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Kasushäufigkeit im Polnischen

Untersucht an ausgewählten Textabschnitten

Seminararbeit 2003 16 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kasusbegriff und die Kasusfunktionen

3. Die arbeitsleitende Hypothese

4. Die Überprüfung der Hypothese

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Kasus des Polnischen nach ihrer Auftretenshäufigkeit zu untersuchen.

Wir werden zuerst einen Blick auf sprachwissenschaftliche Lexika bzw. Grammatikbücher werfen, um den Kasusbegriff zu erläutern. Danach werden die einzelnen Kasusfälle des Polnischen vorgestellt und ihre syntaktische Funktion beleuchtet. Das besondere Augenmerk dieser Arbeit soll darauf gerichtet werden, eine Hypothese bezüglich der Kasushäufigkeiten aufzustellen und sie anschließend an zwei kontrastiven Texten zu überprüfen.

Wir werden zur unseren empirischen Analyse zwei polnische Texte heranziehen, die sich nach ihrem Sprachniveau deutlich voneinander abheben und bei denen die Existenz von Kasusunterschieden am ehesten zu vermuten wäre.

Darauf wird Auswertung der Ergebnisse der beiden behandelten Texte folgen. Abschließend werden die Untersuchungsergebnisse miteinander verglichen, um die Anfangs formulierte Hypothese (je nach dem Endergebnis) zu bestätigen oder zu widerlegen. Sollte sich dennoch die Kasusverteilung in den zwei Textbeispielen als signifikant erweisen, so wird geprüft, ob die Kasus mit der jeweiligen Textsorte in Zusammenhang stehen.

2. Der Kasusbegriff und die Kasusfunktionen

Um sich näher mit den Kasus befassen zu können ist es zunächst wichtig, den Kasusbegriff zu erklären und die im Polnischen vorkommenden Kasusfälle im Hinblick auf ihre Funktion zu beschreiben.

Hierzu sei auf die Doppeldeutigkeit des Kasusbegriffs hingewiesen. In der Kasustheorie[1] bezieht sich der Kasus auf die semantischen Rollen, die den ver-schiedenen Mitspielern im Satz zugeteilt werden können. Bei diesen Rollen geht es um Einheiten der Inhaltsebene wie Agens, Patient, Instrumental, Lokativ.

In diesem Sinne wird von dem sog. Tiefenkasus oder „semantischen Kasus“ gesprochen. Da der Tiefenkasus kein Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist, wird er hier weiter nicht behandelt.

Von dem Tiefenkasus ist der Oberflächenkasus abzugrenzen. Er wird in den sprachwissenschaftlichen Lexika als „grammatische Kategorie deklinierbarer Wörter, die u.a. zur Kennzeichnung ihrer syntaktischen Funktion im Satz dient und (in Abhängigkeit von dieser Funktion) sich an Rektion und Kongruenz beteiligt.“[2] aufgefasst.

Das Polnische gehört der indoeuropäischen Sprachfamilie an, von der slawisch einen der Sprachzweige bildet. Ursprünglich verfügte das Indogermanische über acht Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ, Lokativ, Instrumental, Vokativ), von denen in den meisten neueren Sprachen nur wenige erhalten geblieben sind[3]. Der Lokativ, Ablativ, Instrumental(is) und teilweise Genitiv wurden in zahlreichen Sprachen durch den Dativ oder Präpositionalphrasen ersetzt, was zur Herausbildung eines Präpositionalkasus [4] führte.

Der Präpositionalkasus ist vor allem in analytischen Sprachen anzutreffen. Hierzu gehört z.B. das Französische, in dem die Kasus durch Präpositionen (Genitiv de, Dativ a΄) ausgedrückt werden.

Es gibt aber auch andere analytische Sprachen wie z.B. die englische, die gut ohne die Kasus auskommen und bei denen die syntaktischen Relationen im Satz hauptsächlich durch feste Wortstellung oder Satzstruktur zum Ausdruck gebracht werden: The house of the father –Das Haus des Vaters.

Gegenüber den erwähnten analytischen Sprachen ist das Polnische, ähnlich wie das Deutsche oder Russische eine stark flektierende Sprache. Dies bedeutet, dass im Polnischen ein Flexionskasus besteht und die einzelnen Kasusfälle durch grammatische Morpheme angezeigt werden.

Die morphologische Markierung durch Kasus erfasst zumeist nicht nur die Kasusbedeutung, sondern ebenfalls die Numerus- und Genusbedeutung mit.

Im Unterschied zur einigen Sprachen, in denen im Laufe ihrer Entwicklung die alten Kasusformen verloren gegangen sind, hat sich im Polnischen das altslawische Kasussystem weitgehend bewahrt.

Gegenwärtig wird in der polnischen Sprache nach 7 Kasus unterschieden, die in den hier aufgelisteten Kontexten auftreten:

1. Nominativ (Mianownik): To jest/To są -Das ist/sind...
2. Genitiv (Dopełniacz): Nie ma – Es gibt kein...
3. Dativ (Celownik): Nic nie mam przeciw –Ich habe nichts gegen…
4. Akkusativ (Biernik): Widzę – Ich sehe…
5. Instrumental (Narzędnik): Władam – Ich beherrsche…
6. Lokativ (Miejscownik): Mówię o – Ich spreche über…
7. Vokativ (Wołacz): Zmień się! –Ändere dich!

Wie oben angedeutet ist Kasus eine der grammatikalischen Kategorien, nach der Wortarten wie: Substantive, Adjektive, Numeralia, Pronomen und Partizipien dekliniert werden. Der Kasus eines Nomens wird durch die Endungen der Wortformen ausgedrückt (S.Tabelle). Dabei ist jedoch bei manchen Wortformen oft schwer zu erkennen, um welchen Kasus es sich handelt, zumal wenn mehrere Kasus zusammengefallen sind.

Den Kasusfall eines Nomens lässt sich eindeutig anhand der Satzstellung (im Polnischen durchaus variabel) und der das Nomen begleitenden Wörter ermitteln. So passen sich z.B. die bei dem Substantiv stehenden Adjektive oder Pronomen dem Kasus des Substantivs an und zeigen somit den betreffenden Fall an.

Die Kasusformen eines polnischen Substantivs seien hier beispielhaft angeführt:

Abbildung in dieserLeseprobenichtenthalten

Bei näherem Betrachten der Tabelle fällt auf, dass Kasusendungen des Akk. und Gen. Sg. mit denen im Akk. und Gen.Pl. übereinstimmen.

Hier handelt es sich um eine Besonderheit der polnischen Sprache, nämlich um die Korrelation der maskulinen Substantive mit der Kategorie Belebtheit.

Im Polnischen werden die Maskulina in personale, (męskoossobowe), belebte (męskożywotne) und unbelebte (męskonieżywotne) eingeteilt.

Bei den Personalmaskulina, die männliche Personen bezeichnen, haben Akkusativ und Genitiv immer dieselbe Form und zwar im Singular wie im Plural:

- Widzę ojca (Akk.Sg.) und nie ma ojca (Gen.Sg.); widzę ojc ó w (Akk.Pl.) und nie ma ojc ó w (Gen.Pl.)

Zu den belebten Maskulina gehören Benennungen für Tiere, Tote, Zigaretten, Namen von Pilzen- und Automarken. Hier ist der Kasuszusammenfall im Akk. und Gen.Sg. charakteristisch: Mam kota (Akk.Sg.) und Nie mam kota (Gen.Sg.)

Die unbelebten Maskulina benennen Unbelebtes und sind im Nom. und Akk.Sg. wie auch Nom. und Akk.Pl. formidentisch, z.B. To jest st ół (Nom.Sg) und widzę stół (Akkk.Sg); To są stoły (Nom.Pl.) und widzę stoły (Akk.Pl.).

[...]


[1] Die Kasustheorie, auch Kasusgrammatik genannt, wurde von Ch. J. Filmore (1968) begründet. Sie entstand als kritische Abwendung von dem sog. Standartmodell der Generativen Transformationsgrammatik Chomskys.

[2] Bußman 1990, S.367.

[3] Als Grund für das Verschwinden einiger Kasus aus dem Indg. wird die Überdeckung ihrer Bedeutungen angegeben, so dass manche Kasus überflüssig wurden. Als zweite Ursache gilt die Endsilbenabschwächung, die den Zusammenfall mehrerer Kasus zur Folge hatte.

[4] In der Grammatik steht der Präpositionalkasus als Gegenbegriff zum reinen Kasus (Flexionskasus) Er ist von Präpositionen abhängig, während der reine Kasus mit Hilfe von Flexionsendungen ausgedrückt wird.

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640645343
ISBN (Buch)
9783640645466
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152164
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Slavistik
Note
2,3
Schlagworte
Kasus im Polnischen

Autor

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Titel: Kasushäufigkeit im Polnischen