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Die Pädagogik des Janusz Korczak - Der absolute Wert der Kindheit

Hausarbeit 2003 25 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorwort

2. Sozialisation, Kindheit und Jugend
2.1. Studium und berufliche Orientierung
2.2. Der Schriftsteller Korczak
2.3. Der Arzt Korczak

3. Korczaks Weg zum Pädagogen
3.1. Korczaks Bild vom Kind – Grundprinzipien seiner Pädagogik
„Das Kind wird nicht erst ein Mensch, es ist schon einer.“
3.2. Praktische Pädagogik am Beispiel der Sommerkolonien
„Um Ordnung zu halten, bedarf es in erster Linie der Voraussicht.“
3.3. Praktische Pädagogik am Beispiel der Waisenhäuser Dom Sierot und Nasz Dom
„Das Aufziehen eines Kindes ist keine Spielerei“

4. Die letzten Jahre
4.1. Aufbruchstimmung und Bedrückung
„... alles ist bis zur Verzweiflung anders“
4.2. Die Zeit im Warschauer Ghetto
„Unser Haus ist jetzt ein Altersheim.“

5. (Religions-)pädagogische Relevanz heute

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Erklärung:

1.Vorwort

Wer war dieser polnisch-jüdische Bürgersohn, der Henryk Goldszmit hieß und der sich Janusz Korczak nannte? Wer war dieser Mann, der viele Gaben in sich vereinte und doch nur ein Lebensthema kannte, das Kind ? Wie sieht die Pädagogik aus, die er aus jahrelanger Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und intensiver Beobachtung des Kindes und seines Verhaltens entwickelt hat?

All diesen Fragen bin ich in der vorliegenden Arbeit nachgegangen und hoffe mit ihr dem Leser einen ungefähren Eindruck von Korczaks Person und seiner Philosophie vermitteln zu können. Vernachlässigt habe ich bei meinen Ausführungen die ausführliche Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage Polens und Korczaks literarischen Werkes, da eine angemessene Berücksichtigung dieser Themenbereiche den Rahmen der Arbeit bei weitem übersteigen würde.

Basis dieser Hausarbeit sind neben Biographien auch die beiden umfangreichen pädagogischen Hauptwerke Korczaks, die einen Einblick in sein Leben, seine Arbeit und seine pädagogische Weltanschauung gewähren und die gleichzeitig auch als ausführlicher Ratgeber nutzbar sind.

2. Sozialisation, Kindheit und Jugend

Janusz Korczak wurde als Sohn von Cecylia und Jósef Goldszmit am 22. Juli 1878 oder 1879 in Warschau geboren. Er bekam den Namen Henryk.[1]

Vater Goldszmit war ein angesehener Rechtsanwalt und so konnte die Familie in gemäßigtem bürgerlichen Wohlstand leben.

Obwohl die Familie Goldszmit der jüdischen Religion angehörte, war ihr Leben und die Erziehung der beiden Kinder stark polnisch geprägt; die Kinder besuchten polnische Schulen, alle Hausangestellten waren Polen und Henryk besuchte sogar in der Weihnachtszeit mit seinem Vater Krippenspiele.[2]

Aber auch die jüdische Herkunft und Religion wurde zumindest vom Vater nicht außer Acht gelassen: „Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Tradition seines Volkes und verfaßte eine Reihe von Biographien jüdischer Gelehrter.“[3]

Henryk hatte ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater, der scheinbar eine wechselhafte und inkonsequente Pädagogik verfolgte, was häufig zu Konflikten mit seiner Ehefrau und Schwiegermutter führte. Korczak erinnerte sich später sowohl an aufregende und ungewöhnliche Unternehmungen mit seinem Vater als auch an körperliche Strafen durch ihn.[4]

Die Fassade dieser heilen, bürgerlichen Welt der Familie Goldszmit bröckelte jedoch rasch, als sich die psychischen Leiden des Vaters nicht mehr verheimlichen ließen. Nach mehrmaligen Krankenhausaufenthalten starb er in der Nervenheilanstalt von Tworki. Damit war der soziale Abstieg der Familie besiegelt:

Ein Vermögen zur Absicherung der Familie existierte nicht mehr – der Vater hatte es verspielt. Die kleine Familie war gezwungen, in eine billige Unterkunft umzusiedeln und Henryk musste von seinem zwölften bis zum zwanzigsten Lebensjahr Nachhilfestunden erteilen, um die knappen Finanzen aufzubessern. Anstelle des gewohnten Wohlstandes und der Bequemlichkeit bestimmten von nun an Sorgen, Scham und Mangel das Leben der Familie.[5]

Mit der Schulzeit verknüpfte Korczak eher unangenehme Erinnerungen:

Er besuchte das humanistische Gymnasium in Warschau, in dem, wie an allen staatlichen Schulen, seit dem Anschluss Polens an das Zarenreich die fremde Sprache Russisch die vorgeschriebene Unterrichtssprache war.[6]

„Nach den Berichten Korczaks und vieler seiner Zeitgenossen waren die Schulen eher mit Kadettenanstalten vergleichbar. Die Prügelstrafe stand noch auf der Tagesordnung, und es herrschte ein Ton, der mehr auf Abrichtung zielte als auf vernünftige Bildung.“[7]

Henryk zeigte schon als Kind nach Ansicht seiner Verwandten ein eher ungewöhnliches Verhalten: Sensibel und in sich selbst versunken hing er seinen Träumen nach, beobachtete aber auch sehr genau seine Umwelt und die Menschen, die er in seiner Umgebung wahrnahm. Henryk war nachdenklich und philosophierte gern.[8] Das Verhalten, das Henryk an den Tag legte, beunruhigte seine Mutter, denn „wie alle Bürgersöhne... (war) Henryk dazu bestimmt, einmal noch tüchtiger und wohlhabender zu werden als der Vater.“[9]

Henryk empfand schon früh ein großes Interesse und Mitgefühl für andere Menschen, vor allem für die Angehörigen der sozial benachteiligten Schichten; er wollte helfen und Not und Elend abschaffen.

Diesen Gefühlen standen jedoch die zahlreichen Grenzen und Verbote seiner bürgerlichen Herkunft gegenüber, die er als langweilig und einengend empfand und die ihm kaum Raum ließen für seine Beobachtungen, Phantasie und Philosophien.[10]

Im Jugendalter entwickelte Korczak dann erste Vorstellungen vom Sinn und Zweck seines Lebens. In seinen im Warschauer Ghetto geschriebenen „Erinnerungen“ fasste er seine damaligen Empfindungen und Einsichten zusammen:

„Ich bin nicht dazu da, um geliebt und bewundert zu werden, sondern um selbst zu wirken und zu lieben. Meine Umgebung ist nicht verpflichtet, mir zu helfen, sondern ich habe die Pflicht, mich um die Welt, um den Menschen zu kümmern.“[11]

Diese Befreiung Henryks von den Zwängen seiner bürgerlichen Herkunft wurde begünstigt durch den Wandel der Lebensbedingungen der Familie nach dem Tod des Vaters.

2.1. Studium und berufliche Orientierung

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Gymnasiums sah sich Korczak vor die Entscheidung gestellt, ob er Medizin studieren sollte aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Begabung und weil schon sein Großvater Arzt gewesen war, oder ob er beruflich seinem literarischen Interesse und seiner Schreiblust folgen sollte.[12]

Die Entscheidung fiel zugunsten der Medizin: „ 1898 beginnt Korczak mit dem medizinischen Studium an der Universität Warschau, das er 1904 mit einer Promotion abschließt.“[13]

Neben dem Studium war Korczak stark sozial engagiert. Er setzte sich aktiv für den Abbau der Klassenunterschiede ein und kritisierte heftigst die völlig gegensätzlichen Vorraussetzungen reicher und armer Kinder. Aber so sehr sich Korczak auch für die Bekämpfung des Pauperismus engagierte und sozial Benachteiligten half, wo immer es in seiner Macht stand, „... er blieb politisch ein Einzelgänger“[14] und „... hat, nach eigener Aussage, nie einer politischen Partei angehört,...“.[15]

Er trat dem Warschauer Wohltätigkeitsverein[16] bei und bemühte sich, die Zukunftschancen der ärmsten Kinder zu verbessern. Dazu unterrichtete er diese Kinder in einer privat organisierten Schule und betrieb eine öffentliche, leihgebührfreie Bibliothek.

Aber auch das Schreiben gab er nicht auf und finanzierte sich damit sein Studium.[17]

Seine medizinische Ausbildung an der Warschauer Universität ergänzte Korczak noch durch ein Jahr in Berliner Krankenhäusern, sowie durch ein halbes Jahr Paris. Des weiteren unternahm er eine vierwöchige Reise nach London, um sich über die dortige karitative Arbeit zu informieren.[18] In einer Stellenbewerbung erwähnte Korczak später auch noch die Einblicke in pädagogische Einrichtungen, die er zeitweise als junger Mann kennen lernen konnte: „An den freien Tagen Besuch von Waisenhäusern, Besserungsanstalten und geschlossenen Anstalten für sogenannte verbrecherische Kinder. Ein Monat in einer Schule für zurückgebliebene Kinder, weitere vier Wochen in der Neurologischen Klinik von Ziehen.“[19]

2.2. Der Schriftsteller Korczak

Neben vielen anderen Interessen entdeckte Henryk Goldszmit schon früh seine Leidenschaft zur Literatur. Sein ganzes Leben lang blieb er – trotz zahlreicher anderer Beanspruchungen - schriftstellerisch tätig.

Einem Literaturwettbewerb verdankte Henryk auch seinen heute viel bekannteren Namen Janusz Korczak, der fälschlicherweise durch das Versehen eines Druckers zustande kam.[20] Bereits als junger Student schreibt Korczak bzw. Goldszmit Beiträge für zahlreiche Zeitschriften.

Immer wieder stehen Kinder im Mittelpunkt seiner vielfältigen Schriften, so auch in seinem 1901 veröffentlichten ersten Roman Die Kinder der Straße.[21] Sein zweiter Roman, Kind des Salons, der in den Jahren 1904-1905 während des Russisch-Japanischen Krieges geschrieben und 1906 verlegt wurde, verkörpert eine scharfe Kritik am Bürgertum, wie es Korczak selbst als Kind kennengelernt hatte.[22]

Es folgten in den nächsten Jahren u.a. einige Erzählungen für Kinder, bis dann im Jahre 1918 das erste der beiden wichtigen pädagogischen Hauptwerke Korczaks erschien, Wie man ein Kind lieben soll, welches er während seines Kriegsdienstes im 1. Weltkrieg geschrieben hatte und in das seine Erfahrungen und Beobachtungen als Arzt und Erzieher einflossen.

In seiner schaffensreichsten Periode, den 20 er Jahren, verfasste Korczak unter anderem mehrere Bücher für Kinder und Erwachsene, allen voran das berühmteste polnische Kinderbuch, das Märchen vom König Hänschen. Er gründete 1926 die Kinderzeitung Kleine Rundschau, die als Beilage der Rundschau, der größten jüdischen Tageszeitung Warschaus erschien[23]. 1928 veröffentlichte Korczak sein zweites wichtiges pädagogisches Werk Das Recht des Kindes auf Achtung.[24]

In den Jahren 1934/1935 war Janusz Korczak für den polnischen Rundfunk tätig, in seiner wöchentlichen Sendung Die Radioplaudereien des alten Doktors, in denen er sich an Kinder wandte. Ausgewählte Radiovorträge dieser Zeit wurden 1939 unter dem Titel Fröhliche Pädagogik publiziert. Im Jahre 1937 wurde Korczak der Literaturpreis der polnischen Akademie, der ‚Goldene Lorbeer’, verliehen.[25]

Selbst am Ende seines Lebens, in der Unmenschlichkeit des Warschauer Ghettos, schrieb Korczak noch immer: Hier verfasste er 1942 seine Erinnerungen, die eine Mischung aus Autobiographie, Memoiren und Tagebuchaufzeichnungen sind.

[...]


[1] Vgl. Pelzer, 11.

[2] Vgl. Pelzer, 11/12.

[3] Pelzer, 14.

[4] Vgl. Pelzer, 16.

[5] Vgl. Pelzer, 17 und vgl. Pelz, 13.

[6] Vgl. Pelz, 11 und vgl. Pelzer, 17.

[7] Pelzer, 17.

[8] Vgl. Korczak 1, VII.

[9] Pelz, 8.

[10] Vgl. Pelz, 9 und vgl. Korczak 1, VIII.

[11] Korczak 2, 304.

[12] Vgl. Pelzer,20.

[13] Pelzer, 20.

[14] Pelzer,27.

[15] Dauzenroth, 18.

[16] Um die Jahrhundertwende gab es in Polen praktisch kein funktionierendes soziales Netz. Eine besondere Bedeutung kam daher privaten Initiativen zu, wie eben auch der ‚Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft’, die seit 1822 existierte. Dieser Verein unterhielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Anzahl karitativer Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Kinderheime, Lehrwerkstätten, Volkslesehallen, Volksbäder u.a. sozialer Einrichtungen. Diese privaten Gesellschaften waren angesichts der großen Not unzureichend und Korczak stand ihnen kritisch gegenüber, obgleich er sie auch unterstützte, da es keine andere Armenfürsorge gab.(Vgl. Pelzer,35/36).

[17] Vgl. Pelzer, 20/21.

[18] Vgl. Korczak 2,232.

[19] Dauzenroth, 16/17.

[20] Vgl. Dauzenroth, 17.

[21] Vgl. Pelzer, 142.

[22] Vgl. Pelz, 18.

[23] Die kleine Rundschau lässt erstmals Kinder zu Wort kommen, sie bietet Raum für das, was den Kindern am Herzen liegt. Kinder aller Schichten und Religionen schreiben für das Blatt, das bis 1939 erscheint und dann dem Antisemitismus und der deutschen Besatzung zum Opfer fällt. Vgl. Pelz, 55- 57.

[24] Vgl. Pelzer, 142/143 und vgl. Pelz, 56.

[25] Vgl. Pelzer, 143.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638203852
ISBN (Buch)
9783656202264
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15197
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Pädagogik Janusz Korczak Wert Kindheit

Autor

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