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Besiedlung und Bekehrung

Die Rolle von Religion bei der Kolonisierung des amerikanischen Nordostens

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 26 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenprall der Glaubensvorstellungen

3. Der Verlauf der Glaubensfragen
3.1 Bekehrungsversuche
3.1.1 Die Katholiken
3.1.2 Die Protestanten
3.2 Religion im Konflikttransfer

4. Fazit

5. Endnoten

1. Einleitung

In der Gründungs- und Entdeckungsphase des 16. und 17. Jahrhunderts wurden fast alle Kolonisierungsunternehmen in der „neuen Welt“ von Vertretern des christlichen Glaubens begleitet und in entscheidenden Fragen beeinflusst. Das frühe Kolonialzeitalter erlebte ein expansives Christentum, das sich mit dem gegenwärtigen humanistisch/pazifistisch geprägten Christentum nur bedingt vergleichen lässt. Als ergiebigste Quelle von Werten bot Religion ohnehin viel Konfliktpotenzial.

Was heute als religiöse Intoleranz betrachtet würde, wurde jedoch zur Zeit der europäischen Besiedlung allgemein als moralisch legitim akzeptiert. Religion war zu diesem Zeitpunkt für die Europäer der wichtigste Identifikationsschwerpunkt, die Identifikation mit der eigenen Nation oder Klassenzugehörigkeit weit weniger ausschlaggebend.[i] Anfangs bestand auch keine klare Trennung zwischen Religion und Regierung – erst nach Abschluss des westfälischen Friedens 1648 begann sich diese im europäischen Wertesystem langsam zu etablieren. Insofern kann man zumindest die europäischen Kolonien, vor allem die puritanischen Kolonien Neuenglands, bis zum Ende des 17. Jahrhunderts teilweise als theokratisch „abstempeln“. Trotzdem war die Trennung zwischen dem Weltlichen und dem Spirituellen unter den Zuwanderern immer noch wesentlich deutlicher als unter den Einheimischen. Dies zeigte sich insbesondere in den jeweils gegensätzlichen Ansichten zur Natur und deren Funktion. Die Ureinwohner des Kontinents praktizierten Naturreligionen, denen zufolge jedes Lebewesen und jedes Objekt über eine Seele verfügte, die es auch zu gegebenen Anlass zu besänftigen galt. Diese wurden seitens der Neuankömmlinge bzw. Eroberer als inakzeptabler Aberglaube betrachtet, den es zu bekämpfen galt. Folgender Beitrag schildert den Verlauf dieses Konflikts.

2. Zusammenprall der Glaubensvorstellungen

Die zentralen Unterschiede zwischen den einheimischen Religionen und den überwiegend christlichen Zuwanderern wogen schwerer als die doch beachtlichen religiösen Unterschiede unter den Europäern selbst. Diese letztgenannten intrareligiösen Konflikte spielten bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts eine zentrale Rolle, sowohl in Europa als auch in den heranwachsenden Kolonien. Protestanten und Katholiken, als europäische Hauptantagonisten im Wettbewerb um die Seelen der Menschheit, betrachteten sich gegenseitig als „Ungläubige“ bzw. „Ketzer“ und waren trotz der Reformation des 16. Jahrhunderts fest der Überzeugung, dass es nur eine „wahre“ Kirche geben kann. Alle anderen Varianten des christlichen Glaubens galten als fast ebenso falsch wie der heidnische Indianerglaube. Wie stark diese Positionen vertreten wurden, zeigt sich in der Bezeichnung des Papstes als „ der Antichrist von Rom “ durch den Gouverneur der Roanoke-Kolonie, Ralph Lane, oder die Bezeichnung der katholischen Missionare Neufrankreichs als „Ungeziefer“ durch den Puritaner Edward Howes.[ii]

Trotzdem gab es eine gemeinsame Wertebasis, die zwar nicht unmittelbar in intrareligiöse Harmonisierung mündete, aber an der sich eine deutliche Bruchlinie zwischen Europäern und Ureinwohnern abzeichnete. Dies war in erster Linie das universale Menschenbild der Christen. Der Drang zum Missionarischen und die Überzeugung, dass es die heilige Pflicht sei, die gesamte Menschheit zu bekehren, um sie dadurch vor dem vermeintlichen „Fegefeuer“ zu retten, war ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Motivationsgrundlage. Dieser findet allerdings in der historischen Diskussion über das koloniale Nordamerika wenig Erwähnung. Aus Sicht der Ureinwohner hatte diese Überzeugung vor allem den Nachteil, dass sie von allen europäischen Glaubensrichtungen als „Heiden“ betrachtet wurden und damit nicht nur Bekehrungen, sondern auch Enteignungen und Schlimmeres gerechtfertigt werden konnten. Gleichzeitig bot das universale Menschenbild und die angestrebte Integration und Akkulturation bzw. Assimilation in eine christliche Gesellschaft den Ureinwohnern oft, wenn auch nicht immer, Schutz vor mehr säkularen Zielsetzungen, die auf Habgier oder Willkür beruhten. Somit bedrohte das Christentum durch seinen universellen Ansatz und Anspruch zwar eindeutig die Glaubenswelt und Identität der Ureinwohner, stellte jedoch anfangs eher eine kulturelle Gefahr als eine direkte Bedrohung für Leib und Leben dar.

So zeigte sich bald, wohl als Konsequenz dieses Menschenbildes und der Bibel als religiös-philosophische Grundlage, ein intra- und interkultureller Diskurs der kolonisierenden Mächte im Bezug auf die moralische Grundlage beim Umgang mit den Ureinwohnern. Wie auch schon zuvor in den von Spanien besetzten Gebieten im Süden, wo sich der Bischoff von Chiapas 1552 mit der Publizierung einer Anklageschrift, die später als „schwarze Legende“ in die Geschichte eingehen sollte, über die Behandlung der Ureinwohner beschwerte, haben auch die Kirchenvertreter im Norden keineswegs geschwiegen.[iii] Um 1580 bemerkte der englische Katholik und Kolonisierungsbefürworter, dass einige Engländer wohl an ihrem Recht, anderen das Land zu nehmen, Zweifel hegten. 1609, fast zeitgleich mit der Gründung von Jamestown, stellte ein weiterer Befürworter der Kolonisierung die Frage, „By what right or warrant can we enter into the land of these savages, take away their rightful inheritance from them, and plant ourselves in their place, being unwronged or unprovoked by them?“ [iv] Dies waren moralische Fragen, die auf einen Diskurs hindeuten, bei dem auch die „Wilden“ einen Mindestanspruch auf Berücksichtigung als Menschen zu haben schienen. Diese Berücksichtigung zeigte sich auch bei den „Pilgervätern“ und den „Puritanern“, jene beiden protestantischen Splittergruppen, die sich mehr oder weniger als religiöse Flüchtlinge im späteren „Neuengland“ festigten. Gerade bei diesen beiden Gruppen bestand eine kontinuierliche Suche nach dem Willen Gottes, die mit der Suche der Ureinwohner nach dem Willen der Geister durchaus Parallelen aufweist. Diese Suche der Pilger lässt sich als Versuch verstehen, in jedem Erlebnis die Intention Gottes zu interpretieren. Ihr eigenes Handeln war daher durchgehend der kritischen, wenn auch theologischen Selbstanalyse unterworfen.

Als im Mai 1637 puritanische Truppen aus den Neuengland-Kolonien in der Entscheidungsschlacht gegen die Pequots ungefähr vierhundert Gegner, darunter eine große Anzahl von Frauen und Kindern, töteten, hagelte es Kritik aus England. Die Argumente jener, die anderseits einen weniger toleranten Kurs gegenüber der einheimischen Bevölkerung forderten, waren angesichts dessen auch entsprechend bemüht, dieses universale christliche Menschenbild zu hinterfragen, indem die Indianer in der Rhetorik entmenschlicht und als „wilde Bestien“ beschrieben wurden. Andere lehnten sich stärker an den Glauben des ewigen Kampfes zwischen den „Kräften der Finsternis“ und jenen der „Erleuchtung“ an, ein Kampf zwischen Satan und Gott. So rechtfertigte Edward Johnson das Töten so vieler Pequots bei Mystic durch die Begründung: „Der Teufel war in ihnen“.[v]

Ein führender Puritaner, Reverend John Robinson, wies allerdings bereits 1623, während der ersten Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen, jegliche religiöse Rechtfertigungen der Kolonisten zurück, darunter auch die Ansicht, dass sie einen Sieg über die „Kinder Satans“ errungen hätten. In einem Brief an die Gemeinde der Plymouth Kolonie schrieb er sarkastisch: “the killing of those poor Indians…. Oh, how happy a thing it had been, if you had converted some before you had killed any!” [vi] Die Kompromissposition schien gewesen zu sein, dass die Ureinwohner zwar Menschen waren, die Christen jedoch den heiligen Auftrag hatten, ihnen ihre eigene Lebensweise mehr oder weniger aufzuzwingen. Die Diskussion war jedoch niemals eindeutig entschieden oder beendet worden.

Insbesondere im 17. Jahrhundert, jener europäischen Epoche großer religiöser Umbrüche, kommt Alan Taylor bei der Gewichtung der europäischen Interessen im Nordosten des nordamerikanischen Kontinents[vii] zu der Schlussfolgerung, dass die Seelen der Ureinwohner anfangs begehrter waren als deren Land.[viii] Dies scheint sich auch in den außerordentlichen Strapazen und Entbehrungen zu spiegeln, die beispielsweise die Jesuiten Neufrankreichs auf sich nahmen, mit dem Ziel, die Stämme abseits der französischen Siedlungen zu bekehren. Lange und gefährliche Wege führten sie ins Innere des Landes - zu den Stämmen, die sich der Aufnahme der Jesuiten mehr oder weniger verpflichtet hatten. Am Ende konnten viele von ihnen nur geringe Erfolge verbuchen oder fanden sogar den Tod.

An zweiter Stelle stand die „Zähmung“ der Natur, zu welcher sich die Europäer durch den christlichen Auftrag verpflichtet sahen. Die Unterschiede im Verständnis über den Umgang mit Land und Natur erwiesen sich als äußerst konfliktträchtig, da sie sich direkt auf das Verständnis von Landbesitz auswirkten. Das Thema „Land“ begleitet daher die gesamte Konfliktgeschichte Nordamerikas bis ins 19. Jahrhundert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stephan Maninger, Die verlorene Wildnis: Die Eroberung des amerikanischen Nordostens im 17. Jahrhundert, Verlag für Amerikanistik, Wyk auf Foehr, 2009, S. 8.

[...]


[i] Nash, Gary, B.: Red, White and Black – The Peoples of North America, New Jersey, 2000, S. 10

[ii] Kupperman, Karen Ordahl: Indians and English – Facing Off in Early America, Cornell University Press, London, 2000, S. 111

[iii] Tatsächlich zählte zu den gemeinsamen Nennern der sich bekriegenden Fraktionen des Christentums auch der Begriff des „gerechten Krieges“ und die späteren europäischen Kriegsregeln bauten sehr stark auf den christlichen Vorstellungen von Krieg und Kriegsführenden.

[iv] Nash, Gary, B.: Red, White and Black – The Peoples of North America, New Jersey, 2000, S. 51

[v] Cave, Alfred, A.: The Pequot War, University of Massachusetts, 1996, S. 152

[vi] Taylor, Alan: American Colonies, New York, 2001, S. 197

[vii] Im Gegensatz zu den Ansätzen der Spanier im Süden.

[viii] Taylor, Alan: American Colonies, New York, 2001, S. 43

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640642625
ISBN (Buch)
9783640645497
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152228
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches institut
Schlagworte
Nordamerika Kolonisierung Indianer Indianerkriege Konfliktforschung Geschichte Kultur Religion Konflikte Neuengland Neufrankreich Neuholland Virginia Jesuiten Protestanten Katholiken

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