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Kommunikationsunterschiede in Ost- und Westdeutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 23 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitende Vorbemerkung
1.1 Themenfindung und Abgrenzung
1.2 Ausgangsfragen, Hypothesenbildung und Aufbau der Arbeit

2 Bestandsaufnahme: Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland
2.1 Nonverbale Kommunikation
2.2 Kommunikationskontext
2.3 Im Wandel der Zeit: das gesprochene Wort
2.3.1 Exkurs: Differenzen zwischen Nachkriegszeit und Wende
2.3.2 Sprachwandel nach der Wende
2.3.3 Vier Phasen der Ost- Westkommunikation

3 Konsequenzen der Kommunikationsunterschiede
3.1 Begegnungen
3.2 Beziehung und Familie
3.3 Beruf
3.4 Medien
3.5 Politik

4 Abschließendes Fazit

1 Einleitende Vorbemerkung

1.1 Themenfindung und Abgrenzung

Seit elf Jahren lebe ich inzwischen in Berlin. In dieser Großstadt sind die aus der Teilung und der Vereinigung des Landes resultierenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Bevölkerung in den täglichen Begegnungen präsent wie in kaum einer anderen Region der Bundesrepublik. Mit Begeisterung belegte ich deshalb das Hauptseminar „Freiheit, Einheit und Brüderlichkeit? Deutschland 15 Jahre nach der Vereinigung“, am Otto-Suhr-Institut, um mich nun also auch wissenschaftlich mit den Fragen zu beschäftigen, die sich in diesem urbanen Schmelztiegel des alltäglichen Lebens zwischen Ost- und Westdeutschen ergeben. Bereits in einer einführenden Sitzung der Veranstaltung wurde ein Artikel des in Ostberlin geborenen Psychologen Olaf Georg Klein[1] gelesen, in dem er die These aufstellt, die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands würden aneinander vorbeireden. Begeistert kaufte ich mir gleich das Buch des Autoren zu diesem Aufsatz[2] und beschloss, mich der darin aufgearbeiteten Thematik in dieser politikwissenschaftlichen Hausarbeit anzunehmen.

Germanistik, Philologie, Kommunikationswissenschaft oder Psychologie, so könnte man denken, sind die klassischen Fachbereiche, die sich mit der hier zugrundegelegten Fragestellung beschäftigen. In der Tat erscheint ein Exkurs in diese Wissenschaftsbereiche nötig, um das Problem umfassend in seiner Komplexität zu bearbeiten. Dennoch haben die Konsequenzen, die sich aus den Ergebnissen des aktuellen Forschungsstandes ergeben, durchaus Auswirkungen auf die verschiedensten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und werden somit eben auch für einen Politologen relevant.

1.2 Ausgangsfragen, Hypothesenbildung und Aufbau der Arbeit

Grundlage dieser Arbeit ist die Annahme, dass auch 15 Jahre nach der Vereinigung Unterschiede in der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen. Zunächst möchte ich diese spezifischen Differenzen beispielsweise anhand nonverbaler Kommunikation und der Kommunikationskontexte herausarbeiten. Am Anfang steht also die Frage, worin sich die Sprache in den beiden Teilen der Bundesrepublik heute unterscheidet, und in welcher Entwicklungstendenz diese Differenzen sich bewegen. Die Konsequenzen, die sich aus dieser Bestandsaufnahme für die Menschen von der ersten Begegnung an, über private und berufliche Beziehungen hinweg bis hin zur öffentlichen Meinung und der Politik in dieser Gesellschaft ergeben, sind dann im folgenden Kapitel Untersuchungsgegenstand. Dabei soll gefragt werden, wie sich die unterschiedlichen Kommunikationsformen auswirken. Nicht zuletzt wird es darum gehen, wie wir es schaffen können, Nachteile aus den Kommunikationsunterschieden zu vermeiden und die darin liegenden Vorteile zu nutzen. Aus der Fragestellung, wie die Unterschiede in der Sprache aussehen, wozu sie führen, und wie wir damit umgehen, lässt sich also als Grundlage für diese Arbeit die Hypothese formulieren, dass die Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen nicht nur zu Problemen und Missverständnissen führen, sondern auch ein Potential zur Bereicherung unserer Gesellschaft und deren zwischenmenschlichen Beziehungen darstellen können.

2 Bestandsaufnahme: Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland

In diesem Kapitel geht es darum, zunächst einmal aufzuzeigen, worin sich die Sprache von Ost- und Westdeutschen unterscheidet. Dabei können selbstverständlich nur Tendenzen zu differenzierten Sprachgewohnheiten ohne einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erläutert werden. Diese ergeben sich aus den Traditionen der ehemals unterschiedlichen, konkurrierenden Gesellschaftssysteme und haben sich bis heute auch in einem vereinten Deutschland zum Teil gehalten oder sogar verstärkt.

2.1 Nonverbale Kommunikation

Der Mensch kommuniziert immer, auch wenn er noch gar kein Wort gesprochen hat. Kommunikationswissenschaftler behaupten, dass sich bereits innerhalb der ersten sieben Sekunden einer Begegnung entscheidet, ob sich Menschen sympathisch oder unsympathisch sind, ob ein Gespräch stattfindet, oder man sich lieber aus dem Weg geht. Mimik, Körperhaltung und -bewegungen, die Kleidung, die Haut und Frisur, der Geruch und die Ausstrahlung werden dabei wahrgenommen. Alles wird jeweils von beiden Gesprächspartnern zu einem Muster zusammengefügt, mit bisherigen Erfahrungen abgeglichen und so eine erste Einordnung des Gegenübers vorgenommen. Gleichzeitig findet eine nonverbale Interaktion statt: lächelt der andere und wenn wie, oder schaut er eher grimmig? Schaut man sich bei der Begegnung in die Augen und wie lange? Wie groß ist dabei der Abstand, den man voneinander hält? Die hier beschriebenen Kriterien führen schon innerhalb einer vertrauen Kommunikationskultur zu den unterschiedlichsten Resultaten für den weiteren Gesprächsverlauf. Zwischen Ost- und Westdeutschen existieren bereits in dieser Anfangsphase des Gesprächs teilweise deutliche, zum Teil nur nuancierte Unterschiede in den Erwartungshaltungen, Mustern und Normen.

Interesse, Zuneigung, Verletzung, Schmerz, Trauer, Ablehnung, aber auch Machtwillen, Aggression, Unsicherheit, Angst und Unterwürfigkeit: alle diese Gefühle können wir allein über unsere Augen kommunizieren. Ein erster deutlicher Kommunikationsunterschied zwischen Ost- und Westdeutschen ist die Intensität und die Länge des als „normal“ empfundenen Blickkontakts. Sowohl in geschäftlichen als auch in privaten Gesprächssituationen sind die Intervalle bei Menschen aus der westlichen Kommunikationskultur deutlich kürzer als der Blickkontakt bei Ostdeutschen. Das führt dazu, dass der längere und intensivere Blick seines ostdeutschen Gegenübers vom Westler eher als aufdringlich, prüfend und ungebührlich intim empfunden wird. Unterdessen achtet der Westdeutsche gleichzeitig mehr auf Kleidung, Frisur, die gesamte äußere Erscheinung und hält dabei seinen direkten Blickkontakt deutlich kürzer, was von seinem ostdeutschen Gesprächspartner als ausweichend, aneinander vorbeiredend, nicht wirklich ansprechend und zum Teil desinteressiert interpretiert wird.

Diese Eindrücke werden noch verstärkt durch einen unterschiedlich als „normal“ empfundenen Abstand beim Gespräch. Der Westdeutsche tendiert zu einer zwischen zehn und 30 Zentimeter größeren Körperdistanz zu seinem Gesprächspartner. Während also der Ostdeutsche diese für sein Empfinden zu große Distanz durch ein Näherrücken zu korrigieren versucht, weicht der Westler sehr schnell wieder ein bis zwei Schritte zurück, um einen angemessenen Gesprächsabstand herzustellen. Unverbindlichkeit, Distanznahme und Abweisung auf der einen Seite stehen Aufdringlichkeit, Einengung und Beklemmung als resultierende Gefühle auf der anderen Seite gegenüber.

Arroganz und Überheblichkeit einerseits, Unterwürfigkeit und Schüchternheit andererseits entstehen als erster, im späteren Gespräch oft widerlegter Eindruck durch einen weiteren nonverbalen Kommunikationsunterschied: Westdeutsche neigen dazu, den Kopf gerade und höher zu halten, das Kinn also weiter nach vorn zu strecken. Damit sollen Selbstbewusstsein, Klarheit, Zuversicht und Präsenz ausgedrückt werden, was allerdings von einem Ostdeutschen als Überheblichkeit, fehlende Sensibilität und Arroganz interpretiert wird. Diese hingegen tendieren dazu, den Kopf leicht zur Seite und mit zurückgezogenem Kinn nach unten zu neigen, um Interesse, Bereitschaft zum Zuhören und Aufmerksamkeit zu signalisieren. Die Deutung des Westdeutschen für diese Geste ist jedoch eher Passivität, Schwäche und Unterwürfigkeit.

Neben individuellen, temperamentbedingten und regionalen Eigenheiten gibt es einen weiteren signifikanten Unterschied zwischen Ost und West, nämlich die Art und Weise, einen öffentlichen Raum einzunehmen. Dabei tendiert der Westdeutsche beispielsweise zu einer höheren Geschwindigkeit bei Bewegung und Gestikulation. Dieser Ausdruck von Dynamik und Aktivität wird in Ostdeutschland jedoch eher als unangemessen hektisch empfunden. Die bedachtsame, aufmerksame und ruhigere Körpersprache des Ostlers wirkt dagegen beim Westler tendenziell langatmig und einschläfernd. Der Westdeutsche versucht den Raum zu besetzen, sei es durch eine lautere Stimme oder raumgreifende Bewegungen. Im Osten hingegen lässt man sich gegenseitig Raum. Innerhalb der jeweils eigenen Kommunikationskultur führt diese Verhaltenstendenz zu einer Ausgewogenheit. Treffen allerdings Ost und West aufeinander, führt das dazu, dass der eine den anderen regelrecht in die Ecke drängt.

Ein Klassiker der nonverbalen Kommunikationsunterschiede ist auch heute noch das Händeschütteln. Damit werden in beiden Teilen Deutschlands grundsätzlich bei der Kontaktaufnahme Höflichkeit, Respekt und Achtung ausgedrückt, allerdings in unterschiedlichen Kontexten: auf der östlichen Seite gibt man sich in der Regel bei jeder Begegnung als alltägliches Begrüßungsritual bei Freunden und Kollegen die Hand. Der Westen tendiert zu dieser Geste nur bei förmlichen Anlässen und verzichtet im Freundeskreis eher darauf.

Auch ganz spontane Berührungen bei Gesprächen, die sich im öffentlichen Raum ereignen, finden bei Ostdeutschen häufiger statt und sind wiederum Ausdruck eines unterschiedlichen Nähe- Distanzbedürfnisses auf beiden Seiten. Eine kurze Berührung an der Schulter, am Arm oder der Hand während eines Gesprächs signalisiert hier Vertrautheit, Zustimmung oder spontane Freude, während ein Westdeutscher diese Geste eher als irritierend, unpassend oder sogar als unangenehmen Übergriff empfindet und deshalb schnell seinen Arm zurückzieht.

Als letztes Beispiel für nonverbale Kommunikationsdifferenzen möchte ich an dieser Stelle die Gesprächspausen, also den unterschiedlichen Sprachrhythmus aufführen. Der Ostdeutsche neigt dazu, nach einem gedanklichen Sinnzusammenhang eine längere Pause in der Fortführung seiner Ausführungen zu machen, als der Westdeutsche. Das führt mitunter ebenfalls zu erheblichen Irritationen. Während der Westler ein längeres Schweigen als unangenehm empfindet und erwartet, dass sein Gegenüber bei einer kurzen Pause ins Gespräch einsteigt, ist eine längere Pause für den Ostler ein Ausdruck der Reflexion des Gesagten und der Aufmerksamkeit. Für ihn gebietet es die Höflichkeit zuzuhören, mitzudenken und den anderen ausreden zu lassen, was von seinem westdeutschen Gegenüber jedoch häufig als Sprachlosigkeit oder sogar Desinteresse am Gesagten interpretiert wird. Weil er die Pausen, die von dem Ostdeutschen gar nicht als solche wahrgenommen werden, nur schwer ertragen kann, führt es dazu, dass er einfach weiterredet, ohne dass der andere zu Wort kommt. Dies wiederum wird auf der anderen Seite als selbstherrlich oder rücksichtslos verstanden und als Imponiergehabe oder egoistische Selbstdarstellung ausgelegt.[3]

2.2 Kommunikationskontext

Nicht nur die nonverbale Kommunikation führt zu Missverständnissen zwischen Ost- und Westdeutschen. Beim gesprochenen Wort ist oft weniger entscheidend, was gesagt wurde, als vielmehr, wie es gemeint war. Das ergibt sich häufig aus einem intendierten Zusammenhang, der beim Gegenüber wie selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb beim Sprechen nicht mehr explizit erläutert wird. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle den Verständigungsschwierigkeiten widmen, die aus einem jeweils unterschiedlichen Kommunikationskontext des Gesagten resultieren.

Der Kontext westdeutscher Kommunikation ist tendenziell an Individualität und Erfolg orientiert, in Ostdeutschland hingegen eher an Gemeinschaft und Konsens. Beides hängt sicherlich mit der jahrzehntelangen Prägung durch das gesellschaftliche System zusammen. Der Westdeutsche tendiert dementsprechend bei der Gesprächseröffnung, die häufig nur eine banale Feststellung wie eine Wetterbeschreibung beinhaltet und weder etwas mit der eigenen Befindlichkeit des Sprechers, noch mit einem wirklich persönlichen Anliegen zu tun hat, zu einer positiven Aussage. Der Ostdeutsche möchte sich wegen seiner Gemeinschaftsorientierung nicht besonders hervorheben. Dieser Vorsatz lässt sich besonders leicht erfüllen, wenn man das Gespräch eher mit etwas Negativem beginnt.[4] Schon hier zeigt sich, warum sich das Vorurteil vom „jammernden Ossi“ und „prahlenden Wessi“ bis heute so hartnäckig hält, obwohl diese Eröffnungsrituale eines Gesprächs noch gar nichts über den weiteren Verlauf der Unterhaltung aussagen. So kann es jedoch auch durchaus passieren, dass ein Gespräch zwischen einem Ost- und Westdeutschen bereits bei der Eröffnung wegen dieses außerbewussten Kontextes stecken bleibt, da beide Seiten jeweils ihre Gesprächseinleitung verstärken, um dem anderen einen Einstieg in die Kommunikation zu ermöglichen. Das jeweils betont Positive und Negative führt dann zu einer gegenseitigen Verunsicherung oder Unbehagen beim Gegenüber.

[...]


[1] Klein, Olaf Georg (2002)

[2] Klein, Olaf Georg (2004)

[3] Vgl. dazu: Klein, Olaf Georg (2004, S. 37-56)

[4] Vgl.: Ahbe, Thomas (2004, S. 16)

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640602926
ISBN (Buch)
9783640602100
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149593
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Politsche Systeme Kommunikation Ost-West Soziologie

Autor

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