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Zu Biographie und Werk von Wilhelm Röpke. Oder: Die brennende Krise der Gegenwart

Magisterarbeit 1998 174 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

A. Einführung

1. Der biographische und geistige Werdegang von Wilhelm Röpke
1.1 Die Jahre der Formierung (1899-1919)
1.2 Die entscheidenden Jahre (1919-1933)
1.3 Die Zeit des Exils (1933-1966)
1.4 Der tabellarische Lebenslauf

2. Die Trilogie der Werke ‘Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart’, ‘Civitas Humana’ und ‘Internationale Ordnung’
2.1 Einführung in die Trilogie
2.1.1 Der Begriff der Krisis
2.1.2 Der Begriff des Neoliberalismus versus Ordoliberalismus
2.2 Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart
2.2.1 Die politische und ökonomische Revolution
2.2.2 Der Rationalismus im Werk von Röpke
2.2.2.1 Die historische Interferenz als Voraussetzung des Rationalismus
2.2.2.2 Der Rationalismus und seine Formen
2.2.2.3 Die Irrwege des Rationalismus
2.2.3 Das Bekenntnis zur christlichen Soziallehre
2.2.4 Staatsverfassung und Wirtschaftsverfassung
2.2.4.1 Der gesunde und der kranke Staat
2.2.4.2 Die Interessenvertreter als Gefahr für den gesunden Staat
2.2.4.3 Presse, Richter und Wissenschaft als Gegengewichte im gesunden Staat
2.2.4.4 Die Vermassung der Gesellschaft als Anzeichen eines kranken Staates
2.2.4.5 Die Grenzen des Marktes und der Wirtschaftsverfassung
2.2.4.5.1 Sozialer Rationalismus
2.2.4.5.2 Die geistig-moralische Klammer
2.2.4.5.3 Nobilitas naturalis
2.2.4.5.4 Asymmetrie der Marktwirtschaft
2.2.4.5.5 Politische Rahmenbedingungen der Marktwirtschaft
2.2.4.6 Liberale Demokratie angelsächsischer Prägung
vs. jakobinischer Demokratie
2.2.5 Die Internationale Ordnung und Europa
2.2.5.1 Wirtschaftliche Probleme der Internationalen Ordnung
2.2.5.2 Die „alte“ Weltwirtschaft
2.2.5.3 Die „neue“ Weltwirtschaft und ihre Problembereiche
2.2.5.3.1 Die europäische Wirtschaftsintegration
2.2.5.3.2 Die Kluft zwischen „entwickelten“ und „unentwickelten“ Ländern
2.2.5.3.3 Der internationale Kapitalverkehr

3. Schlußbetrachtung

B. Literaturverzeichnis
b.1 Selbständige Veröffentlichungen
b.2 Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen von Wilhelm Röpke
b.3 Veröffentlichungen über Wilhelm Röpke
b.4 Lexika und Handbücher
b.5 Sekundärliteratur

A. Einführung

Die Jahrtausendwende stellt eine geistige Schwellensituation dar, in der die Orientierungslosigkeit der Politik eklatant und auffällig wird. Die Instrumente zur Bewältigung der Krise, wie sie zum Beispiel Wissenschaft und Technik stellen produzieren neue Unsicherheiten und Ängste, die Bruchstellen des tradierten Kulturverständnisses zeigen den krisenhaften Charakter der Zeit. Es gibt kein Bewußtsein mehr für Kultur angesichts von Partialkulturen (z.B. Wohnkultur, Gesprächskultur, Verkaufskultur etc.). Die Reichhaltigkeit des Angebots führt dazu, daß sich immer mehr Menschen auf die Suche - im übertragenen wie realem Sinne - begeben, dabei erleben sie, daß sie sich ihrer geistigen Mitte nicht mehr bewußt sind. Menschen definieren sich zunehmend durch das, was sie haben und nicht mehr dadurch was und wer sie sind oder woher sie kommen. Das Design der Lebensstile hält viele vorgefertigte Muster bereit, die alle mit einem Verlust an Identität erkauft werden. Eine fragmentarische politische Kultur[1] löst die Gesellschaft von den Rändern her auf, die Sprache wird von verschiedenen Interessensgruppen instru­mentalisiert, der vermittelnde Charakter von Sprache wird angesichts der Wirkung geopfert, die mit Sprache erzielt werden soll, die Fähigkeit zum Zuhören nimmt ab. Sprache soll durchsetzen, überreden, überzeugen, verschleiern, irreführen und bleibt am Ende trivialisiert in irgendwelchen Komunikationsnetzen- und kanälen hängen, die nur noch ein redundantes Rauschen von sich geben. Die von dieser Gesellschaft Enttäuschten wenden sich absonderlichen Heilslehren zu, bevorzugen die (gefährliche) politische Gleichgültigkeit und sinken ab in Depression. Die Menschen begeben sich auf die Suche nach Anerkennung, nach Selbstbestätigung, nach ihrem Selbst, das sich wiederum erlebt im Umgang mit den Anderen. Die Weisheit des Herzens bleibt neben der Ratio und dem Pragmatismus als Instrument der Erkenntnis gefordert, damit nicht nur eine perspektivlose Schadensbegrenzung betrieben werden kann, die die Orientierungslosigkeit letztendlich verstärken würde.

Diese Zustandbeschreibung der Schwellensituation ins nächste Jahrtausend könnte endlos fortgeführt werden und sollte dennoch nur eine Einführung zu dem wissenschaftlichen Werk von Wilhelm Röpke sein. Die Motivation von Röpke Bücher zu schreiben, erfolgte aus einem Bewußtsein, das mit der pessimistischen Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft wie sie oben dar­gelegt worden ist, nahezu übereinstimmte. Der Inhalt seines Werkes spiegelte die Zeit und seine Erfahrung wider. Die Beschäftigung mit seinem Werk kann deshalb als existentiell gedeutet werden für die Lösung der Probleme in unserer Gegenwart, damit das 21. Jahrhundert nicht wieder mit einer „Kulturkrise“ beginnt, sondern daß damit die „ökonomisch-politische Katastro­phe“ verhindert werden kann, welche Europa bevorsteht.[2] Mehr denn je sieht der Verfasser gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaften gefordert, da das ausführliche Zurückziehen auf Spezialwissen zu Gelehrten führt, von denen Nietzsche sprach:

„[...] aber seht euch nun auch die Gelehrten, die erschöpften Hennen an. Es sind wahrhaftig keine ‘harmonischen’ Naturen: nur gackern können sie mehr als je, weil sie öfter Eier legen: freilich sind auch die Eier immer kleiner (obzwar die Bücher immer dicker) geworden.“[3] Röpke erlag jedoch nicht wie Friedrich Nietzsche dem Extremismus, sondern suchte den Ausweg aus einer konfliktge­ladenen Situation. Röpke stellte eine Ausnahme seines Faches dar, da er sich nicht an die Trennungslinien eines Fachgebietes hielt, sondern bewußt eine komplexere Position bezog. Er war in vielen Gebieten der Wissenschaften bewandert und tätig. Röpke verband ‘vita activa’ und ‘vita contemplativa’, indem er die Nationalökonomie um soziologische, anthropologische und philo­sophische Fragestellungen erweiterte.[4] Die Verpflichtung, die Gesellschaft interdisziplinär zu deuten und zu erklären, konfrontierte ihn mit der Politik, die die reale Verantwortung für die Ausgestaltung der Gesellschaft trägt.

Weil es politisch nicht mehr möglich war frei zu denken, mußten Gelehrte wie Wilhelm Röpke ins politische Exil gehen. In der „Wendezeit“, bewußt daß er selbst einer unmittelbaren menschlichen Katastrophe entgangen war, machte Röpke sich Gedanken wie die Welt nach Hitler zu gestalten sei. Im Exil konnte Röpke folgende Fragen stellen:

„Wo stehen wir ? Woher kommen wir ? Wohin treiben wir ? Was sind wir ? Wohin wollen wir, und noch mehr, wohin sollen wir ?“[5] Röpke handelte bei allen wissenschaftlichen Arbeiten als politischer Mensch, der aus einer verhängnisvollen politischen, ökonomischen, sozialen Ausgangslage einen „dritten Weg“ entwickeln wollte.[6] Die Idee eines Mittelweges zwischen marxi­stischem Sozialismus und liberalistischem Kapitalismus war nicht neu, sondern wurde durch den Nationalökonomen Franz Oppenheimer belebt, im Rückgriff auf Sismondi und Proudhon.[7] Ein Schüler von Oppenheimer, Alexander Rüstow, tangierte den Lebensweg von Röpke. Beide verband fortan eine Freundschaft, die sich aus der Nähe ihrer Ansichten speiste.[8] Ein weiterer Schüler von Oppenheimer ‘Ludwig Erhard’ sollte später als Wirtschaftsminister Wegbereiter der ‘Sozialen Marktwirtschaft’ werden.[9]

Auch versuchte Röpke immer wieder Analogien der deutschen und europäischen Geschichte festzustellen. Röpke stellte sich die Frage, ob es eine deutsche Identität mittels historischer Reflexion geben kann.[10] Diese Frage ist auch für heutige Historiker und Politologen relevant, da die Akzeptanz unserer Geschichte mit schweren Identifikationsproblemen behaftet ist.[11] Die grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus, die deutsche Spaltung nach 1945 und die in jüngster Zeit vollbrachte Wiedervereinigung haben kein kollektives Bewußtsein geschaffen, sondern vorhandene Differenzen vertieft. Diskontinuitäten, Partikularitäten und Zerrissenheiten erlitt die normative Ordnung der deutschen Identität in allen historischen Phasen.

Die zweite Hälfte des Jahrhunderts bestand im Wiederaufbau des zerstörten Europas. Alte Denktraditionen wurden neu belebt und die politische Ideenge­schichte bot Halt und richtungsweisende Gedanken, um die Gegenwart zu be­wältigen und die Zukunft zu gestalten. Eine Stunde Null der politischen Ideen gab es in der Vorstellungswelt von Röpke nicht, sondern nur eine Entwicklung, welche er mit einer illusionslosen Skepsis darlegte, im Bewußtsein, daß die Vergangenheit verhängnisvolle und verheißungsvolle Entfaltungen gleichermaßen anzeigt. Röpke wollte an einer geistigen und moralischen Schwellensituation über die Vergangenheit aufklären, damit die Zukunft möglich würde.

„Weder so - noch so“, war das Kennzeichen des verschlungenen Pfades, den Wilhelm Röpke ging. Wilhelm Röpke und sein wissenschaftliches Werk sollen in dieser Arbeit dargelegt werden, damit am Ende die brennende Krisis der Gegenwart nicht wieder in einer Katastrophe endet.

1. Der biographische und geistige Werdegang von Wilhelm Röpke

Das wissenschaftliche Werk von Wilhelm Röpke steht in einem direktem Zusammenhang zu seinem Lebenslauf, einige herausragende Ereignisse müssen deshalb mittels einer biographischen Skizze hervorgehoben werden. Es soll gezeigt werden, daß die „Gleichsetzung von Text und Kommentar“[12] nicht möglich ist, ohne die „geschichtliche Bewegung im Medium jener theoretischen Bezugssysteme brechen zu lassen, das ihre Tendenzen, Zusammenhänge und Richtungen erst sichtbar macht.“[13] Es soll frei nach Dilthey der „Wirkungszusammenhang“ der Zeit und den Personen aufgezeigt werden, die in den einzelnen Phasen von Röpkes Leben mitwirkten, damit ein heutiges Verstehen einer sich kontinuierlich entwickelten Geschichtlichkeit möglich erscheint. Es ist die Frage nach dem „Geist“ einer Zeit und einer Person, deren Ideen sich einer strengen Genealogie entziehen. Der biographische Werdegang wird am Ende durch einen tabellarischen Lebenslauf ergänzt, welcher einen schnellen Überblick über alle wichtigen und relevanten Lebensdaten ermöglicht.

1.1 Die Jahre der Formierung (1899-1919)

Wilhelm Theodor Röpke wurde am 10. Oktober 1899 in Schwarm­stedt/Lüneburger Heide als Sohn des Sanitätsrat Dr. Wilhelm Röpke und Margarete Röpke, geb. Rechten geboren. Der Vater kam aus einer Familie, die schon seit langem die Landärzte im Leine- und Allertal stellte.[14] „Der ganze Ahnenstamm von der Großmutter an besteht fast ausschließlich aus Pastoren, und alles, was sich an das lutherische Pfarrhaus an Jugenderinnerungen knüpft, ist von der erfreulichsten Art“, so Röpke in einem Brief an Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn.[15] Röpke entstammte somit der Schicht des gebildeten Bürgertums, das, verwurzelt in die Region der Lüneburger Heide, eine wichtige Bedeutung hatte. Nachdem Röpke drei Jahre die Dorfschule besucht hatte, wurde er in einer Privatschule weitere fünf Jahre unterrichtet. Die Privatschule wurde von einem Theologen geleitet, der Röpke mit den klassischen Sprachen sowie mit der Theologie vertraut machte. Das Ende der schulischen Ausbil­dung stellte der vierjährige Besuch des Gymnasiums in Stade dar, an dem er im März 1917 sein Abitur ablegte.

Der Erste Weltkrieg tobte schon drei Jahre und im Jahre 1917 wurde der manichäische Weltgegensatz zwischen Amerika und Rußland in den Anfängen sichtbar. Am 2. April 1917 verkündete der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seine außenpolitische Vorstellung, die von sofort an den Kern seiner Politik darstellen sollte: „The world must be made safe for democracy.“ Eine weltgeschichtliche Rolle hatte der junge Staat Amerika zu diesem Zeitpunkt noch nicht inne. Die Grundlagen des Staates lagen in der westlichen Welt, dort hatte der Staat seine ideologischen Wurzeln und gegen die sollte zunächst nicht vorgegangen werden.[16] Amerika wurde mit dem Kriegseintritt am 6. April 1917 ein „global player“. Es folgte die Zeit der Großmächte.[17] Amerika erklärte am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg und fast zeitgleich wurde die russische Revolution durch die Bolschewiki um Lenin zum Sieg geführt. Die Freiheit auf der einen Seite und der Kollektivismus auf der anderen Seite bildeten von nun an die Kategorien eines manichäischen Weltbildes des 20. Jahrhunderts: auf der einen Seite die Aggressoren, und auf der anderen Seite die friedlichen Staaten und Nationen, der Kampf des Guten gegen das Böse. Es war die grundlegende Entscheidung für ein bestimmtes Weltbild, das fortan die Menschheit entzweite.

In dieser weltweit politisch brisanten Zeit, entschloß sich Röpke am Ersten Weltkrieg teilzunehmen, der ihn tief prägte. Zwischen 1917 und 1918 kämpfte er als Unteroffizier eines alten hannoverschen Regiments (dem auch Ernst Jünger angehörte[18] ) an der Westfront in Nordfrankreich.[19] Dieser Lebensabschnitt bestimmte sein Eintreten und aufmerksames Bewußtsein für ein friedliches Zusammenleben. Der noch junge Röpke erfuhr, „was es heißt, jahrelang in einen Apparat eingezwängt zu sein, in dem der einzelne nur noch ein Dasein in der Masse führte und der durch Zwang, bedingungslosen Gehor­sam und Unfreiheit geradezu definiert war.“[20] Der Protest gegen den Krieg und gegen das bestehende Herrschafts- und Wirtschaftssystem beschäftigte ihn.[21] Schon sehr schnell erkannte Röpke, daß die eigentlichen Ursachen der Welt­kriege bei den internationalen Beziehungen zu suchen waren, welche durch imperiales, nationalistisches und militärisches Auftreten der europäischen Mächte gekennzeichnet war. Röpke befand, daß die Freiheit im Kriegsfall durch die „Übermacht des Staates“ ihre Knechtschaft fand.[22] „Es war also der Krieg, der uns lehrte, was Freiheit in einem ganz elementaren Sinne bedeu­tete[...].“[23] Röpke beendete seine große Trilogie nicht von ungefähr mit einem Buch über die ‘Internationale Ordnung’. Gerade die Kindheit, in der das „Abendrot“ des Abendlandes verglühte, führten ihn „in dem dafür empfänglichsten Alter“ in „eine Erschütterung, die ihn plötzlich vieles sehen ließ, was ihm seine Herkunft bisher verhüllt hatte. Niemals wieder sollten ihn die Bilder jener Tage verlassen, niemals die Gedanken, die ihn seitdem zum glühenden Hasser des Krieges, des brutalen und dummen Nationalstolzes, der Herrschgier und jeder kollektiven Unmoral gemacht haben. Sollte er aus dieser Hölle entrinnen, das war sein Gelöbnis, so würde sein ferneres Leben nur da­durch einen Sinn erhalten, daß er es der Aufgabe widmete, eine Wiederkehr dieser Katastrophe verhindern zu helfen und über die Enge seiner eigenen Nation hinaus allen anderen Mithelfern die Hand zu reichen.“[24]

1.2 Die entscheidenden Jahre (1919-1933)

Nach Kriegsende studierte Röpke in Göttingen, Tübingen und Marburg Staatswissenschaften, Jura und Nationalökonomie. An der Universität Marburg an der Lahn wurde Röpke 1921 mit dem Thema: „Die Arbeitsleistung im deut­schen Kalibergbau unter besonderer Berücksichtigung des hannoverschen Kalibergbau“ zum Doktor der Staatswissenschaften ernannt.[25] Ein Jahr später habilitierte er mit einer Arbeit über die Konjunktur.[26] Die Konjunkturtheorie und -politik bildete sein Schwerpunktgebiet, auf welchem er als Privatdozent arbei­tete. Zwischen 1922-23 fungierte Röpke als Experte für Reparationsfragen im Auswärtigen Amt.[27] Gerade die Konjunkturpolitik galt als zukunftsträchtig, damit die Krisenphänomene der Zeit gelöst werden konnten. In seinen frühen Schrif­ten äußerte Röpke schon wesentliche Gedanken eines „dritten Weges“.[28] Die Umkehrung falscher Entwicklungen in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sei kein Irrweg, sondern man müsse „alle Formen der Ausbeutung“ bekämpfen, wie zum Beispiel Monopolismus sowie die seelische und materielle Entproletarisierung der Arbeiter.[29] Mit etwas über vierundzwanzig Jahren erhält Röpke 1924 einen Ruf als beamteter, außerordentlicher Professor an die Universität Jena. In den Jahren 1926/27 unterbrach er seine Lehrtätigkeit. Der Aufenthalt in Amerika wurde von der Rockefeller-Stiftung bezahlt, um das Agrarproblem zu studieren. 1928 wurde er als ordentlicher Professor der Nationalökonomie an die Universität Graz gerufen und 1929 wurde Röpke Ordinarius der politischen Ökonomie an der Universität Marburg. Mit der Feder, insbesondere bei der Frankfurter Zeitung, beschrieb er die Probleme der Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftskrise und mit Worten wies er kühn und weitblickend auf deren Folgen. Im Ergänzungsband des Staatslexikon 1929 sprach sich Röpke gegen extremen Liberalismus (Laissez-faire) und gegen kollektivistische Wirtschaftsordnungen (Sozialismus) aus. Er wollte die Marktwirtschaft erhalten und festigen.[30] Das Bemühen um ein System von Rechtfertigungsgründen für Interventionen des Staates deutete sich in diesen Schriften an.[31] Röpke wurde in der Zeit des Übergangs 1930-31 Mitglied der nach ihrem Vorsitzenden (ehemaliger Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, *1868-1939)[32] genannten Brauns-Kommission für Krisenbekämpfung. Die Brauns-Kommission wurde von der Regierung Brüning eingesetzt, um die unsäglich drückende Arbeitslosenfrage zu studieren und mögliche Wege aus der Misere aufzuzeigen. Die Kommission veröffentlichte drei Gutachten.[33] In seiner Funktion als politischer Berater erarbeitete Röpke Empfehlungen, die die entscheidenden Gedanken von John Maynard Keynes vorwegnehmen. In zwei Aufsätzen, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden, legte Röpke seine Vorstellungen nieder.[34] Röpke wandte sich gegen die Behauptung, daß die wirtschaftliche Krise durch eine Überproduktion von Gütern ausgelöst wurde bzw. daß der technische Fortschritt dafür verantwortlich sei. Röpke wollte eine „Initialzündung, die den Motor zum Anspringen bringt, [...] indem man durch organisatorische Sondermaßnahmen künstlich Kreditgeber und Kreditnehmer schafft.“[35] Praktisch stellte Röpke sich vor, daß die öffentliche Hand Kredite aus dem Ausland beansprucht, um die Infrastruktur dauerhaft zu verbessern, damit der volkswirtschaftliche Wert lange erhalten bleibt. Diese Gedanken wurden im zweiten „Brauns-Gutachten“ ausgesprochen und stellten konjunkturpolitisch ein Novum der Volkswirtschaft dar. Die Empfehlung von Röpke durch eine Kreditexpansion der öffentlichen Hand das Wirtschaftsleben anzuregen, damit der Motor bald wieder von alleine läuft, galt in der damaligen Zeit als außergewöhnlicher Vorschlag. Wie das Staats- und Wirtschaftsgeschehen verwoben war, war nahezu unerforscht. Im allgemeinen hatte der Staat lediglich als Währungshüter aufzutreten und sich um die Verwaltung seines Haushaltbudgets zu kümmern. Daß der Staat selbst als Nachfrager am Markt auftrat, war den Politikern fremd. So nahm die Wirtschaftskrise, der sich die Regierung Brüning ausgeliefert sah, ihren Lauf. Brüning beachtete die Vorschläge Röpkes nicht, sondern stützte sich weiterhin auf eine deflationistische Wirtschaftspolitik. Die Wirtschaftskrise wurde dem allgemeinen Verständnis nach wie eine Naturkatastrophe behandelt und die konjunkturpolitischen Vorstellungen konnten sich erst durch die Analysen von John Maynard Keynes durchsetzen.[36]

Interessant war bei Röpkes Vorschlägen wie er die Momente des Unbestimm­ten im Wirtschaftskreislauf auslegte. Röpke wollte eine positive Erwartungshal­tung, also im weitesten Sinne Optimismus, bei der Bevölkerung verbreiten, damit die Menschen sich selbst aus der Krise lösen könnten. Er wollte die Krise nicht herbeireden, sondern er wollte die Menschen wieder mit einem utopischen Moment ausstatten. Diese Utopie sollte sich durch sich selbst nähren und aufrechterhalten. Diese psychologische Herangehensweise an das Wirtschaftsgeschehen war seiner Zeit voraus und wurde durch die Nach­kriegspolitik in Deutschland eindrucksvoll bestätigt.[37] Der Wirtschaftsauf­schwung nach dem Krieg in Deutschland lebte nicht umsonst vom Topoi des Wirtschaftswunders, der mythologischen Verklärung des Aufschwungs.[38] Es war das Moment des Unbestimmten, welches zum Mythos verklärt wurde und welcher später in der Person Erhards seinen Ausdruck fand.[39]

Im September 1931 veröffentlichte Röpke unter dem Pseudonym Ulrich Unfried eine Artikel-Serie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in welcher er den Gründer des „Tat“-Kreises[40], den Schriftsteller Ferdinand Fried[41], angreift: Denn: „einige - nicht gering ist ihre Zahl - wittern Morgenluft und gießen mit kaum verhohlenem Vergnügen Öl ins Feuer der Kritik und der Verzweiflung, teils aus selbstlosem Fanatismus, teils begierig auf das ihnen zufallende Erbe [...]“.[42] Röpke war erschreckt darüber, daß Personen des „Tat“-Kreises alle Werte und Ideale ablehnten und kein Gefühl hatten für das, „wofür Aufklärung und Liberalismus gestritten, wofür Männer wie Hume, Voltaire, Wilhelm von Humboldt, John Stuart Mill, Jefferson oder Mazzini so gut wie unsere klassi­schen Dichter geworben und unsere Großväter und Urgroßväter gekämpft und gelitten haben [...].“[43] Röpke wendete sich gegen Begriffe wie den totalen Staat, Geopolitik, Raum und Schicksal und er brandmarkte den ‘Tat’-Kreis des Dilettantismus. Der ‘Tat’-Kreis würde eine chiliastische Stimmung verbreiten, so daß der Eindruck entstehen könnte, „daß wir es heute nicht mit einer Krise des Systems, mit dem letzten großen ‘Krach’, mit der ‘crisis to end crisis’ zu tun haben, in der Vernunfterwägungen keinen Platz mehr haben, sondern ein Schicksal seinen Lauf nimmt, dem wir uns ohnmächtig ergeben müssen.“ Tat­sächlich mußte sich Röpke seinem Schicksal bald ohnmächtig ergeben, nach­dem die geistigen Vorbereitungen des Nationalsozialismus in einem „anschwellenden Bocksgesang“[44] seine Früchte trugen. Die offenherzigen Äußerungen von Röpke führten dazu, daß er nach Anbruch des Dritten Rei­ches als einer der ersten nicht jüdischen Universitätsprofessoren von Hitler entlassen wurde.[45] Eine Woche nach der Machtergreifung am 8. Februar 1933 hielt Röpke einen Vortrag in Frankfurt, der sich durch Kühnheit und Weitblick auszeichnete. Die Veröffentlichung sollte in der Wochenschrift „Deutscher Volkswirt“ (Herausgeber Gustav Stolpe) erfolgen, dies war jedoch schon nicht mehr möglich. Das Textmanuskript wurde später im Archiv von Theodor Heuss gefunden und unter dem programmatischen Titel „Als der Barbarismus siegte“ 1963 in der F.A.Z. veröffentlicht.[46] Dieser Text war eine Kampfansage an den braunen Totalitarismus, eine Anklage der politischen Katastrophe. Röpke definierte darin seinen Freiheitsbegriff, der sich auf John Stuart Mills Buch „On Liberty“ beruft.[47] Freiheit müsse durch positive Inhalte ausgefüllt werden, dabei sei nicht das ‘frei von etwas’, sondern das ‘frei zu etwas’ entscheidend. „Das Programm [des Liberalismus] lautet daher: Toleranz, Denk-, Meinungs- und Pressefreiheit. Fair Play, Diskussion.“[48] Die Freiheitsidee sei auf das engste mit der Vernunft verknüpft. Die Idee der Freiheit und die Idee der Vernunft seien eine Gesinnungshaltung, die letztendlich die Idee der Humanität hervorbringt, was gemeinsam „die Welt im Innersten zusammenhält“.[49] Die Welt war zu dieser Zeit leider schon aus den Fugen geraten und der Illiberalismus triumphierte. Röpke stellte fest, daß „an die Stelle der Freiheitsidee das Verlangen nach neuer Persönlichkeitsknechtung“ getreten sei.[50] „Die Flut des Nihilismus [...] reicht uns bereits bis zum Hals“ und dem Irrationalismus wird die Idee der Vernunft geopfert und somit „das Raubtier im Menschen mit beispiellosem Zynismus gefeiert (Spengler)“, dies alles führt dazu, daß die Freiheit durch den Aufstand der Massen ihre Knechtschaft findet.[51]

1.3 Die Zeit des Exils (1933-1966)

Ab April 1933 fand Röpke in den Niederlanden Asyl und von dort ging er nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz nach Istanbul. Die dortige Regierung von Mustafa Kemal Pascha (genannt Kemal Atatürk; 1881-1938) will ihre sechs Prinzipien (Nationalismus, Säkularismus und Modernismus als Prinzipien des Handelns, sowie Republikanismus, Populismus und Etatismus als Prinzipien der Organisation) politisch durchsetzen und die Türkei modernisieren. Die Hochschule der Stadt Istanbul sollte reformiert werden, damit genügend neue Fachleute herangebildet werden könnten.[52] Der Genfer Professor für Pädago­gik, Albert Malche, war von Atatürk 1932 beauftragt worden die Pläne für die Reorganisation der Universität Istanbul auszuarbeiten.[53] Die wachsende An­zahl von angesehenen emigrierten deutschen Professoren wußte Malche geschickt zu nutzen, um mit diesen hochqualifizierten Wissenschaftlern die Basis für die neu zu strukturierende Universität zu legen. Dafür konnte Malche auch Atatürk und den Kultusminister gewinnen. Röpke wurde der Gründer und Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts an der Istanbuler Universität. Unter schwierigen Bedingungen erfüllten die der Landessprache nicht mächtigen Wissenschaftler ihr Arbeitspensum. Die Dauer ihrer Arbeitsverträge mit der türkischen Regierung waren zunächst auf fünf Jahre begrenzt und daran gebunden, daß die Professoren innerhalb dieser Zeit die Landessprache erlernten, sowie Lehrbücher für das von ihnen vertretene Fachgebiet schrie­ben.[54]

Insgesamt siebzig bis achtzig deutsche Hochschulprofessoren fanden mit ihren Familien Zuflucht in der Türkei.[55] Die Beziehungen der zufällig zusammenge­würfelten Emigrantenfamilien waren nicht immer einfach. „Die an Enttäuschung reiche Eingewöhnung in eine uns fremde Atmosphäre“ bildete die Grundlage für eine lebenslange Freundschaft zwischen Alexander von Rüstow und Wilhelm Röpke.[56] Röpke hatte sich im Vorfeld stark für Alexander Rüstow ein­gesetzt, damit dieser Ordinarius einer etwas gewagten Kombination der Lehr­stühle Wirtschaftsgeographie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte werden konnte.[57] Den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre hatte Röpke selbst inne. Rüstow profitierte von Röpkes wirtschaftswissenschaftlichen Spezialkenntnissen und Röpke vertiefte seine Kenntnisse in den geisteswissenschaftlichen Fächern bei den gemeinsamen Gesprächen auf ihren täglichen Spaziergängen.[58] Bald entstand der Plan einer Arbeitsteilung, welche trotz Meinungsverschiedenheiten und der späteren größeren geogra­phischen Distanz aufrecht erhalten worden war, damit der Liberalismus neu er­schaffen werden konnte. Rüstow bewunderte an dem Geschichtsphilosophen Oswald Spengler (1880-1936), den er wegen dessen Weltanschauung scharf ablehnte, daß dieser in seiner Publikation „Der Untergang des Abendlandes“[59] eine stilistische Darstellung traf, die „genau in der Mitte zwischen dem, was man herkömmlicherweise wissenschaftlich, und dem, was man herkömmli­cherweise populär nennt“, lag und somit die Grundlage für einen Best- bzw. Longseller bieten würde.[60] Röpke verfügte ebenso über diese Fähigkeit, und es war ihm gegeben, daß er verwickelte und schwierige Zusammenhänge einfach und plastisch darstellen konnte. Der mit Röpke befreundete Wirtschafts­wissenschaftler Fritz Neumark zitierte seinen Kollegen mit der Aussage: „Man muß auch als Wissenschaftler in ‘headlines’ denken können !“[61]

Rüstow lieferte die historische, religions- und geistesgeschichtliche Fundierung eines neuen Liberalismus, und Röpke war derjenige, der den Erfolg populari­sierte. Röpke hatte unbestritten einen literarischen Anspruch, der sich in seinen Werken niederschlug. Die Analyse der Röpkeschen Schriften sollte auch unter Berücksichtigung dieser Dimension erfolgen. Röpke wollte mit seinen Werken die Aktualität der Fragestellung verlassen um ein universal­historisch-kulturkritisches Werk zu schreiben, das literarische Qualitäten besaß. Mit dem Mittel der Allgemeinverständlichkeit wollte er neue Maßstäbe zur Verbreitung der Wirtschaftswissenschaften setzen. Diese Zielsetzung er­klärt, warum seine Werke auch heute wieder Aktualität besitzen, welche die Wege aus der Kulturkrise erhellen könnte. Dies betrifft auch die politische Dimension des Röpkeschen Werkes, welche in bisherigen Darstellungen immer zu kurz kam. Neumark ordnete die Werke von Rüstow und Röpke deshalb den Bereichen „Kultursoziologie, der Historie und den Politik­wissenschaften“ zu.[62]

Im Jahre 1937 folgte Röpke einem Ruf von William Rappard an die Ecole des Hautes Etudes Internationales. Röpke verließ Istanbul ohne Bedauern, und sein Freund Rüstow hat ihn in vielen Briefen um diese Professur beneidet, Rüstow selbst blieb 16 Jahre in Istanbul.[63] Röpke war es dann auch, der für Rüstow den Kontakt zum Eugen Rentsch Verlag in Zürich knüpfte, damit die große Trilogie der „Ortsbestimmung der Gegenwart“ erscheinen konnte.[64] Fachlich konnte Röpke insbesondere die Religionskritik von Rüstow, die er für taktisch unklug hielt, nicht akzeptieren. Er schrieb deshalb 1942 an Rüstow, daß „die deklarierte antichristliche Note Ihres Buches ein ewig heikler Punkt bleibe“.[65] In einem ausführlichen Briefverkehr bat Röpke, daß Rüstow seine „Angriffe gegen Christentum, Theologie, Unsterblichkeit usw.“ abmildern solle, da sie eine „schwere Belastung“ für das Buch darstellten, unter anderem fand er die „Urfassung zu widerhakig“.[66] In seinem Antwortbrief erklärte sich Rüstow bereit, das Kapitel Kulturkritik und Religionskritik gesondert zu publizieren.[67] Spannungsfrei war der Kontakt zwischen Röpke und Rüstow nie, der erfolgsverwöhnte Röpke war sehr empfindlich gegenüber kritischen Anmer­kungen Rüstows.[68] In der Zwischenzeit war das erste große Werk von Röpke, die „Gesellschaftkrisis der Gegenwart“, erschienen.[69] Dieses Buch, so Müller-Armack, „kam in wenigen Exemplaren auf Umwegen bereits in den letzten Kriegsjahren als Konterbande nach Deutschland und wanderte, mit leidenschaftlichster Anteilnahme gelesen, in vertrauten Kreisen von Hand zu Hand.“[70] Auch Ludwig Erhard gelangte auf „illegalen Wegen in den Besitz der Röpkeschen Bücher, [...], die ich [Erhard], wie die Wüste das befruchtende Wasser, in mich aufsog.“[71] Wo Freunde und viel Ehr sich tummeln sind be­kanntlich die Kritiker nicht fern. So veröffentlichte Christian Reineke schon 1946 einen „Anti-Röpke“.[72] Reineke wollte damit in die Grundkenntnisse des Marxismus einführen, damit sich niemand den „Heilsrezepten von Professor Röpke gläubig hingibt“.[73]

Nach Abschluß der Publikation der großen Trilogie begannen die in vielen Ländern verstreuten „Neoliberalen“ sich durch die Gründung einer Gesellschaft neu zu organisieren. Nach Kriegsende wurde die durch die geschichtlichen Ereignisse unterbrochene Zusammenarbeit des internationalen neoliberalen Lagers durch die Gründung der „Mont-Pèlerin-Society“ im Frühjahr 1947 wieder aufgenommen.[74] Das erste Treffen fand zwischen dem 1. und 10. April 1947 im Grand -Hôtel du Mont Pèlerin im Kanton Waadt/Schweiz statt, wofür Wilhelm Röpke und der Geschäftsmann Albert Hunold bei privaten Spendern Geld auftrieben. Durch die Vielheit der liberalen Denkrichtungen, kam es schon bei der Gründung zu einem Streit, wie die Gesellschaft zu benennen sei. Die Übernahme des Namens von dem britischen Liberalen Lord John Emerich Edward Dalberg-Acton (1834-1902) wurde ebenso abgelehnt wie Charles Alexis Henri Clérel de Tocqueville (1805-1859), Adam Smith (1723-1790) und Perikles (500 v. Chr.- 429 v. Chr.), so einigte man sich auf den Ort, an dem die Tagung stattfand.[75] Es kam die „große Stunde“ der Neoliberalen, die Schriften von Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow[76], Alfred Müller- Armack[77] und Friedrich A. von Hayek[78] haben zu einer „Renaissance des Wirtschaftsliberalismus“ beigetragen.[79]

Bis zu seinem Tod 1966 blieb Röpke in Genf auf seinem Lehrstuhl. In einem Sammelband, der von Hermann Kesten herausgegeben worden war, be­gründete er: „Auch der Bundesrepublik [...] konnte ich weit nützlicher sein, wenn ich mir in Genf die Muße zum ruhigen Nachdenken und die Gelegenheit, nach allen Seiten hin als Lehrer einer Elite von Studenten, als Berater, als Schriftsteller und als Redner zu wirken, zu erhalten suchte.“[80] Röpke zeigte sich außerdem enttäuscht darüber, daß seine alte Universität Marburg an der Lahn die zwangsweise Pensionierung von 1933 nicht rückgängig gemacht hatte. Von anderen Massenuniversitäten waren ihm Lehrstühle angetragen worden, die er jedoch, mit der Ausnahme einer Gastprofessur in Frankfurt 1950, ablehnte.[81] Röpke erhielt mehrere Ehrendoktorwürden verliehen und bekam etliche Auszeichnungen.[82] Zwischen 1950-1966 besuchte er fast sämtliche Länder Europas und reiste zu Vorträgen in andere Kontinente. Sein Arbeitspensum blieb auch nach Abschluß seiner großen Trilogie im Jahre 1945 beträchtlich, außer einigen Büchern schrieb er regelmäßig in der Neuen Züricher Zeitung und anderen Medien, er nahm zu aktuellen wirtschafts­politischen Themen ebenso Stellung wie zu ideengeschichtlichen Frage­stellungen.[83] Das Gesamtverzeichnis der Schriften von Wilhelm Röpke, das zur akademischen Gedenkfeier 1968 in Marburg veröffentlicht wurde, verweist auf über 800 Veröffentlichungen (inclusive Übersetzungen und Neuauflagen seiner Bücher).[84][85]

1.4 Der tabellarische Lebenslauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Die Trilogie der Werke ‘Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart’, ‘Civitas Humana’ und ‘Inter- nationale Ordnung’

2.1 Einführung in die Trilogie

In der Einführung und dem Lebenslauf von Röpke wird der Erfahrungs-zusammenhang zu der Zeit beschrieben, in welcher Röpke sein Werk veröffentlicht hat. Zwei Wendepunkte wurden dabei herausgehoben, zum einen die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und zum anderen das Kriegsende in Europa. Vor 1933 plante der junge Wissenschaftler Röpke seinen Aufstieg, die Zeit nach 1945 ermöglichte ihn erst. Dazwischen schrieb er seine drei großen Werke. In ‘Gesellschaftskrisis der Gegenwart’ beschäftigte sich Röpke mit den Ursachen der Gesellschaftskrise, hierbei analysierte er „den Krankheitszustand unserer zivilisierten Welt“.[86] Im ersten Teil des Buches legte er „Deutung und Rechenschaft“ ab, um im zweiten Teil zur „Aktion“ überzugehen. Der erste Teil wurde von Röpke in drei Kapitel eingeteilt. So betrachtete Röpke im ersten Kapitel den Wandel der Wirtschaftssysteme, der Glaubensvorstellungen und der Staatssysteme der letzten Jahre anhand der geschichtlichen Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte. Im zweiten und dritten Kapitel unterwarf er die Wirschaftssyteme des Kapitalismus und des Sozialismus einer genauen Betrachtung. Insbesondere Denkstrukturen, die der jeweiligen Richtung zugrunde lagen, wurden analysiert, ebenso der Einfluß des jeweiligen Wirtschaftssystem auf die Staatsstruktur. Dieser Gegenüberstellung lag die These zugrunde, daß eine bestimmte politische Struktur nur mit einem bestimmten Wirtschaftssystem möglich sei. Der zweite Teil des Buches wurde von ihm „Aktion“ genannt, da er hier konkrete Vorschläge niederlegte, wie er sich ein Wirtschaftssystem vorstellte. Röpke entwickelte aus der Kritik beider Wirtschaftssysteme (Kapitalismus/Sozialismus) einen dritten Weg, der auch gleichzeitig das vorläufige Ende der Trilogie einläutete. Im Kern kreiste das Buch ‘Gesellschaftskrise der Gegenwart’ um seine Auffassung von Gesellschaft.

Der Gedanke des Dritten Weges wurde im zweiten Werk der Trilogie „Civitas humana“ fortgesetzt.[87] Die Grundfragen der Gesellschafts- und Wirt­schaftsreform sollten, so der Untertitel des Buches, dargestellt werden. Aus­gangspunkt bildete die Überlegung, daß die Dualität von Kapitalismus und Kollektivismus überwunden werden sollte. Im ersten Teil erörterte Röpke die geistigen Grundlagen, die zu dieser Dualität geführt haben. Röpke wendete sich in diesem Kapitel gegen die szientistische Philosophie. Nach Röpke konnten die Denkgewohnheiten aus dem Bereich der Technik nicht einfach auf die Gesellschaft bzw. die Wirtschaft übertragen werden. Im zweiten Teil des Buches legte er dar, wie er den Staat und seine Gegengewichte definierte. Der dritte Teil befaßte sich mit der Gesellschaft, es ist eine zusätzliche Erläuterung über den Staat. Der vierte und letzte Teil des Buches ‘Civitas humana’ geht direkt auf Wirtschaftsstrukturen ein. Röpke beachtete insbesondere die Landwirtschaft (primärer Wirtschaftssektor) und die Industrie (sekundärer Wirtschaftssektor). Bei beiden Wirtschaftssektoren untersuchte er, inwiefern sich ihre Organisationsstruktur auf die nationalen Gemeinschaften bzw. auf die Weltgemeinschaften auswirken würde.

Damit bildete das letzte Kapitel wiederum die thematische Einleitung für das abschließende Werk der Trilogie, die ‘Internationale Ordnung’, welches 1945 zum Kriegsende erschien. Innerhalb dieses Buches beschäftigte sich Röpke zuerst mit der Frage, welche Maßnahmen für den Wiederaufbau nach dem Krieg zu treffen seien. Im zweiten Teil des Buches ging er dazu über die internationalen Beziehungen unter wirtschaftlichen und politischen Aspekten zu beleuchten, um die Ursachen für Spannungen zwischen den Staaten zu finden. Im dritten Teil zeigte er einen „Weg zur neuen Weltwirtschaft“ auf und beschrieb wie sich diese strukturieren könnte. Die erste Ausgabe der ‘Internationalen Ordnung’ wurde von Röpke überarbeitet und erschien 1954 unter dem Titel ‘Internationale Ordnung- heute’.[88] Das neue an diesem Buch war, daß sich Röpke hier den aktuellen Problemen der Zeit zuwand, insbesondere die Frage der deutschen Integration in die Europäische Gemein­schaft.

Zusätzlich zu dieser großen Trilogie veröffentlichte Röpke weitere Bücher, zu nennen seien in dieser einleitenden Übersicht ‘Die deutsche Frage’ (Mai 1945), ‘Maß und Mitte’ (1950) und ‘Jenseits von Angebot und Nachfrage’ (1958).

In dem Buch ‘Die deutsche Frage’ versuchte Röpke mit soziologischen und historischen Erklärungen das Deutschlandproblem zu erörtern. Schon 1948 überarbeitete er das Buch und fügte ihm einen Aufsatz über „die Tragödie eines großen Volkes“ hinzu.[89] Im letzten Teil des Buches stellte er, stellvertretend für die Deutschen, an die Sieger folgende Fragen: Was hätte getan werden sollen, was ist bisher getan worden ist und was zu tun bleibt ? Gerade dieser dritte Teil war nur möglich, weil er sein Land lange genug kannte, als Emigrant im Ausland lebte und von dort aus solche Fragen stellen konnte.

Die beiden Veröffentlichungen ‘Maß und Mitte’ und ‘Jenseits von Angebot und Nachfrage’ stellten, so Röpke, eine „Variation“ seiner Trilogie dar.[90] In dem Buch ‘Maß und Mitte’ versuchte Röpke insbesondere im Kapitel über „Die natürliche Ordnung“ eine Beschreibung wie der Mensch zu seiner Mitte zurückgeführt und mit seinen Ansprüchen Maß halten kann.[91] Röpke wendete sich stark gegen den Begriff „Neoliberalismus“, da dieser nur „eine bloße Umwandlung alten Gedankengutes in zeitgemäßere Formen“ darstellen würde.[92] Ein „Liberaler“ sei, so Röpke, einer „fundamentalen Gesellschafts- und Kulturkritik“ verpflichtet, damit er „Maß und Mitte“ überhaupt definieren könne.[93] Diese Werk schlägt einen inhaltlichen Bogen zu dem Buch ‘Die Gesellschaftskrise der Gegenwart’.

In ‘Jenseits von Angebot und Nachfrage’ vertiefte Röpke die Gedanken des Buches ‘Civitas humana’ und führte ihn inhaltlich zurück zur Gesellschafts- und Kulturkritik des Werkes ‘Gesellschaftskrise der Gegenwart’. ‘Jenseits von Angebot und Nachfrage’ muß deshalb gerade unter staatspolitischen und gesellschaftspolitischen Fragen näher beleuchtet werden. Röpkes Aussagen, die zwischen 1942 und 1945 in seiner Trilogie behandelt wurden, wurden in diesem Buch neu betrachtet. Röpke wollte, daß der Titel des Buches nachhallt, damit den Menschen bewußt werden würde, daß „die Dinge jenseits von Angebot und Nachfrage, von denen Sinn, Würde und innere Fülle des Daseins abhängen, die Zwecke und Werte, die dem Reiche des Sittlichen im weitesten Verstande angehören“, entscheidend seien.[94]

2.1.1 Der Begriff der Krisis

Das Wort ‘Krise’ hat bei Röpke doppelte Bedeutung. Im allgemeinen Sprach­gebrauch kann mit dem Wort ‘Krise’ die Störung eines geordneten Systems ausgedrückt werden. Die ‘Krise’ steigert sich zur Katastrophe, wenn die Existenz des geordneten Systems so stark erschüttert wird, daß sämtliche Ordnungsprinzipien bedroht sind. Röpke transformierte den allgemeinen Krisenbegriff auf die Wirtschaftskrise. Das wirtschaftliche Erwerbsleben bildete nach Röpke die Grundvoraussetzung dafür, daß die Bevölkerung sich versorgen kann. Es sei „alles Wesentliche, um das das Leben sich schwingt“ über Jahrhunderte gleichgeblieben, wie zum Beispiel „Nahrung und Liebe, Arbeit und Muße, Religion, Natur und Kunst“.[95] So könne Arbeitslosigkeit die materielle und immaterielle Versorgung der Bevölkerung erheblich stören. Die Folgen der Arbeitslosigkeit störten das noch geordnete System der Wirtschaft bis sich das System selbst zur Disposition stellt. Zu dieser Krisendefinition kommt bei Röpke noch eine andere Bedeutung des Begriffs hinzu. ‘Krisis’ beschreibt im medizinischen Bereich den Zustand eines „Patienten“, in welchem er sich entscheidet, ob die Phase der Genesung oder der Tod folgt. Der „Patient“ ist bei Röpke, dem Sohn eines Arztes, die Gesellschaft, die sich nach dem Krieg entscheiden mußte, ob sie den Neuanfang wagt oder in Gewohnheiten steckenbleibt.

Röpke verband mit dem Krisenbegriff somit zwei Aspekte: eine vorüberge­hende Störung der wirtschaftlichen Ordnung und eine dauerhafte Störung in­nerhalb der Gesellschaft, die mit dem Begriff ‘Verfall’ definiert ist. Der Begriff ‘Krise’ ist somit bei Röpke ein janusköpfiges Konzept, das zum einen in die Vergangenheit zurückblickt und zum anderen die Grundlage für einen Neuan­fang legen soll.[96] Der Verfall der Gesellschaft kann in kulturellen, wirtschaftli­chen, politischen oder auch in Bereichen des menschlichen Zusammenlebens erfolgen. In der Vergangenheit führten wirtschaftliche Krisen zu veränderten Formen des Zusammenlebens der Menschen. Nach Röpke waren die Menschen diesen neuen Formen nicht gewachsen, weshalb die westliche Welt und ihre Werte seit der Jahrhundertwende einem Verfallsprozeß ausgesetzt waren, was zu zwei Weltkriegen führte.[97] Die überlieferten Ordnungen hatten sich durch zwei Weltkriege ebenso aufgelöst wie tradierte Wertvorstellungen. Diesen Prozeß betrachtete Röpke als grundsätzlich und dauerhaft. Die wirtschaftlichen Krisen verstand er als Symptome der Erkrankung der Gesellschaft. Die Ursachen des Verfallsprozeß, der westlichen Gesellschaften sind bei ihm „geistig-moralischer“ und die Erscheinungsformen „politisch-sozialer-ökonomischer“ Qualität.[98] Die Erscheinungsform einer Krise, also das Symptom einer Krankheit, könne demnach eine Wirtschaftskrise sein. Dabei schränkt Röpke ein, daß sich beide Bereiche der Krise „aufs innigste gegenseitig durchdringen und beeinflußen, da die Gesellschaft in allen ihren Teilen und Erscheinungsformen immer ein Ganzes bildet, in dem alles einander zugeordnet ist und sich wechselseitig bedingt.“[99] Dies und die Ver­wobenheit der verschiedenen Bedingungen in Krisen belaste bzw. überlaste den einzelnen Mensch oftmals stark. Eine Störung des „natürlichen Gleich­gewichts“ würde von den Menschen als Krise bezeichnet werden. „Das Gleich­gewicht zwischen Individuum und Gesellschaft, [...] ist gestört zugunsten der Gesellschaft, und, da wir tausendmal recht haben, dieses Gleichgewicht als Norm individueller und sozialer Gesundheit zu empfinden, zögern wir nicht, seine ernstliche Störung als Krankheit, als Krise zu bezeichnen, in der wir nicht dauernd verharren können.“[100] Röpke wollte den dauerhaften Verfall der west­lichen Gesellschaften bzw. „die pathologischen Entartungen unserer abend­ländischen Gesellschaft“ stoppen.[101] Röpke suchte also nach Lösungen, um aus der Krise herauszufinden. Die Grundtatsache, daß die geistig-moralische Krise den dauerhaftesten Teil der abendländischen Krise bildete, schuf die Voraussetzung für viele „kleine“ Krisen, die ihren Ausdruck in politisch-sozialen und ökonomischen Veränderungen fanden. Die wirtschaftliche Krise kann in keinem System verhindert werden, sie kann nur beherrscht werden, wenn auch die geistig-moralischen Grundlagen eines Systems (jenseits von Angebot und Nachfrage) allen bewußt sind.

Die Einteilung seines Buches ‘Gesellschaftskrisis der Gegenwart’ „in Diagnose und Therapie, Deutung und Aktion“ erweiterte somit den ersten Teil der Trilogie.[102] Zunächst beschrieb Röpke den Zustand des „Patienten“, er dia­gnostizierte die akute Krisensituation. Wenn der Zustand des „Patienten“ es er­forderte, daß er behandelt werden müsse, muß danach gefragt werden, in welchem Zustand der „Patient“ rückschließend als „gesund“ beurteilt werden kann. Nach der Diagnose erfolgte die Therapie in Abhängigkeit der Indikation. Die Definition von „Gesundheit“ unterlag somit dem Wissenschaftler Röpke. Krisen waren für Röpke Heilungsprozesse. Er verfolgte die Entwicklungen, die zur Krise geführt hatten, kontinuierlich zurück, um damit Lösungen für die Zukunft abzuleiten.[103] Röpke definierte Vergangenheit positiv, lehnte sie nicht ab, sondern betrachtete sie als Erweiterung der Gegenwart für die Zukunft. Er folgte somit keinem geschichtsphilsophischen Verfallsschema, wie es zum Beispiel Carl Schmitt in seiner Parlamentarismuskritik tat, sondern er betrachtete eine schon lange nicht bewältigte Krisensituation, die ihren Ausgang im 19. Jahrhundert fand, als die Schaffung neuer Optionen für das 20. Jahrhundert.[104]

Im Gegensatz zu Röpke übte Carl Schmitt mit seiner „wohl einflußreichsten Schrift“ einen nachhaltigen Eindruck auf die Intelligenz der zwanziger Jahre aus.[105] So befand sich nach Carl Schmitt das parlamentarische Repräsentativ­system nicht nur in einer vorübergehender Krise, sondern er betrachtete es als geschichtlich überholt. Schmitt fasste alle Argumente, die gegen das parlamen­tarsiche System sprachen, in einer Fußnote zusammen, um das parlamentari­sche System zu geiseln. Die Krise war für Carl Schmitt der Endpunkt, für Röpke stellte die Krise ein Symptom einer Grunderkrankung dar, welche mittels einer guten Behandlung wieder genesen könne. Die Ursachen der Krankheit sah Röpke in einer geistig-moralischen Krise des Abendlandes. Durch Verän­derungen innerhalb der Gesellschaftstruktur, die sich zunächst als ein Verfall alter Strukturen darstellten, sollten neue Strukturen möglich werden.

Der Krisenbegriff Röpkes bewegte sich auf dem Interpretationsniveau von Reinhart Koselleck. Koselleck verwieß darauf, daß die Wirklichkeit der Krise für die jeweiligen „geistigen Vertreter der neuen Gesellschaft nichts anderes (ist) als ein in das Politische übertragener Kampf vermeintlich polarer Kräfte.“[106] In seiner Studie legte Koselleck dar, wie der Zustand der Krise während der französischen Revolution entstand und wie das kommende Jahrhundert „Revolutionen in Vielzahl“ brachte und schloß daraus, daß der Zustand der Krise anhalten würde.[107] Der Ausdruck ‘Krise’ bekam somit einen diagnostischen und prognostischen Gehalt und er wurde zum Indikator eines neuen Bewußtseins.[108] Der diagnostische und prognostische Gehalt des Begriffs ‘Krise’ entspricht dem Röpkeschen Verständnis. Überspitzt formuliert, Röpke legte die Gesellschaft als Patient auf die Couch, um über die Bearbeitung der Vergangenheit bessere Bedingungen für die Zukunft zu schaffen.

2.1.2 Der Begriff des Neoliberalismus versus Ordoliberalismus

Entscheidend für die Begriffsbestimmung ist die historische Entwicklung, die für den „Neoliberalismus“ im „Alten Kontinent“ begann und im „Neuen Kontinent“ eine andere Richtung hatte. Die Idee und Vorstellung von „Neoliberalismus“ als Erneuerung des Liberalismus brachte auf dem „Alten Kontinent“ im Endeffekt den Begriff des „Ordoliberalismus“ hervor. Röpke fiel hierbei begrifflich durch beide Raster, da er den Begriff „Neoliberalismus“ ablehnte. Zu „Ordoliberalismus“ konnte Röpke keinen Bezug aufbauen, da er als Emigrant von der wissenschaftlichen Arbeit in dieser Gruppe zunächst ausgeschlossen war.

Zunächst jedoch sollen die historischen Entwicklungslinien mit ihren jeweiligen Haupvertretern dargelegt werden. Aus zeitlichen Gründen konnten die damaligen Vertreter einer wie auch immer gearteten „neuen“ Richtung des Liberalismus noch nicht als Neoliberale bezeichnet werden, da der Begriff erst 1938 mit der Mehrheit der Anwesenden offiziell als Eigenname eingeführt wurde. Zunächst in Kürze die Ereignisse, die zu dem Kongress 1938 in Paris führten, in der sich verschiedene Liberale den Eigennamen „Neoliberal“ zulegten.

Nach dem Ersten Weltkrieg war der geistige Liberalismus im Gegensatz zum wirtschaftlichen Liberalismus fast verschwunden.[109] Um die Mitte der zwanziger Jahre öffnete sich der von der Historischen Schule geprägte Verein für Social­politik (gegr. 1872) neuen Fragestellungen. Zu den traditionellen sozialpoliti­schen Themen kamen neue wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische Fragestellung hinzu.[110] Die klassisch-liberale Theorie der Marktwirtschaft fand dort ein Auditorium. In Österreich bildete sich eine Gruppe um Ludwig von Mises (1881-1973), sein bekanntester Schüler war Friedrich A. von Hayek (1899-1992). Der Theoretiker von Mises lehnte hierbei jede Form des Interven­tionismus ab und galt als einer der radikalsten Vertreter dieser Richtung.[111] Nach der Auswanderung von Mises und von Hayek in die USA wurde diese Gruppe als „Wiener Schule“ bezeichnet. Friedrich A. von Hayek bildete eine neue Keimzelle für den amerikanischen Neoliberalismus, dessen bekanntester Vertreter heute der Theoretiker Milton Friedman ist.[112]

In Deutschland strukturierte sich erst Anfang der dreißiger Jahre eine „neoliberale“ Schule. Alexander Rüstow (1895-1963) schrieb hierbei an Walter Eucken (1891-1950), daß eine „geschlossene Front gegen die Ruinen der Historischen Schule“ gebildet werden müsse.[113] Während einer Tagung des Vereins für Socialpolitik in Zürich 1928 schrieb Rüstow unter anderem den Namen von Wilhelm Röpke auf, der bei einem Zusammenschluß dabei sein müßte.[114] Insbesondere die Röpkeschen Frühschriften weckten Rüstows Inter­esse und somit wurde Röpke bei dem für das Entstehen des Begriffs „Neoliberalismus“ entscheidenden Termin eingeladen. Richtungsweisend in Deutschland war der Nationalökonom Walter Eucken. Jener, der seit 1928 Lehrstuhlinhaber für Nationalökonomie in Freiburg war, sammelte die „wohl geschlossenste und aktivste neoliberale Gruppe“ um sich.[115] Eucken wollte mittels einer empirischen Prüfung und sorgfältigen Detailstudien zu einer praxisnahen liberalen Theorie gelangen.[116] Die sogenannte „Freiburger Schule“ lehnte die reine (Markt-)Theorie von Mises ab.[117] Trotz alledem gab es noch keine ideele Einheit wie sie die „Neoliberalen“ in Amerika unter der Leitung von Hayek bildete. Nach der Machtübernahme von Hitler gestaltete sich die Zusammenkunft der in alle Weltteile verstreuten Liberalen als außerordentlich schwer. Es waren fast nur Emigranten des Hitler-Regimes und somit mußte ein Land bzw. eine Stadt gefunden werden, in der sich Emigranten noch unbedarft aufhalten konnten. Ein Treffen der verschiedenen wirtschaftsliberalen Gruppierungen konnte erst im August 1938 in Paris erfolgen. Die fünftägige Tagung wurde unter dem Präsidium von Walter Lippmann abgehalten, dessen Buch „An Inquiry into the Principles of the Good Society“ von 1937 als Diskussionsgrundlage diente.[118] Auf dem später so bezeichneten „Colloque Walter Lippmann“ wurde „das am wenigsten glückliche Ergebnis der Konferenz“[119] geboren; es war der Begriff des „Neoliberalismus“. Röpke war diesem Begriff stark abgeneigt.[120] Er sprach indessen von dem Prinzip der „natürlichen Ordnung“ als Denkhaltung einer liberalen Gruppe, die sich einer „verderblichen Zeitströmung des Kollektivismus entgegenstellt“.[121] Röpke gab zu, daß auch er zur Charakterisierung trotzallem oft den Ausdruck „Neoliberalismus“ verwendet habe, „aber mit erheblichem Unbehagen, da es sich ja um weit mehr als um eine bloße Umwandlung alten Gedankengutes in zeitgemäßere Formen handelt.“[122] Der Begriff „Neoliberalismus“ täuschte eine gedanklich einheitliche und geschlossene Form des Liberalismus vor, mit der jedoch niemals die Weite der Ideen und die unterschiedlichen Bewegungen erfasst werden konnten.[123] In einem Nachruf auf Walter Eucken setzte Röpke deshalb den Begriff „Neoliberalismus“ in Anführungszeichen, um seine Distanz zu diesem Begriff auszudrücken.[124] Damit entfernte sich Röpke auch von den amerikanischen Hauptvertretern.

Nachdem die Entstehung des Begriffs „Neoliberalismus“ dargelegt wurde, soll kurz der Begriff „Ordoliberalismus“ erklärt werden, da sich in Deutschland ein völlig anderer Begriff durchsetzte. Die deutsche Spielart des Neoliberalismus wird in der Literatur gerne als „Ordoliberalismus“ bezeichnet.[125] Die „Freiburger Schule“ um Walter Eucken gründete die Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“, welche noch in zwei Jahrgängen (1936 und 1937) publiziert werden konnte. 1948 wurde das Jahrbuch Ordo herausgegeben, von welchem der Ordoliberalismus posthum seinen Namen erhielt. Gerade für Wilhelm Röpke griff auch diese Kategorisierung zu kurz. Helmut P. Becker führte den Begriff des „soziologischen Neoliberalismus“ ein, um die Position von Röpke innerhalb der ordoliberalen Gruppe zu markieren.[126] Ebenso wie Röpke stellte er Alfred Müller-Armack und Alexander Rüstow in diese Gruppe, da sie „alle erst auf Umwegen zum Neoliberalismus fanden“.[127]

Einordnungen haben den prinzipiellen Nachteil, daß mit der Kategorie noch nichts erklärt bzw. geklärt werden kann. Im Gegenteil, eine schematische Zu­ordung kann gerade von gegnerischen wirtschaftspolitischen Ansätzen dazu benutzt werden, Positionen zu brandmarken. Andererseits war und ist die konkrete Zuordnung für viele Gruppen relevant, damit aus einem Schlagwort ein Kampfbegriff werden kann. Daß der Neoliberalismus selbst ein quasi kämpferisches Element aufweist, kann gerade wenn die hier dargelegte Entstehungsgeschichte beachtet wird, nicht geleugnet werden. „Neoliberalismus“ sollte als Begriff ja eine weitaus größere Bedeutung erlangen wie „die bloße Umwandlung alten Gedankenguts in zeitgemäßere Formen“.[128]

Sowohl der Begriff „Neoliberalismus“, „Ordoliberalismus“ und „soziologischer Neoliberalismus“ erfaßte den Liberalismus im Sinne von Röpke nicht ganz.

Durch die Emigration konnten Röpke und Rüstow ihre engen Kontakte zu dem Freiburger Kreis zunächst nicht weiter ausbauen.[129] Somit ist die Versuchung von Helmut P. Becker durchaus legitim, für diese beiden Wissenschaftler einen neuen Liberalismus-Begriff zu formulieren. Becker hätte jedoch gerade bei Rüstow seine Anfangsjahre beachten müssen, die ihn somit niemals für einen wie auch immer genannten „Soziologischen Liberalismus“ prädestinierten. Röpke und Rüstow gemeinsam vor den Begriffskarren „Soziologischer Neoliberalismus“ zu spannen, weil sie als Exilanten an gleichen Ort und an der gleichen Universität lehrten, erscheint zu billig.

Rüstow verfolgte in seinen Anfangsjahren eine marxistische Position.[130] Davon wollte er sich später lösen und somit erscheint es kaum verwunderlich, daß der Renegat Rüstow in seinem Opus Magnus „Ortsbestimmung der Gegenwart“ ein äußerst umfangreiches Kapitel Karl Marx widmete.[131] In diesem Kapitel versuchte er seine frühen marxistischen Postionen neu zu definieren und auszuloten. Auch Rüstow suchte wie sein Lehrer Oppenheimer nach einem „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Liberalismus.[132] Als Historiker und Soziologe lehnte er den Hyperliberalismus eines von Hayek und von Mises strikt ab. Rüstow schrieb 1942 an Röpke: „Hayek und sein Meister Mises gehören in Spiritus gesetzt ins Museum als eines der letzten überlebenden Exemplare jener sonst ausgestorbenen Gattung von Liberalen, die die gegenwärtige Katastrophe heraufbeschworen haben.“[133] Rüstow wollte sich von der Paläoliberalen, die einzig und allein auf die gestaltenden Marktkräfte setzten, distanzieren. Diese Position läßt ahnen wie schwierig das „Colloque Walter Lippmann“ verlaufen sein mußte, wenn die Positionen der Wissenschaftler so konträr waren. Röpkes Aussage, daß das „Colloque Walter Lippmann“ deshalb nur den nicht zufriedenstellenden Begriff „Neoliberalismus“ hervorbrachte, zeigt, daß eben nicht alles unter einem Begriff subsumiert werden kann. So erscheint es erst recht verständlich, daß gerade Rüstow das Wort „sozial“ als nicht beachtet fand. War es nicht dieses „social“ im Begriffsbild des „Vereins für Socialpolitik“, unter welchem sie sich zunächst fanden ? Das Wort „sozial“ tauchte aber bei dem neuen Begriff „Neoliberalismus“ nicht auf. Auch täuschte die Vorsilbe „Neo“ tatsächlich vor, daß nur ein neuer Deckmantel für einen alten Inhalt gefunden wurde. Rüstow setzte sich später als Begründer und Vorsitzender der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“ emphatisch für einen „Sozialliberalismus“ ein.[134] Das Wort „Sozialliberalismus“ traf im Kern das Denken von Rüstow viel besser als der Begriff „Neoliberalismus“. Verfehlt wäre es jedoch zu behaupten, daß auch Röpke ein „Sozialliberaler“ gewesen sei.

[...]


[1] vgl. Geertz, Clifford: Welt in Stücken. Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhunderts, Wien 1996

[2] Röpke, Wilhelm: Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart (1942), 5. Auflage, Erlenbach-Zürich 1948, S. 12 [im folgenden abgekürzt: Gesellschaftskrisis der Gegenwart]

[3] Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, in: ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 1, München 1980, S. 301; vgl.: Salin, Edgar: Vom deutschen Verhängnis. Gespräch an der Zeitwende: Burckhardt-Nietzsche, Hamburg 1959

[4] vgl. Arendt, Hannah: Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 7. Aufl., München 1992

[5] Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 9 f.

[6] Anm. des Verf.: Die Denkfigur eines „dritten Weges“ erlebte im geistigen und politischen Klima von Weimar eine erneute Blüte: „da wucherten von links bis rechts die Utopien des ‘Dritten Weges’ von der Rätebewegung der Anfangsjahre bis hin zum ‘Tat’-Kreis. Immer ging es um die Überwindung der Alternative von Kapitalismus und Kommunismus, mal revolutionär, mal konservativ, mit besonderer Inbrunst auch konservativ-revolutionär.“ Schulze, Hagen: Weimar. Deutschland 1917-1933. Die Deutschen und ihre Nation, Berlin 1982, S. 395

[7] vgl. Oppenheimer, Franz: Weder so - noch so. Der Dritte Weg, Potsdam 1933; vgl. Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 314

[8] vgl. Röpke, Wilhelm: Alexander Rüstow zum 8. April 1955, in: Eisermann, G. (Hrsg.), Wirtschaft und Kultursysteme. Alexander Rüstow zum 70. Geburtstag, Zürich/Stuttgart 1955, S. 14 f.

[9] vgl. Müller-Armack, Alfred: Die Anfänge der Sozialen Marktwirtschaft, in: Löwenthal,R./ Schwarz H.P. (Hrsg.), Die Zweite Republik, Stuttgart 1974, S. 123-148

[10] vgl. Röpke, Wilhelm: Die deutsche Frage, Erlenbach-Zürich 1945

[im folgenden abgekürzt: Die dt. Frage]

[11] vgl. Gebhardt,Jürgen: Über das Studium der politischen Ideen in philosophisch-historischer Absicht, in: Politische Theoriengeschichte, Bermbach,U. (Hrsg.), PVS-Sonderheft 15, Opladen 1984, S. 155

[12] Steiner, George: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt ?, München/Wien 1990, S. 196 [Anm. des Verf.: Für die Darstellung wie Intellektuelle durch ein zuviel an Glauben an andere Mächte verführt werden können ist und bleibt wohl das Buch von Czeslaw Milosz, Verführtes Denken, Köln/Berlin 1959 maßgebend.]

[13] Riedel, Manfred: Einleitung, in: Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 4. Aufl., Frankfurt am Main 1993, S. 71

[14] vgl. Hunold, Albert: Einleitende Kommentare zu den Texten von Wilhelm Röpke, in: Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, Gesammelt und hrsg. von Albert Hunold, Erlenbach-Zürich/ Stuttgart 1959, S. 41

[15] Röpke, Wilhelm: Der innere Kompaß. Briefe 1934-1966, hrsg. von Eva Röpke, Erlenbach-Zürich 1976, S. 167 f.

[16] vgl. Lippmann, Walter: The Cold War, New York 1947,vgl. ebenso Hartz, Louis: The Liberal Tradition in America, o.O., S. 8 ff.

[17] vgl. de Tocqueville, Alexis: Über die Demokratie in Amerika, Band 1, Zürich 1987

[Anm. des Verf.: Der zeitlich gesehen frühe Prophet der Weltmacht Amerika war der Autor Alexis de Tocqueville, der schon 1835 nur noch zwei Weltmächte sah: Amerika und Rußland. Tocquevilles prophetische Vorraussagen trafen ein. vgl. ebenso: Kjellén, Rudolf: Die Großmächte der Gegenwart, Leipzig/Berlin 1915. Rudolf Kjellén definierte eine Großmacht 1917 folgendermaßen: „Die Großmacht ist prinzipiell ein mit reichlichen Machtmitteln ausgestatteter Wille, der sich in Ansprüchen und Einflüssen in der äußeren Welt abspiegelt.“ ebd. S. 199]

[18] Anm. des Verf.: Der Unterschied zwischen Röpke und Jünger war, daß der Krieg nach und nach alle Gesellschaftsebenen auf Differenzbestimmungen zwischen dem eigenen und dem anderen umpolte. Diese Differenzbestimmungen stiegen zu neuen Primärwerten auf, die die Grundlage bildeten für eine moralische Orientierung. Der Unterschied der aus der gleichen Kriegserfahrung der beiden Personen Jünger und Röpke erfolgte hätte nicht größer sein können. vgl Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes, München 1918/ 20. Spenglers Erfolg war der Tatsache zuzuschreiben, daß er die „Verlorene Generation“ also die „Jugend die ohne Goethe und bürgerlichen Sicherheiten“ (Helmuth Plessner) zuerst entdeckt hatte bevor sie sich selbst entdeckte; vgl. dagegen Jünger, Ernst: Der Kampf als inneres Erlebnis, Berlin 1922, vgl. Jünger, Ernst: In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers, Aufl. 1-5, Berlin 1920-1924. Den folgenden Ausgaben (ab Auflage Nr. 6/ Berlin 1925) fehlen die vielen „realistischen“ Kriegsbilder und Erlebnisse die Jünger in den Auflagen 1-5 sehr umfangreich kommentierte.

[19] vgl. Hunold, Albert: Einleitende Kommentare zu den Texten von Wilhelm Röpke, in: Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, Gesammelt und hrsg. von Albert Hunold, Erlenbach-Zürich/ Stuttgart 1959, S. 42

[20] Röpke, Wilhelm: Internationale Ordnung, Erlenbach-Zürich 1945, S. 15

[im folgenden abgekürzt: Int. Ordnung]

[21] im Gegensatz dazu: Jünger, Ernst: Die Gläsernen Bienen (1957), 2. Aufl., Stuttgart 1990

[Anm. des Verf.: Ernst Jünger betont den Gegensatz zwischen der ökonomischen Sichtweise eines Industriellen und der strategischen Sichtweise eines ehemaligen Soldaten. Die Ehre des Soldaten obsiegt bei Jünger über den Interessen des Ökonomen. Röpke geht in seiner Analyse einen anderen Weg.]

[22] Int. Ordnung, S. 16

[23] Int. Ordnung, S. 16

[24] ebd., S. 11

[25] vgl. Röpke, Wilhelm: Die Arbeitsleistung im deutschen Kalibergbau unter besonderer Berücksichtigung des hannoverschen Kalibergbau, in: Sozialwissenschaftliche Forschungen, Heft 1, Serie III, Berlin 1922, S. 1-80

[26] vgl. Röpke, Wilhelm: Die Konjunktur. Ein systematischer Versuch zur Morphologie der Verkehrswirtschaft, Jena 1922

[27] vgl. Roepke, Wilhelm: Die internationale Handelspolitik nach dem Kriege, Jena 1923

[28] vgl. Becker, Helmut Paul: Die soziale Frage im Neoliberalismus. Analyse und Kritik, in: Sammlung Politeia, hrsg. von A. F. Utz, Band 20, Heidelberg 1965, S. 42

[29] Röpke, Wilhelm: Sozialisierung, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., 7 Bände, Jena 1926, S. 577

[30] vgl. Röpke, Wilhelm: Staatsinterventionismus, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Ergänzungsband, Jena 1929, S. 861-882

[31] ebd., S. 866-870 und S. 881 f.

[32] Anm. des Verf.: Dr. Heinrich Brauns war einer der führenden katholischen Sozialpolitiker des Zentrums im Reichstag (Mitglied 1920-33). Zwischen 1920 und 1928 war Brauns Reichsarbeitsminister, danach Generaldirektor des katholischen Volksverein. Brauns war ein Gegner der Groß- und Schwerindustrie, die ihm mit ihren Ansprüchen zu mächtig wurden. Brauns wollte in diesem Bereich mit den Sozialdemokraten zusammenarbeiten. Seine Tätigkeit führte zu einem Aufschwung in der Sozialpolitik, welche in zwei Gesetzen ihren Ausdruck fanden (Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung; Arbeitszeitnotgesetz, beide 1927 verabschiedet)

[33] vgl. Tuchtfeld, Egon: Strategien zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der ersten und zweiten Weltwirtschaftskrise, Marburger Universitätsreden, Band 7, Marburg 1983

[34] vgl. Röpke, Wilhelm: Die Angst vor der Produktion, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. April 1931 und ders.: Ein Weg aus der Krise, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Mai 1931

[35] Röpke, Wilhelm: Ein Weg aus der Krise, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Mai 1931

[36] vgl. Keynes, John Maynard: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936; vgl. Röpke, Wilhelm: Keynes und unsere Zeit, in: Neue Züricher Zeitung, Nr.782 vom 5. Mai 1946 und ders.: Lord Keynes - Anfang und Ende, in: Neue Züricher Zeitung, Nr. 1581 vom 1. September 1946

[Anm. des Verf.: In ersten Artikel (Keynes und unsere Zeit) gibt Röpke eine Wertung über das Werk von Keynes. Röpke sieht in ihm einen Liberalen „der sich zu den Freiheiten der bürgerlichen Welt bekannte“. Andererseits kritisierte Röpke an ihm, daß er mit der Ankündigung vom „Ende des Laissez-faire“ den autarkiefreundlichen Kräfte den „geistigen“ Boden bereitet habe der dann zu Hitler geführt habe. Diese Interpretation von Röpke war wohl überspitzt formuliert, denn Keynes Einfluß in der Nationalökonomie war zwar groß jedoch konnte er sich zum Beispiel als leitender Berater der britischen Delegation bei der Friedenskonferenz von Versailles nicht durchsetzen. Keynes hielt die Reparationsleistung, die Deutschland bezahlen sollte, für nicht vertretbar und forderte eine Revision der Versailler Verträge (vgl. hierzu: Keynes, John Maynard: The economic consequence of the peace, London 1919; ders.: A Revision of the Treaty being a Sequel to the Economic Consequences, London 1922).

Im zweiten Artikel (Lord Keynes - Anfang und Ende) verfolgt Röpke die gleiche Diktion, denn nach Röpke war es „[...] Keynes, der wie kaum ein anderer allen jenen Politikern, Parteien und Volksströmungen, die schließlich Hitler zur Macht geführt haben, das Stichwort gegeben hat, [...]“. Nach Röpke wehrte sich Keynes gegen „die von ihm selbst verursachte Verwirrung der Geister“, jedoch hat er viele Dinge „unberichtigt gelassen“, was somit seinen Gegnern das Recht geben würde ihm „die Rolle eines zuverlässigen und vertrauenswürdigen geistigen Führers unserer Zeit“ abzuerkennen. Röpke konnte oder wollte nicht über seinen Schatten springen und benötigt deshalb wohl eine Argumentation, die in einer klaren Feind-Freund Entscheidung gipfelt.]

[37] dagegen Schmitt, Carl: Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951, S. 192

[Anm. des Verf.: Schmitt spricht vom „Freudenfest des reinen Liberalismus, der schnell vorübergehende Moment, den Röpke verewigen möchte.“]

[38] vgl. Röpke, Wilhelm: Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig ? Analyse und Kritik, Stuttgart 1950

[39] vgl. Erhard, Ludwig: Wohlstand für Alle, Düsseldorf 1957

[40] vgl. Fritzsche, K.: Politische Romantik und Gegenrevolution. Fluchtwege aus der Krise der bürgerlichen Gesellschaft: Das Beispiel des ‘Tat’-Kreises, Frankfurt 1976;vgl.: Pöhls, J.: Die ‘Tägliche Rundschau’ und die Zerstörung der Weimarer Republik 1930 bis 1933, Diss. Berlin 1975

[41] vgl. Fried, Ferdinand: Das Ende des Kapitalismus, Jena 1931

[42] Röpke, Wilhelm (Pseudonym Ulrich Unfried): Die Intellektuellen und der „Kapitalismus“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6./11./13. September 1931

[43] ebd.

[44] vgl. Schwilk, Heimo/Schacht, Ulrich (Hrsg.): Die selbstbewußte Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, Frankfurt/Berlin 1994

[45] vgl. Neumark, Fritz: Erinnerungen an Wilhelm Röpke, in: Wilhelm Röpke. Beiträge zu seinem Leben und Werk, hrsg. von der Ludwig-Erhard-Stiftung Bonn, Stuttgart/ New York 1980, S. 8

[46] vgl. Röpke, Wilhelm: Als der Barbarismus siegte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr 25 vom 30. Januar 1963

[47] vgl. Mill, John Stuart: Die Freiheit, hrsg. und übersetzt mit Einleitung und Kommentar von Adolf Grabowsky, Zürich 1945

[Anm. des Verf.: Grabowsky, wissend um die kommenden Fragen der Zeit, schrieb: „Im Augenblick, da dies Buch veröffentlicht wird, ist keine Frage wichtiger für die künftige Ordnung der Welt, als die des Ausgleichs zwischen Freiheit und Bindung.“ Grabowsky, Adolf: Der Zug der Freiheitsidee, in: Mill, John Stuart: ebd., S. 11]

[48] vgl. Röpke, Wilhelm: Als der Barbarismus siegte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 25 vom 30. Januar 1963

[49] ebd.

[50] vgl. ebd.

[51] vgl. ebd.

[52] vgl. Neumark, Fritz: Die Emigration in die Türkei, in: Lepsius, Mario Rainer (Hrsg.), Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945. Materialen zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, Opladen 1981, S. 447

[53] vgl. Neumark, Fritz: Erinnerungen an Wilhelm Röpke, in: Wilhelm Röpke. Beiträge zu seinem Leben und Werk, hrsg. von der Ludwig-Erhard-Stiftung Bonn, Stuttgart/ New York 1980, S. 9

[54] vgl. Röpke, Wilhelm: Ekonomi Ilminin Tekâmül Tarihi (Geschichte der volkswirtschaftlichen Theorien), Istanbul 1936 und ders.: Cemiyet Ekonomisi (Volkswirtschaftslehre), Istanbul 1937

[Anm. des Verf.: In dieser Zeit erschien Röpkes Buch ‘Die Lehre von der Wirtschaft’ (Wien 1937), wirtschafts- und gesellschaftspolitische Thesen waren zu dieser Zeit in der Türkei kaum populär. Röpke wendet sich gegen jeden Dirigismus, Autarkismus und Etatismus des Staates. Diese drei Gründzüge seiner wissenschaftlichen Arbeit werden jedoch erst innerhalb der großen Trilogie (1942-45) ausgebaut, somit tritt dieses Lehrbuch in der wissenschaftlichen Bedeutung zurück.]

[55] vgl. Neumark, Fritz: Die Emigration in die Türkei, in: Lepsius, Mario Rainer (Hrsg.), Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945. Materialen zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, Opladen 1981, S. 442

[56] vgl. Röpke, Wilhelm: Alexander Rüstow zum 8. April 1955, in: Eisermann, G. (Hrsg.), Wirtschaft und Kultursysteme. Alexander Rüstow zum 70. Geburtstag, Zürich/Stuttgart 1955, S. 17 f.

[57] vgl. Röpke, Wilhelm: Alexander Rüstow zum 8. April 1955, in: Eisermann, G. (Hrsg.), Wirtschaft und Kultursysteme. Alexander Rüstow zum 70. Geburtstag, Zürich/Stuttgart 1955, S. 17

[58] vgl. Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 65

[59] vgl. Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (1918/22), Sonderausgabe, München 1990

[Anm. des Verf.: Spengler verfolgt in seinem Buch die Dreischritt-Theorie von „Blüte“, „Reife“ und „Verfall“ der Kulturen. Es bedurfte nach Spengler jedoch nicht einer militärischen und politischen Katastrophe, damit die Kulturen wieder „blühen“ können. Der Vorteil des Zusammenbruchs gab indessen diesem „prophetischen“ Buch die situative Beglaubigung. In seinem Buch „Jahre der Entscheidung“ München 1933 gab der Geschichtsphilosoph dem Nationalsozialismus keine Zukunftschance.]

[60] zit. aus: Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 11

[61] Neumark, Fritz: Erinnerungen an Wilhelm Röpke, in: Wilhelm Röpke. Beiträge zu seinem Leben und Werk, hrsg. von der Ludwig-Erhard-Stiftung Bonn, Stuttgart/ New York 1980, S. 14

[62] ebd., S. 16

[63] vgl. Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 65

[64] vgl. Rüstow, Alexander: Ortsbestimmung der Gegenwart (OdG). Eine universalgeschichtliche Kulturkritik, Band I, Ursprung der Herrschaft, Erlenbach-Zürich 1950; ders.: OdG. Weg der Freiheit, Band II, Erlenbach-Zürich 1952; ders.: OdG. Herrschaft oder Freiheit, Band III, Erlenbach-Zürich 1957

[Anm. des Verf.: Rüstow versuchte, während Röpke den Kontakt zum Verlag Eugen Rentsch herstellte, das Buch bei dem Europa-Verlag von Emil Oprecht erscheinen zu lassen. Oprecht lehnte das Manuskript jedoch mit der Begründung ab, „daß die Arbeit für das allgemeine Publikum zu schwer verständlich und zu abstrakt sei, für ein ausgesprochen wissenschaftliches Publikum aber zu allgemein und zu populär.“ Emil Oprecht NL Nr. 45 an Rüstow vom 25. Januar 1943]

[65] NL Nr. 7, Röpke an Rüstow vom 16. Mai 1942

[66] NL Nr. 7, Röpke an Rüstow vom 6. März 1943

[67] NL Nr.7, Rüstow an Röpke vom 13. April 1943 und vom 19. Juni 1943

[68] vgl. Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 66

[69] vgl. Gesellschaftskrisis der Gegenwart

[70] Müller-Armack: Wilhelm Röpke in Memoriam, in: Kyklos, Vol. 19, 1966, S. 381

[71] vgl. Ludwig, Erhard: Glückwunschadresse zu Wilhelm Röpkes sechzigstem Geburtstag, in: Röpke, Wilhelm: Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, Gesammelt und hrsg. von Albert Hunold, Erlenbach-Zürich/ Stuttgart 1959, S. 12

[72] vgl. Reineke, Christian: Anti-Röpke. Eine Streitschrift über Volkswirtschaft und Politik, Zürich 1946

[73] ebd., S. 4

[74] vgl. Duerr, Ernst-Wolfram: Ordoliberalismus und Sozialpolitik, Winterthur 1954, S. 7

[75] vgl. Horn, Karen: Als Hayek die Mont-Pèlerin-Gesellschaft gründete, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 74 vom 29. März 1997, S. 15

[Anm. des Verf.: vgl. hierzu den Leserbrief von Ritter Erik von Kuehnelt-Leddihn, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 85 vom 12. April 1997, der auf den Artikel von Karen Horn eingeht, daß der Professor Frank Knight keine „zwei römisch-katholische Aristokraten“ (de Tocqueville/ Lord Acton) als Namenspatrone der Gesellschaft haben wollte und er sich deshalb vehement dagegen wehrte. Dies führte ursächlich, so v. Kuehnelt-Leddihn 1961, in der Gesellschaft zu einem Schisma, in der die „Neuliberalen“ unter der Führung von Röpke „austreten“; vgl. ebenfalls zustimmend, den Leserbrief von Johann Baptist Müller: Antikatholisch, in: Deutsche Tagespost, Nr. 13 vom 29. März 1997; vgl. Muthesius, Volkmar: Die Liberalen haben keinen Papst, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 226 vom 30. September 1957.]

[76] vgl. Rüstow, Alexander: Ortsbestimmung der Gegenwart (OdG). Eine universalgeschichtliche Kulturkritik, Band I, Ursprung der Herrschaft, Erlenbach-Zürich 1950; ders.: OdG. Weg der Freiheit, Band II, Erlenbach-Zürich 1952; ders.: OdG. Herrschaft oder Freiheit, Band III, Erlenbach-Zürich 1957; ders.: Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in: ORDO II, 1949, S. 100-169

[77] vgl. Müller- Armack, Alfred: Die Wirtschaftsordnung sozial gesehen, in: ORDO I, 1948, S. 125-154; ders.: Deutung unserer gesellschaftlichen Lage. Zu Wilhelm Röpkes Trilogie: Gesellschaftskrisis der Gegenwart, Civitas Humana, Internationale Ordnung, in: ORDO III, 1950, S. 253-267; ders.: Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform, Stuttgart 1959; vgl. Klein, Heribert: Freispruch für Alfred Müller- Armack, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. 97 vom 26. April 1997

[78] vgl. v. Hayek, Friedrich A.: The Constitution of Liberty, London/ Chicago 1960, dt. ders.: Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971; ders.: Der Weg zur Knechtschaft, Hrsg. und eingeleitet von Wilhelm Röpke, übersetzt von Eva Röpke, Erlenbach-Zürich 1945

[79] vgl. Eschenburg, Theodor: Jahre der Besatzung 1945-1949. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Band 1, Stuttgart 1983, S. 427

[80] Röpke, Wilhelm: Ich bin nicht zurückgekehrt, in: Ich lebe nicht in der Bundesrepublik, hrsg. von Hermann Kesten, München 1964, S. 142

[81] vgl. ebd., S. 141; vgl. Röpke, Wilhelm: Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig ? Analyse und Kritik, Stuttgart 1950

[Anm. des Verf.: Dieses wirtschaftspolitische Gutachten für Regierung Adenauer entstand zu dieser Zeit.]

[82] vgl. hierzu tabellarische Aufstellung bei: Skwiercz, Sylvia Hanna: Der Dritte Weg im Denken von Wilhelm Röpke, Diss. 1987, in: Neue Würzburger Studien zur Soziologie, Band 8, hrsg. von Lothar Bossle, Würzburg 1988, S. 26-28

[83] vgl. Röpke, Wilhelm: Vorwort des Herausgebers, in: Wingfield-Stratford, Esmé: Geist und Werden Englands, Zürich 1944, S. 9-26

[84] vgl. Erhard, Ludwig/ Hoppmann, Erich: In Memoriam Wilhelm Röpke, Marburg 1968

[85] Tabellarische Daten aus dem Buch: Röpke, Wilhelm: Der innere Kompaß. Briefe 1934-1966, hrsg. von Eva Röpke, Erlenbach-Zürich 1976, S. 11

[86] Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 7

[87] vgl. Röpke, Wilhelm: Civitas humana (1944), Erlenbach-Zürich 1946

[im folgenden abgekürzt: Civitas humana]

[88] vgl. Röpke, Wilhelm: Internationale Ordnung - heute, 2. Aufl., Erlenbach-Zürich und Stuttgart

[im folgenden abgekürzt: Int. Ordnung - heute]

[89] Die dt. Frage, S. 11

[90] vgl. Röpke, Wilhelm: Jenseits von Angebot und Nachfrage, Erlenbach-Zürich und Stuttgart 1958

[im folgenden abgekürzt: Jenseits von Angebot und Nachfrage]

[91] vgl. hierzu Müller, Johann Baptist: Bedürfnisentgrenzung in liberaler und konservativer Perspektive, in: Welche Dinge braucht der Mensch ? Hintergründe, Folgen und Perspektiven der heutigen Alltagskultur, Hrsg. von Dagmar Steffen, Giessen 1995, S. 96; vgl. ebenso: Müller, Johann Baptist: Bedürfnis und Gesellschaft, Stuttgart 1971

[92] Röpke, Wilhelm: Maß und Mitte, Erlenbach-Zürich 1950, S. 151 [im folgenden abgekürzt: Maß und Mitte]

[93] Maß und Mitte, S. 152

[94] Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 18

[95] Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 11

[96] vgl. Koselleck, Reinhart: Einleitung, in: Brunner, Otto/ Conze, Werner/ Koselleck, Reinhart (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1982, Band 1, S. XV

[Anm. des Verf.: Koselleck beschreibt das Konzept eines Begriffes. Hierbei unterscheidet er fünf Merkmale. 1.) Die politische Sprache kennt eine unübersehbare Anzahl von Begriffen. Begriffe unterliegen einer Demokratisierung, d. h. zunehmend mehr Personen verwenden diese Begriffe. 2.) Begriffe unterliegen einer Verzeitlichung, d. h. ein Begriff emanzipiert sich von seiner ehemaligen Form und entwickelt sich zu einer neuen Form mit neuen Inhalten. 3.) Begriffe können verblassen und aussterben bzw. sie schlagen sich mit einer geänderten Bedeutung nieder. Koselleck spricht hierbei von einem Janusgesicht der Begriffe: „Rückwärtsgewandt meinen sie soziale und politische Sachverhalte, die uns ohne kritischen Kommentar nicht mehr verständlich sind, vorwärts und zu uns gewandt haben sie Bedeutungen gewonnen, die zwar erläutert werden können, die aber auch unmittelbar verständlich zu sein scheinen.“ (S. XV). 4.) Begriffe unterliegen der Ideologisierbarkeit, d. h. ein Begriff wird mit einem Bedeutungsinhalt beladen, den er aufgrund von Interpretationen zu erfüllen hat. 5.) Begriffe unterliegen der Politisierung, d. h. der Bezugsrahmen weitet sich und neue Begriffe entstehen, die über den empirischen Gehalt hinausgehen.

Nach Ansicht des Verfassers wurde diese Punkte bei Wilhelm Röpke noch nicht ausreichend beachtet und bearbeit. Gerade für die politische Ideengeschichte erweist sich das Werk Röpkes als eine wahre Fundgrube von Begriffen, die alle in unsere Sprache transformiert werden sollten, damit das Werk von Röpke zu verstehen ist.]

[97] vgl. Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 75 f.

[Anm. des Verf.: Röpke spricht hierbei von einem „akuten und chronischen“ Zustand des Krankheitsbildes; auffällig in allen Arbeiten von Röpke bleibt die Tatsache, daß er sehr oft das medizinische Vokabular benutzt, um seine Inhalte darzustellen. Der starke Bezug zu seinem Elternhaus, insbesondere zu seinem Vater, der selbst den Arztberuf ausübte, läßt den Eindruck entstehen, daß sein Elternhaus sehr prägend für ihn gewesen sein muß.]

[98] vgl. Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 16

[99] ebd., S. 16

[100] Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 75

[101] Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 16

[102] Gesellschaftskrisis der Gegenwart, S. 16

[103] Anm. des Verf.: Der Nationalökonom und Konjunkturtheoretiker Röpke stimmt hier gedanklich mit John Maynard Keynes überein, der in seinem Buch „The End of Laissez-Faire“(1926), 3. Aufl. London 1927, S. 16 schreibt: „A study of the history of opinion is a necessary preliminary to the emancipation of the mind.“

[104] vgl. Schmitt, Carl: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus (1923, Berlin/ München), 4. Aufl., Berlin 1969

[105] Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1962, S. 195

[106] Koselleck, Reinhart: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt (1973), 7. Aufl., Frankfurt 1992, S. 132

[107] ebd., S. 134

[108] vgl. ebd., S. 134

[109] vgl. v. Hayek, Friedrich A.: Die Überlieferung der Ideale der Wirtschaftsfreiheit, in: Schweizer

Monatshefte, Jahrg. 31, Zürich 1951, Heft 8, S. 333 und S. 338

[110] vgl. von Mises, Ludwig: Die Gemeinwirtschaft.Untersuchungen über den Sozialismus, Jena 1922

[111] vgl. von Mises, Ludwig: Kritik des Interventionismus (1929), abgedruckt in: Stützel, W. u.a. (Hrsg.), Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft, Stuttgart/ New York 1981, S. 213-220

[112] vgl. Milton, Friedman: Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971; vgl. ders.: From Galbraith to Economic Freedom, hrsg. vom Institute of Economic Affairs, Occasional Paper Nr. 49, 3. Aufl., London 1978

[113] NL Nr. 17, Röpke an Eucken vom 24. Januar 1927

[114] vgl. Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 41, Fußnote 108

[115] Becker, Helmut Paul: Die soziale Frage im Neoliberalismus. Analyse und Kritik, in: Sammlung Politeia, hrsg. von A. F. Utz, Band 20, Heidelberg 1965, S. 36

[116] vgl. Krohn, Claus-Dieter: Wirtschaftstheorien als politische Interessen. Die akademische Nationalökonomie in Deutschland 1918-1933, Frankfurt/ New York 1981, S. 132 f.

[117] vgl. Eucken, Walter: Grundsätze der Wirtschaftspolitik (1952), 3. Aufl., Tübingen/ Zürich 1961, S. 370

[Anm. des Verf.: Eucken schreibt: „Es ist aber nur die eine Seite der Wettbewerbsordnung, daß sie auf die Durchsetzung der ökonomischen Sachgesetzlichkeit dringt. Ihre andere Seite besteht darin, daß hier gleichzeitig ein soziales und ethisches Ordungswollen verwirklicht werden soll.]

[118] vgl. Lippmann, Walter: An Inquiry into the Principles of the Good Society, Boston 1937; vgl. hierzu Becker, Helmut Paul: Die soziale Frage im Neoliberalismus. Analyse und Kritik, in: Sammlung Politeia, hrsg. von A. F. Utz, Band 20, Heidelberg 1965, S. 37

[119] Röpke, Wilhelm: Alexander Rüstow zum 8. April 1955, in: Gottfried Eisermann (Hrsg.), Wirtschaft und Kultursystem, S. 19

[120] vgl. Röpke, Wilhelm: Einführung, in: Lippmann, Walter: Die Gesellschaft freier Menschen, Bern 1945, S. 27

[121] Maß und Mitte, S. 151

[122] ebd., S. 151

[123] vgl. Mötteli, Carlo: Der wirtschaftliche Neoliberalismus, in: Neue Züricher Zeitung. Jubliäumsausgabe zum 175 jährigen Bestehen vom 12. Januar 1955, S. 5

[124] vgl. Röpke, Wilhelm: Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, Gesammelt und hrsg. von Albert Hunold, Erlenbach-Zürich/ Stuttgart 1959, S. 377

[125] vgl. Starbatty, Joachim: Ordoliberalismus, in: Geschichte der Nationalökonomie, hrsg. von Otmar Issing, München 1984, S. 187

[126] vgl. Becker, Helmut Paul: Die soziale Frage im Neoliberalismus. Analyse und Kritik, in: Sammlung Politeia, hrsg. von A. F. Utz, Band 20, Heidelberg 1965, S. 44

[127] ebd., S. 45

[128] Maß und Mitte, S. 151

[129] vgl. Böhm, Franz: Reden und Schriften, Karlsruhe 1960, S. 162

[130] vgl. dazu Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993

[Anm. des Verf.: Meier-Rust legt in einer eindringlichen Analyse den Weg von Rüstow dar. Diese an den Quellen orientierte Arbeit setzt neue Maßstäbe insbesondere wenn eine Genealogie des „Neoliberalismus“ hergestellt werden soll. Gerade einer der Stammväter des Neoliberalismus weist nicht den eindeutigen Weg auf den die Kritiker dem Neoliberalismus oft vorwerfen. Ein „Liberalismus-Klischee“ das die Liberalismuskritiker geschaffen haben besagt, daß die Liberalen den Individualismus predigen bis zur moralischen Gleichgültigkeit und daß sie nur auf die Wirtschaft fixiert seien. Diese Positionen lassen sich für Rüstow nicht halten. Die Kritik ist eindeutig ein politischer Mythos. Das Pathos des „dritten Weges“ läßt Rüstow auch im Freiburger Kreis darauf drängen daß das Soziale seinen Widerhall findet.]

[131] vgl. Rüstow, Alexander: Ortsbestimmung der Gegenwart, Band III, Herrschaft oder Freiheit ? Erlenbach-Zürich 1957

[132] vgl. Rüstow, Alexander: Ortsbestimmung der Gegenwart, Band I, Ursprung der Herrschaft, Erlenbach-Zürich 1950, S.19

[133] NL Nr.7 Rüstow an Röpke vom 21. Februar 1942

[134] vgl. dazu Meier-Rust, Kathrin: Alexander Rüstow. Geschichtsdeutung und liberales Engagement, in: Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Kossellek und Karlheinz Stierle, Band 20, Stuttgart 1993, S. 83 ff.

Details

Seiten
174
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783640634897
ISBN (Buch)
9783640634828
Dateigröße
981 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151795
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Euro Währungskrise Keynes Neoliberalismus Euro-Griechenland Krise Goldstandard Gemeinschaftswährung Euro Krise Istanbul Islam Atatürk Universität Türkische Sprache

Autor

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Titel: Zu Biographie und Werk von Wilhelm Röpke. Oder: Die brennende Krise der Gegenwart