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Nur ein "doktrinär-kleinbürgerlicher" Sozialist?

Die Bedeutung Louis Blancs "Organisation der Arbeit" für Karl Marx

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Verhältnis der besitzenden Klasse und dem Proletariat bei Blanc und Marx
2.1. Louis Blanc und die „Tyrannei der Dinge“
2.2. Die Rolle der Konkurrenz innerhalb der Arbeiterschaft bei Marx

3. Strukturelle Überlegungen – Blanc und Marx erkennen das Problem der Landflucht

4. Die Vorstellung von Klassen bei Blanc und Marx
4.1. Zum Klassenbegriff im Allgemeinen
4.2. Die Begriffsverwendung „Proletarier“ in der „Organisation der Arbeit“
4.3. Das Proletariat bei Marx – Relevante Auffassungen

5. Gesellschaftliche Umbrüche für die nachkapitalistischen Ordnungen
5.1. Vorbemerkungen
5.2. Die unterschiedlichen Wege zu einem System der Gerechtigkeit
5.3. Blanc - Genossenschaftswerkstätten als Heilmittel für die „verderbte Ordnung“
5.4. Marx – Mit der Revolution beginnt der historische Dynamisierungsprozess
5.5. Zur Organisation von Arbeit im Kommunismus

6. Zusammenfassung und abschließende Einordnung der sozialistischen Bedeutsamkeit Louis Blancs

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Franzose Louis Blanc (1811-1882) gilt bis heute als einer der bedeutendsten Frühsozialisten, unmittelbar bevor Marx und Engels das Manifest der Kommunistischen Partei im Jahr 1848 veröffentlichten. Zum Einen aufgrund seiner herausragenden empirischen Vorlagen den gesellschaftlichen Zustand der Arbeiterschaft in Frankreich seit den frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts betreffend, zum Anderen aber auch, weil er versuchte mithilfe von theoretischen Konzeptionen Zukunftsentwürfe zu gestalten, die für eine gerechtere Gesellschaftsordnung stehen und die eklatanten Klassenunterschiede beseitigen sollten. Als einer der wenigen Theoretiker bekam er, in der Position des französischen Arbeitsministers, die Gelegenheit, seine Ideen zumindest teilweise in die Tat umzusetzen. Diese waren allerdings nur sehr bedingt in der Praxis anwendbar, was wohl nicht ausschließlich den Wirren der Revolutionsumbrüche im Jahr 1848 geschuldet war. Nach Absetzung der Übergangsregierung flüchtete Blanc noch im selben Jahr über Belgien in das englische Königreich. Von der Insel aus publizierte er weiter und bildete eine starke Stimme gegen die nach wie vor flächendeckende Ausbeutung der Arbeiterschicht. Blancs Interesse galt immerwährend bis zu seiner Heimkehr der Stärkung des Proletariats in seiner französischen Heimat. Im Februar 1871 wurde Blanc, nur ein knappes halbes Jahr nach seiner Rückkehr aus dem Exil, für die Linken in die Nationalversammlung gewählt, welcher er bis zu seinem Tode im Dezember 1882 angehörte.[1]

Als das herausragende Werk Louis Blancs zur theoretischen Konkretisierung der nachkapitalistischen Ordnung muss wohl die Abhandlung zur „Organisation der Arbeit“ aus dem Jahr 1839 angesehen werden, auf das sich der Autor im Folgenden immer wieder bezieht.

In den darauffolgenden Jahrzehnten versuchte mit Karl Marx (1818-1883), der wohl bekannteste deutschsprachige Philosoph und Journalist des 19. Jahrhunderts, ebenso Alternativen für eine gerechtere Gesellschaftsform zu kreieren. Im Allgemeinen wird Marx der Verdienst zugesprochen, Philosophie mit der englischen Ökonomie und dem französischen Frühsozialismus inhaltlich zusammengeführt zu haben.[2] Aus diesem marxschen Anspruch resultiert auch durchaus die Legitimation für einen kontextualen Vergleich der Beiden sozialistischen Vorreiter.

Trotzdessen sich die Ergebnisse der beiden entwickelten Konzeptionen als, in ihrer realen Umsetzbarkeit, höchst unterschiedlich herausstellten, gibt es sowohl bei Louis Blanc als auch bei Karl Marx zahlreiche interessante Ansatzpunkte, in Bezug auf deren persönliche Biografien, genutzte Terminologien oder Einschätzungen der gegenwärtigen Wirtschaftsformen, sowie zur Beurteilung der Lage der Arbeiterschaft, die es lohnenswert machen, beide Theoretiker, bezogen auf die im Folgenden genannten Kontexte miteinander zu verbinden. Auf diesem Weg ergeben sich immer wieder zahlreiche Fragestellungen und Interpretationsmöglichkeiten zu den jeweiligen Sichtweisen Marx´ und Blancs.

Als Rahmen für die Ausarbeitung sollte die Fragestellung stehen, inwiefern sich die nachkapitalistische Gesellschaftsordnung Louis Blancs im Bereich der Arbeit, niedergeschrieben in seinem Werk zur „Organisation der Arbeit“, im Vergleich derjenigen, die Marx in zahlreichen Abhandlungen entwickelte, in einigen zentralen Argumenten oder Vorgehensweisen darstellt?

2. Zum Verhältnis der besitzenden Klasse und dem Proletariat bei Blanc und Marx

2.1. Louis Blanc und die „Tyrannei der Dinge“

Louis Blanc versucht bereits zu Beginn des ersten Buches „Die Industrie“ seine „Organisation der Arbeit“ zu begründen, indem er auf eklatante Missstände in der französischen Arbeitsgesellschaft aufmerksam macht. Im Zentrum seiner Ausführungen steht die Konkurrenz als Grund für das langsame Ausbluten der kompletten Arbeiterschicht Frankreichs. Verelendung, Kriminalität und Landflucht sind nur einige Folgen dieser Tatsache.

Er bedient sich in diesem Zusammenhang zahlreicher empirischer Untersuchungen, beispielsweise indem er aufzeigt, wie stark die hohe Arbeitslosenrate im gesamten Staatsgebiet zu Konkurrenzkämpfen auf dem Arbeitsmarkt führt. Diese vorhandene Konkurrenz um die wenigen zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze veranlasst die Arbeitgeber dazu, die Löhne immer weiter zu drücken und Arbeit an diejenigen unter den Bewerbern zu vergeben, die den geringsten Lohnsatz für ihre Tätigkeit fordern.[3] Dieser sogenannte „Niedergang der Löhne“ würde laut der Blancschen Argumentation zwangsläufig auch zur sukzessiven Vernichtung des Proletariats führen, welches keinerlei Rechte für die Existenzsicherung besitzt, sondern lediglich auf die, zur Zeit nicht gefragte Arbeitskraft zurückgreifen kann. Bereits in den 1830´er Jahren, so zeigt Blanc mithilfe einer Armenstatistik auf, seien ein Drittel der Gesamtbevölkerung arm und ein Neuntel verelendet.[4] Als logische Konsequenz, so führt Louis Blanc fort, werden sich die sozial niederen Schichten kriminalisieren, einfach um physisch weiterexistieren zu können. Den Begriff, welchen er für die Zusammenfassung des Wirkens dieser Faktoren anwendet, benennt er als „Tyrannei der Dinge“.[5]

Insgesamt gibt er also die gesamte Schuld für die ökonomische und daraus resultierend gesellschaftliche Misere der vorherrschenden, verdorbenen wirtschaftlichen Ordnung. Eine Lösung der Problematik findet Blanc nur in der Verankerung eines Rechts auf Arbeit innerhalb einer optimierten Organisation ebendieser in der französischen Verfassung. Dieses Recht fordert er auch immer wieder nach seinem Scheitern als Arbeitsminister mit Schriften aus dem englischen Exil ein.[6]

Blanc nähert sich den Missverhältnissen in der französischen Gesellschaft auf einem streng empirischen Weg. Allen resultierenden Negativerscheinungen für die Bevölkerung werden die Ursachen Konkurrenz und Tyrannei der Dinge beigemessen. Die Wirkungen werden dem Leser immer wieder in tabellarischer Form oder anderweitigen transparenten Analyseverfahren aufgezeigt.

2.2. Die Rolle der Konkurrenz innerhalb der Arbeiterschaft bei Marx

Auch Karl Marx setzt sich intensiv mit den vorherrschenden ökonomischen Verhältnissen in Deutschland, England und dem Rest des westlichen Europas auseinander, bevor er zur Konstruktion seiner nachkapitalistischen Gesellschaftsordnung gelangt. Jedoch beschäftigt er sich auch nachdem das Manifest der Kommunistischen Partei 1848 in London veröffentlicht wurde, mit der Situation der Arbeiterschaft in den westeuropäischen Nationen. Ein Unterschied zu Blanc, der, nachdem er aus dem englischen Exil nach Frankreich zurückkehrte, die Verhältnisse seiner Analysen aus den vorrevolutionären Jahren, allein schon aufgrund seiner langjährigen Abstinenz, wohl als gegenwärtig hinnahm und versuchte diese durch aktive politische Teilnahme in der Nationalversammlung erneut zu verändern. Eine Neuordnung seiner bereits vorhandenen Erkenntnisse nahm er zumindest publizistisch nicht vor. Dieses Faktum liegt schon allein in der Tatsache begründet, dass Blanc die nicht minder ausbeuterischen Verhältnisse zwischen Bourgeoisie und Proletariat in England beobachtet haben musste.

Innerhalb seiner ökonomischen Studien im „Kapital“ von 1867 geht Marx, ebenso wie Blanc knappe 30 Jahre zuvor, intensiv auf die Konkurrenzproblematik auf dem Arbeitsmarkt ein. Das Ergebnis dieser Abhandlung blieb in Bezug auf die erpresste Arbeiterschaft betrachtet identisch mit den Resultaten, die Blanc in seiner „Organisation der Arbeit“ lieferte. Marx erkannte an, dass eine hohe Arbeitslosigkeit zu Konkurrenzsituationen auf dem Arbeitsmarkt führen und dementsprechend die Proletarier in ihrer Zwangslage von den Besitzenden immer weiter finanziell unterdrückt werden.[7] Es darf jedoch bestritten werden, dass Marx sich in seinem abschließenden Urteil, einer Kritik an diesen Ausbeutungsverhältnissen, einzig und allein auf Blanc bezieht. Vielmehr widmete er sich wohl Friedrich Engels Schriften zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“,[8] um diese Ansichten hinsichtlich weiterer Verelendungserscheinungen der Arbeiterschaft zu erweitern. Für Karl Marx gehören zur weiteren Entwertung der Arbeitskraft eines ausgewachsenen Arbeiters, neben dem Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze, zum Beispiel die Einführung von Frauen- und Kinderarbeit sowie die Erschaffung der zwölf- bis 14-Stunden Arbeitstage durch die Kapitalisten.[9]

Alles in Allem herrscht in diesem Punkt also Konsens von Marxens Seite zu den Einschätzungen Blancs. Er hat die Aussagen jedoch in zahlreichen Abhandlungen seit den „ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ ab 1844 oder den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ (1857/58) wesentlich präzisiert und auf den gesamten westeuropäischen Wirtschaftsraum, zumeist ausgehend vom Beispiel Englands, anwendbar gemacht.[10]

Ein Beispiel für diese Präzisierung stellt der Versuch Marxens dar, Zusammenhänge zwischen ökonomische Begrifflichkeiten wie Geld, Wert, Ware oder Kapital zu kreieren, welche seit Jahrhunderten als gegeben akzeptiert worden sind. Falsche Vorstellungen von diesen Zusammenhängen seitens der führenden zeitgenössischen Ökonomen trieben Marx zu dieser Kategorisierung an.[11] Aus dieser Arbeit heraus gelang es Marx beispielsweise, fehlerhafte Funktionsweisen bei der Lohnverteilung im Zeitalter des Kapitalismus zu entlarven. Desweiteren nahm er Unterscheidungen in der Gesellschaft zwischen Besitzenden und Nicht-Besitzenden vor.[12]

[...]


[1] Blanc, Louis, Organisation der Arbeit, Berlin 1899, S. IX-X.

[2] Leidinger, Hannes / Moritz, Verena, Sozialismus, Köln 2008, S. 84 f.

[3] Blanc, Louis, Organisation der Arbeit, Berlin 1899, S. 35 ff.

[4] Blanc, Louis, Organisation der Arbeit, Berlin 1899, S. 45 f.

[5] Ebenda, S. 49.

[6] Blanc, Louis, Das Recht auf Arbeit. Eine Erwiderung an Thiers, in: Blanc, Louis / Thiers, Adolphe, Über die soziale Frage, Breslau 1849, S. 41 ff.

[7] Rohbeck, Johannes, Marx, Leipzig 2006, S. 27.

[8] Engels, Friedrich, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, in: Marx Engels Werke (MEW) Band 2, Berlin 1976, S. 225 ff.

[9] Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Stuttgart 1957, S. 251 ff.

[10] Rohbeck, Johannes, Marx, Leipzig 2006, S. 20.

[11] Ebenda, S. 20 f.

[12] Stieferle, Rolf Peter, Karl Marx. Zur Einführung, Dresden 2007, S. 73 ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640641130
ISBN (Buch)
9783640641062
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152167
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
Karl Marx Louis Blanc Frankreich Werkstätten 1848 Sozialismus Friedrich Engels

Autor

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