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Jean Paul im Kontext der Naturwissenschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

Im Vorbericht zu Jean Pauls ‚Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei’, sagt der Dichter: „Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit.“ Kühn war das Werk seinerzeit in der Tat. Womöglich ist „kühn“ gar noch weit untertrieben. Jean Pauls Angst vor den Strömungen des Atheismus, der sich seiner Meinung nach zwingend aus dem übersteigerten Subjektivismus seiner Zeitgenossen entwickeln musste, stieß all zu oft auf Unverständnis – ja sogar Ablehnung. Die Welt fand lang gesuchte Erklärungen über sich und ihre Umwelt nicht mehr in der Bibel, sondern in den Schriften Isaac Newtons, Pierre Simon Laplaces, Friedrich Wilhelm Herschels und Antoine Laurent de Lavoisiers. Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei haben in den Jahrhunderten zuvor Gott bereits aus dem Zentrum der Schöpfung in die zweite Reihe verbannt. Die Brüder Joseph und Étienne de Montgolfier entdecken das Prinzip „leichter als Luft” und lassen kurz darauf ihren ersten mit Heißluft gefüllten Ballon steigen. Die Welt war im Umbruch.

Gezeigt werden sollen die Einflüsse naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf Jean Pauls Schriften unter zu Hilfenahme ausgesuchter Passagen der Werke ‚Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei’ aus ‚Siebenkäs’, ‚Traum über das All’ aus ‚Der Komet’ und ‚Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch’ aus ‚Komischer Anhang zum Titan’.

2. Zur geistesgeschichtlichen Bedeutung der Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert

Isaac Newton ist die überragende Gestalt in der Geschichte des westlichen Denkens, sein Einfluss ist so unausweichlich wie unermesslich. Newton schuf die Wissenschaften der theoretischen Mechanik und der Himmelsmechanik; und er trug tiefschürfende und kühne Gedanken zur reinen Mathematik, zur Optik und zur Astronomie bei. Indem er zeigte, dass eine mathematische Erforschung der physischen Welt möglich war, machte er diese Erforschung unausweichlich.[1] Sir Isaac Newtons bahnbrechende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Physik hatten dramatische Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens im 18. Jahrhundert. Vor allem in Literatur und Philosophie wurden die neuen Denkansätze über Mensch, Erde, Universum gierig aufgegriffen, interpretiert und im Wesen der Geisteswissenschaften neu geordnet. Das Göttliche blieb in dem neuen Weltbild auf der Strecke.

Schnell trafen zwei diametral gespaltene Lager aufeinander. Zum einen die Rationalisten, die sich von der Aufklärung den Fortschritt der Menschheit, die Durchsetzung des Tugendprinzips, die Schaffung von Freiheit, Toleranz und Gleichheit erhofften, zum anderen die Skeptiker, die eine Welt ohne göttliche Immanenz, in der sich das Böse manifestiert, befürchteten. Anzeichen dafür sahen die Skeptiker insbesondere in der aufklärerischen Naturwissenschaft, deren empirisch-mechanistische Prinzipien eine metaphysische Garantie ausschlossen.[2]

Die Zeit des mechanistischen Weltbildes hatte begonnen: Die gesamte Natur wird mathematischen und physikalischen Axiomen unterworfen. Vernunftgemäßes und logisches Denken sind Voraussetzung für die Bildung der Naturgesetze. Werden und Vergehen innerhalb der Natur gehorchen den Gesetzen der Mechanik und sind somit quantifizierbar. Es war Kant, der relativ spät, nämlich erst im Jahre 1781, diejenigen Bedingungen der menschlichen Erkenntnis, die die aufklärerischen Naturwissenschaftler für ihre Forschungen voraussetzten, philosophisch erfasste und sie in ein System brachte, das in der Folgezeit eine breite Wirkung entfachen sollte: Das System der Kategorien in der ‚Kritik der reinen Vernunft’ bietet eine logische Strukturierung des Erkenntnisvermögens des Subjekts, die die Grundlage der rationalen Durchdringung der objektiven Außenwelt bildet. Dieses Denken macht moderne Naturwissenschaft erst möglich, weil Spekulation und Metaphysik ausgeklammert werden. Und dass das kritische System Kants großen Einfluss auf die Wissenschaften ausübte, konnte auch Jean Paul nicht verborgen bleiben.[3]

2.1 Naturwissenschaft und Literatur

Die durch die Naturwissenschaft begründete Weltanschauung hat bei den Zeitgenossen wie auch in der Forschung das meiste Interesse und die größten Kontroversen hervorgerufen. Im Zentrum stand ein neuer Begriff der Natur und der Gefährdung oder Verteidigung der christlichen Lehre. Maßgebend für die von Newton geprägte Naturwissenschaft war zunächst das von Descartes philosophisch begründete Modell der Welt als Maschine. Weltanschaulich wichtig war für das 18. Jahrhundert auch die „Kopernikanische Wende“, die sowohl Desillusion wegen des Verlustes der Mittelpunktstellung der Erde als auch den Gewinn eines neuen Selbstbewusstseins aufgrund der geistigen Fähigkeiten des Menschen bedeutete. Am folgenreichsten war für die Literatur aber ein neuer Naturbegriff, der sich in Anlehnung und Auseinandersetzung der Naturwissenschaft entwickelte, und für den einerseits die vom Schöpfer verliehene Ordnung, Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit, andererseits aber auch die Fülle, Unmittelbarkeit und Konkretheit maßgeblich sind, die den Gegenständen der wissenschaftlichen Ordnung eignen.[4]

Als einer der Begründer der Verknüpfung zwischen Naturwissenschaft und Literatur dürfte der französische Dichter und Wissenschaftler Bernard Le Bovier de Fontenelle gelten. Mit seinem Werk „Entretiens sur la pluralité des mondes“ (erschienen 1686) konnte jedermann einen Blick ins All zumindest in seiner Phantasie tun.[5]

Wenn um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Dichter wie Kloppstock in seinen frühen Hymnen kosmische Bezüge besang, so konnte er damit rechnen, dass seinem Publikum die astronomischen Voraussetzungen des in seiner Lyrik vermittelten Weltbildes durch Fontenelle und eine Vielzahl anderer populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen geläufig war.[6]

Fontenelles „Entretiens“ sind zugleich ein Beispiel dafür, welch enger Zusammenhang noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen Naturwissenschaft und Literatur bestand, wie wenig klar zwischen fiktionaler und wissenschaftlicher Literatur unterschieden wurde. Es war nicht nur die Eigenheit eines Populärwissenschaftlers wie Fontenelle, wissenschaftliche Erkenntnisse zum besseren Verständnis und amüsanterer Lektüre in Dialogform zu kleiden. Vielmehr bedienten sich die Naturwissenschaftler der Zeit generell mehr oder weniger literarischer Darstellungsformen.[7]

In Buffons „Histoire naturelle“ (seit 1749) sind Literatur und Naturwissenschaft noch so eng verknüpft, dass zeitgenössische Kritiker das Werk als Roman bezeichnet haben und den Verdacht nicht unterdrücken konnten, es sei „mehr Poesie als Wahrheit darin“.[8] Eine solche Einschätzung schadete Buffons Reputation als Wissenschaftler zwar nicht unerheblich,[9] was wiederum zeigt, dass die Verquickung von Poesie und Wissenschaft seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr selbstverständlich war. Doch musste ein solcher – relativ später – Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Theorien ästhetisch ansprechend zu vermitteln, das Interesse eines breiten Publikums für Naturgeschichte erheblich fördern: Buffons „Histoire naturelle“ war mit ihren 44 Bänden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das populärste Werk in diesem Bereich.[10]

2.2 Die Popularisierung der Naturwissenschaften

Das wachsende Interesse einer breiten Schicht gebildeter Laien an den neuen Wissenschaften und Forschungsergebnissen hatte nicht unwesentlich zur Aufnahme und Verarbeitung dieser Thematik in der Literatur beigetragen.

Zunächst war es vor allem der Blick durch ein Fernrohr in den nächtlichen Sternenhimmel, der auch Nichtastronomen faszinierte. Wenngleich die wenigsten Laien ein Teleskop besessen haben durften, blieb immer noch die Lektüre von Fontenelles „Entretiens“, um den Sternen näher zu kommen.[11]

Zudem und insbesondere ist auf die enorme Rolle hinzuweisen, welche Zeitschriften (neben den unter Punkt 2.1 vorgestellten Werken) für die Popularisierung der Naturwissenschaften spielten. Zum einen wurden in zahlreichen, ausschließlich auf Buchbesprechungen angelegten Journalen etwa medizinisch-physiologische Arbeiten, naturhistorische Werke, physikalische Schriften, sowie populärastronomische Bücher dem gebildeten Publikum vorgestellt. Zum anderen gab es eine Reihe von Zeitschriften, die spezifisch naturwissenschaftlich orientierte Originalbeiträge lieferten.[12]

Im Rahmen der Popularisierung der Naturwissenschaften ist auch die Tatsache zu sehen, dass Reiseberichte über Entdeckungsfahrten, die sich im 18. Jahrhundert mehr und mehr naturwissenschaftlicher ausrichteten, mit zu den beliebtesten Genres der Literatur gehören.[13] Reisebeschreibungen waren meistgelesenen und weitest verbreiteten wie die am meisten übersetzten Werke der Epoche. Sie waren so sehr in Mode, dass die Verleger ganze Serien herausgaben und dabei auf das allgemeine Interesse des Publikums spekulieren konnten.[14] Darüber hinaus ist gerade in der Reisebeschreibung des 18. Jahrhunderts eine literarische Form zu sehen, in welcher durch die Behandlung naturgeschichtlicher, ethnologischer, geographischer und meteorologischer Beobachtungen wissenschaftlicher Anspruch mit Unterhaltung und Erbauung eine zeittypische Synthese einging.[15]

3. Das Naturwissen in den Werken Jean Pauls

Jean Pauls Schriften belegen einen ausgeprägten Kenntnisreichtum der unterschiedlichsten naturwissenschaftlichen Disziplinen seiner Epoche. Metaphorische und real plastische Reisen und Träume im und vom Kosmos und höherdimensionalen Sphären gehören zu den Lieblingselementen seiner Dichtungen. Dabei erschreckt und verzweifelt er beinahe vor den ungeheuren Weiten des Alls und dem damit verbundenen Gefühl des Verloren-Seins, wenn er zu Beginn des ‚Traum über das All’ sagt: „Himmel! dacht’ ich, welche Leerheit ertränkte das All, wenn nichts voll wäre als einige schimmernde verstäubte Stäubchen, die wir ein Planetensystem nennen.“[16]

[...]


[1] Berlinski, David: Der Apfel der Erkenntnis. Sir Isaac Newton und die Entschlüsselung des Universums, Hamburg 2002, S. 9

[2] Gerabek, Werner: Naturphilosophie und Dichtung bei Jean Paul: Das Problem des Commercium Mentis et Corporis, Stuttgart 1988, S. 108

[3] Gerabek, Werner: Naturphilosophie und Dichtung bei Jean Paul: Das Problem des Commercium Mentis et Corporis, Stuttgart 1988, S. 110 f

[4] Esselborn, Hans: Das Universum der Bilder. Die Naturwissenschaft in den Schriften Jean Pauls, Tübingen 1989, S. 10f

[5] Vgl. Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 34

[6] Richter, Karl: Literatur und Naturwissenschaft. Eine Studie zur Lyrik der Aufklärung, München 1972, S. 133

[7] Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 35

[8] Lepenies, Wolf: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1978, S. 151

[9] Lepenies, Wolf: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1978, S. 153

[10] Schatzberg, Walter: Scientific Themes in the popular Literature and the poetry of the German Enlightment, Bern 1973, S. 35

[11] Vgl. Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 34

[12] Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 37

[13] Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 37

[14] Wuthenow, Ralph-Rainer: Vom Geiste der Entdeckungen. Reisebericht und –tagebuch in der Literatur des 18. Jahrhunderts, in R.-R.W., Das Bild und der Spiegel. Europäische Literatur im 18. Jahrhundert, München 1984, s. 9-24, S. 12

[15] Rankl, Maximilian: Jean Paul und die Naturwissenschaft, Frankfurt/M. 1987, S. 38

[16] Werke, Band 6, S. 682

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638202831
ISBN (Buch)
9783640862672
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15044
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik II
Note
1-2
Schlagworte
Jean Paul Kontext Naturwissenschaft Erzählungen Texte

Autor

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