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Sozialisation und Sozialisationstheorien

Sozialisationstheoretische Erkenntnisse und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklungsphase

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sozialisationsforschung
1.1 Inhalte der Sozialisationsforschung
1.2 Anfänge und Stand der Sozialisationsforschung

2. Sozialisation
2.1 Annäherung an den Sozialisationsbegriff
2.2 Sozialisationsinstanzen. Oder: Was unsere Kinder prägt – eine Auswahl
2.3 Die Modernisierung der Kindheit im Kontext der Sozialisation

3. Ausgewählte soziologische Theorien der Sozialisation
3.1 Struktur-funktionale Theorie nach Talcott Parsons
3.2 Handlungstheorie nach George Herbert Mead
3.3 Parsons/Mead. Kritische Würdigung zweier Soziologie-Klassiker

4. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese wissenschaftlich fundierte Modulprüfungshausarbeit beschäftigt sich mit einem Themenkomplex der sozialwissenschaftlichen Professionen, welcher eigentlich schon immer in gewisser Weise als sozialer und menschlicher Prozess vorhanden war. Aufgrund der weder visuellen noch taktilen „Konsistenz“, wurde dieser lebenslange Prozess lange Zeit sowohl im Alltagswissen als auch in den professionellen Sozialwissenschaften, als schlichte Gegebenheit akzeptiert und nicht weiter hinterfragt. Warum entwickelt sich ein Kind, bzw. allgemein ein Individuum, so wie es sich entwickelt? Wie wird ein Mensch sozial handlungsfähig? Wie entwickelt der Mensch seine individuelle Persönlichkeit? Gemeint ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Prozess der Sozialisation. In dieser Ausarbeitung soll die Sozialisation näher beleuchtet werden.

Zunächst werden die Inhalte der Sozialisationsforschung dargelegt und darüber hinaus wird versucht diese von der sog. Soziologie der Kindheit zu differenzieren. Anschließend werden die Anfänge und der momentane Stand der Sozialisationsforschung beschrieben (Kapitel 1).

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird der Sozialisationsbegriff ausführlich diskutiert bzw. bestimmt. Die Erkenntnisse von Dr. Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaft an der Universität Bielefeld, werden an dieser Stelle im weitesten Sinne in die Annäherung an den Sozialisationsbegriff mit einbezogen und im weiteren Verlauf der Ausarbeitung immer wieder aufgegriffen. Zudem werden ausgewählte Sozialisationsinstanzen, hier: Familie und Schule, näher erläutert, um im Anschluss die sog. “Modernisierung der Kindheit“ zu erörtern (Kapitel 2).

Der dritte Teil widmet sich ausgewählten soziologischen Sozialisationstheorien, die als regelrechte Soziologie- sowie Sozialisationsklassiker bezeichnet werden können. Begonnen wird mit der Struktur-funktionalen Theorie von Talcott Parsons (1902-1979). Als zweite Sozialisationstheorie wird der Symbolische Interaktionismus von George Herbert Mead (1863-1931) hinzugezogen. Beide Theorien werden anschließend kritisch gewürdigt. Es ist zu klären, ob diese zwei Klassiker auch noch mit der aktuellen Sozialisationstheorie von Hurrelmann in Einklang gebracht werden können. Können beispielsweise heutige Sozialisationsprozesse noch mit den alten Theorien erklärt werden? (Kapitel 3).

Den Abschluss dieser Arbeit bilden einige Schlussbetrachtungen.

David M. X. Lehnerer, im Januar 2010

1. Sozialisationsforschung

1.1 Inhalte der Sozialisationsforschung

Was ist Sozialisationsforschung und womit beschäftigt sie sich? Dieser Frage soll im ersten Teil dieses Kapitels nachgegangen werden. Darüber hinaus wird versucht, die Sozialisationsforschung von der “Soziologie der Kindheit“ abzugrenzen. Grundsätzlich kann bereits zu Beginn festgehalten werden, dass sich die Sozialisationsforschung mit zentralen Fragestellungen und Themenbereichen aus verschiedensten wissenschaftlichen Professionen, wie z.B. Psychologie, Pädagogik, Soziologie und ähnlichem beschäftigt.1 Sozialisationsforschung ist damit multidisziplinär. (Vgl.: Hurrelmann/Grundmann/Walper, 2008: 14) Im unmittelbaren Fokus der Forschungsinteressen stehen die Entwicklungsprozesse der Individuen „(...) in wechselseitiger Interdependenz mit sozialen und materiellen Umwelten, die sich durch das Zusammenleben von Menschen konstituieren, reproduzieren und stetig wandeln“ (Hurrelmann/Grundmann/Walper, 2008: 14).

Hurrelmann et al. (2008) verdeutlichen hier, dass sich die Sozialisationsforschung mit der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Menschen und den Einflüssen von außen in Hinblick auf deren Entwicklungsprozesse beschäftigt.

- Warum entwickelt sich also ein Mensch so, wie er sich entwickelt? Welche Faktoren nehmen Einfluss auf diese individuelle Entwicklung?

Zudem halten Hurrelmann et al. fest, dass die Sozialisationsforschung ihren Blick darüber hinaus auf die „(...) gesellschaftlichen Bedingungen und (...) Lebensverhältnisse (...)“ (ebd.) richtet.

- Inwieweit sind hier also Zusammenhänge beim Entwicklungsprozess des Menschen zu schließen?

Die sozialisationsforschungstheoretischen Komponenten “Lebensverhältnisse/gesellschaftliche Bedingungen“ schließen zwingend auch andere Forschungsgebiete in die Sozialisationsforschung mit ein, wie z.B. „(...) Geschlechterforschung, Bildungsforschung, Familienforschung, Migrantenforschung, (...)“ (ebd.). Neben den genannten, in die Sozialisationsforschung einfließenden Forschungsbereiche, hat in Deutschland vorrangig die Kindheitsforschung an Bedeutung gewonnen. (Vgl.: Hurrelmann/Bründel, 2003; Alt, 2005; Hurrelmann/Andersen/Infratest, 2007; Zinnecker/Silbereisen, 1996. In: Hurrelmann/Grundmann/Walper, 2008: 18 sowie Grunert/Krüger; 2006)

Auch die Lehrveranstaltung “Kindheit und Modernisierung/Soziologie der Kindheit“ am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule

Dortmund im Wintersemester 2009/2010 hat ihre inhaltlichen Themen spezifisch

auf die Lebensphase “Kindheit“ gerichtet. Es ist nun also ein Versuch zu

1 Hurrelmann et al. (2008) führen zudem Professionen wie, „(...) Anthropologie und Gesundheits-, Kommunikations-, Geschichts- und Rechtswissenschaften bis hin zur Theologie“ (Hurrelmann/Grundmann/Walper, 2008: 14) auf.

unternehmen, die Sozialisationsforschung und die Soziologie der Kindheit zu differenzieren. Kann überhaupt eine klare Abgrenzung erfolgen? Können ggf. fließende Übergänge festgehalten werden?

Die Soziologie hat sich bislang nur auf den erwachsenen Menschen fokussiert. Eine “Soziologie der Kindheit“ ist neues Fundament in der soziologischen Profession. (Vgl.: Pieper, 1994; Zeiher, 1995) Die Kindheit wurde bislang der Psychologie und natürlich vorrangig der Erziehungswissenschaft/Pädagogik „überlassen“ (zit. n. Zeiher, 1995. In: Zinnecker, 1996: 33). Die Publikation „Soziologie der Kindheit“ von Herbert Schweizer ist eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2007. Innerhalb der Soziologie ist es dementsprechend zu einem Paradigmenwechsel gekommen, der offensichtlich Zeit in Anspruch genommen hat. Schweizers erschienenes Werk kann durchaus als Basiswerk und bislang umfangreichstes kindheitssoziologisches Werk betrachtet werden. Eine etwas kleinere Auseinandersetzung mit dem Bereich “Soziologie der Kindheit“ gab es in den 1990er Jahren, z.B. in Form eines Aufsatzes von Jürgen Zinnecker (1996). Wie lassen sich nun Sozialisationsforschung und die “neue“ Soziologie der Kindheit kompensieren? Dies stellt sich offensichtlich als schwierig dar, wie Helga Zeiher 1995 auf dem 27. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in ihrem Referat „Die Entdeckung der Kindheit in der Soziologie“ (zit. n. Zeiher, 1995. In: Zinnecker, 1996: 32) festhielt. „Soziologie der Kindheit wird als Gegenprogramm zur Sozialisationsforschung gesehen , (...)“ (Zinnecker, 1996: 32f.).

Eine Abgrenzung zwischen Soziologie der Kindheit und Sozialisationsforschung könnte insofern erfolgen, indem die jeweiligen Akteure genauer beleuchtet werden. Beschäftigt sich die Soziologie der Kindheit vorrangig mit dem Individuum “Kind“ als “den“ Akteur des Interesses (vgl.: Schweizer, 2007: 57ff./229ff.), richtet die Sozialisationsforschung, neben dem Kind als Akteur, ihren Blick auch auf die anderen Individuen2 (vgl.: Grundmann, 2006: 38ff.). Diese, von mir aufgestellte These, muss jedoch kritisch betrachtet werden, da zwangsläufig Übergänge bzw. Parallelen nachzuzeichnen sind. So wird das Kind sowohl in der Soziologie der Kindheit, als auch innerhalb der Sozialisationsforschung als “Subjekt“ betrachtet. (Vgl.: Schweizer, 2007: 54ff.; Hurrelmann/Bründel, 2003: 41)

Das Kind als Subjekt wird als – so drückt es Schweizer (2007) aus – kompetenter Akteur und Konstrukteur betrachtet. Dieser “Status“ zeichnet sich durch die Wechselseitigkeit von „(...) Aktivität, Passivität und Rezeptivität (...)“ (ebd. 54) aus.

Schweizer hebt darüber hinaus hervor, dass das Kind nunmehr (in Folge des Pa- radigmenwechsels, s.o.) als „aktives und zugleich verletzliches Gesellschaftsmitglied“

2 An dieser Stelle muss jedoch erwähnt werden, dass Sozialisation und somit auch die Sozialisationsforschung nicht mit der Beendigung der Kindheit abgeschlossen ist! Zudem ist eine institutionalisierte Sozialisation hinzuzuziehen. (Vgl. hierzu auch Kap. 2 und 3.)

(Schweizer, 2007: 229) angesehen wird. Dies rückt in den Fokus der Forschungsinteressen der Soziologie der Kindheit. Zudem geraten die einzelnen Kontexte der Kinder, „d.h. die ökonomischen, politischen, sozialen und symbolisch-kulturellen Rahmenbedingungen, in denen Kinder agieren (...)“ (Salewski, 2009b: 2) in den Mittelpunkt der Forschungsinteressen . Sozialisationsforschung und Soziologie der Kindheit, so lässt sich grob festhalten, sind zwei Bereiche, die nicht zwangsläufig voneinander getrennt werden können bzw. müssten. Vielmehr müsste von zwei kooperierenden und ineinanderfließenden Wissensbereichen/Forschungsgebieten gesprochen werden, die sich gegenseitig ergänzen. Im zweiten Teil dieses Kapitels sollen die Anfänge und der momentane Stand der Sozialisationsforschung spezifiziert werden.

1.2 Anfänge und Stand der Sozialisationsforschung

Ganz abstrakt ist zunächst hervorzuheben, dass das Interesse an der Entwicklung des Menschen und die diesbezüglichen Einflüsse der Umwelt ebenso alt ist, wie die Geisteswissenschaften an sich. (Vgl.: Tillmann, 2006: 35)

Blickt man beispielsweise bis in die antik-griechische Philosophie [z.B. Aristoteles (384-322), Platon (427-348), Protagoras (480-410)] zurück, so sind verschiedene Elemente in den Sozialisationstheorien bzw. in der Sozialisationsforschung der Neuzeit wiederzufinden. (Vgl.: Geulen, 1980: 16) Beschreibt man Protagoras’ Ansichten wird dies deutlich: „ Der Mensch ist nicht vom göttlichen Willen bestimmt, sondern von diesseitigen Gegebenheiten abhängig. Persönlichkeit und Denken werden durch die Wahrnehmung, d.h. durch die subjektiven Sinneseindrücke bestimmt. Und Bezugspunkt aller Normen ist das jeweilige Gemeinwesen, die Polis bzw. Kultur, der der Mensch angehört.“ (Zit. n. Landmann, 1962. In: Geulen, 1980. In: Hurrelmann/Ulich et al., 1980: 16)

Erste konkretisierte Anfänge der Sozialisations forschung begannen in den 1930er Jahren in den USA. (Vgl.: Tillmann, 2006: 37; Salewski, 2009a) Die USA gilt als das „Mutterland“ (Zinnecker, 1996: 31) der Sozialisationsforschung. Die sozialisationsorientierten Forschungen wurden zunächst von kulturanthropologischen und psychoanalytischen Erkenntnissen dominiert. (Vgl.: Tillmann, 2006: 37; Schweizer, 2007: 154) In Deutschland ist der Kulturanthropologiebegriff auch unter der Bezeichnung “Ethnologie“ bekannt. (Vgl.: Schweizer, ebd.) Die Kulturanthropologie brachte für den Begriff “Sozialisation“ Bezeichnungen wie „(...) Sozialibisierung, Enkulturation und Akkulturation (...) (ebd.) hervor. „Mit diesen Begriffen sollte zum Ausdruck kommen, dass das Neugeborene gleichsam eine „tabula rasa“ sei und erst durch eine Art „zweite Geburt“ (...) zum menschlichen Kind durch Ein- und Anpassung an seine soziokulturelle Umwelt würde.“ (Schweizer, 2007: 154) Mit der sog. „zweiten Geburt“ wäre aus kulturanthropologischer Sicht also der Sozialisationsprozess gemeint. Ab den 1940er/1950er Jahren widmete sich die Sozialisationsforschung unterschiedlichen Sozialisationszusammenhängen, wie der Schule oder den “Gleichaltrigen“ (heute eher geläufig unter: “Peergroups“). (Vgl.: Tillmann, 2006: 37) In dieser Zeit wurde auch der Struktur-funktionalen Theorie nach Talcott Parsons Beachtung geschenkt.3 (Vgl.: ebd.)

Circa Ende der 1950er bis in die späten 1960er Jahre gerieten soziale Schichten in den Interessenfokus der Sozialisationsforschung. „Insbesondere der Spracherwerb, der Schulerfolg und die Internalisierung von Welthaltungen wurden unter schichtspezifischem Aspekt analysiert.“ (Tillmann, 2006: 37) In Deutschland gewannen Veröffentlichungen zum Themenkomplex Sozialisation zunächst nur wenig Beachtung. Zudem wurden die amerikanischen Sozialisationsforschungserkenntnisse in den deutschen Veröffentlichungen lediglich aufgearbeitet. (Vgl.: ebd.) Erst 1967 und 1969 gewann in Deutschland vor allem die schichtspezifische Sozialisation an Interesse. Dies erfolgte durch die Diplomarbeit zum Diplom-Soziologen von Hans-Günter Rolff „Sozialisation und Auslese durch die Schule“ (1967) sowie durch die Dissertation (Doktorarbeit) von Helmut Fend „Sozialisierung und Erziehung“ (1969). (Vgl.: ebd.: 38)

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Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640640935
ISBN (Buch)
9783640641000
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152445
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
Sozialisation Sozialisationsforschung Soziologie Kindheit Sozialisationstheorien Talcott Parsons Strukturfunktionalismus George Herbert Mead Handlungstheorie Sozialisationsinstanzen Modernisierung Familie Schule Kindheitsforschung Klaus Hurrelmann Sozialisationsprozesse Persönlichkeit Individuum Entwicklung

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Titel: Sozialisation und Sozialisationstheorien