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Zweitspracherwerb und Zweisprachigkeit als biographische Erfahrung

Eine Analyse narrativen Interviews mit einer moldawisch/rumänischen Schülerin

Hausarbeit 2010 45 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Narratives Interview als Erhebungsmethode

3 Biographische Erfahrung
3.1 Kurzbiographie
3.2 Welches Volk sind wir?

4 Entwicklungspfad der Sprachen
4.1 Moldawisch/Rumänisch
4.2 Russisch
4.3 Englisch
4.4 Andere Sprachen

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Anhang
1. Tabellarische Sprachbiographie
2. Sprachenportrait
3. Das Interview

1 Einleitung

Die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Gesellschaft spiegelt sich in der mehrsprachigen und multikulturellen Situation in Bildungseinrichtungen oder Arbeitsplätzen. Mehrsprachigkeit wird aber in unserer Gesellschaft auf verschiedenster Weise angesehen und bewertet. Einerseits wird sie als individuelle oder gesellschaftliche Bereicherung betrachtet, andererseits gilt sie für ein Hindernis bzw. es wird ein Zusammenhang zwischen der Mehrsprachigkeit und Sprachstörungen gesehen. Einsprachigkeit wird oft als Normalzustand der Gesellschaft bewertet und zeigt somit die Vorstellung der Gesellschaft von ihrem sprachhomogenen Nationalstaates, die in der Zeit der Globalisierung eine längst veraltete Vorstellung sein könnte.

Es gibt verschiedene Gründe warum Menschen eine andere Sprache sprechen. Sie haben z.B. einen Migrationshintergrund, sie waren zeitweise im Ausland oder das Land ist offiziell zweisprachig und bietet den Schulen die Möglichkeit, beide Landessprachen zu lehren. Da es in der Wissenschaft viele Fallbeispiele über die Zweisprachigkeit in einer monolinguistischen Gesellschaft gibt, möchte ich die Mehrsprachigkeit am Beispiel einer Person betrachten, die in einer diglossischen Gesellschaft aufgewachsen ist und somit mehr als eine Sprache beherrschen musste. Außerdem befindet sich das Land und seine Sprachenpolitik in einer besonderen Situation, die den Spracherwerb auf verschiedenster Weise lenken.

Mit dieser Fallstudie möchte ich aufzeigen, dass Mehrsprachigkeit nicht negativ betrachtet werden sollte bzw. dass Einsprachigkeit nicht die Normalität in der Gesellschaft bildet, an der man sich orientieren soll.

Zu beachten ist, dass dies meine erste Fallstudie ist und ich das erste Mal eine empirische Untersuchung durchführe. Des Weiteren werde ich versuchen die von mir erhobenen Daten so objektiv wie möglich zu analysieren und zu bewerten, obwohl das Bewerten schon eine relative Objektivität fast ausschließt.

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit sieht wie folgt aus: Nach einer kurzen Beschreibung der Erhebungsmethode, wobei ich auch auf die Schwierigkeiten die mir bei der Untersuchung begegnet sind eingehen werde, wird im Kapitel drei die von mir untersuchte Person vorgestellt und näher beschrieben. Im Anschluss daran widmet sich das vierte Kapitel der umgebenden Gesellschaft, einem kurzen geschichtlichen Hintergrund sowie der Sprachenpolitik des Landes, damit der Erwerb der Zweitsprache besser verstanden werden konnte, weil der Staat und seine Bürger sich in einer besonderen Situation befinden. Schließlich wird im fünften Kapitel die Mehrsprachigkeit der Person analysiert, der Erwerbsverlauf, die Kompetenzen und Gebrauchsmodalitäten der Sprachen beschrieben. Zu guter Letzt werde ich im sechsten Kapitel die zentralen Aussagen und Feststellungen der vorliegenden Arbeit in konzentrierter Form zusammenfassen.

2 Narratives Interview als Erhebungsmethode

Als Erhebungsmethode habe ich mich für das narrative Interview entschieden. Der zentrale Gedanke der biographischen Forschung besagt, dass die Lebensgeschichte und Identität des Menschen sozial verregelt sind, wobei das Individuum als aktiver Mitgestalter seiner Lebensbedingungen angesehen wird. Somit ergibt sich für die Forschung die Möglichkeit, über eine Rekonstruktion und eine anschließende Analyse des Einzelfalls auf soziale Regelmäßigkeiten im jeweiligen Biographieverlauf zu schließen.[1]

Das narrative Interview stellt eine besondere Form des offenen Interviews dar, bei dem der Informant seine eigenen Erlebnisse als Geschichte in einer Stegreiferzählung wiedergibt.[2] Deswegen eignet es sich sehr gut als Erhebungsmethode zur Erstellung von Sprachbiographien (vgl. Franceschini 2001). Dabei wird meine Informantin in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt und nach ihrem Leben mit mehreren Sprachen befragt. Hierbei steht das Erleben von Sprachlichem im Vordergrund. Außerdem wird der Umgang mit und die Einstellung zu mehreren Sprachen erkundet.

Vor dem Interview wurde meine Informantin von mir nur über das Gesprächsthema informiert und erhielt keine Einzelheiten zu den Fragen. Somit konnte sie keine systematische Vorbereitungen auf die beabsichtigte Erzählthematik vornehmen und ihre Formulierungen weder kalkulieren noch schriftlich abfassen. Das Ziel bestand im Folgendem: Durch die Stegreiferzählungen sollten die Ereignisverwicklungen der Informantin in die Gegenwart transportiert und verflüssigt werden. Außerdem wurde ein weites Ziel verfolgt. Schon in der Aushandlungsphase wurde ich mit der ersten Problematik konfrontiert. Die Informantin fragte mich ob sie lügen darf, was mich etwas irritiert hat. Verständlicherweise erklärte ich ihr, dass dies sehr ungünstig für die Forschung sein würde und sie damit nichts bezwecken könnte. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass die Unvorbereitung der Informantin auf das Gespräch, sowie ihre flüssige Dynamik des Erwählvorgangs eine mögliche Verfälschung der Erlebnisse deutlich minimiert, jedoch nicht ausschließt.

Eine weitere Problematik entstand durch meine Unerfahrenheit in der empirischen Forschung bzw. in der Durchführung von Interviews. Ich bitte Sie zu beachten, dass dies mein erstes großes, wissenschaftlich durchgeführtes Interview war. Zum einen habe ich lange überlegt welche Fragen ich wie stellen sollte, um meine Gesprächspartnerin zu einer flüssigen Erzählung bewegen zu können. Zum anderen habe ich bei der Verschriftlichung des Interviews festgestellt, dass ich einerseits die Erzählung manchmal ungewollt unterbrochen habe, andererseits längere Pausen (mehr als drei Sekunden) nicht aushalten konnte und der Informantin „geholfen“ habe. Jedoch bin ich der Meinung, dass diese keine gravierenden Fehler sind, die ich aber hier trotzdem erwähnen will.

3 Biographische Erfahrung

3.1 Kurzbiographie

Die von mir befragte Person ist weiblich, neunzehn Jahre alt, hat im Alter von sechzehn Jahren ihren Heimatstaat Moldawien verlassen und lebt zum Zeitpunkt des Interviews dreieinhalb Jahre lang in der Stadt Iaşi im Norden Rumäniens. Sie besucht dort die zwölfte Klasse des mathematisch-datenverarbeitungstechnischen Gymnasiums, wobei sie in diesem Jahr ihren Bakkalaureat macht, den man mit dem deutschen Abitur gleichsetzen kann. Sie verbrachte ihre Kindheit und einen Teil ihrer Jugend in einer kleinen Stadt im Norden Moldawiens, wo der Vater erst als Agrarwissenschafter und die Mutter als Pädagogin gearbeitet haben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde ihr Vater schließlich zum Geschäftsmann und die Mutter zur Juristin der neu gebildeten Republik. Beide Eltern stammen ursprünglich aus rein moldawischen Familien. Dies war der Grund, um meine Informantin erst in einen moldawischen Kindergarten, später in eine moldawische Schule zu schicken. Mit sechzehn Jahren jedoch haben sich die Eltern entschieden ihre Tochter nach Rumänien immigrieren zu lassen, damit sie dort eine Schule besucht und wie sie selbst sagt um bessere Chancen für ihre Zukunft zu haben. Zu beachten ist, dass Moldawien als das ärmste Land Europas gilt, in der 80% der Bevölkerung unter der offiziellen Armutsgrenze lebt.[3]

Aufgrund dessen ging also die Informantin im Alter von sechzehn Jahren allein in das benachbarte Land und lebte erst in Wohnheimen, dann bei älteren Menschen als Mieterin, später aber mit Freundinnen und Mitschülerinnen. Jetzt befindet sie sich im letzten Jahr in der Schule und plant nach der erfolgreichen Absolvierung des Bakkalaureats ein Studium entweder in Rumänien oder im Ausland, falls dies möglich sein wird.

Ich habe diese Person deshalb ausgewählt, weil ich von ihren Sprachkenntnissen in der Zweitsprache beeindruckt war und das Interview auch in dieser Sprache durchgeführt habe. In meiner Studie spielt nicht nur die Person eine wichtige Rolle, sondern auch die verschiedenen Gesellschaften, die meine Informantin umgeben, weil ihr Heimatland eine ehemalige sowjetische Republik ist und dort seit Ende der 1980er ein Identitätskonflikt der moldawischen Bevölkerung herrscht. Die Mehrheitsbevölkerung ist sich unsicher, wer sie eigentlich ist: Rumänen und somit Teil der rumänischen Nation oder eine eigenständige Nation – die Moldawier. Deshalb werde ich im nächsten Unterkapitel einen kurzen geschichtlichen Hintergrund sowie die Sprachenpolitik Moldawiens behandeln.

3.2 Welches Volk sind wir?

Die heutige Republik Moldova, oder in Deutschland eher unter Moldawien bekannt, ist eine ehemalige sowjetische Republik, die nach dem Zerfall der UdSSR 1991 zum zweiten Mal in ihrer Geschichte ihre Selbständigkeit erlangen konnte. Jedoch weist der Prozess der Nationalstaatsbildung in der Republik Moldova seit Ende der 1980er Jahre einige Besonderheiten auf, die ihn von der großen Mehrheit der Prozesse anderer postsowjetischer Republiken unterscheiden. Zwei Bewegungen haben sich herausgebildet: der „Moldowanismus“ und der „Rumänismus“. Die erste Bewegung postuliert die Existenz einer eigenständigen moldawischen Nation, die nicht mit der rumänischen identisch ist, und favorisiert einen unabhängigen Nationalstaat. Der Rumänismus dagegen versteht die rumänischsprachige Bevölkerung als Teil der rumänischen Nation und bestrebt somit eine Wiedervereinigung mit dem rumänischen Staat nach dem Vorbild der Jahre 1918-1940. Dieser Konflikt hat sich nicht nur auf das politische System in Moldova, sondern auch auf alle andere Bereiche des Landes sowie der Gesellschaft, ausgebreite, unter anderem auch auf den Sprachkonflikt und die Sprachenpolitik des Landes. Es wird bis heute diskutiert und heftig gestritten ob die Verkehrssprache der moldawischen Bevölkerung Rumänisch oder doch Moldawisch sei.[4]

Die Unstimmigkeit der Zugehörigkeit der moldawischen Bevölkerung bzw. der Benennung der Sprache beruht auf verschiedene geschichtliche Entwicklungen, die das Gebiet der heutigen Republik unterzogen wurde. Die heutige Republik Moldova sowie Rumänien verstehen sich als Nachfolgestaaten des Fürstentums Moldau, wobei im Jahre 1812 das moldawische Gebiet an das Russische Reich abgegeben worden war und bis 1918 unter russischer Herrschaft blieb.[5] Als 1917/1918 für kurze Zeit eine unabhängige moldauische Republik zwischen dem Zarenreich und dem rumänischen Königreich existierte, hat man sich schon damals die Frage gestellt: „Ce neam suntem?“ – „Welches Volk sind wir?“.[6] Mit dem Rückblick auf die Wiedervereinigung mit Rumänien 1918 bis 1940, beantworten die heutige Rumänisten diese immer wieder gestellte Frage. Jedoch wurde 1940 Moldova an die Sowjetunion abgegeben und blieb bis 1991 wieder unter russischer Herrschaft. Zu beachten gilt, dass es bis heute nicht bewiesen ist, ob es eine Nation im moldawischen oder rumänischen Sinne in der heutigen Republik Moldova gibt. Meine Absicht ist jedoch nicht etwas herauszufinden oder zu beweisen, sondern aufzuzeigen, wie sich dieser Konflikt auf den Spracherwerb ausgewirkt hat. Denn wie Stefan Ihrig in seiner Abhandlung betont, ist nicht die Identität selbst das Problem der postsowjetischen Republik, sondern die ständigen Identitätsdebatten und Streitereien von moldawischer Identität.[7] Diese Debatten haben jeden einzelnen Bürger erreicht und seine Einstellung gegenüber der eigenen Sprache sowie der lebenden ethnischen Minderheiten und deren Sprache (größtenteils Russisch) beeinflusst. Der Identitätskonflikt beinhaltet also schließlich nicht nur die Auseinandersetzungen zwischen den Rumänisten und Moldowanisten, sondern auch zwischen der Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung. Dieser Konflikt, der sehr persönlich geworden ist, wird auch durch meine Informantin geschildert und spiegelt somit die gesellschaftliche Situation in der heutigen Moldova.

...gab es bei uns in der Familie nur Streitereien, ob wir Moldawier oder Rumänen sind, oder ob unsere Sprache Moldawisch oder Rumänisch ist... aber... Russophobie... hat bei uns nie existiert... Ja, wir leben ja im Norden, hier gibt es sehr viele Russen, hier gibt es nicht so eine Einstellung zu der russischen Sprache wie z.B. im Süden.. oder in der Landesmitte.. In Chisinau.. Ich habe bemerkt, dass meine Freunde aus Chisinau eigentlich gegen die Russen sind, sie haben immer Konflikte gehabt. Und das hat mich eigentlich überrascht. Ich habe so etwas noch nie gesehen...

Zu beobachten ist, dass der Konflikt auch stark regional abhängig ist. Die demographische Statistik des Jahres 2004 zeigt einen sehr großen Anteil ethnisch-ukrainischer bzw. russischer Bevölkerung in der nördlichen Region des Landes (19,7-30,7% Ukrainer/ 4,9-19,2% russischer Nationalität[8]), was diese Erscheinung erklären könnte. Außerdem werden statistische Erhebungen mit der Aussage meiner Informantin, dass sie von den damals herrschenden Konflikten zwischen rumänischsprachigen und der russischsprachigen Bevölkerung fernblieb, bekräftigt.

Wim van Meurs schreibt in „The Bessarabian Question“, dass „jeder der sich zu historischen, linguistischen, demographischen oder kulturellen Entwicklungen äußert, Konfliktpartei wird.“[9] Diese Aussage charakterisiert den Kernpunkt des Konfliktes der moldawischen Bevölkerung. Er ist längst persönlich und sehr affektiv geworden. Meine Erfahrungen zeigten, dass man schnell angegriffen wird, wenn man eine andere Position (nicht unbedingt eine pro-moldowanistische) einnimmt oder die pro-rumänische kritisiert. Jenseits dessen wird die pro-moldowanistische mit einer pro-russistischen Position verwechselt. Die Zeit als sowjetische Republik wird oft als eine Epoche der Annexion angesehen und deswegen contra-russisch beurteilt.[10]

Die Einstellung und der Konflikt zu/mit der russischsprachigen Bevölkerung werden auch durch die damalige Sprachenpoltik der Sowjetunion beeinflusst bzw. verstärkt. In 61 Jahren unter sowjetischer Herrschaft wurde die rumänische Sprache weiteren Veränderungen untergezogen, wobei die Schriftsprache von der lateinischen auf kyrillische Schrift umgestellt und als Moldawisch bezeichnet wurde. Zwar bezeichnet Moldawisch eine Form des Rumänischen, die in der Republik gesprochen wird, die Rumänisten verstehen jedoch die Bezeichnung als einen Angriff auf ihre Identität als Rumänen. Seit der Selbständigkeit wurde die Schriftsprache wieder auf lateinische Schrift umgestellt und grammatikalische Normen an die rumänische Sprache angepasst. Zwar bestand die Regierung von 1994 bis 2009 aus Moldowanisten, hatten die Rumänisten den Kampf in einem entscheidenden Bereich gewonnen und konnten dort ihre Definitionsgewalt bisher behalten. Obwohl die Sprache offiziell Moldawisch heißt, sind die linguistischen Normen und Regeln der rumänischen Sprache gleichgestellt.[11]

...Bei uns in Moldawien, so wie Manche in ihren Familie sprechen, heißt das noch lange nicht, dass sie richtig sprechen. Es gibt bei uns akademische Normen, in Moldawien und ich spreche nicht von Rumänien. Und diese sind anders. Aber wenn man in der Familie so spricht, dann sollen sie so sprechen. Das bedeutet, dass es für sie leichter ist so zu sprechen. Deswegen leidet meiner Meinung nach unser Volk...

Die oben aufgeführten Aussagen werden von meiner Informantin bestätigt. Die Verkehrssprache unterscheidet sich teilweise von der Amtssprache und ihren linguistischen Normen. Diesen Zustand bewertet sie sehr negativ, was ihre Einstellung zu der Umgangsprache bzw. zum moldawischen Dialekt betont.

In dieser Arbeit werde ich mit der Bezeichnung Moldawisch als eine Erscheinungsform der rumänischen Sprache bzw. als einen Dialekt definieren. Da Moldova ungefähr 160 Jahre lang unter russischer Herrschaft war, ist es anzunehmen, dass die rumänische Sprache durch die russische absichtlich und unabsichtlich verändert wurde. In der Umgangsprache finden man oft Russizismen oder wörtliche Übersetzungen russischer Ausdrücke in das Rumänische, aber auch eigenständige Wörter, die in der rumänischen Sprache nicht existieren.

Aus dem Interview ist zu entnehmen, dass meine Informantin nur teilweise eine Anhängerin des Rumänismus ist. Sie bezeichnet zwar ihre Sprache als Rumänisch, fühlt sich aber dem moldawischen Volk zugehörig. Diese Einstellung hat bedeutsame Auswirkungen auf ihren Zweispracherwerb und zu ihrer Einstellung zu der russischen Sprache.

Da meine Informantin die Richtung des totalitären Rumänismus nicht verfolgt, ist sie nicht negativ gegenüber der russischen Sprache eingestellt. Und weil ihre Einstellung nicht nur von ihrer Position im Identitätskonflikt abhängt, erweist sich dies als nur ein positiver Einflussfaktor von vielen, die im nächsten Unterkapitel behandelt werden.

Ferner ist zu erwähnen, dass Russisch in moldawischen Schulen erst ab der fünften Klasse als zweite Fremdsprache gelernt wird, im Gegensatz zu Englisch, das als erste Fremdsprache schon in der ersten Klasse gelernt werden muss. Dies unterstreicht die Sprachenpolitik der Republik, wobei die englische Sprache einen höheren Status hat, als die russische, obwohl Russisch als die zweit verbreitetste Verkehrssprache bezeichnet werden kann.

Abschließend kann man festhalten, dass der Konflikt auch bei ihr affektive Spuren hinterlassen hat, obwohl sie zu der Zeit der „Euphorie“ noch sehr klein war und obwohl sie in einer Region aufgewachsen ist, wo der prozentuelle Anteil ethnisch-rumäschen Bevölkerung viel geringer ist, als in der südlichen bzw. zentralen Region. Schon das einmalige Benutzen des Begriffs „moldawische Sprache“ rief bei ihr eine leichte Aggression und Beleidigung auf. Sie bat mich diesen Ausdruck nicht zu benutzen und ihre Reaktion nicht zu verschriftlichen.

Im folgendem Unterkapitel wird exemplarisch die aussagekräftige Lebensgeschichte meiner Informantin vorgestellt und auf diese Weise der erfolgreiche Zweispracherwerb dargestellt. Es wird zu zeigen sein, unter welchen Bedingungen sich ihr Spracherwerb vollzogen hat und welche Auswirkungen dieser auf den weiteren Biographieverlauf hatte.

4 Entwicklungspfad der Sprachen

Auf der Basis der Analyse des Interviewtextes wurden zentrale biographische Ereignisse und Ablaufstrukturen herausgearbeitet und ein Entwicklungspfad der jeweiligen Sprachen erstellt. Da es sich aber bei der Informantin um viele Sprachen handelt, werden diese von einander getrennt aufgelistet und analysiert, damit der Leser den Überblick über den Verlauf der sprachlichen Entwicklung behält. Nichtsdestotrotz ist nicht zu vergessen, dass der Entwicklungsverlauf der einzelnen Sprachen parallel verläuft und diese sich untereinander beeinflussen.

4.1 Moldawisch/Rumänisch

Der sozialstrukturelle Rahmen für das Leben meiner Informantin vor der Migration nach Rumänien ist geprägt durch die Situation der post-sowjetischen Republikbildung und des Streites zwischen den Moldowanisten und Rumänisten. Sie wächst in einer rein moldawischen Familie, wo sie bis zum Alter von drei Jahren nur Rumänisch mit ihren Eltern sowie Großeltern spricht. Jedoch unterscheidet sich die Verkehrssprache der moldawischen Bevölkerung von der Hochsprache der Rumänen. Die seit Jahrhunderten durch die russische und später sowjetische Russifizierung beeinflusste rumänische Sprache wird zur Muttersprache und Erstsprache meiner Informantin. Die rumänische Sprache ist zugleich auch ihre stärkste Sprache.

Der gesellschaftliche Identitätskonflikt sowie der Streit um die Benennung der Sprache erreicht auch sie, obwohl meine Informantin noch sehr klein ist. Auch in ihrer Familie wird ständig diskutiert wer sie nun seien und welche Sprache sie sprechen. Es ist ungewiss welche Position dabei der Vater bzw. die Mutter eingenommen hatte, das Ergebnis ist jedoch offensichtlich: Sie bezeichnet ihre Muttersprache als einen moldawischen Dialekt der rumänischen Sprache.

...Nur Rumänisch.. Moldawischer Dialekt..

Es ist anzunehmen, dass die Familiensprache reines Moldawisch, also mit sehr wenigen Russizismen, ist, weil beide Elternteile einen Hochschulabschluss haben. Hier ist die Mutter, zu der meine Informantin einen sehr enges Verhältnis hat, zu erwähnen, weil diese sogar zwei Hochschulabschlüsse besitzt, von denen ein pädagogischer und ein juristischer ist. Des Weiteren ist der erfolgreiche Spracherwerb durch die Professionalisierung der Mutter im Erziehungswesen zu unterstreichen, welche auf die sprachliche Entwicklung, Sprachförderung und die Einstellung meiner Informantin einen großen Einfluss hat. Außerdem ist nicht zu vergessen, dass der Besuch eines moldawischen Kindergartens und später einer moldawischen Schule einen sehr großen Beitrag zur Förderung der rumänischen Hochsprache geleistet hat.

...Ich glaube in dieser Sprache kann ich fühlen.. Das ist wie... in einem Haus gibt es doch das Fundament? Und so ist die rumänische Sprache für mich. Vielleicht werden andere Sprachen später wichtiger für mich.. wenn ich auf Rumänisch nicht mehr so viel reden werde, aber trotzdem ist Rumänisch meine Muttersprache, meine innerste Sprache!...

Deutlich wird hier, dass Rumänisch zum Zeitpunkt des Interviews die wichtigste und bedeutendste Sprache für meine Informantin ist. Interessant ist aber auch, dass sie von der Möglichkeit ausgeht, dass in der Zukunft, die wohl wichtigste Sprache nicht mehr die gleiche Rolle in ihrem Leben spielen wird, weil andere Sprachen diese „verdrängen“ würden (vgl. S.35, Z.23). Es wird jedoch jetzt schon ersichtlich, dass dieser Prozess der „Verdrängung“ schon im Gange ist. Obwohl ihre Muttersprache die wichtigste ist, sagt meine Informantin, dass sie eine „...gleichmäßig verteilte Sympathie“ zu ihren Sprachen hat (vgl. S.36, Z.27). Dies ist aber nur ein Hinweis. Ein weiterer folgt in der Aussage, dass sowohl Rumänisch als auch Russisch „ihre“ Sprachen seien (vgl. S.40, Z.14). Dies ist einerseits mit ihrer Liebe zum russischsprachigem Freund andererseits zum geplantem Studium bzw. Umzug nach Deutschland zu erklären. Sie geht davon aus, dass sie ihre Muttersprache in Zukunft nicht mehr so oft benutzten wird, wünscht sich aber dass diese nie aus ihrem Umfeld ganz verschwindet.

Des Weiteren wird deutlich, dass die persönliche Einstellung zu ihrer Muttersprache von der gesellschaftlichen Bewertung beeinflusst wird. Nach der Migration nach Rumänien wird sie zum ersten Mal mit ihrem Dialekt konfrontiert. Hier ist die Umgebungssprache ausschließlich Rumänisch. Sie befindet sich in der Minderheit, wird wegen ihrer Aussprache von ihren Mitschülern ausgelacht und von Lehrern ständig korrigiert.

...Mein Gott! Hier spricht man so, dort so. Dort sprechen sie auch nicht soo richtig.. Aber wenn ich dort hin fahre, muss ich so sprechen wie sie. Die Gesellschaft dort unterstützt mich, ich muss nicht für die Schule bezahlen, ich respektiere sie auch. Und wenn du sie respektierst und in dieser Gesellschaft lebst, dann musst du genau so sprechen wie sie...

Es ist deutlich, dass sie ihre Umgangsprache in der Familie als „falsch“ bezeichnet und versucht sich der Gesellschaft anzupassen, indem sie ihre Sprache anpasst. Sie will sich nicht von anderen unterscheiden und sich so gut wie möglich integrieren. Wie sehr diese Einstellung von autoritären Personen abhängt, wird in der folgenden Passage deutlich.

...Die Lehrer versuchen mich zu korrigieren, nicht in böser Absicht. Sie wollen, dass ich mich besser in die Gesellschaft integriere. Wenn ich dort weiter leben will, muss ich genau so werden wie sie und mich nicht durch meine Sprache von ihnen unterscheiden, damit man mich nicht schlechter bewertet, damit man mich nicht unterscheidet. Mein Mathelehrer sagte mir, dass ich zehn mal besser als ein Rumäne sein muss, damit ich mich besser integriere. Ich habe versucht eine gute Meinung über mich zu bilden. Und sie haben eine mehr oder weniger gute Meinung über mich.., über Moldawier...

Anderssein scheint für sie ein bedeutendes Problem zu sein, was aber nicht unbedingt negativ gesehen werden muss. Interessant ist die obige Passage vor allem deshalb, weil sie zu erkennen gibt, wie die Informantin mit diesem Problem umgeht. Um sich nicht von Anderen zu unterscheiden, versucht sie die Sprache so gut wie möglich zu erlernen. In anderen Worten: Sie motiviert sich selbst. Es ist ein Schutzmechanismus, der ihr die Kraft gibt nicht aus den Interaktionssituationen zu flüchten, sondern sich immer zu beweisen und bei den Einheimischen eine gute Meinung über sich zu bilden.

Wenn meine Informantin jedoch wieder zu Hause ist, spricht sie wie gewohnt den moldawischen Dialekt mit ihren Eltern und Freunden.

[...]


[1] vgl. Buß, Stefan : Zweitspracherwerb und soziale Integration als biographische Erfahrung, in: Deutsch lernen 20/3, Baltmannsweiler 1995, S. 249

[2] vgl. Glinka, Hans-Jürgen: Das narrative Interview. Eine Einführung für Sozialpädagogen, Weinheim und München, S. 9

[3] URL:http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefault.aspx?tabID=3946&alias=wzo&lexikon=EU&letter=E&cob=4482 , Wiener Zeitung, März 2005

[4] vgl. Ihrig, Stefan: Wer sind die Moldawier? Rumänismus versus Moldowanismus in Historiographie und Schulbüchern der Republik Moldova 1991-2006, Stuttgart 2008, S. 15 ff.

[5] vgl. a.a.O. S. 128

[6] vgl. a.a.O. S. 15

[7] vgl. a.a.O. S. 17

[8] URL: http://www.statistica.md/pageview.php?l=en&id=2234&idc=295, Statistisches Amt der Republik Moldova, Punkt 7.

[9] vgl. Meurs, Wim P. van: the Bessarabian Question in Communist Historiography – Nationalist and Communist Politics and History-Writing, New York, 1994, S. 3

[10] vgl. Ihrig, Stefan: Wer sind die Moldawier? Rumänismus versus Moldowanismus in Historiographie und Schulbüchern der Republik Moldova 1991-2006, Stuttgart 2008, S. 127

[11] vgl. a.a.O. S. 53 ff.

Details

Seiten
45
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640602803
ISBN (Buch)
9783640602346
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149467
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Bildung im Kindes- und Jugendalter
Note
1,0
Schlagworte
interkulturelle pädagogik zweitspracherwerb zweisprachigkeit

Autor

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