Lade Inhalt...

Der Indochina-Krieg von 1945-1954

Von der nationalen Befreiung zur schmerzhaften Dekolonisation. Ausdruck französischer Re- oder amerikanischer Neokolonialisierung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Zweite Weltkrieg als Katalysator des vietnamesischen Nationalismus?
2.1 Die japanische Okkupation – der Anfang vom Ende?
2.2 Ho Chi Minh – Nationalist oder Kommunist?

3. Das Potsdamer Abkommen – Wurzel allen Übels?
3.1 Die britische Ordnungspolitik

4. Internationale Dynamik – von der Re- zur Neokolonialisierung?
4.1 Kommunistische Eindämmung unter dem Deckmantel der Demokratie?
4.2 Die geringe Tragweite der Genfer Indochina-Konferenz

5. Fazit

6. Literatur

Monographien

Sammelbände

Periodika

1. Einleitung

Der Dekolonisationsprozess im Zuge des Zweiten Weltkrieges wird bis dato als Ausgangspunkt diverser Konfliktlagen und neokolonialer Privilegienstrukturen angeführt. Dieser kriegsbedingten Zäsur folgte durch die Charta der Vereinten Nationen von 1945 nicht nur das Ende der in Verruf geratenen Form kolonialer Herrschaftsausübung, sondern auch die Neuordnung der Weltpolitik. So war die Auflösung europäischer Kolonialreiche nach Franz Ansprenger weniger einer afroasiatischen Befreiungspolitik oder der Rückzugsbereitschaft der Kolonialmächte geschuldet, als primär dem internationalen System (Vgl. Ansprenger; Bechtold 1985: 299). Konflikte zwischen Mutterland und Kolonie wurden durch die globale Bipolarität zwischen den USA und der Sowjetunion zunehmend instrumentalisiert und die ehemaligen britischen und französischen Kolonialherren – im Schachjargon gesprochen – zu Bauern degradiert (Vgl. Martel 2000: 403).

Der Begriff Dekolonisation impliziert die nachkoloniale Staatsbildung. Diese erfolgt entweder qua Aufgabe der externen politischen Souveränität und dem damit einhergehenden Machttransfer vom Empire an den Nationalstaat oder qua nationaler Befreiung, indem politische Bewegungen die Massen gegen die Kolonialherren mobilisieren können (Vgl. Springhall 2001: 2f.). Obwohl Wolfgang Reinhard behauptet, dass die Dekolonisation in Asien deshalb erfolgreicher als in Afrika verlaufen ist, da ein längerer Zeitraum zur Verfügung stand, der es möglich machte, Problemlösungen zu finden und politische Verhaltensmuster einzuüben (Vgl. Reinhard; Reinhard 1999: 355), muss gesagt werden, dass gerade Indochina einen schmerzhaften Sonderfall darstellt.

Die 1887 von der französischen Kolonialmacht zusammengefasste Union Indochinoise sollte sich zwar als rohstoffreiche, aber auch anspruchsvolle Kolonie erweisen. So ließ sich die indigene Bevölkerung aufgrund der heterogenen Religiosität von Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus von der katholischen Missionierung Frankreichs nur allzu schwer begeistern. Darüber hinaus stieß der französische Assimilationsglaube, mit Montesquieu, Voltaire, Rousseau oder Diderot im Rücken der Physik ähnelnde universale Gesetze erlassen zu können, die allen Gesellschaften auferlegt werden konnten, nicht nur auf Gegenliebe (Vgl. Chamberlain 1999: 71). Das Prestigeobjekt und Juwel in der Krone des französischen kolonialen Empires verlangte folglich einen hohen Tribut und sollte sich infolge struktureller Defizite und des Zweiten Weltkrieges zu einem Schandfleck französischer Kolonialgeschichte entwickeln.

Der Forschungsstand ist nicht so einmütig, wie es scheint. Es herrschen in der Literatur zwar durchaus Konvergenzen bezüglich der französischen Assimilationsstrategie und des damit einhergegangenen Zentralismus, die unweigerlich zu indigenem Missmut führen mussten. Viel interessanter ist jedoch die Frage nach den Auswirkungen der Koinzidenz diverser Faktoren, die sich potenzierend auf die französische Ohnmacht auswirkten. So müssen bei der Betrachtung des Indochina-Krieges nationale und internationale Erklärungsansätze berücksichtigt werden. Markiert Peter Neville die endgültige Beendigung französischer Kolonialherrschaft mit dem japanischen coup de force vom 9. März 1945, der die von Konfusionen zwischen Résistance und Vichy-Regime geplagte französische Administration im Zuge der Entwicklungen im Pazifik-Krieg vollständig beseitigte (Vgl. Neville 2007: 40), so setzt Martin Shipway das Ende des französischen Kolonialmachtanspruchs erst mit dem Ausbruch des Indochina-Krieges im Dezember 1946 als Resultat des Scheiterns politischer Führung im Lichte ideologischer und machtpolitischer Wechsel nach dem Zweiten Weltkrieg (Vgl. Shipway; Holland 1993: 1). Nach Jacques Dalloz erfährt der französische Kolonialmachtanspruch gar erst mit dem Sieg des Kommunismus in China und der damit einhergehenden neuen militärischen und politischen Dimension eine Absage (Vgl. Dalloz 1987: 176). Gareth Porter sieht aus Sicht der Franzosen darüber hinaus die Wurzel allen Übels nicht nur beim kommunistischen Sieg in China, sondern auch durch die sich offenbarende – ökonomisch bedingte – Rückständigkeit sowjetischer Schlagkräftigkeit, die im Zuge des Korea-Krieges evident wurde und folglich ein selbstbewusstes und aggressives Auftreten der USA begünstigte, auch in Indochina (Vgl. Porter 2005: 2f.).

Ausgehend von der Fragestellung, ob der Weg von der nationalen Befreiung der Vietnamesen 1945 hin zur schmerzhaften Dekolonisation seitens der Franzosen im Jahre 1954 nur so beschritten werden konnte und inwieweit der Indochina-Krieg Ausdruck des Versuchs französischer Re- oder amerikanischer Neokolonialisierung war, soll sich die Arbeit mit relevanten nationalen und internationalen Erklärungsansätzen auseinander setzen. Diesbezüglich sollen im ersten Abschnitt die Vorkriegs- und Kriegsjahre untersucht werden, die für die Entwicklung eines vietnamesischen Nationalbewusstseins und das Schwinden des französischen Einflusses von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnten. Im zweiten Abschnitt soll sich die Arbeit im Zuge des Potsdamer Abkommens mit der bewussten Ignorierung vietnamesischer Nationalstaatsbemühungen und der – trotz des antikolonialen Impetus seitens der USA und Sowjetunion – damit einhergegangenen (post-) kolonialen Stabilisierungsmaßnahmen beschäftigt werden, die im Hinblick auf eine gewisse Pfadabhängigkeit als Wurzel allen Übels gelten könnten. Der dritte Abschnitt soll der zunehmenden internationalen (Eigen-) Dynamik gewidmet werden, um aufzuzeigen, welche militärischen und politischen Dimensionen die französische Ohnmacht verstärkten.

2. Der Zweite Weltkrieg als Katalysator des vietnamesischen Nationalismus?

Wie oben bereits erwähnt, kann der Indochina-Krieg als Resultat des Scheiterns oder Zusammenbruchs politischer Führung betrachtet werden. Strukturelle Defizite wie chronischer Kapitalmangel und unzureichende Industrialisierung mangels privatem Unternehmertum im Zuge des ständigen Abhängigkeitsverhältnisses Indochinas zum Mutterland, das diese Kolonie auf den Status eines Lieferanten von Agrar- und Rohstoffprodukten und eines Abnehmers französischer Industriegüter reduzierte, verhinderten eine organische Entwicklung und schufen großen Missmut (Vgl. Grupp; Bechtold 1985: 287). Entscheidend hierbei ist die in den 1930er-Jahren von den Franzosen – im Gegensatz zu den realpolitisch agierenden Briten – forcierte Assimilation, die den Höhepunkt der mission civilatrice darstellen sollte. Probleme vor Ort wurden zwar von den kommunistischen Vietnamesen artikuliert, aber vom strengen, autoritären und bürokratischen französischen Verwaltungszentralismus nicht geduldet, so dass „in 1931 the French Foreign Legion wreaked a terrible revenge on the Vietnamese population for the 1930 revolt. This was known as the White Terror which did have the result of eliminating about 90 per cent of the Indochinese Communist Party“ (Neville 2007: 13). Erst der Verlauf der Kriegsjahre sollte das vietnamesische Nationalbewusstsein jedoch entscheidend stärken. So trugen neben der japanischen Okkupation Indochinas auch die deutsche Besetzung Frankreichs und der seitens der USA unter Franklin Delano Roosevelt praktizierte Antiimperialismus dazu bei, dass der französische Einfluss und die damit verbundene Handlungsfähigkeit sehr gering waren. Die Beendigung des Pazifik-Krieges und die damit einhergegangene japanische Kapitulation sollten ein Machtvakuum hinterlassen, das seitens der Franzosen nicht mehr gefüllt werden konnte und eo ipso als Humus für einen revolutionären Nationalismus fungieren sollte (Vgl. Louis und Robinson 1994: 471).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640641857
ISBN (Buch)
9783640642410
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152330
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
Indochina-Krieg Dekolonisation Unabhängigkeit Frankreich Kolonialmacht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Indochina-Krieg von 1945-1954