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Sizilienbild und Gesellschaftskritik in Vitaliano Brancatis Roman "Don Giovanni in Sicilia "

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Giovanni und die Frauen

2. Sizilianische Untätigkeit und Norditalienische Geschäftigkeit

3. Gesellschaftskritik

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit, die im Rahmen des Seminars „Deutschlandbilder – Italienbil­der“ entstand, soll das Sizilienbild in Vitaliano Brancatis Roman Don Giovanni in Sicilia unter­sucht werden. Konkret thematisiert Brancati das Liebesverhalten sizilianischer Männer, welches insbesondere von Passivität gekennzeichnet ist.

Der 1942 in Italien erschienene satirische Roman, der nur auf den ersten Blick wie ein Werk, das ausschließlich der Unterhaltung dient, wirkt, soll außerdem hinsichtlich seiner gesell­schafts- und zeitkritischen Aspekte untersucht werden.

Zitate aus dem Roman stammen immer aus der folgenden Ausgabe: Sciascia, Leonardo (a cura di): Vitaliano Brancati. Opere. 1932-1946. Milano: Bompiani, 1987.

1. Giovanni und die Frauen

Giovanni Percolla, der Protagonist des Romans, ist ein 40-jähriger Mann, der zusammen mit seinen drei Schwestern in Catania lebt. Der Gedanke an „le donne“ ist das, was sein Leben und das seiner catanesischen Freunde tief greifend bestimmt. Wenn Giovanni sich zur Siesta in sein Bett begibt, träumt er von den Frauen. Neben dem Phantasieren haben die Gespräche mit den Freunden über Frauen eine große Bedeutung. Auf der Straße schaut man ihnen nach und ruft „Uhuuu“. Die Lust dieser Männer besteht nicht in der erotischen Handlung, sondern in der Vorstellung dieser. Dies wird z. B. deutlich, wenn beschrieben wird, wie der Zuhälter Don Procopio die Männer zu den Prostituierten führt und über diese zu erzählen weiß: „Un piacere mondiale! Passò il guaio sei giorni fa! Quindici anni!...” (460) Jedoch:

In verità, non era mai accaduto che don Procopio non venisse rotolato dalle scale, in cima alle quali era salito insieme con un gruppo di cavallitti; mai che una delle sue quindicenni non avesso almeno trent’anni. I giovanotti lo sapevano, ma l’eloquenza di don Procopio era potentissima in una città come Catania ove i discorsi sulle donne davano un maggior piacere che le donne stesse. (Ebd.)

Was die Phantasien der jungen Männer für Auswüchse treiben können, macht folgende Text­stelle deutlich:

Ecco un autobus che rimane fermo per tre minuti, a causa di due carrette che si erano impigliate le ruote. Sul predellino, una sedicenne alta, bruna, si accarezza il collo con la mano destra e getta nella strada uno sguardo sfavillante. I tre amici si mettono subito nel punto della strada in cui cade lo sguardo della ragazza, come si fa con certi ritratti; e, godendo quivi di una scialba e falsa attenzione da parte di lei, sprofondano i loro occhi nei suoi, sorridono, si grattano la fronte, fan cenni con la bocca e con gli orecchi. Già l’amano, la chiamano a bassa voce con un vezzeggiativo, in un baleno vivono tutta una vita con lei: viaggi, notti insonni, amabili litigi, serate estive in terrazzo, bagni di mare con lanci di sabbia e spruzzi d’acqua. La loro fantasia non dimentica nulla: essi sentono il terribile e soave lamento con cui ella, nella camera accanto, li rende padri di bimbo perfetto. (469)

Zwar ist Giovanni in seiner Phantasie ein Frauenverführer, doch hat er zunächst gar kein Inte­resse daran, eine reale Beziehung mit einer Frau einzugehen. Der Gedanke, er müsse jede Nacht das Bett mit einer Frau teilen, lässt ihm sogar Angstschweiß auf die Stirn treten. (478)

Nachdem er sich aber in Ninetta verliebt hat und sich ihr nähern will, wird deutlich, dass er kaum in der Lage ist, eine Frau anzusprechen: “Giovanni rimase fermo come un sasso: Il sangue gli era salito negli occhi…“ (498) Ein Gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich: „No, in verità, nemmeno con le tenaglie si sarebbe strappato una parola dalla bocca, alla presenza di lei!” (520)

Auch wenn die Freunde Giovannis von sich behaupten, viele Erfahrungen in Liebesdingen zu haben, entspricht dies nicht der Realität.

D’altronde, se la loro esperienza del piacere era enorme, quella delle donne era poverissima. Spogliato delle bugie, di quello che essi narravano come accaduto a un qualche altro, il loro passato di don Giovanni si poteva raccontarlo in dieci minuti. (477)

Giovanni ist also gar kein Don Juan im Sinne des traditionell verwendeten Motivs des Frauenver­führers. Er ist es in seiner Phantasie, doch in der Realität scheitert er daran, eine Frau zu erobern. Sciascia bezeichnet diese veränderte Funktion des Don-Juan-Motivs als dongio­vannismo siciliano[1], andere Literaturwissenschaftler wie z. B. Helmut Meter verwen­den den Begriff gallismo. Diesen definiert er wie folgt: „Es handelt sich um die Tradition des passiven Liebhabers, des Mannes, der vor den Frauen erotisch kapituliert oder nicht einmal die Mittel und Wege findet, sein erotisches Interesse zu zeigen.“[2]

Sciascia vergleicht die ursprüngliches Form des Don Juans mit der bei Brancati verwendeten: Der traditionelle Don Giovanni sei, so Macchia, „un genio della pratica“[3], der dongiovannismo siciliano sei „un rito d’offerta più che una pratica di conquista, un giuoco di immaginazione più che d’azione.”[4] Welche Bedeutung die Verwendung des Motivs des dongiovannismo siciliano bzw. des gallismo bezogen auf Brancatis Kritik an der Gesellschaft hat, soll im zweiten Teil der Arbeit vertieft werden.

Das Vergnügen Giovannis und seiner Freunde besteht also nicht im tatsächlichen erotischen Erleben, sondern im Phantasieren und Sprechen über die Frauen. Es spielt dabei keine Rolle, ob etwas wirklich erlebt wurde, oder nicht. Zwischen den Träumen und dem tatsächlichen Leben besteht eine große Diskrepanz. Dabei sind die Träume für Giovanni realer und befriedigender, was besonders im letzten Kapitel deutlich wird: „Rivide le signore lombarde; ma al paragone di come le aveva viste, sembrava che proprio allora fossero ricordi dilavati e ora invece donne vere. E che Donne!...“ (589) Als er ihnen im wahren Leben begegnete, mach­ten sie ihm Angst, nun fragt er sich: „Come aveva potuto resistere?“ (Ebd.)

[...]


[1] Ambroise, Claude (a cura di): Leonardo Sciascia. Opere. 1956-1971. Milano: Bompiani, 41990, S. 1122.

[2] Meter, Helmut: „Brancatis Don Giovanni in Sicilia und die Tradition des passiven Liebhabers im neueren italienischen Roman“, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 225 (1988), S. 101.

[3] Giovanni Macchia zitiert bei Ambroise (1990), S. 1123.

[4] Ambroise (1990), S. 1122.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640631629
ISBN (Buch)
9783640631698
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151598
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Romanistik
Note
2,0
Schlagworte
Sizilien Mann Gesellschaft Sicilianità Liebesverhalten

Autor

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