). Dieses Vorhaben kann laut Löwenthal jedoch nur durch den Weg der politischen Aktion vollzogen werden. Dass heißt, dem politischen System der Entwicklungsländer wird ein weit höherer Stellenwert zugemessen, als es im Entwicklungsprozess der westlichen Gesellschaften der Fall war; das Gelingen der wirtschaftlichen Entwicklung hängt also wirklich von der Staatsmacht ab (vgl. Löwenthal 1963, S.176).

Die Staatsmacht eines Entwicklungslandes hat also spezifische Aufgaben zu erfüllen, an der ihre Performanz gemessen werden kann. Laut Löwenthal ist dies zum einen die Kapitalakkumulation, zum anderen die verantwortliche Investierung dieses Kapitals zu Entwicklungszwecken. Doch nicht nur die ökonomischen Aufgaben müssen von der Staatsmacht eines Entwicklungslandes übernommen werden, es muss sich ebenfalls eine sogenannte kulturelle Revolution vollziehen; Analphabetismus, patriarchale Familienstrukturen und traditionelle Zwänge müssen überwunden werden um eine Entwicklung im westlichen Maße herbeiführen zu können (vgl. Löwenthal 1963, S.177). Das größte Problem liegt jedoch darin begründet, dass selbst die staatlichen Strukturen und Institutionen, die für diese Maßnahmen notwendige Voraussetzung sind, erst geschaffen werden müssen. So will zunächst einmal ein souveräner Staat, Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen anderer Länder bzw. transnationaler Konzerne, ein modernen Staatsapparat sowie ein „gemeinsame[s] Staatsbewusstsein der Bevölkerung“ (Löwenthal 1963, S. 179) aufgebaut werden.

Die ökonomischen, kulturellen und sozialen Entwicklungen, die in Europa Jahrhunderte in Anspruch genommen haben, mit politischen Mitteln nachzuholen, erfordert ein auf die Entwicklung des Landes fokussiertes politisches System, ein „Entwicklungsregime“ (Löwenthal 1963, S.180). Diese Entwicklungsregime sind häufig durch einen revolutionären Gestus charakterisiert und werden von der nationalistischen Elite des Landes getragen. Dabei berufen sich diese Staatsformen immer in irgendeiner Weise auf den Willen des Volkes, ein Entwicklungsregime unter traditioneller Herrschaft ist zum Scheitern verurteilt, da die nationalistische Intelligenz sich diesem nicht unterordnen wird (vgl. Löwenthal 1963, S.182). Löwenthal kommt also zu dem Schluss dass Entwicklungsregime nur „ Staatsgebilde ideologisch revolutionären Ursprungs, die sich auf den Volkswillen berufen“ (Löwenthal 1963, S.182) sein können. Der Demokratisierungsgrad spielt in Löwenthals Definition also zunächst keine weitere Rolle, weshalb diese auch ein sehr breites Spektrum an möglichen Staatsformen beinhaltet.

Löwenthal stellt daraufhin beispielhaft zwei Entwicklungsregime völlig unterschiedlicher Couleur vor; zum einen die Weltanschauungsdiktatur der Sowjetunion, zum anderen die entwicklungsorientierte Demokratie Indien.

Die Sowjetunion wird dabei als sehr Leistungsfähige „gigantische Entwicklungsmaschinerie“ (Löwenthal 1963, S.182) beschrieben, die alle zuvor genannten Kriterien erfüllt. Negativ fällt jedoch auf, um welchen Preis die guten Entwicklungsleistungen erbracht wurden; der Lebensstandard der Massen verbesserte sich kaum, die Planwirtschaft trieb absurde Blüten, die Landwirtschaft blieb weit hinter der Industrie zurück und aus der kommunistischen Ideologie erwuchs ein andauernder Konflikt mit dem Klassenfeind, den kapitalistischen Systemen (vgl. Löwenthal 1963, S.184).

Am entgegen gesetzten Beispiel Indien macht Löwenthal deutlich, wo die Probleme eines demokratischen Entwicklungsregimes liegen. Einer pluralistischen Demokratie ist inhärent, dass Entscheidungsfindungsprozesse durch divergierende Interessen verlangsamt und verkompliziert werden. Da jedoch die Modernisierung in den Entwicklungsländern von äußerster Dringlichkeit ist, entsteht ein Gegensatz zwischen Freiheit und dem Entwicklungstempo: „Jeder Grad an Freiheit wird mit etwas Verlangsamung der Entwicklung, jeder Grad an Beschleunigung mit etwas an Freiheit bezahlt“ (Löwenthal 1963, S. 187). Löwenthal bemerkt also mit anderen Worten, dass ein demokratisches System eher hinderlich für eine rasche wirtschaftliche Entwicklung sein kann. Dies ist für Löwenthal der Grund, dass etliche Entwicklungsregime eher zwischen den beiden vorgestellten Staatsformen liegen. Zu nennen wären: das System der Parteivorherrschaft; mit demokratischer Verfassung, aber mit sehr schwacher Opposition, die allein als „Ventil freier Kritik“ (Löwenthal 1963, S.188) dient. Die herrschende Partei legitimiert sich zumeist durch eine nationale Revolution und stützt sich auf ein Netz von Massenorganisationen, als Beispiel wäre die 71 jährige Herrschaft der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) in Mexiko zu nennen. Diese Art von Regime ist jedoch offen für eine Weiterentwicklung zu einer wirklichen pluralistischen Demokratie (siehe Mexiko). Die Einparteienstaaten hingegen unterdrücken jegliche Form von Opposition, lehnen rechtsstaatliche Institutionen ab, haben jedoch im Gegensatz zu totalitären Regimes keine ideologischen Zielsetzungen, ihre Legitimation beruht allein auf der Notwendigkeit zur wirtschaftlichen Entwicklung, weshalb sie von Löwenthal auch als „Entwicklungsdiktaturen“ (Löwenthal 1963, S.189) tituliert werden (Bsp. Kemalistische Türkei). Des Weiteren nennt Löwenthal plebiszitäre Militärdiktaturen und Mischformen zwischen Demokratie und autoritärem Führerstaat (vgl. Löwenthal 1963, S.190). Allen Entwicklungsregimes gemeinsam sind jedoch die folgenden Merkmale; sie „sind aus dem Sieg einer nationalrevolutionären Bewegung hervorgegangen und werden in erster Linie von nationalistisch-sozialistischen Intelligenzgruppen getragen“ (Löwenthal 1963, S.191). Alle Regime fühlen sich der Entwicklung verpflichtet und verzichten zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung auf das größte Maß an Freiheit. Dadurch dass sie oft undogmatisch sind, sind sie aber offen für eine politische Entwicklung hin zu verstärkter Demokratie (vgl. Löwenthal 1963, S.191). Löwenthal sieht in diesen Staatsformen eine Chance für eine positive wirtschaftliche wie politische Entwicklung, denn ein demokratischer Staat kann für ihn „nur das Ergebnis eines erfolgreich durchgeführten Entwicklungsprozesses sein – niemals seine Vorraussetzung“ (Löwenthal 1963, S.192).

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Details

Seiten
39
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640599257
ISBN (Buch)
9783640598755
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149395
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Demokratie Entwicklung Analyse Kritik Texte Modernisierungstheorien

Autor

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Titel: Demokratie und Entwicklung