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Der Roman 'Dime algo sobre Cuba' von Jesús Díaz als exilkubanische Literatur und Kritik am Castro-Regime

Hausarbeit (Hauptseminar) 2060 20 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Definition von „Exil“ bzw. „Exilliteratur“
1. Kubanische Migration
2. Kubanische Exilgenerationen und ihre Sicht auf Kuba

III. Romananalyse
1. Figurenebene
1.1. Stalin Martínez
1.1.1. Seine Beziehung zu Kuba
1.1.2. Seine Beziehung zu den USA
1.2. Lenin Martínez
1.2.1. Seine Beziehung zu Kuba
1.2.2. Seine Beziehung zu den USA
2. Stilistische Ebene
2.1. Mittel des Humors bzw. der Ironie

IV. Der Roman als exilkubanische Literatur und autobiographisches Werk

V. Literaturverzeichnis

I. Einführung

Cuba libre... so lautet nicht nur der Name des weltweit bekannten Cocktails auf Rumbasis, sondern dieser Slogan ist bis heute überall auf Kuba zu finden. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Trinkspruch („ Viva Cuba libre “) von den US-Soldaten, die nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg auf die Befreiung Kubas aus der spanischen Kolonialherr-schaft anstießen. Allerdings führte dies nur zu einer verlagerten Vormachtstellung der USA. Aus diesem Grund wird das Getränk von vielen Exilkubanern auch mentirita genannt.

Durch die Vertreibung des Diktators Fulgencio Batista, der gute Beziehungen zu den USA pflegte und ihre Unterstützung genoss, kam es schließlich am 1. Januar 1959 zum Sieg der kubanischen Revolution und im Jahr 1961 zur Errichtung eines sozialistischen bzw. kommu-nistischen Staates. Die Politik Kubas gilt bis heute zwar als einziger gelungener Versuch des Sozialismus, wobei sich das Staatsoberhaupt länger als in jedem anderen Land behaupten konnte, doch markiert sie auch den Beginn mehrerer Migrationswellen, wobei die USA zur Hauptanlaufstelle wurde.

Der kubanische Schriftsteller Jesús Díaz, 1941 in La Habana geboren, antwortete auf die Frage, warum er Kuba verließ mit folgenden Worten: „Estaba muy desencantado de la experiencia de la revolución. Todo aquello había terminado en una dictadura terrible, y yo me sentía muy en contra.”.[1] Nachdem Díaz 1991 als Stipendiat des DAAD nach Berlin gegangen war, um dort an der Filmakademie zu unterrichten, erhielt er einen Brief aus seiner Heimat, indem man ihn als „ traidor a la patria[2] bezeichnete. Daraufhin beschloss er, nicht mehr in seine Heimat zurückzukehren und begann ein neues Leben in Europa, wo er auch am 3. Mai 2002 in Madrid starb.

Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitete er als Chefredakteur der Zeitschrift Pensamiento crítico, publiziert auf Kuba, und von Encuentro de la Cultura Cubana, die auβerhalb der Insel veröffentlicht wurde. In seinem letzten Roman Dime algo sobre Cuba, 1998 im Espasa Calpe Verlag in Madrid erschienen, greift er die Thematik der Exilkubaner in den USA und der balseros auf. In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob sich dabei um „Exil-literatur“ handelt und inwiefern sich autobiografische Züge erkennen lassen. Dazu bedarf es jedoch zunächst einer Definition von „Exil“ und insbesondere „Exilliteratur“.

II. Definition von „Exil“ bzw. „Exilliteratur“

Der Terminus „Exil“ (lat. exilium = in der Fremde weilend, verbannt sein) bezeichnet die Abwesenheit einer Person – eines Exilanten – aus dem Heimatland, welche durch Differenzen zwischen dem Individuum und einem Vorgang auf politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ebene bewirkt wurde. Neben den Konsequenzen einer politisch-gesellschaftlichen Marginali-sierung, Existenzbedrohung, Ausbürgerung und Heimatlosigkeit, sowie dem Verlust von Identität, erfordert eine Situation im Exil auch häufig eine soziokulturelle Neuorientierung.

In Abgrenzung zum Prinzip der „Emigration“ hat das Wort „Exil“ eine politische Konnotation und erfolgt direkt oder indirekt aus zwanghaften Umständen. Die dauerhafte Abwesenheit aus der Heimat kann dabei ebenso durch eine Situation im Exil eintreten. Dies resultiert nicht selten aus einer Permanenz des Auslösekonfliktes im Ursprungsland, sowie durch eine Neu-integration im Aufnahmeland, wodurch in der Regel der Zustand im „Exil“ beendet wird. Abgeleitet vom Begriff des „Exils“, ist dem Genre „Exilliteratur“ als zentrales Kennzeichen zuzuordnen, dass sie vorwiegend durch eine Erfahrung im Exil motiviert wurde, ihre Autoren nicht in der Heimat, sondern nur im Ausland publizieren können und sie daher in der Regel auch einen autobiographischen Hintergrund besitzt.[3]

1. Kubanische Migration

Historisch betrachtet lassen sich ab 1959 vier große kubanische Flüchtlingswellen aufzeigen: Die erste fand in den Anfangsjahren der Revolution statt und ist primär auf die politischen und sozioökonomischen Veränderungen, sowie die Angst vor der „Kubakrise“ zurückzu-führen. Hierbei flohen vor allem die Anhänger Batistas, sowie die Elite Kubas, deren Inter-essen im Gegensatz zum Castro Programm standen. Neben den bereits 660.000 – davon allein 32.000 in Miami – flohen weitere 230.000 Kubanern direkt in die USA.[4] Beendet wurde sie schließlich 1962 als alle regulären Flug- und Fährverbindungen eingestellt wurden.

Ab Dezember 1965 zeichnete sich ein zweiter Schub ab.[5] Der Großteil verließ Kuba dabei aufgrund der schlechten Wirtschaftslage. Begünstigt wurde die Zahl der Flüchtlinge vor allem durch die Öffnung des Hafens von Camarioca in Matanza und die sogenannten freedom flights; von der US-Regierung finanzierte Freiflüge für Kubaner seit 1. Dezember. Priorität erhielten dabei jene, die Familienangehörigen in den USA hatten, wobei sich die Dring-lichkeit zusätzlich nach dem Verwandtschaftsgrad, Alter und Familienstand richtete.[6] Die zweite Emigrationswelle endete im April 1973,[7] als die „Luftbrücke“ wieder geschlossen wurde.

Mit dem Cuban Ajustment Act[8] von 1966, welches die privilegierte Visavergabe für kubanische Immigranten in die USA regelte, wurde dem Exodus der marielitos der Boden aufbereitet. Namentlich gehen sie auf die westlich von Havana gelegene Hafenstadt Mariel zurück, die 1980 zum Ventil für viele Kubaner wurde. Dabei verließen zahlreiche Kubaner die Insel nach einer Nachricht Castros, die Absperrung der peruanischen Botschaft zu räumen, wodurch sich zahlreiche Kubaner ein Ausreisevisum nach Peru und die Chance auf langem Weg in die USA zu gelangen erhofften. Den Verbliebenen sagte man die Ausreise über den Hafen von Mariel zu, wobei rund 125.000 Kubaner die Insel verließen.[9] Da die Generación de marielitos nicht aus politischen, sondern wirtschaftlichen Gründen Kuba verließen, verwehrte ihnen die US-Regierung das Recht auf Asyl und quatierte sie in großen Lagern. Zusätzlich wurden sie für ihren niedrigen Sozialstatus und die Tatsache, dass ein Großteil von ihnen schwarz war, öffentlich diskreditiert und stießen auch bei den Exilkubanern, die einer überwiegend weißen Mittelschicht angehörten, auf Ressentiments. Andere Erfahrungen machten dagegen die Kubaner der 90er Jahre, denen auch Jesús Díaz anghört. Sie wurden politisch und gesellschaftlich in den USA weigehend akzeptiert und emigrierten vorwiegend nach Europa.

Die bislang letzte Fluchtwelle ist die Krise der balseros. Durch die von Castro ankündigte Aufhebung der Küstenüberwachung im August 1994, stürtzten sich in den nächsten acht Monaten an die 24.000 Kubaner auf selbstgebauten Flößern ins Meer, um so nach Miami zu gelangen. Viele von ihnen kamen dabei ums Leben oder mussten von der Küstenwache gerettet und zurück auf die Insel gebracht werden. Dieser Vorgang war vor allem eine Reaktion Fidel Castros auf die Einwanderungspolitik der USA, denn aus machtpolitischem Interesse ignorierte die US-Regierung vielfach die Abkommen mit Kuba und verhalf stattdessen den illegal geflohenen Kubanern bei betreten des US-Territoriums zur vollen Staatsbürgerschaft, wodurch sie zur illegalen Flucht aufrief:

“Either they [the United States] take serious measures to guard their coasts, or we will stop putting obstacles in the way of people who want to leave the country, and we will stop putting obstacles in the way of people [in the United States] who want to come and look for their relatives here.”.[10]

Unterbunden wurde diese “Open-Door Policy”[11] weiter durch die finanzielle Versorgung der politischen Exilvertretungen, dem Abwurf illegaler Propagandamaterialien über der Insel, sowie ihrer Beihilfe durch logistische Fluchtversuche.

Castro bewies durch die Öffnung des Seeweges politische Geschicklichkeit, denn danach wurden auf kubanischer Seite die Küsten wieder kontrolliert und es kam zu weiteren Verhandlungsgesprächen über den weiteren Verlauf der kubanischen Migrationspolitik. Das Resultat war ein Abkommen in dem die USA verbindlich zusicherte, pro Jahr 20.000 legale Einwanderungsvisa für kubanische Staatsbürger auszustellen und alle internierten Flüchtlinge davon zu überzeugen, nach Kuba zurückzukehren und dort ein Visum zu beantragen.[12]

2. Kubanische Exilgenerationen und ihre Sicht auf Kuba

Unter den Teilnehmern dieser vier Emigrationswellen befanden sich auch die Intellektuellen, wie Anwälte, Hochschullehrer und Journalisten, die der tiefgreifende Wandel auf Kuba, sowie die eigene Erfahrung im Exil dazu bewegte, ihre Gedanken und Verarbeitung auf Papier zu bringen. Innerhalb der Erwachsenengeneration ist hier die „Generation des Exils“[13] zu nennen, die eine gezielt antirevolutionäre Sichtweise vertritt. Dieser Haltung schließt sich auch die Generación de Mariel an. Weiter existiert die „Generation der Diaspora“,[14] die sich zunächst mit der kubanischen Revolution identifizierte, aber schließlich als disendente den “Blick von außen”[15] auf die kubanische Heimat seit der Revolution richtet.

[...]


[1] Zitiert nach Servando Gonzales: http://www.cubanet.org/opi/05150201.htm.

[2] Zitiert nach Jalil Gibrán: http://www.amigospais-guaracabuya.org/oagec125-jesus-diaz.php.

[3] Vgl. Gewecke, S. 553.

[4] Angaben und Zahlen vgl. Cardoso, S. 69 – 88.

[5] Da Cardoso eine Periodisisierung von fünf, Henning und López von vier Etappen vornehmen, gehen hier die Datierungen der zweiten beziehungsweise dritten auseinander. Vgl. Cardoso, S. 85 – 88: Zweite Welle von 1962 bis 65 und dritte von 1965 bis 80. Henning, S. 620 – 624: Zweiten Emigrationsschub von Dezember 1965 bis April 73 und dritten ab 1980. Ebenso López, S. 22 – 28. Eine zweite Migrationswelle dürfte im Jahr 1965 anzu-setzen sein, da erst die Vorgänge von Camarioca “legale” Ausreisebestimmungen herbeiführte, was die Zahlen vermutlich in die Höhe trieb.

[6] Vgl. Cardoso, S. 85 – 91.

[7] Vgl. Henning, S. 62, Gewecke, S, 555 und López, S. 26.

[8] Überliefert in: http://www.state.gov/www/regions/wha/cuba/fs_adjustment_act.html.

[9] Vgl. Cardoso, S. 92 – 99.

[10] Miami Herald, 6. August 1994, 1a; zitiert nach Masud-Piloto, S. 137f.

[11] Ebd., S. 142.

[12] Vgl. López, S. 31.

[13] Gewecke, S. 554.

[14] Ebd., S. 562.

[15] Ebd., S. 571.

Details

Seiten
20
Jahr
2060
ISBN (eBook)
9783640626694
ISBN (Buch)
9783640627110
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151034
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Dime algo sobre Cuba Jesus Diaz Kubanische Literatur kubanische Exilliteratur balsero-Krise 1994 kubanische Migration kubanische Exilgenerationen marielitos kubanischer Roman Mittel des Humors Mittel der Ironie Kritik am Castro-Regime

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