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Zwischen Exotismus und Erotik, Wissenschaft und Marketing, Kunst und Kommerz'

Die Zurschausstellung 'fremder' Körper am Beispiel der Hagenbeck'schen Völkerschauen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 30 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung- Eine kritische Auseinandersetzung

2. Die Vorläufer der Völkerschauen
2.1 Jahrmärkte, Volksfeste, Zirkus- und Schaustellergeschäfte
2.2 Welt- und Kolonialausstellungen

3. Die Hagenbeck'schen Vslkerschauen- eine 'Erfolgsgeschichte'
3.1 Agenten, Werber und Impresarios
3.2 Wie 'Wilde' gemacht werden-Ausstellungskonzepte zwischen Kunst & Kommerz
3.3 Die Ausgestellten - Inszenierung und Authentizität
3.3.1 Urmenschen und Primitive Wilde
3.3.2 Afrikaner
3.3.3 Araber
3.3.4 Südseeinsulaner
3.3.5 Indianer
3.3.6 Menschen aus dem hohen Norden
3.3.7 Inder und Singhalesen
3.3.8 Freak- Shows
3.4 Freiwilligkeit, Einfluss und Zwang
3.5 Objektivierung der Ausgestellten
3.6 Wissenschaftler brauchen 'Material'
3.7 Rezeption: das Publikum- Umgangs- und Erwartungshaltungen
3.7.1 Begegnungen zwischen Ausgestelltenund Zuschauern
3.7.2 Opposition und öffentliche Sensibilität
3.8 Das Ende der Völkerschauen

4. Resümee

5. Literatur- und Quellenangaben

1. Einführung- Eine kritische Auseinandersetzung

Seit jeher sind Menschen Anschauungsobjekte gewesen- besonders dann, wenn sie diverse Fähig­keiten besaßen oder auf Grund ihrer physiognomischen Andersartigkeit, ihrem fremden Erschei­nungsbild, ihrer Lebensweise und Gebräuche auf den Betrachter eine gewisse Ausstrahlungskraft ausübten; aber auch, wenn sie dem zu unterschiedlichen Zeiten vorherrschenden Idealtypus von zum Beispiel Schönheit entsprachen. Das 'Außergewöhnliche' dieser Menschen wurde auf Jahr­märkten, Volksfesten und Zirkussen dargestellt. Teils aus Zwang, teilweise aus Freiwilligkeit wurden ins Besondere fremde Körper zur Schau geboten. Hierdurch wurde das Interesse, die Neugierde aber auch die Lust der Zuschauer am bloßen Sehen- ein exotische Verlangen nach dem Fremden, welches häufig gepaart war mit den Gefühlen von Angst und Bedrohung, hervorgerufen. Gleichzeitig wurden den Betrachtern aber auch die Vorstellungen der eigenen kulturellen Normen vor Augen gehalten: Hier die 'Normalität', dort die 'Abweichung'- beispielsweise in Form von außergewöhnlichem, andersartigem oder exotischem Aussehen.

Dass ganze Völker das Interesse der Öffentlichkeit erweckten, ist unter anderem verbunden mit der Ausbreitung des europäischen Imperialismus und der Festigung kolonialer Macht. Bereits auf der ersten Weltausstellung in London 1851 sollten den Besuchern die englischen Kolonien näher gebracht werden: Vertreter fremder Völker präsentierten sich, landschaftliche Panoramen und folkloristischen Darstellungen wurden nachgekennzeichnet.[1]

Obgleich Deutschland im Zeitalter des europäischen Kolonialismus im Vergleich zu anderen Staaten vorerst eine 'untergeordnetere' Rolle innehatte, setzten sich auch dort rasch die Darstellungen durch: allein zwischen 1870 und 1940 wurden auf den so genannten Völkerschauen mehr als 300 Menschengruppen aus aller Welt gezeigt[2], welche bis zu 60 000 Zuschauer pro Tag anlockten.[3]

Trotz der Fülle an Informationen, welche über die Völkerschauen im deutschsprachigen Raum vorliegen, muss betont werden, dass die Quellenlage recht einseitig ausgerichtet ist und besonders aus der Perspektive der Darsteller und Ausgestellten, aber auch der der Rezipienten auf Grund der unsystematisch vorhandenen Aufzeichnungen[4], oft nur Vermutungen geäußert werden können.

Was im Folgenden nun näher betrachtet werden soll, ist nicht nur das Aufkommen eines „anthropologisch-zoologischen Spektakels“ (Zickgraf 2005), wie man es beispielshalber bei den Hagenbeck'schen Völkerschauen zu verorten sucht, sondern auch der Umgang mit dem Fremden, der ideologisch zugerichtete Blick auf diesen wie auch die Zurschaustellung 'fremder' 'exotischer' Körper.

2. Die Vorläufer der Völkerschauen

Länge währt schon der Handel und die Neugier mit der 'Ware' Mensch: Im Kolosseum des alten Roms zeigte man 'Barbaren'[5] und Sklaven aus den Eroberungsgebieten, an den europäischen mittel­alterlichen Höfen amüsierten 'exotische Menschen' die adelige Gesellschaft. Aber auch 'inländi­sche', europäische Schönheiten, wurden 'exportiert'- vor allem in den 'Orient.[6]

Der Zuwachs des 'Ein- und Vorführens' von Menschen verstärkte sich vor allem nach den 'Entdek- kungsreisen' Columbus, welcher aus den erobterten Gebieten Amerikas Menschen nach Europa bringen ließ, Amerigo Vespuccis (1451-1512), Gaspar Corte-Reals (1450-1501), der amerikanische Indianer nach Lissabon brachte und Hernan Cortes (1485-1547), der mexikanische Tänzer und Kaziken[7] den Landsleuten und Herrschern präsentierte.[8] Um den 'Daheimgebliebenen' die Expedi­tionen näher zu bringen und ihnen das Leben in den europäischen Kolonien, sowie das der 'Ureinwohner' zu vermitteln, wurden als Vorläufer der Kolonialausstellungen zum Teil gesamte Dörfer[9], in welchem alltagstypische Szenen vorgestellt wurden[10], nachgebaut.

Auch hierzulande waren 'fremde' Menschen keine völlig fremde Erscheinung: Im 18.Jahrhundert wurden die so genannten 'Mohren'[11] in Deutschland von wohlhabenden bürgerlichen Familien als Bedienstete, Diener, Boten oder Portiers angestellt.

Die Neugierde gegenüber Menschen anderer Hautfarbe und Physiognomie wurde allerdings vielerorts auch in bare Münze umgewandelt und nicht nur auf Jahrmärkten und im Zirkus waren 'exotisch' empfundene Menschen eine „alltägliche Erscheinung“(Staehlin 1993: 24), sondern auch in diversen Vergnügungsetablissements.

2.1 Jahrmärkte, Volksfeste, Zirkus- und Schaustellergeschäfte

Dass mit dem Zurschaustellen nicht nur 'aufklärerische', informative und kulturelle Absichten verbunden waren, sondern im Besonderen rein wirtschaftliche, zeigt das Beispiel des renommierten Zirkusgeschäftes Hans Storchs (1873-1934), welcher in seinem Zeltzirkus Sarasani 'Exotennum­mern' ins Programm nahm:

Marokkanische, chinesische und japanische Artisten entführten in den Shows Sarasinis das Publikum in exotische Welten.[12] Die Daten in den Reklameheften allerdings waren nicht immer unbedingt der Wahrheit entsprechend; und so installierte Sarasani vor allem nach dem ersten Weltkrieg, als sich das Einsetzen von 'echten Exoten' schwieriger gestaltete- angeblich unbemerkt- kurzerhand kostümierte deutsche Artisten.

Diese Art der Kommerzialisierung der Zurschaustellung 'fremder' Menschen lässt sich auch im englischen Schaustellergeschäft nachkennzeichnen. Doch treten neben den wirtschaftlichen Inter­essen immer häufiger auch die Aspekte von Erotik, Sexualität und Voyeurismus in den Vorder­grund: so wurde beispielshalber schon 1822 eine brasilianische Indianerin, welche auf Grund ihres exotisch-erotischen Erscheinungsbildes den Namen 'Venus of South America' erhielt, zum Spektakel des Jahres gekürt.[13] Dies geschah ab 1810 auch der damals knapp 20-jährigen Saartje Baartman, einer jungen Frau aus Südafrika, welche mit dem Versprechen, als reiche Frau in ihre Heimat zurückzukehren, am Piccadilly Zirkus und später auch in Paris gezeigt wurde.

Die Rezeption des damaligen Publikums beschreibt Dressbach in 'Gezähmte Wilde' wie folgt:

Dieses Gesäß, die überlangen Schamlippen sowie ihre Brustwarzen waren Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung der Zurschaustellung. Die Besucher der Schaustellung wurden [...] sogar aufgefordert, sich von der Echtheit der Körperformen durch Anfassen zu überzeugen und zahlreiche Karikaturen in der Tagespresse griffen ihre Körperformen auf. (Dressbach 2005:26)

Solche vor allem als 'abnormal' empfundenen körperlichen Erscheinungen wie auch das Fremde und Unbekannte, waren für viele Menschen Attraktionen und boten Spektakel, welche nicht mehr aus der Geschichte wegzudenken sind. An dieses Hineinbringen von Exotik in den Alltag der Europäer knüpften auch die Welt- und Kolonialausstellungen an.

2.2 Welt- und Kolonialausstellungen

Auf den Ausstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts wurden neben nationalen und internationalen Produkten und deren Vermarktung durch die nationale Wirtschaft auch 'historische Leistungen' präsentiert- in der Form, dass die Geschichte durch kulturelles und alltagsgeschichtliches Darstellen fremder Ländern präsentiert wurde.[14]

Neben dem Ausstellen von Kunsthandwerk, ethnologischen und anthropologischen Gegenständen, sollte das Interesse der Zuschauer auch an den Menschen direkt geweckt und ihnen die Möglichkeit gegeben werden, sich innerhalb von wenigen Stunden einen Überblick über das Leben der Menschen anderer Kontinente und insbesondere der Kolonien zu verschaffen- gleich einer Zeitreise durch die Geschichte, wie folgender Abschnitt aus einer französischen Zeitung erkennen lässt:

Die Franzosen stehen in dem Ruf, nicht zu reisen! Und warum sollen wir diesem unbestreitbaren Mangel nicht abhelfen? Während wir darauf warten, daß die zivilisierte Welt unsere Ausstellung besuchen kommt, lassen sich inzwischen die am wenigsten zivilisierten Völker in Paris sehen. Diesen Sommer [...] hatten wir die Nubier hier; jetzt, da es kalt ist, kann jedermann unter einer herrlichen Herbstsonne eine kleine Reise nach Grönland machen- in zwei Stunden, hin und zurück. (Thode-Arora 1989: 140)

Da es sich bemerkbar machte, dass bei der Beliebtheit des Publikums vor allem folkloristische Darstellungen einen hohen Rang einnahmen, wurden ethnographische Dörfer installiert[15] und künstliche Alltagswelten geschaffen, welche die Vielfalt der Kolonialreiche aufzeigen sollten, aber auch nicht selten kolonialistische Propaganda demonstrierten: So beschreibt Staehlin beispiels­halber die Weltausstellung von 1887 in Paris:

Sie [die Kolonisierten, An. d. Verf.] hatten in einer künstlichen, das Kolonialreich symbolisierenden Stadt einen inszenierten Alltag nachzuleben, der den Besuchern der Ausstellung nicht nur die Ausdehnung des französischen Imperialismus, sondern auch die verschiedenen Stufen der menschlichen Evolution vor Augen führen sollte. (Staehlin 1993: 27)

In diesem Nebeneinander von 'Hochkultur' und 'Folklore' lässt sich ein 'erzieherischer Aspekt' nicht aberkennen: Einerseits sollten auf den Welt- und Kolonialausstellungen wohl die eigenen Kulturvorstellungen und Gesellschaftsordnungen gespiegelt und bestätigt werden, gleichzeitig wurde aber auch die koloniale Bedeutung und die europäische und landesspezifische Superiorität gegenüber den 'einfachen', meist als 'unzivilisert' erachteten Völker propagiert. Diese Darstellungen beeinflussten sicherlich nachhaltig das Bild und den Blick auf Menschen aus 'fremden' Ländern.

Aber nicht nur auf die entfernten Exoten aus den weit gelegenen Kolonien wurde der Blick gewendet, manchmal gelangte dieser nur bis zu den Grenzen des eigenen Landes. Die Veranstalter der französischen Exposition beispielsweise zeigten ihre deutschen Nachbarn als in notdürftigen Behausungen aus Stroh wohnenden Germanen auf.[16]

In Deutschland erzielten auf Grund der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ver­änderungen ab 1870/71 die Ausstellungen einen großen Aufschwung. Durch die auf Grund der Reichsgründung verbesserte Infrastruktur konnten Schauen in einem größer angelegten Rahmen möglich werden, überregionale Organisationen und Schaustellervereine etablierten sich, Kalender wurden herausgegeben, in welchen Volksfeste und Märkte im gesamten Reichsgebiet angekündigt wurden.

Auch die ab 1891 gesetzliche Regelung der Sonntagsruhe mag einen Teil dazu beigetragen haben[17], dass ein breites Publikum vielfältigen Vergnügungen nachgehen konnte.

Von diesen gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Errungenschaften profitierten Initia­toren und Schausteller. Zugleich sahen sie sich- häufig auf Grund ihrer wirtschaftlichen Situation- aber auch gezwungen, den Markt zu öffnen und neue Ideen in die Projekte einfließen zu lassen. So etablierten sich neben den Welt- und Kolonialausstellungen, Jahrmärkten und anderen Festen allmählich Ausstellungen, auf denen in erster Linie nur Menschen aus unterschiedlichen Bevölker­ungsgruppen in den Mittelpunkt des Interesses rückten: Die so genannten 'Völkerschauen'. Diese Ausstellungen, auf welchen vor allem 'exotische' Menschen exponiert wurden, sollen nun am Beispiel der Hagenbeck'schen Völkerschauen, den wohl bekanntesten, berühmtesten, aber auch berüchtigsten Schauen im deutschsprachigen Raum, beleuchtet werden.

3. Die Hagenbeck'schen Völkerschauen- eine 'Erfolgsgeschichte'

Carl Gottfried Heinrich Hagenbeck (1844-1931) gilt zwar nicht als der 'Erfinder' der Völker­ schauen, aber in seinem Umkreis entwickelten sich diese „zu einer immer perfekteren Darbietung außereuropäischenLebens“. (Thode-Arora 1989: 11)

Zwischen 1874- 1913 organisierte er um die 60 Völkerschauen. Hagenbeck, welcher aus einer Hamburger Tierhändlerfamilie stammte, übernahm bereits im Alter von 15 Jahren die Geschäfte des Vaters. Er baute den Großhandel aus, welcher schon bald international agierte. Nach kurzer Zeit entstand unweit der Reeperbahn die heute noch existierende Anlage- 'Hagenbeck's Thierpark'. 1870 war Hagenbeck der größte Tierhändler weltweit, aber als Mitte der Siebziger das Geschäft mit den Tieren stagnierte, sah er sich gezwungen, eine neue Geschäftsidee zu finden.

Auf Anraten des Tiermalers Heinrich Leutemann- einem engen Freund der Familie- entschied er sich, eine neue Attraktion in den Themen- und Tierpark mit einzubinden. Leutemann schlug Hagenbeck vor, die Rentiere, welche dieser beabsichtigte aus Lappland zu kaufen, von einer einheimischen Familie begleiten zu lassen. Er schwärmte davon, wie interessant es sein müsse, die fremden Menschen mit ihren Trachten, Waffen und Gebräuchen zu erleben.[18]

Hagenbeck- von der Idee überzeugt- nutzte die schon existierenden Beziehungen, welcher er über die Jahre hinweg aufgebaut hatte; und so reisten Samen und Lappen gemeinsam mit den Tieren. Auf Grund des völlig unerwartet verbuchten Erfolges, entschloss sich Hagenbeck die Vorstellung in weiteren Städten zu zeigen und fortan Schauen mit Menschen auch aus anderen Ländern der Erde im größeren Rahmen zu organisieren; so wurden im Laufe der Zeit die Hagenbeck'schen Völkerschauen zum 'Synonym' für Exotik schlechthin.[19]

Besonders das ausgeprägte Beziehungsnetz, welches er schon in den Jahren des Handels mit wilden Tieren aufgebaut hatte, waren für Hagenbeck von großem Vorteil. Um die Schauen aber in einem großartig angelegten Rahmen abspielen zu lassen, war ein Gespann von vielen Menschen nötig- aus Agenten, Werbern und Impresarios bestehend.

3.1 Agenten, Werber und Impresarios

Bis zu den eigentlichen Zurschaustellungen und den Vorführungen, welche erst in Varietetheatern, Panoptika oder Zirkussen dargeboten wurden- sich im Laufe der Zeit aber häufiger in Zoologischen Gärten abspielten- musste ein langer, mit bürokratischen Hindernissen bestehender Weg zurück­gelegt werden, denn Fehlkalkulationen konnten schnell- das war den Organisatoren bewusst- zu finanziellen Verlusten oder auch Todesfällen führen.

Anfangs gestaltete sich allerdings- der bestehenden Beziehungen und Einflüsse zum Trotz- die Kooperationen mit den Tiergärten schwierig und so verweigerte beispielshalber der Berliner Zoo Hagenbeck das Zusammenwirken. Denn [o]bwohl eine Zusammenarbeit mit den Zoologischen Gärten in Deutschland mit seinem [Hagenbecks, Anm. d. Verf.] weiten Beziehungsnetz auf der Hand lag, gab es unter den deutschen Zoodirektoren gewisse Anfangsskrupel- so Staehlin (Staehlin 1993: 31)

Da sich die Völkerschauen, auch auf Grund der breitgefächterten Akzeptanz innerhalb der Bevöl­kerung und bei Personen gesellschaftlich gehobenen Ranges- wie dem deutschen Kaiser, welcher 1878 eine Vorstellung besuchte- als äußerst profitträchtiges Geschäft entpuppte, sahen auch die krisengeschüttelten Gärten in den Schauen ihren wirtschaftlichen Aufschwung.

Aus diesem Interesse heraus konnte Hagenbeck letztendlich auch auf ihre Unterstützung zählen. Für die Anwerbung der potentiellen Teilnehmer der Völkerschauen benötigte Hagenbeck ein stabiles Netzwerk aus Helfern. Das Werben war äußerst unterschiedlich und hing von zahlreichen Faktoren ab. Je nach Agent oder Auftragsfirma, den Bestimmungen und Beschränkungen von unter andern Regierungen, Gesetzen der Auswahlländer, der Erfahrung mit den vorherigen Teilnehmern und ihren Verantwortlichen, differenzierten sich auch die 'Qualitätskriterien' der Selektion. Neben externen Beschränkungen waren nach Thode-Aurora folgende Faktoren wichtig: „Fremdheit, physische Besonderheiten sowie pittoreske Lebensweise und Gebräuche, die sich zur Vorführung eigneten“. (Thode-Arora 1989: 60)

Auf die Wirksamkeit der Ethnien auf die Zuschauer wurde besonderer Wert gelegt, aber auch die Rentabilität der Aufwands, die Frage der Kosten, der Gesundheitszustand der Teilnehmer, ihr Alter und Geschlecht, ihre Geschicklichkeit und Können, waren von erheblicher Wichtigkeit für Impresarios, Agenten und Werber. Möglicherweise spielte auch der Grad der Akkulturation eine diverse Rolle, da häufig auch Menschen angeworben wurden, welche in ihre Heimat schon Kontak­te zu Europäern gehabt hatten - sei es im touristischen, wirtschaftlichen oder politischen Bereich.

Dies lässt sich jedenfalls aus einem Schriftverkehr Hagenbecks mit dem Impresario Jacobsen, welcher mit einer Singhalesin verheiratet war, fließend Singhalesisch und Tamil sprechen konnte[20] und für Hagenbeck eine wichtige Kontaktperson darstellte, herauslesen:

Ich habe vorgeschlagen, lieber in die Diskobucht zu gehen, um von dort aus meine Operation zu beginnen. Die Bevölkerung ist dort mehr gewohnt, mit Europäern umzugehen, und die Dinge sind dort kunstfertiger. (Jabosen, zitiert nach Thode-Arora 1989: 67)

Auf der anderen Seite wird allerdings auch berichtet, dass gerade solche Menschen, welche möglichst wenige Kenntnisse der europäischen Sprachen besaßen, ausgewählt wurden- möglicherweise auf Grund der Wahrung von Authentizität und der Befürchtung vor Wider­stand bei Problemen. Zu dem Kreis von Anwerbern zählten neben Kapitänen, ehe-maligen Tierhändlern, Tierfängern, Besitzern von Zoologischen Gärten und Reisenden, zum Teil auch Missionare. Diese sahen in den Ausstellungen die Möglichkeit, dem Publikum den 'gelungenen Prozess' der Missionierung und 'Zivilisierung' der Menschen aus den Auswahlgebieten vorzuführen. Doch nicht alle Vertreter des christlichen Glaubens waren von der Richtigkeit der Ausstellungen überzeugt. Sie setzten sich für die potentiellen Teilnehmer ein, versuchten diese aufzuklären, über negativen Folgen zu informieren.

[...]


[1] Vgl. Staehlin, Balthasar: Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879-1935. Basel 1993, S. 27f.

[2] Vgl. Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung 'exotischer' Menschen in Deutschland 1870-1940. Frankfurt/Main 2005, S.11.

[3] Vgl. hierzu auch Punkt 5 Übersicht über die Völkerschauen.

[4] Vgl. Staehlin (1993:15ff.).

[5] Von Griechisch 'barbar'. Die Römer, die den Griechen anfangs selbst als Barbaren galten, übernahmen die Bezeichnung 'barbarus' für alle Menschen ohne griechisch-römische Bildung.

[6] Vgl. Kuntz- Stahl, Andreas: Der bloße Leib. Bibliographie zu Nacktheit und Körperlichkeit. Frankfurt 1985, S. 88.

[7] Indigene Dorfhäuptlinge; heute Synonym für Großgrundbesitzer.

[8] Vgl. Thode-Arora, Hilke: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt/Main, New York 1989, S. 19.

[9] 1533 entstand am Seineufer in Rouen z.B. ein original nachempfundenes brasilianische Urwalddorf.

[10] Vgl. Thode-Arora (1989: 19).

[11] Als Kammermohr oder Hofmohr bezeichnete man im dt. Sprachraum seit dem 18. Jahrhundert bei Hofe einen Diener schwarzer Hautfarbe, welche aus dem Orient, Afrika und Amerika oft als Kammerdiener oder Page nach Europa geholt bzw. verschleppt wurden. Der Kammermohr diente Herrschern, kirchlichen Würdenträgern oder wohlhabenden Kaufleuten als exotisches Prestigeobjekt und Statussymbol. Er sollte einerseits den Reichtum und Luxus des eigenen Hauses zur Schau stellen, aber vor allen Dingen die weltweiten Handels- und Machtbeziehungen des Eigentümers veranschaulichen. Heutzutage hat der Begriff eine rassistische Annotation.

[12] Vgl. Thode-Arora (1989: 29).

[13] Vgl. Staehlin (1993: 23).

[14] Vgl. Von Plato, Alice: Zwischen Hochkultur und Folklore: Geschichte und Ethnologie auf den französischen Weltausstellungen im 19.Jh. Stuttgart 2006, S. 46.

[15] Vgl. von Plato (2006: 47).

[16] Vgl. von Plato (2006: 60).

[17] Vgl. Dreesbach (2005: 41).

[18] Vgl. Thode-Arora (1989: 11).

[19] Vgl. Dreesbach (2005: 131).

[20] Vgl. ebd. S. 48.

Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640633739
ISBN (Buch)
9783640633968
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151812
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Europäische Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
Völkerschauen Hagenbeck ; Kolonialaustellungen Körper Exotismus Fremdheit

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Titel: Zwischen Exotismus und Erotik, Wissenschaft und Marketing, Kunst und Kommerz'