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Gott und die Weisheit: Ein gemeinsamer Schöpfungsakt

von Marie Wolf (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 19 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

1. Einleitung

Schon immer haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht, wie ihre Umwelt und sie selber entstanden sein könnten. Trotz aller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wissen wir Menschen noch immer nicht, wie genau die Welt (oder das Universum) entstanden ist, wie das Leben auf die Erde kam und wie die Menschheit entstanden ist.

Die Brisanz dieser Frage, die sich Menschen -so ist anzunehmen- in allen Zeiten und allen Kulturen gestellt haben, macht das Thema der Schöpfung meiner Meinung nach zu einem der interessantesten, die laut Lehrplan im Religionsunterricht thematisiert werden sollen.

Das Thema der Schöpfung bietet darüber hinaus eine enorme Bandbreite an Unterrichtsmöglichkeiten. Umweltverschmutzung, die Frage nach dem Wert der Schöpfung und dem Wert des Menschen, das Verhalten von Menschen zueinander, Schöpfungsmythen in anderen Kulturen/Religionen, die Darstellung der Erschaffung von Mann und Frau, sowie die (Un-)Vereinbarkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit dem Bibeltext sind nur ein paar Aspekte, die in direktem Zusammenhang mit dem Thema Schöpfung erklärt und diskutiert werden könnten. Interessant ist auch, dass es in der Bibel nicht nur einen einzigen, sondern viele verschiedene Schöpfungsberichte gibt, die je nach thematischem Schwerpunkt ausgewählt werden könnten.

Ich habe mich dazu entschieden, das Thema der Schöpfung in Proverbien 1-9 zu untersuchen. Entscheidend war für mich die Tatsache, dass der Schöpfergott die Welt mit Hilfe der Weisheit erschafft, bei der es sich um eine explizit weibliche Gestalt handelt. In der Bibel in Gerechter Sprache, auf deren Übersetzung ich mich beziehe, wird auch der Schöpfergott interessanterweise mit einem weiblichen Terminus („die Ewige“) übersetzt.

Es ist meiner Meinung nach nicht zu verkennen, dass die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache ein Resultat der feministisch-theologischer Strömung ist. Daher werde ich auch auf diese theologische Richtung eingehen, zumal die grundlegende und aktuelle Literatur zur Erforschung der Weisheitsgestalt (auch) aus dem feministisch-theologischen Bereich stammt.

Über diese „neue“ Erkenntnis unserer Zeit, dass Gott nicht nur mit männlichen Termini übersetzt werden kann und darf, weil uns dadurch ein großer Teil der „weiblichen“ Eigenschaften verloren geht, lässt sich ein schöner Bogen zur aktuellen Forschungslage über die Herkunft der Weisheitsgestalt im Proverbienbuch schlagen, denn es gibt Grund zur Annahme, dass die Weisheitsgestalt einer Denktradition entstammt, in der es noch keine eindeutig monotheistische, „männliche“ Gottesvorstellung gab.

Abschließen möchte ich mit der Frage, ob und warum es möglich wäre, Themen der feministischen Theologie im Religionsunterricht zu verwenden.

2. Schöpfungsarten

Die Bibel kennt verschiedene Schöpfungsberichte aus unterschiedlichen Denktraditionen. Für die Theologie bedeutet dies, dass nicht nach einem einzig „richtigen“ Schöpfungsvorgang in der Bibel zu suchen ist, sondern Schöpfungsvorstellungen unterschiedlicher Art gleichberechtigt nebeneinander stehen können. Um die Schöpfungsgeschehen terminologisch voneinander zu unterscheiden, sollen hier die wesentlichen Begrifflichkeiten vorgestellt werden.

2.1. Creatio Prima/Creatio Continua/Creatio ex Nihilo

Schöpfung kann terminologisch in drei verschiedene Arten unterteilt werden. Die Creatio Prima, so zum Beispiel in Genesis 1, ist eine Initialschöpfung. Gott hat die Schöpfung am Anfang der Zeit geschaffen und es erfolgen nach diesem Zeitpunkt keine weiteren Eingriffe in das Geschehen. In der Creatio Continua bleibt Gott dagegen in der Welt präsent. Er greift in die Schöpfung ein und kann sie dadurch verbessern und erhalten. Die Creatio ex Nihilo bezieht sich auf die Schöpfung der Welt aus dem „Nichts“, von der aber erst in jüngeren Büchern (z.B. 2 Makk.) zu lesen ist.[1]

2.2. Weltschöpfung und Menschenschöpfung

Die Weltschöpfung ist eine Vorstellung aus dem vorderen Orient und aus dem Alten Griechenland. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten einer Weltschöpfung, die gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Wie der Name schon impliziert wird lediglich die Welt geschaffen und beispielsweise noch nicht der Kosmos. Die Weltschöpfung kann auf unterschiedliche Art und Weise von statten gehen. Es kann eine „ungeformte Masse“ vom Schöpfergott sortiert und geordnet werden, der die Schöpfungsordnung ewig inhärent ist (z.B. Deuterojesaja). In der Konfliktschöpfung entsteht die Welt aus einem Kampf zwischen einem feindlichen, agressiven Urmonster und dem ordnungsliebenden Schöpfergott. Das Urzeitmonster wird bei dem Kampf allerdings nicht getötet, sondern bleibt, für lange Zeit außer Kraft gesetzt, weiterhin in der Schöpfung existent. Die Wortschöpfung begegnet uns beispielweise im Johannesevangelium. Die Vorstellung einer Wortschöpfung, - was ausgesprochen wird, sei „da“- , ist aber schon viel älter als das Johannesevangelium und erstmals in sumerischen Schöpfungsmythen schriftlich fixiert worden.

Der Gedanke an eine Menschenschöpfung folgt erst einige Zeit nach der Idee einer Weltschöpfung. Menschen werden meistens aus Ton von einem „Handwerkergott“ geschafften, der das Wesen durch ein göttliches Element (Atem/Lufthauch) belebt, so zum Beispiel in mesopotamischen Schöpfungsmythen durch den Gott Ea oder bei Genesis 1.[2]

3. Feminismus und Theologie

Die Bezeichnung „feministische Theologie“ ist aus den Wörtern „Feminismus“ und „Theologie“ zusammengesetzt. Daher möchte ich zuerst auf diese zwei Begriffe eingehen, bevor die feministische Theologie dargestellt wird.

Meiner Meinung nach ist ausgehend von der Theologie die Strömung der Befreiungstheologie grundlegend für das Aufkommen theologisch-feministischer Fragen. So steht auch in der Fachliteratur die Befreiungstheologie oft in Zusammenhang mit der feministischen Theologie.

Die Befreiungstheologie hat ihren Ursprung Mitte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in Lateinamerika und Afrika. Entstanden aus politischen Weltanschauungen wie dem Kommunismus, der Verschärfung von wirtschaftlicher Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit und als Reaktion auf das II Vatikanische Konzil, fordern Befreiungstheologen eine „Dezentrierung“ der (katholischen) Kirche. Die Funktion der Kirche sei an erster Stelle den Armen zu helfen und somit die konkrete Nachfolge Jesu Christi anzutreten. Erst an zweiter Stelle stehe die Theologie, als „kritische, im Licht des Wortes ausgeübte Reflexion über die theologische Praxis“[3].

Es verwundert nicht, dass die theologischen Anliegen von Frauen und Männern innerhalb der femistischen Theologie oft in Zusammenhang mit der „Befreiungstheologie“ gesehen werden, geht es doch auch hier in erster Linie um den Versuch die Theologie von überkommenen Männer- und Frauenbildern zu „befreien“. Dieser Versuch ist eine notwendige theologische Weiterentwicklung feministischen Gedankenguts von Frauen des 19. bis 21. Jahrhunderts, wie Clara Zetkin, Helene Lage, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und Judith Butler, daher sollen hier die wesentlichen Aspekte feministischen Gedankenguts kurz genannt werden.

Wie in der feministischen Theologie, sind die Schwerpunkte innerhalb des Feminismus sehr facettenreich. Grundlegend lassen sich aber zwei Strömungen unterscheiden. In der einen Strömung wird davon ausgegangen, dass das Geschlecht eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie (zur Unterdrückung von Frauen) darstellt. Gleiche Rechte und Pflichten würden konsequenterweise die Gleichberechtigung von Mann und Frau zur Folge haben. Die andere Strömung verneint die These eines sozial konstruierten Geschlechts nicht, geht jedoch noch einen Schritt weiter, indem sie danach fragt, was die ursprüngliche, sozial dekonstruierte, „weibliche Natur“ ist. Die soziale Realität wird als androzentrisches Konstrukt wahrgenommen. Die einfache Übertragung der von Männern geschaffenen Rechte auf Frauen berge die Gefahr zum kompletten Verlust der „weiblichen Natur“ zu führen.[4]

3.1. Feministische Theologie

Der grundlegende Ansatz feministischer Theologie ist jedes Gebiet der Theologie kritisch zu hinterfragen, denn sie geht davon aus, dass es sich bei der klassischen Theologie in erster Linie um die Darstellungsweise und Interpretation europäischer, weißer Männer handelt.

[...]


[1] Ahn, Georg [u.a.]: „Schöpfer/Schöpfung“, in: TRE, Bd. 30, Berlin/New York: Walter de Gruyter 1999, S. 250-296; Friedli, Richard [u.a.]: „Schöpfung“, in: Betz, Dieter [u.a. Hrsg.]: RGG4, Bd. 7, Tübingen: Mohr Siebeck 2004, S. 967-990.

[2] Ahn, Schöpfer/Schöpfung, TRE 30, 1999, S. 250-296.

[3] Brandt, Hermann: „II/5.2. Theologie der Befreiung“, in: Balz, Horst [u.a.], TRE, Bd. 30, Berlin/New York: Walter de Gruyter 2002, S. 308.

[4] Heine, Susanne: „II5.1. Feministische Theologie“, in: Balz, Horst [u.a.], TRE, Bd. 33, Berlin/New York: Walter de Gruyter 2002, S. 300-306.

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640629701
ISBN (Buch)
9783640629923
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151221
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
feministische Theologie Bibel in gerechter Sprache Unterrichtsentwurf

Autor

  • Marie Wolf (Autor)

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