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Tourismus als Chance nachhaltiger Regionalentwicklung im ecuadorianischen Amazonasgebiet

Am Beispiel des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva

Magisterarbeit 2006 110 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Fremdenverkehrsgeographie

Leseprobe

Inhalt

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

FOTOVERZEICHNIS

INTERVIEWVERZEICHNIS

1 EINFUHRUNG IN DIE
1.1 Forschungsinteresse
1.2 Methodik und Aufbau
1.3 Einordnung in die Geographie

TEIL

2 TOURISMUS
2.1 Tourismusbegriff
2.2 Historische Entwicklung
2.3 Tourismuskritik
2.4 Sanfter Tourismus
2.5 Okotourismus

3 NACHHALTIGE
3.1 Grundlagen
3.2 Historische Entwicklung
3.3 Nachhaltigkeitsbegriff
3.4 Entwicklungsbegriff
3.5 Exkurs: Konzepte nachhaltiger Entwicklung
3.6 Nachhaltige Entwicklung messen

4 NACHHALTIGE
4.1 Begriff der Region
4.2 Traditionelle Regionalentwicklung
4.3 EigenstAndige Regionalentwicklung
4.4 Nachhaltige Regionalentwicklung

5 OPERATIONALISIERUNG
5.1 Tourismus und nachhaltige Entwicklung
5.2 Tourismus und nachhaltige Regionalentwicklung
5.3 Ziele der nachhaltigen Entwicklung von Tourismusregionen
5.4 Indikatoren nachhaltiger Regionalentwicklung im Tourismus

TEIL

6 UNTERSUCHUNGSDESIGN
6.1 Qualitative Sozialforschung
6.2 Datenerhebung
6.3 Datenaufbereitung und Datenauswertung
6.4 ValiditAt und ReliabilitAt

7 ASPEKTE DER
7.1 Geographische Lage
7.2 Physiogeographische Voraussetzungen
7.3 Anthropogeographische Voraussetzungen
7.4 Exkurs: Quichuas

8 DAS REGENWALDSCHUTZPROJEKT SELVA
8.1 Konzeption
8.2 Struktur
8.2.1 Der GSR-Schutzwald
8.2.2 Die Wildtierauffangstation amaZOOnico
8.2.3 Die Liana Lodge
8.2.4 Die Regenwaldschule Sacha Yachana Huasi
8.2.5 Das Quichuahotel Runa Huasi
8.3 Akteure
8.4 Problembereiche

TEIL

9 OKONOMISCHE
9.1 Voraussetzungen
9.2 Vernetzung
9.3 Investition
9.4 INFRASTRUKTUR
9.5 Innovation
9.6 Okonomische Gesamtsicht und Handlungsempfehlungen

10 OKOLOGISCHE
10.1 Voraussetzungen
10.2 Raumnutzung
10.3 Ressourcenverbrauch
10.4 Abfallplanung
10.5 Artenschutz
10.6 Okologische Gesamtsicht und Handlungsempfehlungen

11 SOZIALE
11.1 Voraussetzungen
11.2 Exkurs: Kulturelle IdentitAt
11.3 Akzeptanz
11.4 Kooperation
11.5 Verantwortung
11.6 Gerechtigkeit
11.7 Soziale Gesamtsicht und Handlungsempfehlungen

12 SCHLUSSBETRACHTUNG
12.1 Zusammenfassung
12.2 Reflexion der Vorgehensweise
12.3 Ausblick

LITERATUR

ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 01: „Magisches Dreieck“ der nachhaltigen Entwicklung

Abbildung 02: Indikatoren nachhaltiger Regionalentwicklung im Tourismus

Abbildung 03: Zusammenfassende Inhaltsanalyse

Abbildung 04: Explikative Inhaltsanalyse

Abbildung 05: Strukturierende Inhaltsanalyse

Abbildung 06: Sudamerika

Abbildung 07: Ecuador

Abbildung 08: Exportstruktur Ecuadors (1999)

Abbildung 09: Einreisezahlen Ecuador (2001-2005)

Abbildung 10: Projektstruktur Selva Viva

Abbildung 11: Akteure Selva Viva

Abbildung 12: Wertschopfungskette Selva Viva

Abbildung 13: Funktionsraumliche Zonierung

Abbildung 14: Abfallplanung Selva Viva

Abbildung 15: Nutzwasserentsorgung

Abbildung 16: Tiere des amaZOOnicos

Abbildung 17: Gebietskarte Selva Viva

Fotoverzeichnis

Foto 01: Bananenplantage auf der Anakonda-Insel

Foto 02: Aufenthaltsraum Liana Lodge

Foto 03: Aufenthaltsraum Runa Huasi

Foto 04: Arajuno bei hohem Wasserstand

Foto 05: Arajuno bei niedrigem Wasserstand

Foto 06: Anorganische Mulltrennung (Liana Lodge)

Foto 07: Mullverbrennung (Liana Lodge)

Foto 08: StraGe durch den GSR-Schutzwald

Foto 09: Blick Richtung Osten uber den GSR-Schutzwald

Foto 10: Abfallgrube (amaZOOnico)

Interviewverzeichnis

INTERVIEW 01, Persönliches Gespräch am 06.11.2004

INTERVIEW 02, Persönliches Gespräch am 22.11.2004

INTERVIEW 03, Persönliches Gespräch am 27.11.2004

INTERVIEW 04, Persönliches Gespräch am 09.12.2004

INTERVIEW 05, Persönliches Gespräch am 19.01.2005

INTERVIEW 06, Persönliches Gespräch am 23.01.2005

INTERVIEW 07, Persönliches Gespräch am 25.01.2005

INTERVIEW 08, Persönliches Gespräch am 26.01.2005

INTERVIEW 09, Persönliches Gespräch am 27.01.2005

INTERVIEW 10, Persönliches Gespräch am 28.01.2005

INTERVIEW 11, Persönliches Gespräch am 02.02.2005

Aus datenschutzrechtlichen Grunden wurde auf eine namentliche Nennung der Gesprachs- partner in der vorliegenden Arbeit verzichtet und die dafur Interviews nummerisch gekenn- zeichnet. Die zusammenfassenden Protokolle der Dialoge, eine namentliche Ubersicht der Interviewpartner sowie der verwendete Gesprachsleitfaden finden sich im separaten An- hangsband, der dieser Arbeit beigefugt ist.

Im Text wird zur Kennzeichnung der Interviews eine Kurzzitierweise verwendet (z. B.: I. 03, S. 52): Die Abkurzung „I.“ steht fur ..Interview", die darauf folgende Zahl markiert die Inter- viewnummer. Die Zahl hinter dem Kurzel verweist auf die einschlagige Seite im Anhangs- band.

Die Interviews 05, 06, 07, 08 und 10 wurden auf Spanisch gefuhrt und vom Autor frei uber- setzt.

1 Einfuhrung in die Arbeit

1.1 Forschungsinteresse

Kein Lebensraum dieser Erde kann auch nur annahernd eine solche Biodiversitat aufweisen wie die Tropenwalder beiderseits des Aquators. Schatzungen zufolge kommen ca. 50-70% aller Tier- und Pflanzenarten in den tropischen Regenwaldern vor, obwohl diese lediglich 7% des Erdfestlandes ausmachen (vgl. Buchwald 2002, S. 121).

Dieses komplizierte Okosystem ist durch eine hohe Fragilitat gekennzeichnet. Eingriffe kon- nen zu weitreichenden Veranderungen fuhren. Solange die Bevolkerungsdichte in den Tro- penwaldern gering war, blieb eine extensive Bewirtschaftung durch den Wanderfeldbau mog- lich. Die systematische Nutzbarmachung tropischer Waldflachen in den letzten Jahrzehnten hat die Zukunftsperspektiven dieses Vegetationsgurtels in den wissenschaftlichen Fokus gebracht. Obwohl es bis heute schwer ist, zuverlassige Daten zu bekommen, ist von einer kontinuierlichen Zerstorung tropischen Regenwaldes auszugehen. Nach Erhebungen der „Food and Agriculture Organization of the United Nations" (FAO) schrumpfen die Tropenwal­der jahrlich um ca. 9,4 Millionen Hektar (FAO 2005, S. 137). In qualitativer wie quantitativer Hinsicht werden oft der zunehmende regionale Siedlungsdruck sowie die Zunahme der Ge- samtbevolkerung tropischer Staaten als entscheidender Grund der Flachenverluste angege- ben. Die Bevolkerungszunahme Amazoniens betragt jahrlich etwa 5%. Zahlreiche Tropen- lander weisen zudem eine hohe Auslandsverschuldung auf (vgl. Buchwald 2002, S.136). Infolge der volkswirtschaftlichen Abhangigkeit von Exporteinnahmen wird haufig versucht, samtliche Ressourcen des Tropenwaldes fur den Export nutzbar zu machen. Dies ist fast immer mit Abholzung fur StraGenbauvorhaben, Siedlungsprojekten, einer ErschlieGung von Erdolvorkommen und anderen Bodenschatzen, Holzschlag fur die Industrie sowie der Brand- rodung fur landwirtschaftliche GroGprojekte verbunden (vgl. Hartmann 1989, S. 10).

Eine vergleichbare Entwicklung trifft auf Ecuador zu. Die Exporteinnahmen des Andenstaa- tes durch Erdol betrugen in den Jahren 1995-2000 zwischen 30 und 45% der gesamten Staatseinnahmen (vgl. Rulle und Schafer 2000, S. 3-5). Erdol ist damit wichtigstes Export- gut. Die Erdolvorkommen des Landes befinden sich fast ausschlieGlich im ecuadorianischen Amazonasgebiet (vgl. Bunstorf und Winkler 2002 S. 11). Auch das in dieser Arbeit unter- suchte Regenwaldschutzprojekt Selva Viva wird durch die Auswirkungen der Erdolforderung beeinflusst (vgl. I. 11, S. 61).

Der tropische Regenwald kann durch diese Eingriffe irreversibel verandert werden. Die groG- klimatischen Folgen durch die Veranderung von Wasserhaushalt, Veranderung des CO2- Gehaltes der Atmosphare und weitere Begleiterscheinungen der Waldzerstorung sind auf- grund ihrer Komplexitat schwer abzuschatzen (vgl. Hartmann 1989, S. 11). Regionale Aus- wirkungen der Abholzung wie der Ruckgang der Biodiversitat, die Nahrstoffverluste des Bo- dens durch Erosion und die eingeschrankten Moglichkeiten, die meist nahrstoffarmen Boden landwirtschaftlich langfristig und gewinnbringend zu nutzen, sind jedoch unbestritten (vgl. Breckle und Walter 1991, S. 56-59). Auch Veranderungen des regionalen Klimas auf- grund verringerter Transpiration und damit geringerer Niederschlage. Ein Anstieg des Albe- dowertes durch erhohte Ruckstrahlung sowie verringerte Feldkapazitaten und damit verbun- den hohere Abflussmengen sind nachweisbar (Buchwald 2002, S. 140-141).

Kaule (1991, S. 15) geht davon aus, dass durch den Menschen etwa 300-500 von den in der Natur vorkommenden Tier- und Pflanzenarten kommerziell oder fur den Eigenbedarf genutzt werden. Der weitaus groGere Anteil bleibt ungenutzt und ist bis heute nicht bestimmt. Das AusmaG, auch der wirtschaftlichen Bedeutung, dieses noch zum groGten Teil unbekannten und unerschlossenen Genreservoirs, kann nur vermutet werden. Dies kann dennoch nicht als Argument fur die Abholzung des Regenwaldes geltend gemacht werden. Bezogen auf den Naturhaushalt kann als gesichert angesehen werden, dass „es im Naturhaushalt ent- behrliche Arten eigentlich nicht gibt“ (Kaule 1991, S. 15). Angesichts der Unwissenheit uber den Wirkungszusammenhang der naturlichen Gattungen muss der tropische Regenwald aufgrund seiner besonderen Bedeutung fur die globale Artenvielfalt als schutzenswert ange­sehen werden. Alternativen Nutzungskonzepten mangelt es dabei oft an effektiven Umset- zungsstrategien. Eine langfristige Nutzung und ein effektiver Schutz sind jedoch Grundvor- aussetzung zum Erhalt des tropischen Regenwaldes (vgl. Buchwald 2002, S. 141-143).

Das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva proklamiert einen solchen alternativen Nutzungsan- satz fur sich (vgl. I. 01, S. 4). Alternativen sollen innerhalb der Einrichtung insbesondere durch den Tourismus geschaffen werden. Doch auch die Auswirkungen des Tourismus sind nicht unumstritten (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 20). Oft sind theoretisch entwi- ckelte, idealtypische Vorstellungen in ihrer Umsetzung nicht praktikabel. Auch die im theore- tischen Zusammenhang generierten Hypothesen zu Folgeerscheinungen des Tourismus sind oftmals bar empirischer Verifizierungen (vgl. Heg 1998, S. 107). Insbesondere im Be- reich der Regionalanalysen besteht im Kontext alternativer Nutzungskonzepte und deren Wirkung erheblicher Forschungsbedarf. Aufgrund lokaler Eigenheiten, ist eine allgemein gul- tige Analyse nicht moglich (vgl. Baumgartner und Rohrer 1998, S. 55-56).

Da die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes ausgesprochenes Ziel Selva Vivas ist, muss sich die Konzeption des Gesamtprojektes somit auch an Leitlinien nachhaltiger Entwicklung messen lassen. Hierin liegt die Herausforderung dieser Arbeit. Es sollen Wege und Moglich­keiten aufgezeigt werden, wie regionalspezifische Besonderheiten und signifikante Charakte- ristika Selva Vivas berucksichtigt werden konnen, die dabei ebenfalls Prinzipien einer nach- haltigen Entwicklung entsprechen.

1.2 Methodik und Aufbau

Bei der hier vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Zustands- und Prozessanalyse, die Aufschluss uber den Zielerreichungsgrad des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva in Be- zug auf eine nachhaltige Regionalentwicklung geben soll. Zentrales Anliegen ist die Entwick- lung von Indikatoren auf theoretischer, wissenschaftlicher Basis, die auf praxisrelevante In- halte anwendbar sind.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die jeweils in Kapitel unterteilt sind. Im ersten Teil erfolgt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung der Thematik der nachhaltigen Regionalentwick­lung sowie mit dem Arbeitsfeld Tourismus. Ausgehend von begrifflichen Eingrenzungen, sol- len Moglichkeiten und Grenzen der Operationalisierbarkeit aufgezeigt werden. Da sich in der Literatur allein fur den Begriff „nachhaltige Entwicklung“ etwa 70 verschiedene Definitionen finden lassen (Baumgartner und Rohrer 1998, S. 17), kann lediglich eine, fur diese Arbeit relevante, Eingrenzung des Begriffspaares getroffen werden. Resultat dieses Arbeitsprozes- ses ist die Entwicklung von Indikatoren, die jedoch nicht allgemein gultig sind. Sie sollen der Bewertung des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva, das auf eine nachhaltige Nutzungs- strategie zielt, unter besonderer Beachtung des GroGraumes der inneren Tropen, dienen.

Der zweite Teil bezieht sich auf die Handlungsebene. Die fur die Darstellung der Organisati­on relevanten Daten wurden im Vorfeld in einen Evaluationsrahmen integriert. Die Art der Datenerhebung, die Selektion des empirischen Materials sowie die Wahl des Auswertungs- verfahrens, werden der Projektbeschreibung vorangestellt. Dieser Darlegung des Untersu- chungsdesigns wird eine raumliche Eingrenzung des Forschungsfeldes, mit den entspre- chenden gebietsgeographischen Besonderheiten, angeschlossen. Auf dieser Grundlage kann dann eine deskriptive Presentation von Struktur und Organisation des Regenwald­schutzprojektes Selva Viva erfolgen.

Die ersten beiden Teile sind Grundlage fur den reflexivanalytischen dritten Teil. Die im ersten Teil generierten Indikatoren werden nun auf das Forschungsfeld angewandt. Mit Blick auf Grundsatze nachhaltiger Regionalentwicklung werden Anspruch und die konkrete Umset- zung gegenubergestellt. Ziel dieses Arbeitsschrittes ist eine Hypothesengenerierung uber Defizite, Entwicklungspotenziale und bereits erreichte Ziele. So wird das konkrete Praxisbei- spiel in einen Theorierahmen integriert. AbschlieGend soll der Stand des Regenwaldprojek- tes Selva Viva, im Hinblick auf Gutekriterien einer nachhaltigen Regionalentwicklung bewer- tet werden.

1.3 Einordnung in die Geographie

Ausgangspunkt geographischer Forschung ist das Beziehungsgefuge zwischen dem Men- schen und seiner Umwelt. Ihr Ziel ist es, Umweltsysteme in ihrem Funktionszusammenhang zu erforschen. Dabei bezieht sich diese Betrachtungsweise auch auf Nutzungseingriffe (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 17-23).

Eine divergente Akzentuierung findet sich in den Teilbereichen der Physio- und Anthropoge- ographie. Betrachtungsgegenstand der Physiogeographie sind einerseits die so genannten unbelebten Bestandteile der Erde, die sich vereinfacht in Geodermis, Atmosphare und Hyd- rosphare gliedern, sowie die belebten Bestandteile, zu denen Tier- und Pflanzenwelt, sowie das geistig bestimmte Wesen Mensch gezahlt werden konnen. Neben der naturwissen- schaftlich gepragten Physiogeographie hebt die Anthropogeographie eine geisteswissen- schaftliche Betrachtungsweise hervor. Diese sieht den Mensch als historisches Element in seiner Umwelt. Betont wird die Wirkung des Menschen auf den Raum (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 25-26).

Obwohl es bei der Abgrenzung der beiden Ansatze starke innerfachliche Differenzen uber die Schwerpunktsetzung gibt, kann behauptet werden, dass in der Geographie ein Dualis- mus aus natur- und geisteswissenschaftlichen Ansatzen besteht. Physio- und Anthropoge­ographie erganzen sich nach diesem Verstandnis und begegnen sich nicht dichotom. Das „Geographische“ der Betrachtung liegt dabei: „in der Raummustererfassung [...] der Erklarung raumlioher Strukturen, Prozesse und Trends sowie der Raumbewertung duroh Erfassung von orts- und regionalspezifi- sohen Prozesskennwerten“ (Leser und Schneider 1999, S. 15-16).

Die Geographie untersucht also den Zustand und Wandel des Raumes als Ganzes in seinen zeitlichen und raumlichen Komponenten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher nicht hochspezialisierte Sachinhalte, sondern eine integrative natur- und sozialwissenschaftliche Sichtweise der wechselseitigen Mensch-Umwelt-Beziehung in Abhangigkeit des Raum-Zeit- Gefuges (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 9-11).

Neben der Unterscheidung in Physio- und Anthropogeographie, lassen sich die Allgemeine und die Regionale Geographie differenzieren. Diese werden oft als Gegensatzpaare begrif- fen. Mit Bezug zu dem ganzheitlichen Ansatz der Geographie als Wissenschaft wird hier je- doch ein integratives Verstandnis bevorzugt. Die Allgemeine Geographie ist dabei nach Gerling (1973, S. 19) als ein Dachgebiet zu begreifen, in der die als „Geofaktoren“1 be- zeichneten Einzelelemente der Mensch-Umwelt-Beziehung erforscht werden. Die Allgemeine Geographie arbeitet also mit Geofaktorenlehren, wie Sozial-, Bevolkerungs-, Wirtschaftsge- ographie oder Geomorphologie, Klimageographie und Biogeographie (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 39). Sie integriert dabei zugleich die Physio- als auch die Anthropoge- ographie. Somit analysiert die Allgemeine Geographie das System der „Geofaktoren“ und deren Funktionszusammenhang. Dabei muss zugleich betont werden, dass die konkrete Forschung der Allgemeinen Geographie ebenfalls regional, also ortlich begrenzt, erfolgt (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 42). Aus den Ergebnissen sollen jedoch „allgemeine Katego- rien zu Typen abstrahiert“ (Gerling 1973, S. 17) werden. Die Allgemeine Geographie zielt somit auf generelle Erkenntnisse, um daraus Theorien und Regeln zu entwickeln.

Eine allgemein gultige Theorie zu entwickeln ist nicht Ziel dieser Arbeit. Dennoch dienen ein- zelne Teilbereiche der Allgemeinen Geographie als Hilfe, so dass auf diese zuruckgegriffen wird. Dieser Ruckbezug ist insofern notwendig, da die hier vorliegende Arbeit als Quer- schnittsanalyse zu begreifen ist, die gerade mit ihrem Bezug zur nachhaltigen Entwicklung eine ganzheitliche Sichtweise verfolgt und somit aus verschiedenen Teilbereichen ihren Un- terbau strukturiert.

Dass die Allgemeine Geographie als Bezugsebene zu regionalgeographischer Forschung stehen kann, betont Gerling (1973, S. 17-19). Demnach behandelt die Regionale Geogra­phie Teile der Erde als funktionale Einheiten. Es findet dabei je nach Problemlosungsnot- wendigkeit eine Gewichtung physio- bzw. anthropogeographischer Aspekte statt. Sie basiert dabei auf Theorien und Regeln der Allgemeinen Geographie und deren Faktorenlehren (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 39).

Bei Ruckbezugen zu den Geofaktorenlehren der Allgemeinen Geographie ist im Kontext die­ser Arbeit die Wirtschaftsgeographie zu nennen (vgl. SchAtzl 2001, S. 24-26). Einen groGen Beitrag leistete dabei die Raumwirtschaftstheorie. Diese lasst sich generalisierend in drei Kategorien gliedern: Standorttheorien, Raumliche Mobilitatstheorien sowie Regionale Wachstums- und Entwicklungstheorien (vgl. SchAtzl 2001, S. 25). Die Erstgenannten sind fur diese Arbeit im weiteren Sinne von Belang. Letztere in besonderem MaGe.

Ziel Regionaler Wachstums- und Entwicklungstheorien ist die Erklarung soziookonomischer Entwicklung einzelner Regionen sowie die Darstellung ihrer Dynamik und Struktur (vgl. SchAtzl 2001, S. 25). Auf der empirischen Ebene lasst sich diese Theorie in die Regional- forschung eingliedern. Diese versteht sich als Teilgebiet der normativen Raumforschung, die eine Analyse begrenzter Raume auf Nutzung, Besiedlung und planerische Gestaltung er- moglicht (vgl. SchAtzl 2001, S. 25-26). Aufgrund der Betonung von Dynamik und Struktur einer Region auf Nutzungseingriffe sowie der raumlichen Eingrenzung, ist dieser Ansatz fur die vorliegende Arbeit besonders geeignet.

Nicht zuletzt muss auch Bezug auf die den Tourismus genommen werden. Die wissenschaft- liche Auseinandersetzung mit Tourismus in umfassenderem MaGe korrelierte mit dem ein- setzenden Phanomen des Massentourismus und seiner zunehmenden okonomischen Rele- vanz. Der deutsche Ausdruck des Fremdenverkehrs findet in der Literatur immer weniger Verwendung. Dennoch gibt es in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedliche Mei- nungen, nach denen entweder „Fremdenverkehr“ oder „Tourismus“ der umfassendere Begriff ist (vgl. Freyer 2005, S. 398-401). Fur diese Arbeit wird in der Folge der Begriff Tourismus verwendet. Die Fremdenverkehrsgeographie bzw. Geographie des Tourismus ist seit den 1960er Jahren eine eigenstandige Teildisziplin innerhalb der Geographie (vgl. Becker; Hopfinger; Steinecke 2003, S. 1). Dabei ist ihre Entwicklung durch starke definitorische Differenzen gepragt. Mit Zunahme des Tourismus in quantitativer wie qualitativer Hinsicht wird es dabei immer schwieriger, die Komplexitat des Vorganges abzugrenzen. Benthin (1997, S. 27-28) verweist daher auf die groGe Bandbreite der Erscheinungen, die durch den Tourismus beschrieben werden. Aufgrund der Komplexitat und vielfaltigen Wirkungszusam- menhange des Tourismus orientiert sich das Erkenntnisinteresse innerhalb der Geographie des Tourismus an raumbezogenen Dimensionen des Tourismus, den sie im interdis- ziplinaren Dialog erfassen, beschreiben und erklaren will. Das Erkenntnisinteresse ist dem- nach praxisorientiert (vgl. Becker; Hopfinger; Steinecke 2003, S. 1-3). Diese Arbeit be- zieht sich primar auf die Raumdimension touristischer Zielregionen, konkret auf das Regen- waldschutzprojekt Selva Viva.

Die vorliegende Arbeit kann als Querschnittsanalyse gesehen werden, die sowohl auf phy­sio- wie anthropogeographische Aspekte zuruckgreift. Die Allgemeine Geographie wird als Bezugsebene gesehen, an der sich die Regionale Geographie orientiert. Im Fokus stehen dabei in besonderem MaGe Ansatze regionaler Entwicklungstheorien und der Geographie des Tourismus.

Teil I

2 Tourismus

2.1 Tourismusbegriff

Der Tourismusbegriff unterliegt einem Wandel, der auch kennzeichnend fur Veranderungen innerhalb des touristischen Feldes selbst ist (vgl. Muller 2002a, S. 62). Eine umfassende Definition von Tourismus machten 1942 die Schweizer Tourismuswissenschaftler Hunziker und Krapf:

,,Fremdenverkehr [der Begriff kann hier synonym zum Begriff Tourismus begriffen werden; Anm. d. Verf.] ist der inbegriff der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt Ortsfremder ergeben, sofern durch den Aufenthalt keine Niederlassung begrundet und damit keine Erwerbstatigkeit verbunden wird“ (Hunziker und Krapf 1942, S. 21)

Obwohl mit dieser Definition bereits ein Gesamtsystem von Beziehungen und Erscheinungen benannt ist, werden Geschaftsreisen aus dem Begriff zunachst ausgeklammert; der Fokus liegt auf der touristischen Zielregion. Kaspar hat diese Definition ausgeweitet und umformu- liert. Sie wird heute auf internationaler Ebene am haufigsten verwendet und ist von der Inter­national Vereinigung wissenschaftlicher Tourismusexperten (AIEST) anerkannt:

Tourismus ist die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, fur die der Aufenthaltsort weder hauptsachlicher und dauerhafter Wohn- noch Arbeitsort ist“ (Kaspar 1996, S. 18)

Diese Begriffsbestimmung erlaubt eine umfassende Betrachtung des Phanomens Tourismus und seiner relevanten Problemdimensionen. Konstitutive Merkmale sind hierbei die Reise zu einem fremden Ort sowie der damit verbundene Aufenthalt auGerhalb der taglichen Arbeits-, Wohn- und Freizeitwelt (vgl. Muller 2002a, S. 63). Der Zweck der Reise bleibt in dieser De­finition offen, weshalb in der Fachliteratur zur besseren Abgrenzung haufig zwischen Tou- rismusarten und Tourismusformen unterschieden wird (vgl. Becker; Job; Witzel, 1996, S. 12). Aber auch diese Abgrenzung ist nicht trennscharf. Daher sprechen Baumgartner und Rohrer (1998, S. 10) von verschiedenen touristischen Erscheinungsformen wie Sport-, A- benteuer-, Wochenendtourismus. Diese konnen dabei durchaus zusammenfallen.

2.2 Historische Entwicklung

Freyer (2005, S. 5) gliedert die historische Entwicklung des Tourismus in vier Phasen. In ahnlicher Weise findet sich diese Abgrenzung auch bei anderen Autoren. Charakteristisch ist, dass der Tourismus kein neuzeitliches Phanomen ist. Bereits im Altertum gab es mit Bil- dungsreisen, Geschaftsreisen und Wallfahrten heute bekannte und verbreitete Reisemotive, was Freyer (2005, S. 5) als Vorphase des Tourismus bezeichnet. Erst mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann die technischen Voraus- setzungen fur den Transport einer groGeren Anzahl Reisender geschaffen (vgl. Muller 2002a, S. 17). Dennoch blieb das Reisen bis in das spate 19. Jahrhundert primar ein Privileg der gesellschaftlichen Elite. Man spricht von der Anfangsphase des Tourismus. Mit zunehmendem Einfluss der Gewerkschaften wurden in Tarifvertragen nach und nach arbeitsfreie Tage durchgesetzt. Dies schaffte die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Reisen fur eine breite Bevolkerungsschicht ermoglichten. Angesichts dieser Institutionalisierung des Tourismus spricht man hier auch von einer Entwicklungsphase, die den Weg in das heute bekannte Massenphanomen Tourismus, die Hochphase, ebnete. Diese Hochphase wird weiter in einzelne Unterphasen gegliedert, die durch erste negative Auswirkungen des Tourismus und eine damit einhergehende Auseinandersetzung, die Tourismuskritik, gekennzeichnet sind (vgl. Opaschowski 2001, S. 20-22).

2.3 Tourismuskritik

In der Tourismuskritik unterscheidet man gemeinhin funf zeitliche und inhaltliche Grundstro- mungen. Die fruhe, elitare Tourismuskritik richtete sich gegen den aufkommenden Massen- tourismus, wobei sich die Oberschicht in ihren Privilegien beschnitten fuhlte (vgl. Muller 2002b, S. 109). Die als ideologisch bezeichnete Kritik verurteilt den Tourismus als Selbsttau- schung und Flucht aus dem industriellen Alltag (vgl. Muller 2002b, S. 109).

Die weiteren drei Grundstromungen beziehen sich jeweils auf negative Folgen des Touris­mus auf Grundlage der Dimensionen nachhaltiger Entwicklung2 : Okonomie, Okologie und Soziales (vgl. Opaschowski 2001, S. 19). Der Tourismus beute die Zielregionen, insbeson- dere Entwicklungslander, aus, ist die okonomische Sichtweise. Auf der sozialen Ebene ver- mutet man negative Auswirkungen auf Sozialstrukturen und kulturelle Traditionen der ein- heimischen Bevolkerung. Die okologische Kritik richtet sich gegen die touristisch bedingte Umweltzerstorung (vgl. Opaschowski 2001, S. 22). Diese Kritikpunkte sind jedoch bis heute mit einem Forschungsdefizit belastet. Grundlage der Kritik sind somit primar Annahmen und Vermutungen (vgl. Opaschowski 2001, S. 22).

Das von dem Schweizer Wissenschaftler Jost Krippendorf (1975) verfasste Buch „Die Landschaftsfresser“ wird oft als Ausloser der bis heute aktuellen offentlichen Auseinander- setzung um die Folgen des Tourismus genannt (vgl. Opaschowski 2001, S. 20). In der Dis- kussion waren und sind dabei insbesondere die langfristigen Konsequenzen des Tourismus. Ausgehend von den genannten Kritikpunkten wurden alternative Tourismuskonzepte entwi- ckelt. Bei der theoretischen Begrundung dieser Konzepte mangelt es weiterhin an Daten- grundlagen, so dass Losungsvorschlage unvollstandig bleiben (vgl. Muller 2002a, S. 117). Weitere Schwierigkeiten ergeben sich in der Messung der Bewertung touristischer Wirkfakto- ren (vgl. Opaschowski 2001, S. 24).

Die Versuche der Wissenschaft, konkrete Losungen fur die Praxis zu finden, werden in der Folge an den zwei pragnanten Ansatzen des sanften Tourismus und des Okotourismus fest- gemacht. Diese stehen stellvertretend fur eine Fulle von Begriffen wie gruner, angepasster oder umweltvertraglicher Tourismus, um nur einige aufzuzahlen, mit denen versucht wurde, alternative Tourismuskonzepte zu benennen.

2.4 Sanfter Tourismus

In der Diskussion um die negativen Folgen des Tourismus muss auch der Begriff des sanften Tourismus genannt werden. Er kann sich gegen herkommliche Formen des Tourismus wen- den und als Fortsetzung der Auseinandersetzung mit den allgemeinen Entwicklungstenden- zen des modernen Massentourismus angesehen werden (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 133). Soweit nachzuvollziehen, pragte den Begriff als Schlagwort der Wissenschaft­ler Robert Jungk. In seinem 1980 erschienenen Bericht in der Zeitschrift „Geo“ stellt er das „sanfte Reisen“ dem „harten Reisen“ gegenuber, welches den unreflektierten, mit schnellen Verkehrsmitteln reisenden Kurzzeittouristen charakterisiert, der seinen Lebensstil in das je- weilige Gastland importiere und so negativ, im Sinne der klassischen Tourismuskritik, wirke (vgl. jungk 1980, S. 154-156).

Diese plakative Begriffspragung kann als Ausgangspunkt fur eine Diskussion gesehen wer­den, die in ihrer Folge durch erhebliche interpretative Differenzen gekennzeichnet war. Ei- nigkeit bestand jedoch uber grundsatzliche Ziele wie das Interesse an einer intakten Natur, Sozialvertraglichkeit und die Minimierung wirtschaftlicher Risiken (vgl. Baumgartner und ROhrer 1998, S. 11). Nach Revermann und Petermann (2003, S. 134) kristallisierten sich zwei Hauptzielrichtungen heraus. Dies ist zum einen der Ansatz zur Entwicklung struktureller Alternativen. In diesem Verstandnis ist sanfter Tourismus ein „Nischentourismus“, der sich insbesondere auf den landlichen Raum bezieht. Zum andern wird sanfter Tourismus als glo- bales Korrektiv des Tourismus gesehen. Da der Tourismus jedoch wie jeder andere Wirt- schaftszweig auch den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, bemangeln Kritiker, dass Umweltschutz im Sinne des sanften Tourismus als Aushangeschild missbraucht wird, um eine kurzfristige okonomisch optimale Vermarktung naturlicher Ressourcen zu erreichen (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 135). Dadurch steigt die Gefahr des Etikettenschwin- dels und der Abstimmung touristischer Angebote auf die Forderungen der Reisenden. Dort, wo die Konzentration auf notwendige UmweltmaBnahmen wichtig ware, treten oft Eigeninte- ressen in Konflikt mit Umweltinteressen (vgl. Schemel 1992, S. 44). Beim touristischen Akteur gehort die Befriedigung von Freizeitbedurfnissen durch die Ausnahmesituation „Urlaub“ zum Selbstverstandnis. Freizeit stellt nach heutigem Verstandnis einen Gegensatz zur nicht freien, fremdbestimmten Zeit dar (vgl. Adorno 1996, S. 645). Entsprechend gering ist die Bereitschaft, personliche Opfer in Form eines veranderten Reiseverhaltens zu erbrin- gen. Dem touristischen Umweltbewusstsein steht daher meist ein wenig ausgepragtes Umweltverhalten gegenuber (vgl. Opaschowski 2001, S. 48). Okologisch orientierte MaBnahmen mussen somit den Kundenbedurfnissen angepasst werden (vgl. Kirstges 1995, S. 74-75).

Insgesamt bleibt daher zu bezweifeln, dass der Ansatz des sanften Tourismus in der Lage ist, strukturellen Defiziten des Tourismus, insbesondere seinem fortgesetzten Wachstum und einer ungebremsten Mobilitat, entgegenzuwirken (vgl. Baumgartner und ROhrer 1998, S. 11).

2.5 Okotourismus

Der englische Begriff „ecotourism“ wurde bereits 1965 gepragt und versteht sich als Teil des ganzheitlichen Ansatzes „ecodevelopment“. Im Deutschen wird der Ausdruck Okotourismus etwa seit den 1990er Jahren als Schlagwort verwendet. Der Begriff steht dabei fur die Idee, eine nachhaltige Entwicklung durch den Tourismus zu erreichen (vgl. Baumgartner und ROhrer 1998, S. 14). Eine eindeutige Definition konnte bislang allerdings nicht gefunden werden.

Anerkannte Ziele des Okotourismus sind eine intakte naturliche und soziale Umwelt als Grundlage des touristischen Potenzials.3 Trotz dieser Grundsatze zeigen empirische Unter- suchungen, dass okotouristische Initiativen oft nur unzureichend in regionale Entwicklungs- plane einbezogen werden und keine Verbindungen zu anderen Wirtschaftsbereichen beste- hen (vgl. Baumgartner und ROhrer 1998, S. 14). Okotourismus kann sogar kontraproduktiv wirken, wenn es zu Zielkonflikten kommt. Die Einrichtung von Schutzgebieten fur die touristi- sche Nutzung, die mit Zwangsumsiedlungen der einheimischen Bevolkerung aufgrund oko- nomischer und okologischer Motive verbunden sind, zeigen die Grenzen des Okotourismus in seiner derzeitigen Umsetzung und mit Blick auf seinen ganzheitlichen Anspruch (vgl.

Baumgartner und Rohrer 1998, S. 14). Dennoch konnen Anknupfungspunkte - wie zu zei- gen sein wird - zu nachhaltigen Entwicklungskonzepten gefunden werden.

3 Nachhaltige Entwicklung

3.1 Grundlagen

Auch wenn in der wissenschaftlichen Literatur die Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „nachhaltige Entwicklung“ heute oft synonym behandelt werden, so beinhalten sie doch zwei komplemen- tare Aspekte: Einerseits die Beschreibung des Idealzustandes - Nachhaltigkeit - und ande- rerseits den Entwicklungsprozess in die gewunschte Richtung dieses Idealzustandes - die nachhaltige Entwicklung (vgl. Huang 2003, S. 179).

Fur den englischen Originalterminus “sustainability” bzw. „sustainable development" (SD) gibt es im Deutschen differente Ubersetzungen, die inhaltlich jedoch auf das englische Origi­nal verweisen und somit synonym verwendet werden konnen. So wird „sustainable“ unter anderem als „nachhaltig“, „tragfahig“, „zukunftsfahig“, „stabil“ und „naturvertraglich“ bezeich- net, um nur einige Ubersetzungen aufzuzeigen (vgl. Baumgartner und Rohrer 1998, S. 17). Um Begriffsirritationen zu vermeiden, wird in dieser Arbeit die gangige Ubersetzung „Nachhaltigkeit“ bzw. „nachhaltige Entwicklung“ verwendet.

3.2 Historische Entwicklung

Der Ausdruck „nachhaltig“ findet im Deutschen erstmalig in der Forstwirtschaftslehre des 18. Jahrhunderts Erwahnung (Ott und Doring 2004, S. 19). Er bedeutet in diesem Kontext, dass die Intensitat der Waldnutzung nicht uber seine eigene Regenerierbarkeit hinausgehen soll (vgl. LUKS 2002, S. 20-21). Diese Formulierung entspricht bereits einem Grundgedanken des heutigen Nachhaltigkeitsdiskurses: Wirtschaften mit den „Zinsen“ erneuerbarer Ressour- cen, nicht jedoch mit der Ressourcensubstanz. Hintergrund war eine Waldbewirtschaftung, die den Eigentumern gleich bleibende Holzertrage sichern sollte (vgl. Diefenbacher 2001, S. 59). Dieser Nachhaltigkeitsgedanke wurde auf andere erneuerbare Ressourcen, die durch Ubernutzung bedroht waren, ubertragen (vgl. Ott und Doring 2004, S. 21).

Die heutige Diskussion uber nachhaltige Entwicklung erlangte ihre Basis durch den Club of Rome4 und der aus ihren Arbeiten resultierenden Studie. Das im Auftrag des Club of Rome (1972) veroffentlichte Buch „Die Grenzen des Wachstums“ gibt die Ergebnisse der Untersu- chung wieder. Die Wissenschaftler prognostizierten mittels eines Computerprogramms den Kollaps des okologischen Systems Erde (vgl. Meadows u. a. 1972, S. 141). Trotz fruher Kri- tik an der Simulationstechnik und einiger nachweislich grundfalscher Vorhersagen wurde das Buch zum internationalen Bestseller (vgl. Pestel 1988, S. 68). Somit trug die Publikation, „Die Grenzen des Wachstums“ maftgeblich zu einer weltweiten Debatte uber die begrenzte Verfugbarkeit lebenswichtiger Ressourcen bei (vgl. Luks 2002, S. 23). Aus dieser Diskussion ging das erste Konzept einer umweltschonenden und gerechten soziookonomischen Ent­wicklung hervor: „ecodevelopment“. Dieser Begriff wurde spater durch SD abgelost (vgl. Baumgartner und Rohrer 1998, S. 16).

Die Verbindung okonomischer, okologischer und sozialer Ziele als globale Strategie findet erstmalig in dem Bericht der durch einen Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Na- tionen 1980 eingesetzten „World Commission on Environment and Development" (WCED 1987). Der Bericht der fur diesen Beschluss eingesetzten Kommission wird heute gemeinhin nach seiner Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland als Brundtland-Bericht bezeichnet (Die- fenbacher 2001, S. 62). Die darin formulierte Definition einer nachhaltigen Entwicklung5 wurde 1987 vorgelegt und ist bis heute eine der bedeutsamsten:

,,Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedurfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Moglichkeiten zukunftiger Generationen zu gefahrden, ihre eigenen Bedurfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wah- len. Die Forderung, diese Entwicklung dauerhaft zu gestalten, gilt fur alle Lander und Menschen. Die Moglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedurfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstorung ebenso gefahrdet wie durch Umweltvernich- tung und durch Unterentwicklung in der Dritten Welt“ (WCED 1987, S. 43)

Diese Definition verdeutlicht die heutigen Grundsatze einer nachhaltigen Entwicklung. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung stehen die menschlichen Bedurfnisse und ihre langfristige Befriedigung. Die gesellschaftliche Entwicklung muss daher in den Grenzen intra- und inter- generativer Gerechtigkeit geschehen (vgl. Ott und Doring 2004, S. 30). Unbefriedigend bleibt jedoch die unkonkrete Eingrenzung des Begriffs „Bedurfnisse“ (Weltentwicklungsbe- richt 2003, S. 16). Auch wenn einige Autoren sich damit behelfen, den Bedurfnisbegriff auf die Grundbedurfnisse zu reduzieren, bleibt eine begriffliche Unscharfe, die vielfaltige Inter- pretationen der Ziele nachhaltiger Entwicklung zulasst (vgl. Kurz und Volkert 1997, S. 4).

Dieser Entwicklung wirkte die Konferenz der Vereinten Nationen fur Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro entgegen. Mit der Verabschiedung des globalen Umweltprogramms „Agenda 21“ wurde eine umfassende Zielbestimmung des nachhaltigen Entwicklungskon- zeptes verbindlich fixiert. Auf das Leitbild der „Agenda 21“ haben sich insgesamt 150 Regie- rungen verpflichtet. Die aus der Konferenz entstandenen Impulse konnten in der Folge den- noch nicht fur umfassende Reformen in Richtung Nachhaltigkeit genutzt werden (vgl. LUKS 2002, S. 92). Funf und zehn Jahre nach der Rio-Konferenz fanden in New York und Johan­nesburg zwei weitere Umweltgipfel statt, bei denen die strukturellen Probleme der Industrie- gesellschaften deutlich wurden, deren Wirtschaftsbilanzen weiterhin auf Wachstum angewie- sen sind und somit fur eine nachhaltige Entwicklung nicht forderlich ist (vgl. LUKS 2002, S. 93). Bezogen auf diese Arbeit lieferten diese Folgekonferenzen dennoch relevante Ergebnis- se. Erstmalig wurde dort ein zukunftsfahiges Entwicklungskonzept im Tourismus gefordert. Allerdings blieb es bei den Forderungen, ohne dabei Losungsvorschlage zu konkretisieren (vgl. Muller 2003, S. 247-249).

3.3 Nachhaltigkeitsbegriff

Indem die Gerechtigkeitskomponente sowie die Bedurfnisbefriedigung dieser und kommen- der Generationen betont werden, erhalt die Nachhaltigkeitsdefinition einen sozialen Aspekt. Da Bedurfnisbefriedigung jedoch auf Nutzung beruht und Gerechtigkeit auch Verteilung imp- liziert, handelt es sich gleichzeitig um Wirtschaftsziele (vgl. Huber 1995, S. 12). Obwohl Umweltaspekte in der begrifflichen Bestim- mung nicht explizit Erwahnt werden, kann Nachhaltigkeit zudem nicht ohne Blick auf die okologische Komponente gedacht werden (vgl. LUKS 2002, S. 11). Der Begriff steht somit als eine Art Dach uber den Saulen Okonomie, O- kologie und Soziales. Hieraus ergibt sich das so genannte „magische Dreieck“ (u. a. Alisch und Herrmann 2001, S. 95) der nachhaltigen Entwicklung (Abbildung 01). In der Fachliteratur sind je nach Akzentuierung weitere Aspekte benannt und integriert. Die Version einer Trias aus den genannten Dimensionen ist jedoch eine besonders haufig verwendete und allge- mein anerkannte (vgl. Diefenbacher 2001, S. 66).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.4 Entwicklungsbegriff

Allgemein beschreibt der Terminus Entwicklung den Prozess von Zustandsanderungen in- nerhalb von raumlichen Einheiten. Zustandsanderungen konnen dabei verschiedene Para­meter wie auch den Ordnungsrahmen selbst betreffen (vgl. Baumgartner und ROhrer 1998, S. 18). Auf eine nachhaltige Entwicklung bezogen, stammen diese Parameter aus den Bereichen Okologie, Okonomie und Soziales. Problematisch ist hierbei, dass die Ausbildung dieser drei Dimensionen keiner spezifischen Zielsetzung entspricht. Gleichzeitig ist damit auch eine zunehmende Trivialisierung und willkurliche Interpretation moglich. Dieser Sub- stanzverlust wird bestimmt durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure, die den Ausdruck ihren Eigeninteressen gemaG auslegen und entsprechend besetzen (vgl. Luks 2002, S. 9). Um dieser Unverbindlichkeit entgegenzuwirken, wird der Entwicklungsbegriff im Kontext von Nachhaltigkeit in der theoretischen Auseinandersetzung mit spezifischen Bedin- gungen verknupft. Zielkonflikte mussten ausgeschlossen werden, ist eine dieser Pramissen. Teilziele durften demnach nicht auf Kosten anderer Teilziele erreicht werden (vgl. Diefenba- cher 2001, S. 94). Ebenso wird haufig die Gleichrangigkeit und Ausgewogenheit zwischen den Polen des „magischen Dreiecks“ gefordert (Ott und Doring 2004, S. 37). Dies lost je- doch insofern die Problematik nicht, als dass die Vermeidung von Zielkonflikten nach heuti- gem Wissensstand praktisch unmoglich ist (vgl. Diefenbacher 2001, S. 95). Des Weiteren bleiben die Bewertungsmoglichkeiten der einzelnen Dimensionen, wie zu zeigen sein wird, uneindeutig und somit auf ihre zahlenmaGige Gleichbehandlung beschrankt.

3.5 Exkurs: Konzepte nachhaltiger Entwicklung

Die konzeptuellen Ansatze in der Nachhaltigkeitsdebatte sind unuberschaubar. Die Betrach- tung soll sich in der Folge daher auf drei gangige Ansatze beschranken: das Konzept der starken, der schwachen sowie der vermittelnden nachhaltigen Entwicklung. Ausgangspunkt ist jeweils die Frage nach dem Umgang mit gesellschaftlichem Kapital, das in Sach- und Na- turkapital6 unterteilt wird. Die Austauschbarkeit einzelner Bestande ist in diesem Kontext eine zentrale Streitfrage.

Verfechter starker Nachhaltigkeit vertreten die Meinung, dass Naturkapital nicht durch Sach- kapital ersetzt werden kann bzw. soll. Nach dem Grundsatz der intergenerativen Gerechtig- keit und der Wahlfreiheit sollen kunftige Generationen ihre Lebensumstande selbst bestim- men konnen. Die quantitative und qualitative Verfugbarkeit von Naturkapital sei somit Vor- aussetzung (vgl. Weltentwicklungsbericht 2003, S. 17). Ott und Doring sprechen von der ..constant natural capital rule“ (CNCR), also einer dauerhaften Erhaltung naturlichen Kapitals.

Der Ansatz der schwachen Nachhaltigkeit geht hingegen davon aus, dass Naturkapital ganz- lich durch Sachkapital substituierbar sei. Aus den Nachhaltigkeitsgrundsatzen folgt, dass die gesellschaftliche Gesamtkapitalbilanz erhalten bleiben muss. Beim Ansatz schwacher Nach­haltigkeit ware also lediglich eine quantitative Verfugbarkeit gesellschaftlichen Kapitals not- wendig.

Kritiker starker sowie schwacher Nachhaltigkeit schlagen ein vermittelndes Konzept vor. Sie empfinden den Substitutionsausschluss als dogmatischen Fehlschluss. Der Grundirrtum lie­ge in der Annahme, dass jeder Eingriff in die Natur zerstorerisch wirke (vgl. Huber 1995, S. 17). Dies sei jedoch nicht immer der Fall. Eine Transformation der Natur konne in manchen Fallen auch zu positiven Effekten fuhren (vgl. Ott und Doring 2004, S. 143). Bei der not- wendigen Umgestaltung, nicht mehr von der Substanz, sondern von den Ertragen der Natur zu leben, wirke ein kategorischer Transformationsausschluss der Natur stark restriktiv (vgl. Ott und Doring 2004, S. 143).

Vermittelnde Konzeptionen schlagen daher eine Differenzierung zwischen „kritischem“ und „unkritischem“ Naturkapital vor (vgl. Ott und Doring 2004, S. 147). Als „kritisch“ wird Natur- kapital bezeichnet, dessen Substitution den globalen Regelkreis gefahrden wurde. Aufgrund der Komplexitat des Okosystems bleibt eine klare Identifikation „kritischen“ Naturkapitals allerdings nahezu unmoglich (vgl. Ott und Doring 2004, S. 149). Vermittelnde Konzeptio­nen werden daher durch das Vorsorgeprinzip erganzt. Akteure, die Natur verbrauchen, sol- len demnach begrundet darlegen, dass der jeweilige Verbrauch keine gravierenden negati- ven Folgen mit sich bringt. Diese Begrundung musse jeweils sorgfaltig uberpruft werden, wobei im Zweifel das Naturkapital erhalten bleiben soll (vgl. Ott und Doring 2004, S. 150).

Trotz aller Bemuhungen bleibt auch diese Konzeption ungenau. Konkrete Handlungsempfeh- lungen fur eine nachhaltige Entwicklung kann die Theorie somit nicht geben. Umgekehrt er- fordert eine praktische Umsetzung die Konstruktion von Modellen und Ideen, um den theore- tisch begrundeten Leitlinien zu entsprechen. So konnen regionale Projekte, die die Idee der nachhaltigen Entwicklung aufgreifen, fur die Theorie sehr aufschlussreich sein.

3.6 Nachhaltige Entwicklung messen

Es wurde gezeigt, dass es bis dato keine eindeutige Definition der nachhaltigen Entwicklung gibt. Selbst eine Positionierung innerhalb der erlauterten Konzepte wurde noch kein prakti- sches Arbeiten mit dem Begriff erlauben. Um konkrete Projekte auf nachhaltige Entwicklung untersuchen zu konnen, mussen Indikatoren entwickelt werden, die eine Operationalisierung zulassen. Eine Herangehensweise ist die Entwicklung von Kernpostulaten, wie die der En- quete-Kommission7.

Es wurden vier konkrete Managementregeln fur eine nachhaltige Entwicklung formuliert (vgl. Deutscher Bundestag 1994, S. 29-33):

1. Erneuerbare Ressourcen durfen nicht uber ihre Regenerationsfahigkeit hinaus ge- nutzt werden.
2. Nicht erneuerbare Ressourcen durfen nur in dem MaGe abgebaut werden, in dem Er­satz fur die abgebauten Mengen geschaffen wird.
3. Stoffeintrage in die Umwelt sollen die Belastbarkeit der Umweltmedien nicht uber- schreiten, wobei alle Funktionen der Umweltmedien zu berucksichtigen sind.
4. Eingriffe in die Umwelt mussen in einem ausgewogenen Verhaltnis zu der Zeit ste- hen, die die Umwelt braucht, um auf diese Eingriffe zu reagieren.

Je nach Autor werden diese unterschiedlich bewertet oder erweitert. Unabhangig von defini- torischen Schwachen8, beziehen sie sich auf die okologische Dimension nachhaltiger Ent­wicklung (vgl. Ott und Doring 2004, S. 163). Im weitesten Sinne konnte die okonomische Dimension integriert werden, da fur eine Erfullung dieser Regeln eine spezifische Wirt- schaftsweise unerlasslich ist. Fur die hier vorliegende Untersuchung sowie fur das Konzept nachhaltiger Entwicklung insgesamt sind soziale Belange jedoch ein entscheidender Faktor, der nicht ignoriert werden darf. Managementregeln konnen daher nur einen ersten Schritt beim Versuch der Operationalisierung darstellen.

Ein weiterer Ansatz ist der der Nachhaltigkeitslucke. Grundlage sind hier die gesellschaftli- chen Nutzungsanspruche (Okonomie), die naturlichen Lebensgrundlagen (Okologie) und die Lebensqualitat (Soziales). Eine Bestandsaufnahme dieser drei Dimensionen soll die jeweili- ge Situation erfassen und bewerten. Unter den Pramissen, dass die nicht erneuerbaren Res­sourcen erschopft sein werden und die Umweltassimilation begrenzt ist, werden Grenzen der Nachhaltigkeit definiert. Sind diese Grenzen uberschritten, wird die Differenz von Soll- und Ist-Zustand als Nachhaltigkeitslucke bezeichnet. Die Erhebung dieser Grenzwerte ist dem Ansatz nach quantitativ. Der komplexe Idealzustand Nachhaltigkeit ist jedoch bis heute nicht mit allgemein gultigen Verfahren messbar. Hier liegt eine gravierende Schwachstelle des Ansatzes (vgl. Diefenbacher 2001, S. 107). Trotz der Nennung der drei Dimensionen der

Nachhaltigkeit muss festgestellt werden, dass auch bei diesem Ansatz der Bewertungsfokus auf okologischen Kriterien ist:

„Ubersteigt der Verbrauoh von Ressouroen, die Emission von Sohadstoffen oder an- dere okonomisohe Aktivitaten zuvor definierte Grenzen der Naohhaltigkeit, so wird diese Differenz als Naohhaltigkeitsluoke bezeiohnet. “ (Diefenbacher 2001, S. 106).

Eine im Kontext dieser Arbeit angestrebte gleichrangige Behandlung der Nachhaltigkeitsdi- mensionen wird hier bereits im definitorischen Ansatz ausgeschlossen. Dennoch konnen die von Diefenbacher beschriebenen Moglichkeiten zur generellen Verringerung von Nachhal- tigkeitslucken fur eine Betrachtung auf regionaler Ebene dienlich sein.

Zur SchlieGung dieser Lucken soll ein weit gefasster Begriff von Innovation dienen, der ver- haltensbezogene, institutionelle und technische Innovationen mit einbezieht. Da verhaltens- bezogene und institutionelle Innovationen kooperatives Verhalten voraussetzen, ist der Er- folg auch abhangig von einer dauerhaften Verantwortungskultur der regionalen Akteure. Konkrete MaGnahmen konnen somit nicht mehr nur hierarchisch-regulativ sein, sondern mussen auf partizipativ-diskursive Methoden setzen, um das Zusammenwirken der gesell- schaftlichen Akteure und deren Verantwortungsbewusstsein zu fordern (vgl. Huang 2003, S. 183). Innovation, Kooperation und Verantwortungsbewusstsein gewinnen damit an Relevanz bei Umsetzungsstrategien nachhaltiger Entwicklung.

Insgesamt ist jedoch ein Forschungsdefizit in Bezug auf die BewertungsmaGstabe, insbe- sondere bei der sozialen Dimension festzustellen (vgl. Diefenbacher 2001, S. 99). Betont wird allgemein die gegenseitige Abhangigkeit und Beeinflussung der einzelnen Dimensionen. Zielkonflikte und positive Interdependenzen sind die Folge (Diefenbacher 2001, S. 105). Mochte man eine solche Entwicklung in der Praxis empirisch stutzen und bewerten, sind dieser Messung jedoch gewisse Grenzen auferlegt. Da, wie beschrieben, starke Uneinigkeit daruber besteht, wie ein „Gesamtindex Nachhaltigkeit" (Diefenbacher 2001, S. 95) zu mes- sen sei, stellt sich grundsatzlich die Frage, ob eine auf physischen Daten basierende Mess- strategie zweckmaGig ist (vgl. Diefenbacher 2001, S. 105). Was jedoch sinnvoll ermittelt werden kann, ist, ob eine Entwicklung dem Idealziel Nachhaltigkeit tendenziell naher kommt und welche MaGnahmen den Weg der nachhaltigen Entwicklung begunstigen oder behin- dern, wo Zielkonflikte vorhanden sind und wie diese gegebenenfalls gelost werden konnten (vgl. Diefenbacher 2001, S. 105).

Aufgrund der erorterten Voraussetzungen wird eine solche Untersuchung in dieser Arbeit angestrebt. Da Indikatorensysteme zur Bestimmung nachhaltiger Entwicklung meist global angelegt sind, der Forschungsgegenstand jedoch raumlich auf das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva begrenzt ist, mussen hierfur regionalspezifische Indikatoren entwickelt werden.

4 Nachhaltige Regionalentwicklung

4.1 Begriff der Region

Die Abgrenzung einer Region wird in der Literatur sehr unterschiedlich vorgenommen. Eine allgemein geteilte Definition gibt es nicht (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 143). Definitorische Gemeinsamkeiten lassen sich an der territorialen Ausbreitung einer Region festmachen. Die GroGe einer Region ist nach Sauerborn und Peters (1995, S. 7) „uber- schaubar“, da sie in der Regel „groGer als ein Dorf und kleiner als ein Bundesland“ sei. Nach dieser Einschatzung kann die Region fur qualitative Untersuchungen, im Sinne nachhaltiger Regionalentwicklung, besonders geeignet sein. Sie ist kleinraumig genug fur direkte, uber- schaubare Beziehungen, kann gleichzeitig jedoch bereits die ganze Komplexitat und Prob- lemlage unserer Gesellschaft widerspiegeln (vgl. Appel 1998, S. 9).

Aus wissenschaftlicher Perspektive zeichnet sich die Region durch eine vielfaltige Verflech- tung einzelner Sachbereiche aus. Hochgerner (1978, S. 2-3) spricht in diesem Zusammen- hang von Sozialindikatorenkonzepten. Regionen konnen demnach als soziale Systeme in- terpretiert werden, die durch die Ideen in ihr lebender Menschen bestimmt und gepragt wer- den. Ahnlich argumentiert Kern. Ihm zufolge ist eine Region:

,,das gemeinsame Bild, das sich Menschen von demjenigen Stuck Raum machen, in dem sie handeln und existieren. Die Region ist in diesem Sinn ein rein kommunikati- onstheoretisches Konstrukt [...]. Eine Region muR [sic!] dabei auch kein zusammen- hangendes raumliches Gebilde darstellen. [...] Das soil heiRen, uberall dort, wo die Qualitat und die Quantitat der informationsflusse starker ist als auRerhalb, kann von einer Region gesprochen werden“ (Kern 1995, S. 12-13, zitiert nach Heintel 1998, S. 24).

Eine Region lasst sich somit als Handlungs- und Entscheidungsraum interpretieren, der ad­ministrative Gebietseinheiten uberlagern kann. In der Theorie fuhrt dies zu unterschiedlichen Abgrenzungen, je nach thematischer Gewichtung (vgl. Appel 1998, S. 9). Die fur diese Ar­beit geeignetste Annaherung an den Begriff der Region ist uber die diskutierte inhaltliche Bestimmung. Projekte, in diesem Fall das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva, konnen nach diesem Verstandnis eine Region definieren. In Bezug auf regionale Entwicklungskonzepte muss somit nicht zwingend eine flachendeckende Einbeziehung aller Einwohner stattfinden (vgl. Heintel 1998, S. 24). Dieses Verstandnis impliziert ebenfalls die Moglichkeit, Regionen zu konstruieren. Hierbei besteht ein deutlicher Unterschied, ob Regionen von hoheren In- stanzen geplant werden, oder ob sie von lokaler Seite her entstehen. Fur die „Neuschaffung“ einer Region kann die Berucksichtigung der jeweils im Kontext stehenden Grundlagen wie naturraumliche Ressourcen, historische Verflechtungen oder soziokulturelle Besonderheiten sinnvoll sein. Ob solche Konstruktionen von der Bevolkerung akzeptiert werden, ist dennoch nicht immer vorhersehbar (vgl. Heintel 1998, S. 26).

4.2 Traditionelle Regionalentwicklung

Ein Ergebnis sich ausdifferenzierender Lebens- und Arbeitswelten und der damit verbunde- nen Raumentwicklungsprozesse ist die Entstehung regionaler Disparitaten (vgl. Schloemer 1999, S. 22). Insbesondere der landliche Raum befindet sich in einem umfassenden Prozess der Veranderung. Dieser Strukturwandel ist maGgeblich durch den Bedeutungsverlust der Landwirtschaft und die damit einhergehende Abwanderung der landlichen Bevolkerung, hauptsachlich in stadtische Verdichtungsraume, gekennzeichnet (vgl. Revermann und Pe- termann 2003, S. 143). Die klassische Raumplanung versucht dieser Entwicklung entge- genzuwirken. Christaller (1933) entwickelte in seinem Buch „Zentrale Orte in Suddeutsch- land“ das „System der zentralen Orte“, das eine hierarchische raumliche Ordnung aufgrund bestimmter Ausstattungsmerkmale (Zentralitat) annimmt. Dieses Bild einer funktionalen raumlichen Hierarchisierung pragt die sozialgeographische Forschung bis heute (vgl. Hein­tel 1998, S. 31).

Traditionelle Konzepte der Regionalentwicklung nehmen in der Regel eine Korrelation zwi- schen Industrialisierungsgrad und wirtschaftlicher Entwicklung an. Aus dieser Annahme, die sich auf unterschiedliche volkswirtschaftliche Theorien bezieht, entwickelten sich verschie- dene Instrumentarien. Entwicklungsimpulse wie infrastrukturelle MaGnahmen, Sachkapitalin- vestitionen oder die Forderung uberregionaler Nachfragesektoren hatten in der traditionellen Regionalpolitik das primare Ziel einer „Nachindustrialisierung“ (Schloemer 1999, S. 24). Mangel der klassischen Vorgehensweise wurden in den 1970er Jahren im Kontext der struk- turellen und okonomischen Krise peripherer Raume diskutiert (vgl. Appel 1998, S. 10). Die Kritik setzt an den Ergebnissen jener Politik an.

Zwar wurden durch MaGnahmen klassischer Regionalentwicklung auch Arbeitsplatze ge- schaffen, doch haben die betroffenen Regionen wenig Einfluss auf die an sie herangetrage- nen Entwicklungsstrategien. Diese „Top-down“-Ansatze bergen das Risiko, eine zunehmen- de Abhangigkeit der Peripherie zu fordern (vgl. Majer 1997, S. 7). Vorgeworfen wird dieser Politik, dass sie sich lediglich der Freiraume bediene, die die Peripherie biete. So konnen flachenintensive Industrien angesiedelt werden oder okologisch schadliche Projekte auf­grund der extensiven Siedlungsstruktur mit geringerem Widerstand durchgesetzt werden. Eine Folgewirkung nicht beachteter regionaler Besonderheiten sei die Auflosung kleinraumi- ger Wirtschaftskreislaufe, so dass die traditionelle Regionalentwicklung an den Belangen der Region weitgehend vorbeigehe (vgl. Schloemer 1999, S. 25).

Erganzend muss dennoch angefuhrt werden, dass der „Top-down“-Ansatz nicht per se abzu- lehnen ist. Gesetzliche Rahmenbedingungen stellen oft die Grundlage fur regionale Hand- lungsmoglichkeiten. Sie konnen demnach auch unterstutzend wirken und eigenstandige re- gionale Entwicklungen erganzen (vgl. Appel, S. 12). Dies muss nach der Agenda 21 mit ei- ner „moglichst umfassenden Beteiligung der Offentlichkeit“ (BMU 1993, S. 9) geschehen.

Mit Blick auf den GroGraum Sudamerika, konkret Ecuador, lasst sich jedoch festhalten, dass die Entwicklungspolitik im Amazonasgebiet durch Investitionen zur Forderung des Erdolex- portes gepragt ist (vgl. Bunstorf und Winkler 2002, S. 15-16). Regionale Belange werden dabei weitestgehend auGer Acht gelassen und ansassige Akteure kaum an Entscheidungen beteiligt. Staatliche Machtwechsel wirken sich somit - wie zu zeigen sein wird - direkt auf die Entwicklungen des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva aus und entsprechen somit eher einer Restriktion als einer Erganzung.

4.3 Eigenstandige Regionalentwicklung

In der Kontroverse um die Vorgehensweise der traditionellen Regionalentwicklung, bildeten sich alternative Ansatze in denen Eigenverantwortung und groGere regionale Entscheidungskompetenz im Mittelpunkt standen (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 144). Es sollte eine Moglichkeit geschaffen werden, „endogene Entwicklungspotenziale“9 einer Region zu nutzen und selektiv-sektorale Strategien unter Beachtung regionaler Besonderheiten zu fordern (vgl. Appel 1998, S. 11). Die strategischen Entwurfe hierzu waren unterschiedlich und wurden durch Begriffe wie dezentrale Stabilisierung, okologische Regionalentwicklung oder Entwicklung von unten definiert. Im Grundsatz geht es jedoch darum, durch Partizipationsangebote das regionale Verantwortungsbewusstsein zu fordern, so dass heute die Bezeichnung eigenstandige Regionalentwicklung, die gelaufigste ist (vgl. Heintel 1998, S. 39). Der Begriff steht dennoch nicht fur ein einheitliches, klar definiertes Konzept, sondern vielmehr fur Entwicklungsstrategien, die regionale Belange auf okologischer, okonomischer und sozialer Ebene gleichberechtigt integrieren sollen und so auf konkrete Probleme strukturschwacher Regionen eingehen konnen.

Zentral sind die Besinnung auf eigene Fahigkeiten und der Ruckgriff auf eigene Ressourcen. Durch eine moglichst breite Nutzung regional vorhandener Ressourcen und endogener Inno­vations- und Entwicklungspotenziale sollen regionale Wirtschaftskreislaufe gestarkt werden (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 145). Diese Ziele konnen durch die raumliche, soziale und emotionale Nahe der Akteure gestutzt werden (vgl. Schloemer 1999, S. 30-31). Die angefuhrten strategischen Charakteristika eigenstandiger Regionalentwicklung konnen, aufgrund der Beachtung der Dimensionen der Nachhaltigkeit als Annaherungsstrategie an Ziele der nachhaltigen Entwicklung gesehen werden (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 145).

4.4 Nachhaltige Regionalentwicklung

Die regionale Orientierung an einer nachhaltigen Entwicklung besitzt eine groGe Deckungs- gleichheit mit der eigenstandigen Regionalentwicklung (vgl. Heintel 1998, S. 42). Die nach­haltige Regionalentwicklung greift die Prinzipien der eigenstandigen Regionalentwicklung auf und verbindet sie mit den Grundsatzen der nachhaltigen Entwicklung (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 145). Die sich daraus ergebenden Grundsatze einer nachhaltigen Re­gionalentwicklung umfassen nach Peters u. a. (1996, S. 66-68) die Befriedigung regionaler Bedurfnisse, die Stabilisierung regionaler Wirtschaftskreislaufe sowie die Schaffung regiona­ler Entscheidungs- und Verantwortungsraume.

Nachhaltige Regionalentwicklung bietet gerade in Bezug auf regionale Schutzgebiete die Moglichkeit einer besseren Durchsetzbarkeit. Vorteile bieten sich durch die beschriebenen integrativen Effekte, die eine erhohte Akzeptanz des Schutzgebietes durch seine wirtschaftli- che Relevanz bewirken konnen. Insgesamt kann so eine Entwicklung erreicht werden, in der, anders als bei passiven Schutzkonzepten, Regionalwirtschaft und Naturschutz nicht konkur- rieren, sondern sich gegenseitig bedingen (vgl. Revermann und Petermann 2003, S. 146).

[...]


1 Zu den Geofaktoren werden sowohl Landschaftsfaktoren wie Georelief, Klima oder Pflanzen gezahlt als auch Prozesse und Krafte des Menschen auf den Raum. Hierzu zahlen okonomische, politische oder soziale Wirkungen (vgl. Leser und Schneider 1999, S. 40).

2 Auf die Dimensionen nachhaltiger Entwicklung wird ausfuhrlich in Kapitel drei dieser Arbeit Bezug genommen.

3 Auch wenn Opaschowski (2001, S. 43-44) Beispiele fur eine gegenlaufige Entwicklung findet, in der Umweltkatastrophen als touristische Attraktionen fungieren konnen, haben solche Phanomene auf das gesamte touristische Feld betrachtet lediglich marginale Bedeutung.

4 Der „Club of Rome“ ist ein Zusammenschluss von 36 Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachgebie- te. Ziel war es Umwelteinflusse und deren Wirkungszusammenhange zu untersuchen und in einem Modell zu veranschaulichen (vgl. Meadows u. a. 1972, S. 5).

5 Im Bericht wird von dauerhafter Entwicklung gesprochen. Dieser Begriff verweist jedoch auf das englische Original SD.

6 Die Wortwahl Naturkapital ist umstritten. Der Begriff suggeriert, dass wie bei monetarem Kapital Bestande abgebucht, also genutzt und auch wieder eingezahlt, also Natur unbeschrankt regeneriert werden kann. Natur ist jedoch nach heutigem Wissenstand durch menschliche Eingriffe oft irreversi- bel zerstort (vgl. Luks 2002, S. 46-47).

7 Die Enquete-Kommission wurde 1994 nach langjahrigen umweltpolitischen Debatten eingerichtet. Ziel war und ist es: „Antworten auf die grundsatzlichen Herausforderungen einer nachhaltigen Ent­wicklung in die offentliche Debatte zu bringen und tragfahige Strategien fur eine zukunftsfahige Ge- sellschaft zu entwerfen.“ (Deutscher Bundestag 1998, S. 13).

8 Es wurde bereits erlautert, dass das MaG der Regenerationsfahigkeit und das der Belastbarkeit der Umwelt stark umstritten sind. Somit bieten die formulierten Regeln keine handlungsverbindlichen Leitlinien.

9 Der Potenzialbegriff wird in der wissenschaftlichen Betrachtung nach bestimmten Merkmalen wie beispielsweise Arbeits-, Infrastruktur- oder Umweltpotenzial differenziert (vgl. Heintel, S. 41).

Details

Seiten
110
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640605316
ISBN (Buch)
9783640605606
Dateigröße
8.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149463
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Institut für Stadt- und Kulturraumforschung - Abteilung Kulturgeographie
Note
2,0
Schlagworte
Tourismus Ecuador Selva Viva Nachhaltigkeit Regionalentwicklung Regenwald Regenwaldschutzprojekt Angelika Reimann Eric Horster Kulturgeographie Kulturwissenschaften

Autor

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Titel: Tourismus als Chance nachhaltiger Regionalentwicklung im ecuadorianischen Amazonasgebiet