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Lebendiges Lernen auf Basis der Themenzentrierten Interaktion

Ein didaktisches Konzept für die Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen

Diplomarbeit 2009 152 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Arbeit und Arbeitslosigkeit
2.1 Die Bedeutung von Erwerbsarbeit
2.2 Arbeitslosigkeit und ihre Folgen
2.2.1 Der Verlauf der Arbeitslosigkeit
2.2.2 Die Folgen von Arbeitslosigkeit
2.2.2.1 Finanzielle Folgen
2.2.2.2 Soziale Folgen
2.2.2.3 Veranderte Zeitstruktur
2.2.2.4 Gesundheitliche Folgen
2.2.3 Die Teufelskreise der Arbeitslosigkeit
2.2.4 Die individuelle Bewaltigung von Arbeitslosigkeit
2.2.5 Der Weg in die Langzeitarbeitslosigkeit

3. Themenzentrierte Interaktion in der Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen
3.1 Die ethische Grundlage
3.1.1 Das existentiell-anthropologische Axiom
3.1.2 Das ethisch-soziale Axiom
3.1.3 Das pragmatisch-politische Axiom
3.2 Die Dreiecksbalance in der Gruppenarbeit
3.2.1 Die vier Faktoren des TZI-Dreiecks
3.2.1.1 Das „Ich“
3.2.1.2 Das „Wir“
3.2.1.3 Das „Es“
3.2.1.4 Der Globe
3.2.2 Die dynamische Balance
3.2.3 Das Eisberg-Modell
3.3 Die Postulate
3.3.1 Das Chairperson-Postulat
3.3.2 Das Storungs-Postulat
3.4 Die Hilfsregeln
3.5 Die Rolle der Leitung
3.6 Die Entwicklung von Gruppen
3.6.1. Ankommen, orientieren, Kontakt aufnehmen
3.6.2 Garung und Klarung
3.6.3 Arbeitslust und Produktivitat
3.6.4 Transfer, Abschluss und Abschied

4. Das Konzept zur Weiterbildung Langzeitarbeitsloser
4.1 Die Rahmenbedingungen
4.1.1 Der personale Aspekt - Die Zielgruppe
4.1.2 Der raumliche Aspekt
4.1.3 Der zeitliche Aspekt
4.1.4 Der kognitive Aspekt
4.1.5 Der emotionale Aspekt
4.1.6 Der gesellschaftliche und politische Aspekt
4.2 Die Ziele der Weiterbildung
4.2.1 Selbstkompetenz entwickeln
4.2.2 Kommunikation bewusst wahrnehmen und einsetzen
4.2.3 Teamfahigkeit trainieren
4.2.4 Ziele formulieren
4.2.5 Anregungen zum „Zeitmanagement“
4.2.6 Konflikte erkennen und bewaltigen
4.3 Die Themen der Weiterbildung
4.4 Die Methoden
4.4.1 Faktoren fur die Auswahl geeigneter Methoden
4.4.2 Integrierte Elemente und Methoden der Erlebnispadagogik
4.4.2.1 Das Komfortzonenmodell
4.4.2.2 Interaktionsubungen
4.4.2.3 Die Reflexion
4.5 Der konkrete Entwurf des Seminarplans

5. Die Durchfuhrung des Seminars
5.1 Reflexion des 1. Tages: Ankommen, Kennenlernen, Wahrnehmung
5.2 Reflexion des 2. Tages: Verbale und nonverbale Kommunikation
5.3 Reflexion des 3. Tages: Der Umgang mit Konflikten
5.4 Reflexion des 4. Tages: Kooperation, Teamwork und Teamfahigkeit
5.5 Reflexion des 5. Tages: Selbstwert und Ziele
5.6 Zusammenfassung wichtiger Aspekte
5.6.1 Das Menschenbild der Leitung
5.6.2 Die dynamische Balance beachten
5.6.3 Flexibilitat in der Struktur
5.6.4 Theorie-Einheiten kurz und anregend
5.6.5 Aktivierende Ubungen Schritt fur Schritt einfuhren
5.6.6 Heterogenitat der Gruppe beachten und nutzen
5.6.7 Relevanz der Themen bewusst machen
5.6.8 Klare und einfache Arbeitsanweisungen
5.6.9 Abschluss und Ausblick sorgfaltig gestalten
5.6.10 TZI-Themenformulierung

6. Schlussbetrachtung

7. Literatur

8. Fur die Seminardurchfuhrung verwendete Literatur

Anhang

Feedbackbogen

Partnerinterview

Ich mache was, was du nicht horst

Bullshit-Bingo

Gruppenarbeit: Vier-Ohren Modell

Interaktion: Blinder Mathematiker

Interaktion: Geometrische Formen beschreiben

Interaktion: Gefahrentransport

Interaktion: Turmbau

Interaktion: Der schwebende Stab

Selbstbild / Fremdbild

Die Lebenskurve

Info-Kasten: Zahlen und Fakten (ZuF)

ZuF I: M. und AAE Corporate Training

ZuF II: Arbeitslosigkeit heute

ZuF III: Die Arbeitslosen von Marienthal

ZuF IV: Leiharbeit in Deutschland

ZuF V: Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen in Deutschland

Grafiken:

Abb. 1: Arbeitslose und Arbeitslosenquote

Abb. 2: Arbeitslosigkeit

Abb. 3: Weniger guter oder schlechter Gesundheitszustand in

Abhangigkeit von Arbeitslosigkeitserfahrungen bei Mannern

Abb. 4: Krankenhaustage bei Mannern

Abb. 5: Dauer der Arbeitslosigkeit

Abb. 6: Entwicklung der Arbeitnehmeruberlassung in Dtl. und S.-H.

1. Einleitung

Arbeitslosigkeit gehort seit Ende der 70er Jahre zu den groGten sozialen Prob- lemen in Deutschland. Seitdem haben sich die Arbeitslosenzahlen stetig erhoht, und trotz einer Entspannung nach 2006 (Bundesagentur fur Arbeit, Analytikreport der Statistik 04/2008), ist das Problem spatestens mit der aktuellen Wirtschafts- krise wieder in den Vordergrund getreten. Arbeitslosigkeit bedeutet oft eine groGe Umstellung fur die Betroffenen. Sowohl in finanzieller, als auch im sozialer und in psychischer Hinsicht. Besonders mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit spitzen sich die Folgen der Arbeitslosigkeit immer mehr zu, was die Chancen der Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade verbessert. Geht man davon aus, dass mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit die Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt abnehmen, so ist es abzusehen, dass gerade Langzeitarbeits- losigkeit ein besonderes Problem darstellt.

Seit vielen Jahren werden in Politik und Wirtschaft stetig neue Programme und MaGnahmen entwickelt, um die Arbeitslosenzahlen zu verringern, in erster Linie also, um Arbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Viele dieser MaGnahmen wenden sich an Langzeitarbeitslose. Eine nicht geringe Anzahl der Betroffenen gelten als schwer- bis schwerstvermittelbar, weil sie mehrere ver- mittlungshemmende Merkmale (wie gesundheitliche Beeintrachtigungen, ein ho- heres Lebensalter, einen Migrationshintergrund, einen niedrigen Schulabschluss und/oder einen fehlenden Berufsabschluss) vereinigen und ihnen so der Zugang zu einem regularen Beschaftigungsverhaltnis erschwert ist (Bundesministerium fur Bildung und Forschung, Berufsbildungsbericht, 1997). Das Angebot an MaG­nahmen, die die Aussichten auf eine Arbeitsvermittlung verbessern sollen, ist weit gefachert. Neben Ein-Euro-Jobs und beruflichen Umschulungen gehort auch die Zeitarbeit zu diesen Programmen.

Bestandteil aller Weiterbildungs- oder QualifizierungsmaGnahmen sind neben dem Fachlichen auch immer „Elemente der Allgemein- und Personlichkeits- bildung [...], d. h. personliche Stabilisierung, Orientierung und Motivierung der MaGnahmeteilnehmer, wie etwa das Training des Arbeits- und Sozialverhaltens,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gruppe, als auch den einzelnen Teilnehmer mit seinen Bedurfnissen, Hintergrun- den und Problemen, gleichwertig im Auge. Ebenso scheint der Aspekt des akti- ven, lebendigen Lernens fur eine Zielgruppe - die in der Regel wenig Qualifika- tionen erworben hat und aus Arbeitszweigen mit praktischer, korperlicher Arbeit stammt - geeigneter, als theoretische Vortrage, die in den mir bekannten Kursen in der Regel vorherrschten.

Dieses Konzept soll grundsatzliche Uberlegungen zur TZI in der Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen beinhalten, anhand derer anschlieBend ein konkre- ter Seminarplan fur eine reelle Schulung ausgearbeitet und erprobt wird. Diese Durchfuhrung liefert ohne weiterfuhrende Forschung naturlich kein reprasentati- ves Ergebnis fur den Erfolg oder Misserfolg dieses Konzeptes. Dennoch werde ich meine Eindrucke hier darstellen, reflektieren und anschlieBend einige wich- tige Aspekte zusammenstellen. Ziel ist es, einen Eindruck davon zu bekommen, ob lebendiges Lernen nach den Grundsatzen der TZI der richtige Ansatz fur die Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen ist.

Bevor aber dieser Plan entworfen werden kann, beschaftigt sich das zweite Ka- pitel dieser Arbeit mit der Bedeutung von Erwerbsarbeit fur den Einzelnen, so- wie mit dem Verlauf von Arbeitslosigkeit und den moglichen Folgen, wenn die Arbeitsstelle fur den Betroffenen wegfallt. Dieses Kapitel soll einen Einblick in die Lebenswelt der Teilnehmer geben und sie mit ihren Problemen, Sorgen und Hoffnungen, so gut es geht, abbilden.

Kapitel drei geht auf verschiedene Elemente der Themenzentrierten Interaktion ein, die mir fur die Arbeit mit den Langzeitarbeitslosen als relevant erscheinen. Das vorliegende Konzept soll von grundsatzlichen Uberlegungen zur Weiterbil­dung Langzeitarbeitsloser auf Basis der Themenzentrierten Interaktion ausge- hen. Die TZI ist jedoch ein Modell, das sehr nah an den Teilnehmern und deren Lebenswelt, den auBeren Gegebenheiten der Lernsituation sowie auch an der Personlichkeit des Leiters arbeitet. Insofern ist es unumganglich fur ein durch- fuhrbares Projekt, die konkrete Situation so genau wie moglich zu betrachten. Ein ubergreifendes Konzept, das fur die Arbeit mit Langzeitarbeitslosen im Allge- meinen Gultigkeit findet, wurde der Individualitat der TZI nicht gerecht werden. Deshalb werden in diesem Kapitel die Elemente der TZI zunachst kurz vorgestellt und anschlieBend mit der Zielgruppe und der Situation der Weiterbildung bei in Verbindung gesetzt. AuBerdem sind in diesem Kapitel die Phasen der Gruppen- entwicklung beschrieben. Auch wenn diese nicht direkt zur TZI gehoren, werden sie in ihrem Zusammenhang doch stets erwahnt und sind fur die hier beschriebe- ne Schulungssituation unbedingt zu beachten.

Ebenso ist das Vorgehen in Kapitel vier. Es beinhaltet Ausfuhrungen zu den Rahmenbedingungen, Zielen, Themen und Methoden eines Seminars zunachst im Allgemeinen, dann im Speziellen fur die hier betrachtete Schulung. Zu den Me­thoden sind in diesem Kapitel noch einige Elemente der Erlebnispadagogik bei- gefugt, die in den Kurs integriert werden. Die Erlebnispadagogik arbeitet nah an den Grundsatzen der TZI und zitiert diese haufig fur die Arbeit mit Gruppen. Ein- zelne Elemente und Methoden erscheinen mir hilfreich fur die Kursgestaltung.

Diese Ausfuhrungen bilden die Basis, den „Roten Faden", fur die Entwicklung eines konkreten Seminarplans. Dieser wird am Ende des vierten Kapitels als Ubersicht in Form einer Tabelle vorgestellt. Genauere Ausfuhrungen zu Themen und Ubungen beinhaltet die anschlieGende Reflexion.

Bei Kapitel funf handelt es sich schlieGlich um die Beschreibung und Reflexion des von mir erprobten Kurses nach dem vorliegenden Konzept. AuGerdem folgt eine Zusammenfassung der mir am wichtigsten erscheinenden Aspekte, die es bei der Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen zu berucksichtigen gilt.

Im Anhang befinden sich samtliche Ubungen und Interaktionen, die ich im Kurs- geschehen vorgesehen oder verwendet habe.

An dieser Stelle soil vorab noch auf Folgendes hingewiesen werden:

- Auch wenn meine Erfahrungen in diesem Bereich der Erwachsenenbildung noch nicht sehr weitreichend sind, so habe ich doch aus vorherigen Kursen durch gezieltes Fragen ein Bild von einigen Schulungssituationen und uber die Situa­tion der Teilnehmer bekommen konnen. Diese personlichen Anmerkungen uber Erlebnisse und Erkenntnisse aus vorherigen Kursen sollen in dieser Arbeit eben- so aufgefuhrt werden und sind im weiteren Verlauf kursiv geschrieben.
- Im Folgenden wird aus Grunden der besseren Lesbarkeit lediglich die mannli- che Form genutzt. Selbstverstandlich ist damit das weibliche Geschlecht einbe- zogen. Die weibliche Form wird lediglich verwendet, wenn es sich um konkrete Beispiele handelt.
- Der Begriff „MaGnahme“ wird in dieser Arbeit ausschlieGlich fur die Instrumente des Arbeitsamtes zur Wiedereingliederung und Weiterbildung Arbeitsloser ver­wendet (wie Weiterbildungen, Zeitarbeit, 1-Euro-Jobs, o. A.). Um die padago- gische Einheit, innerhalb der Zeitarbeits-MaGnahme von Mikro Partner, fur die dieses Konzept entworfen wurde, sprachlich abzugrenzen, werden hierfur die Begriffe „Seminar“, „Kurs“ oder „Schulung“ verwendet.

2. Arbeit und Arbeitslosigkeit

2.1 Die Bedeutung von Erwerbsarbeit

Erwerbsarbeit hat in Deutschland noch immer einen zentralen Stellenwert im gesellschaftlichen und individuellen Leben. „Unbestritten wird Arbeit als Haupt- quelle zur Sicherung des Lebensunterhalts gesehen. Nicht minder wichtig ist die Bedeutung, die der ausgeubte Beruf und die berufliche Stellung fur das Selbst- verstandnis jedes Einzelnen und seine gesellschaftliche Position haben. Fur viele ist Arbeit ein wichtiger Teil der personlichen Selbstentfaltung" (Datenreport 2008, S.100). Erwerbsarbeit hat auGerdem eine zentrale Bedeutung fur das psychische und physische Wohlbefinden (vgl. Resetka/Liepmann/Frank 1996, S. 19). Im Fol- genden sollen einige wichtige Funktionen von Erwerbsarbeit aufgefuhrt werden:

Die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz bieten ein wichtiges soziales Kon- taktfeld, um Menschen, aufterhalb des engeren privaten sozialen Netzwer- kes der Familie, kennen zu lernen. Insbesondere fur Menschen mit Kontakt- schwierigkeiten bietet der Arbeitsplatz einen gesicherten Rahmen mit geregelten Beziehungen, aus denen auch Freundschaften entstehen konnen. Kollektive Ziel- setzungen und das Gefuhl, in einer Gruppe integriert und geschatzt zu sein sind weitere wichtige soziale Funktionen der Arbeit. Ebenso die soziale Erfahrung der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen und der eigenen Stellungnahme. Sie bilden notwendige Voraussetzungen fur die Entwicklung der Personlichkeit (vgl. ebd., S.19 f).

Erwerbsarbeit bietet dem Arbeitenden die Moglichkeit, sich als „nutzlich, wertvoll und wirkend" zu erfahren. Die Bestatigung durch auGere Anerkennung, aber auch der Stolz auf die eigenen Leistungen dienen der Aufrechterhaltung des Kompe- tenzgefuhls. Arbeit schafft einen Rahmen, um die eigenen Fahigkeiten zu erpro- ben und so individuelle Moglichkeiten und Grenzen zu erleben. Grunderfahrungen im Hinblick auf Autonomie und Abhangigkeit, Kompetenz und Selbststandigkeit werden hier ermoglicht (vgl. Strehmel/Ulich, In: Oerter/Montada, S. 1088).

Eine zentrale Bedeutung hat Erwerbsarbeit auGerdem fur den sozialen Status und die Identitat des Menschen. Der soziale Status ergibt sich heute nicht mehr durch die Geburt, sondern durch die Tatigkeit, die der Mensch ausubt. Durch harte Arbeit und Ausbildung ist ein sozialer Aufstieg in der Regel moglich. Die stetig wachsenden Anforderungen an Fachwissen, Eigenverantwortlichkeit und individuelle Urteils- und Interpretationsfahigkeit sowie immer langere Bildungs- zeiten binden die Arbeit immer starker an die Personlichkeit des Erwerbstatigen. Die steigende Identifikation mit dem Beruf pragt das Selbstbild in hohem MaGe und hat so einen groGen Einfluss auf die Personlichkeitsentwicklung (vgl. Meh- lich 2005, S. 53 f).

Nicht zu vernachlassigen ist der Aspekt der zeitlichen Struktur, die die Erwerbs­arbeit bietet. Sie bestimmt maGgeblich die Zeiteinteilung im Alltag und bietet eine feste, als sinnvoll empfundene Zeitstruktur. Der gesamte gesellschaftliche Rhyth- mus ist eingeteilt in Arbeitszeit und Freizeit, in Werks- Urlaubs- und Feiertage (vgl. ebd., S. 54).

2.2 Arbeitslosigkeit und ihre Folgen

Fallt die Erwerbsarbeit fur einen Menschen, der seine Arbeitsstelle verloren hat - aus welchen Grunden auch immer - weg, gehen auch die oben genannten wichtigen Aspekte der Arbeit damit verloren. Er wird zur Neuorganisation und Umstrukturierung seiner gewohnten Lebenssituation und zur Neuorientierung sei­nes Lebensgefuhls gezwungen. Gewohnte Handlungsmuster sind nicht mehr an- wendbar und die eigene Identitat sowie seine Rolle in der Gesellschaft sind nicht langer durch die Arbeit definiert (vgl. Resetka/Liepmann/Frank 1996, S.19).

In den folgenden Kapiteln sollen die moglichen Veranderungen und Folgen der Arbeitslosigkeit betrachtet werden, die der Arbeitsplatzverlust mit sich bringt. So- wohl unmittelbar danach als auch mit anhaltender Arbeitslosigkeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesagentur fur Arbeit (BA): Arbeitsmarkt in Zahlen - Jahreszahlen, Analytikreport der Statistik 04/2008

2.2.1 Der Verlauf der Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist kein statischer Zustand in der Berufsbiografie eines Men- schen, sondern ein Prozess permanenter Veranderungen. Dass Arbeitslosigkeit in Phasen ablauft, ist allgemein anerkannt. Bereits in den dreiGiger Jahren wurde der Gedanke von Bakke (1933) entwickelt und seither stetig weiterentwickelt. Die konkrete Phaseneinteilung unterscheidet sich zwar je nach Ansatz, das Spekt- rum der moglichen Reaktionen bleibt aber gleich (vgl. Resetka/Liepmann/Frank 1996, S. 22).

Pelzmann (1988) beschreibt ein Vier-Phasen-Modell, das schon in der 30er Jah­ren seinen Ursprung hatte und bis heute weiterentwickelt wurde. Es definiert den Verlauf der Reaktionen als einen Zyklus der Anpassung:

1. Phase: Schock

In den ersten Monaten nach dem Arbeitsplatzverlust beschreibt sie eine anfang- liche Schockphase, in der der Erholungseffekt gegenuber den belastenden Kom- ponenten uberwiegt. Dem Stress der Bedrohung des Arbeitsplatzverlustes und der Angst vor dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit ist der Betroffene vorerst entkommen.

2. Phase: Aktivitat

In der zweiten Phase betrachtet der Betroffene seine Arbeitslosigkeit als voruber- gehend und sieht in ihr eine willkommene Erholungspause. Er sucht zuversicht- lich, aktiv und hoffnungsvoll nach einer neuen Arbeit.

3. Phase: Erschopfung

Bleiben diese Versuche jedoch uber einen langeren Zeitraum erfolglos, gerat er in ein Stadium der Erschopfung. Es dominieren Hoffnungslosigkeit und Pessimis- mus; Spannungen in der Familie und im Bekanntenkreis nehmen zu.[1] ressen werden eingeschrankt und die Ohnmacht fuhrt bis zur Anpassung an das Arbeitslosenschicksal (vgl. Pelzmann 1988, S. 11 f).

Viele solche und ahnliche Studien beschreiben derartige Verlaufe. Pelzmann gibt jedoch auch zu bedenken, dass man, wenn man die Texte liest, „sich des Eindrucks nicht erwehren [kann], dass die Autoren ihren Aussagen implizit oder explizit die Modelle der 30er Jahre unterlegen" (ebd., S. 15). Auch Epping, Klein und Reuter (2001) sehen in diesen Verlaufsmodellen lediglich ein idealtypisches Verlaufsmuster, das in der Realitat in allen Variationen auftreten kann und auf einen groGen Teil der Arbeitslosen gar nicht zutrifft. Es kann eine Hilfe sein, die Situation von Arbeitslosen zu verstehen, aber nicht, um ihr Verhalten schablo- nenhaft einzuordnen. Mogliche Folgen fur den Betroffenen, wenn die Situation der Arbeitslosigkeit anhalt, werden im folgenden Kapitel beschrieben.

2.2.2 Die Folgen von Arbeitslosigkeit

Die Reaktionen auf den Verlust des Arbeitsplatzes konnen sehr unterschiedlich ausfallen, doch sind es auch heute noch uberwiegend belastende Auswirkungen fur das Individuum. Negative Gefuhle, Gefuhle der Abhangigkeit, Druck zur An­passung, Verlust wichtiger Rollen, Sinken des Selbstwertgefuhls, Niedergeschla- genheit, Stress, Angstlichkeit, hohere Krankheitsraten, Suizidgefahrdung sind nur einige der moglichen Folgen (vgl. Strehmel/Ulich, In: Oerter/Montada 1995, S. 1089). Inwieweit diese Effekte nun wirklich eintreffen, hangt von der individuel- len Bewaltigung ab. Faktoren, von denen diese maGgeblich abhangt, werden in Kapitel 2.2.4 beschrieben. Dennoch lassen sich vier Bereiche ausmachen, in die sich die wesentlichen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit gliedern lassen:

- Finanzielle Folgen
- Soziale Folgen
- Veranderte Zeitstruktur und
- Gesundheitliche Folgen.

2.2.2.1 Finanzielle Folgen

Wie in Kapitel 2.1 beschrieben, ist Erwerbsarbeit auch heute noch die Hauptquel- le zur Sicherung des Lebensunterhalts. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedingt fur viele Menschen materielle EinbuBen. Maximal ein Jahr erhalt der Betroffene Ar- beitslosengeld, aber auch nur, wenn er zuvor auch die Anwartschaftszeit erfullt, d. h. lange genug versicherungspflichtig gearbeitet hat. Es handelt sich hierbei nicht um eine Sozialleistung, sondern eine Sozialversicherungsleistung, fur die Beitrage gezahlt wurden und somit hangt sie vom ehemaligen Nettoeinkommen ab. Alleinstehende bekommen davon 60 Prozent, fur Arbeitslose mit Kindern sind es 67 Prozent (vgl. Bundesagentur fur Arbeit, Merkblatt fur Arbeitslose, S. 23 ff). Geht man davon aus, dass das fruhere Einkommen vieler Arbeiter schon unter dem allgemeinen Durchschnittseinkommen lag, geraten schon hier nicht wenige Arbeitslose mit dieser Regelung unter die Armutsgrenze.

Ist die Zeit des Arbeitslosengeldes abgelaufen bzw. hat der Arbeitslose zuvor nicht lange genug versicherungspflichtig gearbeitet, tritt das Arbeitslosengeld II - auch Hartz IV genannt - in Kraft. Hierzu zahlen „Leistungen zur Sicherung des Lebens­unterhalts [(derzeit fur eine alleinstehende Person 359 Euro) sowie] angemesse- ne Kosten fur Unterkunft und Heizung" (Bundesagentur fur Arbeit, Merkblatt SGB II, S. 23). Zusatzliche Bedarfe, etwa fur Bekleidung oder Hausrat, werden nicht anerkannt. Der gewohnte Lebensstandard ist damit in der Regel nicht mehr halt- bar. Sind auch die letzten finanziellen Reserven irgendwann aufgebraucht, wer­den Einschrankungen bei groBeren Anschaffungen, Kino- oder Theaterbesuchen sowie Kleidung unumganglich (vgl. Barwinski Fah 1990, S. 208).

2.2.2.2 Soziale Folgen

„Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes geht ein wichtiges soziales Begegnungsfeld verloren" (ebd., S. 209). Die Beziehungen zu den Kollegen am Arbeitsplatz, die sich durch eine andere Beschaffenheit als emotionale private Beziehungen aus- zeichneten, gehoren nicht mehr zum Alltag.

Auch im Bereich der privaten Beziehungen kann es zu Problemen kommen. Das Schamgefuhl, das sich bei vielen Betroffenen aufgrund des Verlustes der Arbeitsstelle einstellt, fuhrt oft dazu, dass sie ihre aktuelle Situation aus Angst vor Abwertung vor Verwandten, Bekannten und Nachbarn verschweigen. Diese Geheimhaltung stellt eine sehr starke psychische Belastung dar und endet oft mit einem kompletten Kontakt-Abbruch und Isolation (vgl. ebd., S.222 f).

In den Seminaren, die ich bisher bei der Firma M. gegeben habe, habe ich die Teilnehmer oft zu diesem Punkt befragt. Diese sagten einstimmig aus, dass sie ihre Situation nie verschwiegen hatten und auch keinen Sinn darin sahen. Jedoch gaben sie auch zu bedenken, dass sich die Akzeptanz arbeitsloser Menschen in den letzten Jahren definitiv verbessert hatte und sie sich nicht mehr in der unge- wohnlichen Auftenseiterrolle befanden, wie noch vor einigen Jahren. Dennoch be- statigten viele, dass ihre sozialen Kontakte definitiv weniger geworden seien.

Eine mogliche Erklarung hierfur ist bei Mehlich (2005) zu finden. Dieser schreibt, dass Arbeitslosigkeit noch bis in die 70er Jahre hinein nur „eine verschwindend geringe Minderheit der Bevolkerung" (Mehlich 2005, S. 99) betraf. Die Entwick- lung ging seitdem jedoch kontinuierlich dahin, dass immer mehr Menschen in im- mer langeren Perioden von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Durch eine erhohte Dynamik auf dem Arbeitsmarkt scheint Arbeitslosigkeit „eine normale Erfahrung einer zunehmenden Zahl von Erwerbstatigen zu sein" (ebd. S.101). Konkrete, aktuelle Studien zu der Veranderung des sozialen Ansehens konnte ich jedoch leider nicht ausfindig machen.

Ebenso wie sich die Arbeitslosen von den Erwerbstatigen zuruckziehen, ist auch von Seiten der Erwerbstatigen eine Distanzierung nicht selten. Die Unterstel- lungen der „Arbeitsunwilligkeit" von Seiten der Erwerbstatigen und die Behaup- tung, dass alle eine Arbeit fanden, wenn sie nur suchen wurden - die soziale Abwertung und Stigmatisierung - sind in der Regel ein Mittel, um eine Barriere zwischen sich und der „sozial negativen" Gruppe der Arbeitslosen zu schaffen. Zum Schutz vor dem Wissen um die allgemeine Bedrohung - dass es jeden ein- mal treffen kann - wird jeder Beruhrungspunkt mit den Arbeitslosen vermieden.

Die Annahme, dass diese Menschen anders seien und gar nicht wirklich arbeiten wollen, bietet oft eine willkommene SchutzmaGnahme, um das Wissen um die Willkur des Schicksals zu verdrangen (vgl. Prisching 1988, S. 109 f).

Diese „Abgrenzungswunsche besonders nach unten bleiben auch im Zustand der Arbeitslosigkeit erhalten" (vgl. ebd., S. 104). Den meisten Arbeitslosen ist es wichtig, sich von anderen Arbeitslosen abzugrenzen, um so die eigene, individu- elle Identitat aufrechtzuerhalten. „Arbeitslosigkeit bietet kein alternatives Identi- tatskonzept" (Barwinski Fah 1990, S. 236) zu dem am Arbeitsplatz erworbenen. Der Kontakt zu anderen Betroffenen wird besonders zu Beginn der Arbeitslo­sigkeit gemieden, um nicht zur „Gruppe der Arbeitslosen" zu gehoren. Dieses Verhalten macht eine Solidaritat innerhalb der Gruppe der Arbeitslosen schwer moglich (vgl. ebd., S. 236).

Die oben beschriebenen finanziellen EinbuGen haben auch Auswirkungen auf das soziale Leben der Betroffenen. Viele kulturelle und soziale Ereignisse sind fur Arbeitslose nicht mehr erreichbar. Eine Einladung zum Essen kann nicht er- widert werden, ein Kinobesuch ist nicht mehr selbstverstandlich. So kommt es oft vor, dass sich die Arbeitslosen zuruckziehen, von den Freunden abwenden und schlieGlich sogar immer mehr Isolation und Einsamkeit erfahren (vgl. ebd., S. 208). Barwinski Fah (1990) beschreibt jedoch auch, dass der Freundes- und Bekanntenkreis vieler Arbeitsloser sich zwar verkleinert, dafur jedoch oft die Be- ziehungen zu den engsten Freunden umso enger werden. Diese Unterstutzun- gen weniger, aber guter Freunde stellt einen wichtigen Entlastungsfaktor fur die Betroffenen dar.

Den Arbeitsplatz zu verlieren, bedeutet auGerdem den Verlust wichtiger Rollen- identitaten. Nicht nur die Rolle als arbeitendes Mitglied der Gesellschaft geht ver- loren - also das Gefuhl nutzlich und geachtet in der Arbeitsgesellschaft zu leben - sondern auch die Rolle innerhalb der Familie. Wahrend es Frauen oft mog- lich ist, den Verlust dieser Rolle mit einer Alternativrolle als Hausfrau und Mutter zu kompensieren, geht dem Mann die klassische und oft noch vorherrschende Rollenfunktion des Familienoberhauptes und Ernahrers der Familie verloren. Als Arbeitsloser empfindet er sich als soziale Belastung, denn die finanzielle Abhan- gigkeit und die vermehrte Zeit, die der arbeitslose Partner nun zu Hause verbringt, stellt so manche Beziehung auf eine harte Probe. Der Verlust dieser Rolle nahrt in vielen Fallen Schuldgefuhle und Selbstzweifel (vgl. ebd., S. 210). Aber gerade die Beziehung zum Partner wird in dieser Krisensituation umso wichtiger. Kann der Betroffene seine Selbstzweifel und Sorgen in die Beziehung einbringen und erfahrt Verstandnis und Ruckhalt, so ist die Familie ein besonders wichtiger Faktor zur positiven Bewaltigung der Krise.

2.2.2.3 Veranderte Zeitstruktur

Mit dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit entfallt fur den Arbeitslosen die Arbeitszeit und er verfugt damit gezwungenermaGen uber mehr freie Zeit. Die ehemals kost- bare Freizeit ist jetzt im Uberfluss vorhanden. Ohne den Gegenpol Arbeitszeit stellt diese zusatzliche Zeit aber nicht automatisch mehr Freizeit dar (vgl. Opa- schowski 1983, S. 66).

Laut Brockhaus (2009) wird Freizeit folgendermaGen definiert:

„Freizeit - die dem Berufstatigen auRerhalb der Berufsarbeit verbleibende Zeit, die einer selbst bestimmten und selbst gestalteten Tatigkeit zur Ver- fugung steht. [...]“

(Brockhaus 2009, S. 296)

Freizeit ist nach dieser Definition etwas, was nur Berufstatigen zur Verfugung steht. Jemand, der ohne Arbeit ist, hat demzufolge auch keine Freizeit. „Der Ar­beitslose steht vor dem Dilemma, viel Zeit zu haben und gleichzeitig viel Zeit vergeuden zu mussen, weil sie wertlos geworden ist und ihren Sinn verloren hat." (Opaschowski 1983, S.67)

Hinzu kommt, dass ehemalige Hobbys und andere Freizeitaktivitaten haufig aus finanziellen Grunden eingeschrankt oder ganz aufgegeben werden mussen. Die neu entstandene freie Zeit kann demzufolge dann auch nicht mit diesen Aktivita- ten gefullt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

schaftlichen Bedingungen, sich nach dem Verlust des Arbeitsplatzes selbst zu beschaftigen [...] [seit den 30er Jahren] gestiegen" (Pelzmann 1988, S.15), sie stellt jedoch auch zu Recht die Frage, ob ein hoheres Bildungsniveau, ein hoherer Lebens- standard und ein besserer Gesund- heitszustand gegen die destruktive, lahmende Wirkung des Entzugs von Arbeit sinnvoll genutzt werden. „Die http://agso.uni-graz.at/marienthal psychische Anstrengung, die es verlangt, sich aus eigener Kraft regelmaGig zu beschaftigen, uberfordert die meisten Menschen" (ebd., S.16). Dies ist beson- ders dann zu beobachten, wenn ihnen diese Aufgabe jahrzehntelang abgenom- men wurde.

Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes wird der Betroffene also aus seinem gewohn- ten Lebensrhythmus im Wechsel von Arbeit und Freizeit freigesetzt. Die vertraute Tages- und Wochenstruktur geht verloren. In der Untersuchung von Barwins- ki Fah (1990) geben die Betroffenen an, es sei eine Belastung, auGerhalb des biologischen Tagesrhythmus - Aufstehen, Schlafengehen, Essenszeiten - keine Orientierungspunkte mehr zu haben. „Sich selbst Fixpunkte zu setzen oder Plane aufzustellen, machte den meisten der Befragten Schwierigkeiten" (Barwinski Fah 1990, S. 226).

Nach Pelzmann (1988) lasst sich zusatzlich erkennen, dass besonders Manner die Zeit einfach vergehen lassen und sich nichts fur den nachsten Tag vornehmen, wahrend viele Frauen ihren Tagesablauf durch Tatigkeiten im Haus viel starker strukturieren, wodurch bei ihnen dieses Problem weniger stark ausgepragt ist (vgl. Pelzmann 1988, S.110). Auch bei den Arbeitslosen von Marienthal lieG sich eine Bestatigung dieser Aussage finden. Bei einer Messung der Gehgeschwindigkeit auf der DorfstraGe zeigte sich, dass sich die Manner im Vergleich zu den Frauen langsamer fortbewegten und haufiger stehen blieben, da sie sich fur die Aktivita- ten im Haushalt nicht zustandig fuhlten und somit kaum feste Aufgaben hatten, die ihren Tagesablauf strukturierten (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1980, S. 83 f).

Dieser unproduktive Umgang mit der Zeit, die Schwierigkeit, Plane zu entwickeln, fuhrt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit zu einer tiefgehenden Verun- sicherung, bis hin zur Identitatskrise. Oft geht die Zukunftsperspektive verloren. Diese Ungewissheit uber die eigene Zukunft stellt fur einen GroGteil der Betroffe­nen die groGte Belastung dar (vgl. Barwinski Fah 1990, S. 226).

2.2.2.4 Gesundheitliche Folgen

Betrachtet man zunachst die individuelle Beurteilung der Gesundheitszufrieden- heit der Arbeitslosen und nicht den realen Gesundheitszustand, so belegt eine Studie von Elkeles und Seifert (1992), dass „die durchschnittliche Gesundheits- zufriedenheit Arbeitsloser deutlich unter der der Erwerbstatigen liegt" (Resetka/ Liepmann/Frank 1996, S. 28).

Auch aktuellere Zahlen des Datenreports 2008 bestatigen diese Differenzen. Wahrend uber 58 Prozent der Erwerbstatigen ihren Gesundheitszustand mit „gut“ beurteilen, sind es nur 37 Prozent der Arbeitslosen. Einen „schlechten“ Ge­sundheitszustand geben hingegen 27 Prozent der Arbeitslosen an, wahrend es sich bei den Erwerbstatigen nur um 10 Prozent handelt (vgl. Andersen/Grabka/ Schwarze, In: Datenreport 2008, S. 262). Besonders Arbeitslose, die sich als Hauptverdiener sehen und bereits langer als ein Jahr arbeitslos sind, geben ihren Gesundheitszustand als „schlecht“ an (vgl. Robert-Koch-Institut, Gesundheits- berichterstattung des Bundes, 2003, S. 9). Dies macht deutlich, dass auch die Dauer der Arbeitslosigkeit einen starken negativen Einfluss auf die individuelle Gesundheitszufriedenheit hat. Die folgende Darstellung des Bundes-Gesund- heitssurveys zeigt dies sehr deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundes-Gesundheitssurvey 1998, In: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 13, S. 9

Psychische Beschwerden

In Anbetracht der oben aufgefuhrten moglichen Folgen von Arbeitslosigkeit im fi- nanziellen und sozialen Bereich ist es nicht verwunderlich, dass die Situation der Arbeitslosigkeit zu einer Beeintrachtigung des psychischen Wohlbefindens fuh- ren kann. Mit dem Arbeitsplatz geht die wichtigste Quelle fur das Gefuhl verloren, auf die eigenen Leistungen stolz sein zu konnen. Lebensfreude und Zufrieden- heit schwinden, stattdessen zeigen sich Unsicherheit, innere Spannungen, De- pressionen und Erschopfungszustande. Fehlt die regelmaGige Selbstbestatigung durch die erfolgreiche Arbeitstatigkeit, nimmt das Selbstvertrauen in die eigenen Fahigkeiten mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit ab und das Kompetenz- gefuhl wird beeintrachtigt (vgl. Barwinski Fah 1990, S. 208). Untersuchungen von Pelzmann (1988) bestatigen, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Arbeitslosendauer und der Anzahl der depressiven Tage gibt sowie auch vermehrte seelische Probleme und Stimmungstiefs (vgl. Pelzmann 1988, S. 36). Weitere, oft genannte, psychische Beschwerden, die sich aus der Unzufrie- denheit mit der aktuellen Lebenssituation ergeben, sind: Angstlichkeit, Niederge- schlagenheit, psychischer Stress, Hoffnungslosigkeit, Schlaflosigkeit, Gleichgul- tigkeit, Nervositat und Suizidgedanken, um hier nur einige zu nennen.

Somatische Beschwerden

Betrachtet man nun die somatischen Beschwerdebilder Arbeitsloser, so sind auch diese schwer zu fassen und nicht durch gut definierbare, klar voneinander ab- grenzbare Symptome gekennzeichnet. Eher sind diese unspezifisch und schwer differenzierbar vom psychischen Bereich. Oft bildet Stress den Hintergrund fur viele psychosomatische Beschwerden.

Die Daten des Schwerpunktheftes „Arbeitslosigkeit und Gesundheit" (2003) des Bundes-Gesundheitssurveys zeigen jedoch einige relevante Ergebnisse:

Zunachst einmal unterscheidet sich das gesundheitsbezogene Verhalten der Ar- beitslosen von dem der Erwerbstatigen. Hier wurden Unterschiede im Bezug auf Rauchen, Alkoholkonsum, Ernahrung und korperliche Aktivitat untersucht. Beim Tabakkonsum und korperlichen Aktivitaten lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. Wahrend lediglich 34 Prozent der berufstatigen Manner angaben, zum Zeitpunkt der Befragung taglich zu rauchen, sind es unter den Arbeitslosen mit 49 Prozent anteilig deutlich mehr. AuGerdem gaben weniger arbeitslose Man­ner an, regelmaGig Sport zu treiben (vgl. Robert-Koch-Institut, Gesundheitsbe- richterstattung des Bundes, 2003, S. 8).

Bezuglich der Ernahrung lasst sich nur feststellen, dass sie bei den Erwerbslo- sen deutlich preisbewusster ist. Hinsichtlich der Hohe des Alkoholkonsums lie- Gen sich hingegen keine wesentlichen Unterschiede zwischen Arbeitslosen und Erwerbstatigen erkennen. Bei denjenigen allerdings, die schon vor der Arbeits- losigkeit viel getrunken haben, ist ein verstarkter Alkoholkonsum zu verzeichnen (vgl. Epping/Klein/Reutter 2001, S. 49). Auch die Messwerte von Korpergewicht, Blutdruck und Cholesterin unterschieden sich nur gering.

Deutlich ist jedoch der Unterschied in der Haufigkeit der Inanspruchnahme arzt- licher Leistungen (Im Mittel: Arbeitslose: 9,8 Kontakte; Berufstatige: 7,1 Kontakte pro Jahr), was sicherlich nicht zuletzt mit der geringeren Gesundheitszufrieden- heit vieler Arbeitsloser zu erklaren ist (vgl. Robert-Koch-Institut, Gesundheits- berichterstattung des Bundes, 2003, S. 10 f). Ebenso wurden bei Arbeitslosen deutlich mehr Krankenhaustage registriert. Die mit Abstand deutlichsten Unter­schiede in der Diagnose sind hierbei hinsichtlich stationarer Aufenthalte aufgrund psychischer Storungen erkennbar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gmunder Ersatzkasse (GEK), Daten 2000, altersstandardisiert, In: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 13, S. 12

Insgesamt lassen doch einige Ergebnisse darauf schlieBen, dass Arbeitslosigkeit und Gesundheit in irgendeiner Weise zusammenhangen. Besonders die Anzahl der psychischen Storungen und die geringe Gesundheitszufriedenheit sind hier- bei auffallig.

Ungeklart bleibt jedoch die Frage, ob die Arbeitslosigkeit zu den Erkrankungen fuhrte oder die Erkrankung der Grund fur die Arbeitslosigkeit war. Ein Selekti- onseffekt ist bei dem derzeitigen Uberangebot von Arbeitskraften naheliegend: „Krankere Arbeitnehmer sind haufiger weniger wettbewerbsfahig, werden dem- nach eher entlassen und seltener wieder eingestellt" (ebd., S. 17). Arbeitslosigkeit als Ursache von Erkrankungen lasst sich hingegen schwer nachweisen, da die Arbeitslosen selten schon vor der Entlassung untersucht wurden. In Fallen von WerksschlieBungen, bei denen alle untersuchten Erwerbstatigen arbeitslos wer­den, fehlt die entsprechende Kontrollgruppe. AuBerdem konnen bei somatischen Beschwerden groBe zeitliche Verzogerungen auftreten (wie z.B. Herz-Kreislauf- Erkrankungen), so dass sie nicht mehr mit der Arbeitslosigkeit in Verbindung ge- bracht werden konnen (vgl. ebd., S. 18).

Auch die Gesundheitszufriedenheit ist eine individuelle Bewertung und nicht unab- hangig von der jeweiligen Lebenssituation. Symptome, die zu Arbeitszeiten bedeu- tungslos waren und unbeachtet blieben, konnen bei erhohter Selbstaufmerksamkeit ernster genommen werden (vgl. Resetka/Liepmann/Frank 1996, S. 28). Bereits be- stehende Probleme, wie individuelle Verhaltensprobleme, Alkoholismus oder eben auch gesundheitliche Probleme werden oft verstarkt (vgl. Pelzmann 1988, S. 19).

Festhalten lasst sich in jedem Fall zusammenfassend, dass „ein grower Teil der Arbeitslosen weniger gesund ist als Beschaftigte, aber je ,korperlicher’ die Be- schwerde ist, desto geringer ist der Unterschied. Das vermittelnde Glied zwi- schen Arbeitslosigkeit und Gesundheit ist in vielen Fallen die Bewertung der in- dividuellen Situation als Bedrohung der eigenen Person. Dabei ist sekundar, ob es sich um tatsachliche oder vermeintliche Bedrohungen handelt. Der wesentli- che Teil psychischer Erkrankungen entsteht durch Belastungen bzw. Stress, und zwar desto ausgepragter, je mehr emotionale Reaktionen auf die Arbeitslosigkeit vorliegen" (Resetka/Liepmann/Frank 1996, S. 39).

Die hier beschriebenen moglichen Folgen von Arbeitslosigkeit sind nicht statisch. Im Folgenden werden Mechnismen beschrieben, die sich besonders in den spa- teren Phasen der Arbeitslosigkeit zeigen und eine stetige Verscharfung der Situ­ation darstellen.

2.2.3 Die Teufelskreise der Arbeitslosigkeit

Strehmel und Ulrich (1995) haben die Verhaltensmechanismen, die das Handeln und Leben in der Arbeitslosigkeit beeinflussen, funf „Teufelskreisen" zugeordnet. Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit nehmen die beschriebenen Probleme zu:

Der motivationale Teufelskreis

Die Motivation, sich bei der Arbeitssuche auf neue Arbeitsmoglichkeiten einzustellen und ein Interesse daran zu entwickeln, lauft durch wiederholte Absagen auf Bewer- bungen immer wieder ins Leere. Immer groGere Anstrengungen werden notwendig zur Entwicklung neuer inhaltlicher Interessen an der Arbeit. Okonomische Ziel treten in den Vordergrund und es entsteht eine Jobmentalitat.

Der emotionale Teufelskreis

Aktive, planvolle Bewaltigungsversuche werden durch die hohen emotionalen Belastungen der Situation verhindert. Verschlechtert sich jedoch mit zunehmen- der Dauer der Arbeitslosigkeit die finanzielle und soziale Lage weiter, wird die Uberforderung noch grower. Die Person wird noch starker belastet als zuvor und dadurch in ihrer Handlungsfahigkeit weiter eingeschrankt.

Der kognitive Teufelskreis

Das Erleben, keinen Einfluss auf die gegenwartigen und zukunftigen Handlungen zu haben, wird als Kontrollverlust empfunden. Dies wird im Verlauf der Arbeits­losigkeit immer mehr verstarkt. Die wiederholte Erfahrung, dass Aktivitaten nicht zum Ziel fuhren, endet in einem Gefuhl der Ohnmacht und hat zur Folge, dass immer weniger Bewaltigungsversuche unternommen werden.

Der aktionale Teufelskreis

Aktive Bewaltigungsversuche schlagen fehl. Dies hat zur Folge hat, dass die Be- troffenen Misserfolge meiden, indem sie sich seltener bewerben, was wiederum die Chancen des Erfolges, also einer Wiederbeschaftigung, reduziert.

Der soziale Teufelskreis

Die Beziehungen am Arbeitsplatz fallen weg, die privaten Beziehungen werden zunehmend belastet und die Unterstutzung schwacher. Der Betroffene zieht sich immer mehr zuruck und gerat durch fehlende soziale Interaktion mehr und mehr in die soziale Isolation.

Die Teufelskreise sind in ihrer Eigendynamik nur schwer zu durchbrechen und nehmen - je nach Personlichkeitsdisposition - unterschiedlich stark Einfluss auf den Lebensalltag. Langfristig konnen sie zu Orientierungslosigkeit, Passivitat, Hilflosigkeit und sozialer Isolation fuhren (vgl. Strehmel/Ulrich In: Oerter/Montada 1995, S. 1091 ff).

Faktoren, die unterstutzend wirken, mit den Belastungen umzugehen und die Teufelskreise zu durchbrechen, werden im folgenden Kapitel aufgefuhrt.

2.2.4 Die individuelle Bewaltigung von Arbeitslosigkeit

Wie schon oben erwahnt, verlaufen die Reaktionen auf Arbeitslosigkeit naturlich nicht bei allen Menschen in gleicher Form (vgl. Epping/Klein/Reutter 2001, S. 44). Die oben beschriebenen Folgen sind jedoch mogliche Verhaltensweisen und Kon- sequenzen, die haufig beschrieben werden und in unterschiedlichen Konstellationen und Starken auftreten konnen. Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit hangen ab von unterschiedlichen „gegebenen okonomischen und gesellschaftlichen Einflussen, der individuellen Lebenslage und der individuellen Konstellation von belastenden und entlastenden Faktoren" (Strehmel/Ulich, In: Oerter/Montada 1995, S. 1090).

Im Folgenden werden einige Faktoren aufgezahlt, die die Bewaltigung von Ar­beitslosigkeit und ihre Auswirkungen beeinflussen:

Wohl einer der wichtigsten Faktoren, der die Bewaltigung von Arbeitslosigkeit positiv beeinflusst, ist die Chance einer „Reserve-Option“ - einer alternativen Beschaftigung oder Aufgabe zu der verlorenen Arbeitsstelle - die einem keiner streitig machen oder wegnehmen kann. Eine Beschaftigung, die fordert und die Personlichkeit bestarkt, macht den Menschen autonom und weniger verwund- bar. AuGerdem hilft sie, die Zeit weiterhin einigermaGen zu strukturieren. Dies kann eine Aushilfstatigkeit, Schwarzarbeit oder ein Hobby sein, fur viele Frauen ist es die Versorgung ihrer Familie. Kreativitat, Interaktionskompetenz oder eine besondere handwerkliche oder geistige Fahigkeit sind dabei von Vorteil, um eine solche Reserve-Option zu entwickeln (vgl. Pelzmann 1988, S. 82 ff).

Ebenso bietet die Moglichkeit einer Alternativrolle als Hausfrau, Mutter oder Fruh- rentner einen Schutz vor der destruktiven Wirkung von Arbeitslosigkeit. Mit diesem gesellschaftlich akzeptierten Status lasst sich der Austritt aus dem Erwerbsleben leichter begrunden (vgl. Kieselbach, In: Wittig-Koppe/Trube 2000, S. 28).

Ein stutzendes soziales Umfeld bietet eine groGe Hilfe in kritischen Lebensereig- nissen. Bleiben soziale Beziehungen zu Freunden und zur Familie erhalten und er- fahren die Betroffenen Unterstutzung von diesen, lasst sich der Arbeitsplatzverlust leichter bewaltigen als in sozialer Isolation (vgl. ebd., S. 28).

Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit beeinflusst die personliche Bewaltigung der Situation. Resignation kann eine Folge von langer Erwerbslosigkeit sein. Je- doch wird eine Anpassung an die Lebenssituation oft verhindert, durch die mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zunehmenden Sorgen und finanziellen Schwierigkei- ten (vgl. ebd., S. 27).

Die bisher erworbenen Qualifikationen nehmen in zweifacher Weise Einfluss auf die personliche Bewaltigung von Arbeitslosigkeit. Zum einen ist die Berufs- aussicht auf dem Arbeitsmarkt umso schlechter, je niedriger die Qualifikation ist. Zum anderen verfugen Personen mit einem geringeren Bildungsstand zumeist uber weniger Bewaltigungsstrategien (vgl. ebd.).

Die aktuelle Lebensphase, in der sich der Arbeitslose befindet, beeinflusst die Bewaltigungsstrategien, mit denen er der Arbeitslosigkeit begegnet. Ist er jung, ungebunden und hat noch nie gearbeitet, oder so alt, dass er vorzeitig in Rente gehen kann, ist die Situation der Arbeitslosigkeit leichter zu gestalten, als wenn er die Verantwortung nicht nur fur sich, sondern auch fur eine Familie tragt (vgl. ebd.). Besonders Manner, die ihrer ursprunglichen Rolle als Versorger plotzlich nicht mehr gerecht werden konnen, leiden oft unter Schuldgefuhlen und Selbst- zweifeln (vgl. Barwinski Fah 1990, S. 210).

AuGerdem spielt die Frage der Schuldzuschreibung eine wichtige Rolle. Je nach- dem, ob jemand die Ursachen fur seine Arbeitslosigkeit sich selbst zuschreibt oder auGeren Faktoren, reagiert er entsprechend auf die Krise. Betroffene, die zu inter- ner Schuldzuschreibung tendieren, neigen haufiger zu depressiven Reaktionen, sind aber auch oft aktiver bei der Stellensuche. Diejenigen, die vor allen Dingen auGere Krafte und die Gesellschaft verantwortlich machen, nehmen eine eher abwartende Haltung ein (vgl. Epping/Klein/Reutter 2001, S. 57 f).

Die vorigen Kapitel stellen den Einfluss der Arbeitslosigkeit auf die Betroffenen dar. Warum aber einige Menschen eine neue Arbeit finden und andere in die Gruppe der Langzeitarbeitslosen eintreten soll im folgenden Kapitel naher erlau- tert werden.

2.2.5 Der Weg in die Langzeitarbeitslosigkeit

Im vorliegenden Konzept wird speziell auf langzeitarbeitslose Menschen einge- gangen, die auch die Gruppe der Teilnehmer der hier beschriebenen Weiterbil- dungskurse bilden. Nach dem § 18 des SGB III sind Langzeitarbeitslose „Arbeits- lose, die ein Jahr oder langer arbeitslos sind".

Geht man davon aus, dass mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit, die Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt abnehmen, so ist abzusehen, dass Langzeitarbeitslosigkeit ein besonderes Problem darstellt. Im Jahr 2008 waren somit nach der Bundesagentur fur Arbeit 41,1 Prozent aller Arbeitslosen langzeit- arbeitslos.

Eine der problematischsten Ursachen fur Langzeitarbeitslosigkeit ist die Arbeits­losigkeit selbst. Untersuchungen zeigen, dass eine vorangegangene Arbeitslo­sigkeit sogar das Hauptrisiko fur einen erneuten Arbeitsplatzverlust darstellt (vgl. Mehlich 2005, S. 102).

Eine aktuellere Studie der AMOSA (2007) aus der Schweiz bestatigt dies und untersucht weitere mogliche Faktoren, die das Risiko einer Langzeitarbeitslosig­keit vergroGern[2]. Es wurde u. a. ermittelt, dass sich die Skepsis von Arbeitgebern gegenuber Arbeitslosen mit zunehmender Arbeitslosigkeitsdauer verstarkt. „Sie gehen davon aus, dass Langzeitarbeitslose den Anforderungen des Arbeitsmark- tes nicht gewachsen sind und teilweise charakterliche Defizite oder zu wenig Motivation aufweisen" (Morlok/Kanel 2007, S. 6).

Auch in Deutschland ist zu erkennen, dass ein GroGteil der Arbeitslosen, nam- lich 41,8 Prozent, in den ersten drei Monaten der Arbeitslosigkeit, wieder ins Er- werbsleben eintreten kann. Nach 12 oder mehr Monaten, also unter den Lang- zeitarbeitslosen, schaffen es hingegen nur 23,1 Prozent (vgl. Abb. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesagentur fur Arbeit (BA): Arbeitsmarkt in Zahlen - Jahreszahlen, Analytikreport der Statistik 04/2008

Es gibt aber noch weitere wichtige Vermittlungshemmnisse, die die Wiederein- gliederung in den ersten Arbeitsmarkt erschweren:

Qualifizierungsdefizite bzw. ein ganzlich fehlender Ausbildungsabschluss bergen ein sehr gropes Risiko (vgl. Mehlich 2005, S. 102). Ebenso sind Hilfs- krafte von Langzeitarbeitslosigkeit starker betroffen als Fachkrafte (Morlok/Kanel 2007, S. 11). Auch unveranderbare Merkmale, wie ein hohes Alter, die nationale Herkunft oder gesundheitliche Einschrankungen verringern die Arbeitsmarkt- chancen uberdurchschnittlich stark (vgl. Mehlich 2005, S. 103). Die schweizer Studie zur Langzeitarbeitslosigkeit erwahnt aufcerdem eine realistische Ein- schatzung der eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die Motivation fur die Stellensuche als ausschlaggebende Faktoren fur die Arbeitslosigkeits­dauer (Morlok/Kanel 2007, S. 6).

Personen, die eines oder mehrere der genannten Merkmale aufweisen, sind haufig auch mit Hilfe des Arbeitsamtes nur schwer vermittelbar. Ein Selektionsprozess im Rahmen der Verteilung der Beschaftigungschancen verhindert hier oftmals den Wie- dereinstieg in ein stabiles Beschaftigungsverhaltnis (vgl. Mehlich 2005, S. 103).

3. Themenzentrierte Interaktion in der Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen

Sieht man sich die Voraussetzungen der Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen ein- mal genauer an, so ist zu erkennen, dass eine rein theoretische Vermittlung von Inhalten nicht der richtige Weg sein kann. Viele der Teilnehmer sind bereits uber funfzig Jahre alt und somit liegt bei ihnen die letzte Lern-Phase, wie die Schulzeit, eine Ausbildung, o. a. meist schon lange Zeit zuruck. Andere haben keine oder nur geringe Qualifizierungen im Laufe ihres Lebens erworben, was bedeutet, dass fur sie die Zeit des theoretischen Lernens vergleichsweise kurz war. AuGerdem sind ungelernte bzw. gering qualifizierte Arbeitskrafte eher in korperlichen und prakti- schen, seltener aber in geistigen Berufen anzutreffen. Und schlieGlich ist auch fur die nicht geringe Zahl der auslandischen Teilnehmer eine nicht rein theoretische und sprachliche Auseinandersetzung mit den Themen forderlich.

Dennoch sollen auch theoretische Inhalte vermittelt werden, die den Teilnehmern helfen, die theoretischen Aspekte und Hintergrunde ihres taglichen Handelns, ihres Denkens, ihrer Kommunikation und Interaktion zu verstehen.

Auch die in Kapitel 2.2.2.4 beschriebenen moglichen psychischen Belastungen der Teilnehmer, wie Angstlichkeit, Niedergeschlagenheit, psychischer Stress, Hoffnungslosigkeit, geringes Selbstwertgefuhl oder Nervositat und deren Le- benssituation durfen nicht unberucksichtigt bleiben, da diese zum Teil nicht uner- heblich sind und den Lernprozess in jedem Fall beeinflussen.

Ein weiteres Anliegen ist es, trotz der groGen Heterogenitat, jedem Teilnehmer der Gruppe mit seinen individuellen Bedurfnissen, so gut es geht, gerecht zu werden.

Fur diese Probleme scheint die Themenzentrierte Interaktion (TZI) die perfekte Antwort zu sein. Sie ist eine Methode des lebendigen Lernens, die „individuelle, zwischenmenschliche und sachliche Aspekte zu einem Konzept verbindet, das alle Chancen hat, Lebens- und Arbeitsprobleme nicht nur vordergrundig auf der intellektuellen Ebene zu verstehen und zu losen, sondern Kopf, Herz und Hand gleichermaGen [...] einzubeziehen" (Langmaack 2001, S. 15). Es geht darum, die Themen in das Zentrum der Teilnehmer zu stellen und sie dann interaktionell mit ihnen zu bearbeiten. Anders ausgedruckt, beschreibt Langmaack die TZI auch als ein Konzept, „das Ausgleich schafft zwischen individuellen und kollektiven Bedurfnissen, zwischen kognitiven und emotionalen Anspruchen, zwischen Ab- hangigkeit und Einsatz von Macht" (Langmaack 2001, S. 19).

In den folgenden Kapiteln werden verschiedene Elemente der TZI beschrieben und zu der Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen in Bezug gesetzt.

3.1 Die ethische Grundlage

Die ethische Grundlage der Themenzentrierten Interaktion bilden die drei Axio- me. Sie sind existentielle, wertgebundene Aussagen und bieten eine Wertebasis fur humanes Handeln. Sie sind der Ausgangspunkt der Reflexion uber den Men- schen und seine Umwelt (vgl. Lohmer/Standhardt 1992, S. 54).

3.1.1 Das existentiell-anthropologische Axiom

„Der Mensch ist eine psychobiologische Einheit und ein Teil des Univer- sums. Er ist darum gleichermaRen autonom und interdependent. Die Au- tonomie des Einzelnen ist umso groRer, je mehr er sich seiner Interdepen- denz mit alien und allem bewusst wird.“

(Langmaack 2001, S. 42)

Jeder Mensch ist hiernach immer ein Individuum, also ein selbstbestimmendes, eigenstandiges Wesen, steht aber gleichzeitig in standiger Wechselwirkung mit Personen und Dingen seiner Umwelt, die er beeinflusst und die von ihm beein- flusst werden (vgl. Klein 2002, S. 88).

Fur die Weiterbildung der Langzeitarbeitslosen bedeutet dies, dass auch bei die- ser Zielgruppe der Aspekt der Gruppe nicht vernachlassigt werden darf. Auch wenn die Teilnehmer an sich nach der Weiterbildung nicht weiterhin als Gruppe agieren und jeder seiner Wege gehen wird, so ist der Bezug zu den Personen in der Gruppe immer vorhanden und beachtenswert. Aber nicht nur der direkte Einfluss der Seminarumgebung spielt hier eine Rolle, Interdependenz bedeutet ebenso die Wechselwirkung mit allen anderen Dimensionen der AuGenwelt. Die Familie, die Institution, die Gesellschaft, die Welt und schlieGlich der gesamte Kosmos sind Beziehungswelten, die menschliche Erfahrung beeinflussen (vgl. Lohmer/Standhardt 1992, S. 57). Diese Beziehungswelten werden spater noch als Teile des Globes naher betrachtet.

Je mehr sich die Teilnehmer durch Interaktion ihrer Interdependenz, also ihrer Wechselwirkung mit der Gruppe, der Lebensumwelt oder der Gesellschaft be- wusst werden, desto autonomer und selbstbestimmter konnen sie handeln. Das Ziel soll sein: „Autonom sein (werden) im Bewusstsein und in Berucksichtigung der Interdependenz" (Klein 2002, S. 89).

AuGerdem bedeutet dieses Axiom aber auch, dass die physischen, emotionalen und intellektuellen Bedurfnisse und Erfahrungen des Menschen nicht voneinan- der getrennt werden konnen. Sie sind alle Seiten des gleichen Menschen. Wird ein Teilbereich angeruhrt, so reagiert der ganze Mensch.

Spricht man also auf den ersten Blick vorrangig die intellektuelle Seite an, indem ein Inhalt theoretisch vorgetragen wird, so werden automatisch auch Emotionen (wie z. B. Wut, Trauer, Freude) und korperliche Reaktionen (z. B. Nervositatsan- zeichen, Bauch- oder Kopfschmerzen, Lachen) ausgelost. Intellekt, Gefuhl, See- le und Korper sind untrennbar miteinander verbunden und mussen somit auch Beachtung finden (Langmaack, 2001, S. 42 f).

[...]


[1] Phase: Fatalismus

Die letzte Phase zeichnet sich durch Fatalismus und ein Gefuhl der Ohnmacht aus, selbst nichts mehr an der Situation andern zu konnen. Anspruche und Inte-

[2] Naturlich weichen die Zahlen der Langzeitarbeitslosigkeit in der Schweiz von denen in Deutschland ab und werden auch anders erhoben. Auch das Sozialsystem ist nicht das gleiche. Dennoch wird die Situation der Langzeitarbeitslosen ahnlich sein, ebenso wie die Ursachen fur die schlechten Arbeitsmarktchancen einiger Arbeitsloser.

Details

Seiten
152
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640608645
ISBN (Buch)
9783640608935
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149901
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Arbeitslosigkeit Weiterbildung Konzept Seminar Arbeitslos Lebendiges Lernen TZI Themenzentrierte Interaktion Zeitarbeit Lehren Langzeitarbeitslos

Autor

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Titel: Lebendiges Lernen auf Basis der Themenzentrierten Interaktion