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Das brasilianische Portugiesisch. Ein Dialekt, eine Varietät oder doch eine eigene Sprache?

von Tamara Berlstein (Autor)

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Romanistik - Portugiesische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was Sprache und Dialekt ausmacht

3 Die Entwicklung der Sprache in Portugal und Brasilien

4 Unterschiede in der Phonetik und Phonologie
4.1 Konsonanten
4.2 Vokale
4.3 Diphthonge

5 Unterschiede auf anderen linguistischen Ebenen

6 Fazit

7 Anhang
7.1 Die dialektale Gliederung von Portugal und Brasilien
7.1.1 Grafik 1: Karte der Dialekte in Portugal
7.1.2 Legende 1
7.1.3 Grafik 2: Karte der Dialekte in Brasilien
7.1.4 Legende 2
7.2 Konsonantismus
7.2.1 Grafik 3: Konsonantenübersicht des EP und BP.
7.2.2 Grafik 4: Die Realisierung von /s/ im BP: vorkonsonantisch und im Auslaut (fortis)
7.2.3 Grafik 5: Die Affrizieung von /t/ und /d/ im BP.
7.2.4 Grafik 6: Die Realisierung von /r/ im BP: anlautend und implosiv
7.3 Vokalismus
7.3.1 Grafik 7: Vortonige Oralvokale: BP - EP
7.3.2 Grafik 8: Oralvokale unter dem Hauptton: BP - EP.
7.3.3 Grafik 9: Nachtonige Oralvokale: BP - EP
7.3.4 Grafik 10: Finale Oralvokale: BP - EP.
7.4 Nasalvokale und Diphthonge
7.4.1 Nasale Vokale und Diphthonge: BP - EP
7.4.2 Fallende Diphthonge: BP - EP

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Seit der Entdeckung Brasiliens im Jahre 1500 erfährt das Portugiesisch in diesem Land eine völlig andere Sprachentwicklung als in Europa. Die Einflüsse aus anderen Sprachen, die landes- und weltpolitischen Entwicklungen, der Aufstieg zu einer der zehn größten Industrienationen der Welt und die damit einhergehende demographische Entwicklung tragen das Ihre dazu bei. Es stellt sich also die Frage, ob das brasilianische Portugiesisch wirklich noch ein Dialekt oder eine Varietät des europäischen Portugiesisch ist. Oder hat es sich nicht viel mehr zu einer ganz eigenen Sprache entwickelt?

Bei der Beantwortung dieser Frage stellt sich das Problem, dass sich die Lusitanistik überwiegend mit dem europäischen Portugiesisch beschäftigt. Eine Aufteilung wie im Englischen in Anglistik und Amerikanistik hat sich noch nicht etabliert, die Brasilianistik steckt noch in den Kinderschuhen. Dementsprechend dürftig sind auch die Materialien, die sich damit befassen. Ein weiteres Problem ist, dass der Begriff „Sprache“ nicht eindeutig definiert ist. In der Linguistik ist man sich nicht einig darüber, welche Kriterien erfüllt sein müssen, bevor man von einer eigenständigen Sprache sprechen kann. Zudem stellt sich das Problem der Vergleichbarkeit. Da es in Brasilien keine verbindliche Norm gibt und die Sprache innerhalb des Landes genauso variiert wie zwischen Brasilien und Portugal, ist es schwer, allgemeine Aussagen zu treffen. Gerade in Brasilien lassen sich alle in der Lusophonie vertretenen sprachlichen Varietäten wiederfinden. Es muss also immer eine Standortbestimmung vorgenommen werden. Außerdem muss man beachten, dass es große Unterschiede innerhalb der sozialen Schichten gibt.

Um zu einem eindeutigen Resumee zu kommen, würden die dafür nötigen Untersuchungen und die Auswertung der Ergebnisse den hier vorgegeben Rahmen sprengen. Bei meiner Argumentation werde ich mich vor allem auf die Phonetik und Phonologie konzentrieren, einerseits natürlich weil dies eine Hausarbeit zum Seminar „Phonetik und Phonologie“ ist, andererseits, weil die sprachlichen Unterschiede am deutlichsten in der Aussprache zu Tage treten. Trotzdem dürfen die anderen linguistischen Ebenen, sowie die geschichtlichen Hintergründe und das Nationalbewusstsein beider Staaten nicht außer Acht gelassen werden.

2 Was Sprache und Dialekt ausmacht

Leider gibt es keine eindeutige linguistische Defintion, was „eine Sprache“ ist. Allge­mein kann aber sagen, dass jede Sprache über ein Lautsystem, grammatische Struk­turen, Wortschatz und pragmatische Regeln, die den Einsatz der Sprache steuern, verfügt. Der Einsatz und die Funktion von Sprache kann stark variieren: Es gibt ei­nerseits Sprachen, die nur in der gesprochenen Form existieren (zum Beispiel das Yanomami in Brasilien), andererseits Sprachen, wie das Englische oder Französische, die auf der ganzen Welt in allen Medien verwendet werden (Hamann 2004: 240).

Heinz Kloss prägte in diesem Zusammenhang die Termini Abstandsprache und Ausbausprache, um Sprachvarietäten charakterisieren, die wegen spezifischer sprachkultureller beziehungsweise soziolinguistischer Eigenschaften als eigenständi­ge Sprache einzustufen sind. (Bußmann 2008: 4). Eine Abstandsprache ist demnach eine Varietät[1], die sich von anderen Varietäten in Aussprache, Wortschatz und Gram­matik so stark unterscheidet, dass sie als eigene Sprache anzusehen ist, selbst wenn es kein literarisches Erbe gibt. Ausbausprachen sind „nach interlinguistischen Krite­rien 'Dialekte' einer übergeordneten Bezugssprache“ (Bußmann 2008: 4), die sich so eigenständig entwickelt haben, dass sie in weiten Teilen des modernen Lebens einge­setzt wird (z.B. in Form einer eigenständigen Literatur), über eine normierte Ortho­graphie verfügt, sowie über eine Standardisierung in Phonetik, Morphologie und Syntax. Eine Varietät wird dann zur Sprache, wenn sie Ausbausprache, Abstandspra­che oder beides ist (Kloss 1978: 25).

Genauer ist die Definition für Dialekt: „Sprachliche Varietät mit begrenzter räumlicher Geltung im Gegensatz zur überdachenden Standardsprache[2]“ (Bußmann 2008: 131). Der Dialekt ist also räumlich begrenzt und hat eine geringere kommuni­kative Reichweite.

Zur Unterscheidung zwischen Dialekt und Sprache wird gern das Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit herangezogen. Dass dies nicht immer so einfach ist, kann man zum Beispiel in England beobachten: Ein Sprecher aus London und ein Sprecher von den Shetland-Inseln können mitunter große Verständigungsschwierig­keiten haben, obwohl sie offiziell dieselbe Sprache sprechen. Andersherum verhält es sich in vielen Grenzgebieten: Obwohl die Menschen auf beiden Seiten die gleichen Dialekte sprechen, sprechen sie offiziell unterschiedliche Sprachen, weil die Staats­grenze durch das Gebiet verläuft. Die Unterscheidung zwischen Dialekt und Sprache wird also nicht nur anhand linguistischer Merkmale vorgenommen, auch die histori­sche und politische Entwicklung spielt eine Rolle.[3]

3 Die Entwicklung der Sprache in Portugal und Brasilien

Das Portugiesische hat sich wie alle romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein ent­wickelt. Im Zuge der Romanisierung der iberischen Halbinsel im 3. Jahrhundert wur­den keltische Idiome sowie das Lusitanische vom Latein verdrängt. Während der Völkerwanderungszeit war das heutige Portugal von den germanischen Sueben be­siedelt, die später von den Westgoten vertrieben wurden. 711 begann die arabisch-is­lamische Eroberung der gesamten iberischen Halbinsel bis auf Galizien. Hier ent­stand der Wallfahrtsort Santiago de Compostela, der Ausgangspunkt der Reconquis­ta. Im Zuge der Reconquista wurden die Gebiete nördlich und südlich des Flusses Minho als Lehen vergeben: Das nördlich gelegene Galizien verblieb bei der kastili- schen Krone. Das südliche Gebiet zwischen dem Minho und dem Mondego war der Anfang eines unabhängigen portugiesischen Königreiches, das 1140 endgültig von Kastilien anerkannt wurde. Aus dem bis dahin gesprochenen galego-portugues ent­wickelte sich das Portugiesische, das sich dank der stabilen politischen Zustände früh als eigenständige Sprache etablieren konnte. Um 1250 war die Reconquista in Portu­gal beendet, Lissabon wurde zur Hauptstadt und es entwickelte sich eine Standard­sprache, die auf den mozarabischen Dialekten der zurückeroberten Gebiete basierte (Bossong 2008: 49-52). Die Verbreitung der portugiesischen Sprache kann im Allge- meinen mit der Expansion des portugiesischen Reiches gleichgesetzt werden (Noll 1999: 15). Die Portugiesen waren Pioniere der Seefahrt, unter anderem entdeckten sie im 15. Jahrhundert den Seeweg nach Indien. Dank des Vertrages von Tordesillas von 1494 wurde Portugiesisch zur Verkehrssprache an den Küsten von Afrika, Indien und Südostasien (Bossong 2008: 52-53).

Am 22. April 1500 landete Alavares Cabral im Süden des heutigen Bahia und entdeckte damit Brasilien. Dort sprach man bis ins 18. Jahrhundert hinein die auf dem indigenen Tupi basierende lingua geral. 1759 wurde diese wurde jedoch durch den Marques de Pombal verboten. 1807 emigrierte die portugiesische Königsfamilie aus Angst vor der napoleonischen Invasion nach Rio de Janeiro. Bossong und Lipski sehen darin den Grund dafür, dass das carioca deutlich europäisch geprägt ist (Bos­song 2008: 53, Noll 1999: 13), Lipski nennt als Beispiel das chiamento (vgl. Kapitel 5.1). Noll weist aber darauf hin, dass zumindest Lipski kein vergleichendes dialekto­logisches Material herangezogen hat und dass die sprachhistorische Entwicklung und die heutige regionale Verbreitung des chiamento zu anderen Ergebnissen führen (1999: 13). 1822 wurde Brasilien unabhängig und Rufe nach sprachlicher Eigenstän­digkeit wurden laut. Vor allem plädierten Autoren für brasilidade, Brasilianisch als eigenständige Literatursprache (Bossong 2008: 54). Heute ist jedoch die gesamte Vielfalt des brasilianischen Portugiesisch in der Literatursprache wieder zu finden (Holtus 1994: 393).

Die Etablierung einer Standardsprache war und ist in Brasilien bei weitem nicht so einfach wie in Portugal. Als Kolonie war Brasilien nur unter kommerziellen Gesichtspunkten interessant (Holtus 1994: 391). Von 1815 bis zur Unabhängigkeit gehörte Brasilien zum Reino Unido a Portugal e Algarves (Noll 1999: 100), da es aber nur zur wirtschaftlichen Ausnutzung bestimmt war, wurde es politisch nur dort konsequent organisiert, wo sich dies als profitabel erwies. So zum Beispiel nach der Entdeckung der Bodenschätze in Minas Gerais. Ansonsten war das Land weitgehend sich selbst überlassen (Holtus 1994: 391 f.). Es gab keine Universitäten und dement­sprechend keine Akademiker, der größte Teil der Bevölkerung war nur wenig gebil­det. Die Sprechsprache entfernte sich immer weiter vom europäischen Standard, und eine enorme regionale Vielfalt entstand (Holtus 1994: 392). Die afrikanischen und in­digenen Sprachen beeinflussten die Sprache, sowie seit Beginn des 19 Jahrhunderts die Sprachen der vielen Einwanderer (Holtus 1994: 392).

[...]


[1] „Allgemeiner Terminus der Variationslinguistik für die je spezifische Ausprägung eines sprachlichen Verhaltens in einem mehrdimensionalen (regional, sozial, situativ, historisch differenzierten) 'Varietätenraum'; betroffen sind jeweils unterschiedliche bzw. unterschiedlich viele sprachliche Merkmal einer bzw. mehrerer linguistischer Ebenen [...]. Die einzelnen außersprachlichen Variationsparameter (Region, Gruppe/Schicht, Situation, historische Dimension) sind dabei varietätendefinierend [...]. (Bußmann 2008: 772).

[2] „Auch: Hochsprache. [...] in Deutschland übliche deskriptive Bezeichnung für die historisch legitimierte, überregionale, mündliche und schriftliche Sprachform der sozialen Mittel- und Oberschicht; [.] Entsprechend ihrer Funktion als als öffentliches Verständigungsmittel unterliegt sie (besonders in den Bereichen Grammatik, Aussprache und Rechtschreibung) weitergehender Normierung [...]. Die Beherrschung der S. gilt als Ziel aller sprachdidaktischen Bemühungen.“ (Bußmann 2008: 680). „Unter den Hoch- oder Kultursprachen kann es keine Nur-Abstandsprachen geben, da der Begriff 'Hochsprache' definitorisch den Zustand des Ausgebautseins impliziert. Wohl aber gibt es unter ihnen eine ansehnliche Minderheit, die als 'Nur-Ausbausprachen' gelten können, die m.a.W. als Dialekte einer bestimmten Bezugssprache gelten würden, wären sie nicht zu Werkzeugen einer nach allen Richtungen einschließlich der Sachprosa ausgebauten Literatur geworden.“ (Kloss 1978: 26).

[3] Siehe auch Anhang 8.1 Die dialektale Gliederung Portugals und Brasiliens.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640948406
ISBN (Buch)
9783640948635
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152723
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Portugal Brasilien Brasilianisches Portugiesisch Brasilianisch Phonetik Phonologie Romanistik Lusitanistik Sprachwissenschaft Abstandsprache Ausbausprache Sprache Varietät Dialekt

Autor

  • Tamara Berlstein (Autor)

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