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Virtuelles Theater

Goffmans Theatermodell im Zeitalter vernetzter Internetkultur

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Abstract

Die vorliegende Arbeit analysiert den Zusammenhang zwischen kontemporären Onlineplattformen als Massenkommunikations- und Interaktionsmedien, die unter den Sammelbegriff „web 2.0“ oder „Social Software“ fallen, und dem Goffmanschen Theatermodell, welches der kanadische Soziologe in seinem Werk The Presentation of Self in Everyday Life von 1959 vorstellt. Es wird untersucht ob und in welcher Form eine solche Präsentation des Selbst und der eigenen Individualität und Identität im Kontext von kontemporären Internetanwendungen wie etwa Weblogs oder Social Networks stattfindet, und in welcher Form und mit welchen Intentionen sich agierende Nutzer im Rahmen ihrer Interaktion in solchen Netzwerken präsentieren und darstellen.

Einleitung

Das Internet und die mit ihm verbundenen technischen Möglichkeiten sind längst mehr als eine reine Ansammlung abrufbarer Informationen, die dem Nutzer mit Zugang zum digitalen Weltnetz zu jeder Zeit und an jedem Ort auf Abruf zur Verfügung stehen. Es ist mittlerweile zu einem komplex strukturierten und eng vernetzten Informations- sowie Kommunikationsapparat gewachsen, in dem Nutzer sich immer einfacher aktiv beteiligen können und zu einer immer stärker dezentralisierten Struktur des Internets beitragen, d.h. einer Struktur, die sich von wenigen zentralen Anbietern von Inhalten zu vielen interagierenden Nutzern als aktive Partizipanten bewegt.

So bieten laut Ramon (2008, 7) „die exponentielle Verbreitung moderner Informationstechnologien und die neuen Vernetzungsstrukturen im Internet [erlauben] kollektive Beziehungen, die vorher unmöglich waren“. Diese sich neu entwickelnde Struktur und Funktionsweise von Onlinemedien impliziert auch neue Wege, Möglichkeiten und Arten der Kommunikation, Interaktion und der sozialen Wechselwirkung, in der „alle sozialen Prozesse hineingezogen werden in die Strudel allgegenwärtiger kommunikationstechnischer Erreichbarkeit“ (Malsch 2005, 7) und die in vorliegender Arbeit mit speziellem Augenmerk auf die Darstellung des Selbst in der computervermittelten Interaktion und dessen Zusammenhang mit dem Goffmanschen Theater- bzw. Selbstdarstellungsmodell untersucht wird.

Neue Formen onlinevermittelter Interaktion

Will man die soziologische Relevanz und Auswirkung von virtuell vermittelter Interaktion, wie jene im Internet stattfindende analysieren, so ist eine Betrachtung der

kontemporären technischen Möglichkeiten, auf denen eine solche Interaktion basiert, kaum umgänglich. Dem vieldiskutierten Begriff „web 2.0“ kommt in dieser Thematik eine Schlüsselrolle zu, denn er ist Sammelbegriff für eine zweite Generation von

Internetanwendungen, einer sich wandelnden Struktur und einer damit einhergehenden Verlagerung von Informations- sowie Kommunikationsschwerpunkten in dieser Struktur. Generell werden im web 2.0 „Internetnutzer kreative, mitteilungsbedürftige Gestalter ihrer Sozialkontexte. In solchen sozialen Netzwerken produzierte Inhalte (User generated content) konkurrieren mit denen, die in hierarchischen Strukturen der klassischen Medien (Fernsehen, Rundfunk, Zeitung) produziert wurden.“ (Schelske 2007, 189). Dieser Gegensatz bzw. das Konkurrieren zu Strukturen konventioneller Massenmedien besteht also in der Abkehr vom „Web ,sozial isolierter Individuen“ und einer „Hinwendung zum sozialen Web sich ,aktiv Vernetzender Gemeinschaften“ (Reichert 2008, 9).

Winfried Marotzki (2008) skizziert treffend drei zentrale Phänomene, die charakteristisch für neue Internetanwendungen sind und die aktive Nutzerbeteiligung voraussetzen, wie folgt:

“(1) Kollaboration. Dazu rechne ich auch Blogging im Sinne eines gemeinsamen Schreibens und Kommentierens, (2) Sharing im Sinne des Tauschens von kulturellen Objekten sowie (3) die Transformation von der klassischen Online-Community zum «Social Networking».” (Marotzki 2008, 1)

Vor allem die sogenannten Weblogs und Social Networks, auf welche sich Punkt 1 bzw. 3 beziehen, sind für vorliegende Analyse von zentraler Relevanz, da besonders sie nicht nur Ort stark dezentraler bzw. nutzerorientierter Partizipation sind, sondern des Weiteren eine ideale Plattform zur Präsentation des eigenen Selbst - also zur Selbstdarstellung - bieten.

Weblogs sind im Wesentlichen die Fortführung und neue Generation der persönlichen Homepage, haben aber vor allem in letzten Jahren nicht zuletzt wegen der erleichterten

Zugänglichkeit und Bedienbarkeit enorm an Popularität und Dynamik gewonnen. So stellt die Rückmeldung auf veröffentlichte Blogeinträge, technische Funktionen wie das Abonnieren und die starke Verlinkung zu Inhalten anderer Blogbetreiber oder Seiten und der dadurch entstehende Kommunikations- und Darstellungsraum den Kern des sozialen Interaktionscharakters dieser Anwendung dar. Laut Katzenbach (2008, 141) „erwarten Weblog-Nutzer etwa, dass in Weblog Kommunikationen der Autor als Subjekt in seinem individuellen Lebensumfeld erkennbar wird“ und dass deshalb „vermehrt persönliche Erfahrungen und Kontextierungen von gesellschaftlichen Fragen in individuelle Lebenswelten Eingang in mediale Öffentlichkeiten finden“, also eine Verknüpfung der „Mikroebene der individuellen Artikulation und Rezeption“ (Katzenbach 2008, 141) mit der Makroebene der Öffentlichkeit stattfindet, in der der Nutzer Raum zur Darstellung des Selbst findet.

Eine solche Verknüpfung konstituiert auch grundlegend das Phänomen der Social Networks, welche man mittlerweile durchaus zum Massenmedium zählen darf (so verzeichnet beispielsweise Facebook als eines der populärsten Social Networks über 350 Millionen aktive Nutzer (Zuckerberg, 2009)). Diese Online Communities sind, wie viele Plattformen die unter dem Sammelbegriff web 2.0 die aktive Partizipation und Interaktion des einzelnen Nutzers unterstreichen, gekennzeichnet von „der Kommunikationsform ,many to many‘, das bedeutet, dass die Teilnehmer prinzipiell gleichberechtigt an der Kommunikation partizipieren können.“ (Wiesinger 2008, 1). Dies läuft rein formell gesehen, um beim Beispiel Facebook zu bleiben, etwa folgendermaßen ab:

„Users create a self-descriptive profile tied to their real names on Facebook. Here they fill in personal information, contact information, interests- and preference lists, upload photographs and so on ... users also get access to each other’s profile when they become Friends. This allows one to see the person’s photographs, information about the person and so forth.“ (Skinstad 2008, 2)

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783640604968
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149686
Institution / Hochschule
Libera Università di Bolzano
Note
Schlagworte
Soziologie Goffman Theatermodell Internet Web Social Software Social Network Facebook Web 2.0 digitale Medien Kommunikation

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Titel: Virtuelles Theater