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Das Bild vom Erzähler- und Dichtertum in Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl"

Essay 2008 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Einleitung

Laut Neumann handelt es sich bei Clemens Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl um „[...] ein Meisterwerk novellistischen Erzählens [...]“.[1] Weiterhin bewertet er sie als „[...] Novelle, deren künstlerische Komplexität kaum zu überschätzen ist [...]“.[2] Gerhard Kluge spricht sogar von „[...] Brentanos populärste[m] Prosawerk [...].“[3] Alle diese Zitate veranschaulichen die herausragende Bedeutung Brentanos Novelle und deuten darauf hin, dass es sich bei dieser um eine Erzählung von hohem Rang handeln muss.

In der vorliegenden Arbeit wird diese künstlerische Vielfalt anhand der Betrachtung des, in der Novelle, dargestellten Erzähler- und Dichtertums konkretisiert. Darüber hinaus bietet die Erzähltextanalyse des Werkes den Rahmen für die textinternen Untersuchungen.

Hauptteil

Die erstmals 1817 erschienene Novelle Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl von Clemens Brentano handelt von dem tragischen Tod des Kaspers und seiner Annerl. Das Dasein beider wird von dem Wunsch getragen ihr Leben der Forderung der Ehre entsprechend zu führen und zu gestalten. Diese Ehrsucht zerstört das Leben der jungen Menschen, von denen die alte Bäuerin erzählt, als ihr der Erzähler – ein Dichter –, in einer kühlen Sommernacht tröstend Gesellschaft leistet. Ihr Enkel Kasper, der Soldat in Frankreich ist und ihr Patenkind Annerl liebt, erschießt sich am Grabe der Mutter, nachdem er vom eigenen Vater und Stiefbruder bestohlen wird und es nicht erträgt der Sohn eines Diebes zu sein. In seinem Abschiedsbrief bittet er um ein ‚ehrliches’ Begräbnis neben seiner Mutter. Wie ihm, wird auch der schönen Annerl die Ehrsucht zum Verhängnis: Sie wird von einem Adeligen verführt, der ihr die Ehe verspricht, diese jedoch nicht einhält. Um der Schande zu entgehen, erstickt sie ihr Kind direkt nach der Geburt. Da sie den Namen des treulosen Vaters aus falscher Ehrsucht nicht preisgeben will, soll sie am Morgen der Erzählung hingerichtet werden.[4] So haben beide, Kasperl und Annerl, ihre bürgerliche Ehre verloren, weshalb die Großmutter Kaspers ausgezogen ist, um „[...] ihrer beider Ehre zu retten: durch ein ‚ehrliches’ Grab, zu dem sie den unglücklich Liebenden verhelfen will.“[5] Der Erzähler der Geschichte wird gebeten, der Großmutter eine Bittschrift zu verfassen, um sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Er, tief erschüttert von Kasperls und Annerls Geschichte, zieht los, um den Herzog nicht nur um ein ehrliches Grab zu bitten, sondern auch um Begnadigung für Annerl zu erwirken. Der Herzog schickt daraufhin unverzüglich einen Offizier – den Grafen Grossinger –, mit der Begnadigung zum Richtplatz, doch dieser kommt zu spät. An Annerls Leichnam bekennt er selbst der Verführer gewesen zu sein und vergiftet sich wenig später. Beim Begräbnis Kasperls und Annerls sinkt die Großmutter, deren letzter Wunsch erfüllt ist, dem Erzähler tot in die Arme. Das Grab wird mit den Allegorien der wahren und falschen Ehre, der Gerechtigkeit und der Gnade als Denkmal gekrönt.[6]

Die einfach zu lesende Erzählung verfügt über eine komplizierte Struktur. Brentanos Werk ist nicht einsträngig erzählt. Er verwendet das, in der Romantik weit verbreitete, erzählerische Konzept der Rahmenhandlung, wodurch seine Novelle in Rahmen- und Binnenerzählung untergliedert wird. Konkreter sind in der Rahmenhandlung mehrere Binnengeschichten verschachtelt, welche allerdings nicht gegen den Rahmen hin abgegrenzt werden, sondern teilweise in diesen übergehen und dort enden.[7] Vier Personen übernehmen in dem Werk wichtige Rollen und sollen als Hauptpersonen vorgestellt werden: Zum einen der Dichter und die Großmutter. Diese beiden Hauptpersonen treten aktiv in der Novelle auf und übernehmen die überwiegenden Sprechanteile. Zum anderen treten Kasper und Annerl, als weitere Hauptpersonen, in Erscheinung – wenn auch nur passiv.[8]

Die Rahmenhandlung, also die Begegnung des jungen Dichters mit der alten Frau, wird von einem Ich-Erzähler beschrieben. Da bekannt ist, dass Brentano von der Mutter Luise Hensels[9] zwei Geschichten erzählt bekam, die er in der Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl miteinander verband[10], lässt sich schlussfolgern, dass der Ich-Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist, sondern dem fiktiven, jungen Dichter des Textes entspricht. Er ist Teil der erlebten Welt. Die genaue Festlegung eines Erzählverhaltens des benannten Ich-Erzählers erweist sich als kompliziert, da im Text Merkmale mehrere Verhaltensweisen auftreten. So stehen die recht nüchternen, neutralen Beschreibungen („[...] es war zwei Uhr des Morgens, der Tag graute [...].“[11]) den wertenden, auktorialen („Ich war ganz zerissen von dem Unglück der guten Alten, und die Größe und Festigkeit, womit sie es trug, erfüllte mich mit Verehrung.“[12] ) gegenüber. Grundsätzlich ist der Ich-Erzähler von dem Geschehen sehr ergriffen, weshalb das auktoriale Erzählverhalten in den Vordergrund tritt. Des Weiteren gibt es im Text aber auch Stellen, in denen sich der Erzähler vom eigentlichen Geschehen (z.B. dem Gespräch mit der Alten) abwendet und über seine eigene Person reflektiert (häufig mit Bezug auf das Geschehen). Dies verdeutlicht beispielsweise folgender Auszug aus einem inneren Monolog:

[...]


[1] Naumann (1995), S. 121.

[2] Ebd. (1994), S. 238.

[3] Kluge, S. 312.

[4] Vgl. Naumann, (1995), S. 122.

[5] Neumann (1995), S. 122.

[6] Vgl. Neumann (1995), S. 123.

[7] Vgl. Kluge, S. 322 f.

[8] Vgl. Universität Leipzig – Institut für Germanistik, S. 2 f.

[9] Brentano hegte zu Luise Hensel eine Liebesbeziehung.

[10] Vgl. Kunz, S. 77.

[11] Brentano, S. 27, Z. 6-7.

[12] Ebd., S. 26, Z. 23-26.

Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640632145
ISBN (Buch)
9783656095453
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150884
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Germanistik und Sprachwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
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