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Thomas Müntzer

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Leben und Denken
1. Frühzeit
2. Zwickau
3. Böhmen
3.1 Prag
3.2 Das Prager Manifest
4. Allstedt
4.1 Liturgiereform und Bildersturm
4.2 Die „Fürstenpredigt“
5. Aufstand, Flucht und Hinrichtung

III. Die Theologie Thomas Müntzers und die Bedeutung der Mystik

IV. Schluss

V. Quellen und Literatur

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat das Wirken Thomas Müntzers zum Thema. Schwerpunktmäßig soll geklärt werden, welches Gewicht mystischem Gedankengut in Müntzers Lehre zukommt und welche anderen Einflüsse ihn prägten. Dabei kann sie auf eine mittlerweile ansehnliche Reihe von Forschungsarbeiten zurückgreifen. Die Müntzer – Forschung begann zwar schon im 19. Jahrhundert, entwickelte sich aber erst nach dem Erstem, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg zu wissenschaftlicher Seriosität und Eigenständigkeit. Dabei schwanken die Urteile über Müntzer zwischen extremer Ablehnung und Zuneigung. Der kurze Überblick über den aktuellen Forschungsstand stützt sich vor allem auf die Ausführungen von Hans – Jürgen Goertz[1]. Zustimmung und positive Ausdeutung seines Handelns wurden Müntzer vor allem von der marxistischen Geschichtsschreibung zuteil. Das erste Buch, das für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Müntzer im Osten Bedeutung erlangte, verfasste der Sowjetrusse M. M. Smirin[2]. Er lieferte damit die erste Darstellung, die das marxistische Basis – Theorem konsequent auf die Reformation anwandte. Müntzer wurde als Theoretiker und Stratege der Volksreformation entstellt. Smirin hat seinem Denken atheistisch – aufklärerische Züge verliehen und dem Theologen Müntzer keine Beachtung geschenkt. Im Rahmen der marxistisch – leninistischen Geschichtsschreibung befasste sich 1971 Max Steinmetz mit den Urteilen über Müntzer von Martin Luther bis Friedrich Engels[3]. Auf westlicher Seite widersetzten sich vor allem die Kirchenhistoriker Heinrich Böhmer[4] und Karl Holl[5] energisch der sozialistischen Deutung Müntzers. Während Holl eine Deutung aus dem Geist der Mystik heraus versuchte, legte Böhmer das Gewicht mehr auf die Apokalyptik. Diese Akzente haben fortan die weitere Deutungsgeschichte in Form von Widerspruch, Zustimmung und Ergänzungen bestimmt. Es wurde auch der Versuch unternommen, Müntzer als missratenen Schüler Luthers darzustellen, der dessen reformatorische Grundgedanken nicht verstanden hätte, so zum Beispiel bei Gerdes[6] und Nipperdey[7]. In der neueren Forschung verlagerte sich der Schwerpunkt aber immer mehr auf den Einfluss, den die mittelalterliche Mystik und die spätmittelalterliche Apokalyptik auf Thomas Müntzer hatten. Dass dieser vorhanden war, wird in der aktuellen Forschung kaum noch bestritten. Müntzer kannte wohl vor allem die Werke der Vertreter der deutschen Mystik des Mittelalters. Bedeutende Vertreter der deutschen Mystik waren vor allem Dominikaner wie Dietrich von Freiberg (+ nach 1310), Meister Eckhard (+1327), Johannes Tauler (+1361) und Heinrich Seuse (+1366). Diskutiert wird jedoch noch über den Stellenwert, den die Mystik in Müntzers Denken einnahm. Kann man sie als Aufbauelement ansehen, das alle anderen Impulse aufnimmt und miteinander verschmilzt oder ist sie nur ein Element unter anderen?

Ein in der Müntzer – Forschung nur z. T. reflektiertes Problem ist in diesem Zusammenhang die Vieldeutigkeit des Begriffs „Mystik“. Dabei handelt es sich um einen aus dem 17. Jh. datierten Allgemeinbegriff, der sich allen religionswissenschaftlichen und –psychologischen Definitionsversuchen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entzogen hat.[8] Deshalb wird er in der neueren Forschung nur als heuristischer Begriff für sehr unterschiedliche Phänomene intensiver individueller Erfahrung der Verbindung oder Vereinigung (lat. unio mystica) mit Gott, dem Göttlichen oder dem Heiligen gebraucht. Dabei sind diese Phänomene nie unmittelbar zugänglich. Auch die Mystiker selbst erfahren und deuten „das Unaussprechliche“ im Horizont ihrer jeweiligen religiösen, kulturellen und sozialen Prägung. Es sind vor allem Erfahrungsberichte, eigene oder fremde Deutungen dieser Berichte, spätere Revisionen dieser Deutungen in anderen kulturellen Kontexten, die man nebeneinanderstellen und auch im interreligiösen Verstehen als Dokumente der Mystik bezeichnen kann. Die Mystik des Mittelalters ist geprägt von einer individuell – emotionalen Verinnerlichung des Verhältnisses zu Gott bzw. Jesus Christus und stellt somit eine Interpretation der christlichen Tradition dar, d. h. sie vermittelte das Gottesverhältnis immer durch Jesus Christus und die Gegenwart des Ewigen in Zeit und Welt. Die religiöse Praxis erstrebt und erlebt wenigstens punktuell die unmittelbare, alles erfüllende Einheit mit dem Göttlichen. Dabei gilt die mystische Erfahrung selbst oft als nicht herstellbar, sondern als spontanes Kommen des transsubjektiv Göttlichen, welches das erlebende Subjekt entgrenzt oder in einer „Ekstase“ außer sich setzt und im Göttlichen aufgehen lässt.

Die vorliegende Arbeit versucht in ihrem ersten Hauptteil, anhand einiger Hauptstationen in Müntzers Leben wesentliche Impulse, die dort auf ihn einwirkten, nachzuzeichnen. Der zweite Hauptteil ist dagegen systematisch angelegt und betrachtet einige Aspekte seiner Theologie näher, um den Stellenwert der Mystik besser bestimmen zu können.

II. Leben und Denken

Über Thomas Müntzers Werdegang ist nicht viel bekannt. Siegfried Bräuer führt dazu aus, dass Primärquellen aus seiner vorreformatorischen Zeit nicht vorhanden und die Äußerungen von Personen, mit denen er Umgang pflegte, nicht sehr zuverlässig sind. Die vorhandenen Quellen sagen auch nichts über seine theologische Prägung. Versuche, von den Studienorten her auf bestimmte Einflüsse zu schließen, hätten nur hypothetischen Charakter. Denn es gibt hierzu keine Äußerungen von Müntzer selbst.[9]

1. Frühzeit

Aufgrund des ältesten erhaltenen Briefwechsels Müntzers aus seiner Zeit als Probst im Kanonissenstift Frohse liegt die Vermutung nahe, dass Müntzers Frömmigkeit und theologische Auffassung schon damals nicht den gängigen Vorstellungen entsprach. In seinem Brief vom 15. Juli 1515 redet der Handelsbevollmächtigte Winkeler des Braunschweiger Fernhändlers Hans Pelt ihn als „Hochgelarde und vorfolger der unrechtverdicheyt“ an. In der Schlussformel befiehlt er ihn dem allmächtigen Gott „in der hitzigen leve der reynicheyt“[10]. Bräuer schreibt dazu, dass eine sichere Deutung zwar nicht möglich ist, aber dass es sich durchaus um eine Anleihe aus dem Wortschatz der mystischen Frömmigkeit handeln könne. Erhärtet wird diese Erwägung, bringt man sie in Zusammenhang mit der konventikelhaften Frömmigkeit in Müntzers Braunschweiger Freundeskreis von 1521: Dieser bestand aus Martinianern, also Anhängern Luthers, deren Glaubensmerkmale die biblizistische Christusnachfolge, Berufung auf den heiligen Geist und die Kirchenkritik waren.[11] Sicher scheint also, dass sich Müntzer bereits als Priester in Braunschweig für die Erneuerung der Kirche einsetzte und sowohl sozial als auch politisch engagiert war.

In Jüterbog kommt er durch sein antiklerikales Wirken in Konflikt mit den mächtigen Franziskanermönchen. Dort hatte er eine kurze Predigervertretung für Franz Günther. Vor allem am dritten Osterfeiertag 1519 hätte Müntzer bei der Predigt die Autoritäten der römischen Kirche von der Kanzel aus angegriffen und beschimpft. Über die theologische Entwicklung Müntzers nach Jüterbog bis Zwickau ist wiederum kaum Quellenmaterial vorhanden. Aus seinem Briefwechsel mit dem Leipziger Buchführer Achatius Glov[12] ist nur indirekt zu erfahren, dass er sich als Beichtvater der Zisterzienserinnen in Beuditz Ende 1519 bis April 1520 intensiv mit dem Studium der Werke des Augustinus und des Hieronymus, der Konzilsakten von Konstanz und Basel sowie der frühchristlichen Chronistik des Eusebios von Kaisareia beschäftigt hat. Über die ekklesiologischen Einsichten, die Müntzer aus dieser Lektüre gewonnen hat, äußert er sich erst später. Seinem Freund Franz Günther schreibt er in einem Brief, dass er die Studien nicht für sich betreibe, sondern „für den Herrn Jesus“, von dem er sich aussenden lassen wolle.[13]

2. Zwickau

In ersten Kontakt mit der Mystik kam Müntzer vermutlich während seiner Zeit in Zwickau durch den Tuchmachermeister Nicolaus Storch.[14] In der zeitgenössischen Chronik „Historien von Thomas Müntzer“ gibt der unbekannte Verfasser an, dass Müntzer besonders mit den Tuchknappen viele „Conuenticula gehaltten“ hätte und aus ihrer Mitte „Nickell Storch…für alle Priester erhaben“, aufgrund seiner Bibelkenntnis und Geisterfahrung. Neben Müntzer hätte außerdem Storch „Winckell Predigten auffgericht“ und daraus sei „entspünnen vnd ein sprichwortt erwachsenn Secta Storchitarum“.[15]

Die Vertretung des dortigen Stadtpfarrers Sylvius Egranus, der auf Studienreise ging, hatte ihm Luther im Jahre 1519 vermittelt. Nach dessen Rückkehr wechselte er von der Marienkirche zur Katharinenkirche. In Zwickau genoss er Ansehen und pflegte Beziehungen zu allen Schichten der Stadt, von der einfachen Bevölkerung bis in den Rat hinein. Er entwickelte hier ein Gegenkonzept zu den Auffassungen des altgläubigen Klerus, was ihn schon bald wieder in Konflikt mit den Franziskanern brachte. Aber auch mit Egranus geriet er in Streit, als er begann, seinen demokratischen Geistglauben in der Stadt zu verbreiten. Bräuer äußert die Vermutung, dass Müntzer gerade durch die humanistische Reformtheologie des Egranus darin bestärkt wurde, seine Geisttheologie auszuformen und zu profilieren.[16] Egranus vertritt die Meinung, dass man den Verfall der Kirche von außen abwenden könne, Müntzer dagegen setzt viel tiefer an. Er will die Kirche von innen her reformieren, dort wo die Kirche aufgehört hat, eine vom heiligen Geist regierte „Geist – Kirche“ zu sein.[17] So gerieten die beiden in eine erbitterte Auseinandersetzung und teilten die Bevölkerung in zwei Lager. Es kam zu Unruhen und Handgreiflichkeiten, infolge derer Müntzer die Stadt verlassen musste.[18]

Trotz der unklaren Quellenlage über die Zwickauer Vorgänge sieht es Siegfried Bräuer als erwiesen an, dass Müntzer bereits dort begonnen hatte, die Auserwählten um sich zu sammeln. Die Inanspruchnahme des Titels „Gottesknecht“ deutet darauf hin, dass die Zeichen der Zeit in Müntzers Vorstellung damals schon apokalyptische Züge angenommen hatten.[19]

3. Böhmen

Nachdem Müntzer gegen Ende April und Anfang Juni 1521 bereits schon einmal in Böhmen gewesen ist, kehrte er kurz nach Deutschland zurück, um einige Dinge zu ordnen und reiste dann mit einigen Gefährten aus der Zwickauer Zeit über Elsterberg und Eger (Cheb) nach Prag, das sie am 20. Juni erreichten. Dort trafen sie auf komplizierte politische und kirchenpolitische Verhältnisse. Diese spiegelten die Situation zwischen den verschiedenen konfessionellen Gruppen und den Ständen wider. Müntzer fand aber weder zugespitzte soziale Gegensätze noch eine revolutionäre Situation vor.

3.1. Prag

Zu Beginn seines Aufenthalts hatte er durch die Hilfe einflussreicher Angehöriger aus höheren Ständen, die dem utraquistischen Lager zuzurechnen waren, reichlich Gelegenheit, den Pragern von den Kanzeln der Kirchen aus sein Glaubensverständnis zu vermitteln. Mit Hilfe der ihn begleitenden Dolmetscher erreichte er alle Bevölkerungsschichten. Über den genauen Inhalt seiner Predigten ist nichts bekannt. Doch dürfte für ihn die theologische Thematik im Vordergrund gestanden haben, die er schließlich programmatisch in seinem Prager Manifest formulierte, welches er im Oktober 1521 verfasste.[20]

[...]


[1] Goertz, H. – J.: Religiöse Bewegungen in der frühen Neuzeit (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 20) München 1993, S. 66ff.

[2] Smirin, M. M.: Die Volksreformation des Thomas Müntzer und der große Bauernkrieg, Berlin 1956.

[3] Steinmetz, M.: Das Müntzerbild von Martin Luther bis Friedrich Engels. (Leipziger Übersetzungen und Abhandlungen zum Mittelalter, Reihe B, Bd. 4), Berlin 1971.

[4] Böhmer, H.: Thomas Müntzer und das jüngste Deutschland. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze, Gotha 1927, S. 189 – 222.

[5] Holl, K.: Luther und die Schwärmer. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze Band 1, Tübingen 1923, S. 420 – 467.

[6] Gerdes, H.: Luthers Streit mit den Schwärmern um das rechte Verständnis des Gesetzes Moses, Göttingen 1955.

[7] Nipperdey, T.: Theologie und Revolution bei Thomas Müntzer. In: Ders.: Reformation, Revolution, Utopie. Studien zum 16. Jahrhundert. Göttingen 1975, S. 38 – 84.

[8] Sparn, W./ V. Leppin: Art. „Mystik“ (Einleitung, Westkirchen), in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 8, Stuttgart 2008, Sp. 989 - 994., hier Sp. 989f.

[9] Bräuer, S.: Thomas Müntzers Kirchenverständnis vor seiner Allstedter Zeit. In: Bräuer, S., Junghans, H. (Hrsg.): Der Theologe Thomas Müntzer. Untersuchungen zu seiner Entwicklung und Lehre. Göttingen 1989, S. 104f.

[10] Müntzer, T.: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe, hg. v. G. Franz (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 33) Gütersloh 1968, S. 349.

[11] Bräuer, S.: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S. 105.

[12] Vgl. Müntzers Briefwechsel mit dem Leipziger Buchführer Achatius Glov, Müntzer: Schriften und Briefe, S. 353 – 355; Bräuer: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S. 107.

[13] „Mihi non scrutor, sed domino Jesu.“ Müntzer: Schriften und Briefe, S. 353, zit. n. Bräuer: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S. 107.

[14] Lohmann, A.: Zur geistigen Entwicklung Thomas Müntzers (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance Bd. 47). Leipzig 1931, S.11.

[15] Müntzer, T.: Briefwechsel. Lichtdrucke Nr. 1 – 73 nach Originalen aus dem Sächsischen Landeshauptarchiv Dresden, bearb. v. H. Müller. Leipzig 1953. Tafel 73, zit. n. Bräuer: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S. 108.

[16] Bräuer: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S. 108f.

[17] Goertz, H. – J.: Innere und äußere Ordnung in der Theologie Thomas Müntzers (Studies in the history of Christian thought Bd. 2). Leiden 1967, S. 28f.

[18] Goertz, H. – J.: Pfaffenhaß und groß Geschrei. Die reformatorischen Bewegungen in Deutschland 1517 – 1529. München 1987, S. 186ff.

[19] Bräuer: Thomas Müntzers Kirchenverständnis, S.109.

[20] Hoyer, S.: Thomas Müntzer und Böhmen. In: Bräuer, S./ H. Junghans (Hg.): Der Theologe Thomas Müntzer. Untersuchungen zu seiner Entwicklung und Lehre. Göttingen 1989, S.363; Elliger, W.: Thomas Müntzer. Leben und Werk. Göttingen 1975, S. 181ff.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640614684
ISBN (Buch)
9783640615353
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149994
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Evangelische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
Thomas Müntzer

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Titel: Thomas Müntzer