Lade Inhalt...

Schöne neue Fernsehwelt: Phoenix das neue Programm auf dem deutschen Fernsehmarkt

Forschungsarbeit 2000 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einleitende Vorbemerkung
1.1 Themenfindung
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Probleme, Vorgehen und Rechercheabläufe

2 Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Die Rolle des Massenmediums Fernsehen im politischen Kommunikationsprozeß
2.1.1 Entwicklungstendenzen politischer Kommunikation
2.1.2 Politische Erfahrung als vermittelte Erfahrung
2.1.3 Zur Vermittelbarkeit des Politischen: Realitätsbegriff und Medienlogik des Fernsehens
2.1.4 Funktionen der Medienrealität
2.2 Politisierung oder Entpolitisierung in unterschiedlichen Medienformaten
2.2.1 Die Modifizierung der Videomalaise-Hypothese
2.2.2 Verändertes Nachrichten- und Informationsangebot seit Einführung des dualen Rundfunksystems in Deutschland
2.2.3 Die Vermeidbarkeit des Politischen als Trend
2.2.4 Kurzer Exkurs zur Konvergenzhypothese
2.2.5 Phoenix - ein Sender gegen den Trend?

3 Phoenix – institutioneller Aspekt
3.1 Phoenix als Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF
3.2 Organisation des Senders
3.3 Programmauftrag und Programmstruktur

4 Phoenix – Datenanalyse zur Rezeption
4.1 Darstellung und Interpretation der GfK-Zahlen zum Phoenix-Programm seit Erhebung
4.1.1 Zielgruppen, und besonders frequentierte Sendezeiten
4.1.2 Empfangbarkeit von Phoenix und die Entwicklung der Marktanteile
4.1.3 Entwicklung der Sendung „Phoenix/Schwerpunkt mit call-in“
4.2 Darstellung und Interpretation der GfK-Zahlen zum Konsum von Nachrichten und politischen Informationsprogrammen seit
4.2.1 Einschaltquoten und Marktanteile der Nachrichten und Sendungen mit politischen Themen bei den fünf führenden Fernsehanstalten
4.2.2 Seh- und Sendedauer der Nachrichten und Sendungen mit politischen Themen bei den fünf führenden Fernsehanstalten

5 Zusammenfassung

6 Schlußbemerkung und Ausblick

7 Literatur- und Quellenverzeichnis:

1 Einleitende Vorbemerkung

1.1 Themenfindung

„Schöne neue Welt“ so lautet der Titel eines Romans von Aldous Huxley. Das im Jahr 1932 erschiene Werk zeichnet ein scheinbar utopisches Bild über die weitere Entwicklung der Menschheit und ihrer Gesellschaft. Die Anlehnung des Titels dieser Projektkurs-Arbeit an das Szenario von Huxley ist nicht zufällig gewählt. Auch unsere Medienwelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert. Der hier zu untersuchende Bereich des Fernsehens in Deutschland unterzog sich mit der Einführung des dualen Systems Mitte der achtziger Jahre einem deutlichen Wandel: Während man bis zur Einführung des kommerziellen Rundfunks in der Regel nicht mehr als drei (Teilzeit-) Programme empfangen konnte, verfügen heute die meisten Haushalte via Satellit oder Kabel über weit mehr als 30 Kanäle, die rund um die Uhr senden. 1990 besaßen nur 3% der westdeutschen Bevölkerung und nur 1% aller Ostdeutschen kein Fernsehgerät. Werden in Huxleys Roman Menschen entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen produziert, so entstehen in der „Schönen neuen Fernsehwelt“ bedürfnisgerechte TV-Programme, deren Angebot sich an der Nachfrage der Zuschauer orientiert und einer eigenen Medienlogik unterliegt.

Die eigene jahrelange berufliche Fernseherfahrung führte nun zu einem Untersuchungsinteresse in diesem Bereich des Mediensystems. Die interessengeleitete Beobachtung des deutschen Fernsehmarktes einerseits und die Auseinandersetzung mit den Systemen Politik und Medien auf wissenschaftlichen Grundlagen auf der anderen Seite, führten mich zum Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF „Phoenix“. Dieser Sender stellt aus meiner Sicht ein Unikum in der bisherigen Fernsehlandschaft dar und soll deshalb zu den bisher in der Politik- und Kommunikationswissenschaft gängigen Hypothesen und Theorien in Beziehung gesetzt werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Zunächst wird allgemein die Rolle des Massenmediums Fernsehen im politischen Kommunikationsprozeß untersucht (2.1.). Es geht darum aufzuzeigen, daß für den Bürger politische Erfahrung eine zumeist medial vermittelte Erfahrung darstellt. Hierbei soll auch nach unterschiedlichen Modellen zum Realitätsbegriff gefragt und die Logik des Mediums Fernsehen beleuchtet werden. Im folgenden Abschnitt des zweiten Kapitels (2.2.) wird die Wirkung unterschiedlicher Medienformate im Mittelpunkt stehen. Es geht also beispielsweise darum aufzuzeigen, welches Fernseh-Konsumverhalten zu einer Politisierung des Rezipienten führt. Gleichzeitig sollen der seit Einführung des dualen Systems zunehmende Trend zur Vermeidbarkeit politischer Inhalte und die daraus resultierenden Konsequenzen erläutert werden. Außerdem werden allgemeine Entwicklungen der Programmgestaltung im deutschen Fernsehen herausgearbeitet und der 1997 von ARD und ZDF gegründete Sender „Phoenix“ dazu in Beziehung gesetzt. Es gilt also zu fragen, inwieweit „Phoenix“ sich einem zu erwartenden Trend in der Programmentwicklung anschließt oder sich diesem eher entzieht. Dazu werden im dritten Kapitel die Organisation des Senders, seine Rolle innerhalb der öffentlich-rechtlichen Anstalten, der Programmauftrag sowie die Struktur des Programms vorgestellt. Im vierten Kapitel schließt sich eine Datenanalyse zur Rezeption des Programms von Phoenix und zum allgemeinen Konsum von Nachrichten- und Informationsprogrammen an. Ausgehend von den Hypothesen des zweiten Kapitels soll also ein Rückschluß auf die Wirkung beim Rezipienten und die Rolle des Senders innerhalb der bundesdeutschen Fernsehlandschaft gezogen werden können.

Eine Zusammenfassung und eine abschließende Stellungnahme zu den erzielten Ergebnissen werden am Ende dieser Arbeit stehen.

1.3 Probleme, Vorgehen und Rechercheabläufe

Ursprünglich sollte in dieser Arbeit die Rolle des Fernsehsenders „Phoenix“ im gesamten politischen Kommunikationsprozeß untersucht werden. Die Anstalt wurde in dieser ersten Konzeption als Teil eines Bezugssystems zwischen politischem Akteur, vermittelndem Medium und rezipierendem Bürger betrachtet. Dabei sollten die jeweiligen Teilsysteme und ihre ambivalenten Wechselwirkungen Untersuchungsgegenstand sein. Aus kapazitären Gründen wurde das Thema nun auf eine Untersuchung des Status quo von „Phoenix“ auf dem deutschen Fernsehmarkt eingegrenzt.

Der theoretische Bezugsrahmen zum Untersuchungsgegenstand ergibt sich vorwiegend aus der einschlägigen kommunikations- und politikwissenschaftlichen Literatur. Die Standardwerke[1] von den Herausgebern Otfried Jarren, Ulrich Sarcinelli und Ulrich Saxer lieferten mit Autoren wie Heribert Schatz, Barbara Pfetsch, Christina Holtz-Bacha und Werner J. Patzelt hervorragende Ansatzpunkte zur allgemeinen Darstellung des Massenmediums Fernsehen im politischen Kommunikationsprozeß und zur Auseinandersetzung mit der Frage nach Politisierung und Entpolitisierung in den unterschiedlichen Medienformaten. Ebenso das von Michael Jäckel und Peter Winterhoff-Spurk herausgegebene Werk „Politik und Medien“[2] aus dem unter anderem die Beiträge von Heinz Gerhard, Rüdiger Schmitt-Beck und Frank Marcinkowski herangezogen wurden. Insgesamt wurde bei der Auswahl der Texte und der Vorstellung von Theorien und Hypothesen darauf geachtet, daß sich die entsprechenden theoretischen Aspekte zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand -dem Fernsehsender „Phoenix“- in Beziehung setzen lassen.

Der institutionelle Aspekt wurde in erster Linie in zahlreichen Telefonaten und Schriftwechseln mit dem Sender erarbeitet. Aber auch die Internet-Recherche und das Studium von offiziellen Informationsbroschüren brachten hier die entsprechenden Ergebnisse. Allerdings führte während der Sommermonate der Umzug der Phoenix-Sendezentrale von Köln nach Bonn zum Teil zu zeitlichen Verzögerungen bei der Materialbeschaffung.

Zur Datenanalyse wurden Zahlen der GfK AG herangezogen, die zum Teil über Phoenix direkt bezogen werden konnten und zum anderen Teil bei Media Control angefordert werden mußten. Der Untersuchungszeitraum ergab sich hierbei durch den faktischen Zeitraum der Datenerhebung. Phoenix wird bei den Datensätzen der GfK erst seit dem 1. Januar 2000 berücksichtigt. Für die vergleichende Darstellung und Interpretation der Zahlen zum Konsum von Nachrichten- und politischen Informationssendungen wurden Daten seit dem Erhebungsbeginn im Januar 1992 bis einschließlich Juli 2000 herangezogen.

2 Theoretischer Bezugsrahmen

2.1 Die Rolle des Massenmediums Fernsehen im politischen Kommunikationsprozeß

Unter politischer Kommunikation soll hier der auf Information bezogene Interaktionsprozeß zwischen verschiedenen Akteuren des politischen Systems verstanden werden, der zugleich auch selbst Teil des politischen Handelns ist. Die Akteure der politischen Kommunikation sind das Parlament, die Regierung und die Opposition, die Parteien eines politischen Systems, die Journalisten und Medienvertreter, Interessenverbände und Vereinigungen sowie der Bürger. Obwohl politische Kommunikation zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen wie Publizistik, Rechts-, Politik- Sprach- und Wirtschaftswissenschaften berührt, ist sie dennoch ein relativ junger Untersuchungsgegenstand der einzelnen Fachbereiche. Im Folgenden werden vor allem Aspekte der Politik- und Kommunikationswissenschaft zur Untersuchung der Funktionen des Massenmediums Fernsehen herangezogen.

2.1.1 Entwicklungstendenzen politischer Kommunikation

Zum einen rückt in der Berichterstattung durch die Massenmedien –gerade im Fernsehen- die symbolische Politik immer mehr in den Vordergrund. Das heißt, die Darstellungspolitik, getragen zumeist von medienwirksamen Repräsentanten, drängt die Entscheidungspolitik immer weiter zurück. Politik wird heute zunehmend intensiver und perfekter symbolisch, öffentlich zelebriert. Komplexe Sachverhalte werden in sendefähigen 30-Sekunden-Statements für die Hauptnachrichtensendungen kompensiert, große Parteitage von Parteien werden mediengerecht inszeniert. Eine sich rasant entwickelnde Medienlandschaft führt in den Institutionen des politischen Tagesgeschäfts zum Ausbau der Öffentlichkeits- und PR-Apparate. Außerdem treten der Entscheidungs- und Darstellungszusammenhang immer weiter auseinander: Auf der Vorderbühne findet –bildlich formuliert- das politische Schauspiel als inszenierte Darstellung statt. Auf den Hinterbühnen werden die wirklichen Entscheidungsprozesse abgewickelt. Was den Journalisten noch durch ihre Beziehungen zu den Politikern als Gesamteindruck des Theaters offenbar bleibt, ist dem breiten Publikum bei weitem schon nicht mehr zugänglich. Drittens wird für den Rezipienten politischer Kommunikation, um im Bild zu bleiben, auf der Vorderbühne eine Distanz zwischen Berichterstattern und Politikern postuliert, die faktisch hinter der Bühne teilweise geradezu symbiotische Züge bekommen kann. Dem möglichst exklusiven Informationsinteresse der Journalisten steht das Publizitätsinteresse des Politikers gegenüber. Somit entsteht zwischen den beiden Akteuren eine Beziehung mit dem jeweiligen Ziel, das Verhältnis möglichst im eigenen Sinne zu instrumentalisieren. Für einseitig ausgerichtete, ressourcenschwache Medienrezipienten kann dies eine zunehmende Kluft zwischen politischem Wissen und Bewußtsein bedeuten.[3] Auf diesen Umstand wird in Kapitel 2.2. weiter eingegangen.

2.1.2 Politische Erfahrung als vermittelte Erfahrung

Politische Kommunikation ist so alt, wie die Politik selbst: ausgebaute Bergpfade bei den Inkas oder eigens eingerichtete Pflasterstraßen für Botenläufe im Römischen Reich sind bereits frühgeschichtliche Zeugnisse für eine vergleichsweise leistungsfähige Infrastruktur der Politikvermittlung. Unsere heutige Gesellschaft ist komplex und hochgradig funktional differenziert. An die Stelle der antiken Boten sind längst massenmediale Informationssysteme getreten. Der Begriff der Dienstleistungsgesellschaft wurde inzwischen von dem der Informationsgesellschaft abgelöst. Allerdings bestimmen heute bei weitem nicht mehr die politischen Akteure allein, was als Botschaft übermittelt wird. Vielmehr hat das Übermittlungssystem eigene Kriterien entwickelt, nach denen entschieden wird, was zur Nachricht wird. Die Dimensionen dieser Nachrichtenfaktoren sind nach allgemeinem Forschungsstand 1. der Status, 2. die Valenz, 3. die Relevanz, 4. die Konsonanz, 5. die Dynamik und 6. der Human Interest eines Ereignisses und werden als ein Bezugssystem für die subjektive Selektionsentscheidung des Journalisten betrachtet. Weitere Kriterien beim Fernsehen sind unter anderem die Zugänglichkeit zu Informationen, ihre Visualisierbarkeit, die Dramatisierbarkeit, die Kohärenz der Information und nicht zuletzt das vom Journalisten unterstellte Publikumsinteresse. Die politische Erfahrung des Bürgers ist, abgesehen von den Netzwerken der interpersonalen Kommunikation, die an dieser Stelle jedoch nicht im Mittelpunkt der Betrachtung stehen sollen, eine durch Presse, neue Medien und Rundfunk vermittelte Erfahrung. Rüdiger Schmitt-Beck weist auf die unverzichtbare Vermittlungsfunktion der Massenmedien hin:

„Sie überbrücken die Kluft zwischen der Mikroebene des Individuums in seinen alltäglichen Lebenszusammenhängen und der Makroebene des politischen Systems, in dem Entscheidungen getroffen werden, die für die gesamte Gesellschaft konsequenzenreich sind.“[4]

Diese politische Erfahrung verläuft im wesentlichen in eine Richtung, das heißt: der vermittelte Inhalt wird vom Sender an eine große Zahl von anonymen Adressaten gerichtet. Die Möglichkeit des Empfängers zur Reaktion und zur Kontrolle des Kommunikationsprozesses ist eher gering. Der Rezipient kann ihn entweder einseitig abbrechen, oder im Anschluß daran mit Zuschauerpost an die Redaktion auf die Sendung reagieren.

Politik ist heute aber für den Bürger und im Grunde auch für den politischen Akteur selbst in all ihren Voraussetzungen und Wirkungen nicht mehr durch direkte Teilnahme am eigentlichen Prozeß erfahrbar, sondern ihre Komplexität kann nur noch in Teilen über die Massenmedien vermittelt werden. Deshalb ist es nun um so wichtiger, das Augenmerk auf die Vermittlungsinstanz zu richten und gleichzeitig den Inhalt der vermittelten Botschaft nach den Kriterien des zugrundeliegenden Instrumentariums der Vermittlung zu untersuchen. Die Frage lautet also: Wie wird politische Realität vermittelt und welche spezifische Logik liegt dem hier zu untersuchenden Medium Fernsehen zugrunde?

2.1.3 Zur Vermittelbarkeit des Politischen: Realitätsbegriff und Medienlogik des Fernsehens

Seit Mitte der 70iger Jahre verwendet die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft den Begriff der Medienrealität und bezeichnet damit alle von den Medien hervorgebrachten Bilder und Texte. Die Medienrealität des Fernsehens wurde in zahlreichen empirischen Studien wie beispielsweise der von Kurt Lang und Glayds Engel Lang zum „Mac Arthur-Day“ in Chicago (1953) oder der von Wolfgang Donsbach, Hans-Bernd Brosius und Axel Mattenklott zur Wahrnehmung einer Wahlkampfveranstaltung durch Teilnehmer und Fernsehzuschauer in Mainz (1990) untersucht. Dabei wurde jeweils das Wahrnehmungsverhalten der Rezipienten als unmittelbarer Teilnehmer des Ereignisses und als Fernsehzuschauer gegenübergestellt und nachgewiesen, daß ein durch das Fernsehen vermitteltes Ereignis beim Zuschauer eine andere Wirkung vermittelt als eine direkte Teilnahme an diesem Ereignis. In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich so ein ganzer Wissenschaftszweig, die Medienwirkungsforschung. Donsbach, Brosius und Mattenklott weisen darauf hin, daß durch die abstrakte Darstellungsform dem Zeitungsleser der Unterschied zwischen Realität und Medienrealität noch deutlich werden kann. Das Fernsehen jedoch erzeuge beim Zuschauer aufgrund seines audiovisuellen Charakters den Eindruck, daß die Realität an sich abgebildet sei.[5] Dem unmittelbaren Teilnehmer stünden bei einem Ereignis praktisch unendlich viele von ihm steuerbare Möglichkeiten zur Wahrnehmung und Fokussierung der Ereignisaspekte zur Verfügung. Das Auge des Fernsehzuschauers hingegen werde durch Darstellungseffekte wie Kamera-, Schnitt- und Zoom-Techniken geführt, die immer nur einen bestimmten Realitätsausschnitt präsentierten.

Aber auch Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann haben sich mit der Frage nach der Realität in den Massenmedien beschäftigt und vertreten beispielsweise einen operativen Konstruktivismus. Die unterschiedlichen Positionen müssen an dieser Stelle aus kapazitären Gründen als bekannt vorausgesetzt und sollen daher nur im Grundsatz skizziert werden.

In der modernen Kommunikationswissenschaft lassen sich drei Ansätze unterscheiden. Leitend ist dabei jeweils die Frage nach einer generellen Erkennbarkeit der Welt, also das Verhältnis zwischen Realität und Medienrealität. Realistische Ansätze gehen davon aus, daß die Welt -wenngleich auch durch zahlreiche neurologische und soziale Filter- grundsätzlich erkennbar ist. In der Medienwirklichkeit kann daher die Welt, so wie sie ist, auch abgebildet werden. Daraus resultiert die Forderung nach einer journalistischen Wahrheits- und Objektivitätsnorm.

Konstruktivistische Ansätze hingegen betonen, den konstruktiven Charakter der menschlichen Wahrnehmung generell und der Medien speziell: hier bilden die Medien die Wirklichkeit nicht ab, sondern sie schaffen sie erst. Wirklichkeit ist nicht erkennbar, die Medien sind das zentrale Instrument ihrer Konstruktion. Eine wahrheitsgemäße und objektive Berichterstattung wird daher für unrealistisch gehalten.

Die rekonstruktive Position versucht zwischen den beiden ersten Ansätzen zu vermitteln. Sie geht vom konstruktiven Charakter der Medienwirklichkeit aus und hält gleichzeitig an der Trennbarkeit sowie der relativen Unabhängigkeit von Berichterstattungsgegenstand und der Berichterstattung fest: das Ereignis wird hier nicht generiert, sondern die Berichterstattung über das Ereignis.

Wie also wird nun der politische Inhalt bei dem Fernsehsender Phoenix vermittelt? Zum einen unterliegen auch hier die Programmentscheidungen, wie im dritten Kapitel noch gezeigt wird, bestimmten Selektionskriterien. Die Entscheidungen beispielsweise, welche Pressekonferenz oder welche Bundestagsdebatte in voller Länge live übertragen wird, und an welcher Stelle aufgrund eines aktuellen Ereignisses die Übertragung zugunsten anderer politischer Berichterstattung abgebrochen wird, sind Ausdruck dafür, daß auch hier die dargestellte Wirklichkeit konstruiert ist. Und selbst bei der authentischen Wiedergabe eines politischen Prozesses wirken die nachgewiesenen Darstellungseffekte wie Kameraposition und Einstellungsgrößen. Andererseits vermittelt gerade die 1 zu 1 Darstellung eines politischen Ereignisses einen wesentlich realistischeren Eindruck vom politischen Prozeß, als der 30-Sekunden O-Ton in der Nachrichtensendung, wie schon die Studie von Donsbach, Brosius und Mattenklott gezeigt hat.

2.1.4 Funktionen der Medienrealität

Winfried Schulz stellt in seinem Aufsatz „Massenmedien und Realität“[6] mehrere Modelle zur Funktion der Medien und der durch sie vermittelten Realitätseindrücke dar. Dabei unterscheidet er zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze: Der realistische interpretiert die Medien als Spiegel der Wirklichkeit, und geht davon aus, daß Medien eine der Gesellschaft aufgesetzte, wesensfremde Technik darstellen. Medien haben dann die Fähigkeit, soziale Gruppen und Individuen zu manipulieren und zu kontrollieren. Das Bewußtsein des Publikums wird durch die eigene Sichtweise der Medien entweder beeinflußt, oder der Rezipient eignet sich mit der Zeit aktiv das durch die Medien verzerrte Weltbild an. Kommunikationswissenschaftler wie Elisabeth Noelle-Neumann üben deshalb wegen des Widerspruchs zum Postulat der Objektivität massive Medienkritik, die auf eine stärkere Medienkontrolle abzielt, weil die Medien für den Rezipienten zur virtuellen Bezugsgruppe würden, die dem Individuum als Indikator für die allgemeine akzeptierte öffentliche Meinung diene.

Der konstruktivistische, dem auch Schulz zuzuordnen ist, sieht dagegen keinen Gegensatz zwischen der Gesellschaft und den Massenmedien. Sie sind ein aktiver Bestandteil des sozialen Prozesses, aus dem eine Vorstellung von Wirklichkeit erst hervorgeht. Diese Konstruktion von Wirklichkeit ist ein kollektiver Prozeß und dient als Basis für soziales Handeln. Aspekte wie Selektion oder Bewertung, die bei den Realisten als disfunktional interpretiert werden, sind hier erwünschte Funktionen von Kommunikation und damit ist die Realität das Ergebnis der Medienkommunikation. Wenn Realität nur über den Verarbeitungsprozeß der Information konkret erfahrbar ist, läßt sich der Grad der Verzerrung nie exakt bestimmen. Denn –so folgert Schulz- ein Vergleich von Medienrealität und „realer Realität“ ist nicht mehr möglich. Die Annahme der „Verzerrung“ bleibt für ihn in letzter Konsequenz sogar nur eine akademische Hypothese. Diese Auffassung impliziert, daß verschiedene Sichtweisen der Welt zu tolerieren sind, und daß eine Konkurrenz verschiedener Definitionen von Wirklichkeit sowie die wechselseitige, kritische Auseinandersetzung zwischen ihnen die bestmögliche Annäherung an die objektive Realität darstellen. Objektivität ist als Ideal oder höheres Ziel zu verstehen. Medienrealität hat hier die Funktion, den Bezugsrahmen für individuelles Handeln herzustellen: je glaubwürdiger eine Situation von den Medien geschildert wird, desto stärker wird durch sie das Verhalten der Rezipienten bestimmt.

2.2 Politisierung oder Entpolitisierung in unterschiedlichen Medienformaten

Wurde im vorangegangenen Kapitel nach der Rolle des Fernsehens im politischen Kommunikationsprozeß gefragt und eine begriffliche Einordnung von Realität vorgenommen, geht es im Folgenden darum aufzuzeigen, ob und inwieweit unterschiedliche Medienformate zu einer Politisierung oder Entpolitisierung des Rezipienten führen können.

2.2.1 Die Modifizierung der Videomalaise-Hypothese

Mitte der 70iger Jahre behauptete der amerikanische Politologe Michael J. Robinson, wer sich bei politischen Informationen auf das Fernsehen verlasse, werde von der Politik entfremdet, da das Fernsehen eine negative Politikberichterstattung leiste. Ferner mache die hohe Glaubwürdigkeit des Mediums die Zuschauer leichter beeinflußbar. Die Ergebnisse der Nachfolgestudien sind durchaus sehr unterschiedlich. Während einige zu ähnlichen Befunden kommen, lassen sich in anderen die von Robinson sehr vereinfacht dargestellten Zusammenhänge nicht nachweisen. Die Begründung mag im unterschiedlichen methodischen Vorgehen dieser Studien liegen, beispielsweise beruhen die wenigsten auf national repräsentativen Daten und vernachlässigen so die regionalen und lokalen Besonderheiten der Stichproben. Nicht zuletzt wurden die Einstellung zur Politik und das Medienverhalten anhand sehr unterschiedlicher Variablen gemessen.[7]

Politikverdrossenheit ist auch in Deutschland seit Jahren ein beliebtes Schlagwort geworden. Immer werden dabei von Wissenschaftlern wie beispielsweise Hans Mathias Kepplinger[8] auch die Massenmedien mit einer negativen politischen Berichterstattung als Ursache für die Politikverdrossenheit der Bürger mit ins Gespräch gebracht. Es scheint unumstritten, daß Politiker zunehmend die Darstellung ihrer Arbeit und ihrer eigenen Person immer stärker auf das Fernsehen ausrichten. Politikdarstellung im Fernsehen unterliegt aufgrund der zeitlichen Begrenztheit immer Auswahl- und Kürzungskriterien. Eine aufwendige Visualisierung führt tendenziell zu inszenierter, symbolischer Politik, begleitet von starken Personalisierungstendenzen. Zahlreiche Untersuchungen, die Robinsons Videomalaise-Hypothese auf der Basis von Daten aus Deutschland überprüften, konnten unter Berücksichtigung der soziodemographischen Merkmale Alter, Bildung, Geschlecht und dem allgemeinen politischen Interesse keinen Zusammenhang zwischen einer Präferenz für das Fernsehen als politische Informationsquelle und einer politischen Entfremdung feststellen. Ein Zusammenhang, allerdings ein negativer, konnte hingegen bei der Untersuchung der tatsächlichen Nutzung politischer Informationssendungen und der politischen Malaise herausgearbeitet werden: je mehr politische Sendungen rezipiert wurden, desto geringer der Grad der Politikverdrossenheit beim Zuschauer. Wer jedoch vorwiegend Unterhaltungssendungen konsumiert, neigte eher zu negativen Einstellungen zur Politik. Auch Hans-Dieter Klingemann und Katrin Voltmer kommen bei ihren Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen der Nutzung der Nachrichtensendungen des Fernsehens und der politischen Beteiligungsbereitschaft zu einem ähnlichen Ergebnis. Allerdings setzen sie die mit einem hohen Nachrichtenanteil einher gehende hohe politische Beteiligungsbereitschaft zusätzlich zur gesamten Fernsehdauer in Beziehung:

[...]


[1] Jarren 1993, Jarren, Sarcinelli, Saxer1998

[2] Jäckel, Winterhoff-Spurk, 1994

[3] vgl.: Saxer, Ulrich: System, Systemwandel und politische Kommunikation. In: Jarren, Otfried u.a. (Hrsg.), Opladen, Wiesbaden 1998, S. 34ff.

[4] Schmitt-Beck, Rüdiger, 1994 (2), S.159-160.

[5] Donsbach, Wolfgang, Hans-Bernd Brosius und Axel Mattenklott: Die Zweite Realität. In: Christina Holz-Bacha und Lynda Lee Kaid (Hrsg.), Opladen, 1990, S.104-105.

[6] Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. Die „ptolemäische“ und „kopernikanische“ Auffassung. In: Kaase, Max und Winfried Schulz (Hrsg.), Opladen, 1989, S. 135-149.

[7] Diesem Abschnitt liegt ein Aufsatz von Christina Holz-Bacha mit dem Titel „Entfremdung von der Politik durch ‚Fernseh-Politik‘?- Zur Hypothese von der Videomalaise“ zugrunde: vgl. im Literaturverzeichnis Christina Holz-Bacha, 1993.

[8] Kepplinger, Hans Mathias: Medien und Politik. Fünf Thesen zur konflikthaltigen Symbiose. In: Bertelsmann Briefe, 129, 1993, S. 20-23.

Details

Seiten
46
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640606870
ISBN (Buch)
9783640606856
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149823
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Politik- und Sozialwissenschaft am Otto-Suhr-Institut
Note
2,0
Schlagworte
Politik und Medien Kommunikation und Publizistik Fernserhen und Politik Akteure politischer Kommunikation Politisches System der Bundesrepublik Deutschland

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Schöne neue Fernsehwelt: Phoenix das neue Programm auf dem deutschen Fernsehmarkt