Lade Inhalt...

Frauenbeschneidung in Afrika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typen der weiblichen Genitalverstümmelung

3. Geschichtliche und kulturelle Hintergründe der weiblichen Genitalverstümmelung

4. Verbreitung

5. Gründe für weibliche Genitalverstümmelung

6.Ablauf der FGM

7. Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung
7.1 Akute gesundheitliche Konsequenzen
7.2 Langfristige gesundheitliche Folgen
7.3 Psychische Folgen
7.4 Folgen für Sexualität, Geburt und Schwangerschaft

8.Weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung

9. NGOs gegen FGM
9.1 TERRE DES FEMMES
9.2 Amazonian Initiativ Movement (AIM)
9.3 Das “FGM Prevention and Eradication Project “ der Kale Heywot Church und der Kindernothilfe

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich will, dass alle Menschen weltweit Genitalverstümmelung als gemeinsames Problem erkennen, vor dem man nicht mehr die Augen verschließen kann“ (www.waris-dirie-foundation.com).

Waris Dirie sorgte vor etwa zehn Jahren mit ihrem autobiographischen Roman “Wüstenblume“ für Furore, weil sie das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung in die Weltöffentlichkeit brachte. Waris Dirie wurde zu einer der wichtigsten Ansprechpersonen für Menschen- und Frauenrechtsorganisationen und 1997, kurz nach der Veröffentlichung des Buches, wurde sie zur UN-Sonderbotschafterin gegen die Genitalverstümmelung von Frauen ernannt. Waris Dirie erzählt in dem Buch ihre Lebensgeschichte, wobei die Genitalverstümmelung, die an ihr im Alter von fünf Jahren durchgeführt wurde, eine tragende Rolle einnimmt (www.waris-dirie-foundation.com). Vor kurzer Zeit ist ihr Buch verfilmt worden und lockte in sieben Wochen insgesamt 933.000 Besucher in die Kinos (www.filmstiftung.de).

Darüber wie viele Frauen und Mädchen eine Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen mussten, gibt es nur Schätzungen. Nach diesen Schätzungen sind etwa 140 Millionen Frauen auf der Welt bereits Opfer von Genitalverstümmelung geworden und jedes weitere Jahr kommen drei Millionen Mädchen und Frauen hinzu (www.bmz.de). Besonders in Afrika ist die weibliche Genitalverstümmelung weit verbreitet. Aus diesem Grund wird sich meine Arbeit auf den afrikanischen Kontinent beziehen. Das Thema “weibliche Genitalverstümmelung“ ist äußerst vielschichtig. So soll diese Arbeit einen Überblick über das Thema geben und verschiedene Lösungsansätze vorstellen.

Die zentralen Fragen dieser Arbeit sollen sein:

Was ist unter weiblicher Genitalverstümmelung zu verstehen, wo kommt sie aus welchen Gründen vor, was zieht sie für Folgen nach sich und was wird gegen Genitalverstümmelung unternommen?

Zu Beginn sollen die verschiedenen Formen der weiblichen Genitalverstümmelung vorgestellt werden. Daraufhin werde ich auf die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe von Genitalverstümmelung zu sprechen kommen um dann auf die Verbreitung von Genitalverstümmelung in Afrika einzugehen. Danach soll aufgezeigt werden, welche Gründe für die weibliche Genitalverstümmelung vorgebracht werden. Darauf folgend soll beschrieben werden wie eine Genitalverstümmelung ablaufen kann. Im weiteren Verlauf werde ich dann darauf eingehen, welche Folgen Genitalverstümmelungen nach sich ziehen können. Ich werde außerdem auf das Thema Menschenrechte im Zusammenhang mit weiblicher Genitalverstümmelung und auf strafrechtliche Regelungen zu sprechen kommen. Im letzten Teil meiner Arbeit möchte ich exemplarisch Organisationen vorstellen, die der weiblichen Genitalverstümmelung den Kampf angesagt haben.

2. Typen der weiblichen Genitalverstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung, international mit dem Begriff "Female Genital Mutilation" (FGM) bezeichnet, wird von der WHO folgendermaßen definiert: „alle Verfahren, die die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen, nichttherapeutischen Gründen“ (WHO 1996 Information Kit). In Bezug auf die unterschiedlichen Formen von FGM existiert keine eiheitliche Terminologie und in der Realität gibt es sehr verschiedene Varianten der Genitalverstümmelung (vgl. Schnüll 2003:26f.). In dieser Arbeit wird auf die weit verbreitete Typisierung der WHO zurückgegriffen. Diese unterscheidet vier Typen von FGM:

Typ I: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie).

Typ II: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und der kleinen Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der großen Schamlippen (Exzision)

Typ III: Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die kleinen und/oder die großen Schamlippen beschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris (Infibulation). Im extremsten Fall der Infibulation werden also die Klitoris, die inneren Schamlippen und die Innenseite der großen Schamlippen entfernt. Dann wird die Vulva mit Dornen, Seide oder Tierdarm zugenäht nachdem durch das Einführen eines Fremdkörpers, meist nur ein kleines Stöckchen, eine Öffnung zum Abfluss des Urins und des Menstruationsblutes geschaffen wurde.

Typ IV: In dieser Kategorie werden alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. Die WHO nennt beispielhaft das Einstechen, Durchbohren, Einschneiden (Introzision), Abschaben, Verätzen sowie die Kauterisation (Ausbrennen) weiblichen Genitalgewebes.

Am weitesten verbreitet sind die Typen I und II. Von den weltweit beschnittenen Frauen sind ca. 80% in diesem Sinne beschnitten. Etwa 15%, der von FGM betroffenen Frauen gehören zu Typ III, wobei in Ländern wie Eritrea, Dschibuti oder Somalia der Großteil der Frauen dieser Form der FGM unterzogen worden sind.

3. Geschichtliche und kulturelle Hintergründe der weiblichen Genitalverstümmelung

Es ist zu vermuten, dass die Praxis der weiblichen Beschneidung bis in die Zeit der Antike zurückreicht. Allerdings liegen die Ursprünge im Dunkeln, obwohl verschiedene Theorien vorgebracht worden sind. So berichtet der Historiker Herodot von weiblicher Beschneidung im Ägypten des 5. Jahrhundert vor Christus. Ebenso wird auf einem griechischen Papyrus aus dem Jahre 163 vor Christus die Beschneidung von Mädchen explizit erwähnt. Darüber hinaus beschrieb der griechische Geograph Strabo einen Brauch der Beschneidung, als er 25 vor Christus durch Ägypten reiste. Außerdem konnten verschiedene WissenschaftlerInnen nachweisen, dass weibliche Beschneidung bei den Römern als auch bei den Arabern durchgeführt wurde, wobei sie in einigen Kulturen ein Oberschichtenmerkmal gewesen zu sein scheint und in anderen ein Zeichen von Versklavung und Unterwerfung (vgl. Lightfoot-Klein 1992:43).

Zu betonen ist hier, dass FGM historisch betrachtet nicht auf außereuropäische Gebiete beschränkt war. Denn auch in Europa und Nordamerika wurden die Frauen beschnitten.

„Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, galt die operative Entfernung der Klitoris als Therapie für unterschiedliche Krankheiten und psychische Befindlichkeiten: dazu zählten Epilepsie, Depression, Hysterie, Nymphomanie. Außerdem wurde (…) der operative Eingriff vorgenommen, um die Masturbation bei kleinen Mädchen zu verhindern“ (Hermann 2000:28).

Die weibliche Genitalverstümmelung findet heute vorwiegend in subsaharischen und in vom Islam geprägten Ländern statt und ist dort ein traditioneller, religiöser und/oder gesellschaftlicher Akt, durch den die Frau in der Gemeinschaft akzeptiert wird.

4. Verbreitung

FGM ist in 28 Ländern, vor allem südlich der Sahara verbreitet, wobei man in den meisten Ländern[1] auf die als Typ I und Typ II klassifizierten Formen der FGM stößt. Die Infibulation findet hauptsächlich in Somalia, Djibouti, Eritrea, dem Sudan sowie in Teilen von Mali statt. Allerdings lässt sich die Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung eher ethnisch als geographisch bestimmen (vgl. Gruber et al. 2005:7f.). Außerdem ist FGM nicht ausschließlich auf eine bestimmte Religion beschränkt. So sind Musliminnen, Christinnen sowie zum Teil Jüdinnen und Anhängerinnen anderer Religionen gleichermaßen betroffen (vgl. Schnüll 2003:24, 43ff.).

Da in den Gesellschaften, in denen FGM praktiziert wird, so gut wie alle Mädchen diesem Ritual unterzogen werden, wird FGM als normal empfunden und nicht in Frage gestellt. Ausgenommen von FGM sind häufig Behinderte und Prostituierte sowie deren Töchter. Der Zeitpunkt der Durchführung der FGM kann jedoch, je nach Tradition, unterschiedlich sein. So wird die Genitalverstümmelung kurz nach der Geburt, in der Pubertät, kurz vor oder kurz nach der Eheschließung oder nach der ersten Entbindung durchgeführt. Auch kann es vorkommen, dass sich die Frauen zweimal dem Ritual der FGM unterziehen müssen. Dies kann vor einer anstehenden Eheschließung der Fall sein, wenn die vorhandene Art der FGM dem Ehemann oder der Schwiegermutter nicht genügt. Dann muss eine noch drastischere Art der FGM an der Frau vorgenommen werden (vgl. Schnüll 2003:29f.). Außerdem wird meist nach einer Geburt eine erneute FGM vorgenommen (Reinfibulation).

Laut einer Studie, die im Jahre 1999 vom sudanesischen Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem United Nation Population Fund (UNFPA) durchgeführt wurde, befürworten 73% der ländlichen Bevölkerung und 67% der städtischen Bevölkerung des Sudans FGM (vgl. Euler 2002:10f.). Die erhöhte Zustimmung der ländlichen Bevölkerung könnte sich durch eine mangelnde Schulbildung oder durch größere soziale Kontrolle als in der Stadt erklären lassen. Allerdings ist seit einigen Jahren eine zunehmende Fundamentalisierung in gebildeten städtischen Schichten festzustellen, die sich negativ auf die Bekämpfung von FGM auswirkt, da radikale Geistliche die Verstümmelung von Mädchen fordern (vgl. Euler 2002:16ff.).

5. Gründe für weibliche Genitalverstümmelung

Die Gründe für die Durchführung der FGM sind vielfältig und von Ethnie zu Ethnie verschieden. Deshalb sollen im Folgenden nur die wichtigsten Begründungen, ohne Bezug auf eine spezielle ethnische Gruppe dargestellt werden.

Die Wahrung der Tradition wird häufig als einer der wichtigsten Gründe für FGM genannt. Personen, die die Tradition missachten, müssen mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen. In den Gesellschaften in denen FGM die Regel ist und zur Tradition gehört, werden nicht beschnittene Frauen häufig stigmatisiert und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Außerdem ist FGM traditionell positiv konotiert. Die Mädchen wissen vor der FGM nicht, dass ihnen Schmerzen bevorstehen und freuen sich, da sie viel Aufmerksamkeit erhalten (vgl. Schnüll 2003:39ff.).

Die bestimmten Rollenerwartungen an die Frauen, vor allem was ihre Sexualität betrifft, sind ein weiter Grund für die weibliche Genitalverstümmelung. So wird in vielen afrikanischen Gesellschaften erwartet, dass sich die Frau ganz der Familie widmet, ein eingeschränktes sexuelles Verlangen zeigt und in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgeht. Nur wenn dieses Rollenbild erfüllt wird kann die Frau Anerkennung und Respekt innerhalb der Gesellschaft erlangen (vgl. Schnüll 2003:39ff.).

„Es gibt die Anschauung, dass das Reiben der Klitoris an der Kleidung zu einer ständigen Erregung führt und die Klitoris daher entfernt werden muss. In vielen afrikanischen Gesellschaften gelten Frauen als nymphoman. Daraus resultiert die Angst vor exzessiver Sexualität der Frau, gekoppelt mit der Möglichkeit von Masturbation oder Prostitution“ (Gruber et al. 2005:26).

So dient die FGM sozusagen zum Zusammenhalt der Familie, als Schutz vor Vergewaltigung und als Schutz vor der eigenen, angeblich unkontrollierbaren, Lust auf Sexualität. Außerdem soll durch die FGM die Jungfräulichkeit der Frau bewahrt, die eheliche Treue gewährleistet und die Lust des Mannes gesteigert werden. Zudem ist das sexuelle Desinteresse der Frauen vor allem in polygamen Gesellschaften erwünscht, damit sich der Mann bei mehreren Frauen nicht sexuell überfordert fühlt (vgl. Schnüll 2003:39ff.). Festzuhalten ist hier also, dass durch FGM versucht wird die Sexualität der Frauen zu kontrollieren.

Ebenso wird FGM aber auch aus ästhetischen oder hygienischen Gründen befürwortet. So wird in manchen Gesellschaften das beschnittene weibliche Genital als besonders schön angesehen. Im Gegensatz dazu wird ein unbeschnittenes weibliches Genital als hässlich oder schmutzig betrachtet. In manchen Gebieten wird FGM als notwendig erachtet um übermäßige Wucherungen an den weiblichen Genitalien zu unterbinden, denn es existiert die Vorstellung, dass die äußeren Genitalien der Frau weiter wachsen würden, wann man sie nicht beschneidet. Natürlich sind ästhetische Vorstellungen kulturabhängig und nur schwer zu widerlegen im Gegensatz zu der Vorstellung von einem Weiterwachsen der äußeren Genitalien. In Gesellschaften, in denen infibuliert wird, gilt der fast verschlossene Unterleib als besonders rein, weil diverse Körperflüssigkeiten nur schwer austreten können. Diese Vorstellung von Reinheit stimmt in keiner Weise mit den Erkenntnissen über Hygiene überein (vgl. Schnüll 2003:39ff.).

[...]


[1] Benin, Bukina Faso, Elfenbeinküste, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kamerun, Kenia, Demokratische Republik Kongo, Liberia, Mauretanien, Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone, Tansania, Togo, Tschad, Uganda und Zentralafrikanische Republik.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640643882
ISBN (Buch)
9783640644322
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152643
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Schlagworte
Beschneidung Frauenbeschneidung weibliche Beschneidung Genitalverstümmelung FGM Afrika Frauen in Afrika NGO

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Frauenbeschneidung in Afrika