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Die philosophische Aneignung und Transformation der Institution Knabenliebe in der Rede des Sokrates

Hausarbeit 1999 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die griechische Knabenliebe

3. Wie ist die philosophische Aneignung und Transformation der Institution Knabenliebe in Platons „Phaidros“ beschaffen?

4. Schlußbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der griechische Philosoph Platon lebte um 428 bis ca. 347 v. Chr. Er gilt als einer der einflußreichsten Denker der abendländischen Philosophie. Platon schrieb seine Werke in Dialogform. Anhand von Gesprächen zwischen zwei oder mehreren Personen werden philosophische Gedanken vorgetragen, diskutiert und kritisiert. Auch der „Phaidros“, der hier auszugsweise diskutiert werden soll, ist ein solcher Dialog.

In der griechischen Antike war die Knabenliebe ein allgemein geachtete und anerkannte Praktik. Gerade die Werke Platons gelten als wichtige Quellen, die die Existenz der Knabenliebe nachhaltig belegen.

Im ersten Teil der Hausarbeit möchte ich zunächst den Forschungsstand über die griechische Knabenliebe vorstellen. Den Hauptteil der Arbeit stellt eine Interpretation der zweiten Rede des Sokrates dar, wie die philosophische Aneignung und Transformation der Institution Knabenliebe im Phaidros beschaffen ist. Dabei werde ich mich auf einzelne Zitate der Rede beziehen und diese interpretieren.

2. Die griechische Knabenliebe

Der Forschungsstand über die griechische Knabenliebe soll im folgenden an drei Werken aufgezeigt werden: „Die dorische Knabenliebe“ von Erich Bethe (1907)[1], „Homosexualität in der griechischen Antike“ von Kenneth J. Dover (1978)[2] sowie „Die griechische Knabenliebe“ von Harald Patzer (1982)[3].

Bethe war der erste, der die Knabenliebe mit all ihren Eigen- und Besonderheiten unumwunden ansprach. Er nennt die Knabenliebe die „auffallendste Eigentümlichkeit der älteren griechischen Kultur“, kritisiert jedoch, daß die zuständigen Gelehrten dies nicht ehrlich aussprechen und zumeist eine sehr unsichere Stellung diesem Thema gegenüber beziehen. Auch störte ihn der entschuldigende Ton, der bei diesem Thema angeschlagen wird. Bethe war der Ansicht, die Griechen bräuchten keine Entschuldigungen.

Bethe versucht, die Päderastie als staatliche Institution der Dorer zu verstehen und als solche zum Aufweis zu bringen. Die Knabenliebe war in der dorischen Kultur ein anerkanntes gesellschaftliches Element, das als äußerst ehrenwert galt. Die Belege, die Bethe heranzieht, stammen aus der Zeit des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr.

Für das Liebesverhältnis zwischen einem erwachsenen Mann und einem Knaben gab es in der dorischen Kultur feste Regelungen. Die Knabenliebe war den freien Männern vorbehalten und für Sklaven verboten. Die Erziehung zur „Mannestüchtigkeit“ (Aretè) beruhte auf der Päderastie. Bethe nennt in seinem Werk den Mann „Liebhaber“ und den Knaben „Geliebten“, aber auch griechisch Erastès und Eromenos. Laut Bethe war es das Bestreben des Mannes, dem Jungen das Vorbild wahrer Aretè zu sein. Der Knabe hingegen wollte sich seines Liebhabers würdig erweisen. Daß die Knabenliebe gewisse Formen der Eheschließung beinhaltete, zeigt die Quelle des Ephoros, welcher sich Bethe bedient. Sie berichtet über den sogenannten Brautraub in Kreta: wenn ein Mann an einem Knaben interessiert war, so kündigte er dessen Angehörigen mindestens drei Tage vorher an, er werde den Knaben rauben. Ausschlaggebend für die Wahl eines Knaben war laut Bethe nicht die Schönheit, sondern die Tapferkeit und Tüchtigkeit. In Sparta beispielsweise war der Erastes verantwortlich für seinen Knaben, er wurde bestraft, wenn der Knabe sich nicht rechtmäßig benahm, nicht der Knabe selber. Zugleich hatte der Erastes jedoch auch Anteil am Ruhm seines Knaben. Insofern war die Tatsache, den Eromenos in erster Linie nach Tüchtigkeit und Tapferkeit zu erwählen, verständlich. Waren die Angehörigen mit dem Liebhaber nicht einverstanden, war er also nicht würdig genug für den Knaben, so verfolgten sie an dem abgemachten Tag den Liebhaber und entrissen ihm den Knaben. Galt er als geeignet, so verfolgten sie ihn nur zum Schein bis zum Haus des Mannes. Es war eine Schande für einen Knaben, keinen Liebhaber zu finden, ebenso wie es als großes Privileg galt, von mehreren Liebhabern begehrt zu werden.

Der Mann lebte mit dem Knaben zwei Monate zusammen, dann entließ er ihn und beschenkte ihn zumeist reich. Unter den Geschenken waren immer eine Kriegsausrüstung, ein Trinkbecher und ein Rind, das Zeus geopfert wurde und zusammen mit den Angehörigen gegessen wurde. Der Knabe war nun in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, trug den Namen „der Angesehene“ und genoß etliche Privilegien. Künftig stand der Knabe dem Liebhaber im Kampf zur Seite.

Laut Bethe gingen die Dorer davon aus, daß die Eigenschaften des Mannes auf den Knaben übertragen wurden, weshalb es für den Knaben und auch für den Staat so wichtig war, daß tüchtige Männer Knaben liebten.

Bethe vermutet, daß der sexuelle Liebesakt, der wohl zwischen den Partnern stattfand, als eine sakrale Handlung zu deuten ist. Denn die Knabenliebe als Institution beruhte auf ideellen Vorstellungen, und so glaubt Bethe, daß der Liebesakt zur Übertragung der „Heldenseele“ gedacht gewesen sei. Als Belege zieht er offenbar in gleicher Weise aufgefaßte rituelle Handlungen bei Jünglingsweihen von Naturvölkern heran. Aus diesen schlußfolgert er, daß auch in der Knabenliebe mit dem Samen die Aretè übertragen werden sollte und dies durch eine Art Begattung stattfand.

Damit war Bethe der erste, der den rituellen Antrieb als Grund für die Knabenliebe benannte.

Von den zuständigen Gelehrten der damaligen Zeit wurde Bethes Aufsatz nahezu als „nicht existent“ behandelt und gleich nach dem Erscheinen scharf kritisiert. Später fand er dann keine Berücksichtigung mehr.

Kenneth J. Dover beschäftigt sich mit der jüngeren Form der Knabenliebe, aus der Zeit, als der Adel nicht mehr kriegerische Tugenden benötigte. Diese Form wird im Gegensatz zur dorischen Knabenliebe später als „klassische Knabenliebe“ bezeichnet. Sie wird von ihm durchgehend „Homosexualität“ genannt. Er definiert diese Homosexualität als „die Disposition, sinnliche Lust durch Körperkontakt mit Personen des eigenen Geschlechts in Bevorzugung des Kontakts mit dem anderen Geschlecht zu suchen“.

Die „dorische Knabenliebe“ erwähnt er nur beiläufig und beschreibt sie eigentlich lediglich als lokale Abwandlung, aus der die „klassische Form“ nicht abzuleiten sei.

Dover unterscheidet zwischen einer „rechtmäßigen Knabenliebe“ und einer „unrechtmäßigen“. Ebenso wie bei den Dorern war eine „rechtmäßige (und somit gesellschaftlich anerkannte und angesehene) Knabenliebe nur freien Polisbürgern gestattet. Sklaven war dieses verboten. Um den Status der Rechtmäßigkeit zu erfüllen, mußte das Verhältnis von seiten des Mannes auf Eros beruhen, nicht nur auf sexuellem Verlangen. Eròs war laut Dover die Faszination des Älteren für die körperliche Schönheit eines Knaben. Dieser Eròs war mit der Philia eng verbunden. Philia galt laut Dover als Gefühl enger Zusammengehörigkeit. Damit nun eine Philia zwischen dem Knaben und dem Mann entstand, so stellt Dover dar, war es wichtig, daß der Junge das sexuelle Begehren, das ihm der Mann neben dem Eròs entgegenbrachte, nicht erwiderte. Damit die Verbindung nicht unrechtmäßig wurde, durfte der Ältere dieses auch nicht verlangen. Dies wird auch in der Bezeichnung der beiden deutlich, als Erastes (dessen, der von der körperlichen Schönheit eines bestimmten Knaben oder Jünglings begeistert ist) und Eromenos (der, dem eine solche Begeisterung entgegengebracht wird). Es ist also ein einseitiger Eros.

Der Mann förderte den Jungen, sollte ihn zu einem vollkommenen Mann machen. Der Jüngling hingegen brachte dem Älteren Dankbarkeit und Bewunderung entgegen. Der Eromenos gewährte in diesem Kontext dem Erastes sexuelle Kontakte, ohne sie jedoch selber zu verlangen. Der Eromenos durfte sich hierbei niemals in die Rolle und Position einer Frau begeben, er sollte sich dem Erastes nicht unterwerfen. Laut Dover mußte der Knabe demnach bei einem Sexualakt eine aufrechte und unbeteiligte Stellung einnehmen, außerdem wurde jegliche Form des körperlichen Eindringens vermieden.

Als Regel galt es nach Dover, daß der Mann lange um einen Knaben werben mußte, während der Knabe wiederum sich lange abweisend zu verhalten hatte. So sollte gewährleistet sein, daß es dem Eromenos ernst war, er tatsächlich vom Eros geleitet wurde und eine dauerhafte Philia anstrebte. Andersherum sollte der Knabe zeigen, daß er ebenfalls durch ehrliche Bewunderung eine Philia einging. Eine etwaige Beziehung zwischen beiden unterlag strengster Diskretion. Sexuelle Betätigung konnte bei dieser Beziehung vorkommen, doch Dover sagt auch, daß dies nicht zwangsläufig so gewesen sei.

Mit dem vollständigen Erwachsensein des Knaben findet die Beziehung ein Ende.

Auch Dover erkennt die Knabenliebe als gesellschaftliche Institution, die einem gesellschaftlichen Zweck diente.

Als letzter Forschungsstand soll nun Harald Patzer herangezogen werden, der sich in seinem Werk mit den Werken Bethes und Dovers auseinandersetzt. Er sieht beide als wichtige Einzelerscheinungen von Autoren, die sich mit dem Phänomen der Knabenliebe befassen. Auch Patzer beanstandet - wie Bethe 1907 - daß die Knabenliebe von der Wissenschaft kaum erforscht ist. Besonders ihr sexueller Anteil sei stets vernachlässigt worden. So stimmt Patzer der Theorie von Bethe zu, die Sexualität in der Knabenliebe sei als eine Art sakraler Handlung zu verstehen. Dennoch meint er, daß die Belege Bethes selbst nicht zwingend seien und führt Beispiele an, die Bethe indes nachträglich belegen.

[...]


[1] Bethe, Erich: Die dorische Knabenliebe. Ihre Ethik und ihre Idee. In: Buecheler, Franz und August Brinkmann (Hrsg.): Rheinisches Museum für Philologie. 62.Band. Frankfurt/Main 1907. S.438-475.

[2] Dover, Kenneth J. Homosexualität in der griechischen Antike. München 1983.

[3] Patzer, Harald: Die griechische Knabenliebe. Wiesbaden 1982.

Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638204620
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15319
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Kulturwissenschaften
Note
2
Schlagworte
Aneignung Transformation Institution Knabenliebe Rede Sokrates Platons Dialog Phaidros

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Titel: Die philosophische Aneignung und Transformation der Institution Knabenliebe in der Rede des Sokrates