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Von der Umweltbildung zur Umweltbindung

Möglichkeiten zum bewussten Einsatz von Anthropomorphismen zur Erzeugung und Stärkung von Naturverbundenheit in der Umweltbildung

Studienarbeit 2008 36 Seiten

Umweltwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Warum „Naturverbundenheit“ ein Ergebnis ganzheitlicher Umweltbildung sein sollte

Der Begriff „Bindung“

Der Bindungsbegriff in Übertragung auf die Mensch-Natur-Beziehung

Bindung aus Sicht der Humanethologie
Rituale freundlicher Begegnung

Die Mensch-Natur-Beziehung in indigenen Kulturen
Die Buschleute der Kalahari
Die Koyukon in Alaska

Animistisches und anthropomorphes Denken im westlichen Kulturkreis

Positive Auswirkungen von Anthropomorphismen

Bewusster Umgang mit Anthropomorphismen

Das Fleisch der Welt - Über den gegenwärtigen Wandel der naturwissenschaftlichen Sicht auf

Anthropomorphismus

Empfehlungen für die Umweltbildung

Die Verwendung von Anthropomorphismen im Independent Studies „KAMANA“ Naturalist Training Program
Der Natur danken - The Thanksgiving Address
Tierimitationen zur Schulung der Wahrnehmung - The Sense Meditation
Literaturrecherche mit allen Sinnen - Mind’s Eye Journalling

Bedeutung der Erkenntnisse vor dem Hintergrund des aktuellen gesellschaftlichen Wandels

Zusammenfassung

Forschungsbedarf

Ausblick

Quellen

Vorwort

Im Oktober 2008 erschien in den USA ein neues Handbuch zur Umweltbildung: „ Coyote ’ s Guide to Connecting Children with Nature “ (YOUNG et al. 2008). Bestseller-Autor RICHARD LOUV, der vor einigen Jahren mit seinem Buch über „ Nature Deficit Disorder “ - die Natur-Defizit- Störung bei Kindern und Erwachsenen (Übers. dr.d. Verf.) - internationale Beachtung erlang- te, schreibt im Vorwort zum Coyote ’ s Guide, dass das Buch die Leser von vertrauten Wegen weg locke und ermutige, mit kreativen Techniken zu experimentieren, um Kinder wieder zur Natur zu bringen. Mentoren würden von den jahrzehntelang erprobten Methoden und Herangehensweisen inspiriert werden, ihre „weiß-ich-schon“-Mentalität über Bord zu wer- fen und die Natur auch selbst mit ganz neuen Augen zu betrachten. Spiel und Geschichten würden mit Wissenschaft und Fakten verschmelzen können und wir „[…] könnten uns auf innige und bedeutungsvolle Weise mit der Natur [ … ] verbinden “ (LOUV, R. , in: YOUNG et al. 2008, S. xii).

In der vorliegenden Belegarbeit soll eine Säule des „ Coyote Mentoring “ auf ihre potentielle Wirksamkeit in der Umweltbildung untersucht werden, konkret die Interaktion und Kommunikation mit Natur als wäre sie menschlich. Durch eine Auswertung thematisch relevanter Literatur soll aufgezeigt werden, inwieweit diese Herangehensweise eine emotionale Verbundenheit mit Natur - eine Umwelt bindung - erzeugen und stärken kann.

Warum „Naturverbundenheit“ ein Ergebnis ganzheitlicher Umweltbildung sein sollte

Zahlreiche Untersuchungen der vergangenen Jahre haben sich mit dem Zusammenhang von Wissen und Umwelthandeln auseinander gesetzt. Ihr Ergebnis zeigt eindeutig, dass ein gutes kognitives Verständnis natürlicher Phänomene allein keine Bereitschaft erzeugen kann, sich aktiv für den Erhalt von Natur einzusetzen. Die Grundvoraussetzung für Umwelthandeln ist vielmehr eine emotionale Verbindung zur Natur (GEBHARD 2001). Beispielsweise wurde von EIGNER & SCHMUCK (1998) in einer Analyse von Interviews mit 16 UmweltaktivistInnen, vergli- chen mit neun sozial engagierten Personen aufgezeigt, dass die verbreitete Diskrepanz zwi- schen hohem Umweltbewusstsein einerseits und entsprechend umweltunfreundlichem Ver- halten andererseits vor allem an einem Mangel an als positiv erfahrenen Naturerlebnisse in der Kindheit liegen könnte, welche die Wertschätzung für Natur erhöhen. Die befragten UmweltaktivistInnen „ engagieren sich heute im Umwelt- oder Naturschutz aus der Motivati- on heraus, die in der Kindheit liebgewonnene intakte Natur wiederherzustellen. Demgegen-über hatten Vorbilder, Schule, Eltern und sonstige Anregungen bestenfalls unterstützende, in keinem Fall jedoch ursächliche Bedeutung für das Umweltengagement “ EIGNER&SCHMUCK (1998).

Der Begriff „Bindung“

Geprägt wurde der Begriff „Bindung“ in der Psychologie vor allem durch die Bindungspsychologie oder Bindungstheorie, die durch den britischen Kinderpsychiater JOHN C. BOWLBY begründet wurde. In der Nachkriegszeit behandelte er viele Kinder, die durch die Kriegswirren früh von ihren Eltern getrennt worden waren und zum Teil schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen aufwiesen. BOWLBY konnte weder in den Modellen des Behaviorismus noch in der klassischen Psychoanalyse befriedigende Erklärungen für die Probleme dieser Klienten finden. Die von ihm entwickelten Theorien wurden später in Zusammenarbeit mit der Kanadierin MARY AINSWORTHY empirisch bewiesen (HEEREN UND GLASER 2008).

Das beobachtbare Verhalten wird in der Bindungstheorie sowohl aus ethologischer, als auch aus psychologischer Sicht erklärt. Dabei geht man davon aus, dass die Entwicklung einer si- cheren und starken emotionalen Bindung zwischen einem Kleinkind und dessen primärer Bezugsperson in der Kindheit eine grundlegende Voraussetzung dafür bildet, im Erwachse- nenalter stabile und intime soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Menschen haben die

Fähigkeit, von intensiven Gefühlen getragene Beziehungen zu anderen zu entwickeln. Es entsteht dabei ein gefühlsgetragenes Band, das über Raum und Zeit hinweg erhalten bleibt und sehr spezifisch auf bestimmte Personen ausgerichtet ist, die nicht austauschbar sind (HEEREN UND GLASER 2008).

Die Bindungstheorie sieht die Neigung zur Bindung als primäres menschliches Grundbedürf- nis an. Bereits das Neugeborene verfügt über ein immer umfangreicher werdendes Reper- toire an kommunikativen Verhaltensweisen, mit denen es versucht, die Beziehung zur Be- zugsperson herzustellen (Anklammern, Schreien, Weinen, Lächeln). Andere Bedürfnisse des Kleinkindes stehen in einer Wechselbeziehung zu seinem Bindungsverhalten. So lange die Bezugsperson als verfügbar und prinzipiell bereit wahrgenommen wird, überwiegt das soge- nannte „Explorationsverhalten“, eine autonome Zuwendung zur Umwelt. Bei Krankheit, Un- sicherheit oder Gefahren reagiert das Kind jedoch mit Rückzug und Bindungsverhalten. Ein Mangel an engen Beziehungen hat verheerende negative Auswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes, vor allem auf die Empathiefähigkeit und soziale Kompe- tenz, den Umgang mit den eigenen Kindern, die Anfälligkeit für psychopathologische Störun- gen, die Gestaltung von Liebesbeziehungen sowie die Entwicklung von metakognitiven, re- flexiven Fähigkeiten (HEEREN UND GLASER 2008).

In der Bindungstheorie wird davon ausgegangen, dass Kinder auf der Basis wiederholt erfah- rener typischer Interaktionsmuster mit ihren primären Bezugspersonen Erwartungen über zukünftige Interaktionen ausbilden. Die reifende Person entwickelt eine mentale Repräsen- tation von Bindung, ein sogenanntes „Arbeitsmodell“, in dem vergangene Erfahrungen ge- speichert werden und dafür genutzt werden, zukünftiges Erleben vorherzusagen. Auf diese Weise determinieren die frühen Bindungserfahrungen des Kindes inwieweit es im Erwachse- nenalter Nähe und Sicherheit erwartet und sich selbst wertvoll genug fühlt, um Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit sowie Nähe zulassen zu können, und mit welcher Strategie die Person potentiellen Bindungspersonen gegenüber tritt. Die Arbeitsmodelle enthalten sowohl kognitive als auch affektive Komponenten und schließen bewusstes und unbewusstes Wis- sen über Bindungserfahrungen ein. Außerdem sind in ihnen Vorstellungen und Erwartungen über die Vertrauenswürdigkeit der Umwelt enthalten sowie darüber, wie liebenswert die eigene Person angesehen wird (HEEREN UND GLASER 2008).

Ideal ist der sogenannte „sicher gebundene“ Typus. Sicher gebundene Kinder haben in Situa- tionen, die sie als bedrohlich erlebt haben, durch ihre Bezugsperson eine konsistent verläss- liche, verständnisvolle, sensitive, feinfühlige Unterstützung erfahren. Sie vertrauen auf die Verfügbarkeit ihrer Bezugsperson und erleben sich selbst als liebenswert. Diese Kinder können auch ein Gefühl der Selbstbestimmung entwickeln, weil sowohl ihre Bindungswünsche verstanden, als auch ihre Neugier unterstützt wird. Bei Trennungen sind sie in der Lage, ihre Betroffenheit offen zu äußern und es gelingt ihnen, die schmerzhafte Erfahrung in ihre insgesamt positive Erwartung zu integrieren. Bei Rückkehr der Bezugsperson wird diese mit großem Interesse und offenkundiger Freude begrüßt, die Kinder beruhigen sich schnell und gehen bald wieder zu Explorationsverhalten über. Im Allgemeinen wirken sicher gebundenen Kinder ausgeglichener, weinen seltener, sind weniger aggressiv und ängstlich und eher bereit auf Ge- und Verbote zu hören (HEEREN UND GLASER 2008).

Störungen können in Form von unsicher-vermeidender Bindung, unsicher-ambivalenter Bindung und unsicher-desorganisierter Bindung auftreten, auf die ich im Rahmen der Belegarbeit nicht näher eingehen werde.

Die internalen Arbeitsmodelle existieren zum Teil außerhalb des Bewusstseins und neigen zu deutlicher Stabilität. Sie bestimmen zukünftige Erwartungen und das Erleben intimer Beziehungen, so dass auch neue Erfahrungen zumeist stabilisierend auf die internalen Repräsentanzen zurückwirken.

Interessant ist auch, dass Arbeitsmodelle prinzipiell offen für neue Erfahrungen sind, so dass neue bedeutsame Beziehungserfahrungen, Selbstreflexion, psychotherapeutische Behandlungen und auch kritische Lebensereignisse Veränderungen bewirken können (HEEREN & GLASER 2008). Obwohl Bindung primär in den ersten Lebensjahren erlebt werden muss, bleibt das Potential dazu zeitlebens erhalten, wenn auch eingeschränkt durch die persönlichen auf Erfahrungen basierenden Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster.

Das in der Bindungstheorie behandelte Konzept von Bindung erscheint vor dem Hintergrund dieser Erläuterungen zunächst grundlegend verschieden von dem zu sein, welches der Na- turverbundenheit zugrunde liegen könnte, zumal es als ausschließlich menschliches Phäno- men betrachtet wird. Es stellt sich also die Frage, ob man im Mensch-Natur-Kontext über- haupt den Begriff „(Umwelt-) Bindung “ verwenden sollte. Tatsächlich können jedoch mehr Parallelen gefunden werden, als auf den ersten Blick zu vermuten sind, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.

Der Bindungsbegriff in Übertragung auf die Mensch-Natur-Beziehung

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist RICHARD LOUV stellte 2006 in seinem Buch „ Last Child in the Woods. Saving Our Children from Nature-Deficit-Disorder “ die Hypothese auf, dass einige der in der Bindungs-Theorie bekannten Reaktionen oder Symptome auf einen Mangel an Bindung im übertragenden Sinne auch bei einer mangelhaften Bindung an die Landschaft festgestellt werden könnten. Vielerorts ist der Wandel, dem die Landschaft un- terworfen ist, so gravierend und vollzieht sich so rasant, dass es schwierig ist, eine Bindung an einen Ort aufzubauen. LOUV knüpft an die Erkenntnis an, dass ein komplexer psychologi- scher, biologischer und spiritueller Prozess vonnöten ist, um die tiefe Verbindung zwischen einem Kind und seiner Bezugsperson herzustellen, ohne die das Kind auf gewisse Weise „verloren“ ist, indem es verwundbar für alle möglichen späteren Pathologien wird. LOUV schreibt weiter, dass seiner Auffassung nach ein ähnlicher Prozess zugrunde liege, wenn Er- wachsene sich mit einem Ort verbunden fühlen. Die Bindung an einen Ort könnte laut LOUV analog zur Bindungstheorie ebenfalls ein Gefühl von Zugehörigkeit und Bedeutung vermit- teln. Umgekehrt könnte der Mangel an Verbindung zu einem Ort eine Ursache dafür sein, dass viele Erwachsene sich auf eine Weise „verloren“ fühlen. Wenn eine Landschaft inner- halb kurzer Zeit so tiefgreifendem Wandel unterliegt, dass ihre natürliche Integrität beschä- digt wird, dann ist laut LOUV die Bindung der in ihr aufwachsenden Kinder an den Ort gefähr- det. Wenn Kinder nicht mit einem Ort eine tiefe Verbindung aufbauen, werden sie laut LOUV nicht den psychologischen Nutzen ernten können, den die Natur bereit hält. Sie werden au- ßerdem auch langfristig keine Verpflichtung gegenüber der Umwelt verspüren, so dass die für die Entwurzelung ursächlichen Vorgänge in Zukunft noch ungebremster geschehen wür- den - ein Teufelskreis (LOUV 2005).

Die Psychologin MARTHA FARREL ERICKSON nutzt die Bindungs-Theorie seit 25 Jahren als Grund- lage für ihre Langzeitstudien von Eltern-Kind-Beziehungen. Sie äußert sich zu LOUV’S Hypo- these wie folgt: „Es ist eine faszinierende Idee, die Beziehung zwischen Kind und Natur aus der Perspektive der Bindungs-Theorie zu betrachten. […] es wäre interessant, die frühen Kindheitserfahrungen zu untersuchen und zu beobachten, inwieweit diese langfristig das Wohlbefinden in der und den Respekt vor der natürlichen Welt beeinflussen. Denn Wohlbe- finden und Respekt sind zwei wesentliche Indikatoren in der Bindungstheorie. […]“ (LOUV 2005, S. 156. Übers. dr. d. Verf.)

Bindung aus Sicht der Humanethologie

In der Humanethologie findet man den Begriff Bindung neben dem Gebrauch entsprechend der Bindungstheorie außerdem auch als allgemeines Ziel und Ergebnis band- oder bindungs- stiftender Verhaltensstrategien. Der Verhaltensforscher IRENÄUS VON EIBL-EIBESFELDT gruppiert menschliche Interaktionsstrategien nach funktionellen Gesichtspunkten, denn obwohl menschliche Umgangsformen allem Anschein nach von Kultur zu Kultur erheblich variieren, lassen sich auch universale Aufbauprinzipien in den Strategien sozialer Interaktion erkennen. Aus ihnen kann auf ein zugrunde liegendes universales Regelwerk geschlossen werden, in dem Verhaltensweisen verschiedenen Ursprungs aber gleicher Funktion einander als funkti- onelle Äquivalente ersetzen können, so wie beispielsweise Erwachsene die nonverbalen Handlungen von Kindern in Worte übersetzen. Es wird also davon ausgegangen, dass verba- les und nonverbales Verhalten von einer universalen gemeinsamen Grammatik bestimmt werden (EIBL-EIBESFELDT 1995).

Mit den band- und bindungsstiftenden Verhaltensstrategien sind allgemein prosoziale oder sogenannte „synagonale“ Strategien gemeint. Diese Wortschöpfung lehnt EIBL-EIBESFELDT an das im Deutschen eingebürgerte Wort agonal an, das für feindliches Verhalten steht und vom griechischen agon (Wettstreit) abstammt und dem ein positives Pendant bisher fehlte. Die synagonalen Strategien dienen dabei der Herstellung, Erhaltung und Reparatur sozialer Bindungen oder dem Erhalt der Gruppenharmonie und Gruppeneinheit. Der Begriff „Bin- dung“ wird hier also deutlich weiter gefasst, als in der Bindungstheorie, nämlich als ein Phä- nomen, das auch zwischen Erwachsenen, zwischen Kindern und innerhalb von Gruppen be- stehen kann und sollte. Bereits ab dem Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme wäre dieses Phänomen für die sich anbahnende Beziehung kennzeichnend (EIBL-EIBESFELDT 1995).

Im Einzelnen zählt EIBL-EIBESFELDT zu den band- und bindungsstiftenden Strategien:

a) Strategien freundlicher Kontakteröffnung

Gru ßrituale

Strategien der Anbiederung

Strategien heterosexueller Annäherung (Werben) Strategien der Spielaufforderung

Erkundung und Aufbau von Gemeinsamkeit

b) Strategien der Bandbestärkung

Rituale der Einigkeitsbezeugung (Rituale gemeinsamen Tuns, Mutter-Kind-Rituale, Synchronisationsrituale, Bekundung der Anteilnahme und anderer Gemeinsamkeiten, Rituale gemeinsamen Kämpfens z.B. gegen fingierte Feinde, Pflege gemeinsamer Werte, Indoktrination) und Rituale wechselseitiger Betreuung (Schenkrituale, Bewirtung, „ grooming talk “ (auch bekannt als SmallTalk, wobei durch das Einverständnisüber Banalitäten bewusst oder unbewusst versucht wird, die Beziehung zu stärken )

c) Strategien zur Erhaltung der Gruppenharmonie

Strategien zur Erhaltung der Gruppennorm (Rügesitten, Spotten, Ausrichtung, normerhaltende Aggression)

Strategien der Befriedung (Schlichten, Trösten) Strategien des Beistehens (Unterstützen, Helfen)

Strategien der Bandreparatur (Versöhnen, sich Entschuldigen, Sühneleistung, Vermitteln) Strategien der Aggressionsabblockung (Androhung des Kontaktabbruchs, Submission, Mutter-Kind-Apelle, Strategien des Einlenkens)

Strategien zur Vermeidung von Herausforderung, Beschwichtigung (Verblümungssitten, demonstrative Respektierung der Besitznorm, Rituale der Anerkennung, Ehrerweisung, Lob, Selbstherabsetzung und andere Formen der Beschwichtigung)

Als ein Beispiel für die große Vielzahl band- und bindungsstiftender Verhaltensstrategien sollen im Folgenden die Strategien und Rituale freundlicher Begegnung näher beschrieben werden.

Rituale freundlicher Begegnung

(nach EIBL-EIBESFELDT 1995)

In Ritualen freundlicher Begegnung wird von Menschen allgemein eine antithetische Kombination von Selbstdarstellung und Beschwichtigung eingesetzt, wobei mit dem Grad der Vertrautheit die Anteile an bindendem Verhalten überhand nehmen.

Aufgrund der großen Bereitschaft des Menschen, unter Ausnutzung der am Mitmenschen bemerkten Schwächen repressive Dominanzbeziehungen herzustellen, ist es laut EIBL- EIBESFELDT in zwischenmenschlichen Kontakten vonnöten, sich zunächst stark zu geben und so Rangstreit von vornherein abzublocken. Man beginnt also einen Kontakt mit Selbstdar- stellung, beispielsweise Imponiertanz, Handschütteln oder auch militärischem Salut. Durch

Appelle über freundliche Akte (Geschenke, Lächeln, Nicken, Grußworte, Umarmung, Kuss) teilt man dann mit, dass man freundliche Beziehungen suchen oder bewahren möchte. Mit einer kurzen Unterhaltung versucht man, durch Herstellung von Übereinstimmungen mit dem Gegenüber eine emotional freundliche Atmosphäre zu schaffen (beispielsweise über das Wetter). Auch durch gemeinsames Handeln wird Gemeinsamkeit bekundet, beispiels- weise gemeinsames Speisen, Tanzen etc. Erst danach geht man zur sachlichen Auseinander- setzung, beispielsweise über Geschäfte, über. Für das Ende des Gespräches zieht man häufig einen externen Grund heran, beispielsweise durch die Mitteilung, dass man jetzt gehen müs- se oder manöffnet die physische Dyade durch eine Abwendung des Körpers, verbunden mit Gesten der Beschwichtigung. Zum Abschied sagt man dem Gegenüber meistens noch einen guten Wunsch (eine Art Geschenk) und versichert sich gegenseitig die Verbundenheit, um das Band für die Zukunft zu erhalten.

Interessant ist auch, dass sich im Tierreich vergleichbare Grußrituale feststellen lassen. Wenn beispielsweise ein flugunfähiger Kormoran (Nannopterum harrisi) vom Fischen zu- rückkehrt und seinen am Nest verbliebenen Partner beim Brüten ablösen möchte, trägt er immer ein Zweiglein, Tangbüschel oder ähnliches im Schnabel herbei, das er dem Partner überreicht. Dieser baut die Gabe in den Nestrand ein und überlässt dann dem Gatten die Brut. Kommt dieser allerdings ohne Gabe, wird er angegriffen und vertrieben. Verhaltensbio- logen bezeichnen in Übertragung menschlicher Begriffe auch dieses Ritual als „Grußritual“, da es sogar in Einzelheiten dem menschlichen Pendant sehr nahe kommt und offensichtlich dazu dient, Aggressionen zu verhindern.

EIBL-EIBESFELDT (1995) weist hierbei darauf hin, dass diese Ähnlichkeiten zweifelsfrei nicht auf einem gemeinsamen Erbe basieren, sondern vielmehr das Ergebnis paralleler Anpassung an ähnliche Aufgaben sind. So entstand das Grußritual der Kormorane aus dem Nestbauverhal- ten der Art heraus und ist auch in Einzelheiten des Bewegungsablaufes deutlich verschieden vom Gabenüberreichen des Menschen. Gemeinsam ist jedoch die beschwichtigende, freund- lich stimmende Funktion der Objektüberreichung. Bei der Betrachtung von Primaten treten darüber hinaus sogar formal recht ähnliche Ausdrucksbewegungen mit ähnlicher Funktion auf, was darauf hindeutet, dass sie in ihrer spezifischen Form auf einer stammesgeschichtlich gewachsenen Übereinkunft zwischen Sender und Empfänger beruhen.

Es kann also festgehalten werden, dass im Tierreich teilweise recht ähnliche Strategien ein- gesetzt werden wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Deutlich ist, dass bin- dungsstiftendes Verhalten eine sichere und aggressionsfreie Interaktion zwischen Angehöri- gen derselben Art ermöglicht. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur noch ein relativ klei- ner Schritt zur Frage zu sein, ob nicht auch inter spezifisches Bindungsverhalten möglich ist, insbesondere Verhaltensweisen des Menschen gegenüber seiner natürlichen Umwelt. Könn- te nicht die daraus resultierende Bindung an die natürliche Umwelt der eigenen Sicherheit ebenso dienlich und damit sinnvoll sein? Um diese Frage zu klären, soll der Blick auf einige Kulturen gerichtet werden, bei denen eben beschriebene Strategien tatsächlich einen wich- tigen Bestandteil ihrer Interaktion mit der sie umgebenden natürlichen Umwelt darstellen.

Die Mensch-Natur-Beziehung in indigenen Kulturen

Im Folgenden wird die Sicht einiger ausgewählter sogenannter „Naturvölker“ auf die Natur sowie deren Umgang mit der Natur blitzlichtartig dargestellt, teilweise illustriert mit Beispielen für konkrete Interaktionen mit natürlichen Objekten.

Die Buschleute der Kalahari

Der Psychologe BRADFORD KEENEY lässt in seinem Buch „Ropes to God“ Buschmann-Männer und -Frauen zu Wort kommen und selbst von ihrem ganz persönlichen spirituellen Erleben berichten. In ihrem wichtigsten spirituellen Ritual, dem Trance-Tanz, sehen die Buschleute häufig Linien, Fäden, Ketten, Saiten oder Seile aus Licht. „[…]Weiterhin entspringt dem Bauchnabel jedes Menschen und jeder lebenden Kreatur ein Lichtseil, welches sie mit den Bäuchen aller anderen […] verbindet. Auf diesen Lichtlinien verschicken wir unsere Botschaften. Wir können über diese Lichtlinien mit anderen […] sprechen, indem wir unsere Gedanken in sie hinein schicken. Es ähnelt dem, was eure Leute ein Telefon nennen. In unserem spirituellen Universum ist das eine ganz natürliche Sache.“ (MABOLELE SHIKWE, BuschmannDoktor, zit. in KEENEY 2003, Hervorhebungen dr.d. Verf.)

Die Koyukon in Alaska

Der Ethnologe RICHARD NELSON beschrieb 1993 die Lebenswelt der Koyukon, in der es für die Jagd nicht ausreiche, über Fertigkeiten und Geschick zu verfügen. Ein Tier gibt sich vielmehr dem Jäger hin - oder eben nicht. In ihrer Tradition gibt es Hunderte von Regeln darüber, wie man mit getöteten Tieren umgehen soll. Einem toten Bären werden zuerst die Augen ausge- stochen, weil er nicht sehen soll, falls jemand einen Fehler beim Zerlegen und Verarbeiten begeht. Dann werden seine Füße abgeschnitten, damit seine Seele nicht herumirren kann. Bestimmte Körperteile werden nur bei einer Art Leichenschmaus etwas entfernt vom Dorf verzehrt. Die Koyukon-Jäger wissen, dass das Leben eines Tieres langsam vergeht und dass das Tier auch nach seinem Tot aufmerksam und empfindsam beobachtet, wie sein Körper weiter behandelt wird.

Neben dem umfangreichen empirischen Wissen der Koyukon über ihren Lebensraum und alle darin enthaltenen Lebewesen und Objekte haben diese Ureinwohner Alaskas eine ebenso große Sammlung von Informationen über das, was jenseits der menschlichen Sinneswahrnehmung geschieht. Tiere, Pflanzen und Elemente der physischen Welt verfügen ihrer Ansicht nach über natürliche und übernatürliche Kräfte. Ihr Lebensumfeld wird von aufmerksamen und machtvollen Wesen bewohnt, die empfinden können, sich angegriffen fühlen und denen mit Respekt begegnet werden sollte.

Nur wer ein Tier respektiert, kann vom Geist des Tieres erhört werden und erfolgreich jagen. Deshalb darf ein erfolgreicher Bärenjäger nur umschreiben, was ihm passiert ist, indem er etwa sagt: „Ich habe etwas in einem Loch gefunden. “ Dies soll jeder eventuellen Prahlerei vorbeugen, die das demütige und respektvolle Verhältnis stören könnte.

Jedes Tier verfügt sowohl über einen persönlichen Geist als auch über den Geist seiner Art. Ein einziges Tier, und sei es eine Maus, nicht entsprechend respektvoll zu behandeln, würde dazu führen, die gesamte Natur zu verprellen und alle möglichen unglücklichen Schicksals- schläge anzuziehen. Man ist als Mensch in der Weltsicht der Koyukon also niemals allein und niemals unbeobachtet. „Es gibt immer jemanden, der uns beobachtet“, zitiert NELSON einen Dorfältesten.

Die spirituelle Interaktion zwischen Mensch und Natur kann auf vielerlei Weisen geschehen. So geben beispielsweise Tiere manchmal Zeichen oder Omen. Wenn etwa ein Rabe über den Kopf eines Jägers fliegt, soll dieser rufen: „Großvater, lass dein Päckchen für mich fallen!“ Zieht der Vogel dann einen Flügel ein und macht eine Bewegung, als würde er etwas fallen lassen, ist das ein Zeichen für bevorstehendes Glück. Weil Raben eine große Kraft haben und großzügig sind, bitten die Menschen sie oft um Schutz und Beistand. In den Lehren der Koyukon haben nicht nur die Menschen die Neigung, mit anderen Lebewesen Verbindung aufzunehmen, sondern die Mitbewohner auf der Erde haben auch eine Neigung, mit den Menschen Verbindungen einzugehen. Die Aufmerksamkeit, mit der die Verknüpfungen zwi- schen Menschen und Nicht-Menschen wahrgenommen wird, geht so tief, dass die zwischen ihnen verlaufenden Grenzen oft verblassen.

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640643820
ISBN (Buch)
9783640644124
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152606
Institution / Hochschule
Fachhochschule Eberswalde
Note
1,3
Schlagworte
Natur Umwelt Umweltbildung Ökopsychologie Naturverbindung Anthropomorhismus Animismus Bildung für nachhaltige Entwicklung Lernen Bildung Kindheit Entwicklungspsychologie

Autor

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Titel: Von der Umweltbildung zur Umweltbindung