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Die Kinderfrage im Kontext des sozialen Wandels von Familie und Paarbeziehung

Eine quantitative Erhebung bei Studierenden

Seminararbeit 2009 39 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage (Prolog)
1.2 Fragestellung
1.3 Hypothesen
1.4 Aufbau der Arbeit - Kapitelinhalte

2 Theorie
2.1 Erklarungsansatze zur Fertilitat - theoretische Grundlagen
2.2 Befunde ausgewahlter Studien - empirischer Stand der Forschung

3 Empirie
3.1 Auskunft zur Datenbasis
3.2 Auswertung der Umfragedaten
3.2.1 Soziodemographische Merkmale der Untersuchungspopulation..
3.2.2 Oberprufung der Hypothesen - Erorterung
3.2.3 Nachtrag zu vorstellbaren Interaktionen

4 Fazit
4.2 AbschlieRende Diskussion und Beantwortung der Fragestellung
4.2 Personliche Erkenntnis (Epilog)

Literatur

Anhang
A. Methode
B. Stichprobe
C. Fragebogen
D. Email-Versand und Publikation der Umfrage im OLAT
E. Deklaration

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage

Die Idee und die Konzeption zur vorliegenden Arbeit entstanden im Rahmen einer Forschungswerkstatt im Fachbereich Sozialpadagogik. Die Veranstaltung wurde un- ter dem programmatischen Titel ,Familie und Aufwachsen - the impact of gender‘ durchgefuhrt. Sie verlief uber zwei Semester, Herbst 2007 und Fruhjahr 2008.

Wenn man in einer Untersuchung plausible Antworten auf Fragen finden will, die so- ziale Subsysteme wie bspw. die Familie betreffen, durfen die historischen Rahmen- bedingungen selbstverstandlich nicht auRer Acht gelassen werden. Dies ist deshalb so wichtig, weil sich die meisten Gesellschaften erfahrungsgemaR im Laufe der Zeit verandern. Dabei sind es, von auReren Einflussen abgesehen, fast immer die ab- wechslungsreichen Bedurfnisse des Menschen, die solche Veranderungen bewirken, sich schlieRlich im Kollektiv realisieren und vorubergehend eine Kultur pragen. Derar- tige Entwicklungsgange sind gewissermaRen ein Naturgesetz, welches den Men­schen anbelangt und ihn zu kontinuierlichen Aktualisierungsprozessen antreibt. Im Zusammenhang mit diesen jeweils bedeutungsvollen Entwicklungen, welche die ge- samte Gesellschaft betreffen, spricht man auch von sozialem Wandel.

Unter der Begriffseinheit ,sozialer Wandel‘ subsumiert man verschiedene gesell- schaftliche Umwalzungsprozesse, die uber einen bestimmten Zeitraum verlaufen und zu einer veranderten Sozialstruktur fuhren. Sozialer Wandel brachte beispielsweise die Franzosische Revolution. Sie setzte die Standeordnung auRer Kraft und verhalf dem Burgertum zum Durchbruch.

Die Industrielle Revolution (Industrialisierung) lautete das Maschinenzeitalter ein, das neben der Wirtschaft wiederum alle Bereiche der Gesellschaft tangiert und den Obergang zur Moderne markiert.

Im Kontext des sozialen Wandels modifizieren sich dementsprechend die Strukturen, innerhalb derer die Menschen ihr Leben organisieren und koordinieren. An diesen Restrukturierungsprozessen partizipieren sowohl private als auch offentliche Instituti- onen. So hat sich auch die Familienstruktur im Lauf der Zeit gewandelt, wobei ande- re Lebensformen einen Bedeutungszuwachs erfuhren.

Die Auseinandersetzung mit Familienformen im sozialen Wandel stoRt auf eine Viel- zahl von Fragen, darunter die Frage, ob die Institutionen Ehe und Familie noch zeit- gemaR sind oder ihre Glaubwurdigkeit eingebuRt haben. Derartige MutmaRungen stehen in einem engen Zusammenhang mit demographischen Entwicklungen: Ab- nehmende Heiratsneigung bzw. weniger EheschlieRungen, zunehmende Zahl von Ehescheidungen, sinkende Geburtenrate, gewollte Kinderlosigkeit, Oberalterung der Gesellschaft.

Diese Wandlungsprozesse der Bevolkerungsstruktur, insbesondere die der familialen Struktur, haben Auswirkungen auf die Paarbeziehung, das Verhaltnis der Geschlech- ter zueinander und nicht zuletzt auf das Aufwachsen von Kindern. Im Leitbild des Familienmodells der burgerlichen Kleinfamilie wurde die Rollenverteilung noch klar nach Geschlecht bestimmt. Heute haben sich die Familienmodelle in Paarhaushalten differenziert und modernisiert. In Beziehungen, wo die Gleichstellung zwischen Mann und Frau weitgehend realisiert ist, spricht man vom egalitar-erwerbsbezogenen oder vom egalitar-familienbezogenen Modell[1]. Bei der erstgenannten Variante sind beide Elternteile Vollzeit erwerbstatig, bei letzterer arbeiten beide in einer Teilzeitanstel- lung. Mit den unterschiedlichen Familienmodellen und den jeweiligen Wertorientie- rungen von Paaren verbunden ist der Spielraum, der fur die Betreuung und Erzie- hung von Kindern entsteht.

In einzelnen Diskussionen uber die gesunkenen Geburtenzahlen und die zunehmend gewollte Kinderlosigkeit wird die Politik aufgefordert, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Familie und Erwerbsleben zukunftig besser miteinander vereinbart werden konnen. Bei der Umsetzung dieses Ziels soll im Sinne des Rufs nach Gleich- berechtigung die geschlechtsspezifische Benachteiligung vermieden werden.

Gerade weil die Bedingungen zur Vereinbarung des privaten Bereichs (Familie) mit dem offentlichen Bereich (Beruf) derzeit alles andere als ideal sind, mussen sich Paare gut uberlegen, ob sie uberhaupt eine Familie grunden oder besser kinderlos bleiben wollen.

Innerhalb der angedeuteten Debatten uber den Wandel von Familienformen, demo- graphische Entwicklungen und Reflexionen bezuglich des Geschlechterverhaltnisses nimmt die Kinderfrage, also die Entscheidung fur oder gegen Kinder, eine zentrale Stellung ein. Kinder sind nicht nur eine private Angelegenheit, sie haben eine ge- samtgesellschaftliche Bedeutung. Denn sie sind es, die den Fortbestand einer Ge- sellschaft und Kultur gewahrleisten.

Ausgehend von den erwahnten Entwicklungen, insbesondere den sinkenden Gebur- tenzahlen und der zunehmend gewollten Kinderlosigkeit, interessieren mich vorran- gig die Problemstellungen, welche sich bei der Entscheidung fur oder gegen Kinder ergeben. Welche Beweggrunde sprechen heutzutage uberhaupt noch fur die Reali- sierung eines Kinderwunschs bzw. fur die Grundung einer Familie? Welche Voraus- setzungen erachten potentielle Mutter und Vater dabei als wichtig? Welche Konse- quenzen befurchten sie? Wie beurteilen Frauen und Manner die gesellschaftlichen Strukturen, in denen Mutterschaft/Vaterschaft stattfindet? Zeigen sich bei den Ant- worten zu all diesen Fragen geschlechtsspezifische Unterschiede, speziell hinsicht- lich von Einstellungen und Beweggrunden zur Elternschaft?

1.2 Fragestellung

Inhalte und Streitpunkte der aktuellen Debatte zur Kinderfrage stehen, wie erwahnt, in einem engen Zusammenhang mit Themen zum Geschlechterverhaltnis. Diesbe- zuglich besondere Aufmerksamkeit kommt der Bestrebung zu, familienpolitisch eine solide Basis zu schaffen, welche die gleichgestellte Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau im offentlichen und privaten Bereich ermoglicht[2], gerade auch oder beson- ders dann, wenn Kinder ,im Spiel‘ sind.

Die personliche Auseinandersetzung mit der Kinderfrage involviert derweil nicht nur die grundlegenden Wertorientierungen[3] (oder Lebensziele) des betreffenden Indivi- duums, sondern auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im historischen Kontext. Neben individuellen Gberlegungen und vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen ist die Entscheidungssituation ,pro oder contra Kinder‘ erganzend de- terminiert durch die Entwicklung der Paarbeziehung, den (favorisierten) Lebensstil, die okonomischen Ressourcen (Einkommen, Vermogen), die berufliche Situation, die soziale und kulturelle Herkunft.

Vor dem skizzierten Hintergrund des sozialen Wandels von Familie und Paarbezie­hung (Kap. 1.1) soll in dieser Arbeit nun eruiert werden, welche Gegebenheiten der Gegenwart (z.B. personliche Lebensziele und/oder gesellschaftliche Strukturen) nach Meinung der Befragten die Lebensplanung in Bezug auf Elternschaft beeinflussen. Dabei stehen, wie angekundigt, die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Mittel- punkt dieser Untersuchung.

Deshalb lautet die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegende Fragestellung: Unter- scheiden sich die Geschlechter grundsatzlich in ihren Einstellungen zur Kinderfrage und in den Motiven, welche fur oder gegen die Realisierung eines Kinderwunsches sprechen?

1.3 Hypothesen

Auf der Grundlage von Befunden ausgewahlter Studien (Kap. 2.2) und theoriebasie- renden Konzeptionen der einschlagigen Literatur (Kap. 2.1) lassen sich nachfolgend ausgewahlte Hypothesen[4] ableiten, welche dann anhand der zu diesem Zweck erho- benen Daten (s. im Anhang: Methode, Stichprobe) uberpruft werden.

1. Hypothese:

Die Entscheidung fur ein Kind lasst sich bei Frauen im Vergleich zu Mannern eher auf immaterielle Beweggrunde[5] zuruckfuhren. Das bedeutet, dass die Realisierung ihres Kinderwunsches emotional motiviert und mit Sinnfragen verbunden ist.

Bei Mannern hingegen finden sich tendenziell instrumentelle Beweggrunde[6], die mit dem Entschluss eine Familie zu grunden einhergehen.

Im Vergleich zu Frauen sind bei Mannern zudem die Hinderungsgrunde zur Eltern- schaft starker ausgepragt. Das heiRt, dass Manner starker als Frauen personliche Einschrankungen im privaten, beruflichen und/oder im Freizeit-Bereich, okonomische Nachteile oder andere vermutete Belastungen (z.B. Opportunitatskosten) befurchten, die eine Gefahrdung fur ihren gewohnten Lebensstil darstellen konnten.

2. Hypothese:

Bei Mannern, die aktuell in einer Paarbeziehung leben, sind die immateriellen Motive zur Realisierung eines Kinderwunsches starker und die instrumentellen schwacher ausgepragt als bei Mannern ohne Partner (aktuell keine Paarbeziehung). Bei Frauen ist dieser Beziehungseffekt vergleichsweise bedeutungslos.

3. Hypothese:

Altere Befragte gewichten im Vergleich zu jungeren starker immaterielle Beweggrun- de zur Elternschaft. „Diese Tendenz ist dabei bei Frauen starker ausgepragt als bei Mannern“ (Brahler et. al. 2000b, S. 5).

Die alteren Probanden haben im Vergleich zu den jungeren auch weniger Befurch- tungen hinsichtlich personlicher Einschrankungen und Probleme im Zusammenhang mit Elternschaft; und sie erleben die materielle und soziale Unterstutzung „in einem geringeren Masse als unzureichend“ (vgl. ebd.).

4. Hypothese:

Das an der Umfrage gezeigte Antwortverhalten von Eltern bezuglich personlicher Einstellungen zur Kinderfrage als auch bei der Beurteilung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheidet sich von dem, welches Probanden ohne Kinder zeigen.

5. Hypothese:

In der 1. Hypothese wird die Annahme formuliert, dass Mannern im Vergleich zu Frauen angesichts von Elternschaft starker ausgepragte Befurchtungen[7] haben. Die- se Befurchtungen sind bei kinderlosen Mannern nochmals starker ausgepragt als bei Mannern mit Kindern.

Kinderlose Frauen hingegen befurchten im Vergleich zu Mannern (mit und ohne Kin­der) sehr viel haufiger einen Konflikt zwischen ihren beruflichen Zielen und den Kin- derplanen.

6. Hypothese:

Befragte mit landlicher Herkunft oder vorstadtischem Wohnsitz haben weniger Be- denken hinsichtlich ihrer Familiengrundungsabsichten als Befragte mit stadtischer Herkunft oder urbanem Wohnsitz. Dies gilt fur Frauen wie Manner.

1.4 Aufbau der Arbeit - Kapitelinhalte

Die Einleitung im Kapitel 1 beinhaltet Problemstellung (Ausgangslage), Fragestel- lung, Leitfragen bzw. Hypothesen.

In Kapitel 2 folgt eine Obersicht von theoretischen Zugangen zur Thematik ,Fertilitat‘ (Kap. 2.1) und eine Darlegung von Befunden aus drei ausgewahlten empirischen Studien (Kap. 2.2), die bezuglich meiner Fragestellung bedeutsam sind. Die Befunde zu den erwahnten spezifischen Problemen geben den aktuellen Stand der Forschung wieder.

In Kapitel 3 werden die Erhebung (Kap. 3.1) und die Auswertung (Kap. 3.2) der eige- nen empirischen Daten dargelegt.

In Kapitel 4 werden die Fragestellung beantwortet und die Ergebnisse (Kap. 3.2.2) in einer abschliessenden Diskussion (Kap. 4.1) kommentiert. Im Schlusswort schildere ich personlich gewonnene Eindrucke (Kap. 4.2).

Die Literaturangaben und die im Anhang besprochenen Sachverhalte bezuglich Me- thode, Stichprobe, Fragebogen komplettieren die vorliegende Arbeit.

2 Theorie

2.1 Erklarungen zur Fertilitat - theoretische Grundlagen

Das Phanomen der rucklaufigen Geburtenzahlen ist nicht neu. In vielen modernen Gesellschaften setzte es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Man spricht in diesem Zusammenhang vom (ersten) demographischen Gbergang (1900-1925), der eine Reduktion der Anzahl Kinder pro Ehe auf durchschnittlich zwei zur Folge hatte (vgl. Peuckert 2008, S. 114). Charakteristisch fur den demographischen Ubergang waren auRerdem die sich annahernden Geburten- und Sterbeziffern, auf einem rela- tivtiefen Niveau (vgl. Hill/Kopp 2006, S. 191; Sackmann 2007, S. 170). In den Jahren von 1965 bis 1975 verzeichnete man insbesondere in Deutschland erneut einen frappanten Geburtenruckgang (Peuckert 2008, ebd.). Dieser Zeitraum markiert, laut einigen Autoren (z.B. Beck-Gernsheim 2006; Peuckert 2008), den zweiten demogra­phischen Gbergang. Wahrend im ausgehenden 19. Jahrhundert nur die Kinderzahl zur Diskussion stand, wurde neu auch die Lebensplanung mit Kindern oder ohne sie fur eine breiter werdende Gruppe von Frauen zur Entscheidungssituation (vgl. Beck- Gernsheim 2006, S. 101f.) Ein Anlass fur eine Reihe von zunachst theoretischen Er- klarungsversuchen und anschlieRenden empirischen Untersuchungen war gegeben (vgl. Peuckert 2008, S. 114).

In Anbetracht des langfristigen Geburtenruckgangs und der gegenwartig zunehmend beabsichtigten Kinderlosigkeit stellen sich mindestens zwei drangende Fragen: Ers- tens: Warum sind Problemstellungen bezuglich Fertilitat oder generativem Verhalten[8] immer wieder aktuell und warum gerade heute? Zweitens: Wie lassen sich die bei- den Entwicklungen ,Geburtenruckgang‘ und ,Kinderlosigkeit‘ erklaren?

Die erste Frage kann folgendermaRen beantwortet werden: Die Zusammensetzung der Bevolkerung hat weitgehende Konsequenzen fur das Zusammenleben in einer Gesellschaft. In der aktuellen Debatte um den demographischen Wandel wird die sich verandernde Bevolkerungsstruktur bspw. im Kontext von sozialen Sicherungs- systemen relevant. Angesichts der demographischen Lage[9] diskutiert man eine Neu- gestaltung der einzelnen Sozialversicherungen, vor allem in der Altersvorsorge und im Gesundheitsbereich.

Antworten auf die zweite Frage, die Frage, wie sich der langfristige Geburtenruck- gang und die zunehmend beabsichtigte Kinderlosigkeit erklaren lassen, finden sich in der folgenden Theorie-Obersicht zur Fertilitat:

Die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Erklarungsansatze des generativen Verhaltens lassen sich einteilen in soziologische, soziookonomische und sozialpsy- chologische. Erstere untersuchen vor allem die Bedeutung von soziostrukturellen und soziokulturellen Bedingungen der Fertilitat. Den okonomischen Ansatzen zufolge spielen rationale Kosten-Nutzen-Analysen auch bei der Kinderfrage eine entschei- dende Rolle. Und schlieRlich untersuchen die psychologischen Ansatze den Einfluss von subjektiven Einstellungen und Personlichkeitsmerkmalen auf Entscheidungspro- zesse hinsichtlich des Geburtenverhaltens (vgl. Carl 2002, S. 32ff.).

„Erste Oberlegungen zu einer Theorie der Fruchtbarkeit und den daraus entstehen- den Folgerungen fur die Bevolkerung finden sich schon in der Abhandlung uber das Bevolkerungsgesetz von Thomas Robert Malthus aus dem Jahre 1798“ (Hill/Kopp 2006, S. 188). Malthus war ein britischer Okonom und Sozialphilosoph. Den Kern seines Ansatzes bildet die Annahme, dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem Fertilitatsniveau bestehe. Eine wesentliche Vo- raussetzung fur die Bevolkerungs- und Wirtschaftsentwicklung sei dabei die verfug- bare Nahrungsmittelgrundlage. Das Bevolkerungswachstum hange des Weiteren ab vom Fortpflanzungstrieb. Die Malthussche Theorie hat sich in verschiedenen Punk- ten nicht bestatigt. So weisen bspw. gerade hochindustrialisierte Lander das gerings- te Bevolkerungswachstum auf, was eher fur einen negativen Zusammenhang zwi­schen Prosperitat und Geburtenzahl spricht (vgl. op.cit., S. 190).

Ein weiterer Erklarungsansatz bieten die Wohlstandstheorie und die These der kon- kurrierenden Genusse. Diesbezugliche Oberlegungen gehen vor allem von Lujo Brentano und seinem Schuler Paul Mombert aus. Die Entstehung der Wohlstands­theorie basiert auf den Beobachtungen des Geburtenruckgangs um 1900, der gemaR Brentano auf die Abnahme der EheschlieRungen und eine infolgedessen niedrigere Geburtenzahl zuruckzufuhren sei. Brentano erkannte, dass die abnehmende Hei- ratsneigung mit der zunehmenden Frauenerwerbstatigkeit und mit einem Funktions- wandel der Ehe zusammenhange. Anno dazumal anderten sich die Lebensbedin- gungen ohnehin abenteuerlich, insbesondere fur Frauen: „Mit der Zunahme neuer Erfindungen und Entdeckungen, von Handel und Wandel, mit der allgemeinen Ver- breitung von Erziehung und Bildung wurden Interessenskreis und Geschmack von Mannern und Frauen erweitert, ihre Bedurfnisse wurden vermehrt, neue Freuden und Genusse wurden ihnen erschlossen" (Brentano 1909, zitiert nach Hill/Kopp 2006, S. 195). So entstand gewissermaRen ein erweiterter Handlungsspielraum, der ein Ab- wagen zwischen verschiedenen Wahlmoglichkeiten verlangte.

Insgesamt wurden in dieser Theorietradition „eine Reihe von Ideen formuliert [...], die auch in den aktuellen Fertilitatstheorien von Bedeutung sind - wie etwa der Einfluss der Frauenerwerbstatigkeit" (Hill/Kopp 2006, S. 196).

In der Theorie der demographischen Festlegung[10] von Birg, Flothmann und Reitner (1991) teilt man die Auffassung der Wohlstandtheorie, nach welcher eine Wahl zwi­schen verschiedenen zur Verfugung stehenden Handlungsoptionen getroffen werden kann oder muss. Im Mittelpunkt der Theorie steht die Biographie des Einzelnen, wo- bei sich diese aus mehreren Teilbiographien zusammensetzt: Die Sozialisations-, Erwerbs-, Wohn- und die Reproduktions- bzw. die Familienbiographie. Diese Teile konnen sich konkurrieren. Die Konzentration auf einen Bereich begrenzt die Entfal- tungsmoglichkeiten in den anderen Bereichen: „Das Risiko einer Fehlentscheidung ist (dabei) umso groRer, je fruher ein biographischer Entschluss gefallt wird, da sich diese Festlegung in der Folge auch auf die kommenden Alternativen und somit Ent- scheidungen auswirkt" (Carl 2002, S. 37). Da sich im Verlauf der historischen Ent- wicklung vielfaltige und ausfuhrbare Biographie-Entwurfe ergeben haben, wird vor allem die Entscheidung fur eine Familiengrundung zeitlich verschoben, was gemaR dieser Theorie auch die Verringerung der Geburtenzahlen erklart (vgl. Hill/Kopp 2006, S. 194ff). Die empirische Forschung bestatigt diese These: „Der Aufschub (der Elternschaft) ist aber langst als einer der wichtigsten Grunde fur Kinderlosigkeit er- kannt“ (Burkhart 2006, S. 122).

[...]


[1] Beide Modelle sind bisher nur von einem kleinen Bevolkerungsanteil realisiert. Einen Oberblick zu den europai- schen Familienmodellen und deren anteilsmassigem Vorkommen in der Bevolkerung findet sich auf der Homepa­ge des Bundesamts fur Statistik Schweiz:
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/gleichstellungsatlas/vereinbarkeit_von_f amilie_und_erwerbsarbeit/familienmodelle.html [Stand: 10.01.2009].

[2] „Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie ist entscheidend fur die Gleichstellung der Geschlechter“ (http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/gleichstellungsatlas/vereinbarkeit_von_ familie_und_erwerbsarbeit/familienmodelle.html) [Stand: 10.01.2009].

[3] Beispiele fur Wertorientierungen sind: Karrierestreben, Selbstverwirklichung, Freizeitorientierung, prioritare Orientierung an Einkommen und Wohlstand, Wunsch nach bestmoglicher Vereinbarung von Familie und Er- werbstatigkeit usw. (vgl. z.B. Dorbritz et. al. 2005, S. 27ff.).

[4] Genau genommen ware eher von Leitsatzen oder Quasi-Hypothesen zu sprechen, da die Formulierungen eher prosaisch als formal teststatistisch verfasst sind. Ich habe mich dafur zugunsten der Lesbarkeit entschieden.

[5] Resp. intrinsische Motive, wie beispielsweise das Streben nach Selbstverwirklichung in einer eigenen Familie

[6] Beispiele: Stabilisierungsfunktion von Kindern fur die Paarbindung, soziale Anerkennung und Identitatsbildung

[7] Die Rede ist besonders von finanziellen Belastungen (materielle Sorgen) und von Besorgnissen bezuglich man- gelnder sozialer Unterstutzung, die mit einer Familiengrundung einhergehen konnen.

[8] Eine Anmerkung zum Gebrauch der Termini: Fertilitat (Fruchtbarkeit) bedeutet zunachst nur die Fahigkeit eines Organismus, Nachwuchs hervorzubringen. Generatives Verhalten (vereinfachend auch als Geburtenverhalten bezeichnet) weist hingegen auf aktives subjektives Handeln hin, welches gemass bevolkerungswissenschaftli- chem Verstandnis von inneren, motivationalen und biologischen Prozessen sowie von ausseren Rahmenbedin- gungen (z.B. familiare und kulturelle Normen) beeinflusst ist und dadurch „die fur eine Bevolkerung (Bevolke- rungsgruppe) typische Kinderzahl bewirkt“ (vgl. Meyers online Lexikon:
http://lexikon.meyers.de/wissen/generatives+Verhalten;jsessionid=BA4B8C02E58CBAB4C363762EDD77457D.jv m1) [Stand: 10.01.2009]. Nachfolgend werden die Begriffe generatives Verhalten, Geburtenverhalten und genera­tives Handeln aus sprachasthetischen Grunden (zur Vermeidung von Einformigkeit) synonym verwendet.

[9] Insbesondere die Oberalterung der Bevolkerung bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate

[10] Siehe auch Birg und Koch (1987). Einige Autoren bezeichnen die Theorie einfach als biographische Theorie der Fertilitat (z.B. Carl 2002; Sackmann 2007). Birg, Flothmann und Reitner (1991) sprechen von der biographi- schen Theorie der demographischen Reproduktion.

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640645961
ISBN (Buch)
9783640646128
Dateigröße
975 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152354
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Erziehungswissenschaft (früher: Pädagogisches Institut)
Note
sehr gut
Schlagworte
Sozialer Wandel Familie und Aufwachsen Paarbeziehung sinkende Geburtenraten geplante Kinderlosigkeit demographischer Wandel Beruf und Familie Kinderfrage Geschlechterbeziehungen Gender

Autor

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Titel: Die Kinderfrage im Kontext des sozialen Wandels von Familie und Paarbeziehung