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Mittendrin statt nur dabei?

Eine qualitative Befragung zum Nähe-Distanz-Problem im Sport- und Politikjournalismus.

Magisterarbeit 2009 134 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nähe und Distanz im Journalismus - Eine Annäherung
2.1 Objektivität im Journalismus
2.2 Das Nähe-Distanz-Problem aus systembezogener Perspektive
2.3 Das Nähe-Distanz-Problem aus akteursbezogener Perspektive
2.4 Nähe und Distanz im Sportjournalismus
2.4.1 Entstehung und Entwicklung des Sportressorts in der Tagespresse
2.4.2 Einflüsse auf Nähe und Distanz im Sportressort
2.4.3 Das Nähe-Distanz-Problem im Alltag der Sportjournalisten
2.5 Nähe und Distanz im Politikjournalismus
2.5.1 Entstehung und Entwicklung des Politikressorts in der Tagespresse
2.5.2 Einflüsse auf Nähe und Distanz im Politikressort
2.5.3 Das Nähe-Distanz-Problem im Alltag der Politikjournalisten
2.6 Zwischenfazit

3. Empirische Untersuchung
3.1 Forschungsfragen
3.2 Untersuchungsdesign der Fallstudie

4. Ergebnispräsentation
4.1 Hobby und Beruf - Die Verbindung zum Berichterstattungsgegenstand
4.2 Seitenwechsel: Einflüsse der eigenen Biographie im Journalistenalltag
4.3 Balanceakt: Die Nähe zu den Aktiven
4.4 Kumpel Sportjournalist? Die Kumpanei-Vorwürfe
4.5 Nähe: Chancen und Probleme
4.6 Informelle Informanten - Ihre Bedeutung im Alltag
4.7 Kontaktpflege - Der Einfluss auf die Arbeit
4.8 Auf Augenhöhe: Die Position des Journalisten
4.9 Die Spielregeln: Kodizes für den Umgang mit Aktiven
4.10 Die objektive Berichterstattung - Anspruch und Wirklichkeit

5. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

„Mittendrin statt nur dabei“ - 71.200 Treffer ergibt die Google-Suche derzeit nach diesem Slogan, mit dem unter anderem das Deutsche Sportfernsehen (DSF) für Unabhängigkeit, Kompetenz und Zuverlässigkeit wirbt (vgl. [1]). Mit­tendrin zu sein, ist offenbar „in“. Mittendrin zu sein, das verspricht exklusive In­formationen, echte Emotionen, hohes Prestige und damit einen Vorsprung vor den anderen Journalisten und Medien, die eben „nur“ dabei sind. Wer mittendrin ist im Geschehen, der hat einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Doch welcher Eintrittspreis ist dafür zu zahlen? Welche Zugeständnisse machen die Journalis­ten? Welche Probleme bekommen sie? Und wie unabhängig bleiben sie, wenn sie „mittendrin statt nur dabei“ sind? Fragen, auf die das DSF keine Antworten auf seiner Website gibt. Fragen, die sich aber jeder Journalist stellen muss. Denn dahinter steckt ein Problem, das dem Journalismus - unabhängig von Ressort oder Medium - per se immanent ist: das Nähe-Distanz-Problem. Journalisten benötigen jeden Tag Informationen, die sie sammeln, selektieren, bearbeiten und veröffentlichen müssen, um die Aufgabe des Journalismussystems zu erfüllen (vgl. Weischenberg 1994a: 429). Eine gewisse Nähe zum Berichterstattungsge­genstand ist dafür also notwendig. Journalisten dürfen demnach durchaus mit­tendrin sein. Gleichzeitig aber müssen Journalisten so objektiv wie möglich sein, denn erst das Streben nach Objektivität und Überparteilichkeit unterscheidet sie von Schriftstellern oder Pressesprechern. Eine gewisse Distanz zum Berichter­stattungsgegenstand ist dafür also ebenso notwendig. DSF-externe Journalisten müssen, so scheint es, in ihrer alltäglichen Arbeit eine Balance finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen „mittendrin“ und „dabei“.

Wie ihnen dieser Balanceakt gelingt, wie viel Nähe und Distanz zum Berichter­stattungsgegenstand sie zulassen, wie „in“ es tatsächlich ist, „mittendrin“ zu sein, welche Chancen und Probleme dies mit sich bringt, welchen (systemischen) Zwängen und Einflüssen die Journalisten per se ausgesetzt sind, welche Rolle Kumpaneien und informelle Quellen im Arbeitsalltag spielen und welches Maß an Objektivität sie in ihrem Handeln anstreben, soll in dieser Arbeit in Theorie und Praxis, mit Hilfe einer qualitativen, leitfadengestützten Befragung, untersucht werden. Dies soll, nach einer allgemeinen Darstellung des Nähe-Distanz­Problems im Journalismus, vor allem am Beispiel von Sport- und Politikjournalis­ten bei deutschen Regionalzeitungen geschehen.

Dass ein Vergleich dieser beiden Ressorts, die auf den ersten Blick zwei Extreme darstellen, plausibel ist, verdeutlicht sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die öffentliche Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz: Werden Kumpa­neien und Distanzlosigkeit zum Berichterstattungsgegenstand thematisiert, dann

dienen zumeist Sportjournalisten im Allgemeinen oder prominente Duz-Brüder wie Waldemar Hartman im Speziellen als Negativbeispiele. Große Sportkommu­nikatorstudien von Weischenberg, Görner oder Frütel konstatieren ebenso wie kleinere Studien von Ludwig oder Fleischmann verschiedene Nähe-Distanz­Probleme in der Branche, auch in den Medien[1] wird dies immer wieder aufgegrif­fen. Doch bei allen Vorwürfen fällt auf: Nähe-Distanz-Probleme stehen weder in der Theorie noch in empirischen Studien im Mittelpunkt des Forschungsinteres­ses, sondern werden eher „nebenbei“ ermittelt. Ohne auf vergleichbare Daten für Politikjournalisten zurückgreifen zu können, wird dabei ebenso „nebenbei“ mehr­fach ein Vergleich zu den Redakteuren aus diesem Ressort gezogen. Politikjour­nalisten dienen, ohne dass es belegt wird, häufig als Gegenbeispiel zu den Kol­legen aus dem Sportressort. So stellen Weischenberg und Görner ohne weiteren Verweis eine große persönliche Nähe der Sportredakteure zum Berichterstat­tungsgegenstand fest, die Politikredakteuren ihrer Argumentation nach fremd ist: Während Görner rhetorisch fragt: „Welcher politische Redakteur wird von Kin­desbeinen als Mitglied einer politischen Partei hinter dem Rednerpult gestanden [...] haben? In der Regel keiner.“ (Görner 1995: 208), vermutet Weischenberg:

„Eine Distanz zwischen Journalist und journalistischer Umwelt [...] ist im Falle des Sportjournalismus [...] nicht vorhanden. Wohl nur wenige politische Redakteure ver­fügen über praktische Erfahrungen in der Politik [. ]. Die meisten der befragten Sportjournalisten aber haben sogar Erfahrungen als Leistungssportler.“ (Weischen­berg 1978: 283)

Weischenberg konstatiert außerdem, dass Sportjournalisten wegen der Unterhal­tungsfunktion ihrer Berichterstattung mehr als die Kollegen auf Hintergrundinfor­mationen angewiesen sind und deshalb einen intensiveren Kontakt zu den Akti­ven suchen und mit ihnen kumpanieren müssen (vgl. Weischenberg 1978: 277). Ebenso argumentiert beispielsweise Frütel - ohne Verweis auf entsprechende Ergebnisse (Frütel 2005: 177). Werden hingegen die wenigen (Fall-)Studien der Politikkommunikatorforschung, die Nähe-Distanz-Verhältnisse thematisieren, berücksichtigt, sind - wie zu zeigen sein wird - die genannten Argumentationen und die implizit geäußerte Vorbildfunktion der Politikjournalisten zumindest teil­weise zu bezweifeln. Weil bisher die entsprechenden Daten fehlen, sollen im Rahmen dieser Arbeit in einer Fallstudie die Nähe-Distanz-Probleme, die es in beiden Ressorts per se gibt, und deren Bewältigung in Sport- und Politikjourna­lismus miteinander verglichen werden. Ziel ist es also, diesen Vergleich unter den genannten Gesichtspunkten auf eine empirische Untersuchung zu stützen.

Um dieses, dem Journalismus immanente, in der Wissenschaft jedoch oft nur am Rande behandelte Thema möglichst umfassend darzustellen, wird der Fallstudie ein theoretischer Abschnitt vorangestellt. Dabei wird zunächst eine theoretische Annäherung an das Nähe-Distanz-Problem vorgenommen, die auf der Makro­ebene beginnt und sich immer weiter verengt[2]: Weil die Bedingung für Nähe­Distanz-Konflikte die vom Journalisten erwartete Objektivität ist, soll zunächst dargestellt werden, wie diese definiert und ob sie tatsächlich von den Journalis­ten umgesetzt werden kann. Anschließend soll das Nähe-Distanz-Verhältnis zwi­schen Journalisten und Berichterstattungsgegenstand/-subjekt auf systemtheore­tischer Ebene analysiert werden. Dabei wird verdeutlicht, inwiefern entsprechen­de Konflikte systemimmanent und entsprechend personenunabhängig sind. Schließlich soll danach der Einfluss thematisiert werden, den Journalisten auf Akteursebene auf Nähe-Distanz-Probleme trotz der systemischen Zwänge noch haben. Hierbei werden Rollenselbstbilder und deren Bedeutung für Nähe­Distanz-Verhältnisse dargestellt. Nach diesem Schritt soll die Vergleichbarkeit der beiden Ressorts gewährleistet sein, sodass im Folgenden konkret auf Nähe und Distanz im Sport- und Politikjournalismus eingegangen werden kann.

Hierfür wird, jeweils in eigenen Unterkapiteln, die historische Entwicklung der Ressorts nachgezeichnet, um mögliche Ursachen von Nähe-Distanz-Konflikten zu beschreiben. Anschließend sollen jeweils Spezifika dargestellt werden, die das Nähe-Distanz-Problem im jeweiligen Ressort beeinflussen (können). Hier wird zwischen personen-, massenkommunikations-, medien- und spartenspezifi­schen sowie medienexternen Einflüssen unterschieden. Abgeschlossen werden Sport- und Politikjournalismus-Kapitel von der konkreten Darstellung von Nähe­Distanz-Problemen im Alltag der Redakteure. Hierbei wird also, den Forschungs­stand reflektierend, versucht, einen Ist-Zustand zu beschreiben und damit auf die Fallstudie dieser Arbeit hinzuleiten.

Der empirische Teil dieser Arbeit wird durch eine qualitative Befragung von fünf Politik- und sechs Sportjournalisten, die als Redakteure bei regionalen Tageszei­tungen in Deutschland arbeiten, bestimmt. Der Abschnitt beginnt zunächst mit der Vorstellung der zehn Forschungsfragen, die sich aus der theoretischen Aus­einandersetzung ergeben, sowie einer näheren Einführung in das Methodende­sign. Im vierten Kapitel wird die Auswertung der Leitfadeninterviews - analog zu den Forschungsfragen - in zehn Unterkapiteln präsentiert, um die Ergebnisse übersichtlich darzustellen. Abschließend folgt das Schlusskapitel, das einerseits die wichtigsten Resultate zusammenfasst und gegebenenfalls in den For­schungskontext einordnet, andererseits auch einen Ausblick auf Forschungsmög­lichkeiten gibt und eine Methodenkritik beinhaltet.

2. Nähe und Distanz im Journalismus - Eine Annäherung

Die Balance zwischen Nähe und Distanz ist ein wesentliches Element des jour­nalistischen Alltags, das gleichwohl in der wissenschaftlichen Forschung eine unwesentliche Rolle spielt. Konkrete Analysen sind auf empirischer wie theoreti­scher Ebene rar. Im folgenden Kapitel soll daher eine schrittweise Annäherung an dieses Thema folgen: So wird zunächst die journalistische Objektivität thema­tisiert, denn der Anspruch der Journalisten und an die Journalisten, objektiv zu berichten, bildet die Grundlage für Nähe-Distanz-Konflikte. Anschließend soll das Problem aus akteur- und systembezogener Perspektive dargestellt werden. Im zweiten Abschnitt des theoretischen Teils soll eine spezifische Auseinanderset­zung mit dem Nähe-Distanz-Problem in Sport- und Politikjournalismus folgen.

2.1 Objektivität im Journalismus

Die Realität genauso abbilden, „wie sie ist“ - dieses Ziel verfolgen nach Ergeb­nissen von Scholl und Weischenberg zwei Drittel der Journalisten (vgl. Scholl/ Weischenberg 1998: 178). Was in der Wissenschaft bezweifelt wird, gilt also in den Redaktionskreisen häufig als Usus: Der Journalist hat den Anspruch, objektiv zu sein, und erst dieser Anspruch führt zu Problemen mit Nähe und Distanz in dem Beruf. Gäbe es diese Erwartung an die journalistische Rolle nicht, müsste die Frage nach zu großer Nähe, nach Kumpanei und Verbundenheit zum Berich­terstattungsgegenstand nicht gestellt werden. Doch was ist Objektivität? Und inwiefern können Journalisten dem geäußerten Anspruch gerecht werden? Eine einheitliche Definition ist in der Wissenschaft nicht zu finden. So stellt beispiels­weise Jantos, der sich mit der Objektivitätsdebatte in seiner Magisterarbeit be­schäftigt hat, fest, dass zunächst zwei grundlegend verschiedene Definitionen zu unterscheiden sind: einerseits Objektivität im Sinne von Wahrheit hinter den Fak­ten, also der Suche nach der Realität, und andererseits Objektivität im Sinne von Überparteilichkeit (vgl. Jantos 2004: 26). Soll die Machbarkeit von Objektivität diskutiert werden, erscheint diese Differenzierung essenziell. Denn bei dem erst­genannten Definitionsansatz, der offenbar dem Ziel der Journalisten entspricht, ist nach dem Referenzwert zu fragen. So stellt Jantos fest, dass die Realität nicht messbar ist, dies aber für den Vergleich mit der in den Medien dargestellten Rea­lität notwendig wäre (vgl. Jantos 2004: 31 ff.). Auch Weischenberg erklärt: „Für die Wirklichkeit gibt es keine Referenzinstanz [...].“ (Weischenberg 1998: 223). Allerdings konstatiert er einen Konsens über Wirklichkeitsbezüge des Journalis­mus, die das System überhaupt von anderen Kommunikationssystemen der Ge­sellschaft - etwa dem Literatursystem - unterscheidet. Diese Referenz aber wird selbst konstruiert, beispielsweise anhand der Glaubwürdigkeit von Medien und Journalisten (Vgl. Weischenberg 1998: 223). Weischenberg verweist in diesem Zusammenhang auf empirische Ergebnisse zur menschlichen Wahrnehmung: Demnach können mit dem Nervensystem alleine keine Wahrnehmungen verar­beitet werden. Erst nach Verarbeitungsprozessen entsteht das Bewusstsein, erst dann erlangen Wahrnehmungen einen Sinn. Die Realität wird demnach nicht abgebildet, sondern konstruiert. Die Wirklichkeitskonstruktionen sind damit also stets subjektiv - wenn auch nicht willkürlich, da diese auf sozialen Erfahrungen beruhen und entsprechend abgesichert sind (Vgl. Weischenberg 1998: 218f.). Entsprechend muss eine Berichterstattung, die wie jede Kommunikation immer auch von subjektiven Selektionsprozessen und situativen Zwängen abhängig ist, nicht automatisch subjektiv sein (vgl. u.a. Bentele 1994: 304). Donsbach betont, dass es sich bei der Frage nach subjektiver oder objektiver Berichterstattung nicht um eine „Entweder-oder“-Situation handelt, sondern um eine „Mehr-oder- weniger“-Situation (vgl. Donsbach 2008: 154). Journalisten sollten, so betont Weischenberg, bei der Konstruktion von (Medien-)Realität eine „möglichst weit­gehende Annäherung an die Ereignisse“ anstreben (vgl. Weischenberg 1994a: 427, vgl. dazu auch Bentele 1994: 307). Die Herangehensweise, Objektivität im Sinne einer Abbildung von Wahrheit respektive Realität zu betrachten, ist ent­sprechend wenig hilfreich. Einen kritischen Objektivitätsbegriff, der für Journalis­ten erfüllbar ist, definiert Bentele vor diesem Hintergrund so:

„Objektiv soll eine Berichterstattung dann heißen, wenn sie „objektgemäß“ ist, d.h., wenn die Berichterstattung die zu berichtenden Sachverhalte so richtig, vollständig und präzise wie möglich darstellt. Objektive Berichterstattung vereinfacht (wie jede Beschreibung von Welt) die entsprechenden Sachverhalte teilweise extrem, ohne sie jedoch zu verfälschen.“ (Bentele 1994: 309)

Hier wird der zweite Definitionsansatz deutlich: Objektivität im Sinne von Über­parteilichkeit. Bentele bezieht sich dabei auf die mediale Präsentation der Ge­schehnisse, die nach seinem Verständnis objektiv sein kann. Jantos kategorisiert diesen Ansatz als Darstellungs-bezogen[3]. So sollte einem Bericht über einen

Parteitag nach Benteles Objektivitätsanspruch nicht anzumerken sein, welcher politischen Richtung der Verfasser selbst nahe steht; relevante Tatsachen müs­sen wiedergegeben werden (vgl. Bentele 1994: 308). Umfassende und richtige Information ist demnach die Essenz der Objektivitätsnorm, die eine konstituie­rende Rolle in der demokratischen Gesellschaft spielt (vgl. Bentele 1994: 297). Zu erfüllen ist diese Norm von den Medien als Ganzes, die laut Verfassungsge­richt eine umfassende und vielfältige Versorgung mit Informationen anbieten müssen (vgl. Müller-Schöll/Ruß-Mohl 1994: 277). Der einzelne Journalist hinge­gen kann nach ihrer Darstellung keine objektive Darstellung gewährleisten:

„Auch wenn sich die Journalisten nach eigenem Bekunden einer objektiven Darstel­lung von Sachverhalten verpflichtet fühlen, ist nicht anzunehmen, daß sie diesem ei­genen Anspruch je individuell, als Einzelperson, gerecht werden können [...].“ (Mül­ler-Schöll, Ulrich/ Ruß-Mohl 1994: 277)

Auch Weischenberg macht eine Ethik auf Professionsebene geltend, die im All­gemeinen gewisse Standards hinsichtlich der Darstellung in den Medien setzt, beispielsweise die Trennung von Nachricht und Kommentar (vgl. Weischenberg 1998: 212f.). Nichtsdestotrotz wird dem Einzelnen, wie das genannte Beispiel der Parteitag-Berichterstattung zeigt, ein gewisser Handlungsspielraum und eine Verantwortung für eine möglichst objektive Berichterstattung attestiert. Wei- schenberg verweist vor diesem Hintergrund auf die Ergebnisse des Biologen Humberto Maturana, der zwei Arten von Objektivität unterscheit: die absolute und die relative Objektivität des Wirklichkeit konstruierenden Beobachters. Letztere ist die Objektivität, an der sich Journalisten messen lassen müssten (Vgl. Wei- schenberg 1998: 219). Daraus folgt, dass letztlich jeder, auch der Journalist für seine Wirklichkeitskonstruktionen, seine relative Objektivität, verantwortlich ist - wenngleich sie stark von Systemzwängen[4] und professionellen Standards ge­prägt wird (Vgl. Weischenberg 1998: 219f.).

Moralische Entscheidungen werden demnach nicht auf der Grundlage von objek­tiven, realen Kriterien bestimmt, sondern vor dem Hintergrund subjektiver Krite­rien und deren in sozialen Kontexten erworbenen Bedeutungen. Immer sind da­bei die Systembedingungen und die Bedingungen, die sich aus Vernetzungen von Systemen ergeben, zu berücksichtigen (Vgl. Weischenberg 1998: 222). Das heißt, dass ein Journalist in seinem Handeln durchaus Entscheidungen treffen kann, die für andere, beispielsweise für systemexterne Personen problematisch sind, die er selbst aber mit seinen Objektivitätsansprüchen vereinbaren kann. Es existiert kein objektiver Methodenkatalog, mit dem das Handeln der Journalisten auf Objektivität überprüft und bewertet werden kann (vgl. Jantos 2004: 34f.).

Im Alltag gilt es daher, so Weischenberg, einer objektiven journalistischen Arbeit, die eine objektive Berichterstattung beinhaltet, möglichst nahe zu kommen und damit auch die existenziell wichtige Glaubwürdigkeit des Journalismus zu wahren (vgl. Weischenberg 1998: 171). Konkreter definiert Bentele eine Objektivitäts­norm, die der einzelne Redakteur in seinem beruflichen Handeln anhand von Lehrbuch-Regeln umsetzen kann. Dabei werden Wahrheit, Vollständigkeit, Tren­nung von Nachricht und Kommentar, Transparenz, Gefühlsvermeidung, Neutrali­tät, Vermeidung von Meinungsverzerrung sowie eine angemessene Strukturie­rung und Gewichtung von Themen postuliert (Vgl. Bentele 1994: 307). Zwar wer­den hier einige Schlagworte genannt, aber die Frage, inwiefern die Kriterien messbar sind, wird offen gelassen - ebenso die Umsetzung und Konkretisierung der Regeln. Und so betont beispielsweise Wild, dass Anleitungen zum Erreichen von Objektivität nur als Richtlinien zu verstehen seien, weil es nicht den einen Weg gebe, keine absolute Norm (vgl. Wild 1990: 202). Dies liegt nicht zuletzt auch darin begründet, dass nicht an jeden Journalisten immer die gleichen Ob­jektivitätsansprüche gestellt werden. So differenziert Bentele beispielsweise zwi­schen dem Verfassen einer Nachricht und dem Verfassen eines Kommentars:

„Grundsätzlich ist festzustellen, daß die Objektivitätsforderung nur für die „darstellen­den“, nicht aber für die interpretierenden, bewertenden oder präskriptiven Textteile der Journalisten gelten kann.“ (Bentele 1994: 305).

Darüberhinaus argumentiert Bentele, dass das Objektivitätspostulat nicht für alle Bereiche des Journalismus in gleicher Weise gelten kann: Demnach ist bei­spielsweise im Sportjournalismus mitunter eine gewisse Emotionalität und damit Subjektivität erwünscht, während im Politikjournalismus objektive Berichterstat­tung eher gefordert wäre (vgl. Bentele 1994: 305).

An dieser Stelle ist eine weitere Unterscheidung zwischen den verschiedenen Definitionsansätzen von Objektivität zu treffen: der zwischen der o.g. und von Bentele thematisierten Objektivität der Darstellung sowie der Journalisten­bezogenen Objektivität der Handlung. Hierbei ist anzunehmen, dass beides nicht zwangsläufig aneinander gekoppelt ist: So kann ein Journalist zwar, wie bei­spielsweise von Bentele beschrieben, die Darstellungs-bezogene Objektivität in einem Kommentar aufgeben. In seinen Handlungen, die ihn zu diesem Kommen­tar gebracht haben, sollte er sich aber um eine größtmögliche Objektivität bemü­hen - unabhängig auch von dem Berichterstattungsgegenstand. Eine Unter­scheidung zwischen Objektivität im Verfahren, von Jantos als Journalisten­bezogener Ansatz kategorisiert (vgl. Jantos 2004: 30ff.), und Objektivität in der Darstellung respektive im Produkt erscheint daher plausibel (vgl. dazu auch Wild 1990: 204).

Zusammenfassend ist festzustellen, dass bei der Annäherung an Objektivität immer wieder das Problem der Messbarkeit auftaucht. Sowohl die Realität „wie sie ist“ als auch die Arbeit des Journalisten kann nicht gemessen und als Refe­renzwert herangezogen werden. Anders sieht dies bei der Objektivität der Dar­stellung aus - ob ein Artikel überparteilich ist, kann durchaus überprüft werden. Allerdings wird hier nicht die Nähe des Berichteten zur Realität gemessen, son­dern lediglich die Überparteilichkeit (vgl. auch Jantos 2004: 35ff.). Alle Annähe­rungsversuche an den Objektivitätsbegriff, der im Selbstbild und im Alltag der Journalisten eine große Rolle spielt, haben Schwächen - eine letztgültige Defini­tion von Objektivität scheint, zumal im Rahmen dieser Magisterarbeit, nicht mög­lich. Entsprechend ist es für die Journalisten auch nicht möglich, die Objektivi­tätsnorm zu erfüllen und eine objektive Berichterstattung abzuliefern. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass beispielsweise an Sport- und Politikjour­nalisten mitunter keine einheitlichen Ansprüche - bezüglich der Objektivität der Darstellung - gestellt werden. Die dargestellten Ansätze und die Ansprüche der Journalisten zeigen aber, dass Objektivität angestrebt wird und werden soll - obwohl allgemein unklar ist, was dies überhaupt bedeutet. Wegen der besseren Überprüfbarkeit und der größeren Praxisnähe, soll in dieser Arbeit ein Objektivi­tätsbegriff zugrunde gelegt werden, der Objektivität im Sinne von Überparteilich­keit - in Darstellung und im Verfahren - definiert. Im Zusammenhang mit dem Nähe-Distanz-Problem kann so empirisch überprüft werden, welche Konflikte sich - im Einzelfall - vor dem Hintergrund dieses Objektivitätsstrebens und den damit zusammenhängenden, moralischen Entscheidungen ergeben.

2.2 Das Nähe-Distanz-Problem aus systembezogener Perspektive

Von einer individuumzentrierten Journalismusforschung Mitte des 20. Jahrhun­derts ging der Weg in Richtung einer systemischen Betrachtung des For­schungsgegenstandes. Der Journalismus wird folglich mittlerweile in der Regel nicht mehr auf einzelne Personen oder die Addition derselben beschränkt, son­dern als - funktionales - System erfasst, das komplex strukturiert und mit ande­ren sozialen Systemen vernetzt ist (Vgl. u.a. Frütel 2005: 30; Weischenberg 1994a: 428). Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die journalistische Aussagenentstehung systematisiert. Sie beruht nicht mehr auf individuellen Leis­tungen, sondern ist in erster Linie das Ergebnis von Handlungen in einem syste­mischen Kontext (Vgl. Weischenberg 1994b: 232; Weischenberg 1994a: 432). Journalistisches Handeln ist also nicht als individuelles Handeln zu analysieren, sondern stets vor dem Hintergrund systemischer Bedingungen zu sehen. Der Umgang mit Nähe und Distanz im Journalismus ist folglich nicht zu verstehen, wenn der Untersuchungsansatz auf die akteursspezifische Ebene beschränkt bleibt - im Gegenteil: Betrachtet man das Nähe-Distanz-Thema aus systemtheo­retischer Sicht, wird deutlich, dass es sich um ein Problem handelt, das dem Journalismussystem insgesamt immanent ist[5].

Deutlich wird dies bereits dadurch, dass der Kontakt zwischen Journalist und Informant nicht willkürlich stattfindet, sondern aus einem systemischen Kontext heraus: Ein Handelnder des Journalismussystems kommuniziert mit einem Han­delnden eines anderen Sozialen Systems, das der Umwelt des Journalismussys­tems zuzurechnen ist. Das geschieht, weil beide Systeme miteinander kommuni­zieren müssen. Dies wird deutlich, wenn bedacht wird, dass die Systeme in einer ausdifferenzierten, modernen Gesellschaft[6] stets eine Funktion erfüllen müssen, um damit gesellschaftliche Probleme zu lösen und sich selbst zu erhalten. Dabei arbeiten die Systeme, die allein auf die Erfüllung ihres Systemzweckes hin struk­turiert sind, weitgehend selbstreferentiell und autopoietisch, jedoch nicht komplett unabhängig von anderen Funktionssystemen - alle Systeme sind vielmehr durch strukturelle Kopplungen miteinander verbunden. Ein System kann dadurch ein anderes System indirekt beeinflussen, indem es Irritationen auslöst. Dies ge­schieht wiederum, um die eigene Systemfunktion zu erfüllen (Vgl. u.a. Meier 2007: 28f., Weischenberg 1978: 26ff.).

Das System Journalismus hat sich in erster Linie entwickelt, um die sich weiter differenzierende Gesellschaft zu integrieren. Dies geschieht durch die Selbstbeo­bachtung der Gesellschaft, die der Journalismus leistet (Vgl. Altmeppen/Löffel­holz 1998: 99). Seine Systemaufgabe ist es folglich, aktuelle Informationsange­bote aus diversen Sozialen Systemen zu sammeln, zu selektieren, zu bearbeiten und dann den anderen Systemen wieder zur Verfügung zu stellen[7] (Vgl. Wei- schenberg 1994a: 429). Für diese Aufgabe werden dem Journalismus einige Funktionen zugewiesen - u.a. die Information, Kritik und Kontrolle, aber auch Bildung, Lebenshilfe oder Unterhaltung (vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998: 99).

Das Journalismussystem muss also mit anderen Sozialen System - unter ande­rem dem Sport- und Politik-, aber beispielsweise auch dem Wirtschaftssystem - kommunizieren, wenn es seine Funktion erfüllen und damit sich selbst erhalten will. Interaktion mit anderen (Sub-)Systemen - und damit auch die Vorausset­zung für Nähe - ist also per se vorgesehen und nicht individuell gesteuert.

Dies gilt umso mehr, als dass auch zahlreiche Soziale Systeme auf die Leistung des Journalismussystems, Öffentlichkeit herzustellen, angewiesen sind. Das be­trifft in erster Linie solche Systeme, die die Vermittlungstätigkeit des Journalis­mus benötigen, um der Gesamtbevölkerung den Zugang zu ihren Leistungen und Funktionen zu ermöglichen. Während diese Inklusion beispielsweise im Schul­oder Gesundheitssystem im kleinen, nicht-öffentlichen Kreis über Publikums- und Leistungsrollen, in diesen Beispielen Schüler/Lehrer und Patient/Arzt, geschieht, erfolgt sie sowohl im Politik- als auch im Sportsystem durch die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit. Das liegt darin begründet, dass beide Systeme stan­dardisierte Leistungen für ein Massenpublikum anbieten, das auf persönlicher Ebene nicht erreicht werden kann (Vgl. Meier 2007: 32f.).

Es besteht also eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen Sport- und Politiksys­tem auf der einen und Journalismussystem auf der anderen Seite. Kommunikati­on ist, auf Systemebene, entsprechend ebenso unverzichtbar wie die Nähe der Systeme. Denn will ein System ein anderes irritieren und von ihm wahrgenom­men werden, muss es sich auf die „Sprache“, die Leitdifferenz beziehungsweise den binären Code des anderen einlassen: Diese entscheidet, welche Themen im System behandelt werden und wo die Systemgrenzen zur Umwelt gezogen wer­den (vgl. Weischenberg 1978: 26ff., Meier 2007: 29). Hinsichtlich der Leitdiffe­renz des journalistischen Systems gibt es in der Wissenschaft verschiedene Vor­schläge, beispielsweise Information/Nicht-Information oder auch aktuell/nicht­aktuell. Will also das Sport- oder Politiksystem im Journalismussystem wahrge­nommen werden, muss es Informationen respektive aktuelle Ereignisse bieten oder inszenieren (Vgl. Meier 2007: 29ff.) - und die Irritation ist programmiert. Nähe ist also in hohem Maße bereits auf strukturelle Kopplungen der Systeme zurückzuführen; der Kontakt unterliegt der Systemlogik, ohne dass ein Handeln­der des Journalismussystems große Einflussmöglichkeiten hat.

Personen tauchen, wie bereits angedeutet, in der Systemtheorie nicht als Indivi­duen auf, sondern werden über Status[8] und Rolle in ein Soziales System integ­riert (vgl. u.a. Weischenberg 1998: 308). Rollen sind als Bündel von Verhaltens­vorschriften zu verstehen, die den Menschen (Persönlichkeitssystem) mit Sozia­len Systemen verbinden und verdeutlichen, was von dem Handelnden erwartet wird. Sie entwickeln sich in historischen Prozessen und werden von den Rollen­trägem in einem System erlernt. Zu unterscheiden sind dabei Mitgliedsrollen, welche die Zugehörigkeit zum System regeln, und Arbeitsrollen, welche sich auf das spezifische Arbeitsgebiet beziehen: Die Mitgliedsrolle in einem Redaktions­system ist durch die Orientierung am Ziel, die „Ware Medieninhalt“ gut zu verkau­fen, gekennzeichnet (Vgl. Weischenberg 1978: 34ff.); die Zustimmung zu den Redaktionszwecken wird von den Rollenträgern erwartet (vgl. Weischenberg 1994a: 437). Über ihre Arbeitsrolle treten die Handelnden, in diesem Fall die Journalisten, mit den Umwelten ihrer Redaktion in Kontakt, also beispielsweise mit dem Sportsystem oder dem Politiksystem. Dies geschieht im Auftrag der Re­daktion (Vgl. Rühl 1979: 257ff., Weischenberg 1998: 311).

An beide Rollen sind Verhaltungserwartungen geknüpft, die keinen oder nur ei­nen geringen Handlungsspielraum der Personen erlauben (Vgl. Blöbaum 1994: 81, Weischenberg 1998: 309). Die Rollenträger müssen die Rollenziele, auf der Grundlage von Belohnungen wie Prestige oder Bezahlung, bejahen. Allerdings müssen die mit den Rollen verbundenen Verhaltenserwartungen nicht zwangs­läufig erfüllt werden. Wie verbindlich die Verhaltensvorschriften sind, ist abhängig von der Funktion für das Soziale System (Vgl. u.a. Weischenberg 1978: 35). Fest steht jedoch, dass der Journalist als Teil eines Redaktionssystems gewisse Ver­haltungserwartungen zu erfüllen hat, was auf verschiedenen Ebenen zu Pro­blemen führen kann.

Zum Einen können sich Rollenerwartungen systemintern widersprechen, wie das Nähe-Distanz-Verhältnis verdeutlicht: So wird von den Handelnden des Journa­lismussystems als Beobachter der Gesellschaft einerseits eine gewisse Distanz zur Systemumwelt erwartet, um die Funktion zu erfüllen. Andererseits impliziert die Mitgliedsrolle die Erwartung, zum Verkauf des eigenen Produkts beizutragen. Dies geschieht im Falle der Journalisten in erster Linie durch gute respektive gut zu verkaufende, möglichst exklusive Artikel etc. - und diese dürften, zumindest teilweise, nicht ohne eine gewisse Nähe zu Rollenträgern anderer Systeme zu recherchieren sein. Zum Anderen können sich Konflikte aus der Kommunikation mit anderen Systemen ergeben: Wird der Journalist aufgrund einer Annäherung zu einem anderen System parallel als Rollenträger in dasselbe integriert - oder ist es möglicherweise schon, beispielsweise durch eine Vereins- oder Parteimit­gliedschaft - werden auch hier Verhaltenserwartungen gestellt[9]. Diese können im

Konflikt stehen mit den vom Journalismus- respektive Redaktionssystem erwarte­ten Handlungen. Im Zusammenhang mit dem Nähe-Distanz-Problem könnte dies im Alltag beispielsweise bedeuten, dass ein Journalist und Parteimitglied einer­seits die Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismussystems erfüllen, anderer­seits aber auch politische Inhalte öffentlich machen und potenzielle Wähler errei­chen sollte. Diese Konflikte, die sich in (alltäglichen) Interaktionen zwischen Journalisten und Aktiven, also Rollenträgern verschiedener Systeme, ergeben, sind nicht auf individuelle Entscheidungen, sondern auf die verschiedenen Rol­lenerwartungen zurückzuführen. Sie werden von Altmeppen/Löffelholz entspre­chend als „zwangsläufig“ bezeichnet (vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998: 114). Wei- schenberg betont allerdings, dass der Journalist bei seiner Wirklichkeitskonstruk­tion dennoch nicht von seiner individuellen Entscheidung enthoben ist; ein ent­sprechender, wenn auch geringer Handlungsspielraum also durchaus vorhanden ist[10] (vgl. Weischenberg 1994a: 451).

Dies erscheint vor allem in einem größeren Kontext von großer Bedeutung für das Journalismussystem. Die Rollenerwartungen, welche die Interaktionen prä­gen, sind, wie bereits angedeutet, relativ stabil. Sie sind unabhängig von einzel­nen Ereignissen und durch einzelne Störungen nicht zu beeinflussen; sie werden aufrecht erhalten, selbst wenn sie einmal nicht erfüllt werden (können) und sind insofern generalisierbar (vgl. Rühl 1979: 74). Grundsätzlich aber sind sie - lang­fristig - veränderbar, sie gelten „nicht ein für alle Mal“, wie auch Rühl feststellt (ebd.). Werden also Rollenerwartungen nicht nur in Einzelfällen, sondern durch die Nähe zu einem anderen System dauerhaft und von zahlreichen Rollenträgern enttäuscht, verändern sich die Erwartungen. Und das ist insofern problematisch, als dass die generalisierten Verhaltenserwartungen einem System die Struktur verleihen und es von der Umwelt abgrenzen (vgl. dazu auch Weischenberg 1978: 28). Rühl konstatiert zu der Bedeutung:

„Durch die Gewährleistung dieser generalisierten Erwartungen erhält das Hand­lungssystem eine Struktur, ohne die es nicht denkbar ist. Damit kann es sich gegen­über seiner Umwelt abgrenzen und relativ unveränderlich erhalten. [...] Vor allem durch die Institutionalisierung der Erwartungen erhält die Redaktion eine relative Dauergeltung. Ihre Strukturen gelten nicht ein für alle Mal. Aber durch sie kann die Redaktion ihre Grenzen stabilisieren.“ (Rühl 1979: 74)

Eine generelle Veränderung der Verhaltenserwartungen bedeutet entsprechend eine Veränderung der Systemgrenzen. Kann eine Erwartung an die Rollenträger beispielsweise aufgrund zu großer Nähe zum anderen System nicht mehr adä­quat erfüllt werden, gefährdet dies auf Dauer die Grenzen des Journalismussys­tems beziehungsweise weicht diese auf. Eine Abgrenzung zur Systemumwelt wäre damit in letzter Konsequenz nicht mehr möglich[11]. Scholl betont[12] entspre­chend: „Eine gewisse Distanz ist [...] konstitutiv für den Journalismus, will er sei­ne gesellschaftliche Funktion als professioneller Beobachter von Gesellschaft wahren.“ (Scholl 2002: 466).

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass Nähe-Distanz-Probleme mit der System­theorie erklärt werden können. Probleme und Handlungen unterliegen einer Sys­temlogik, die bei der Annäherung an dieses Thema stets bedacht werden muss. Dabei lässt sich feststellen, dass Nähe-Distanz-Konflikte eher die Regel denn eine Ausnahme im Journalismussystem darstellen. Der Handlungsspielraum ein­zelner Handelnder ist aufgrund der an ihn gestellten Rollenerwartungen be­grenzt.

An dieser Stelle ist schließlich auch die Grenze dieser Theorie erreicht; allein auf der Systemebene ist das Nähe-Distanz-Problem nicht zu erfassen. Im Allgemei­nen kritisiert Meier als blinden Fleck der Systemtheorie, dass sie das Subjekt gänzlich ausklammert. Er konstatiert, dass die Rollenausübung nicht gänzlich entpersonalisiert betrachtet werden kann (Vgl. Meier 2002: 81 f.). Ähnlich argu­mentieren beispielsweise auch Altmeppen/Löffelholz, die darauf verweisen, dass die Systemtheorie nicht völlig ohne Personen auskommt: Soll Kommunikation erforscht und beobachtet werden, müssen demnach auch Einstellungen und Handlungen von Journalisten analysiert werden, weil sich hierin Bedingungen und Strukturen des Journalismus manifestieren (vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998: 100). Auch Scholl problematisiert das Fehlen von personalen und organisatori­schen (Sinn-)Strukturen, die Personenunabhängigkeit der Systeme vor dem Hin­tergrund der empirischen Umsetzung (vgl. Scholl 2002: 461). Eine Übertragung von der Theorie auf die Empirie ist also bei personenbezogener Forschung schwer möglich (vgl. auch Scholl 2002: 482). Die Berücksichtigung systemischer Verhältnisse und Zwänge indes ist für die Annäherung an das Thema dieser Ar­beit unverzichtbar und soll im Folgenden soweit wie möglich umgesetzt werden.

2.3 Das Nähe-Distanz-Problem aus akteursbezogener Perspektive

Nähert man sich auf Akteursebene dem Nähe-Distanz-Problem, könnte vor allem die Berufsfeldforschung hilfreiche Erkenntnisse liefern. Diese Forschungsrichtung konzentriert sich auf die journalistische Berufsrolle und das berufliche Rollen­selbstverständnis, das zumeist durch Befragungen erarbeitet wird (vgl. u.a. Frütel 2005: 29). Im Zusammenhang mit dem Nähe-Distanz-Problem wäre hier zu fra­gen, inwiefern gewisse Rollenselbstbilder entsprechende Konflikte begünstigen oder auch erschweren. Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung sollen zu­nächst die verschiedenen Rollenbilder der Journalisten - orientiert an der aktuell­sten Repräsentativstudie „Journalismus in Deutschland II“ - dargestellt werden, bevor in einem zweiten Schritt deren (potenzieller) Einfluss auf Nähe-Distanz­Konflikte und die „Anfälligkeit“ insgesamt erörtert werden können.

Hinsichtlich der einzelnen Rollenselbstbilder ist zunächst festzuhalten, dass die­se oft mehrdimensional sind; verschiedene Vorstellungen schließen sich also nicht gegenseitig aus (vgl. Weischenberg et al. 2006: 100). In den „Journalismus in Deutschland“-Studien werden verschiedene Ansprüche an die journalistische Arbeit zu verschiedenen Rollenselbstbildern zusammengefasst. Differenziert wird dabei grob zwischen Rollenselbstbildern, die Information und Vermittlung oder Kritik, Kontrolle und Engagement oder Service und Unterhaltung in den Mittel­punkt stellen (vgl. Weischenberg et al. 2006: 102ff.). Diese drei Kategorien de­cken, wie im Folgenden gezeigt wird, die in der Kommunikationswissenschaft bekannten Rollenselbstbilder ab (vgl. dazu u.a. Jarren/Bonfadelli 2001: 275).

So werden unter dem informierenden und vermittelnden Rollenselbstbild folgen­de Ansprüche zusammengefasst: das Publikum möglichst präzise und neutral zu informieren, komplexe Sachverhalte zu erklären, möglichst schnell Informationen zu vermitteln, die Realität so abzubilden, wie sie ist, sowie Nachrichten auszu­wählen, die ein möglichst breites Publikum interessieren (vgl. Weischenberg et al. 2006: 102). Hier wird also das Rollenselbstbild des neutralen Vermittlers, des Chronisten, dargestellt, der sich eher passiv verhält.

Ein aktiveres Verständnis liegt dem Rollenselbstbild, das Weischenberg et al. mit den Schlagworten Kritik, Kontrolle, Engagement beschreiben, zugrunde. Hier streben die Journalisten an, Missstände zu kritisieren, normalen Leuten zu er­möglichen, ihre Meinung zu öffentlich relevanten Themen zu äußeren, Benachtei­ligte zu unterstützen, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu kontrollieren sowie die politische Tagesordnung zu beeinflussen und Themen zu setzen (vgl. Wei- schenberg et al. 2006: 106). Die Journalisten treten also als Kritiker, Kontrolleur, Agenda Setter und auch als Anwalt auf.

Die dritte Kategorie, die zusätzlich zu den genannten klassischen Rollenselbst­bildern etabliert wird, beschreibt die Forschungsgruppe mit „Service und Unter­haltung“. Darunter werden folgende Aussagen gefasst: neue Trends aufzeigen und Ideen vermitteln, Unterhaltung und Entspannung bieten, positive Ideale ver­mitteln, Lebenshilfe anbieten und als Ratgeber auftreten sowie dem Publikum eigene Ansichten präsentieren (Vgl. Weischenberg et al. 2006: 110f.). In diesem Fall sehen sich die Befragten eher als Unterhalter, Ratgeber und Dienstleister.

Die Zustimmung zu den drei genannten Kategorien entspricht laut der „Journa­lismus in Deutschland II“-Studie der Reihenfolge der Vorstellung: Ein breiter Kon­sens herrscht medien- und ressortübergreifend über das informationsorientierte Rollenselbstbild (vgl. Weischenberg et al. 2006: 116). In dem Bereich haben alle abgefragten Aussagen eine größere Zustimmung erfahren als in der Vorgänger­Studie aus dem Jahr 1993; insbesondere die neutrale und präzise Information hat eine deutliche Steigerung der Relevanz erfahren[13] (vgl. Weischenberg et al. 2006: 102). Die Rolle des neutralen Vermittlers wird also von vielen Journalisten, und offenbar in zunehmendem Maße, als ihre Primärrolle angesehen.

Anders hingegen im Bereich des aktiven Journalismus: Hier fällt die Zustimmung zu sämtlichen Aussagen geringer aus als 1993; insbesondere das Bestreben, sich für Benachteiligte zu engagieren und Mächtige zu kontrollieren, ist deutlich zurückgegangen (vgl. Weischenberg et al. 2006: 106):

„Hier hat offenbar ein signifikanter Wandel im Journalismus stattgefunden, der die

gesellschaftlich aktive Rolle von Journalisten zunehmend in den Hintergrund rückt.“

(Weischenberg et al. 2006: 106)

Zu erwähnen ist allerdings, dass das Bestreben, Politik, Gesellschaft und Wirt­schaft zu kontrollieren in dieser Kategorie noch die Aussage ist, welche die größ­te Zustimmung findet - insbesondere unter den Zeitungsjournalisten, die zu ei­nem Drittel zustimmen (vgl. Weischenberg et al. 2006: 108). Nichtsdestotrotz machen die Münsteraner Forscher, auch im Vergleich mit einer nordamerikani­schen Parallelstudie, darauf aufmerksam, dass die ohnehin nur wenig ausge­prägte „Watchdog“-Mentalität in Deutschland insgesamt weiter an Bedeutung verliert (vgl. Weischenberg et al. 2006: 117).

Die im Durchschnitt geringste Zustimmung findet das service- und unterhaltungs­orientierte Rollenbild. In diesem Bereich lässt die Zustimmung zu den Aussagen im Vergleich zur Vorgänger-Studie tendenziell nach. Deutlich an Bedeutung ge­wonnen hat lediglich die Ratgeber-Funktion, die nun von 44 Prozent der Befrag- ten angestrebt wird (Vgl. Weischenberg et al. 2006: 111). Hier ist aber immerhin festzustellen, dass die Handlungsrelevanz nach Angaben der Befragten deutlich höher ist als bei denjenigen, die ein kritisch-kontrollierendes Rollenselbstbild be­fürworten - verkürzt dargestellt heißt das: Service und Unterhaltung lassen sich leichter umsetzen als Kritik und Kontrolle (vgl. Weischenberg et al. 2006: 112).

Soll die „Anfälligkeit“ der Rollenselbstbilder für ein Nähe-Distanz-Problem über­prüft werden, muss innerhalb der drei genannten Kategorien differenziert werden. So lässt die breite Zustimmung der Journalisten zu informations- und vermitt­lungsorientierten Rollenbildern zunächst einmal vermuten, dass eine möglichst objektive und entsprechend distanzierte Berichterstattung angestrebt wird: Knapp 90 Prozent der Befragten geben immerhin an, ihr Publikum möglichst neutral und präzise informieren zu wollen, mit steigender Tendenz im Vergleich zu 1993 (vgl. Weischenberg et al. 2006: 102). Zudem konstatieren Weischenberg et al. eine mutmaßlich hohe Handlungsrelevanz in diesem Bereich: Drei Viertel der Journa­listen gelingt es nach eigenen Angaben, dieses Rollenverständnis im Alltag um­zusetzen (vgl. Weischenberg et al. 2006: 104).

Die Realität so abzubilden, wie sie ist - immerhin von 75 Prozent der Journalis­ten angestrebt -, ist hingegen nach eigenen Aussagen schon schwieriger (vgl. Weischenberg et al. 2006: 105). Dies ist vor dem bereits thematisierten Hinter­grund der Unmöglichkeit des Unterfanges plausibel - auch weil dieses Rollen­selbstbild im Hinblick auf das Nähe-Distanz-Problem ambivalent zu beurteilen ist: Einerseits dürfte hier Distanz von Nöten sein, um eine Situation überblicken und einschätzen zu können und dabei nicht übermäßigen Beeinflussungsversuchen ausgesetzt zu sein. Andererseits benötigt ein Journalist, wie beispielsweise im Zusammenhang mit Hintergrundkreisen noch in Kapitel 2.5.3 zu zeigen ist, zu­gleich einen Zugang zu Hintergrundinformationen, um auf einer möglichst breiten Wissensbasis Informationen vermitteln zu können. Diesen sichert er sich grund­sätzlich durch eine Form der Nähe zum Berichterstattungsobjekt - auch unter der Inkaufnahme von Zugeständnissen, beispielsweise, vertrauliche Informationen vertraulich zu behandeln (vgl. u.a. Blum 2008: 244, message 3/2008: 9). Ein Rol­lenselbstbild, das eigentlich Distanz impliziert, dürfte in der Umsetzung eine ge­wisse Nähe nicht verhindern und entsprechend eine erhöhte Anfälligkeit für ent­sprechende Konflikte bedingen.

Bedenklich mit Blick auf die Nähe-Distanz-Thematik erscheint die Entwicklung des aktiven Rollenselbstbildes, das Kritik und Kontrolle anstrebt: Jeweils unter 30

Prozent lag bei der Studie „Journalismus in Deutschland II“ die Zustimmung zu den Rollenbildern des Kontrolleurs von Politik und Gesellschaft, des Vertreters der benachteiligten Bevölkerung oder des politischen Agenda Setters. Hier ist im Vergleich zur ersten Studie der Münsteraner Forschungsgruppe ein - zum Teil deutlicher - Rückgang zu verzeichnen (Vgl. Weischenberg et al. 2006: 106). Ei­nen ähnlichen Trend hatte Görner bereits zehn Jahre zuvor in seiner Sportkom­munikator-Studie festgestellt. Nach seinen Ergebnissen sinkt bei der jüngeren Generation der Sportjournalisten deutlich das Bestreben, den Sport zu kontrollie­ren oder Missstände zu kritisieren (vgl. Görner 1995: 252). Noch in den 70er Jah­ren war hingegen ein großes politisches Interesse und missionarischer Eifer der Journalisten konstatiert worden. Gesellschaftlicher Einfluss und politische Anlie­gen waren nach einer Repräsentativbefragung von Tageszeitungs- und ZDF- Journalisten schon bei der Berufswahl relevante Motive (Vgl. Donsbach 1982: 191f.). Das Rollenselbstbild hat sich also im Laufe der Jahre offenbar gewandelt:

„Die Journalisten wollen nicht nur seltener eine gesellschaftlich aktive Rolle einneh­men; auch denjenigen, die an diesem beruflichen Selbstverständnis festhalten, ge­lingt dies offenbar in wesentlich geringerem Maß als früher.“ (Weischenberg et al. 2006: 107)[14]

Gerade das Rollenverständnis, das weiter an Bedeutung verliert, ist aber nicht kompatibel mit Kumpanei oder mit einer zu großen Nähe zum Berichterstat­tungsgegenstand. Kontrolle auszuüben und Benachteiligte zu vertreten - diese Aufgaben erfordern eine gewisse Distanz. So betont beispielsweise Kunkel, dass die Rezipienten „darauf angewiesen sind [...], daß Kommentatoren aus kritischer Distanz zu ihrem Urteil gelangen und nicht auf Grund einer wie auch immer gear­teten Beziehung, die sie ihrer Wächterfunktion beraubt.“ (Kunkel 1978: 202). Dass nun aber dieses mit Nähe inkompatible Rollenselbstbild nur von einer Min­derheit vertreten wird und deutlich an Bedeutung verloren hat, spricht für eine erhöhte Anfälligkeit für das Nähe-Distanz-Problem im deutschen Journalismus.

Im Gegensatz zum kritisch-kontrollierenden Rollenselbstbild scheint das unterhal­tungsorientierte Verständnis nicht unvereinbar mit der Nähe zum Berichterstat­tungsgegenstand zu sein. So kann die Nähe zu Personen oder Institutionen, über die berichtet wird, durchaus förderlich sein, um Informationen und Möglichkeiten für unterhaltsame und Entspannung bietende Artikel zu erhalten. In diesem Be­reich, der aber für die Journalisten an Bedeutung verliert, dürfte das Nähe­Distanz-Verhältnis folglich eher zugunsten der Nähe entschieden werden, weil sie vor dem Hintergrund dieses Rollenselbstbildes positiv bewertet werden kann.

Anders ist dies bei der Ratgeberfunktion, die zunehmend angestrebt wird: Sollen dem Publikum Orientierung und Lebenshilfe geboten werden, muss dies auf der Grundlage einer möglichst objektiven Bewertung eines Produkts, einer Dienst­leistung etc. geschehen: Der Servicecharakter gerät zur Farce, wenn private oder wirtschaftliche Interessen die Berichterstattung prägen. Korrumpierbarkeit und Nähe scheinen jedoch gerade in diesem Bereich verbreitet und potenziell häufig gegeben: Ein Reisejournalist, der auf Kosten des Anbieters reist - und nur so die Gelegenheit dazu erhält -, muss einerseits eine gewisse Nähe zur Wirtschaft zulassen, andererseits müsste er die durch Nähe ermöglichte Reise aufgrund des Ratgeber-Rollenselbstbildes kritisch-distanziert bewerten. Hier scheinen Nä- he-Distanz-Konflikte folglich programmiert zu sein, weil Rollenselbstbild und Ar­beitsalltag mitunter schwer zu vereinbaren sind.

Problematisch hinsichtlich der Distanz zum Berichterstattungsgegenstand scheint auch der Anspruch zu sein, dem Publikum vor allem eigene Ansichten präsentie­ren zu wollen. Immerhin ein knappes Drittel der Zeitungsjournalisten strebt dies an und ist dabei zumeist optimistisch, dass es auch gelingt (vgl. Weischenberg et al. 2006: 113). Zwar entstehen aus der Kommentierung durch Journalisten - zu­mal wenn die Meinung auf einer ausgewogenen Recherche beruht - noch keine Nähe-Distanz-Probleme. Jedoch scheint die Gefahr gegeben zu sein, dass die Recherche und die Artikulationsfunktion zugunsten der eigenen Ansicht in den Hintergrund geraten. Dieser Verdacht liegt insofern nahe, als dass Journalisten immer wieder ein gewisses Maß an Eitelkeit attestiert wird. Nach Ergebnissen von Kramp und Weichert ist die Medienbranche nicht aus idealistischen Gründen attraktiv für zahlreiche Menschen, sondern eher wegen der Stars unter den Jour­nalisten, den Medienprominenten (Vgl. Kramp/Weichert 2008: 12f.). Wer aus diesen Motiven heraus in den Beruf einsteigt, dürfte durchaus anfällig sein für eine zu große Nähe zu den Mächtigen, über die berichtet wird. Sie schmückt den eitlen Journalisten - wohl zu Ungunsten seiner Aufgabenerfüllung. Wei- chert/Zabel stellen in dem Zusammenhang, passend zum genannten Rollen­selbstbild, fest: „Auch wenn es so mancher Angehörige des Metiers leugnen würde: Der [.] Journalist schreibt - und sendet - nach wie vor nur seiner selbst wegen.“ (Weichert/Zabel 2007: 15). Geltungsdrang und Eitelkeit also können potenziell eine Gefahr für eine ausgewogene, distanzierte Berichterstattung sein. Dasselbe gilt für das Bestreben, positive Ideale zu vermitteln, das in der Katego­rie „Service und Unterhaltung“ ebenfalls genannt wurde. Auffällig ist hier, dass dies insbesondere unter Sportjournalisten verbreitet ist. 40 Prozent bejahen dies (vgl. Weischenberg et al. 2006: 115). Dass dieses Bestreben auf Kosten der Dis­tanz zum Berichterstattungsgegenstand gehen kann, liegt auf der Hand. So ver­mitteln beispielsweise kritische Hintergrundberichte zum Thema Doping die ne­gative Seite des Leistungssports - und das steht im Widerspruch zu dem ange­strebten Rollenselbstbild in diesem Fall, weil die positiven Werte des Sports ver­mittelt werden sollen. Zu vermuten ist außerdem, dass dieses Selbstverständnis vor allem dann auftritt, wenn der Journalist eine persönliche Bindung zum Be­richterstattungsgegenstand hat. Hier dürfte also die Gefahr einer zu großen Nähe und die Anfälligkeit für Nähe-Distanz-Probleme durchaus groß sein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Rollenselbstbilder vor allem in den Kategorien Information und Vermittlung sowie Service und Unterhaltung ein Po­tenzial für Nähe-Distanz-Probleme bieten und sie damit möglicherweise begüns­tigen. Kritisch zu sehen ist, dass die kontrollierenden, aktiven Rollenselbstbilder, die am wenigsten mit Kumpaneien etc. kompatibel sind, immer mehr an Bedeu­tung verlieren und im Alltag zudem immer schwieriger umzusetzen sind. Zu kons­tatieren ist außerdem, dass das Konfliktpotenzial dann besonders hoch ist, wenn das Rollenselbstbild einerseits Distanz erfordert, die Umsetzung allerdings ohne eine gewisse Nähe kaum möglich erscheint - beispielswiese bei der Chronisten­oder der Ratgeberfunktion. Inwiefern Rollenselbstbilder (auch) in diesen Situatio­nen eine Handlungsorientierung liefern und wie groß ihr Einfluss ist, kann aller­dings nicht geklärt werden. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass ver­schiedene Rollenselbstbilder - insbesondere diejenigen, die im Bereich der Un­terhaltung zu finden sind - die Anfälligkeit für Nähe-Distanz-Probleme erhöhen. Hier wird allerdings die Grenze dieser Forschungsrichtung deutlich. Zum Einen ist die Handlungsrelevanz der Rollenselbstbilder für das Handeln der Journalisten umstritten: Die Journalisten lernen in ihrer beruflichen Sozialisation, wie sie sich zu verhalten haben. Entsprechend wahrscheinlich ist es folglich, dass auf die Frage nach dem Rollenselbstbild (auch) idealisierte Rollenverständnisse wieder­gegeben werden, die indes aufgrund der Rahmenbedingungen immer schwieri­ger umzusetzen sind (Vgl. Weischenberg et al. 2006: 98). Zum Anderen wird in diesem Zusammenhang klar, dass auch in dem vom einzelnen Journalisten aus­gehenden Forschungsansatz ebenso - in einem nicht zu berechnenden Maße - Systeme und deren Zwänge abgebildet werden, da das Rollenselbstbild der Journalisten stark von Organisationsmustern und Rollenerwartungen geprägt wird - auch wenn dies den Journalisten selbst teilweise nicht bewusst ist (vgl. u.a. Weischenberg 1998: 298, Kramp/Weichert 2008: 27). Nichtsdestotrotz kann den Befragungen zum Rollenselbstbild, wie gezeigt, für diese Arbeit eine gewisse

Relevanz beigemessen werden. Passend bilanzieren auch Weischenberg et al., dass sie durch die Befragung nach Rollenselbstbildern etwas über die subjektive Seite des Berufes in Erfahrung bringen (vgl. Weischenberg et al. 2006: 101).

2.4 Nähe und Distanz im Sportjournalismus

Um die Struktur, die Funktionen und die Spezifika des Sportjournalismus und die entsprechenden Einflüsse auf die Verhaltenserwartungen an die Journalisten darstellen zu können, soll zunächst die Entwicklung des Ressorts nachgezeich­net werden. So lassen sich Entwicklungen erklären, die bis heute sichtbar sind. Im Anschluss sollen die relevanten Spezifika des Alltags im Sportressort, die das Nähe-Distanz-Verhältnis beeinflussen können, beschrieben werden, bevor konk­ret theoretische Überlegungen und Studienergebnisse zu Nähe und Distanz im Alltag der Sportjournalisten dargestellt werden. Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass eine strikte Trennung der Inhalte der Kapitel 2.4.2 und 2.4.3 in einigen Punkten nicht möglich erscheint: Sollen die Spezifika, die sich auf Nähe-Distanz­Probleme auswirken können, plausibel dargestellt werden, muss der Einfluss in Einzelfällen aus Verständnisgründen direkt in diesem Zusammenhang verdeut­licht werden. Die Vorgriffe auf Kapitel 2.4.3 werden im vorangehenden Kapitel jedoch so knapp wie möglich gehalten.

Dasselbe Schema soll, vor dem Hintergrund des vergleichenden Charakters die­ser Arbeit, in Kapitel 2.5 für den Politikjournalismus angewandt werden.

2.4.1 Entstehung und Entwicklung des Sportressorts in der Tagespresse

Die Anfänge des modernen Sportjournalismus liegen in England, wo die die erste Sportnachricht ebenso auftauchte wie der erste Sportteil in einer Tageszeitung, der Ende der 1820er Jahre erschien (vgl. Weischenberg 1978: 10ff.). In der Ent­stehungsphase des Sportjournalismus kamen die Zeitungen vor allem ihrer Chronistenpflicht nach: Sie thematisierten die Sportaktivität der Oberschicht - und richteten sich damit direkt an ihre damalige Zielgruppe (vgl. Weischenberg 1978: 118). Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber wandelte sich der Sport langsam zum Massenphänomen; viele Menschen begannen, aktiv Sport zu treiben und sich für den aufkommenden Leistungssport zu interessieren (vgl. Meier 2002: 127, Blöbaum 1994: 210).

Die Entwicklung der Sportberichterstattung lief stets parallel mit der Entwicklung des Sports selbst: Seit er an Bedeutung gewonnen hat, fand der Sport auch sei­nen Platz in der medialen Berichterstattung (vgl. Frütel 2005: 140). Das wach­sende Publikumsinteresse kombiniert mit einer Entwicklung hin zum Leistungs­und Wettbewerbsprinzip machten den Sport für die Presse attraktiv (vgl. u.a. Meier 2002: 127). Die Messung der Leistung und die Ergebnisse von sportlichen Wettbewerben ermöglichten es, den Sport vergleichend und für ein breites Publi­kum interessant darzustellen (vgl. Blöbaum 1994: 211). Weischenberg konstatiert zur Entstehung der Sportberichterstattung: „Wenn die Massenpresse geschäftlich erfolgreich sein wollte, konnte sie an einer Berichterstattung über den Sport, der immer mehr Anhänger gewann, nicht vorbeigehen.“ (Weischenberg 1978: 118f.) Von vornherein also war die Sportberichterstattung an die wirtschaftlichen Inter­essen der Zeitungsverleger gekoppelt. Sobald sie als Verkaufsargument fungie­ren konnte, wurde sie - orientiert an den Vorlieben der Kunden - ausgebaut. So wurde aus einzelnen Sportrubriken oder -beilagen letztlich das eigene Ressort (vgl. Frütel 2005: 140). Die erste deutsche Tageszeitung mit eigenem Sportres­sort, die Münchener Neuesten Nachrichten, erschien 1886 (vgl. Weischenberg 1978: 126). Der Sport entwickelte sich damit als letztes der fünf klassischen Res­sorts der Tageszeitung.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in großem Stil spezialisierte Sportjour­nalisten eingestellt (vgl. Meier 2002: 126), die zunächst vor allem aus der Sport­bewegung rekrutiert wurden (vgl. Weischenberg 1995: 125). Hier stellt Wei- schenberg eine Weichenstellung für die weitere Entwicklung der Sportberichter­stattung fest:

„So entstand auch schon früh die Dominanz der sportlichen Sachkompetenz gegen­über der journalistischen Kompetenz. Und hier liegen auch die Wurzeln für die Au­ßenseiterstellung der Sportjournalisten innerhalb der Redaktion.“ (Weischenberg 1995: 125)

Die Verquickung von Sportfachleuten und Sportberichterstattung - und damit ein von Beginn an existierendes Nähe-Distanz-Problem - ist also bereits in der Rek­rutierungspraxis während der Entstehungszeit des professionellen Sportjourna­lismus zu erkennen[15]. Auch eine wechselseitige systemische Abhängigkeit von Sport und Journalismus wurde deutlich: Während die Zeitungen, mittlerweile Ge­schäfts- und Massenmedium, auf die sich im Sport bietenden publikumswirksa­men Themen angewiesen waren, konnte sich der Sport im Gegenzug durch die medial geschaffene Öffentlichkeit weiter entwickeln und ausdifferenzieren (vgl. u.a. Weischenberg 1995: 125; Frütel 2005: 308)[16].

Nach dem Boom des Sportjournalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte der Erste Weltkrieg zunächst de facto zu einer Einstellung des Sportbetriebes und damit auch der Sportberichterstattung. Im Anschluss allerdings wurde der Sport neben der Politik als Zugpferd der Presse eingesetzt, um Leser zu gewin­nen und spielte damit eine wesentliche Rolle in der Nachkriegspresse (Vgl. Wei­schenberg 1978: 129). Fast jede Tageszeitung veröffentlichte einen adäquaten Sportteil. Weischenberg begründet diesen Durchbruch der Sportberichterstattung mit ihrem hohen Unterhaltungswert, der beispielsweise durch das Aufkommen von Reportagen weiter gesteigert wurde. Die Zeitungen setzten den Unterhal­tungsfaktor des Sports gezielt ein, um dem Publikum in der Nachkriegszeit die erwünschte Ablenkung zu bieten (Vgl. Weischenberg 1978: 130f.).

Im Nationalsozialismus trat dieses Ziel in den Hintergrund. Hier wurde die Sport­berichterstattung - wie die Medien im Allgemeinen - als Propaganda-Plattform genutzt und den Redakteuren die Freiheiten in der Berichterstattung genommen (vgl. Weischenberg 1978: 135ff., Eggers 2007a: 18f.). Der Zweite Weltkrieg be­endete die Sportberichterstattung vorübergehend zum zweiten Mal (vgl. Wei- schenberg 1978: 138). Bereits einige Jahre nach dem Kriegsende wurde der Sport und die Sportberichterstattung indes erneut wiederbelebt (vgl. Eggers 2007b: 27). Wieder kam ihr das Unterhaltungspotenzial zugute, das die Zei­tungsverlage zur Umsatzsteigerung nutzen wollten und konnten (Vgl. Weischen- berg 1978: 146f.). Die ökonomische Funktion der Sportberichterstattung wurde für die Verlage zur wichtigsten (vgl. u.a. Fleischmann 2007: 17).

Bis heute erfüllt der Sportteil der Tageszeitungen eine Unterhaltungsfunktion, auch wenn sich die Präsentationsformen u.a. mit dem Aufkommen audiovisueller Medien stark gewandelt haben - beispielsweise in Richtung einer personalisier­ten Darstellung, einer Orientierung an Human-Interest-Themen und einer Kon­zentration auf Hintergrundberichterstattung, um sich neben dem schnelleren Me­dium Fernsehen die Legitimation zu erhalten (vgl. Ludwig 1987: 119, 125f., 128). Diese Tendenz war bereits ab den 1960er Jahren zu erkennen (Eggers 2007b: 27ff.). Die Entwicklung des Sports bewertet Frütel, zumindest in quantitativer

Hinsicht, positiv[17]: Der Umfang der Sportberichterstattung in Tageszeitungen ist gestiegen (vgl. Frütel 2005: 140). Zu demselben Schluss kommt Ruß-Mohl:

„Auch in den Printmedien spielt der Sport eine zunehmend größere Rolle. Zwar hin­ken sie in puncto Aktualität hinterher, sie haben aber den großen Vorteil, daß sie flä­chendeckend Sportereignisse und -ergebnisse dokumentieren können [...]. Mit dem Ausbau der Sportberichterstattung ist es wichtiger geworden, Sportereignisse durch Vor- und Nachberichterstattung einzurahmen.“ (Ruß-Mohl 2003: 232)

Der Sportjournalismus gilt also nach wie vor als Verkaufsargument der Zeitung­en. Trotz veränderter Rahmenbedingungen, beispielsweise durch das Aufkom­men weiterer Medien, hat sich dies nicht verändert. Der Unterhaltungswert des Sports spielt dabei spätestens seit den 1920er Jahren eine wichtige Rolle, die in der Entwicklung bis heute eher an Bedeutung gewonnen hat. Ebenso sind die Wechselwirkungen zwischen Sport und Journalismus im Allgemeinen, die von Beginn an die Entwicklung der redaktionellen Aufarbeitung des Sports prägten, auch heute zu erkennen. Diese Rahmenbedingungen haben ebenso Einfluss auf die sportjournalistische Arbeit - und damit auch auf die Beziehungen zwischen Journalisten und Aktiven - wie die traditionelle Nähe vieler Sportjournalisten zum Berichterstattungsgegenstand, die sich schon aus der Rekrutierungspraxis der Redakteure ergibt[18]. Auch die Verbindung von Aktiven und Funktionären zum Journalismus ist in den Anfängen des Sportjournalismus zu finden. Es lassen sich also in der Geschichte des Sportressorts Entwicklungen nachweisen, die sich bis heute auf die Systembeziehungen zwischen Sport und Journalismus ebenso auswirken wie auf die persönlichen Beziehungen zwischen den Rollen­trägern. Es wird deutlich, dass die Nähe-Distanz-Thematik im Sportjournalismus nicht erst mit Duz-Brüderschaften im Fernsehen (vgl. u.a. Leyendecker 2006: 232) aktuell wurde, sondern ein Blick auf die Geschichte der Sportberichterstat­tung lohnenswert ist.

2.4.2 Einflüsse auf Nähe und Distanz im Sportressort

Im Folgenden sollen Spezifika der Arbeit im Sportressort erläutert werden, die Einfluss auf das Nähe-Distanz-Verhältnis nehmen. Um die Vielzahl einzelner Aspekte zu ordnen, wird auf ein Systematisierungsschema zurückgegriffen, das Ludwig im Zusammenhang mit allgemeinen Einflüssen auf die Arbeit im Sport­journalismus präsentiert (vgl. u.a. Ludwig 1987: 231). Orientiert an Maletzke und mit deutlichen Parallelen zu Weischenbergs Zwiebelmodell werden demnach personen-, massenkommunikations-, sparten- und medienspezifische sowie me­dienexterne Einflüsse unterschieden. Im Folgenden wird dargestellt, welche Ein­flüsse sich in den jeweiligen Bereichen auf das Nähe-Distanz-Verhältnis im Sportjournalismus an Regionalzeitungen auswirken.

Personenspezifische Einflüsse

Unter personenspezifischen Einflüssen werden persönliche Merkmale der Sport­journalisten zusammengefasst. Dies sind beispielsweise Rollenselbstbilder und die persönlichen Ansprüche an die eigene Arbeit. Auch die Nähe zum Berichter­stattungsgegenstand durch die eigene Biografie und die persönliche Beziehung zum Berichterstattungsgegenstand werden thematisiert.

Das Rollenselbstbild, das in der Wissenschaft gezeichnet wird, erscheint ambiva­lent: Einerseits bemühen sich die Sportjournalisten um die Vermittlung eines pro­fessionellen Rollenbildes, das den Erwartungen an einen kritischen Journalisten entspricht. Andererseits ist es fraglich, inwiefern es sich hierbei tatsächlich um reale sowie handlungsrelevante Vorstellungen handelt und inwiefern antizipierte Rollenerwartungen wiedergegeben werden. Diese Frage wird beispielsweise durch Ludwigs Fallstudie aufgeworfen: Auffällig ist dabei, dass Vieles auf eine große emotionale Bindung an den Sport und an einen Fußballverein im Speziel­len hindeutet. In der Selbstwahrnehmung aber sehen die Journalisten sich zu­meist als kritisch-distanziert (vgl. u.a. Ludwig 1987: 242f.). Ludwig hält fest:

„Sportjournalisten rekrutieren ihr geäußertes Rollenverständnis zuvorderst aus dem publizistischen Aufgabenkatalog. Im objektiven Beobachten und kritischen Kommen­tieren sehen [...] die befragten Sportredakteure die wichtigsten Handlungsweisen.“ (Ludwig 1987: 274)

Dafür, dass dies nicht zwangsläufig die Arbeitsrealität der Sportredakteure wider­spiegelt, spricht unter anderem folgendes Ergebnis: Ludwig konstatiert, dass es dem Verein regelmäßig gelingt, die laut Selbstbild kritisch-distanzierten Journalis­ten nach seinen Zielabsichten zu beeinflussen (Ludwig 1987: 304). Die emotio­nale Beziehung zum Verein kann die Erfüllung der journalistischen Rollenerwar­tung also beeinflussen oder gar verhindern (vgl. Ludwig 1987: 342) - selbst wenn die Journalisten es anders beschreiben. Die Befragten empfinden ein verstärktes Zusammengehörigkeitsgefühl und Verantwortung für die Stadt als Bundesliga­Spielort (vgl. Ludwig 1987: 303, 343) - und damit für den sportlichen Erfolg des Vereins, über den sie berichten. In Extremsituationen treten die Sportjournalisten als Handlanger des Vereins auf (vgl. Ludwig 1987: 343). Zu erwähnen ist hier ein weiteres Ergebnis, das die Handlungsrelevanz und die Reflexionsbereitschaft der

Sportjournalisten in Frage stellt. Nach Ergebnissen von Weischenberg et al. sind Sportjournalisten überdurchschnittlich oft davon überzeugt, dass sie eine präzise und realitätsgetreue Berichterstattung anbieten (vgl. Weischenberg et al. 2006: 105). Dieses Ergebnis ließe sich zunächst dahin gehend interpretieren, dass die Befragten keine Nähe-Distanz-Probleme in ihrem Alltag sehen. Da es aber häufig Nähen zum Berichterstattungsgegenstand gibt, erscheint es plausibel, dass sich die Sportjournalisten des Balanceaktes zwischen Nähe und Distanz entweder nicht bewusst sind oder diesen wie selbstverständlich zu meistern glauben.

Die Nähe zum Sport ergibt sich bei vielen Journalisten schon aus der eigenen Biografie. Studien aus den vergangenen 30 Jahren belegen, wie in Kapitel 2.4.1 angedeutet, ein Spezifikum des Sportjournalismus: Die große Mehrheit der Re­dakteure hat aktiv Erfahrungen im (Leistungs-) Sport gemacht. Bereits 1978 hebt Weischenberg dies im Vergleich zu Politikjournalisten hervor:

„Eine Distanz zwischen Journalist und journalistischer Umwelt, wie sie von vielen als Ideal des Berufs angesehen wird, ist im Falle des Sportjournalismus [...] nicht vor­handen. Wohl nur wenige politische Redakteure verfügen über praktische Erfahrung­en in der Politik [...]. Die meisten der befragten Sportjournalisten aber haben sogar Erfahrungen als Leistungssportler.“ (Weischenberg 1978: 283)

Zu derselben Erkenntnis kommt Peter Egger in seiner Primärerhebung der Sport­journalisten in der deutschsprachigen Schweiz (vgl. Görner 1995: 67[19] ; Dimitriou et al. 2006: 6, Originalquelle lag nicht vor). Während sich viele Ergebnisse der Sportkommunikatorforschung aus den 1970er und 1990er Jahren unterscheiden - beispielsweise hinsichtlich der Position in der Ressorthierarchie -, hat sich die­ser Trend lange gehalten. So folgert Görner Anfang der 1990er unter Verweis auf verschiedene (Klein-)Studien:

„So lautet die typische Rekrutierung der Sportjournalisten: das Hobby zum Beruf ge­macht. Wie sämtliche Sportkommunikatorstudien bisher einmütig zeigten, haben fast alle Mitglieder der Berufsgruppe früher selbst Sport getrieben.“ (Görner 1995: 78)

Auch die eigenen, repräsentativen Forschungsergebnisse Görners ergeben ein ähnliches Bild. Demnach haben vier von fünf Sportjournalisten bereits selbst Wettkampf- oder Leistungssport getrieben (vgl. Görner 1995: 209). Mitte der 90er Jahre waren außerdem über zwei Drittel der Sportjournalisten aktive Mitglieder in mindestens einem Sportverein (vgl. Görner 1995: 212f.). Auch einige Jahre spä­ter hat sich dies offenbar nicht wesentlich verändert, wie Frütels internationale Studie belegt. Nach ihren Ergebnissen haben gut zwei Drittel der Sportjournalis­ten Erfahrungen im Wettkampf- oder Leistungssport; die Hälfte war zum Erhe­bungszeitpunkt Vereinsmitglied (Vgl. Frütel 2005: 227). Der Vergleich der Daten ist allerdings aufgrund der unterschiedlichen Grundgesamtheit beider Studien nur schwer möglich. Allein der Trend, der sich, wie die aktuellen internationalen Er­gebnisse zeigen, offenbar leicht abschwächt, bleibt klar erkennbar.

Neben der Nähe zum Sport als (ehemaliger) Aktiver ist unter den Sportjournalis­ten, wie im Zusammenhang mit dem Rollenselbstverständnis bereits angedeutet, traditionell ein erhöhtes persönliches Interesse am Berichterstattungsgegenstand zu konstatieren. Bereits in den 1970er Jahren betont Weischenberg die Bindung der Sportjournalisten zu ihrem Arbeitsfeld, die nicht nur im Vergleich mit anderen Berufen, sondern auch im Vergleich mit anderen journalistischen Ressorts be­sonders eng sei (vgl. Weischenberg 1978: 281). Er konstatiert: „Zu wohl kaum einem Beruf besteht eine inhaltliche Affinität von Jugend an.“ (Weischenberg 1978: 282). Nach Ergebnissen seiner Studie geben 96 Prozent der befragten Sportjournalisten an, sich schon seit der Jugend für Sport zu interessieren (vgl. Weischenberg 1978: 282). Frütel sieht ebenfalls in der frühen Sportbegeisterung die Motivation für die spätere Berufswahl:

„Für den Sportjournalisten [.] ist der Beruf eher Berufung, schon früh manifestiert sich eine hohe Affinität zum Sport, die sich bei vielen bis zur im frühen Erwachsenenalter anstehenden Berufswahl erhält. Anders formuliert: Die meisten Sportjournalisten ha­ben schon früh ein ausgeprägtes Sportinteresse oder haben sogar selber eine Sportart [...] leistungsorientiert praktiziert.“ (Frütel 2005: 227)

Auch Ludwigs Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die Befragten oft ihr Hobby zum Beruf gemacht haben (vgl. Ludwig 1987: 242). Privates und berufli­ches Interesse sind oft nicht mehr zu trennen; einige Befragte sind zudem einge­schriebene Mitglieder bei dem Verein, über den sie berichten (vgl. Ludwig 1987: 239). In Fleischmanns Studie bezeichnen sich immerhin 17 Prozent der Sportre­dakteure als „Fan“, die Mehrheit lehnt dies aber ab (vgl. Fleischmann 2007: 88).

Die Nähe und Verbundenheit zum Sport, die sich aus der eigenen Biografie er­gibt, und das offenbar ausgeprägte persönliche Interesse werden in der Wissen­schaft ambivalent beurteilt. Demnach entstehen sowohl Chancen als auch Prob­leme für den journalistischen Arbeitsalltag. So konstatiert beispielsweise Frütel:

„Auf der einen Seite entstehen Verständnis, Erfahrungsschatz und Nachvollziehbar­keit, die zusammengenommen zur Fachkompetenz beitragen, auf der anderen Seite steht eventuell die fehlende Distanz, die eine kritische Berichterstattung unmöglich macht.“ (Frütel 2005: 227f.)

Zu einer fast identischen Bewertung kommt Görner (vgl. Görner 1995: 209). Di- mitriou et al. warnen hingegen nur vor den negativen Konsequenzen der eigenen Sportlerbiografie und werten diese als „Nachweis für die fehlende Distanz zwi­schen Journalisten und den Subjekten wie Objekten ihrer Berichterstattung“ (Di- mitriou/Renger/Sattlecker 2006: 11). Kistner kritisiert ebenfalls: „Vielerorts greifen ehemalige Aktive in die Tasten, deren Nähe zum Objekt der angeblich kritischen Betrachtung auf der Hand liegt.“ (Kistner 2004: 14). Ludwig kommt zu einem ähn­lichen, indes weniger pauschal formulierten Urteil: Er stellt fest, dass teilweise „emotionale Momente die rational-distanzierte Beschäftigung mit dem Verein überlagern“ (Ludwig 1987: 241). Die Verquickung von beruflichen und persönli­chen Interessen führt zu einem Interessenskonflikt, bei dem sich die journalisti­schen Rollenerwartungen und die Bindung an den Verein gegenüberstehen (vgl. Ludwig 1987: 242). Deutlich wird der Konflikt schon in der Frage nach dem Ver­hältnis zum Verein: Bei erlaubter Mehrfachnennung sind „distanziert“, „kritisch“ und „wohlwollend“ die am häufigsten genannten Beschreibungen - hier tauchen sowohl Begriffe auf, die mit dem Idealbild des Journalisten assoziiert werden, als auch einer, der Nähe bestätigt (Vgl. Ludwig 1987: 238f.).

Die große emotionale Verbundenheit wird in der Forschung also als Spezifikum des Sportjournalismus dargestellt. Zu konstatieren bleiben bei den personenspe­zifischen Einflüssen also eine große, durch die eigenen Erfahrungen gewachse­ne Nähe zum Berichterstattungsgegenstand sowie ein ausgeprägtes Interesse an demselben. Das Rollenselbstbild spiegelt dies nicht wider, ist aber aufgrund der offenbar mangelhaften Selbstreflexion kritisch zu beurteilen.

Massenkommunikationsspezifische Einflüsse

Im Folgenden werden Einflüsse erläutert, die sich aus den strukturellen Rahmen­bedingungen der Printmedien ergeben. Hierbei sind formale und informelle Ein­flüsse des Verlages aus ökonomischen Interessen zu nennen, denen die Journa­listen aufgrund ihrer Arbeitnehmerstellung ausgesetzt sind. Auch die mediale Konkurrenz wird als massenkommunikationsspezifischer Einfluss thematisiert.

Wie in Kapitel 2.4.1 gezeigt, entstand und entwickelte sich die Sportberichterstat­tung aus wirtschaftlichen Interessen der Massenmedien. Auch Jahrzehnte später prägt das Streben der Gewinnmaximierung durch die Verlage die Arbeit im Sport­ressort; die Arbeitsrolle eines Sportjournalisten wird demnach von der Erwartung bestimmt, dass die medial aufbereiteten, spektakulären Sportereignisse dem Verkauf des Medienproduktes förderlich sind (vgl. Weischenberg 1978: 36). Leyendecker stellt dazu fest: „Früher war es Journalisten wichtig, die Wahrheit zu suchen. Heute ist es wichtiger, seine Wahrheit attraktiv zu gestalten und zu ver­kaufen. Das Sportereignis wird inszeniert.“ (Leyendecker 2006: 234). Diese Rolle ist gewachsen und schränkt den Handlungsspielraum der Rollenträger ein.

[...]


[1] Hierbei sind einerseits Fachmedien wie „message“ zu nennen, aber auch beispielsweise das Fußballmagazin „Rund“ (vgl. Literaturverzeichnis).

[2] Dieses Vorgehen ist auf den Forschungsstand zurückzuführen. Weil Nähe-Distanz-Konflikte häu­fig nebenbei sowie implizit erwähnt oder nicht näher erläutert werden, erscheint es plausibel, das Thema auf diese Weise näher einzugrenzen.

[3] Insgesamt unterscheidet Jantos vier verschiedene Definitionsansätze: Neben dem Darstellungs­bezogenen und dem als erstes vorgestellten Wirklichkeits-bezogenen Ansatz beschreibt er auch einen Journalisten-bezogenen Ansatz, der im Folgenden noch erläutert wird, und eine Empfänger­bezogene Argumentation, die für diese Arbeit keine Rolle spielt, weil sie beim Rezipienten ansetzt.

[4] In Kapitel 2.2 soll näher auf die Systemebene eingegangen werden.

[5] Dies soll in diesem Kapitel dargestellt werden. Hierbei wird von dem Sozialen System Journalis­mus ausgegangen. Weitere Differenzierungen werden in den folgenden Kapiteln vorgenommen, wo das Sport- und das Politikressort jeweils als Subsystem des Journalismus verstanden werden, die im Laufe der Binnendifferenzierung des Journalismussystems entstanden sind (vgl. dazu auch Blöbaum 1994: 205).

[6] Dies soll als Oberbegriff für alle Sozialen Systeme dienen (vgl. Weischenberg 1978: 26).

[7] Dabei wird aber, wie bereits im vorangegangenen Kapitel gezeigt, kein Abbild der Welt geliefert, sondern ein neu konstruierter Entwurf der Welt.

[8] Dabei bezieht sich der Status auf die Position eines Handelnden innerhalb des Systems (vgl. Weischenberg 1998: 308).

[9] Menschen bewegen sich in verschiedenen Systemen und füllen eine Vielzahl von Rollen aus, was jeweils verschiedene Verhaltenserwartungen, formelle und informelle Regeln, mit sich bringt (vgl. Weischenberg 1998: 212).

[10] Und auch Altmeppen/Löffelholz räumen dies zumindest indirekt ein, indem sie fordern, dass Journalisten den Beeinflussungsversuchen aus anderen Systemen widerstehen sollen, um die funktionale Identität ihrer journalistischen Rolle zu erhalten (vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998: 101).

[11] In Wissenschaft und Praxis wird dies mitunter als akut wahrgenommen: So verweist Ruß-Mohl darauf, dass der Journalismus - im Gegensatz zu anderen Teilsystemen - nicht immer trennscharf von den anderen Systemen abzugrenzen ist. Neben Austauschbeziehungen gebe es Schnittmen­gen mit verschiedenen Systemen, beispielsweise dem Wirtschaftsystem (Medien als Wirtschaftsun­ternehmen und Teil des Wirtschaftssystems, Vgl. Ruß-Mohl 2003: 28f.). Leyendecker hingegen stellt fest, dass sich die Arbeitsrolle des Journalisten mit anderen überschneidet und bezieht sich dabei auf die Praxis: So schreiben u.a. Wirtschaftsjournalisten Reden für Angehörige von Wirt­schaftsunternehmen, über die sie dann selbst berichten (Vgl. Leyendecker 2006: 229).

[12] An dieser Stelle ist allerdings darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat im Kontext der Abgrenzung des Funktionssystems Journalismus zu Laienjournalismus und im Zusammenhang mit der Nähe zum Publikum entstanden ist. Die Kernaussage aber erscheint auf diesen neuen Kontext übertrag­bar, da sie dadurch nicht berührt wird.

[13] Es wird allerdings betont, dass es sich um Momentaufnahmen handelt, die entsprechend weder Stabilität noch Wandel in den Rollenselbstbildern belegen können - wenngleich sich die Entwick­lung zwischen den Messungszeiträumen vermuten lässt (vgl. Weischenberg et al. 2006: 119).

[14] Gravierend erscheint dies in der Absicht, Missstände zu kritisieren: Dies haben demnach 2005 nur noch 43 Prozent der Journalisten mit dem entsprechenden Rollenverständnis im Alltag umset­zen können (1993 gaben dies noch zwei Drittel an; vgl. Weischenberg et al. 2006: 107).

[15] Auch am Beispiel der in Deutschland zuvor im 19. Jahrhundert populären Sportfachpresse lässt sich dies belegen: In Weischenbergs Überblick werden zahlreiche Beispiele zusammengetragen, die eine journalistische oder verlegerische Tätigkeit von Sportmedizinern oder Verbandsfunktionä­ren konstatieren (vgl. Weischenberg 1978: 122ff.). So wurden u.a. Turnzeitschriften gegründet, um die Interessen der Verleger aus dem Sportbereich öffentlich zu machen und - unkritisch - über die Vereins- und Verbandsaktivität zu berichten (vgl. Weischenberg 1978: 122f.).

[16] Beispielhaft lässt sich diese Wechselwirkung an der Entwicklung des Fußballs verdeutlichen: So weist Weischenberg auf eine Tageszeitung hin, die im frühen 20. Jahrhundert wegen des Erfolgs des örtlichen Fußballvereins eine eigene Fußballrubrik gründete (vgl. Weischenberg 1978: 119).

[17] Im Hinblick auf die neuere Geschichte des Sportjournalismus ist auf ein Forschungsdefizit zu verweisen. Es liegen nur wenig aktuelle Arbeiten vor, wie beispielsweise auch Fleischmann in sei­ner Diplomarbeit feststellen musste (vgl. Fleischmann 2007: 28).

[18] Die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Journalist und Sportler respektive Aktiven sollen in Kapitel 2.4.3 näher erläutert werden.

[19] Görner zitiert zudem eine Magisterarbeit von Martina Nause, deren Fallstudie aus dem Jahr 1986 diese enge Verbindung zwischen Sport und Sportjournalisten bestätigt (vgl. Görner 1995: 69), ebenso eine Magisterarbeit von Gerhard Lerch (vgl. Görner 1995: 71). Weil diese Arbeiten jedoch nicht im Original zu bekommen waren, soll dies nur am Rande als Beleg dienen.

Details

Seiten
134
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640606320
ISBN (Buch)
9783640605972
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149794
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Mittendrin Eine Befragung Nähe-Distanz-Problem Sport- Politikjournalismus

Autor

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Titel: Mittendrin statt nur dabei?