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Korruption und Religion

Seminararbeit 2007 24 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Übersicht

2. Konzepte und Methodisches
Konzepte
Datensatz
Variablen
a) Korruption
b) Religion
c) Wirtschaftskraft /BIP
Methodik

3. Ergebnisse
Zu Tabelle 1: Bevölkerungsanteile
Zu Tabelle 2: Dominanz

4. Erklärungen
1. Moralische Vorstellungen
2. Hierarchie
3. Stellung zum Staat
4. Individualismus
Kommentar: Zusammenhang Religion–>Wirtschaftskraft–>Korruption

5.Konklusion

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Übersicht

Die Bekämpfung von Korruption (von lateinisch: corrumpere bestechen, verderben, vernichten) ist zur Zeit eines der meistdiskutierten Themen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Negative Einflüsse auf Wachstum und Wohlstand können mittlerweile als gut bestätigt gelten[1]. Die Affaire um Weltbank-Präsident Paul Wolfowitz aus der jüngsten Vergangenheit und das sich anschließende Medienecho ist ein Beispiel für die Sensibilität des Themas, sogar in der breiten Bevölkerung.

Seit geraumer Zeit stehen die ethno-kulturellen Merkmale von Staatsvölkern im Blickpunkt der Korruptionsforschung[2]. Bereits ein eher oberflächlicher Blick auf das Thema, lässt die Beachtung von Religion und Kultur im Zusammenhang mit dem Auftreten von korrupten Handlungen als sinnvoll erscheinen. Es finden sich aber in der einschlägigen Fachliteratur oft nur Andeutungen möglicher Erklärungen für das gemeinsame Auftreten bestimmter religiöser Orientierungen und hoher wahrgenommener Korruption. Eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem Zusammenhang unterbleibt meistens. Dies soll das Hauptanliegen meines Aufsatzes sein. Des Weiteren soll auch auf mögliche Interaktionseffekte zwischen der Wirtschaftsleistung eines Landes und den Religionen in der Bevölkerung kontrolliert werden, um diese indirekten Effekte bei der Analyse des Zusammenhangs ausschließen zu können.

Die Literatur zum Thema ist noch überschaubar, wenngleich eine erschöpfende Übersicht über die vorhandenen Beiträge in einer Hausarbeit nicht gegeben werden kann. Die, aus meiner Sicht, wesentlichste Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

La Porta et al. (1999) stellen in ihrer umfangreichen Untersuchung zur Regierungsqualität, aufbauend auf die von Putnam (1993) und Landes (1998) formulierten Kulturtheorien einen negativen Einfluss muslimischer und katholischer Gruppen auf das Korruptionsniveau eines Landes fest. Unglücklicherweise verlieren die Ergebnisse aber bei der Kontrolle auf zusätzlicher Variablen ihre Signifikanz.

In seinem Aufsatz aus dem Jahr 2000 identifiziert Treisman einen Effekt von vorhandenen protestantischen Traditionen auf das Auftreten korrupter Akte, der sogar nach der Kontrolle auf Demokratiestabilität und BIP signifikant bleibt.

Martin Paldams (2001) detaillierte Analyse umfasst eine ungewöhnlich große Zahl an Religionen. Er betrachtet sowohl direkte, als auch indirekte Einflüsse von Religionen auf Korruption. Reformierte Christen und Stammesreligionen treten in seinen Ergebnissen gemeinsam mit niedrigerer Korruption auf.

Al Mahubi (2004) sieht einen positiven Einfluss eines hohen protestantischen Anteils in der Bevölkerung auf Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung.

Auch in der Arbeit Mocans (2005) zeigt sich Protestantische, im Gegensatz zu muslimischen Gesellschaften, las schlechter Nährboden für Bestechung und ihre Artverwandten.

North / Gwin (2006) stützen diese Erkenntnis in Ihrem vergleichenden Werk zu Religion, Korruption und Rechtsstaatlichkeit. Hier sind es asiatische Volksreligionen und die protestantische Vergangenheit eines Landes die mit niedrigerer Korruption Hand in Hand gehen.

Vorausschickend muss angemerkt werden, dass in diesem Aufsatz ausschließlich politische und Verwaltungskorruption behandelt werden. Korrupte Praktiken die ihren Schauplatz im freien Markt haben, wie beispielsweise Preisabsprachen zwischen mehreren Konzernen eines oligopolen Marktes, finden keinen Eingang. Ich weise außerdem ausdrücklich darauf hin, dass nicht intendiert ist, theologische oder als solche zu deutende Aussagen zu machen. Es geht einzig und allein darum eventuelle Zusammenhänge zwischen Korruption und Religion zu beleuchten[3].

2. Konzepte und Methodisches

Konzepte

Was macht Korruption eigentlich aus? Um die wichtigsten Eckpunkte leichter darstellen zu können hilft die Annahme eines Prinzipal-Agenten Modells, wie wir es bereits aus den ökonomischen Theorien der Organisation kennen[4].

Ein Prinzipal (zum Beispiel eine Regierung) muss die Erfüllung eines Kataloges an Aufgaben gewährleisten. Dafür benötigt er die Hilfe eines oder mehrer Agenten (beispielsweise einer Behörde) an die er Aufgaben delegieren kann. In der Folge legt der Prinzipal Regeln fest, um den Handlungen des Agenten einen Rahmen zu setzen. Die Regeln sind die Vorstellungen des Prinzipals, indem er formuliert in welcher Weise der Austausch des Agenten mit den Klienten (Steuerzahler oder Antragssteller) stattzufinden hat. (Steuererklärung, Genehmigungen etc.). Da eine vollständige Kontrolle aber nicht möglich ist kommt es zu Betrugsversuchen gegenüber dem Prinzipal. Ein strukturelles Problem, das häufig zum tragen kommt, ist die Abhängigkeit des Prinzipals von seinen Agenten, woraus analog zu den ökonomischen Theorien der Organisation eine Vielzahl so genannter Agenturprobleme entstehen können. Sie begründen die starke Stellung des Agenten. Ein korrupter Deal findet also dann statt, wenn sich Agent und Klient gegen den Prinzipal verbünden und zusammen die Regeln des Prinzipals übertreten oder gegen universalistische Verhaltensnormen verstoßen, mit dem Ziel persönlich aus dem Verstoß zu profitieren. Das Spektrum der Korruption reicht hierbei vom „50 Euro-Schein des soeben geblitzten Verkehrssünders für den Polizisten“ über die „Korruption, durch die gesetzlich nicht gerechtfertigte behördliche Genehmigungen erlangt werden“ bis zur „Königsdisziplin der Korruption: der in Gesetz gegossene Missbrauch einer Machtposition für private Interessen.“, sprich der Käuflichkeit politischer Entscheidungen“ [5] .

Die unter Wissenschaftler gängige Definition entstammt den Veröffentlichungen der Organisation Transparency International (TI), der zufolge sich Korruption als „der Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“ beschreiben lässt und die auch Basis meiner Arbeit sein soll. Dies geschieht vor allem auch aus Gründen der Praktikabilität, da der von Transparency International erhobene Index für Korruption, namentlich der Corruption’s Perception Index (CPI) Teil des zur Verfügung stehenden Datensatzes ist und damit in den von mir angebotenen Regressionen als abhängige Variable und Maß für Korruption verwendet werden kann.

So möglich doch eine Wirkung von Religion auf die wahrgenommene Korruption in einem Land scheint, so wenig plausibel wirkt eine Beziehung zwischen Religion als abhängiger und Korruption als unabhängige Variable auf den ersten Blick. Wie, so mag sich der Betrachter fragen, soll das Ausmaß an Korruption die religiöse Orientierung einer Bevölkerung beeinflussen. Denkanstöße hierfür gibt Paldam (2001). In einer plausibel wirkenden Argumentation verweist er auf die Phase der Trennung zwischen römisch-katholischer und protestantisch-lutheranischer Kirche im 16. Jahrhundert, in der sich die schon damals moralischeren Länder Nordeuropas in einer Art Vorreiterrolle den reformatorischen Strömungen mehrheitlich anschlossen. Es besteht also, wie fast immer, Unklarheit über die vorherrschende Kausalrichtung. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es für eine mich zufrieden stellende Ergründung dieses Aspektes einer weiteren Arbeit bedürfte. Ich belasse es deswegen bei dem Verweis auf Paldam (2001), dessen Überlegungen sicherlich ernst zu nehmen sind, gehe aber weiterhin davon aus, dass der der Mechanismus hauptsächlich in Religion seinen Ursprung hat und sich von dort ausgehend direkt oder indirekt auf Korruption auswirkt. Nur diese Richtung des Wirkungsmechanismus will ich betrachten.

Datensatz

Grundlage der Berechnungen der Modelle ist der von dem Quality of Government Institute der Uni Göteborg bereitgestellte Datensatz in der Form, in der er am 1. Juli 2007 vorlag. Es sollen für die anschließende Analyse des Zusammenhangs, wie auch bereits bei Paldam (2001), die Daten der Cross-Section verwendet werden. Gegen eine Untersuchung anhand der ebenfalls vorhandenen Time-Series spricht, dass der Anteil der einzelnen religiösen Gruppen in der Bevölkerung nur äußerst geringen Schwankungen unterliegt und deshalb eine Betrachtung über einen Zeitraum von einer Dekade, keine neuen Schlüsse erwarten lässt. Noch grundlegender wäre die Zurückweisung einer Untersuchung der Time-Series aus Gründen des Erkenntnisinteresses, denn ein Trend soll nicht untersucht werden. Probleme durch eine Veränderung des Messinstruments und des Samples beim CPI verschaffen nur zusätzliche Sicherheit zugunsten einer Entscheidung für die Cross-Section Daten[6], ebenso wie die Gewissheit sich in guter Gesellschaft zu befinden[7].

Da die zur Verfügung stehenden Daten keiner Zufallsstichprobe entspringen, kommt es zu starken Selektionsproblemen, (reiche, westliche Staaten sind im Verhältnis zum Rest überrepräsentiert), die der Übertragbarkeit der Erkenntnisse im Wege stehen.

Variablen

Es werden bei der Hauptanalyse drei Variablen untersucht: Korruption, Religion und Wirtschaftsleistung, gemessen in BIP pro Kopf.

a) Korruption

Als Variable für Korruption findet der bereits weiter oben eingeführte CPI aus dem Jahr 2002[8] Verwendung. Der CPI ist ein „poll of polls“ und beruht auf der Wahrnehmung des Ausmaßes an Korruption und besitzt mehrere Quellen. Aus methodischer Sicht ist das mit Sicherheit hoch bedenklich. Es gilt aber zu beachten, dass Korruption qua naturam meist verdeckt stattfindet und somit einer direkten Beobachtung nicht zugänglich ist. Ein auf Wahrnehmung basierter Index ist momentan der beste zur Verfügung stehende Indikator. Eine Vielzahl von Studien bestätigt zudem die Robustheit des Indexes im Vergleich mit alternativen Ratings.

>>„Even ratings that were constructed by completely different methologies, using different inputs, and in different decades ended up with outputs that are remarkably similar in most respects.” Treisman (2000)<<

Auf dem Index sind Werte von null bis zehn möglich, wobei ein „sauberes“ Land einen hohen und ein von Korruption geprägter Staat einen sehr niedrigen Wert auf der Skala des CPI erhält.

b) Religion

Religion wird operationalistisch definiert, nämlich als Anteil der Bevölkerung, die sich einer der drei Glaubensrichtungen Protestantismus, Katholizismus, Islam zurechnet. Alle anderen Orientierungen werden in einer vierten Gruppe zusammengefasst die ich der Einfachheit halber als Rest bezeichnen werde[9]. Die Anteile sind Schätzungen der wahren Anteile der Glaubensrichtungen in der Bevölkerung für das Jahr 1980. Obwohl die Werte sich auf das Jahr 1980 beziehen sollte eine Verwendung hier keine weiteren Schwierigkeiten mit sich bringen. Es ist anzunehmen, dass sich die Anteile seither nur sehr geringfügig geändert haben[10].

[...]


[1] siehe unter Anderem Mauro (1995) und Lambsdorff (2005)

[2] Als einer der Gründerväter dieser Richtung darf ohne weiteres Max Weber bezeichnet werden, der die Wichtigkeit von Werten, transportiert durch Religionen, für den Fortschritt einer Ökonomie herausstrich und somit auch für die Korruptionsforschung interessant machte.

[3] vgl. Paldam (2001)

[4] eine ausführliche Darstellung der ökonomischen Theorie der Organisation findet sich bei Ebers und Gotsch (2001)

[5] Beispiele entspringen der Webseite von Transparency International

[6] genaueres zu Problemen der Time-Series beim CPI: siehe Lambsdorff (2005)

[7] siehe Paldam (2001), Treisman (2000), North/Gwin (2006) und andere

[8] im Datensatz: ti_cpi

[9] im Datensatz: Katholizismus: lp_catho80;Protestantismus: lp_protmg80; Islam: lp_muslim80; Rest: lp_no_cpm80

[10] wie bereits weiter oben: Paldam (2001)

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640624706
ISBN (Buch)
9783640624881
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150983
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,7
Schlagworte
korruption politik religion protestantismus katholizismus quantitativ regression transparency international

Autor

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Titel: Korruption und Religion