Lade Inhalt...

Kindeswohlgefährdung

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Jugendamt
2.1. Historische Entwicklung
2.2. Organisation
2.3. Die Aufgaben und rechtlichen Grundlagen

3. Aufgabenbereiche des Jugendamtes in Bezug auf Kindeswohlgefährdung
3.1. Definitionen
3.1.1. Kindeswohl
3.1.2. Kindeswohlgefährdung
3.2. Folgen von Kindeswohlgefährdung für die Kinder
3.3. Handeln des Jugendamtes
3.4. Merkmale der Fälle von Kindeswohlgefährdung

4. Fazit

1. Einleitung

Das Jugendamt bietet verschiedene Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. Dazu zählen Beratungsgespräche, Hilfe in Konfliktsituationen, Unterstützung in der Erziehung und Entwicklung von Kindern. Zudem kommt dem Jugendamt die Aufgabe zu, bei Verstößen gegen das Kinderwohl einzugreifen. Eines der wichtigsten Aufgabenfelder des Jugendamtes ist somit die Sicherstellung des Wohls und Schutzes der Kinder durch unterschiedliche Leistungen, Angebote und Maßnahmen. Jedoch berichten die Medien, vor allem die Zeitung und das Fernsehen, immer wieder von verschiedenen Fällen einer Kindestötung oder Vernachlässigung, die die Öffentlichkeit doch sehr schockieren. So müssen sich die Mitarbeiter des Jugendamtes immer wieder Vorwürfe anhören, warum das Jugendamt verschiedene Umstände, Situationen und Familienbeziehungen falsch bewertet und nicht zum Schutz des Kindes gehandelt hat. Daher steht in der öffentlichen Diskussion immer wieder die Frage über das Verständnis und Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Hilfemaßnahmen.

Die unterschiedlichen Aufgabenbereiche eines Jugendamtes stellen eine große Heraus­forderung dar. Es ist ein schwieriges und hartes Arbeitsfeld. Daher glauben wir, dass man viel Erfahrung braucht, um mit gewissen Situationen umgehen zu können. Allerdings ist sowohl die physische als auch die psychische Belastung in diesem Berufsfeld sehr hoch. Man braucht Gefühl und Gespür in gewissen Situationen und muss trotzdem Spaß an der Arbeit haben.

Der Jugendamtleiter Herr Meinecke zeigte in einem Vortrag am 21.April 2009 um 18.15 Uhr, wie vielfältig und abwechslungsreich die Aufgaben im Jugendamt sein können. Er erzählte uns viel über seinen beruflichen Lebenslauf und wie es dazu kam, dass er schließlich als Leiter des Jugendamtes eingestellt wurde. Zudem berichtete er über die Jugendhilfe und andere Handlungsfelder des Jugendamtes. Dabei fiel uns eine Aussage besonders auf: Er erklärte uns, dass 95% der gemeldeten Fälle an das Jugendamt Fehlmeldungen sind. Diese Aussage hat uns sehr skeptisch gemacht und uns dazu angeregt, sich einmal kritisch und intensiv mit diesem Thema auseinander zu setzen. Eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe konnte bereits Erfahrungen mit dem Jugendamt sammeln und erlebte es schon einmal mit, dass das Jugendamt keine Reaktion zeigte, nachdem sie versuchte, das Jugendamt auf eine Familie aufmerksam zu machen, in der sie bereits 2 Jahre gearbeitet hatte, die dringend weitere Unterstützung benötigt hätte. Mit diesem Hintergrundwissen des Vortrages und den persönlichen Erfahrungen interessierte es uns sehr, sich mit dem Thema der Kindeswohlgefährdung und den Handlungsmöglichkeiten des Jugendamtes einmal näher zu beschäftigen. Es war uns wichtig, mit dieser Ausarbeitung ein Thema zu bearbeiten, das heute in unserer Gesellschaft von großer Bedeutung ist und über das viel diskutiert wird. Unser Interesse für diese Ausarbeitung, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, wurde durch den Vortrag von Herrn Meinecke in der Ringveranstaltung geweckt. Daher motiviert es uns, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Da es sich um ein sehr umfangreiches Thema handelt, möchten wir folgenden Fragestel­lungen nachgehen:

1. Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich bei einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung für das zuständige Jugendamt?
2. Auf welche rechtlichen Grundlagen kann sich das Jugendamt stützen?

Im Folgenden möchten wir kurz unsere Gliederung erläutern:

Zunächst geben wir einen Überblick über das Jugendamt. Dazu werden wir in einem kurzen Abschnitt die historische Geschichte des Jugendamtes darstellen. Anschließend gehen wir auf die Organisation und die Aufgaben des Jugendamtes ein. Zudem finden wir es sehr wichtig, die rechtlichen Grundlagen aufzuführen, die für das Jugendamt von großer Bedeutung und eine wichtige Stütze sind. In dem nächsten Kapitel definieren wir zuerst den Begriff der Kindeswohlgefährdung. Dann gehen wir auf die daraus resultierenden Folgen für Kinder ein. Zudem interessant uns an dieser Stelle besonders, welche Handlungsmöglichkeiten das Jugendamt in einer Situation einer Kindesgefährdung hat. Abschließend erfolgen im Fazit aktuelle Berichte, auf die wir noch kurz eingehen möchten, und die wichtigsten Ergebnisse in einer kurzen Zusammenfassung.

2. Das Jugendamt

2.1. Historische Entwicklung

Im historischen Kontext betrachtet, durchlief das heutige Jugendamt viele interessante Stationen, von denen eine kleine Auswahl hier nun dargestellt werden soll. Als Vorläufer der heutigen Jugendämter werden allgemein die so genannten Gemeindenwaisenräte angesehen, deren Regelungen sich im Bürgerlichen Gesetzbuch aus dem Jahre 1900 finden. Auch der Begriff der Jugendhilfe hielt erst sehr viel später Einzug in den Bereich des Jugendamtes. Erste Gründungen von „Ämtern für die Jugend“ gab es erst in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, u.a. in Mainz und Hamburg. Zur damaligen Zeit gab es noch keinerlei Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich der heutigen Jugendhilfe, man sprach hier allenfalls von privater Wohltätigkeit, die jedoch meist nur von weiblichen Personen ausgeübt wurde. Im Jahre 1908 wurde die erste soziale Frauenschule in Berlin von Alice Salomon gegründet, die somit den Frauen die erste Chance einer anerkannten Ausbildung ermöglichte. 1911 trat der preußische Jugendpflegeerlass in Kraft, welcher eine anerkannte Ausbildung für Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen regelte. Zur damaligen Zeit war die Sozialarbeit fast ausschließlich den Frauen vorbehalten und galt als exklusiver Frauenberuf. Jedoch waren diese Tätigkeiten im sozialen Bereich nicht rechtlich abgesichert, was sich natürlich u.a. auch besonders im Hinblick auf die Finanzierung der Leistungen negativ auswirkte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Aufgaben des damaligen „Jugendamtes“ kein Thema innerhalb der Fachwelt, weshalb die Wissenschaftlichkeit litt. Dennoch bildeten sich bereits in diesem frühen Stadium des heutigen Jugendamtes einzelne Bereiche heraus, wie beispielsweise die Jugendfürsorge und die Jugendarbeit. Zu den gesellschaftlichen Veränderungen kamen auch die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen dieser Zeit hinzu, denn der erste Weltkrieg war verloren, und dieser Tatbestand zog erhebliche Folgen nach sich. Diese waren u.a. soziale Probleme, die sich zum Beispiel in der massiven Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsmarktsituation der Menschen zeigten. Besonders die Kinder und Jugendlichen der Arbeiterfamilien waren davon betroffen. Probleme waren hier vor allem die Ernährungssituation, die schlechte Wohnsituation oder auch das „auf sich allein gestellt sein“ infolge der Ganztagsbeschäftigung der Mutter. Diese und andere Faktoren zogen dementsprechende Defizite bei Kindern und Jugendlichen nach sich, die sich u.a. in auffälligen Verhaltensweisen oder Ähnlichem zeigten. Es musste also gehandelt werden, und dieser Sachverhalt ebnete den Weg für die heutige Jugendhilfe. Mit der Verrechtlichung der Jugendhilfe ging zeitgleich auch die Gründung der ersten „richtigen“ Jugendämter einher: Am 1. April 1924 trat das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) in Kraft, welches in Verbindung mit dem seit dem 16. Februar 1923 bestehenden Reichsjugendgerichtsgesetz (RJGG) die Grundlage für die Verrechtlichung der Jugendhilfe bot. Im Zuge dessen bildeten sich auch die drei klassischen Ämter, nämlich Jugendamt, Wohlfahrtsamt sowie Gesundheitsamt heraus. Mit der Entstehung der Jugendämter kristallisierten sich auch allmählich zwei wichtige Zuständigkeitsbereiche heraus, zwischen denen man aber auch deutlich unterschied: diese waren zum einen die Jugendpflege (Maßnahmen für „normale“ Jugendliche und Kinder, z.B. Kindergarten, Krippe) und zum anderen die Jugendfürsorge (Maßnahmen für „auffällige“ Kinder und Jugendliche, in Form von Vorbeugung, Schützung und Heilung). In dieser Zeit entstanden auch vermehrt eigenständige Jugendämter und es entwickelten sich spezifische Einrichtungen in diesem Bereich, die sich sowohl in den Händen öffentlicher als auch freier Träger befanden. Diesem nahezu beispielhaften Aufstieg der Jugendämter, mit besonderem Fokus auf der Jugendhilfe, folgte ein tiefer Fall vor dem Hintergrund der Zeit der Weimarer Republik. Der Weimarer Staat befand sich u.a. aufgrund der damaligen Weltwirtschaftskrise in erheblicher Finanznot, sodass Kürzungen in sämtlichen Bereichen an der Tagesordnung waren. Auch die so genannte Wohlfahrtspolitik, in welche die Jugendämter eingebettet waren, blieb von der finanziellen Krise nicht verschont. So wurde beispielsweise am 4. November 1932 das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz dahingehend geändert, dass Anordnungen auf Fürsorgeerziehung zukünftig nicht mehr gestattet werden würden, wenn der „Fall“ aussichtslos erschien. Dies waren jedoch angesichts der Umbrüche, die folgen sollten, nur Nichtigkeiten. In der Zeit von 1933 bis 1945 bemächtigte sich das nationalsozialistische Regime u.a. des gesamten Erziehungs- und Wohlfahrtswesens. Bis dahin erzielte Erfolge in der Jugendfürsorge wurden regelrecht über Nacht zunichte gemacht. 1933 kam es zur Gründung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), deren Existenz u.a. dazu beitrug, dass sämtliche reformpädagogischen Ideen verschwanden. Im Jahre 1939 waren die Jugendämter Teil der Staatsgewalt, um die Kontrolle über die Kindererziehung zu haben, um die heranwachsenden Kinder und Jugendlichen ganz im Sinne eines nationalsozialistischen Gedankens erziehen zu können. Nach dem zweiten Weltkrieg musste jedoch wieder eine ganz neue Ordnung in sämtlichen Bereichen gefunden und entwickelt werden, und der erste Bereich innerhalb der Jugendhilfe, der quasi seine Arbeit wieder aufnahm, war die kirchliche Jugendarbeit bzw. die Jugendpflege. Im Jahre 1953 wurde das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) zum Jugendwohlfahrtsgesetz umgeändert. Die Errichtung von Jugendämtern fiel nun in den Aufgabenbereich der Kommunen. In den 70-er bzw. 80-er Jahren änderte sich das politische Klima in Deutschland erheblich, und es kristallisierten sich u.a. neue Möglichkeiten in der Familien- bzw. in der Kindergarten-Erziehung heraus. Dies hatte u.a. zur Folge, dass die Zahl der erwerbstätigen Personen innerhalb des sozialen Sektors rapide anstieg, was jedoch nicht allzu verwunderlich erschien, war doch im Jahre 1969 ein erziehungs-wissenschaftlicher Diplomstudiengang eingeführt worden. Die Jugendhilfe wird immer mehr zum gesellschaftlichen Thema, sodass auch die Ausbildungen in diesem Tätigkeitsbereich immer besser werden. Es findet praktisch neben der Aufwertung des Begriffes der Kinder- und Jugendhilfe eine Akademisierung des Personals statt. Im Zuge dieser überaus positiven Entwicklung hält die Thematik der Kinder- und Jugendhilfe auch Einzug in die Forschung. Allgemein lässt sich sagen, dass sich das Jugendamt im Kontext seiner historischen Entwicklung durch viele Hürden kämpfen musste, um sich letztendlich zu der „modernen Dienstleistungsbehörde“ zu entwickeln, als die es sich heute versteht[1].

[...]


[1] Vgl. Hannemann, Anika (2002): Pflicht und Recht des Jugendamtes in die elterliche Sorge einzugreifen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie: Dortmund.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640613175
ISBN (Buch)
9783640613274
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150224
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,4
Schlagworte
Kindeswohlgefährdung

Autor

Zurück

Titel: Kindeswohlgefährdung