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Ein goldenes Zeitalter?

Zur Bewertung der Lage der Juden des Osmanischen Reiches im 16.-18. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DHIMMA: NUTZEN STATT TOLERANZ

3. DIE JUDEN UNTER OSMANISCHER HERRSCHAFT
3.1. RECHTLICHE SITUATION
3.2. STEUERN
3.3. SOZIALE UND POLITISCHE STRUKTUREN
3.4. WIRTSCHAFTLICHE UND KULTURELLE AKTIVITÄTEN

4. ZUSAMMENFASSUNG

5. SCHLUSSFOLGERUNG UND AUSBLICK

6. ANHANG

1. Einleitung

Die geschichtswissenschaftliche Rezeption des Osmanischen Reiches ist in der europäi-schen Literatur – dem kulturellen Hintergrund entsprechend – von einer christlichen Perspektive bestimmt. Diese prägt auch das vorherrschende Bild „eines fanatischen Kriegers, eines Arabers, der hoch zu Ross aus der Wüste heranstürmt, in der einen Hand das Schwert, in der anderen den Koran“ (LEWIS: 13). Dies erlebte in den vergangenen Jahren eine beängstigende Renaissance. Dem gegenüber steht in türkischen und oft jü¬dischen Darstellungen die Neigung, das Osmanische Reich „als ‚multikulturelles Para¬dies’ zu verklären“ (GUTTSTADT: 21). Diese Arbeit will jenseits der „verzerrten Bilder“ (LEWIS: 13) danach fragen, wie sehr die Sicherheit jüdisches Lebens im Osmanischen Reich auf die Stabilität des Staates angewiesen war.

Die Geschichte der Juden unter islamischer Herrschaft ist zumeist von europäischen jüdischen Intellektuellen geschrieben worden. Zeichnete diese Geschichte lange Zeit das o. g. positive Bild aus, das unter Be¬trachtung der vorhergehenden traumatisierenden Erfahrungen von Zwangstaufe, Vertreibung, Mord und Inquisition verständlich wird, so wurde die „dunkle Seite“ die¬ser Erfahrungen besonders nach der Gründung des Staates Israel instrumentalisierend hervorgehoben, um den neuen Staat als einzig sicheren Hafen für Juden erscheinen zu lassen, die vor einer als immanent bezeichneten religiösen Intoleranz muslimischer Gesellschaften flüchten müssen (MAS¬TERS: 4). Die unterschiedlichen Bewertungen weisen auf die ideologischen Hintergründe der Verfasser hin und machen deutlich, das Arbei¬ten in diesem Kontext – ebenso wie sein Ignorieren – eine politische Tat ist bzw. dies wohl stets war (MASTERS: 2).

Die Gründe für das Studium der Juden im Osmanischen Reich sind vielfältig und wer¬den bei SHAW: 1-2 prägnant bezeichnet: (1) Im Osmanischen Reich fanden sich erst¬mals seit der Zerstörung des Tempels und dem Exil Juden aus dem Heiligen Land mit jenen zusammen, die über ganz Europa verstreut gewesen waren. (2) Während zweier Jahrhunderte stellten sie die größte jüdische Gemeinschaft weltweit dar und ein Zentrum jüdischen religiösen, kulturellen und intellektuellen Lebens. (3) Im Gegen¬satz zur christlichen verhielt sich die jüdische Bevölkerung loyal gegenüber dem osma¬nischen Staat und trug zu seiner wirtschaftlichen Entwicklung bei, wofür sie von seinem Schutz profitierte. Schließlich (4) lässt sich an den Organisations- und Um¬gangsfor¬men der osmanischen Juden erkennen, wie sich trotz verschiedener Kultur- und Traditionserfahrungen eine gemeinsame community bilden konnte.

Das für solch ein Studium verfügbare Forschungsmaterial gilt als „very uneven, spatially and tempora¬rily“, vor al¬lem ab dem 18. Jahrhundert von Lücken geprägt (WEIKER: 5). Ähnliches gibt es zu den vor¬han¬denen Daten zur Bevölkerungsentwicklung zu sagen (BEN-NAEH: 64). Überdies haben nichtmuslimische Untertanen in osmanischen Chro¬niken keine Bedeu¬tung und finden nur selten Er¬wähnung; dem „stehen jedoch ungeheuer reichhaltige und wertvolle Archive gegenüber“, von Provinzstädten bis hin zum ehemaligen Reichs¬archiv in Istanbul (LE¬WIS: 109). Als sehr aufschlussreich vor allem für die Sozial- und Wirt-schaftsgeschichte sind die rabbinische Responsen (she'elot uteshuvot) zu bewerten (LE¬WIS: 107), mit der verbindliche Antworten auf halachische Probleme gegeben wurden und werden und den islamischen fatawa verwandt sind. Un¬¬geachtet der Subjektivität der Fragen, des kulturellen Hinter¬grunds der Rabbi¬ner, dem Fehlen von Normen und Daten: die Responsen haben offiziellen Charakter, sind als vertrauenswürdig und zuverlässig ein¬zustufen und dienen dem Studium des Osmanischen Reiches „in the fields of administration, economy and society, and un¬doubtedly for the status of the Jews in the Empire“ (SHMUELEVITZ: 1-9) als Quelle.

Der in dieser Arbeit behandelte Zeitrahmen des 16. bis 18. Jahrhunderts umfasst ebenso die Pe¬rio¬de der Blüte und Stabilität des Osmanischen Reiches wie den Beginn von tief greifen¬¬den Veränderungen (PANOVA: 21). Es wird eingangs der Charakter der dhimma be¬trachtet und darauf folgend ihre Wirkung auf verschiedene Ebenen des jüdi¬schen Lebens im Osmanischen Reich. Davon ausgehend wird versucht, eine zusammen¬fassende Wer¬tung zu geben und weitere Forschungselemente zu benennen.

2. Dhimma: Nutzen statt Toleranz

Das rasant expandierende Osmanische Reich zählte zu seinen Untertanen viele Nicht-Muslime. Auf Basis des Koran, der şari’a und der islamischen Tradition wurde ihnen mit der dhimma eine Rechtsgrundlage zugewiesen, bei der nicht auf ein heute gültiges Verständnis von Toleranz bzw. Intoleranz Bezug genommen werden darf (LEWIS: 13). Juden und Christen kamen dabei als vormuslimischen „Schriftbesitzern“ (BINSWAN¬GER: 1) eine besondere Rolle zu. Die dhimma räumte ihnen ein – oft nur vage beschriebenes – Maß an Autonomie in religiösen, organisatorischen und rechtlichen Belangen ein (BEN-NAEH: 101) und schuf so eine besondere „Form von Koexistenz oder Kohabitation bestimmter Gruppen“ (BINSWANGER: 1). Die Verwendung von aus christlichen oder anderen Wertevorstellungen gespeisten Termini wie „Duldung“ für den Begriff dhimma ist zumindest fragwür¬dig, da sie nicht auf ein islamisches Gegenstück stoßen (ebd.: 9).

Zum Umfang der dhimma gehören eine Reihe von Elementen, allen voran die cizye genannte, eine durch die dhimmis zu entrichtende Kopfsteuer. Sie ist bestimmt von einer se-gregativen Gesetzgebung, der Unterbindung des Neubaus nichtmuslimischer Kultge¬bäu¬de bzw. der Einschränkung ihres Unterhalts ebenso wie beim Hausbau bezüglich der er¬laubten Höhe und Materialien. Dhimmis war es untersagt, muslimische Sklaven zu be¬sit¬zen und sie hatten sich gewissen Kleidervorschriften zu beugen (BEN-NAEH: 104-107). Die Unterscheidung zwischen dhimmis unter Muslimen wurde darüber hinaus in of¬fiziellen osmanischen Dokumenten im wahrsten Sinne festgeschrieben, in dem bspw. Ti¬tel unterlassen und pejorative Begriffe verwandt wurden (BEN-NAEH: 103-104). Ba¬sis für den Status der dhimmis war das Prinzip des millet-Systems (PANOVA: 49), in welchem die anerkannten Minderheiten ausgehend von ihrer religiösen Orientierung in Gruppen eingeteilt wurden. Das Prinzip basierte also auf religiösen und nicht ethnischen Kriterien.

Es ist umstritten, inwiefern die Bestimmungen der dhimma – die şurūt ad-dhimma – einen verbindlichen Charakter hatten, da die Praxis von Widersprüchen geprägt ist (BINSWANGER: 28). Für das Osmanische Reich waren die Kapitulationen – zu denen die Annahme der dhimma durch die Nicht-Muslime zählt (BINSWANGER: 12) – nicht zur Gänze verbindlich (BEN-NAEH: 139). Es lässt sich jedoch ein Zusammenhang be¬legen zwischen einer rigorosen Auslegung der şari’a (und Anwendung der dhimma-Bestimmungen) und erstarkendem religiösen Fanatismus (BEN-NAEH: 108-113). Wur¬den die dhimmis Zielscheibe von Bedrohungen und falschen Anschuldigungen, blieben ihnen die muslimischen Rechtsinstanzen bis hin zur üblichen Bestechung osmanischer Beamter und Richter (BEN-NAEH: 108). Belege für die konsequente Umsetzung des Verbotekatalogs der dhimma lassen sich nicht finden – vielmehr ist die wiederholte Festlegung der Bestimmungen Beleg für mehrere Tatsachen: „[First] of all, that there were wide circles of Muslims who were displeased at the standard of living and self-confidence exhibited by the dhimmis (…); and second, that violation of the restrictions was the rule of the day. (…) Furthermore, it shows that individuals felt secure and that their acquaintance with the surroundings and law enforcement practices could stand them in good stead to escape severe punishment” (BEN-NAEH: 109). Zu einer Verschlechterung des Verhältnisses gegenüber den dhimmis führten auch politische Entwicklungen; bisweilen waren zwischenmenschliche Auseinander¬setzungen der Auslöser. Davon betroffen scheinen jedoch Christen weit mehr gewesen zu sein als Juden (LEWIS: 126-127).

Die o. g. mangelnde Verbindlichkeit stellte prinzipiell die durch die dhimma zugesicherten Rechte in Frage. So war der Entzug des Wohnrechts durch Zwangsumsiedlung jederzeit möglich ebenso wie durch den Zuzug von Muslimen in bis dato nicht-muslimische Quartiere, immer einhergehend mit dem Verlust des Eigentums. Hier wird der mögliche Schluss, die theoretische dhimma sei mit der praktischen nicht identisch (BINSWANGER: 59), ebenso deutlich wie die – im Vergleich mit dem Verhalten christlicher Länder immer noch vorzuziehenden – „second-class-citizenship“ der dhimmis (WEIKER: 329).

Die dhimma ist eine Form der Diskriminierung, wie sie „permanent vorhanden [ist] und faktisch unvermeidlich, weil systemimmanent und in Gesetz und Praxis institutionalisiert“ (LEWIS: 17). Jedoch bewegten sich die dhimmis in der Alltagspraxis in einem Rechtsraum und unterlagen nicht den massiven Beschränkungen, wie sie die Juden in Europa viele Jahrhunderte erfuhren (LEWIS: 17). Als Steuerzahler für die Existenz des Osmanischen Reiches unerlässlich, erfuhren die dhimmis praktischen Schutz (BINSWANGER: 14); sie dienten, ebenso wie die Frauen, als Elemente zur Bestimmung von Grenzen und Arrangements innerhalb der osmanischen Gesellschaft – vor allem schlicht zu Beschreibung des „Anderen“ (BEN-NAEH: 100).

3. Die Juden unter os¬manischer Herrschaft

Die Geschichte der Juden im Osmanischen Reich wird oft und fälschlicherweise mit jener der seit der reconquista einwandernden Sephardim gleichgesetzt (GUTTSTADT: 13). Die Existenz jüdischer communities auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches – griechischsprachige Romanioten, aus Mit¬tel- und Osteuropa kommende Ashkenazim und den Sephardim – allerdings ist mehr als das „Ergebnis einer freien Emi¬gra¬¬tion“ seit der Zerstö¬rung des zweiten Tempels im Jahr 70 als „Zwangs¬massen¬dias¬pora“ (PANOVA: 43) und muss vor dem Hintergrund der kontinuierlichen Verfolgungen gesehen werden. Neben den genannten Gruppen gab es im osmanischen Herrschaftsbe¬reich auch die arabischsprachigen „veteran communi¬ties“ in Sy¬rien, Pa¬lästina, Ägypten und Mesopotamien (SHMUELEVITZ: 12).

Die Geschichte vieler jüdischer Gruppen im osmanischen Herrschaftsraum reicht also in die Zeit vor den osmanischen Eroberungen zurück (GUTTSTADT: 13). Ebenso war das Koordinatensystem für das Leben der jüdischen Gemeinschaft im Osmanischen Reich bereits vor Ankunft der ersten sephardischen Flüchtlinge geschaffen (RODRI¬GUE: 298). Dennoch stellte die Zeit der osmanischen Eroberungen wesentliche Verän¬derungen für die europäischen und nahöstlichen Juden dar, nämlich die Befreiung von Verfolgung, Bedrohung und Sklaverei durch die Christen. Dies war der Grund für viele jüdische Beiträge zur osmanischen Expansion (SHAW: 25-26). Im Osmanischen Reich waren sie allgemein aufgrund ihres Status als älteste kadim, Schriftbesitzer, respektiert (SHMUELEVITZ: 18).

Berühmt wurde die Aufforderung des Sultan Bayezit II., dass Sephardim in seinem Reich siedeln sollten, ebenso wie die dem Rabbiner Isaac Sarfati zugeschriebene enthu¬siastische Beschreibung des Lebens im Osmanischen Reich, der beträchtliche Anzie¬hungskraft entwickelte. Die Einladung des Sultans war aber beileibe kein Akt des Mit¬leids. So brachten vor allem die aus Portugal Flüchtigen oft beträchtlichen Wohlstand mit sich, und während die aus Spanien Kommenden meist arm waren, so eilte ihnen doch der Ruf voraus, über beste Wirtschafts- und Handelsfähigkeiten zu verfügen – Leute also, die der Sultan brauchte und denen eine entscheidende Rolle im Technologietransfer von Europa ins Osmanische Reich zukam (WEIKER: 32). Die in Folge bis in das 17. Jh. Eintreffenden lassen sich in drei Gruppen einteilen:

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Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640633708
ISBN (Buch)
9783640634033
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151727
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Osmanisches Reich Juden Islam dhimma Recht Migration

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