Lade Inhalt...

Die Mystery-Methode im Biologieunterricht als Weg zur individuellen Förderung in der Jahrgangsstufe 11

Examensarbeit 2009 39 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1 Problemausgangslage
1.2 Zielsetzung des Konzepts und Vorgehensweise

II. Theoretische Grundlagen zum Konzept
2.1 Das Mystery- didaktischer Hintergrund
2.3 Individuelle Förderung und die Lehrerfunktionen

III. Praktische Umsetzung
3.1 Vorbereitungsphase
3.1.1 Inhaltlich- thematische Aspekte
3.1.2 Materialerstellung
3.2 Durchführung

IV. Eva ebnisse und Deutung der methodischen Evaluation

V. Zusammenfassende Wertung und Ausblick

Literatur

Internetadressen

I. Einleitung

1.1 Problemausgangslage

,,Individualismus bedeutet heute, dass man alles tut, was alle anderen tun - bloß einzeln.“

(Rock Hudson (1925-85), amerik. Filmschauspieler)

Das Eingangszitat beschreibt ein Problem des Schülers[1] in der heutigen Form des Unterrichts an fast allen Schulformen. Vom Schüler, aus der Sicht des Individuums, orientiert sich der Unterricht nicht am Bedürfnis jedes Einzelnen, sondern der durchschnittlichen Gesamtheit einer Klasse. Trotzdem ist der Einzelne mit seinen individuellen Merkmalen existent und diese beeinflussen das, was er tut und das, was er in der Lage ist, tun zu können. Schule ist auf das Unterrichten von Individuen im Verband von Lerngruppen, d.h. auf die Organisation von Schulklassen gegründet.[2] Die Sicht auf den Einzelnen, seine Lernvoraussetzungen und seine Entwicklung ist mit steigenden Schülerzahlen innerhalb der Lerngruppen deutlich erschwert.[3] Der Biologe definiert das Individuum als ,,Einzelwesen, einzelnes raum- zeitlich determiniertes Struktur- und Funktionsgefüge.“[4] Allein diese, auf die biologische Grundform, reduzierte Definition, lässt schon auf die Vielseitigkeit eines jedes einzelnen Charakters schließen.

Zum Schuljahresbeginn 2008/2009 habe ich einen Grundkurs in Biologie in

Klasse 11 im eigenständigen Unterricht übernommen. Insgesamt setzt sich die Jahrgangsstufe 11 aus 133 Schülern von insgesamt acht unterschiedlichen Instituten zusammen. 27% der Schüler stammen aus Realschulen und 2 % aus Gesamtschulen. Außerdem gibt es vereinzelt Schüler von anderen Gymnasien. Der Einzugsbereich erstreckt sich von Gummersbach bis nach Olpe, also mehr als 40 km. Dementsprechend unterschiedlich ist die Lernausgangsituation eines jeden Schülers.

In meinem Grundkurs Biologie ist ein Schüler von der Gesamtschule, zwei Schülerinnen kommen von einer Realschule und eine Schülerin von einem anderen Gymnasium. Außerdem handelt es sich bei diesem Kurs um einen Kooperationskurs. Das bedeutet, dass noch fünf weitere Schüler vom Nachbargymnasium zum Biologieunterricht an unsere Schule kommen. Insgesamt sind also 27% der Schüler in meinem eigenen Biologiekurs ursprünglich nicht vom X Gymnasium selbst. Die Situation in diesem BdU- Kurs ist daher repräsentativ für die gesamte Oberstufe.

Sehr schnell merkte ich, wie unterschiedlich das Vorwissen der Schüler ist. Was für einige Schüler neuer Lerninhalt war, ist für andere schon verinnerlichtes Grundwissen. Hinzu kamen die unterschiedlichen Lerntempi, an die die Schüler gewöhnt waren. Besonders die Realschüler mussten z.B. lernen, selbstständig mitzuschreiben. Schreiben und dem Unterricht folgen, stellte eine neue Erfahrung und Herausforderung für viele Schüler dar. Methodisches Arbeiten, wie z.B. das Mikroskopieren, war bei einigen Schülern trainiert, andere behaupteten noch nie damit gearbeitet zu haben. Bei Gruppenarbeiten automatisierten die Schüler ihre Binnendifferenzierung, indem sie sich selbstständig ihnen angemessene Lernpartner suchten. Folglich gab es Gruppen, die schneller als die anderen waren und umgekehrt.

So kam ich dazu, die Schüler auf ihr Vorwissen hin zu befragen. Die Schüler unserer Schule hatten keinen Biologieunterricht mehr in Klassenstufe 10, im Gegensatz zu den Realschülern. Die Realschüler haben selten praktisch gearbeitet. So könnte ich die Unterschiede der Lerngeschichte der Schüler fortführen und kam um so mehr zu dem Schluss, dass ich einen Weg finden muss, auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen der Schüler einzugehen.

Die folgende Arbeit ist aus diesem Problem entstanden und widmet sich einem Konzept, das eine schülerorientierte Methode, das ,,Mystery“, im Hinblick auf die individuelle Förderung vorstellt.

1.2 Zielsetzung des Konzepts und Vorgehensweise

,,Mit Experimenten oder praktischem Arbeiten sind im Biologieunterricht Highlights geschaffen worden, an die man sich jahrelang später erinnert.“[5] Praktisches Handeln ist eine Kombination aus dem Anlegen kognitiver Strukturen in Verbindung mit Handarbeit. Etwas, was man tut, behält man eher im Gedächnis als das, was man gehört hat. Meine Vorstellung war es daher, ein Konzept zu entwickeln, welches praktische Elemente mit kooperativen Lernformen und Elementen der individuellen Förderung verbindet.

Das Mystery ist bisher nur aus den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern bekannt. Die methodischen und kognitiven Ziele, die diese Methode anstrebt, sind für den Biologieunterricht ebenso erstrebenswert. Deshalb habe ich begonnen, Mysterys[6] für den Biologieunterricht zu entwickeln. Da die Methode und die individuelle Förderung wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit ist, werden didaktische Hintergründe dazu zunächst vorgestellt. Die ursprüngliche Methode des Mysterys soll nachvollzogen werden. Ursprünglich deshalb, weil sie im Laufe der Entwicklung dieses Konzepts eine Änderung erfahren hat. Die individuelle Förderung soll hinsichtlich der Lehrerfunktionen, die sie erfüllt, angesprochen werden.

Die praktische Umsetzung behandelt die Phase der Vorbereitung, sowie die Durchführung und dabei auftretende Probleme. Dabei habe ich den Schwerpunkt darauf gelegt, die Vorgehensweise bei der Materialerstellung zu erläutern, damit diese wiederholbar ist. Anschließend ist ein Kapitel der Evaluation gewidmet. Die Evaluation soll Aussagen über die Anwendbarkeit der Methode unter dem Gesichtspunkt ,,individueller Förderung“ machen. Hier sollen der gedankliche Vorweg und die Ergebnisse der Evaluation geschildert werden. Um den Lernerfolg zu messen, habe ich einen fachlichen Evaluationsbogen erstellt. Die methodische Evaluation enthält Fragen zur Methode selbst und zu Aspekten der individuellen Förderung. Beide Evaluationsbögen waren ursprünglich im Anhang einsehbar. (Anm. d. Red.: Der Anhang ist nicht im Lieferumfang enthalten.) Sie sind nicht in der Arbeit erfasst, da die Fragen im Kapitel ,,Evaluation“ im Zusammenhang mit ihrer Funktion erläutert werden.

Abschließen möchte ich die Arbeit mit einer kurzen Zusammenfassung und einer Wertung, die aufgrund der Evaluation Aussagen über die Anwendbarkeit des Konzepts unter der vorliegenden Zielsetzung macht. Durchgeführt wurde das Konzept in der gesamten Jahrgangsstufe 11 des X-Gymnasiums. Verwertbare Daten erhielt ich von 99 Schülern.

II. Theoretische Grundlagen zum Konzept

2.1 Das Mystery- didaktischer Hintergrund

Das Mystery als Methode ist ein problemorientierter Ansatz, der den Denkprozess des Schülers in Gang setzen soll, Wissenskonstruktionen im Unterricht aufgreift und zu einer systematischen Reflexion des Schülers führt. Aufgrund der Komplexität der Welt und der Vielschichtigkeit vieler Phänomene bietet es sich an, auf einen Ansatz zurückzugreifen, der sich ,,die Förderung von schlussfolgerndem und vernetzendem Denken in Alltagszusammenhängen zum Ziel gesetzt hat.“[7]

David Leat hat einen solchen Ansatz Ende der 90er Jahre in Großbritannien unter dem Schlagwort ,,Thinking Through Geography“ entwickelt.[8] Mit diesem Projekt wurden eine Vielzahl von Lernmethoden entwickelt, die zum Ziel hatten Denkfertigkeiten und Problemlösestrategien der Schüler zu fördern. Diese Lernmethoden werden nach Leat durch drei Lernziele gekennzeichnet[9].

- ,,Die Entwicklung von flexiblen, anpassungsfähigen Lernmethoden und Materialien, die Geographie zu einem herausfordernden und spannenden Fach werden lassen.“
- ,,Den Schülern dabei zu helfen, im Geographieunterricht wichtige Schlüsselkonzepte des Denkens zu verstehen und kognitive Fertigkeiten zu entwickeln, die sie auch in einem anderen Kontext anwenden können.“
- ,,Die intellektuelle Entwicklung von Schülern zu unterstützen, damit sie vielfältige und komplexe Informationen besser bewältigen und insgesamt im Unterricht erfolgreich sein können.“

An dieser Stelle sei gesagt, dass diese Leitziele nicht nur für den Geographieunterricht gelten, sondern Anspruch an jedes Unterrichtsfach stellen. Auffallend ist die Verbindung des letzten Leitziels zur individuellen Förderung, wo diese indirekt angesprochen wird. Die Unterstützung der Entwicklung des Intellekts eines jeden Schülers, setzt das Wissen über seinen Stand, also die Diagnose, und die gezielte Förderung voraus.

Bisher hat sich jedoch das Mystery als Methode vor allem in den Fächern Erdkunde und politische Bildung durchgesetzt. Den Entwicklern dieses Ansatzes geht es in erster Linie nicht nur um die Vermittlung von Sachwissen, sondern Denkprozesse, Lernstrategien und die Frage nach einer gezielten Förderung des Denkens sollen bei der Konzipierung der Lernmethoden im Mittelpunkt stehen. Hier wird impliziert, dass das Mystery eine der Lernmethoden ist, die ein Weg zur Förderung sein kann.

Die zentralen Annahmen für diesen Ansatz kommen vom Konstruktivismus, worauf hier nur kurz eingegangen werden soll.

Wissen ist keine Kopie der Wirklichkeit, sondern eine Konstruktion vom Menschen[10], die elementare Auswirkung auf das Verständnis vom Lernen und vom Lehren hat. Es ist aus konstruktivistischer Sicht daher nicht möglich, durch Sprache Wissen zu vermitteln. Im alltäglichen Stundengeschehen kann man oft erleben, dass man allein durch verbale Vermittlung den Schüler nicht zum Verständnis bringt. Das Konstruieren von Begriffsverbindungen muss von jedem Schüler selbst ausgeführt werden. ,,Vielmehr handelt es sich im Kern darum, dass jeder Lerner die angebotenen Informationen individuell verarbeiten und aktiv in seine Wissensstrukturen integrieren muss. Lernen ist deshalb immer eine individuelle Konstruktionsleistung.“[11] Genau das kann ein Mystery leisten. Die Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt, um eigene Vorstellungen zu konstruieren. Dabei versucht der Lerner neue Informationen in vorhandene Wissensstrukturen einzubauen. Er muss Verbindungen und Zusammenhänge zwischen seinem Vorwissen und den neuen Informationen konstruieren. Hierbei ist mit Konstruktion nicht nur das gedankliche Konstrukt angesprochen, sondern auch das tatsächliche ,,Legeschema“, welches als ein Konstrukt und Produkt aus verschiedenen Informationen real vor dem Schüler auf dem Tisch liegt. Kognitive Lücken werden in dem Zusammenhang geschlossen und der Sachverhalt wird verstanden.

Doch nun zurück zur Methode Mystery und was sie umfasst. Das Mystery besteht aus 3 Grundelementen: Die Leitfrage, Kärtchen mit ungeordneten Informationen zu einem Fallbeispiel und Kontextmaterialien.

Die Leifrage kann durch eine geschilderte Situation, eine Bildbefragung oder Ähnliches hergeleitet werden. Sie sollte im Sinne des problemorientierten Unterrichts eine ,,rätselhafte“ Leitfrage zu einem Beispiel darstellen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten bzw. Formen der Antworten auf die Leitfrage.[12] Sie kann rein mündlich, wie in unserem Fall, in einem Unterrichtsgespräch beantwortet werden, aber auch eine Verschriftlichung wäre denkbar. Eine weitere Möglichkeit bietet die Erstellung eines Wirkungsgefüges, welches sich im Sinne des vernetzten Denkens besonders anbietet.

[...]


[1] Zur Vereinfachung wird m Folgenden der Begriff ,,Schüler“ stellvertretend für die ausführliche Form ,,Schüler und Schülerinnen“ verwendet. Entsprechend soll auch der Begriff ,,Lehrer“ die weibliche und männliche Form einbeziehen.

[2] Kunze, I. ; Solzbacher, C. (Hrsg.): Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II.

Baltmannsweiler 2008. S. 22

[3] Gemeint ist hier nicht die allgemeine Schülerzahl, sondern die Anzahl Schüler pro Klasse

[4] Hentschel, Wagner (1996). S. 324

[5] Hesse (2000) S. 198

[6] Mysterys (Mz.) ist im Englischen als Mysteries zu verstehen, wird aber als methodischer Fachbegriff im Wortstamm nicht verändert.

[7] Schuler, Stephan: Mystery als Lernmethode für globales Denken. In: Praxis Geographie. Heft 4/200. S.22- 27.

[8] vgl. Leat, D. (Hrsg.): Thinking Through Geography. Cambridge 1998

[9] vgl. Vankan, Leon; Rohwer, Gertrude und Stephan Schuler (2007) S. 158

[10] vgl. Krapp, Weidemann (2006). S. 626

[11] Brüning, Saum (2007). S. 11

[12] vgl. im Folgenden: Vankan, Rohwer und Schuler (2007). S. 107 f.

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640636662
ISBN (Buch)
9783640636952
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151604
Note
1,6
Schlagworte
Mystery-Methode Biologieunterricht Förderung Jahrgangsstufe

Autor

Zurück

Titel: Die Mystery-Methode im Biologieunterricht als Weg zur individuellen Förderung in der Jahrgangsstufe 11