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Die Endkapitel De Spectaculis

Tertullian und Novatian in kritischer Analyse

von Marie Wolf (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Tertullian
Der Adressatenkreis Tertullians Schauspielschrift
Der Stil Tertullians
De Spectaculis 29 - Grammatik und Syntax
De Spectaculis 30 - Grammatik und Syntax
De Spectaculis 29 und 30- Wortschatz

Novatian
Der Stil Novatians
De Spectaculis 9 - Grammatik und Syntax
De Spectaculis 10 - Grammatik und Syntax
De Spectaculis 9 und 10- Wortschatz

Novatian und Tertullian im Vergleich und Vermutungen über den Adressatenkreis

Novatians

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

„Am meißten hat auf die Schriftstellerei Novatians offenbar Tertullian eingewirkt.“[1] Diese These wird zum Einen rein formal dadurch belegt, dass beide eine Schrift gleichen Titels, nämlich De Spectaculis, verfasst haben. Zum Anderen haben Novatian und Tertullian einige inhaltliche und stilistische Gemeinsamkeiten.[2] Interessant dabei ist, dass Novatian in seinem Werk über die Schauspiele dem Leser im Gegensatz zu Tertullian eine Alternative zu den römischen Schauspielen aufzeigt, indem er die Schauspiele der Bibel detalliert beschreibt und lobt.[3] Nach Schöllgen bezieht sich der Adressatenkreis von Tertullians Schrift auf die gesamte Gemeinde in Karthago.[4] Über den Adressatenkreis von Novatians gleichnamiger Schrift sind bisher keine Vermutungen aufgestellt worden.

Mittels einer sprachliche Analyse der letzten zwei Kapitel der zwei Schauspielschriften, in denen beide Schriftsteller einen Ausblick über die Konsequenzen des Schauspielbesuchs geben und darüber hinaus auf unterschiedliche Art und Weise Alternativen zu den Besuchen der Schauspiele zeigen, soll versucht werden, eine Antwort auf die Frage nach dem Adressatenkreis von Novatians Schauspielschrift zu finden. Dabei stehen auf grammatikalischer Ebene Satzbau, Verbformen und einige Stilmittel im Fokus, auf lexikalischer Ebene sind es einzelne, besondere Wendungen und biblische Bezüge, die analysiert werden sollen.

Tertullian

Die Lebensdaten von Tertullian sind unbekannt, allerdings lassen sich seine Schriften auf die Jahre zwischen 197 und 212 datieren. Er ist als Erwachsener zum Christentum konvertiert und wendet sich ab 207 der Lehre des Montanismus zu. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt er in Karthago.[5] Die Datierung seiner Schriften ist umstritten, sicher ist jedoch, dass Tertullian etwa ein halbes Jahrhundert vor Novatian lebt und schreibt.

De Spectaculis wird wahrscheinlich um das Jahr 200 oder ein paar Jahre zuvor geschrieben, denn die Schrift wird von Tertullian in anderen seiner Werke zitiert.[6] Kellner geht davon aus, dass De spectaculis in Kathargo unter Kaiser Severus geschrieben wurde[7] und er zählt die Schrift zu den katechetischen Werken Tertullians. Tertullians Intention wird ein seelsorgerliches Interesse gewesen sein, um getaufte Christen und Katechumen vom Schaupielbesuch abzuhalten.[8] Eine solche Haltung war bei christlichen Gelehrten aus moralischen Gründen sehr verbreitet.[9] Bereits vor Tertullian beschäftigen sich einige Schriftsteller (u.a. Tatian, Athenagoras, Theophil, Irenaeus) mit diesem Thema und der „Kampf gegen die Schaupiele erstreckt sich (...) noch weiter, über das Mittelalter bis in die Neuzeit.“[10]

Der Adressatenkreis Tertullians Schauspielschrift

Tertullian schreibt, wie eingangs schon bemerkt, für die Gemeinde in Kathargo. Schöllgen spezifiziert den Kreis der Adressaten, denn es sei offensichtlich, dass „die Theaterfreunde, gegen die Tertullian argumentiert, eher auf den literarischen Genuß und den Bildungswert des Theaters ab[heben]“, so dass „die Gegener, denen Tertullian mit dieser Passage entgegentritt, gebildete Theaterfreunde aus der Gemeinde [sind]“,[11] wegen denen Tertullian eine weitere Schauspielschrift in Griechisch verfasst habe. Schöllgen schlussfolgert aus dieser Gegebenheit, dass es sich bei dieser gebildeten Schicht innerhalb der Gemeinde nicht nur um eine Ausnahme handelt, sondern dass „die christliche Gemeinde von Karthago [...] schon um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert nicht mehr nur aus einfachen Handwerkern, Händlern u.ä. [bestandt“, sondern aus „Gebildeten“ von denen einige, wie zum Beispiel die Märtyrerin Vibia Perpetua auch namentlich bekannt sind".[12]

DerStil TertulHans

Zu den besonderen stilitischen Merkmalen Tertullians gehören verschiedene literarische Spitzfindigkeiten. Statt Verben verwendet Tertullian eher Substantive, woran der Autor gerne Endungen wie -ator und -atrix anfügt und dabei ganz neue Wörter erfindet, die dem Inhalt seiner Texten einen belebten Charakter geben. Er bedient sich Worte griechischen Ursprungs, die er latinisiert. Aus Stabreimen, Endreimen und einem ähnlichen Tonfall entstehen Wortspiele, die sich bis zu „Kränzen“ ausformen. Er nutzt außerdem kurze Anspielungen, Wiedersprüche und Sinnsprüche in seinen Texten, was so interpretiert wird, dass Tertullian der Auffassung gewesen sei, das Christentum erfordere als neue Idee für die Welt auch neue Maßstäbe für seine Verschriftlichung. Nicht nur Neologismen zählen zu seinem Repertoire, sondern auch Bedeutungsänderungen von geläufigen lateinischen Wörtern.[13] Des Weiteren schreibt er im Stil der alten Sophisten, indem er seine Ansichten argumentativ verdeckt, um den Leser durch „lange Antithesenreihen und Advokatenkniffe aller Art (...) in seine turbulenten Gedankenkreis zu zwängen.“[14] Anthithesen treten vor allen Dingen in Form isokolischer Satzparallelismen mit Homoioteleuton auf. Nicht umsonst gilt er als schwieriger Autor, vielleicht sogar als „schwierigster Autor in lateinischen Sprache.“[15]

De Spectaculis 29 - Grammatik und Syntax

Im Folgenden soll es ganz konkret um einige Aspekte des Stils Tertullians in Kapitel 29 von De Spectaculis gehen. Anhand von Formenlehre, Kasuslehre und Syntax wird das Kapitel analysiert, um Rückschlüsse auf die Intention des Autors ziehen zu können.

Für den Satzbau Tertullians ist die Einschätzung Büchners charakteristisch. So werden Leser und Hörer „(i)n unzähligen kleinen und kleinsten Sätzchen und Kola (...) geradezu mit diesen christlichen Vergnügungen überschüttet und in atemloser Hast zum Schlußkapitel hingeführt.[16] Auch nach Kleins Auffassung sind Tertullians Worte wie „(e)in unheimlicher, nur mühsam verheimlichter Strom dunklen

Rachegefühls“.[17] Barnes nennt Kapitel 29 und 30 ,,A long passage of fiery eloquence (that) argues (...) renunciation now will bring far greater pleasure in the future“.[18]

Tertullians Sätze sind periodisch angeordnet[19], ergänzt durch rhetorische Frage und rhetorische Ausrufe.[20] So beginnt Kapitel 29 mit einer rhetorischen Frage, die mit einem Indefinitus (si putas) und anschliende Infinitivkonstruktion eingeleitet wird. Untergeordnet folgt eine indirekte Frage (cur...), an die sich ein Konsekutivsatz anschließt. Innerhalb des Konsekutivsatzes findet sich eine Partizipialkonstruktion (voluptates a deo contributas).

Auch der zweite Satz ist eine rhetorische Frage (Quid...venia). Auffällig ist die parallele Satzstruktur bestehend aus vier Komparativsätzen (quam), von denen drei Sätze Substantive im Genitiv oder Nominativ enthalten, im letzten Satz findet sich zusätzlich ein Adjektiv (tantorum) und ein Adverb (retro). Das Adverb verwendet Tertullian auf ungewöhnliche Weise als Attribut, stellt es aber zwischen Substantiv und Attribut, um die Erscheinung nicht allzu hart werden zu lassen.[21]

In 29,2-3 schreibt Tertullian elliptisch weiter (est fehlt an einigen Stellen). In den Komparativsätze ordnet Tertullian verstärkt Adjektive zu den Substantiven (totius, vera, integra, sufficiens, nullus), wobei er fast ganz auf substantivische Genitive (bis auf saeculi, mortis) verzichtet.

Ab 29, 3 wird die komparative Satzkonstruktion dann mit fünf quod-Sätzen bestehend aus Verb und Substantiv weitergeführt, die eine bewußte Aufzählung von Vergnügungen beinhalten und eine Parallele zu Novatian 10,3 darstellen.[22] Diese Vernügen werden im folgenden Satz von Tertullian genauer beschrieben. Auch hier arbeitet er mit parallelen Satzstukturen (Haec... haec, Trikolon aus drei ad-Sätzen) und Worstellungen. Er schreibt ebenfalls stark verkürzt (sancta perpetua gratuita stehen ohne Konjunktion, est fehlt).

Mit Blick auf die Verben fällt auf, dass sich die Personalendung verändert, heißt es zuerst noch (expellis, facis, petis, vivis) folgen dann einige Infinitive (interpretare, intuere), dann Imperative (dinumera, expecta, defende) und wieder Infinitive (suscitare, erigere, gloriare). Es scheint, als werden Schauspiele und angesprochene Person(en) von Tertullian „grammatikalisch“ getrennt.

In 29,4 stellt Tertullian heidnische Vergnügungen den christlichen Vergnügen direkt gegenüber. Eingeleitet mit einem Indefinitus (Si scaenicae doctrinae delectant), in dem er das Personalpronomen (z.B. vos, te) eventuell sogar absichtlich unterschlägt, um die grammatikalische Beziehung zwischen Heiden und Schauspielen zu vermeiden, werden fünf parallel konstruierte Gegenargumente mit satis angebracht. Darauf folgt noch ein schneller Schlagabtausch contra Schauspiele und pro Christentum, die parallel und elliptisch konstruiert sind.

In 29,5 beschreibt Tertullian ausschließlich die christlichen Schauspiele. Eingeleitet mit einer kurzen rhetorischen Frage, wobei er den Leser oder Hörer wieder direkt anspricht (vis = willst du oder besser: du willst doch), folgt eine ebenso kurze Antwort, in der er einen Litotes (non parva) nutzt, um damit noch einmal darauf hinzuweisen, dass eben die christlichen Schaupiele nicht so gering und abzuwerten sind wie die heidnischen Vergnügen. Ausgehend von der Worstellung non parva et multa zeigt der an erster Stelle im folgenden Satz stehende Imperativ (adspice) an, worauf der Christ schauen soll und worauf nicht. Zuerst und damit parallel zu non parva stehen impudienciam, perfidiam, saevitiam, petulantiam, an zweiter Stelle und damit parallel zu et multa stehen castitate, fide, misericordia, modetia. Besonders hervorzuheben ist auch die Veränderung der Personalendung der Verben. Hat Tertullian bisher in Kapitel 29. noch fast kein einziges Mal in der 1. Person Plural geschrieben[23], so tritt dieser Fall hier ein. Angekündigt durch das Personalpronomen nos steht im letzten Relativsatz an letzter Stelle coronamur. Nachdem Tertullian Schauspiel und Schauspielbesucher also erst einmal grammatikalisch voneinander getrennt hat und durch verschieden, meist hypotaktisch angeordnete, parallel aufgebaute, anaphorische, also relativ eingängige und somit leicht zu verstehende Argumente die so entstandene Lücke zwischen Katechumen und den wahren Schauspielen auffüllen konnte, zieht er den geläuterten Leser wieder auf seine Seite, indem er darauf verweist, dass „wir selbst gekrönt werden“.

[...]


[1] Koch, Hugo: Novatianus, in: Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft 33, Stuttgart 1936, Sp. 1133.

[2] Büchner, Joseph, Quint. Sept. Flor. Tertullian, Würzburg 1935, S. 13-15.

[3] Novatian, De Spectaculis, G. F. Diercks Corpus Christianorum. Series latina 4, Turnhold 1972, S. 153-179, K.IXu. X.

[4] Schöllgen, Georg: „Der Adressatenkreis der griechischen Schauspielschrift Tertullians“, in: Jahrbuch für Antike und Christentum, 25 (1982), S. 25.

[5] Schmidt, P../ Herzog, R., Handbuch der Lateinischen Literatur der Antike 4, München 1997, S.439.

[6] Büchner, 1935, S. 4.

[7] Kellner, Heinrich, Tertullians Private und Katechetische Schriften, Kempten & München 1912 (Bibliothek der Kirchenväter 1), S. 88 u. XXII.

[8] Büchner, S.5.

[9] Barth, Ferdinand, Theater, in: TRE 33, S, S. 178: „Die grundsätzlich ablehnende Haltung des Christentums zum Theater ist von zwei Faktoren bestimmt. Einerseitzs war die Erinnerung daran noch nicht erschloschen, daß das Theater mit dem „heidnischen“ Kult eng verbunden war, andererseits - und dies war entscheidender - Stellt sich das Theater als Hort unmoralischer Vergnügungen dar, die mit dem ethischen Anspruch des christlichen Glaubens nicht zu vereinbaren waren.“

[10] Büchner, S. 13. So befassen sich nach Tertullian etwa Minucius Felix, Orígenes, Clemens Alexandrinus und Lactanz mit diesem Thema, um nur einige zu nennen.

[11] Schöllgen, 1982, S. 26, führt weiter aus, dass es sich bei diesen um des Griechisch mächtige Gemeindemitglieder gehandelt habe, für die Tertullian ähnlich Apuleio eine weitere Schauspielschrift in Griechisch verfasste.

[12] Ebd.

[13] Enßlin, W.: Tertullianus, in: Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft 58, Stuttgart 1934, S. 829f; Norden, E., Die antike Kunstprosa, Bd. 2, Berlin 1899, S. 607.

[14] Norden. S, 610f.

[15] Ebd., S. 606.

[16] Büchner, S. 153.

[17] Klein, Johannes, Tertullian. Christliches Bewußtseinund sittliche Forderungen, Hildesheim 1975 (Abhandlungen aus Ethik und Moral 15), S. 230, Anm. 644.

[18] Barnes, T.D.: Tertullian, A historical and literary Study, Oxfordt, 1971, S. 96.

[19] Vgl. Beschreibung von Perioden bei Menge, Wolfenbüttel 1914 (! - der „alte“ Menge), S. 478 ff: "Besteht eine Periode bloß aus einem Nebensatz und einem Hauptsatz ist sie einfach, wenn aber die Nebensätze wieder durch andere erweitert und besonders, wenn diese neuen injene eingeflochten sind, so nennt man die Periode eine zusammengesetzte"

[20] Büchner, S. 156, zählt 9 Fragen und 6 Ausrufe.

[21] Ebd., S. 153.

[22] Weismann, Werner, Kirche und Schauspiele. Die Schauspiele im Urteil der lateinischen Kirchenväter unter besonderer Berücksichtigungvon Augustin,in: Cassiciacum27, 1972, S. 107.

[23] Ausgenommen eine Stelle in 29.4: ... satis nobis litterarum est...

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640653782
ISBN (Buch)
9783640653577
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153284
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Tertullian Tertullianus Novatian Pseudo-Cyprian De Spectaculis Schauspiele Gladiatorenspiele Collosseum Circus Maximus Kirchenväter Altes Rom textkritische Analyse

Autor

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    Marie Wolf (Autor)

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