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Aggression: Entstehung und Bewältigung

Können asiatische Kampfkünste der Aggressionsbewältigung dienen?

Hausarbeit 2009 23 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis / Gliederung

1. Einleitung

2. Aggression und ihre Definitionen
2.1 Aggression als potentieller Trieb des Menschen
2.2 Engere versus weitere Aggressionsdefinitionen
2.3 Die Schwierigkeit der Wertfreiheit

3. Aggression und ihre Entstehungstheorien
3.1 Die trieborientierten Entstehungstheorien
3.2 Die Frustrations-Aggressions-Theorie
3.3 Die lernorientieren Entstehungstheorien

4. Aggression in den asiatischen Kampfkünsten
4.1 Das „Do“ als Zeichen eines geistigen Weges und einer Charakterschule
4.2 Einteilung der Kampfkünste in „weiche“ und „harte“ Stile
4.3 Aggressionsbewältigung in den Kampfkünsten am Beispiel Aikido
4.3.1 Die körperliche Dimension
4.3.2 Die geistige Dimension

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis / Quellenangaben

1.Einleitung

Geht man von dem populären Verständnis des Aggressionsbegriffs aus, kann mit Recht behauptet werden, dass es tagtäglich Situationen gibt, in denen wir Aggression ausge- setzt sind. Dabei kann es sich sowohl um Formen körperlicher Aggression, die in aller Regel seltener vorkommen, als auch um verbale Aggression handeln, was weitaus häu- figer der Fall ist. Oftmals geraten Menschen ohne Vorbereitung in Situationen, in denen zwei differente Standpunkte aufeinander treffen, die jedoch jeweils eine völlig andere Lösung anstreben. Manchmal sind wir sogar selbst Ausgangpunkt der Aggression, weil wir mit etwas unzufrieden sind, sich Aggression „angestaut“ hat oder wir einfach keinen anderen Umgang mit der Situation kennen und gelernt haben. Von welchem Standpunkt man Aggression auch betrachtet, bleibt sie dennoch mehr oder minder ein Phänomen, dass auch die Psychologie nicht einheitlich erklären kann. Erkennbar ist allerdings, dass Aggression in unserer Gesellschaft einen immer größer werdenden Stellenwert ein- nimmt. Schulmassaker wie jene in Erfurt oder Winnenden sind der traurige Beweis für einen eingeschlagenen „Trend“ der Gesellschaft. Auf der einen Seite sucht man fieber- haft nach Gründen für diese Entwicklung, doch viel wichtiger erscheint die Frage, wie dieser Entwicklung entgegen gesteuert werden kann.

Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit die Entstehung von Aggres- sion zunächst aus psychologischer Sicht, um in Anschluss daran der Frage nachzuge- hen, inwiefern die asiatischen Kampfkünste einen Beitrag zur Aggressionsbewältigung liefern können. Dies scheint im ersten Moment paradox, da gerade die Kampfkünste oftmals in dem Verruf stehen, aggressionsfördernd zu sein. Aus meiner inzwischen mehrjährigen Erfahrung aus dem Kampfkunstbereich kann ich jedoch berichten, dass dies im Sinne der traditionellen Kampfkünste für mich unmöglich erscheint. Gerade jene Disziplinen, die noch immer stark ihren traditionellen Werten verhaftet sind, lehren Aggressions- und Gewaltfreiheit im Umgang miteinander. Diesen Eindruck gilt es je- doch mithilfe der vorliegenden Arbeit wissenschaftlich zu untersuchen und zu einer nachprüfbaren Aussage hinsichtlich der Fragestellung zu kommen.

2. Aggression und ihre Definitionen

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, existieren einige Unterschiede im individuellen Begriffsverständnis der Aggression, sodass es auch in der Psychologie bei Weitem nicht nur eine akzeptierte Aggressionsdefinition gibt (vgl. Nolting, 1997, S. 21).

Den Anfang machten die so genannte Trieb-Theorien von Sigmund Freud und Konrad Lorenz, die zwar immer noch von einigen wenigen, psychoanalytisch orientierten Wis- senschaftlern geteilt, in der Regel jedoch abgelehnt und in der akademischen Psycholo- gie als überholt angesehen werden (vgl. Finger-Trescher & Trescher, 1992, S. 15).

Während man darüber hinaus auf der einen Seite die „engeren“ Definitionen, in denen man bei Aggression immer von einer Schädigung, einer Verletzung oder einer Schmerz- zufügung ausgeht und die „weiteren“ Definitionen, die ihre Begriffsbestimmung eher vom lateinischen Ursprung des Wortes ableiten, unterscheidet (vgl. Nolting, 1997, S. 22-24), wird Aggression zumeist als „[...] zerstörendes, zumindest aber störendes Ver- halten [...]“ (Finger-Trescher & Trescher, 1992, S. 12) und in jedem Fall als eine Hand- lung (vgl. Lischke, 1973, S. 21) betrachtet. Es existiert außerdem die Ansicht, zwischen aggressiven Affekten, zum Beispiel Wut, Ärger oder ähnlichen, und aggressiven Hand- lungen zu unterscheiden (vgl. Lischke, 1973, S. 21). In diesem Fall spricht man von passiv-getriebener (= Emotion) und aktiv-handelnder (= Handlung) Aggression (vgl. Finger-Trescher & Trescher, 1992, S. 12). Denn „[...] nicht jedes aggressive Gefühl drückt sich in aggressivem Verhalten aus, und nicht jedes aggressive Verhalten beruht auf aggressiven Gefühlen“ (Nolting, 1997, S. 30). Im Folgenden sollen die Definitions- unterschiede näher erläutert werden.

2.1 Aggression als potentieller Trieb des Menschen

Nach Freud ist ein Trieb „[...] eine aus dem Organismus stammende, also biologisch vorgegebene, konstante Kraft, die ein bestimmtes Ziel verfolgt, nämlich Befriedigung zu finden“ (Finger-Trescher & Trescher., 1992, S. 12). Gemäß seiner Theorie existiert als Gegenstück zum Lebens- und Erschaffungstrieb (Eros) der Todes-, oder auch Zer- störungstrieb (Thanatos), unter den alle Aktivitäten als Aggression subsumiert werden, die nicht nicht auf den Lebenstrieb zurückzuführen sind (vgl. Berg et al., 1988, S. 12). Diese Aktivitäten seien folglich schlichtweg „[...] eine offene Äußerung des Todestrie- bes [...]“ (Bandura, 1979, S. 26), die als ein dem Menschen angeborener Trieb zu betrachten seien. Hierbei wird allerdings weiter zwischen nach außen und nach innen ge- richteter Aggression unterschieden (vgl. Bandura, 1979, S. 27). Das Besondere an die- ser Theorie ist vor allem der ihr immanente Pessimismus, denn laut Freud könnten „[...] weder die Befriedigung materieller Bedürfnisse noch die Einführung von Gleichberech- tigung noch andere Verbesserungen der Lebensbedingungen [...]“ das Aggressionsni- veau verändern (Bandura, 1979, S. 27). Es gäbe lediglich Möglichkeiten, die Intensität der Aggressionsauslebung zu modifizieren (vgl. Bandura, 1979, S. 27).

Eine ähnliche Triebtheorie stellte der Ethologe Konrad Lorenz auf, wobei er jedoch sei- ne Rückschlüsse überwiegend aus Beobachtungen der Tierwelt zog (vgl. Bandura, 1979, S. 29). „Für Lorenz schließt Aggression ein Triebsystem ein, das eine eigene Quelle aggressiver Energie unabhängig von externer Stimulation erzeugt; dieser Drang zu kämpfen baut sich allmählich auf, bis er durch einen geeigneten Auslösereiz entladen wird“ (Bandura, 1979, S. 29). In der Tierwelt garantiere dieser Aggressionstrieb so eine Verteilung der Tierbestände über ein bewohnbares Gebiet, eine Regulierung des Nah- rungsmittelverbrauchs (vgl. Bandura, 1979, S. 29) und eine selbstständige Auslese des besten Genmaterials zu Paarungszwecken (vgl. Lischke, 1973, S. 37). Lorenz betonte allerdings, dass er unter Aggression ausschließlich nur den auf Artgenossen gerichteten Kampftrieb verstand, wobei er sich dabei mit seinen eigenen Beispielen teilweise wider- sprach (vgl. Lischke, 1973, S. 37). Ähnlich wie Freud sprach Lorenz davon, Aggression lediglich kanalisieren, nicht aber endgültig bewältigen zu können (vgl. Lischke, 1973, S. 40).

Ein großer Kritikpunkt an beiden triebtheoretischen Ansätzen ist, dass sie die Komple- xität menschlicher Reaktionsmöglichkeiten nur unzureichend mit in ihre Überlegungen einbeziehen (vgl. Bandura, 1979, S. 56). So könne ein einzelner innerer Trieb unmög- lich als Erklärung für die Vielfalt der menschlichen Verhaltensweisen dienen und für diese verantwortlich sein (vgl. Bandura, 1979, S. 56). So wird Triebtheorien sogar un- terstellt, menschliches Verhalten gar nicht erst zu erklären, sondern es lediglich nur neu zu benennen (vgl. Berg et al., 1988, S. 29).

2.2 Engere versus weitere Aggressionsdefinitionen

Die Begriffe „Schaden“ und „Intention“ haben eine besondere Bedeutung innerhalb der großen Gruppe der „engeren“ Aggressionsdefinitionen (vgl. Nolting, 1997, S. 22). Zu ihnen gehören somit jegliche Handlungen, die zwei Komponenten enthalten, nämlich zum Einen eine Schädigung, Verletzung oder Schmerzzufügung und zum Anderen eine darauf abzielende Intention oder Absicht des Handelnden (vgl. Nolting, 1997, S. 22). Ein anderer Begriff anstelle der Intention ist die „Gerichtetheit“, was bedeutet, dass die aggressive Handlung gezielt vom Handelnden auf ein Objekt oder eine Person gerichtet ist (vgl. Nolting, 1997, S. 23). Generell hat der Erfolg der gerichteten Handlung aller- dings keine Relevanz, sodass gemäß dieser Definitionen selbst im Falle eines Nicht- Eintretens des Schadens von Aggression gesprochen wird (vgl. Nolting, 1997, S. 23). Ebenfalls unbedeutend ist in diesem Zusammenhang, ob die Schädigung überhaupt das Ziel einer Handlung ist, oder ein anderes Handlungsziel bestand, da dies dennoch im Rahmen dieser Definition als Aggression verstanden wird (vgl. Nolting, 1997, S. 24). Schwierig zu beurteilen ist hinsichtlich dieser handlungsorientierten Sichtweise auch, inwiefern unterlassene Handlungen als Aggression einzustufen sind (vgl. Nolting, 1997, S. 32). Dies wird in der Literatur zwar mitunter als „Unterlassungsaggression“ bezeich- net, findet in der Regel aber weniger Zuspruch (vgl. Berg et al.., 1988, S. 14).

Vom lateinischen Ursprung des Wortes „aggredi“, was „herangehen“ bedeutet, gehen dagegen die weiter gefassten Definitionen von Aggression aus. In ihrem Sinne werden sogar Handlungen als Aggression eingestuft, die überhaupt keine Schädigung, Verlet- zung oder ähnliches bezwecken. Im Grunde geht der Begriff Aggression so einher mit dem Begriff der Aktivität (vgl. Nolting, 1997, S. 25), sodass demnach jedes Verhalten als Aggression erfasst wäre, „[...] das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt“ (Bach & Goldberg, 1974, S.14). So gesehen ließen sich tagtäg- liche Dinge wie Arbeiten, Wetteifern und kreatives Spielen als aggressive Handlungen interpretieren, was gleichzeitig auch der wissenschaftliche Kritikpunkt dieser Definiti- onsansätze ist (vgl. Nolting, 1997, S. 25). Es sei notwendig, eine Trennung zwischen Aggression und Aktivität vorzunehmen, da eine Gleichstellung dieser Begriffe zu sim- pel erscheint (vgl. Lischke, 1973, S. 22). Auch hier bleibt - ähnlich wie bei den engeren Definitionen - die Frage, wie unterlassene Handlungen zu betrachten sind.

2.3 Die Schwierigkeit der Wertfreiheit

Sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in der Psychologie, geht man überwiegend von einer mit Schadensabsicht ausgeführten Handlung aus, wenn von Aggression gespro- chen wird (vgl. Nolting, 1997, S. 26). Während die Psychologie allerdings Aggression eher objektiv beobachtend als Sachverhalt zu beschreiben und erklären versucht, haftet dem Begriff in der Alltagssprache im Allgemeinen eine gewisse Negativität an (vgl. Nolting, 1997, S. 27). So kommt es dazu, dass man bei Handlungen, die einer bestimm- ten Definition gemäß zur Gruppe der Aggressionen gezählt werden, aber nicht von der jeweiligen gesellschaftlich akzeptierten Norm abweichen, in der Alltagssprache nicht von Aggression spricht. Zu den bereits beschriebenen Komponenten der Schädigung und Intention kommt so also noch jene der Normabweichung oder Unangemessenheit hinzu (vgl. Nolting, 1997, S. 27). Um dies zu verdeutlichen: die Handlung eines in Not- wehr schlagenden Mannes würde - im Gegensatz zur psychologischen Sichtweise - in der Alltagssprache in aller Regel nicht als Aggression bezeichnet werden, obwohl der Akt als solcher alle Komponenten einer Aggressionsdefinition erfüllt, da dieser der ge- sellschaftlich akzeptierten Norm entspricht, sich in Notwehr verteidigen zu dürfen. Da eine solche Norm nicht immer gesellschaftlich akzeptiert sein muss, sondern vielmehr eine subjektive Sichtweise repräsentiert, bleibt in der Alltagssprache viel subjektiver Einfluss darauf, was als Aggression deklariert wird und was nicht (vgl. Nolting, 1997, S. 28). Die Begriffe Normabweichung oder Unangemessenheit unterliegen folglich der individuellen Sichtweise des Handelnden oder Beurteilenden. So findet vielleicht etwa der Vater eines Kindes, dass Ohrfeigen durchaus zur Kindererziehung dazugehören, was eine Etikettierung seiner Handlung als Aggression in seinen Augen unmöglich macht. Ähnliches geschieht mit den Fouls auf dem Fußballplatz: während die Einen sie als dazugehörig empfinden, betrachten Andere sie wiederum als Aggression, die auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hat (vgl. Nolting, 1997, S. 27). Deutlich wird somit, dass - im Gegensatz zur „nüchternen“, analytischen Herangehensweise der Psychologie - der Begriff Aggression in der Alltagssprache nicht nur ausschließlich einen Sachver- halt beschreibt, sondern in aller Regel immanent auch ein Werturteil des Handelnden oder Beurteilenden enthält.

3. Aggression und ihre Entstehungstheorien

Im Gegensatz zu dem vorangegangenen Kapitel, sollen im Folgenden Theorien vorge- stellt werden, die das Entstehen von Aggression zu erklären versuchen. Dabei lassen sich diese grob in zwei große Kategorien einteilen: die triebtheoretischen auf der einen und die lerntheoretischen Ansätze auf der anderen Seite. Als „Sonderfall“ ist hierbei die so genannte Frustrations-Aggressions-Theorie anzusehen, da sie durchaus noch zu den triebtheoretischen Ansätzen gezählt werden kann, obwohl sie dem Menschen innewoh- nende Triebe als treibende Kräfte von Aggression ablehnt (vgl. Bandura, 1979, S. 47).

Da es sich bei den allgemeinen triebtheoretischen Ansätzen, die bereits unter 2.1 erläu- tert wurden, im Grunde genommen um einen Definitionsversuch handelt, dem eine Ent- stehungstheorie implizit ist, sollen diese nur kurz dargestellt werden. In der heutigen akademischen Psychologie sind die lerntheoretischen Ansätze überwiegend akzeptiert, während man von den Triebtheorien deutlich abgewichen ist.

3.1 Die trieborientierten Entstehungstheorien

Wie bereits unter 2.1 beschrieben, erklärten sowohl Sigmund Freud (Psychoanalyse), als auch Konrad Lorenz (Ethologie) die Aggression anhand ihrer jeweiligen Triebtheo- rien. Sie stimmen darin überein, dass sie von einem dem Menschen angeborenen Ag- gressionstrieb ausgehen, der weder verhindert noch bewältigt werden kann, sondern im- mer nach Befriedigung strebt und folglich lediglich im Sinne einer Abschwächung mo- difizierbar sei (vgl. Bandura, 1979, S. 27-30). Überträgt man diese Theorien nun auf die Ebene der Entstehung von Aggressionen, so wird sehr schnell deutlich, dass es im Grunde keiner spezifischen Entstehungserklärung bedarf. Sie „liefern“ eine solche gleich mit, indem sie die nach Befriedigung strebenden Aggressionstriebe und Instinkte des Menschen für jegliche aggressive Handlung verantwortlich machen. In den Wissen- schaft wird dies vor allem deswegen derart kritisch betrachtet, da man auf diese Weise keinesfalls das breite Spektrum von möglichen menschlichen Handlungsmustern erklä- ren kann (vgl. Bandura, 1979, S. 56). So erscheint es zum Beispiel schwer vorstellbar, die Handlung einer in Notwehr schlagenden Person auf aggressive Triebe und Instinkte zurückzuführen, wenngleich ihre Tat - objektiv betrachtet - eindeutig eine Aggression darstellt. Ähnlich verhielte es sich bei der polizeilichen Festnahme eines Deliquenten, wo ebenfalls eine Erklärung anhand der Triebtheorien unpassend wirkt.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640639960
ISBN (Buch)
9783640859764
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152254
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Fachbereich Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Aggression Kampfkunst

Autor

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Titel: Aggression: Entstehung und Bewältigung